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Full text of "Die Grenzboten 81.1922, Bd 2-4"

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Princeton University. 


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BUCHHANDLUNG 


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renzbofen 


deitfhrift für 
Dolitik, Literatur und Runſt 


: | 

Die deutjche Bodengeftaltung und ihre Beziehung zur 
deutjchen Befchichte. — U. von Hofmann. 

Die neuen Beamtentitel im Reich und in Preußen. — 
Kammergerichtsrat Dr. Sontag. 


Zitas Urgroßmutter. — Dr. Siegfried Sitte. 

Die Erlöfung der „Perle“. — Fritz Kern. 
Weltfpiegel. — Wilh. vo. Mafjow. 

Bücherfchau: Denfwürdigkeiten. — U. v. Hartmann. 








81. Jahrgang Nr. 14 # Einzelheft 2.50 Marf 
Berlin SW 48, Wilhelmitrage S—9 
14. April 1922 





Aus dem Inhalt des letten Heftes. 
u —— 





Heft 12: Das Kriegserlebnis. 


Geleitwort des Schriftleiters. 

Das Kriegserlebnis. Otto Brües. 

Erleben des Todes. Walter dem. 

Unfere Divinia Commedia. Gawan. 
Erwachen zur Politif. Heint. Landahl (Dem.). 
Die eifernen Jahre. Cethegus (Dtfch.Dolfsp.). 
Dogmenglaube und Kriegserlebnis, A. Nobel. 


Xerven. Maritimus, Kaiferl. Leutn. z. S. a. D. 

Aus dem Fragment „Der Satan“. Florian 
Geyer. 

In Stahlgemittern. 
wehr=Keutnant. 

Das Militär als Erzieher. Ignaz Wrobel. 

„Preugentum und Sozialismus.“ Aus Briefen 


Ernft Jünger, Reichs- 


Krieg und politifches Befenntnis. Dr. Dodel 
(Sentr.). \ 

Krieg und Maler. Aus $eldbriefen von | 
Franz Marc y. 

Dölfifhes Erlebnis. Hans Stelter. 

BSefenntnis zum Sozialismus. 
Joahim Seligfohn (M. 5.) 

Durch Krieg zur Sreiheit. Erich Audolf 
(K.A.P.D.). 


von Otto Braun F. 
Dom Soldaten zum Bürofraten. Don einem 
| ehemaligen Kandwehrmajor (dtfchn.). 
„Der Trommler”, £yrif aus einem Schan- 
fpiel des grofen Krieges. 
Philofophie des Krieges. 
Dr. Walter Reichardt. 
Ausklang. Dom Schriftleiter. 


Dr. jur. 


Ein Derfud,. 


15: 


Zwei bremifche Biographien. Dietr. Schäfer. 
Unfer Theater: Ein Trauerfpiel. H. Eulen- 


Stufen zur Tat. Helmut Franke. 

Am ı. April. Paul Warnde. | 

Fritz Werner. | 
| 


Die Grenzboten. berg. 
Menfh und Welt. Rudolf Eucden. |  Weltfpieael. ©. G. v. Wefendonf, 


Illuſionen über die Mafje. Sreiherr von 
Freytag. Koringhoven, Gen. d. Inf. a. D. 
Brief aus Mosfan. Fritz Schotthöfer. 


Wirtſchaftliche Umſchau. Chr. Stöhr. 
Berlmer Bühne. Artur Michel. 
Schöne fiteratur. Roland Schacht. 
















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Die Grenzboten 


Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 14. April 1922 
Nummer 14 





Die deutſche Bodengeftaltung 
und ihre Beziehung zur deutihen Geſchichte. 


Don A.von Hofmann. 


Unter der Bodengeftaltung eines Yandes verfteht man wörtlich die 
Seftaltung jeiner Oberfläche, die Differenzierung derfelben in Höhen und 
Niederungen, in Berg und Tal. Ein wichtiges Glied der Bodengejtaltung 
bilden aber auch die natürlichen Eleinen und großen Abzugsgräben des 
Waſſers; in ihnen fest fich die Auswirkung der Niveauverſchiedenheiten 
des Dberlandes fort, weit in dag Niederland hinein. In den Flußlinien 
des Niederlandes fpiegelt ſich in merkwürdigſter A das Oberland. 
Flüffe und Berge treten dazu in eigene Wechfelbeziehung. m Tiefland 
teilen die großen mafferreihen Ströme das Land in natürliche Abſchnitte 
wie die Gebirge im Oberland. Und wie der feite Boden, des Oberlandes 
die erſten jicheven Straßen gewährt, jo treten auch hier die fchiffbaren 
Flüffe des Niederlandes erfegend ein und öffnen weite Gebiete der Er- 
oberung oder der Kultur. 

In der hiſtoriſchen Struktur des deutfchen Landes haben Gebirge und 
Sul eine wichtige Rolle gefpielt. Sie bilden das wichtigste Skelett, 
welches unjere Gejchichte trägt und fie verftändlich macht. Sn ältefter Zeit 
itberiviegt Die Bedeutung der Gebirge die der Flüffe; aber das Verhältnis 
verſchiebt fich, je weiter wir herabfteigen in der Zeit, denn auf die Zeiten 
der Abfperrung folgen die Zeiten des Verkehrs. Der undurchdringliche 
Urwald der mitteldeutfchen Gebirge hat einst die Kelten por den Germanen 
geidükt, die Wefergebirge wurden die natürliche Schugburg der Iſtvaeonen 
gegen die Römer wie ſpäter der Sachfen genen die Franken. Die natürliche 
geitung Böhmen hat den Marfomannen fait 200 fahre gegen die Römer 
Sicherheit geboten. Von den Ardennen wiſſen mir, dab fie noch im 
15. Sahrhundert dem Durchmarfch von Heeren die größten Schwierigkeiten 
gemacht haben. Die Ungangbarkeit des Bergmwaldes hat noch lange der 
Befeftigungstunft die Wege gewiefen. Die ganze Grafichaft Naffau umgab 
einjt eine undurchdringliche Buchenhede, das Gebük. 

Man kann in Deutfchland zwei verichiedene Flußgebiete unterfcheiden; 
wir fehen dem großen Gebiet der mächtigen ſich in die Nord- und Oſtſee 
ergiegenden Ströme ein Heineves Entwäjjerungsgebiet gegenübertreten, 

von den Waffern durchfloffen wird, die vom Nordhang der Alpen 


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herabfommen, um dann alle aufgefangen zu werden in der großen Quer- 
rinne der Donau abwärts des Bodenjees, in der Heinen Onerrinne der 
Aare oberhalb. 

Das ganze nördliche Alpenvorland ift ein Gebiet für fich, und da es 
durch feine Nachbarfchaft mit den Römern in feiner ganzen Ausdehnung 
Be alter Kultur ift, jo beginnen wir mit ihm unfere fnapp bemeffene 
Darftellung. 

Das nördliche Alpenvorland reicht dom Genfer See im Welten bis 
zum Wiener Wald im Often. Es wird in feinem teitlichen Teil vom 

va, in jeinem öftlichen Teil von der Donau begrenzt; da wo Jura und 
Donau ſich kreuzen, ſcheiden fich beide Teile markant von einander. Sie 
haben eine mächtige Scheide zwiſchen fi, den von Bregenz bis Stein 
ungefähr 70 Kilometer langen Bodenfee. Es iſt fein Zufall, daß mir an 
der Stelle, wo diefe Scheide zu umgehen ijt, eine der älteſten ſchwäbiſchen 
Herzogsburgen finden, den Hohentwiel; daß aber in diefer Linie felbit div 
alte ſchwäbiſche Bifchofskirche, der Konftanzer Dom, liegt. Solange auf 
beiden Seiten Mlemannien war, wurde die Linie des Bodenfees zum 
Rückgrat einer eigenen alten alemannifchen Kultur. Später als die Eid- 
genoffenfchaft den oberen Teil, das Land zivifchen Genfer und Bodenſee, 
das Land innerhalb der Juragrenze, einigte, da mußte der Bodenfee die 
Grenze diejes neuen Staatswejens werden. Die Einigung gejchah duch 
das zentral in diefem Gebiet gelegene Bern, welches beherrichend gegen 
den Jura jieht. 

Neben die Biſchofſtadt Conſtanz trat in älterer Zeit die alemannifche 
Herzogftadt Züri. Unter dem Gegenſatz von Zähringern und Hohen- 
ftaufen begannen ſich aber die Gebiete vechts und links des Sees fchon 
früh auseinanderzuleben. Neben das alte alemannifche Zürich tritt feit 
dem 11. Jahrhundert das neue ſchwäbiſche Ulm als Seil -zwifchen die 
zähringifcyen und bayerifchen Gegner Heinrichs IV. - 

Deftlih von den Schwaben jiten in dem jchönen Voralpenland die 
Bayern, Die Grenze zwifchen Bayern und Schwaben wurde der Tech; im 
Oſten ift die natürliche Grenze diefes Stammes der Wiener Wald. Durch 
die bequemen Tiroler Päſſe war Bayern zuerjt vornehmlich auf die Ver— 
bindung mit Stalien geftellt. Dadurch daß die jpäter vom Herzogtum 
Bayern abgetrennte Oſtmark (Dejterreich) zuerft Kärnten und Steiermark, 
ſpäter aber auch Tirol erwarb, wurde Bayern von Tirol abgejchnitten, die 
Oſtmark aber dorthin abgelentt. So hat die Oſtmark Bayern politisch 
abgelöft, Italien iſt der Oſtmark nicht zum Segen ausgefchlagen. Syn 
Bayern dagegen hat die Abgejchloffenheit des Landes nicht wenig zur Kon— 
fervierung eines einzigartigen urkräftigen deutſchen Volksſtammes bei- 


getragen. 

as ganze eben ſtizzierte Alpenvorland hat nur wenige in die Augen 
fallende Verbindungen mit den großen niedewdeutfchen Flußgebieten. Im 
Weiten ER das natürliche große Tor die Stelle, wo die Mare den Jura 
durchbricht. Die Stadt an diefen Tore tft das alte Züri. Im unteren 
Gebiet finden mir befonders drei Uebergänge nach Norden. Die Brüde 
nach dem oberen Nedargebiet ijt Donauwörth; die Brüde nah dem Ober- 
main ift Regensburg; gegemiber einem wichtigen Uebergang in das Gebiet 
der oberen Elbe Tiegt Linz, Die Gvenzpuntte des Voralpenlandes jind 
Genf und Wien. Die widtigite Stadt für die ältere deutſche Geſchichte if 


— — 


Regensburg geworden. Hier kommt man von Nordweſten wie von Süd— 
oſten her zuerſt an die große ſchiffbare Flußſtraße, die nach Oſten führt. 
Der Verſuch Karls des Großen, Frankfurt a. M. mit Regensburg du 
einen Kanal zu verbinden, jene fossa Carolina zwifchen Altmühl und 
Rezar, ſteht am Beginn der großen frühmittelalterlichen Konjunktur der 
Stadt Regensburg. 

Iſt das Bild hier ſehr einfach und man kann Ber auch Stabil, jo 
wird dasjelbe komplizierter, fobald wir in das große Niederland hinab- 
fteigen. Die großen Flüffe, melche in die deutichen Meere münden, find 
nicht nur einzeln, fondern auch in Gruppen in der Gefchichte unferes 
Landes wirkſam geworden und wahrend diefe Gefchichte im Oberland in 
unverrüdbare Grenzen gebannt erfcheint, zeigt fie fich im Niederlmd von 
einer feltfamen jtetigen Bewegung erfaßt. Sie wird von Weiten nad) 
DOften getragen, von Strom zu Strom, von der Maas bis zur Weichfel 
und Dtomel. 

Es fünnte auf den erſten Blick fcheinen, ala ob wir ein Zeitalter des 
Rheins, ein Zeitalter der Weſer, eing der Elbe, eins der Oder gehabt 
hätten, daß ein en der Weichfel vielleicht vor der Tür ftand. Tat- 
fächlich treten dieje Flüffe aber mehr in Gruppen zu biftorifcher Bedeutung 
zufammen; Maas und Nhein, Rhein und Wefer, Wefer und Elbe, Elbe 
und Oder, Oder und MWeichjel lauten die Kombinationen, die ſich in unferer 
Geſchichte von Weiten nach Oſten geſchoben haben. 

Bon allen diefen Flüffen ift der Rhein der einzige, welcher bis zur 
Waſſerſcheide der Alpen heraufreicht, mit feinen Quellflüffen VBorderrhein 
und Aare umfaßt er jogar das ganze zentrale növdliche Alpenland. Dem 
Rhein ähnelt die Maas, welche das Yand bis zum Plateau von Langres 
hinauf beherrfht, auch der Wafferfcheide zwiſchen Novden und mittel- 
ländifchem Meer. Beide Flußgebiete verknüpfen fi in eigentümiicher 
Weiſe unterhalb in Nymmvegen, oberhalb bei Toul. Beide Orte find ſchon 
Römerſtädte und gehören auch zu den älteften germanifchen Städten: 

gel hen Maas und Rhein fehen wir die Pipiniden emportommen, 
da3 Geſchlecht, welches die größte Herrfchaft zu beiden Seiten von Rhein 
und Maas aufgerichtet hat. Unter ihm wird die auftralifche Reſidenz 
verlegt von Meg nach Köln. In diefem Gebiet entjteht das Kernland des 
farolingijcyen Reiches, Das Land zwifchen Maas und Rhein fieht aber 
nach beiden Seiten und daher iſt auch das große Problem des Rhein- und 
Maaslandes nur einmal wirklich gelöft worden. Zur Zeit des faro- 
Iingifchen Reiches. Die großen Flüffe, die noch vorhandenen Römerftraßen 
machten aus diefent Lande außerdem gerade in der Frühzeit ein befondeves 
in ſich abgejchloffenes Verkehrsgebiet. Mit demfelben hat der Kaiſer 
Lothar einſt den beften Teil der farolingifchen Erbichaft erhalten. 

Am Rhein finden wir eine wichtiae Gruppe farolingifcher Pfalzen in 
Worns, Ingelheim, Frankfurt und Koblenz, an der Maas in Majtricht, 
Merfen und Heristal. Die eigentliche ag aber wurde unter Karl 
dem Großen dag dicht ber Majftricht gelegene Nahen. Nymwegen war der 
Uebergangspunkt nad) dem Rhein. 

Zwiſchen beiden Flüſſen öffnet, die obere Mofel einen befonders 
bequenten Zugang nach Frankreich; wir finden daher wichtige Farolingifche 
Pfalzen an der oberen Mofel: Met, Diedenhofen und Trier. Den Kopf 
wichtiger Straßen von. Trier und von Aachen nach Oſten bildet Köln; den 


— 4 — 


Kopf ſehr wichtiger Straßen von Dei weſtwärts bilden et, 

Speyer und Mainz. Nach dem Sturz Taſſilos von Bayern fommt Frant- 

pe auf; von hier geht der natürliche Weg vom Mittelrhein nach Regens- 
r 


urg. 
"pie den Karolingifchen Teilungen ift dann die große Zeit von Maas 
und Rhein vorüber geweſen. + i . 
Da fich der Durchmeſſer Europas nach Weiten verjüngt, jo iſt e3 fein 
Zufall, daß es gevade die weitlichen Flüſſe ſind, welche das ganze Land 
öffnen. Je weiter wir nad Oſten fommen, deſto ſchwieriger werden Die 
hiltoriichen Probleme. Während der Rhein noch ein Stvom des politifchen 
Einheitsgedantens ift, wurde die Weſer ſchon em Strom des Dualismus. 
Das Wejergebiet wird durch den Main vollftändig von Oberdeutichland 
abgeſchnitten. Trotzdem iſt das Wefergebiet für umfere Gefchichte von 
hter Bedeutung geweſen. Denn während der Rhein nad ziwei Seiten 
ieht, iſt die Weſer eine Flußlinie, die jich ganz eigentümlich zum zäheſten 
ejthalten eignet. Im Niederland durchfloß der ß einft fait unzuläng- 
tche Sumpfgebiete; in feinem Mittellauf durchfließt er die natürliche Berg- 
feſtung der siergebirge, die jich zu beiden Seiten der Wejer vorlegen 
erade da, wo Lippe und Ruhe vom Rhein her wichtige Strafen an diefelbe 
eranführen. Das Wejergebiet iſt daher eins der, deutjcheiten Lande 
eivorden und geblieben; die großen nationalen Verteidigungen gegen die 
Römer und gegen die Franken liegen hier. Karl der Große hatte die Wejer- 
(eitıng enttvaffnet und an ihren Pforten drei fränkische Bistümer angelegt, 
imden, Osnabrüd, und vor allem VBaderborn. r 
ALS die Sachſen wieder erjtartten, haben fie ſich offenſiv oftwärts gegen 
die Slawen an der Elbe und Saale gewandt. Der Nüdhalt dieſer Bewegung 
wurde im Norden der fumpffreie Djtvand der Lüneburger Heide, weiter 
oberhalb gegen die Saale der Harz. So gelangten fie von Lüneburg und 
Salzw nach Lübeck und Havelberg; von — und Ballenſtedt 
nad) Brandenburg und Wittenberg. 
Die Elbe, die fich öftlich der Wejer in die Novdfee ergiekt, tritt in eigen- 
tümliche Doppelbeziehung zu ihren beiden Nachbarſtrömen Weſer und Oder. 
In bezug er; die Wefer iſt es die Befonderheit der Elbe, daß fie den 
gs n Bergzug, der die MWejerlinie aufwärts im Thüringer und im 
öhmerwald bis an die Donau verlängert, im Dften gewifjermaßen ganz 
begleitet; wir jahen ſchon, daß von Donauabfturz des Böhmerwaldes das 
Waſſer der Elbe zufließt. Die Elbe führt aljo unmittelbar bi8 an die 
Donau heran, und hiermit erhält fie eine Funktion, welche die Weſer nicht 
erfüllen kann, nämlich Ober» und Niederdeutfchland organisch miteinander 
verfnüpfen zu können. Das haben die Römer gleich erfannt, als fie ihre 
Grenze vom Rhein nad) Oſten verjchieben wollten. Sie haben eine Elb— 
ur eritrebt, aber feine Wejergrenze. In der genannten Funktion der 
Ibe ift e3 von Bedeutung, daß das obere iet dieſes Fluſſes ähnlich der 
Weſer eine eigene natürliche Feftung befigt. Die ift es auch geweſen, welche 
den Römern die Elbgvenze —— verleidet hat. Das von Bergen rings 
umgebene Böhmen kommt zu einer eigenen Stellung, wenn man na 
einem Pla fragt, von dem fich Ober» oder Ntiederdeutfchland zuglei 
beherrſchen laſſen. Mit erg Bafis an der Donau, mit feinen Glacis- 
ländern, der Oberpflalz, dem Bogtland, der Markgrafihaft Meißen, den 
Laufisen und Schleſien und Mähren überragt Böhmen an hiſtoriſchem 


— 5 — 


Aktionsradius alle anderen mitteleuropäiſchen Länder. Böhmen hat denn 
auch von dem Zufammenbruch der deutſchen Katjerpolitit von Italien an 
bis zu dieſem Augenblid eins der wichtigiten Probleme — Geſchichte 
gebildet. Ein Georg Podiebrad wäre wahrſcheinlich ein ſehr intereſſanter 
deutſcher König geworden. 

Es war vielleicht der wichtigſte Erwerb, den die Habsburger machen 
konnten, als ſie im 16. Jahrhundert das Königveich Böhmen erbten. In 
dieſem Augenblick erhölt Oeſterreich erſt die Möglichkeit intenſiver Ein— 
wirkung auf den deutſchen Norden. Durch den Druck auf Kurſachſen konnten 
die Habsburger ſo einen Keil in die deutſche Reformation treiben. 

Und doch ſollte gerade Böhmen auch das Verhängnis der Habsburger 
im Deutfchland werden. Das große Land Schlefien iſt nämlich nicht nur 
ein Glacisland Böhmens, — zugleich auch das wirtſchaftlich wichtige 
Oberland eines niederdeutſchen Stromes, der Oder. Wie Schleſien als 
böhmiſches Glacisland in der durch Böhmen beſtimmten Machtſphäre 
Oeſterreichs lag, ſo gehörte es wirtſchaftlich ſeit dem 17. Jahrhundert in 
die Sphäre des werdenden Oderſtaates Preußen. 

Da kommen wir nun auf die zweite Eigentümlichkeit der Elbe, daß 
nämlich eine ganze Reihe von Urſtromtälern die obere Oder und die niedere 
Elbe miteinander verbinden. Bon diejen Urftromtälern iſt vielleiht das 
wichtigite das, welches an der Neifemündung, two die Oder ein Knie nad) 
Norden macht, den alten nordweitlich gerichteten Lauf des Flufjes. fortſetzt, 
um dann bei auf die Elbe zu treffen und von hier ab auch der 
Niederelbe die gleiche Richtung bis zu ihrer Mündung in das Meer zu 
bejtimmen. In der Mitte eben diejes Urjtromtales liegt jet Berlin. Es 
mußte von größter Bedeutung werden, al3 der Große — durch einen 
Kanalbau die alte Verbindung zwiſchen Oder und Elbe für die Schiffahrt 
wiederherftellte und damit Schleſien auf einmal wirtſchaftlich in Verbindung 

— „mit der Elbe byachte. —* wirkten auf einmal zwei Hebel Schleſien aus 
der Verbindung mit Böhmen heraus-, in die Verbindung mit Brandenburg 
hereinzuheben. So wurde Schleſien in das brandenburgiſch-preußiſche 
Syſtem eingefügt. Zwiſchen Elbe und Oder aber erwuchs ſofort die erſte 
deutſche Großſtadt, Berlin. 

Nur ein kleines Stück Sälefen fieht wicht oderabwärts und iſt der 
babsburgischen Dymaftie im 18. Jahrhundert erhalten geblieben. Dies Hk 
das Duellgebiet der Oder, welches im Oſten unmittelbar an das Duell- 
gebiet der Weichiel ftößt, während im Meften das Flußgebiet der March 
von dort einen direften Weg nach Wien öffnet. Südlich. Tefchen führt der 
Jablunkapaß außerden noch nach Oberungarn hinüber. Hier ift alfo eine 
der wichtigiten Pforten in das Donauland zu hüten, deren Oftviegel, Krakau, 
an der oberen Weichjel Liegt. Nicht umſonſt haben die Przemyſliden, als fie 
ihre Blide nach Polen vichteten, fich zuerſt Tejchens verjichert; Wenzel II. 
hat die Herzöge von Oppeln und Teſchen auf feine Seite gebracht; 
Wenzel IH. hat dann jogar die Tochter des Herzogs bon Tefchen heimgeführt. 
Krafau auf der einen Seite dieſes Pafjes, Olmütz auf der anderen Seite 
find ſpäter hervorragend wichtige öfterreichiiche Feitungen geworden. 

Das Land jenfeit3 der Oder kam erft dadurch in deutfche Sphäre, daß 
der deutfche Ritterorden im 13. Jahrhundert Preußen eroberte und folo- 
nijierte. Das Gebiet des deutfchen Ordens erjtredte ſich einſt von Pome— 
zellen weitlich der Weichſel bis an den Memelfluß. Als Hauptbafis für die 


Sn 


Eroberung des Landes hat der Orden fehr bald die fichere und leichte 
Seeverbindung über die beiden großen Haffe erfannt gehabt. Braunsberg, 
die Memelburg, zulett ——— erſt Königsberg, werden daher 
die Ausgangspunkte für die Eroberung der Flußgebiete der Paſſarge, der 
Memel und des Pregel. Ein Kanal zwifchen den beiden Haffen iſt von 
Anfang an ein Poſtulat diefer Ordensherrſchaft geweſen. Königsberg wird 
die Hauptitadt, weil es zwijchen den Haffen liegt; die Marienburg ift Die 
alte Hochmeifterburg, weil fie am Kopf diefer Seeverbindungen und zugleich 
an der Weichiel liegt. Denn der ae Anfap zur Eroberung des Ordens⸗ 
landes ijt von der Weichfel her gemacht worden. Die erjte Eroberung hat 
ihren Ausgang im Stulmerland. 

Durch das Weichfelfnie bei Fordon entjteht von Oſten her ein fcharf 
einjpringender Flußwinkel, an deffen Fußpunlten wir Kulm und Thorn 
finden. Da von beiden Punkten fofort ein beträchtliches Stüd Dftweichfel- 
landes in die Zange genommen var, fo war hier der natürliche Ausgang 
von Eroberungen im Gebiete jenfeit3 des Fluſſes. Nicht weniger inter- 
— aber iſt der Scheitel des Weichſelwinkels, denn an der hier mündenden 

rahe etwa oberhalb der Mündung legte der deutſche Orden im Jahre 1329 
Bromberg an. Von Bromberg in das Flußgebiet der Oder hinüber iſt nur 
eine kleine Waſſerſcheide zu überwinden, über welche heute ein Kanal nach 
der Netze hinüberführt. Die Netze fließt in die Warthe, die Warthe mündet 
bei Küſtrin in die Oder. Die ganze Strecke der Netze und des unteren 
Warthelaufs war früher verſumpft und nur an einigen Stellen 
überſchreitbar; Küſtrin an der Oder wurde daher zum natürlichen 
Trennungspunkt für die Wege in die Lande nördlich und jüdlich des großen 
MWarthe- und Netzebruchs. Die Straßengabel bier zu fein iſt die ältejte 
Bedeutung von Berlin gemejen. 

Südlich der großen alten Sumpffperre, die von Küſtrin bis faſt an 
die Weichfel verläuft, finden wir eine zweite, die fajt parallel laufend bei 
Kroſſen an der Oder beginnt und ihr Ende bei Warſchau an der Weichjel 
findet. Auf diefer Stvede ift faum eine Wafferfcheide nach der Weichjel 
hinüber vorhanden. Eine wichtige Strede auch diefes Bruchs bildet die 
Warthe. Wo die Warthe den füdlichen Bruch verläßt und wo fie in den 
nördlichen eintritt, liegen zwei wichtige alte Uebergänge über diefe Linien, 
Landsberg im Norden, Schrimm im Süden. Zwiſchen diefen beiden Ueber— 
gängen an der Warthe liegt die natürliche Hauptftadt des Landes innerhalb 
der Brüche, Pofen. Von der Oder ber gefehen war hier der gegebene Platz 
einer Feitung gegen Diten. — Wir waren nur in der Lage, hier eine furze 
Skizze zu geben. Aber fie genügt fchon, um zu zeigen, wie innig auch in 
Deutjchland die Beziehungen von Bodengeftaltung und Gejchichte find. 


ei 


Die neuen Beamtentitel im Reich 
und in Preußen. 
Bom Kammergerihtsrat Dr. Sontag, Berlin. 


1 


Art. 109 Abſ. 4 und 5 der neuen Neichsverfaffung beftimmen: „Titel 
dürfen nur verliehen werden, wenn fie einen Beruf oder ein Amt be- 
zeichnen . . ., Orden und Ehrenzeichen dürfen vom Staat nicht verliehen 
werden.“ Diefe Bejtimmungen jollen der Bekämpfung der Eitelkeit und 
des Strebertums dienen. Aber iſt nicht auch oft Tüchtigfeit und Bravheit 
mit Titeln und Orden belohnt worden? Kann gerade ein jo demoralifierter 
Staat wie Deutfchland auf den Anreiz verzichten, der in ſolchen Belohnun— 
gen zu pflichttreuer amtlicher und zu aller ehrenamtlichen Betätigung liegt? 
Glaubt die Reichsverfaffung Eitelfeit und Eigennug abzufchaffen, weil fie 
eine Quelle ihrer Befriedigung verjtopfte? Sie wird dieſe menjchlichen 
Schwächen nie bejeitigen. Aber wenn der Staat feine Beamten nicht mehr 
mit Orden und Ehrentiteln belohnen will, jo weift ex fie geradezu auf die 
allein verbleibende pefuniäre Belohnung hin und zieht in ihnen damit einen 
Materialismus groß, von dem fich unfere Beamtenjchaft bisher fern- 
gehalten hat. 

Was aber das bedauerlichite ift, die von der Verfaſſung befämpfte 
Titelfucht ijt im Verwaltungswege durch Schaffung einer Menge neuer 
Titel wieder gefördert worden. Welche Fehler und Ungefchidlichkeiten dabei 
gemacht worden find, fol im folgenden an einer Reihe von Beifpielen ge- 
zeigt werden. s 


Um mit den Unterbeamten zu beginnen, jo fand man plößiich, daß der 
Titel „Diener“ nicht mehr erträglich jei. Es verſchwanden aljo der „Ge- 
riehtsdiener”, der „Schlofdiener”, der „Afademiediener“, der „Domänen- 
rentamtsdiener”, der „Schuldiener” u. a. m. 


Der Gerichtsdiener wurde ein „Juſtizwachtmeiſter“, welcher Titel 
einen vollkommenen Mißgriff bedeutet. Der Titel ift von der Stavallerie 
genonmen und kommt dort den ältejten, einflußreichiten Unteroffizieren zu. 
Unter einem „Wachtmeifter” ftellt man fich eine ſtramme, jporentlingende, 
fäbelichleppende Neiterfigur vor, und damit vergleiche man das Aeußere 
unferer meijten Gerichtsdiener. Den Militarismus hat man abgejchafit, 
und die in einem bürgerlichen Berufe tätigen Diener macht man zu Wacht- 
meiltern! Aber auch fprachlich ift diefer Titel ein Mißgriff, denn jedes 
Wort, in welchem die alte Verbindung „Meifter“ vortommt, bedeutet eine 
Perjönlichkeit, die andere meiftert, aljo über andere geſetzt iſt. Der Ka— 
valleriewachtmeifter hat auch Untergebene, aber der Gerichtsdiener meiftert 
höchſtens Atten und nicht Menfchen. Deshalb Heißt auch mit Recht der 
oberjte Gerichtsdiener „Botenmeijter”, weil er die anderen Boten beherrcht, 
und diefer Titel ift bezeichnenderweife beibehalten worden, obwohl 
e3 feine „Boten“ mehr gibt. Der Gipfel auf diefent Gebiet ift die „Straf- 
anftaltsmachtmeifterin”, die nicht etiva die Ehefrau eines Wachtmeifters, 
ſondern die bisherige befcheidene „Gefangenaufſeherin“ ift. 


. 


— 


Der „Geheime Kanzleidiener“ in den Miniſterien war ein Beamter, 
deſſen Verrichtungen man nach ſeinem Titel — erkennen konnte, jetzt 
heißt er —— wobei kein Menſch dem Titel anſehen 
kann, worin dieſe Gehilfenkätigkeit beſteht. Der Geheime Kanzleidiener im 
Finanzminiſterium heißt ſogar „Oberzähler“, wobei mir allerdings nicht 
klar it, was er außer ſeinem Gehalt zu zählen hat. Der „Domänen- 
ventamtsdiener“ heißt jekt „Domänenrentiwart“, welche Bezeichnung 
hoffentlich niemanden zu dem Irrtum verleitet, daß das ein Mann wäre, 
der auf feine Rente wartet. Analog heißen die Diener bei den Eichbehörden 
„Eichwarte“, die Schuldiener „Schulwarte”. (Nur die Aftronomiediener 
bat man leider noch nicht zu Sternwarten ernannt.) Der „Afademie- 
diener“ heißt „Alademiegehilfe“, der Laboratoriumsdiener „Laboratoriums— 
gehilfe“, eine beſonders irreführende Bezeichnung, denn Gehilfe im Lobora— 
torium iſt nach deutſchem Sprachgebrauch nur derjenige, der dem 
BE REDEN Profeſſor an die Hand geht, d. h. der Aſſiſtent oder 
allenfalls der Student. Dor Diener ift bei feiner der genannten Behörden 
Gehilfe, denn er leiftet rein mechanifche äußere Dientte und hat mit der 
Materie, die in einer Behörde bearbeitet wird, nichts zu tun. Bei den 
techniſchen Hochſchulen unterjchied man bisher „Glasbläſer“, „Modell— 
tiſchler“, „Schloſſer“, „Gärtner“, „Oberheizer“ und „ſtaatliche Techniker“, 
dieſe charakteriſtiſchen Bezeichnungen, bei denen man ſofort wußte, welche 
Art Handwerker man vor ſich habe, ſind jetzt durch die gemeinſchaftliche ver— 
waſchene Bezeichnung „Techniſche Amisgehilfen“ erſetzt. leicherweiſe 
heißen die bisherigen „Boten“ bei der Forſtverwaltung, die „Stanzlei- und 
Kaſſendiener“ bei der Lotterieverwaltung, die „Pförtner“ bei der Münz— 
verivaltung, die „Diener“ und „Boten“ bei der verivaltung und bei 
den Staatsarchiven fortan „Amtsgehilfen“, nur die "Raffendiener bei der 
Münzverwaltung machen eine Ausnahme und heiken jett „Zähler”. Man 
fommt in die Verfuchung, zu fragen, wo der dazugehörige „Nenner“ jei. 
Sind die neuen Titel der Diener irreführende Bezeichnungen, jo find folgende 
Titel bedeutungslofe Steigerungen: Die „Rebgärtner” find zu „Rebober— 
gärtnern“, die „Obergärtner” zu „Sartenmeiftern”, die „Maſchiniſten“ und 
die „Wagenführer” zu „Mafchinenmeiftern”, die „Präparatoren” zu „Ober- 
präparatoren” befördert worden. Der „Moorverwalter” heißt jetzt „Moor- 
vogt“ und der „Atademifche Gärtner“ „Akademiſcher Gartenverwalter” (zu 
verwalten wird er wohl nicht viel haben). Der „Weichenfteller“ I. Klaſſe 
it zum „Stellwerfsmeifter”, der „Lolomotivheizer” zum „Refervelofomotiv- 
führer“ befördert worden (aber feine Hauptbeſchäftigung bleibt doc, die 
Lokomotive zu heizen). Der „Rottenführer” beit jet „Rottenmeijter”. 
Die „Schleujenverwalter“ find zu „Schleufenafjistenten“ und die „Aquarien- 
mwärter” zu „Aquarienverwaltern” befördert worden. Jener Titel bringt 
nur ein —— Fremdwort und dieſer Titel iſt zu hoch, denn zu einer 
verwaltenden Tätigkeit gehört doch mehr, als den Fröſchen und Schlangen 
Waſſer und Futter zu geben. 

Was den Dienern recht ift, iſt den „Kanzliſten“ billig, fie merden 
bei einigen Behörden zu „Stanzleijefretären“, bei anderen zu „Kanzlei— 
aſſiſtenten“ befördert, aber fie find nicht Sefretäre in irgend einer Stanzlei, 
ſondern fie find weiter Beamte, welche dort nur Schreibarbeit verrichten. 

Man ſteht vor der Frage, melden Sinn Haben diefe Titel- 
veränderungen? Einmal iollte wohl mit der Verleihung bisher höherer, 


— — 


vollklingenderer Titel der Eitelkeit der Unterbeamten geſchmeichelt werden. 
Aber dies iſt ganz undemokratiſch. Worüber wir uns in Oeſterreich immer 
luſtig gemacht haben, daß der Bürgerliche „Herr von“, der Adlige „Herr 
Baron“, der Baron „Herr Graf” angevedet wurde, das machen wir jetzt 
mit unferen neuen Titulaturen nah. Weiter ijt ein Beiweggrund wohl 
in dem auch ſonſt zutage tretenden Beſtreben zu erbliden, die Unterjchiede 
der Stände möglichit zu bejeitigen. Wie man eine Annäherung innerhalb 
der Beamtenfchaft in Anfehung der Gehälter dergeftalt herbeigeführt hat, 
daß fich heute das Gehalt des Unterbeamten von dem des mittleren und 
oberen Beamten nicht mehr in dem Maße wie früher unterjcheidet, fo hat 
man wohl auch eine Annäherung der Titulaturen herbeifiihren wollen. 
Aber Dann hätte man nicht auch die mittleren Beantten in ihren Titula- 
turen erhöhen dürfen; denn damit ift der Abjtand natürlich genau derjelbe 
geblieben, und die Freude über die vollklingenden neuen Titel hat höchſtens 
die Beamtengeneration, welche mit den Titeln noch die alte Bedeutung 
verbindet, eine neue Generation wächſt in fie wie in etwas jelbitverjtänd- 
liches hinein. 
3 


Bei der mittleren Beamtenfchaft unterfchied man bei zahlreichen 
Behörden zwiſchen Ajfiftenten und Sefretären in der Weife, dab die aus 
den Militaranmwärtern bhervargegangenen Beamten Affistenten wurden, 
allerdings mit der Möglichkeit des Aufſtiegs zum Sekretär durch ein 
weiteres Examen, während die aus den Zivilanmwärtern hervorgegangenen 
Beamten ſämtlich Sekretäre wurden. Nunmehr find die „Oerichts- 
aſſiſtenten“ zu „Juſtizſekretären“, die Eijenbahnaffiitenten zu Eijenbahn- 
fefretären, die „Inſpektionsaſſiſtenten“ zu „Strafanftaltsjefretären“ uff. 
ernannt worden. Das wäre ficher eine große Befriedigung für Die 
— geweſen, wenn ſie damit den Sekretären im Titel gleichgeſtellt 
worden wären, aber ſämtliche „Sekretäre“ wurden nunmehr zu „Ober- 
jefretäven“ befördert, womit aljo wiederum der Abjtand gewahrt war, jo 
daß man fich ganz vergeblich nach dem Zweck diefer Neuerung fragt. Die 
bisherigen „Oberjefretave” mußten nun auch einen neuen Titel befommen, 
und jo find fie zu „Suftizinfpeftoren“ und „Suftizoberinfpeftoren” ernannt 
worden; die „Rechnungsräte“ in den Minifterien jogar zu „Amtmännern“, 
Die legten beiden Titel find wieder wenig glüdlich gewählt, weil wir — 
mwenigjtens in Preußen — mit einem Inſpektor und einem Amtmann 
ganz andere PVorftellungen verbinden. Was fol dieje Verwirrung der 
Begriffe? Hatte man nicht Geift genug, ein paar neue Titel zu erfinden, 
wenn man ſchon reformieren wollte? 

Der Turnlehrer heit jest „Zurnrat“, der Oberturnlehrer „Ober- 
turnrat“! Nie ift das Wort „Rat“ finnlofer gebraucht worden. Es ftehen 
doch nicht drei Turnlehrer zufammen und beraten, wie fie einen Jungen 
auf das Red heraufbringen, ſondern der einzelne QTurnlehrer zeigt ihm 
die Griffe des Turnens. Der Titel Rat ift der Sphäre der eöheren 

eiftigen Arbeit entnommen, dem Turnlehrer aber liegt im wejentlichen 
Sie forperliche Ausbildung der Jugend ob. 

Die Hauptlaffenrendanten heißen jetzt „Oberrentmeijter”, die Dol- 
metjcherjuftizjefvetäare „Dolmetjcheroberinfpeftoren”, eine ganz; verfehlte 
Bezeihnung, da ein Dolmetjcher nur aus einer fremden Sprache zu über— 
tragen, nichts aber zu injpizieren hat. Die Vorfteher der Einzichungs- 


— 0 


- ämter heißen „Kaſſeninſpektoren“, die Rechnungsreviſoren „Bezirks— 
reviforen”, die Strafanitaltsinfpeftoren „Strafanftaltsvorfteher”, die 
Bureauvorfteher bei den Staatstheatern „Verwaltungsdirektoren“. (Der 
Titel Berwaltungsdireftor ift bei der Negierung längjt für eine ganz 
andere und höhere Tätigkeit vortveggenommen.) 

Der Kataſterinſpektor Heißt jegt „Regierungs- und Steuerrat”. Dan 
wird an den re Friedrichs des Großen erinnert, der einem eitlen 
Wagenbauer auf jeine mehrfachen Eingaben, ihm doch einen Titel zu 
vexleihen, zum „Wagenrat“ (nicht Wagenrad) ernannte. Die Mitglieder 
des Statiftijchen Landesamts heißen jest „Negieru und Volkswirt⸗ 
ihaftsräte” — das letztere Wort iſt befonders hübſchl Die Negierungs- 
landmeffer heißen „Regierungs- und Landmefjungsräte”, die Gewerbe— 
infpeltoren „Oewerberäte”. rade fie haben eine injpizierende Tätig. 
; Feit, indem I die einzelnen Fabriken Zontrollieren, der alte Titel war 

ae viel tre fender. Die Schiffskapitäne bei der Bauverwaltung heißen 
„Seekapitäne“ (auch wenn fie ſich mit ihren Schiffen nie auf die hohe 
See wagen können). Die Oberlehrer bei den Baugewerffhulen und die 
tiffenichaftlichen Lehrer bei den landwirtſchaftlichen Lehranftalten heißen 
„Studienräte”. Den Vogel aber ſchießen die Titulaturen der Diftrikts- 
Dffiziere und Adjutanten bei der Landgendarmerie ab, fie heißen nämlich 
„Landjägerräte”. Man ftelle jich einen Leutnant mit Säbel und Sporen, 
hoc) zu Roß, mit dem Titel eines „Rates“ vor, noch dazu eines „Jäger- 
rates”. Die Jägerei hat mit Räten ebenfoviel zu tun, wie die Turnerei. 
Er RNEDRENERNE der Landjägerfchulen heißen jet „Leiter“ dieſer 

en. 


4. 

Bei der höheren Beamtenfhaft ift mwenigitens fein folches „Ver— 
taufchet, vertaufchet das Bäumen” in Anfehung der Titulaturen 
borgenommen worden, wie bei den unteren und mittleren Beamten. Aber 
ganz ungejchädigt find auch fie aus dem neuen Titeljegen nicht hervor- 
geaanasn. Der Juſtiz find die ſprachlich wie begrifflich fchönen und vollen 

ttel „Amtsrichter”, „Landrichter” und „Staatsanwalt“ als Titel für eine 
Lebensſtellung weggenommen worden, der Aſſeſſor wind bei feiner An— 
ftellung fofort zum „Amtsgerichtsrat” oder „Landgerichtsrat” oder „Staats- 
anmwaltihaftsrat” (Ichauerliches Wort) ernannt. Glaubte man fchon mit 
Rückſicht auf die Verfaffung die befcheidene Titelverleihung jtreichen zu 
müffen, die darin lag, daß der eine längere Reihe von Jahren dem Staate 
dienende Richter zum Rat ernannt wurde, fo hätte man doch lieber die 
vollen und charakteriftifchen Worte „Amtsrichter” und „Landrichter“ ſtatt 
des „Amts- und Landgerichtsrates” beibehalten follen. Aber es ift über- 
haupt bedauerlich, daß dieſe re gefallen if. Der Ratstitel als 
Alterstitel war eingebürgert. Syedermann mußte, daß er es bei dem 
Gerichtsrat mit einem älteren Mann zu tun hatte, es lag ein für das 
Refpektsverhältnis (auch innerhalb der Kollegenſchaft) wertvolles Sympon- 
Sn in dem alten Ratstitel, genau wie bei dem Sanitätsrat und 

uſtizrat. 

Eine Ueberſteigung der Titel finden wir bei der Staatsanwaltſchaft: 
Die Erſten Staatsanwälte heißen jetzt „Oberſtaatsanwälte“, die Ober— 
ſtaatsanwälte „Generalſtaatsanwälte“. Wieviel nachahmenswerter wäre 
hier das öſterreichiſche Vorbild geweſen. Dort gab es bei jeder Behörde 


— — 


nur einen Staatsanwalt, der unſerem J. Staatsanwalt entſprach. Alle 
anderen hießen Staatsanwaltsfubftituten. Der Strafanftaltsdiveftor ift 
zum Oberftrafanftaltsdiveftor, der Handelsrichter zum „Handelsgerichts- 
vat“ ernannt worden. Wie mir verjchiedene Handelsrichter ent een 
empfinden fie diefe vermeintliche Auszeichnung als eine nl madlojigfeit, 
und der eine fügte witzig hinzu, es f — nur noch, daß der Scharfrichter 

zum „Scharfgerichtsvat” ernannt wü 

Den Anwälten wird befanntlich nicht mehr der jchöne Titel „Yuitiz- 

vat“ verliehen, dafür befommen gewiſſe mittlere und obeve Beamte in den 
Serien diefen Titel. Auch dies ift in Anfehung der Erjteren 
ein Mikgriff, denn bei aller Anerkennung für die Tätigkeit Biefer Beamten 
haben fie doch nun einmal nicht Jus ftudiert und würden deshalb wohl 
manchen anderen Titel mit mehr Recht führen als den eines Juſtizrates. 

Der Titel der Borfragenden Räte in den Minijterien tft in, — 
räte” geändert worden. Auch dies iſt zu bedauern, denn gabe jener Titel 
war durchaus zutreffend, es find eben Räte, die ihrem Miniſter Vortrag 
gr halten haben und deren Tätigkeit im mwefentlichen darin beiteht. Die 

enderung ift auch noch infonfequent durchgeführt; denn der „Bortragende 
Legationsrat“ iſt beibehalten worden. 

Es mag an diefer Blütenlefe neuer Titulaturen genügen. Die alten 
Titel waren gewiß auch nicht alle jchön, 3. B. war * „Wirkliche Geheime 
Dber ... .” eine greuliche Wortbildung. Aber die — leider anonym 

bliebenen — Berfafjer der neuen Titel wollten doch etwas befjeres 
(Seffen Statt deſſen haben fie Titel in die Welt geſetzt, die ſich ebenſoſehr 
einen Mangel an hiſtoriſchem Sinn, wie an gutem Gefchmad, mie an 
Sprachgefühl auszeichnen. Der Zived aber, der mit diefen Titel» 
verſchiebungen erveicht werden jollte, wird doch nicht erreicht. Es ift ein 
ndamentaler Irrtum, zu glauben, daß man durch Titel eine Stellung 
ben fünne. Die ar Saffen fi ihren Trägern an, und haben diefe in 
der jozialen oder gefelljchaftlichen oder Beamtenwertung eine niedrigere 
Stellung, als fie 668 + a diefem Titel verknüpft war, fo ziehen fie den 
Titel herab, nicht daß der Titel fie hebt. 


Zitas Urgroßmutter. 
Eine gefhidhtlihe Erinnerung von Dr. Siegjried Fitte 


ALS jeinengeit durch die Blätter die Nachricht ging, daß Königin Zita ſich 
zu einem neuen ungarijchen Abenteuer rüſte; ja, daß fie an eime Wieder- 
Holung jenes rührenden Schaufpiels denke, durch das eimit die junge Maria 
Therejia die Herzen der ritterlihen Magyaven entflammte, da mochte man ficd) 
Deffen erinnern, daß tatſächlich das Blut der letzten Habsburgerin auch in 
ihren Adern rollt. Die Zeit zu ſolchen Abenteuern ijt nun vielleicht vor 
über, — gleichwohl aber mag die folgende gejhichtliche Erinnerung nicht une 
willtonmen fein. 

Eine Tochter der Katjerin, die Königin Maria Staroline von Neapel, 
hatte eine gleihmamige Enkelin, die den Herzog von Berry heiratete, und 
deren Tochter wieder wurde die Gemahlin des Herzogs von Parma. Co ift 


— 


Zita, die bekanntlich der kinderveichen Familie der Parmas angehört, gemifjer- 
maſſen erblich belaſtet. Auch ihre Ungroßmutter, die Herzogin von Berry, 
bat einft durch einen verivegenen Verſuch, ihrem Enkel eine verlorene Krone 
zurüczugewinnen, viel von ſich reden gemacht, bis ein völlig unerwartetes 
Ereignis ihrer politiſchen Laufbahn für immer ein Ende bereitete. Da der 
Mannesitamm der älteren bourbonijchen Linie zu erlöſchen drohte, jekten die 
franzöfifchen Legitimijten alle ihre Hoffnungen auf die Ehe des zweiten Sohnes 
Karl X. mit der damals achtzehnjährigen neapolitanifchen Prinzeffin Nicht 
ſchön, mit unregelmäßigen Zügen — jelbjt die unangenehme habsburgiiche 
Erbſchaft, die dide Umterlippe, fehlte nicht, — aber friih und natürlich, 
freundlih und gutmütig in ihrem Weſen, gewann Maria Karoline vaſch die 
Herzen. Nur der heißerjehnte Thronerbe blieb aus, und im Februar 1820- 
wurde der Herzog von Berry beim Berlafjen des Opernhaufes vor den. Wagen . 
feiner Gemahlin von einem republikaniſchen Fanatiker emmordet. Der 
Schmerz der Royaliften verwandelte fi bald in erwartungsvolle Spannung, 
als die Schivangerfchaft der jungen Witwe befannt wurde. Acht Momate 
ipäter gebar die „Jungfrau Maria“, wie überſchwengliche Anhänger fie 
nannten, das „Sind der Wunder“. Mber auch dies Wunder konnte den ver— 
lorenen Thron nicht retten, nach der Yulivevolution mußte die ganze fünige 
liche Familie nach) England in die Verbannung gehen. Karolinens unruhiger 
Geijt ertrug es in dem unwirtlichen Stvandichloffe Holgrood micht lange. 
Im Suni 1831 reiste jie nach Italien. Aber nicht blos, um fich zu zerjtrewen. 
Da Karl X. ein lebensmüder Greis, jein ältefter Sohn, der Herzog von 
Angouleme, ebenfalls wenig entſchloſſen war, glaubte jie als Mutter des 
Meinen Heinrihs V., zu deſſen Gunſten ja Großvater und Oheim anf die 
Krone verzichtet hatten, berufen zu jein, das Liltenbanner von neuem in 
Franfreih zu erheben. Sie hielt die Regierung Louis Philipps, die damals 
noch mit manchen inneren Unruhen zu fämpfen hatte, für ſchwächer, als fle 
in Wirklichleit war, vechnete auch auf den Beiſtand auswärtiger Mächte. Doch 
das Pariſer Kabinett war auf feiner Hut und bewirkte durch ernite Vor— 
ftellungen, daß die italienifchen Höfe der unternehmungsluftigen Fürftin den 
Aufenthalt in ihren Staaten entiveder ganz verboten oder nur vorübergehend 
geitatteten. Einen eifrigen Beihüger fand fie nur an dem Herzog franz IV. 
von Modena, dem einzigen, der das Julikönigtum noch immer nicht anerkannt 
hatte. Gern ftellte er der beivunderten Frau fein Palais in Mafja zur Ver— 
fügung; dieje zwiſchen Spezia und Liromo unfern der Stifte gelegene Stadt 
ſchien ſich trefflich zum Ausgangspunft der Verſchwörung zu eignen. Wie 
Napoleon von Elba übers Meer gefahren war, um jeinen Thron wieder zu 
errichten, fo wollte auch Karoline an der Südküſte Franfreihs landen. Bor 
ihrer Abreije hatte Karl X. fie zur Regentin emannt; erprobte Vorkämpfer 
des Legitimismus fanden fich bei ihr in Maſſe ein. 

Sn der letzten Aprilwoche des Jahres 1832 war fie bereit. Auf einem 
ſardiniſchen Dampfer jchiffte fie fih in verfchwiegener Nacht an der Küſte von 
Maffa ein, und ebenjo heimlich erfolgte ein paar Tage jpäter — und nicht ohne 
Gefahr, da die See jehr ftürmifh war — auf dorausbeftellter Barke ihre 
Landung in der Nähe von Marjeille. Ueber rauhe Klippen, auf Schmugglerpfaden 
evreichte die mutige Frau mit ihren wenigen Begleitern endlich eine Hütte, wo 
fie den Reit der Nacht und den nächſten Tag zubradte. Doch Marfeille holte 
fie niht im Triumph als Siegerin und Regentin beim, die aufrührertiche 
Bewegung wurde noch im Keime erjtidt. Man riet ihr, Frankreich vafch 


EN 


wieder zu verlafjen; nad) einigem Zögern aber gab fie die Lojung: Auf nad) 
der Vendee. Dort war noch die alte Königstreue zu Haufe, nicht zum ziveiten 
Male follten die waderen Leute, die einft Karl X., damals noch Graf von Artois, 
im Stiche gelaffen und der Rache der Jakobiner preisgegeben hatte, betrogen 
werden. „Diefe Frau”, jagte einer ihrer Bewurnderer, „bat Kopf und Herz bon 
zwanzig Königen.“ Aber mit diejem natimliden Mut war Leichtjinn und 
Mangel an Ueberlegung, eine fait jpielerijche Freude an der Gefahr verbimden. 
Wie beluftigte es fie, Die Behöwden, die inzwijchen längſt von ihrer Anweſen— 
beit erfahren hatten, hinters Licht zu führen und unter mannigfacdhen Abentestern 
quer durch den Süden und Südweſten Frankreichs an ihr Ziel zu gelangen. 
Doch auch hier wieder eine große Enttäuſchung. Alles war ſchlecht vorbereitet, 
die Führer ſelbſt haderten miteinander. Troß aller Warnungen blieb der 
„eine Pieron” — fo nannte fie fich, feit jie die Tracht eines Bauernjungen 
der Vendee angenommen und ihr blomdes Haar unter einer jchtvarzen 
Perrücke verborgen hatte — hartnädig bei feinem Plane. E3 gab hier und da 
bEatige, doch erfolglofe Kämpfe, und dann begamm wieder die Flucht durch 
Wälder und Siümpfe, von einem Verſteck zum anderen, unter Gefahren und 
Entbehrimgen, die ihr aber niemals die gute Laune verdarben. Als Bäuerin 
verkleidet, einen Korb mit Buttern und Eiern am Arm, fam fie fchlieglich mit 
dem treuen Fräulein von Berjabiec zu Fuß in Nantes und fand bei zivei 
eifrigen Royaliftinnen Unterkunft. Entmutigt war fie noch nicht, fie unterhielt 
andauernd geheime VBerbimdungen mit ihren Anhängen und verhandelte vor 
allem aud mit dem Ausland, defjen Eingreifen eine neue innere Bewegung 
unterftügen jollte. Doch Europa hatte andere Sorgen und Frankreich blieb 
ruhig. Vier Monate wartete fie in Nantes auf eine Aenderung der Dinge. 
Bis es zu jpät war, bis ich endlich) ein Verräter fand. Ihrem „franzöſiſchen 
Herzen“ bereitete es eine Genugtuung, daß der „Elende” wenigitens kein 
Franzoſe war. Es war Simon Deuß, der Sohn eines aus Köln ftammenden 
Rabbiners, der in Rom zum Chriftentum übergetveten und von der Herzogin 
mit diplomatischen Aufträgen nah Lifjabon und Madrid gejchidt worden war. 
Schon jeit Langen jtand er in Verhandlungen mit dem Parijer Ministerium, 
und als Karoline ihn unvorjichtigeriveife in ihrem Berjted in Nantes empfangen 
batte, zeigte er der Polizei den Weg. Es gelang der Herzogin noch rechtzeitig 
mit dreien ihrer Getvenejten in einen fleinen verborgenen Raum zu flüchten, 
deffen Eingang durch eine Kaminplatte verdedt war. In fürdhterlider Enge 
barrten fie bier ſechzehn Stunden aus. Als die in dem anftoßenden Zimmer 
Wache haltenden Gendarmen den Ofen beizten, fingen ihre Kleider an mehreren 
Stellen Feuer. Man löjchte es mit den allernatürlichjiten Mitteln: „jede 
Zeremonie war verbannt, à la guerre comme à la guerre”, erzählte Karoline 
fpäter mit der ihr eigentümlichem Unbefangenheit. Zuletzt wurden Hite 
und Dualm aber doc) jo unerträglich, daß die völlig Erihöpften ſich ergeben 
mußten. 

Was aber follte mit der Gefangenen, die man von der Loiremündung zu 
Schiff nah der Feſtung Blaye gebracht hatte, gefchehen? Das Einfachite wäre 
geivejen, fie ohne weiteres über die Grenge abzufhieben, wie es vier Jahre dar- 
auf nad) dem Straßburger Putſch mit dem Bonapartiftiichen Prätendenten ge» 
ſchah. Zu einem ſolchen Eingriff im die richterliche Gewalt fühlte jih die Re— 
gierung Louis Philipps damals noch nicht ſtark genug. Die Oppofition forderte 
dringend, dab die Anjtifterin des VBürgerfrieges vor die ordentlichen Gerichte 
geftellt würde. Davor aber ſchraken die Minijter zurüd. Eine Freiſprechung, 


—— 


die nicht unmöglich war, mußte ihvem Anſehen ſchaden, und der Prozeß ſelbſt 
konnte nicht bloß die Leidenſchaften im Innern des Landes von neuem reizen, 
ſondern auch, da die in Nantes gefundenen Papiere Karolinens Beziehungen zu 
einigen fremden Höfen, Mar erwieſen, auch zu peinlichen außenpolitiſchen Vers 
widlungen führen. Da fchien es, ala ob die Herzogin felbjt Las ihr jo verhaßte 
Julikönigtum aus aller Verlegenhen befreien ſollte. Drei Monate nad) ihrer 
Verhaftung, im Januar 1833, verbreitete fich immer bejtimmter das Gerücht, 
daß fie guter Hoffnung jei. Die Miniſter atmeten auf. Die Vorkämpferin von 
Thron und Altar, die zärtlihe Deutter, die um der Krone ihres Sohnes willen, 
aller weiblichen Schwäche getroßt, ja ihr Leben aufs Spiel gejegt hatte, als 
Heldin eines leichtjinnigen Wbenteuers — welch ein vernichtender Schlag für die 
Sache der Legitimiften. Die wollten natürlich nicht daran glauben und ſprachen 
von niederträhtiger Verleumdung. In der Preſſe erhob fi ein wilder Feder⸗ 
Bampf, einige heikblütige Sournaliten gingen fogar mit dem Degen aufein- 
ander los. Daher fam für die Regierung alles darauf an, um miderlegliche 
Beweiſe herbeizuſchaffen. Man ſchickte Aerzte nach Blaye, doch Karoline mider- 
feßte fich jeder genaueren Unterfuhung. Erit nad) einen weiteren Monat, am 
22. Februar, gab fie dem Feitungstonmmandanten, dem General Bugeard, die 
ſchriftliche Erklärung ab, daß ſie es fich ſelbſt wie ihren Kindern ſchuldig zu 
fein glaube, einzugeſtehen, daß fie fi) während ihres Aufenthaltes in Italien 
heimlich verheiratet habe. Dieje Erklärung wurde fofort im Moniteur abge» 
drudt. Da aber ein Teil der Legitimijten fich noch) immer nicht belehren ließ 
und immer neue Anklagen und VBerdädhtigungen vorbradte, verlangten die 
Miniſter von der Herzogin geradegu eine amtliche Bejtätigung ihrer Schwanger- 
ſchaft und boten ihr um diefen Preis fofort die Freiheit an. Denn wenn man 
fie ohne eine ſolche Bedingung mus der Haft entließ, konnte fie nad) heimlicher 
Entbindung leicht nachher alles wieder ableugnen, als matellofe Heldin wieder 
an die Spitze ihrer Partei treten und Frankreich in neue Kämpfe ſtürzen. Wber 
auch Karoline traute den Minijtern nicht, fürchtete, daß eine zweite öffentliche 
Demütigung ihr doch nicht die erjehnte Freiheit bringen würde. So blieb fie 
m Blaye. Sn der Nat vom 9.110. Mai kam das Kind, ein Heines Mädchen, 
zur Welt. Etwas frühzeitig; Kanonen hatten auf der Feitung gelöjt werden 
müffen, um die notwendigen Beugen aus der Stadt herbeizuholen. Denn die 
Ehre der jo vielfach angegriffenen Regierung, der Wunſch, die böstwilligen oder 
ungläubigen Legitimiiten zu überführen, erforderte die größten Vorjichtgmap- 
regeln. Nach der Geburt des Kindes forderten die Zeugen auch den Namen des 
Baters, den die Herzogin bisher verſchwiegen, nur zwei Tage vorher in einem 
Briefe dem treuen Ehateaubriand mitgeteilt hatte. Es war der Graf Hector 
Lucheji-Balli, ein Jugendbekannter, wenn auch feine Jugendliche; dem er war, 
als Karoline die Heimat verlieh, noch ein Junge von zehn Jahren geivefen. — 
Es gab damals Leute genug, die an dieje geheime Heirat nicht glauben: wollten; 
auch ihr Schwiegervater beruhigte fich evft, als er da8 Trauzeugnis erhielt. Es 
iſt ausgejtellt in Rom am 14. Dezember 1821. Daß fie das Geheimnis ihrer 
zweiten Ehe bis zum legten Augenblid wahrte und felbit ihre vertrauteſten 
Freunde nicht einweihte, läßt ſich verſtehen. Die Legitimijten hätten der Re— 
gentin und Mutter Heinrichs V. ein ſolches Herabfteigen von ihrer fürftlichen 
Höhe und gerade in dem Augenblid, wo jie fich zu dem heiligen Kampfe für die 
bourborifchen Lilien rijtete, gewiß übel vermerft. Wenn das Werk gelungen 
war und ihr Cohn, für großjährig erklärt, den Thron beitiegen hatte, konnte fie 
ih ohne Bedenken ihres Glüdes freuen. Das Kind war ein unemmwünfchter 


— HR z 


Zwiſchenfall. Die Vaterſchaft des Grafen Heltor wurde damals und wind noch 
heute ftarf bezweifelt. Aus einem neuerdings gefundenen Briefe geht mit einiger 
Sicherheit hervor, daß er jie in Nantes in ihrem Zufluchtsort awfgefucht hat. 
Als Gejandter des Königs von Neapel im Haag vermittelte er ihren Verkehr 
mit den Oraniern, auf deren Beijtand fie große Hoffnung geſetzt hatte. Ob er 
gerade ın den entſcheidenden Tagen in Nantes war, läßt ſich nicht nachtweifen. 
Als die Herzogin nad) ihrer Wiederherftellung zu Schiff von Blaye nad) Palermo 
gebracht, von ihnem Gatten bei der Landung begrüßt wurde, fiel auf, daß dieſer 
fih um das Sind, das er doch noch niemals gefehen hatte, gar nicht befümmerte. 
Die Kleine hatte übrigens, wie die Herzogin von Dino etwas boshaft in ihren 
Memoiren bemerkt, „Verjtand genug“, frühzeitig wieder aus dem Leben zu 
ſcheiden. Den anderen vier Sindern, die ihm Staroline ſpäter ſchenkte, ift der 
Graf jedenfalls ein zärtlicher Vater geivorden. 

Karoline glaubte, wie ihr Brief an Chateaubriand beiveift, zunächſt noch 
leineswegs, daß ihre politifche Rolle zu Ende jei. Aber Karl X. und mit ihm der 
größte Teil der Logitimiften konnten das Gejchehene nicht vergeffen, geflifientlich 
wurde fie von ihren Slindern ferngehalten, nur in Lerben durfte fie fie flüchtig 
fehen. Der altersmüde König hatte das abenteuerliche Treiben der Schwieger- 
tochter niemal3 von ganzem Herzen gebilligt, mußte jest auch auf Oeſterreich, 
wohin er von Schottland übergefiedelt war, Rüdficht nehmen. Der Wiener Hof 
mwollte feine Ruhe nicht dur) Umtriebe der franzöſiſchen Legitimiften gejtört 
willen und gejtattete auch der Herzogin den Aufenthalt in dem öfterreichijchen 
Gebiet nur unter der Bedingung, daß fie jede politiiche Tätigkeit einftelle. So 
fügte fi Karoline in daS Unvermeidliche. Aus der Heldin der Vendee wurde 
'eime jehr glüdliche Frau und Mutter; zumal, da ſich nad dem Tode Karls X. 
aud das Verhältnis zu ihren Kindern erjter Ehe fehr herzlich geſtaltete. Mit 
ihrem „Paſcha“, wie jie ihren Gatten in vertrauten Briefen nannte, lebte fie m 
beſtem Einwernehmen. Vielleicht bejaß er die Fähigkeit, dieſen gutgearteten, 
aber etwas unbändigen Geift in richtiger Weile zu Ienten. „Man merkt die 
Eifenhand unter dem Samthandſchuh“, jagt die Herzogin von Dino, die das 
Paar bei einem Bejuh in Venedig beobadjtete. Bon der damals 5öjährigen 
Karoline gibt fie gerade feine ſehr anmutende Schilderung: „eine gute Frau im 
Grumde, aber jehr unbeſonnen in ihrer Sprache und grotest im Ausjehen“. 

Karoline jtarb, ſechs Jahre nach dem Tode ihres Gemahls, am 16. Juni 
1870, m Bruenfee in Steiermark. So erlebte fie nicht mehr, daß ihr Sohn, 
der Graf von Chambord, dem fie einft durch ihren kecken Handſtveich eine Krone 
hatte verſchaffen wollen, die ihm angebotene Krone verſchmähte, weil er auf 
das Wahrzeichen des franzöfifchen Gottesgnadentönigtums, das Lilienbanner, 
nicht verzichten mochte. 


— 66— 


Die Erlöſung der „Perle“. 


Von Fritz Kern. 


Daß zwiſchen Fleiſch und Geiſt, zwiſchen dem natürlichen und dem 
vergeiſtigten Teil der Menſchenſeele ein enſatz beſtehe, der auch als 
Kampf zwiſchen Sünde und Gnade, zwiſchen Tod und Leben erſcheint — 
dieſer Gedanke iſt durch Paulus an ſichtbare Stelle des chriſtlichen Ideen— 
kreiſes geſtellt, es hat ſich gerade an ihm die eigene veligiöſe Kraft der 
großen Beweger abendländiſcher Frömmigkeit, wie Auguſtin oder Luther, 
entzündet. Die Herkunft dieſer großen Idee, die Paulus mit der Geſtalt 
eines perſönlichen Erlöſers verknüpft, iſt lange Zeit im Griechentum, 
insbeſondere im Platonismus geſucht worden, doch ohne befriedigendes 
Ergebnis. In unſeren Tagen wird nun bis zur Gewißheit — daß 
es die altperſiſchee Frömmigkeit und Spekulation, insbeſondere die im 
Lande Zarathuſtras nach ihm blühende volkstümlich-aſketiſche Myſtik 
geweſen iſt, welche allein dieſen großartigſten dualiſtiſchen Glaubens— 
——— dem Abendland geſchenkt hat. Mehr und mehr wächſt die 

pefulation der aviſchen Sranier als tiefites und reinjtes Religionsſyſtem 
des Altertums vor den Augen der Religionsforfcher wieder empor. So 
wie diefe — ſeltſam mit moderner Natur- und Seelenerbenntnis fich 
berühende — dwaliftifche Ur-Ertenntnis der Perſer fih auf babylonifchem 
Boden erhalten und mit helleniftiichen wie mit jemitifchen Glaubens- 
vorftellungen verbunden Hat, jo weckte fie durch Paulus’ Vermittlung die 
chriſtliche Frömigkeit in der innerlichjten Form der Erlöfung durch Seelen. 
entwicklung und Seelenfampf. - 


Diefe Zufammenhängen werden auch dem Laien Deutlich, wenn aus 
den meuentdedten Urkunden einer nachchriſtlichen perfiichen Sekte, der 
Manichäer, das alte iwmanifche Gedankengut hevausgeholt wird, wie es 
joeben der erite Iebende deutiche Religionsforicher R. Reitzenſtein in einem 
ziwar für den Nichtgelehrten ſchwer lesbaren, doch an lebendiger Kultur— 
bedeutung unſchätzbaven Werf — hat *). An dieſem Ort, wo eine Dar- 
Bonn, Marcus u. Weber 1921. M. 45.—. 
legung der gelehrten Gedantengänge des Forichers unmöglich ift, darf und 
muß um jo mehr eine Ahnung von ihrem Ertrag gegeben werden. 

Nur als Bruchftüd erhalten, aber auch als — ergreifend, iſt das 
Sen wiegeſpräch des Erlöfers Zarathuftva mit einem in den 
Banden aterie liegenden Geiſt, der nach feiner Befreiung felbft zum 
Erlöjer anderer Seelen geworden it. 

Barathuftra: „Schüttle ab die Trunkenheit, in die du entjchlummert bift, 
Wah auf und fiehe auf mid)! 
Heil über dich aus der Welt der Freude, 
Aus der ich deinetiwegen gejandt bin.” 


Nun antwortet der urfprünglich aus dem Lichtreich entftammte, aber 
aus der Heimat in das Dunkel der Materie Geſunkene; er antivortet „dem, 
der ohne Leid it”: 


*) Das iraniſche Grlöfungsmpfterium. Religionsgeſchichtliche Unterfuchungen. 


— 17 — 


Der Geift: „Ich bin ich, der Sohn der Zarten **), 
Vermiſcht bin ih und Wehflagen jeh ich, 
Führe mich hinaus aus der Umflammerung des Todes.“ F 

Zarathuftra (fegnet ihn mit dem Gruß): „Der Lebenwigen Kraft und Heil 

Ueber dich aus deiner Heimat! 
Folge mir, Sohn der Sanftmut, 
Den Lichtkranz jeß auf das Haupt!” 

Unvergänglih Menjchliches iſt hier mit eimer umüberbietbaren 
Gefühlstiefe ausgefprochen. Wo immer eine Seele zum reinen Geiſt als 
ihrer Heimat ftrebt, aber in der „Vermiſchung“ mit materiellen Streben 
die befreiende üdfehr zu fich jelbjt nur durch die gnadenweiſe Annäherung 
eines ihr verwandten und doch ſtärkeren, aljo göttlichen Erlöſergeiſtes finden 
kann, da erlebt jie diefen Hymnus neu. Die Perſer aber haben den in die 
Materie gebannten Lichtfunfen, der nach Heimkehr ins Licht jich jehnt, 
gern gleichnisweife als Perle bezeichnet, welche vom himmliſchen er 
— in die dunkle Muſchel der Sünde und des Leids verſentt der 

durch ihr weſensverwandten, aber ſchon ſelbſt befreiten Erlöſer 

dieſes Gleichnis das innere Seelengeſchehen des einzelnen 

— wird jeder myſtiſch Empfindende ſpäterer Zeiten es — 
Dogmatiſch ober mpthologijch färbt es ſich erit, wo an den leiblichen 
des Menjchen ſich Auferitehun — Bingen fmüpfen oder gar der Unter- 
gang der materiellen Welt und die Dauer von Jenſeitswelken tontvajtiert 
werden, jo wenn in einem iraniſchen Erlöſungsmyſterium die „Perle“ 
angefprochen wird 

„Die Götter deimetivegen find ausgezogen und erſchienen 

Und haben vernichtet den Tod und die Finfternis getötet.” 

Immer find 5 und erlöſende Seele im Tiefſten weſenseins, und 

die letztere darf von ſich ſagen: 
„Ich gehe meinem Abbild entgegen 
Und mein Abbild geht mir entgegen; 
Es koſt und umarmt mich, als kehrte ich aus der 
Gefangenſchaft zurück.“ 
Der Raum verbietet, das wunderbave von Reitzenſtein mitgeteilte 
lange Erlöfungsgedicht ganz wiederzugeben, das mit den Verſen ſchließt: 
„Als das Leben den Ruf der Seele hörte, 
fandte es ihr einen ©eleiter entgegen. 
Er fahte fie bei der Fläche der Rechten, 
er führte fie hin, und man jtüßte fie auf das Abbild des Lebens, 
An der Stätte, an der die Glanzweien, die Lichtweſen 
fie unter den Leuchten aufitellten. 
Einen Aetherfranz errichteten fie ihr auf dem Haupte 
und führten ſie in Pracht aus der Welt. 
Das Leben ſtützte das Leben, 
das Leben fand das Seinige; 
Das Seinige fand das Leben, 
und meine Seele fand, was fie erhoffte. 
Das Leben ift fiegreich.“ 


**%) Das heißt der Lichtiwejen. 


— 8— 


Welltſpiegel. 


Die Konferenz von Genna. Wenn man am Tage der a der 
großen Velttoirinaftätonferen; in Genua auf die Anfänge dieſes Ge— 

eng zurüdblidt, auf die erften Begrüßungen und Ablehnungen, die 
diefen Vorſchlägen zuteil wırrden, dann muß man jagen: die Sache 
ich eigentlich vecht einfach und geradlinig entwidelt. Selbitverjtändlich 
ind fehr verfchiedenartige Urteile darüber laut geworden. In der Prefie 
aller Länder ſchwankte das Stimmungsbarometer hin und ber, und es 
tit auch vo men, daß hin und wieder mit der Miene des befonderen 
Gingeweihtjeins verfichert wurde: die Konferenz; kommt über t gar 
nicht zu ftande. Das war nicht nur leeres Gerede, jondern die Aeußerung 
eimer in ihrer Sphäre durchaus begründeten Ueberzeugung. Aber am 
legten Ende hat doch feine Macht gewagt, .ernithafte Schritte zu tun, um 
es wirklich dahin zu bringen, daß die große Anregung wie eine Geifen- 
blaje zerplagte. erg das diefem Standpunkt von allen Mächten 
am nädjiten geweſen ijt, hat fich dennoch gehütet, über einen beſtimmt 
abgemefjenen Grad der Betonung feiner Sonderauffafjung hinauszugehen. 

Bei ung in Deutfchland war die Stimmung in weiten Kreiſen, die 
den politifchen Dingen nicht allzu tief auf den Grund zu gehen pflegen, 
geneigt, die Genua-Stonferenz für eine neue in der Reihe der Ver— 
anftaltungen zu halten, die dazu beftimmt zu fein — die Herrſchaft 
der Entente in Europa auf Grund des Verſailler Vertrages weiter aus— 
zubauen. Franfreih und die Mächte, die fich daran anlehnten, waren 
allerdings von Anfang an bemüht, diefen Gedanken aufrechtzuerhalten. 
Aber ſchon feste eine andere Strömung ein, die nicht mehr ganz zurüd- 
zuhalten war und unmittelbar aus dem Bedürfnis entipvang, endlich 
wieder normale und a ne wirtſchaftliche Verhältniffe her- 
zuftellen. Und fo tauchte der Wunſch auf, e8 möchten micht nur die 
©erichtsvollzieher des Friedensvertrages, jondern alle wirtichaftlich 
interefjierten Mächte ſich auf einer Konferenz darüber ausfpvechen, wie 
die von Siegern, Befiegten und Neutralen gleihmäßig als unerträglich 
empfundene twirtjchaftliche Lage der Re, entgegengeführt merden 
fönne. Es war ein Verlangen, das aus der allgemeinen Not entfprang, 
nicht durch die Ausführung der Friedensbeitimmungen hervorgerufen 
wurde. Aber eben deshalb jtand es in einem inneren Zujammenhange 
mit den natürlichen Gegenwirkungen, die der PVerfailler Vertrag aus— 
gelöjt hatte, und bedeutete den erjten elementaren Widerjpruch Europas 
gegen den Geift von Berjailles. Außerhalb Deutſchlands vermied man 
es offen auszufprechen, aber jedermann fühlte und wußte, daß ohne Um— 
kehr auf dem Wege, den die Sieger des Weltkrieges in Verſailles ein« 
gejhlagen hatten, alle Länder ſchweren wirtjchaftlichen Gefahren, wenn 
nicht dem Ruin entgegeneilten. 

Auch Frankveich jah diejen — aber es glaubte in ſeiner 
Beſonderheit, im Intereſſe ſeiner Machtpolitik noch geraume Zeit an dem 
Ruin Deutſchlands weiter arbeiten zu können. — * England im 
eigenſten Intereſſe ſeines J ungeſtörtem Handel und rvegelvechter Wirt- 
ch ruhenden Weltreichs fich zum Fürfprecher des gefährdeten Wirt: 
Ichaftslebens der Völker machte, erfannte Frankreich darin die Gefährdung 
jeiner Pläne, die es mit unerjchütterlicher Zähigkeit fejthalten wollte. Es 


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— 3 


zog aber auch aus der Lage der Mächte den Schluß, daß England es nicht 

einem politiſchen Bruch fommen laſſen dürfe. Weder Englands mili- 
täxifche Macht, noch feine innerpolitiichen Verhältniffe erlaubten ihm eimen 
ernithaften Widerjtand gegen Frankreich. Es iſt bekannt, wie Poincare 
nad den anfänglichen Verſuchen, den ganzen Sonferenzgedanten zu 
abotieren, die ergentümliche Lage der englifchen Regierung und — man 

rf hinzufügen — die bejonderen Eigentümlichkeiten von Lloyd George 
benugt hat, um feine — für die Konferenz zu erzwingen. Es 
iſt dadurch erveicht worden, daß nach förmlicher Zuſicherung der Entente— 
mächte über die Reparationsfrage nicht geſprochen werden darf und daß 
Rußland unter dem Druck beſtimmter Bedingungen gehalten wird. Mit 
anderen Worten, die feierliche Verpflichtung, den Pelz zu waſchen, ohne 
daß Frankveich dabei etwas von Näſſe empfindet. So iſt es, man möchte 
ſagen, noch im letzten Augenblick vor den endgültigen Verabredungen und 
bei den letzten Vorbeſprechungen vereinbart worden. 

Mean hat daraus, namentlich bei uns, außerordentlich peſſimiſtiſche 
Folgerungen in Bezug auf die zu erwartenden — der Konferenz 
gezogen, und das iſt vielleicht vecht gut, weil wir nur zu leicht geneigt ſind, 
unmittelbare Erfolge zu erwarten, die im der harten Wirklichkeit nicht be— 
— ſind. Trotzdem ſcheint es, daß man die formelle Nachgiebigkeit 

loyd Georges gegenüber den franzöſiſchen Forderungen in dieſem Falle 
etwas mißverjtanden hat. Der englifhe Premierminifter, der fich im 
eigenen Lande bejonderen Schtwierigfeiten gegenüberfah, hatte offenbar 
vor allem ein Ziel, — die Stonferenz unter allen Umftänden zufammen- 
zubringen, in der richtigen Vorausſetzung, daß die dringenden europäifchen 
Hirt ftsfragen vor allem erjt einmal in Bewegung geſetzt werden 
nrüffen, um für ihr Verſtändnis den richtigen Umfang zu getoinnen, 
worauf dann die weitere Seftaltung der daraus folgenden neuen Fragen 
und Forderungen ji) mit elementarer Gewalt von felbit zu ergeben 
pflegt. Die Frage der allgemeinen Not der aanzen Welt läßt ſich nicht 
mehr unter Aufpertihung nationaler Leidenſchaften als Folge des „böjen 
Willens Deutſchlands“ mit harter Siegermiene abtun. 

Die Eröffnungsfigung in Genua gejtattet noch fein Urteil über ‚das, 
was unjerer dort wartet. Es verfteht fich von ſelbſt, daß alles, was bei 
diefer Gelegenheit geredet wind, mır Friede, VBerfühnung und fachgemäße 
Arbeit atmet. Auch die Rede des Herrn Barthou floß dahin wie Honig- 
jeim von BVerfiherungen des Wohlwollens gegen alle Völter. Und doch 

der Zufammenftoß zwiſchen Barthou und Tſchitſcherin, der ſich weiter 

ervormwagte, al3 die Franzofen ihm zugejtehen wollten, eine Probe von 
den Gegenjäßen, die Hinter der freundlichen Maske zu fuchen find. 
Bezeichnend war es, daß Lloyd George ausgleichend und vermittelnd 
dazwiſchen trat. Und es ift gewiß fein Zufall, daß die englijche Preife, 

weit fie Lloyd Georges Politik vertritt, wiederum eben jett andeutet, 

8 dennoch eine Form gefunden werden müffe, um die Reparations- 
fragen in die Erörterung zu ziehen. Das bedeutet, daß der Leiter der 
englijhen Regierung offenbar der Anficht ift, die einmal in der Be— 
Ihaftigung mit den Wirtichaftsfragen befindliche Stonferenz werde durch 
die von Frankreich vorgebvachten Gefichtspunfte gar nicht zu hindern fein, 
ihre Aufgabe fo anzufaffen, wie e3 von der Sache ſelbſt gefordert wird. 
Sehr erſchwert wird die Forderung der Stonferenzarbeit durch die fonder- 


— — — — 


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bare Haltung der Vereinigten Staaten von Amerifa, die, obwohl ſtark 
beteiligt, fich doc) nicht haben entjchliegen fünnen, an der Wiederheritellung 
der Welt mitzuarbeiten, een a ee zu der Lehre 
“geführt hat, Europa müſſe fich zunächſt jelbit en. 

—— har man in Genua die ld Trage in den Vondergrund 
geichoben, und es konnte vor kurzem beinahe jtheinen, als tolle man nu 
über Rußland verhandeln. Indeſſen darf man auf die Form, die man 
in legter Stunde Programm gegeben hat, nicht allzu viel Gewicht 
legen. Es wind ſich manches wohl doch noch etwas anders geftalten. 
Wenn einmal die Teilnehmer der Stonferenz als Gleichberechtigte zu reden 
begonnen haben, jo wird die ungeheuere Kompliziertheit der politiichen 
BVerhältniffe, die der Verjailler Vertrag geihefjen t, au) ihre Wirkung 

itend machen. Man darf daher nicht voreilig über die Dinge urteilen, 
ondern muß ihnen mit dem Bewußtfein ihrer ungewöhnlichen Bedeutung 
folgen. W. v. Maſſow. 


Bücherſchau. 


Denkwürdigkeiten. 


Joſeph Caillaux, Meine Gefangenſchaft. vor der Weltgeſchichte dar— 
gelegt. Leipzig und Baſel, Nheinverlag 1921. 

Nobert Lanſing, Die Verfailler Friedensverhandlungen. Berlin, 
Reimar Hobbing 1921. 

Sreihere vd. Schoen, Erlebtes. Beiträge zur politifchen Geſchichte der 
neueften Zeit. Stuttgart und Berlin, Deutſche Verlagsanftalt 1921. 

Hetta Gräfin Treuberg, geb. dv. Kaufmann-Aſſer. Zwiſchen Bolitit 
und Diplomatie. Herausgegeben von Prof. Dr. M. J. Bopp. Straßburg, 
Imprimerie Strasbourgeoise 1921. 


Der frühere Minijterpräjident und Finanzminifter Sofepp Caillaux 
bringt feine bitterböje Anklage gegen Elemenceau und die fonjervativ-Elerikal- 
monarchiſchen Nationalijten vor. Er Hat Recht zur Erbitterung, denn 
25 Monate, wovon er den größten Teil in den Zellen der zum Tode Verurteilten 
gejejfen hat, gegenüber der Dunkelkammer für beitrafte Häftlinge, deren an 
Wahnſinn jtreifendes Gebrüll er zu hören hatte, mußte er in Unterfuchungshaft 
wegen der Anklage auf hochverräterische Umtriebe mit Deutichland zubringen, 
ehe er jeine Freifprechung durchſetzte. Man wollte den politifch einflußreichen 
Mann, der als glühbender Republikaner die Machenfchaften der zum Kriege 
und zur Fortfegung des Krieges drängenden Nationaliften kannte und aufs 
zudeden geneigt war, den Finanzreformer, der eine erhöhte Beſteuerung der 
vermögenden Klaſſen geplant hatte, wodurch er ji) den Zorn der Großbourgeotfie 
äugezogen hatte, jo lange als möglich unſchädlich machen. Caillaug hatte eine 
Umgejtaltung der parlamentariſchen Negievungsform ins Auge gefaßt; er wollte 
das Referendum einführen, „mit anderen Worten, der direften Geſetzgebung 
ihr Recht geben“, und durch Erweiterung des Staatsrates durch Vertreter des 
Handels, der Induſtrie und der Arbeitergruppen einen technifchen oder Wirt- 
Ihaftsitaat neben dem politiihen Staate organifieren. Eine Studie hierüber 
und einen Aufjag über „die Verantwortlichen“ fand man in dem Florentiner 
Geheimfchrant, allerdings nicht die vorgeblid von Deutjchland gejpendeten 


— 


Millionen. In dieſer Schrift geißelt Caillaux die „prahleriſche und frivole 
Politik, die den Nationaliſten am Herzen lag, und zu deren Entfaltung das 
Staatsoberhaupt (Poincaré) emmutigte, wenn er fie nicht gar einleitete“. Im 
zweiten Teil faßt er die unmittelbaren Kriegsurſachen zujammen. Wenn er 
jchreibt, daß „der Kriegswille Wilhelms II. zugleich voller Schwanten und 
Leidenjchaft war und ſich gebeugt hätte, wenn er auf eine ftolge und würdevolle 
Entichlofjenheit zum Frieden geſtoßen wäre“, jo iſt das natürlich eine Anficht, 
die den Nationaliften großen Anjtoß geben mußte. Es wäre aber ganz un— 
richtig, aus ſolchen Sägen eine „Deutſchfveundlichkeit“ herauslejen zu tollen. 
Im Jahre 1911 hat Caillaux, wie er glaube, den Krieg mit Deutjchland ver- 
hindert. 1914 Hatte er das Gefühl, daß es in Frankreichs Intereſſe lag, Zeit 
zu gewinnen, weil ‚Die Zeit für uns genen die Deutſchen arbeitete... .., 68 
war ein Fehler von der franzöſiſchen Regierung, wenn fie der vuſſiſchen Mobil- 
madhung, die Deutfchland den geſuchten Vorwand zur Aufrollung des Dramas 
Iieferte, micht im Einvernehmen mit England verbeugte oder fie wenigſtens 
binausjchob.” Jagow hält er für einen „gelehrigen Schüler der Alldeutichen“. 

Eaillaug nennt jeine Politik die „traditionelle der vepublikaniſchen Partei. 
Eine Politik europätfcher Ausjühnung, deren Hauptgegenjtand die Sorge war, 
der ungeheuven Satajtrophe vorzubeugen, Lie meinem Blide am Horizont 
ji) zeigte. Eine Politik, die mir diktiert wurde dumch die Sorge um die Er» 
haltung einer Kultur, deren Zerbvechlichkeit ich kannte.” Er mißt Clemenceau 
einen großen Teil der Schuld zu, ebenjo Herrn de Selves, deſſen Größen- 
wahnſinn dem des Herzogs don Gramont im Jahre 1870 ähnele. „In der 
Zerſtörung haben Elemenceaus Taten gegipfelt; er ift überzeugt, daß die Welt 
geleitet wird durch Heroen, von denen Carlyle fpricht. Er hat ſich jelbit in der 
erjten Reihe dieſer Halbgötter miedergelaffen kraft der Einjchaltung eines 
Hochmuts ohnegleichen, Der ihn verzehrt. Da das Schidjal jeine Thronbefteigung 
gebeut, da3 Schiejal, das ihm Genie eingeflößt hat, ift jedes Verfahren löblich, 
das diefen Zielen dienen kann... Er muß Menfhen und Ideen herum— 
wirbeln, die Gedanken, die er gerade braucht, aufgreifen und fie wieder in die 
Ede werfen, werm fie ein Hemmflog werden.” Gefräßige Machtbegier erflärt 
die Unihärfe und Unbeſtändigkeit feiner Perjünlichkeit; er hielt ſeſt an der 
Trennung von Kirche und Staat und an dem Bündnis mit England, wodurch 
er diefem Lande zum größten Imperialismus verhalf, denn er war mit einem 
fajt unbegreiflichen Leichtfinn geſchlagen. „Der Endabſchnitt diejes Dafeins kam 
zur Blüte in jenen zerjtövenden Phajen, die bisweilen auf Erden wüten. Nach 
fortgefegtem Verſuch, alle. Kriegsenergien niederzureißen, hat er das Ziel 
erreicht, fih felbft an ihre Stelle zu ſchwingen, einen Schlammhaufen als 
Stütʒpunkt wählend.“ Wirtihaftlichen und finanziellen Fragen gegemüber beſaß 
er nicht die geringjten Kenntniſſe. 

Schon nach der Marnejchlacht verbächtigte man Caillaug des Einverjtänd- 
niſſes mit Deutſchland. In der Tat war er damals, wo Frankveich den großen 
Erfolg davongetragen Hatte, jehr geneigt, zum Frieden zu waten, ebenjo 1916 
und 1917. Er findet, daß jetzt für Frankreich, abgefehen von der Rüdgabe der 
„geraubten“ Provinzen, nur „Broſamen“ abgefallen ſeien. Daß die fran- 
zöſiſcherſeits erdachten Erprefjungen, VBernichtungspläne und Demütigungen des 
durch Betrug mwehrlos gemachten Feindes fo gar nichts bedeuten, ift charak— 
teriftiich für den „Deutjchfveund“. In bezug auf England beilagt er das 
Mißverhältnis in der Machtverteilinig, das die Verträge des Henn Elemenceau 
geſchaffen haben, weil es der innigen Zuſammenarbeit der beiden Nationen 


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ſchade. Er ſelbſt wollte „die Entfaltung der europäiſchen Demokratie bor- 
bereiten, die wir dur Ausjöhnung, durch Großmut in unjere Richtung, in 
den Bannkreis des lateinijchen Geistes gezogen hätten“. Man hätte Europa 
noch enger jolidarifieren und alle Völter zu gemeinſamer Arbeit aufrufen, die 
europäische Schuld nationalifieren ımd die Gejamtbelaftung verteilen müſſen, 
wobei die befiegten Völker natürlich eine ſchwereve Laſt zu tragen haben jollten. 
Den neuen Staaten darf man nicht geftatten, die induftriellen und kommer— 
ziellen Ströme zu dirchichnewen. Das von den Konfervativen (Nationaliften) 
ausgegebene Schlagwort „Deutjchland hat alles zu zahlen“, hat die größte Ver— 
wirrung gebracht. Elemencem und jeine Minijter waren gefangen „in ber 
Politif des Fanatismus, die ihrer Art nach den Menſchen in Dummheit jperrt”. 
Die Gerechtigkeit verlangt, daß man Frantreid feine interalliierten Schulden 
erlaffe. Auch Keynes habe von Frankveich gejagt: „Bismards Hand ruhte leicht 
af ihm im Vergleich mit der wuchtenden Hand eines jeiner Verbündeten.” 
Indeſſen bejitt Frankveich eine jolche Federkraft, daß es noch immer Die große, 
ihm zugefallene Sendung erfüllen kann, Weit- und Mitteleuropa um fich zu 
ſcharen. Unter der moralijchen Führung (!) der Lateiner werden die euro— 
päijchen Staaten der Dienftbarfeit, die fie umlauert, entgehen können. Die 
„Geiſtigkeit“ Frantreihs und feine Demohratie vermag allein die Erlöjung der 
„armen Menjchheit, die ſich blutend dahinjchleppt”, zu bewirken. 

Das Lanſingſche Bud beichäjtigt ſich vorwiegend mit Wilfon und 
dem Völkerbund. Wilfon erjcheint bier als ein eigenfinniger Pbantaft, der, 
trogdem er ganz ohne Progranın nach Paris gefommen it, feinerlei Rat hören 
will. Kein Wunder, daß diejor Zuſtand, der alles übertrifft, was Lanfing am 
deutſchen Imperialismus haft, den Staatsjefretär verdrießt, um jo mehr, als 
der Präfident gelegentlich mit Nachdvuck betont, daß er gegen juritiiche For- 
mulierungen das arößte Mißtrauen hege. Clemenceau bemugte ven Fanatis— 
mus Wilfons im bezug auf jeine Zukunftspläne gefchidt, wm ihn durch die 
Drohung, font ven Völkerbund jcheitern zu laſſen oder die Abtretung des 
gejamten wejtrheinifchen Gebiets zu fordern, für ſeine Anfichten und auch zu 
eimem „Schußvertrag“, der wirflih amı 18. Juni 1919 ımterzeichnet wurde, 
gefügig zu machen. 

Sanjing it der Anficht, oder jindet es opportun, dies zu Außen, daß 
die Vereinigten Staaten in den Krieg getreten jeien, „um das Fortſchreiten 
des autokvatiſchen Imperialismus in Deutihland aufzuhalten“. Er fieht ein, 
daß die Gebietsabtretungen und Wiedergutmacdungen die Deutjchen enbittern 
werden; e3 handelt ſich alfo darımı, die Wehrraft Deutſchlands jo zu ſchwächen, 
daß fie für einen Angriff gegen die Franzofen, „die jo furchtbar unter dem 
imperiafiftiichen Geifte, der das Deutſche Reich beherrjchte, gelitten hatten“, 
nicht mehr in Betvacht kommt. Er glaubt, daß die Alldeutichen im zertrümmmer- 
ten Rußland Gelegenheit finden, fi einen Weg nad) den Schwarzen Meere zu 
bahnen, um dort die „Macht des Reiches wieder aufzubauen und die preußifche 
Idee der Weltherrſchaft zu verwirklichen“. Deutjchland darf aljo nicht um 
Belige vines diefer Wege nad) dem Oſten bleiben. Und nun folgt das 
Programm eines Fri denspertvages, der u. a. Helgoland und alles Land 
nördlich der Zone des Stieler Kanals, der ımter Dänemarks Stontrolle ınter- 
nativnaliiert werden muß, diejem Lande gibt, wie Danzig an Polen, da jedes 
Land das Recht auf Zugang zum Meere hat, während merkwürdigerweiſe das 
Erzherzogtum DOefterreich als Bundesſtaat Deutſchland einverleibt werden joll. 
Er konſtruiert „die gebieteriiche Notivendigfeit, Deutjchland als Militärmacht 


HS 


daß „Deutjchland den Krieg wolle”. Dagegen betonte der Botjchafter: „Der 
Vorſchlag der örtlihen Einſchränkung des Konflikts, die — zurückhalten⸗ 
der Einwirkung auf Petersburg, die Berufung auf die Gemeinſchaft im 
Friedenswunſche mit Frantveich, das ſeien für jedes unbefangen blickende Auge 
nicht Akte der Friedensſtörung, ſondern der Friedensbeſchützung.“ Trotz der 
beſtimmten Erflärung Wiens, daß der territoriale Beſtand Serbiens nicht an- 
getaſtet werden ſollte, berficherte Iſwolſti in Paris, daß Rußland ein &crasement 
Serbien: nicht zulaffen werde. Nod am Abend des 31. Juli erflärte Viviani, 
daß er bon der ruſſiſchen Mobilmahung nicht unterrichtet jei. Die frangöftiche 
Mobilmachung erfolgte W Minuten vor der deutfchen. Und Herr Viviani hatte 
die Unverfrorenbeit, zu behaupten, fie bedeute keineswegs aggreſſive Wbfichten. 
Die politiiche Naivetät des Hermm von Schoen, wie die Bethmann Hollwegs 
enthüllt fi ungewollt in dem Geſpräch, daß der Botjchafter mit dem Reichs- 
fangler Anfang Auguft 1914 führte und — fogar felber wiedergibt. Danach 
hielt Schoen noch nad) der Kriegserklärung unter gewiſſen Umſtänden ein 
deutfch-frangöfiiches Bündnis gegen England für möglid! 

In den Memoiren der Gräfin Hetta Treuberg geb. Affer, tritt uns eine 
bielgewandte Dame entgegen, eine Pazififtin, die ſich troß ihrer internationalen 
Abſtammung und Denfweije deutfch zu nennen wagt. Von früh auf ift Fräulein 
Affer, wie es die Mitglieder folder Geldfamilien jo oft durchzuſetzen pflegen, 
an den Fürftenhöfen ihrer jeweiligen Wohnftätten Weimar, Florenz, Rom 
vertraulich enıpfangen worden. Sie verjuchte, die in München bei ihr verfchrenden 
deutſchen Offizieve von der Schändlichteit, einen Völkerrechtsbruch als „fade 
Gewohnheit“ angujehen, zu überzeugen. Ein franzöfticher Gefandtihaftsrat ſagte 
einmal nad einer ſolchen Unterredimg, daß im Kriegsfall Englands Hilfe für 
Svankreich gefichert jei. „L’ Allemagne vietorieuse une seconde fois serait un 
danger pour le monde entier.“ Davon ift dieje „deutſche Edeldame“ ſelbſt auch 
tief durchdrungen. Alles, was Deutfchland diskreditieven kann, trägt fie zu⸗ 
ſammen, alles was, ung“ entlaften kann, verſchweigt fie. Zuletzt hatte fie in 
Berlin einen Salon, wo fie u. a. Fürft Bülow und Frau (!) empfing, aber aud) 
Havden, den fie als größten Patrioten und Edelmenſchen erkannt bat, und 
Kautsky, Bernftein, Haafe, den „gütigen” Eismer uſw., ihre eigentlichen Helden. 
Das Bud) ift in erfter Linie für die Franzoſen gefchrieben. Sekt mweilt fie im 
Elſaß, wo fie die Einwohner zu franzöfieren ſucht. Die „Vorurteilsloſigkeit“ 
der Verfaſſerin bennt eben feine Grenzen, wir weiſen fie als „Deutfche” 
entichteden und mit Verachtung zurüd. Aus ihrem jelbitgefälligen Enthüllungs- 
buch getvinen wir hauptjächlid) die von der Verjafferin umbeabfichtigten Einblide 
in da3 landesverräterifche Treiben einer gewiſſen Gefellfchaftsfhicht zu der in 
London und Paris nit an Detadenz, aber an Baterlandslofigteit das Gegen- 
beiſpiel fehlt. Ad. Hartmann. 





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Die Grenzboten 
Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 22. April 1922 
Nummer 15 


Kolonialpfychologie. 
Bon Dr. Erich Schultz-Ewerth. 
Gouverneur des ehemaligen Schupßgebiets Samoa. 


Der Friedensvertrag von Verſailles hatte den kolonialen Gedanken in 
Deutſchland unzweifel gefördert. Das Mißverhältnis zwiſchen unſerm 
zerſtückelten, übervölkerten, ausgeſogenen Heimatlande und den geräumigen 
rohſtoffreichen Kolonialgebieten, die empörend-hypokvitiſche Methode des 
Kolonialraubs und die freiwillige Propaganda der vertriebenen Stolonial- 
deutjchen riefen im Volfe eine Tebhafte Proteſtſtimmung hervor und forgten 
dafür, daß der foloniale Teil des Friedensvevifionsprogvamms nicht bei 
Seite gefchoben werden konnte. 

Seit einiger Zeit mın beginnt die Anteilnahme an tolonialen Dingen 
fr nachzulaffen, und von ſachkundiger Stelle ift bereits wiederholt 

auf Hingetviefen worden, daß deutfcherfeits Der Verluſt der Kolonien 
meift nur noch nebenher behandelt wird, wogegen z. B. die folonial- 
erfahrenen Engländer den ihnen daraus eriwachjenen Gewinn als ein 
Aktivum erften Ranges buchen. 

Allerdings erzeugt der ſtändige Albdrud der „Wiedergutmachung“ 
Sorgen, die ſich unabweisbar an die erſte Stelle drängen. fie find 
wicht die Grund-, jedenfalls nicht die alleinige Urfache der allmählichen 
Bernahläffigung der Kolonialfvage. Wenn man in den Streifen, aus denen 
die beiwußte und überlegte Führung hervorgeht oder hervorgehen follte, 
jondiert, jo entdedt man aud) da, wo die Notiwendigkeit oder menigitens 
Nüslichkeit eimer Kolonialpolitik an ich äußerlich oder höflich anerkannt 
wird, ohne viel Mühe oft wieder jenen alten deutihen Beffimismus, 
unter dem die Kolonialpolitit des Deutfchen Reiches jo lange zu leiden hatte. 

Die Zeit, in der mit Angriffen auf die Kolonialvertvaltung parlamen- 
tarifch Karriere gemacht wurde, dauerte etwa bis 1906. Dann wurden die 
Borzeichen einer glänzenden Entwidlung fo unverfennbar, daß die grund» 
er —— verſchwand. Man konnte ſich der Hoffnu ingeben, 

ß olonialpeſſimismus an den Wirkungen unſerer Er eines 
natürlichen Todes verblichen I Doch er jcheint jest au neuem Leben zu 
erwachen, um unfern mangelnden Beruf zur Stolonialpolitif für die Zukunft 


— 926. 


feftzulegen. Das derzeitige politifche Klima Deutſchlands tft ihm entichteden 
befömmlich, und jene verheißungsvolle Periode, die durch den Ausbruch des 
Weltkrieges jäh beendet wurde, war zu kurz, um dauernd im Gedächtnis 
der Menge zu haften. Anderjeits ift aber auch mit dem früher beliebten 
Argument, die deutfchen Kolonien feren nichts wert, heute ſelbſtverſtändlich 
nichts mehr anzufangen — warum hätte die Entente fie ung ſonſt ge 
nonmen? — So tritt denn ein unbeitimmter müder Fatalismus zu Tage, 
der fehlende Gründe mit der Miene überlegener Geſamtauffaſſung zu 
* Ira und ſich der ſtets verzichtsbereiten Urteilslofigkeit al8 bequem 
empfiehlt. 

Hiergegen muß bei Zeiten Stellung genommen werden. Wir haben 
gevade genug davon gehabt und haben verjpürt, wie behende unfere Feinde 
davon gegen uns Gebrauch machten. 

Bon vornherein ift zu betonen, daß feineswegs allein die Kolonial— 
politit die Leidtragende 18 fondern es handelt Fe um Alles, was unter 
den großen Oberbegriff der äußeren Kolonifation fällt, 
einjchließlich alfo der fonjtigen Auswanderung. und unferer gefamten Außen- 
betätigung überhaupt. Der Kolonialpeffimimus ift nichts anderes als die 
legte Frucht einer allgemeinen, fehr verbreiteten Gefühlsrihung, einer 
Stimmung, die bald an der Oberfläche auftaucht, bald als Tatenter Unter- 
ton die Gemüter beherricht, — der DEE End des Aus— 
gewanderten. Sie trifft jeden, der fein Heil außerhalb der Grenzen 
de3 Vaterlandes jucht, den Kolonialdeutichen aber anjcheinend gerade de3- 
halb befonders, weil er, folange es deutfche Kolonien gab, viel mehr im 
Rampenlicht jtand als feine in —— Ländern arbeitenden Landsleute. 
Der Umftand, daß diefe Nebenerfheinung unferer kolonialen Beitrebungen 
in dem anjprecdhenden Gewande eines — Erbübel auftvat, hat zu ihrer 
Popularität viel beigetragen. Ich habe ſie von Beginn meiner Laufbahn 
an verfolgt, damals als man noch mit halb mißtrauiſchen, halb bedauernden 
Blicken gemeſſen wurde, wenn man geſtand, daß man in die Kolonien gehen 
wolle. Zwei Jahrzehnten eigener Erfahrung im Auslande und einer 
Prüfung der Ergebniſſe im Lichte kolonialgeſchichtlicher Studien verdanke 

die beruhigende Gewißheit, daß es umgefähr überall und immer fo 
geivefen tft und daß die Achtung vor dem Auswanderer fteigt, wenn man 
fih daheim Nuten von ihm verfjpricht und er eine beffere Behandlung 
durchzujegen weiß. 

Wir haben es alfo mit einem alten Ladenhüter aus den Beitänden 
de3 menschlichen Dentens zu tun. Es hat einen gewifjen Reiz, feinen 
Spuren in der Weltgefchichte und der Weltliteratur nachzugehen. 


Sn der Eaffifhen Zeit der griechifchen Kultur galt namentlich das 
Kolonialland Sizilien als der „Wilde Weiten” der hellenifchen Welt. Uns 
find darüber yeugnifle erhalten, die eine verblüffende Aehnlichkeit der 
Verhältniffe erfennen laffen. Aus der römischen Gefchichte ift der Hochmut 
überliefert, mit dem der civis romanus der urbs auf den nad} den Kolonial- 
provinzen verpflanzten Stammesgenofjen hevabjah, auch dann noch, als 
diejer jelbit die Stirnbinde des Stadtbeiwohners trug. Im Zeitalter der 
Entdedungen wurde mit dem gleichen Maße gemefien. Lejage, der un- 
übertroffene Schilderer jpanifchen Lebens im 17. Jahrhundert, läßt feinen 
Asmodi don einen verſchwenderiſchen Edelmann Yager: 





— Fe 


„Er wird bald jo weit herabgefommen fein, daß er fi) um eine 
Stellung als Vizekönig beive muß“,*) 
und im Gil Blas wird eine ſchlechte Schauſpielerin Roſarda folgender- 
maßen fritifiert: 

„Man follte fie unter die Truppe jteden, die gegenwärtig auf Befehl 
des Vizekönigs don Neufpanien ausgehoben wird und die unverzüglich 
nach Amerika eingejchifft werden joll“. **) 

Damals drang das jpanifche Wort rastracuero, das urjprünglich einen 
in Amerika vielleicht fchnell, immerhin aber auf honnette Weife veich- 
gewordenen Lederhändler bedeutet, in die franzöfiihe Sprache ein und 
wurde in der Form rastaquouere die gehäffige Bezeichnung für einen 
ausländiſchen Hochitapler. 

Geriet jhon im Verruf, wer nur nad Neufpanien auswanderte, jo 
war der dort Geborene, der (weiße) Creole, noch ſchlimmer dran. Er hatte, 
trotz feiner unanfechtbaren Hautfarbe, zu der ang von Haufe noch 
die des eingeiwanderten Kaftilianers zu ertvagen. An ihm hielt ſich der 
legteve, der gachupino, gewifjermaßen jchadlos, obwohl doch defjen Kinder 
wiederum demjelben Shidiel verfielen. Die Deklafjierung des Creolen 
war nicht nur gefellichaftliche Sitte, jondern verwaltungsrechtlicher Grund- 
fa und wurde jchlieglich ein Hauptmotiv des Abfalls der Stolonien. 

Unfern Altvordern mar ſolche Anfchauungsweife nicht fremd, jo 
a Bi fie im übrigen an der er ray Periode hatten. 
Der deutſche Sprachſchatz Liefert uns dafür einen Beleg in der aus dem 
fpäten Mittelalter ſtammenden fprichwörtlichen Nedensart: jemand dahin 
wünſchen, wo der Pfeffer wächſt. Der Pfeffer war dazumal das wichtigite 

andel3produft. ine Gejchichte iſt Die Gejchichte des Handels. Die 
Blüte der mittelalterlichen Handelsjtädte beruhte auf ihm. Wen man aber 
los fein will, den wünjcht man noch heute, wenn man nich gerade deut- 
licher fein will, ins Pfefferland. Die kolonialpiychologifche Bedeutung diefes 
Spruchzaubers ift ung nur nicht mehr recht bewußt. 

In gleichem Sinne jagen die Franzoſen envoyer au Mississipi, 
ein Wort, daß offenfichtlich entjtanden tjt, als Louifiana noch franzöſiſche 
Kolonie war. Mit einer Anwendung diejes ftedelungspolitifchen Grund: 
ſatzes endet der befannte Roman des Abbe Prévoſt, Manon Lescaut: Zum 
Zwecke der Koloniſation entleerte man Zuchthäufer und Bordelle, 

Aehnlih muß Voltaire gedacht haben, da er Kanada, al3 es den 
ee verloren ging, wegwerfend „einige Morgen fchneebededter 

de” nannte. 

In der Deportation erreicht die havakterijtifhe Mikachtung des Aus- 
wanderers den Höhepunkt. Der Gedanke, unnütze, unbequeme oder ge— 
fährliche Elemente auf einfache Weiſe loszumerden, ift in uns jo unaus— 
roitbar mit dem Begriff der Stolonijation verbunden, daß noch kürzlich in 
einer deutſchen Tageszeitung empfohlen wurde, für die innere Koloni— 
jation, die doch mit der äußeren wenig mehr als den Namen gemein hat, 
Strafgefangene anzujegen.***) 


*) Der bintende Teufel, Kap. 3. 
**) Buch III, Kap. 10. 
er) Berl. Tageblatt” Nr. 175 vom 5.4.1921 (Hans HYyan). 


— 8— 


Nachdem einmal die portugieſiſchen, — fvanzöſiſchen und 
engliſchen Kolonien mit Verbechern beglückt worden waren, war es nur 
natürlich, daß offenſichtliche rechen, die dieſem Teil der Bevölkerung 
zuzuſchreiben waren, dem Koloniſten als — vl das ohnehin belajtete 
Konto gejegt wurden. Es läßt tief bliden, daß die Stadt Deiterto 
(portug. = Verbannung), jet die Haupttadt des brafilianiichen Staates 
Santa Catarina, ihre Umtaufung in Flortanopolig, — und daß 
die Kolonie Vandiemensland 1856 von der Regierung in London den 
Namen Tasmania erbat und erhielt, weil jener erfte Name von Spöttern 
allzu oft in Bandemoniansland verhohnübelt wurde. 3 

Allerdings war Vandiemensland eine der berüchtigiten Straffolonien 
geweſen, aber eine Art von Oftracismus lag auf allen englifchen Kolonien 
und ihren Bewohnern, und das Wort „colonial” — in Indien heißt e3 
deutlicher country-bred — hatte in England nie einen guten Klang. Das 
Urteil oder Vorurteil war weniger jchroff, doch in der Sache nicht anders 
al3 bei den romanifchen Völkern. 

Die Wichtigkeit, die die angelfächjische Kolonifation für die Welt ge- 
wonnen hat, legt es nahe, das jozufagen häusliche Verhältnis innerhalb 
diefer Völkerfamilie etwas genauer in Augenjchein zu nehmen. 

Sir Charles Dilfe, der als einer der früheften DVertveter der all- 
britifchen dee gewiß nicht darauf ausging, den Amerikanern Unannehmlich— 
feiten zu jagen, kann fi) in feinem berühmten Buche „Greater Britain‘ 
nicht entbrechden, auf Grund eigener Wahrnehmungen zu bejtätigen, daß die 
amerikaniſchen Frauen unwomanly (unmeiblich), die amerikaniſchen Kinder 
ne il-mannered and immoral (vorlaut, unmanierlich und fittenlos) 
jeien. 
= — junger engliſcher Diplomat aus beſter Familie ſchreibt kurz und 

ündig: 

„Ihe Americans go down steadily in manners, morals, decent 
feelings and political skill, and will soon be Huns (!) like the Bulgars 
without their manly qualities.‘**) 

(Mit den Ameritaner geht es in’ bezug auf Mamieren, Sitten, An- 
ftandsgefühl und politifche Gewandtheit Tandig bergab, fie werden bald 
Hunnen jein wie die Bulgaren, ohne deren männliche Eigenfchaften.) 

Als in der sn Hälfte des Weltkrieges das englische Liebeswerben 
um Amerikas Beiltand Hyjterijche Formen annahm, brachte die „Times“ 
eines Tages einen fingierten Dialog zwiſchen dem englischen und dem 
amtertfanijchen man in the street (Mann aus dem Volke), propaganditiich 
fehr geſchickt abgefaßt, wie es jich bei der „Times“ von ſelbſt veriteht. Das 
Geſpräch endete natürlich mit der — daß Blut dicker als Waſſer 
ei, wenn es gegen Autokratie und Tyrannei gelte. Aber die engliſche 

urchſchnittsmeinung über Amerika iſt doch in Amerika ſelber jo gut be— 


*) a. a. O. 8. Auflage, ©. 175. 

**) Chas. Lister, Letters and Recollections, with a memoir by his father 
Lord Ribblesdale, ©. 53. Der Brief, der obige Stelle enthält, iſt vom 2.9. 
1913, wurde alfo unter dem Eindruck der bulgarifchen „atrocities“ des Baltan- 
kriegs geichrieben. Wenn nur ein Jahr, ehe wir Gegenftand der englifchen 
Schmähungen wurden, jelbft die Amerikaner in englifchen Augen Hunnen waren, 
dürfen wir uns tröften. 


x 


fannt, el der Verfaffer dem Amerikaner folgende Worte in den Mund 
legen mußte: 

— „Well, I don't believe in all this talk about English affection for 
Americans. Iknow youjustdespiseus. Weareamongrel 
race — vulgar — worshipping the almighty dollar and all the rest 
ofit. Andnow....you need us.. 41 know what Americans have 
suffered in London in the past ten years.“ 

(Ich glaube alle diefe Redereien von englijcher Liebe für die Ameritaner 
einfah nicht. Sch weiß, ihr veradhtet uns geradezu. Wir 
find eine Mifhrafje, vulgär, Anbeter des allmächtigen Dollar und 
devgleichen mehr. Und iebt . . habt ihr ung nötig . Sch we iß was 
Amerikaner in den legten zehn Jahren i in London auszuftehen hattet.) 

Und noch zu derfelben Zeit wurde in London eine ſatiriſche Komödie 
„Dur Betters“ von Somerjet Maugham aufgeführt, in der die amerikani— 
hen Anglomanen „mit giftiger Brutalität“, wie ein amerilanifcher 
Kritiker jagte, verhöhnt wurden. Alfo nicht einmal Verehrung entwaffnet 
den englischen Verächter! 

Der Ausdrud mongrel race A — ein ſehr beliebtes ei 
Beiwort für das ameritanifche Volt. Während vieles von dem, was de 
Amevibaner nachgejagt wird, ohme weiteres auch Dem englifchen "Roloniften 
onhängt, — mit Dem Vorwurf vf unveiner a bleibt legterer verſchont, 
trogdem auch manche englischen — nicht unerhebliche Beſtandteile 
fremder Völker aufgenommen 

Man würde fehlgehen, Ma * annä in dieje englifchen re 
—— gegen die Amerikaner hätten ihre Quelle darin, daß di 
Englander ihnen die Declaration of J——— immer noch nicht * 
zeihen könnten. Die alte Wunde ſchmerzt wohl gelegentlich noch, zumal 
wenn ſich der Neid dazu geſellt. Aber die Gepflogenheit engliſcher Kriegs— 
jerfie, wenn fie mit Amerikanern zufammen in demjelben fremden Hafen 

lagen und der 4. Zuli mahte, ner abzujegeln, damit fie den Flaggen 
ſalut nicht zu feuern — wurde dor etwa ungefähr zwanzig Jahren 
abgeſchafft und wird — vielleicht — nie wiederfehren. Die Grundlage der 
gegenfeifigen Beziehungen ift und bleibt für den Engländer das Gefühl der 
turellen Ueberlegenheit, das ihn Beier jedem Stoloniften befeelt, aber 
im Falle des abtrünnigen Abfalom freilid weniger 
Semmungen unterliegt. (Fortiegung folgt.) 


Die Wirkfamkeit der öſterreichiſchen Kredithilfe 


Bon einem öfterreihifhen Abgeordneten. 


Das Eintreffen der ausländifhen Gelddarlehen wurde vielfah als ein 
erfreuliher Wendepunkt in der Geſchichte der wirtjchaftlichen Not Defterreihs 
gewertet; es wird fih nun aber die Frage erheben, an welhem Ende all der 
betrüblihen Mißſtände zuerft anzupaden fein wird und wo der ſchon arg zer- 
ſchliſſene Rod ‚mit dem entliehenen Fliden zuerſt geflickt werden ſoll. 

Um die gejamte Wirtſchaftslage des Staates darzuftellen, würde der ver— 
fügbare Raum eines Aufjages bei weitem nicht hinreichen; e8 muß genügen, 


ze,’ 


nur wenige bliglichtartige Bemerkungen zu ſammeln, woraus dann jedermann 
erjehen mag, ob der Franke Staat gejunden kann und ob die gewährten Vor- 
Ihüffe dazu ausreichen, wirklih einen merfbaren Wendepunft der 
bisherigen Not und der in alle Wirtjhaftsverhältnifje hineinreichenden Miß— 
ftände herbeizuführen. 

Seit dem Zufammenbruch hat ſich Defterreich durch Iuftiges Drauflos- 
druden don neuem Geld ausgeholfen. Im Dezember 1920 betrug der 
Papiergeldumlauf 30,6 Milliarden Kronen, bis zum Juni 1921 war er auf 
49,6 gejtiegen, während er am 21 Dftober des Iekten Jahres bereits nahezu 
das Doppelte, nämlich 90,9 Milliarden betrug und am Schluffe des verflofjenen 
Jahres die Summe von 120 Milliarden Kronen beveit3 überſchritten war. Die 
legte Dezentberivoche 1921 hatte allein eine Geldvermehrung von 13,9 Milliarden 
gebradht. Dermalen beläuft fich die tägliche Erhöhung auf rund 2% Milliarden. 
Bis Ende Januar 1922 war dadurch diefe ſchöne Summe des öfterreichifchen 
Geldumlaufes ſchon auf 240 Milliarden angeftiegen und Hat ſich innerhalb 
der erjten zehn Tage des Februars auf 265 Milliarden erhöht. Dermalen 
ift e8 zwar bei der täglichen Erhöhung um 2% Milliarden geblieben, doch müßte 
jeglihe Maßnahme eine neuerlihe Erhöhung diefer Summe mit fi) bringen. 

Diefe Papiergeldvermehrung, der fi) unjer Staat mit forglofem Eifer hin- 
gab, war die Grundurſache, daß der Wert unſeres Geldes immer- tiefer fan 
und gleichzeitig zu einem unerwünſchten Ausbeutungsgegenftand wurde. Dies 
brachte jene befannten Blüten und Auswüchſe mit fie), die ſich deutlich wiederum 
in einigen Zahlen fpiegeln. Seit der Errichtung unjeres jungen Freiftaates 
wurden in Wien mehr al3 2000 neue Banlen errichtet. In ähn- 
lihem Verhältniſſe find auch in den Ländern die Banken wie die Pilze aus dem 
Boden gejhofjen, man hat überhaupt feinen Neubau oder Umbau gefehen, der 
nit Bankzwecken gedient hätte. Gleichzeitig damit entwidelte ſich die leichte 
Verdienftmöglichleit dur unjere Geldſchwankungen und. jenes berüchtigte 
Schiebertum, welches das Anjehen unferes heimiſchen Handels auf den Hund 
bradte. Dem leiftete eim reichliher Zuzug fremder Elemente Vorſchub: Go 
hat ſich beifpielsweife die Einwohnerzahl Wiens von 2 Millionen im 
Jahre 1914 auf 1,6 Millionen im Fahre 1920 erniedrigt, während gleichzeitig 
die Zahl der jüdiſchen Einwohner von 178000 auf 523000 geftiegen 
it. Diefe Zahlen, die für die Reichshauptſtadt Wien gelten und für diefelbe 
bezeichnend find, ſprechen für fich genügend und machen eine weitere Erörterung 
überflüſſig. 

Unter dieſen mißlichen Verhältniſſen will man nun ans Sparen gehen; 
und wahrlich ein viel verheißender Anfang iſt ſchon gemacht, wie er in Oefter- 
reich eben üblich ift: e8 mwurde eine eigene neue „Erfparungsfom- 
miſſion'“ eingefegt. Diefe hat denn auch ihre Tätigfeit begonnen, aber bei 
dem befannten Amtsgange, dem unaustilgbaren Zopf unjeres Bermwaltungs- 
betriebes, läßt fich leider diefem Ausſchuß feine befonders glüdliche und frucht— 
bringende Zukunft vorherjagen. / 

Wo follte auch mit der Erjparung begonnen werden? Man jchrieb in 
legier Zeit vom Abbau der Lebensmittelzuſchüſſe, der auch verwirk- 
liht wurde. Diefe Maßnahme aber ging nur zum Schaden der öfterreidijchen 
Unternehmertätigfeit, die nunmehr vor den ärgjten und größten Schwierigkeiten 
fteht. Dean ſprach aud) vom Abbau des Mieterſchutzes und glaubt dadurch 
die Bautätigkeit zu heben, wodurch wenigſtens das Baugewerbe gefördert werden 
joll. Doch vergaß man dabei, daß die neuen Häufer ohnedies von den Beſtim— 


[4 


mungen der Mieterfhusgejege nahezu gar nicht betroffen werden. Man redet 
in legter Zeit am meiften vom Beamtenabbau und fingt damit ein Lied, 
das uns ſchon nachgerade zum Weberdrufje in den Ohren tönt. Aber auch hier 
wird die Rechnung fo ziemlich ohne den Wirt gemacht, da die Anhäufung der 
vielen Beantten in Oefterreich in Wirkichfet nichts anderes ift als eine andere 
Form der Arbeitslofenunterftigung und weil der Staat im 
Augenblide des Abbaues feiner Angeftellten dafür umfomehr oder im jelben 
Maße an Penſionen oder Arbeitslofengeldern auszahlen müßte. Die Voraus— 
fegung der Ermöglichung eines erjprießlihen Beamtenabbaues wäre indefjen 
eine grundlegende Erneuerung der Verwaltung, eine Vereinfachung der mafjen- 
haft gehäuften Gejege und Verordnungen, gedeihliche Einführung Hinfichtlich des 
Dienjtes in allen Aemtern und die Ausmügung der Arbeitsfräfte, joweit dies 
möglid) ift. 

Wenn in Defterreich von Erſparniſſen und Ummandlungen der bisherigen 
Wirtfehaft gefchrieben wird, jo findet man aud) oft die Forderung vertreten, 
daß die Staatsbetriebe aus ihrem dermaligen ftändigen Wirtſchafts— 
abgange herauszuführen feien. Wohl haben wir diefe Forderung längſt wie eine 
Binjenwahrheit al3 richtig erfannt, aber noch niemand hat uns bisher die Wege 
zu weijen gewußt, die zu diefem Ziele führen könnten. Indeſſen geht der Staat 
daran, auch weiterhin feine Gebühren und die Einkünfte aus Pot und Eifen- 
bahn durch Erhöhung aller Preiſe diejer ftaatlihen Einrichtungen emporzu- 
ſchrauben und glaubt damit die Fehlbeträge im Jahresabſchluß deden zu können. 
Aber auch hier ftedt leider ein Fehler in der ſcheinbar fo vernünftigen Rech— 
nung, da ſich alle jtaatlihen Gebühren nur bis zu einem gewifjen 
Ausmaße erhöhen laffen. Werden beifpielsweife die Poftgebühren weiter 
emporgetrieben, jo wird fich binnen furzem die Grenze des Leiftungsmöglichen 
einftellen, die Staatsbürger werden notgedrungen die Benügung der ftaatlichen 
Betriebe auf das Allernotwendigfte einſchränken und weitere Erhöhungen 
bringen eher größere Abgänge als die erwünfchten Einnahmen. 

Auf diefen Wege verjucht man den Jahresvoranſchlag des Staates ins 
Gleichgewicht zu bringen. Im vergangenen Jahre 1621 betrug der Abgana 
die hübfhe Summe von 120 Milliarden Man bofft nun allewdings 
mit Anſpannung aller Kräfte und nah Anwendung aller denkbaren Mittel auch 
dieſe Lücke auszumerzen. Es gehört aber fürwahr ein kindlich gläubiges, naives 
Gemüt dazu, zu meinen, daß ſolche Riefenfunmten, wie ſie in unferen Büchern 
überall auf der Schuldenfeite jtehen, aus eigener Kraft gededt werden fünnten. 

Bundesprajident Hainiſch hat uns erjt kürzlich) wiederum die alten 
Schlagworte von Arbeiten und Sparen als Heilmittel gepriefen; dabei hat er 
aber noch auf ein Drittes hingewiefen, nämlich auf die Eindänmung des 
Genuſſes geiftiger Getränfe. Es iſt gewiß eine richtige Emvägung, 
wenn man im der heutigen Zeit und Not die Emfuhr aller irgendivie ent— 
behrlichen Gegenftände verhindert, worunter ſich auch die in ziemlich großen 
Mengen eingeführten geiftigen Getränfe befinden. Ein günftiger Handelsab- 
ſchluß würde es bedingen, daß nur die notwendigen Rohſtoffe ins Land geführt 
werden, alles Ueberflüflige von der Einfuhr ausgefchloffen bliebe, während nur 
Fertigvaren aus dem Lande ausgeführt werden dürften. Aber auch hierin 
zeigt es ji), daß es oft gar einfach ift, einen Grundſatz auszufprechen, ſchwer 
aber, ihn auch zur Durhführung zu bringen. Mit dem Ausfchluß der geijtigen 
Getränke verlören wir nämlich einen unferer einträglichiten Etewergegenjtände. 
Sollte wirklih ein Vergmügungs- und Altoholverbot in Defterreich durchge 


a 


führt werden, dann müßte dies gleichzeitig eine ſtarke Beeinträchtigung des 
Fremdenverkehr mit fi) bringen und würde ebenfo taufende von Unterneh. 
mern, die vom Ausfchant leben, vernichten. Wan ſieht daraus, daß es wohl 
fehr leicht ift, neue Gedanken zu Papier zu bringen, folange man diejelben 
nit auf ihre Durchführbarkeit überprüft. 

Wenn man nun zu diefem in groben Strichen ausgeführten wirtfchaftlichen 
Bilde Hinzufügt, in welcher politiihen Zerfahrenheit wir uns befinden, in welcher 
Weiſe ſich Beitechlichkeit und Verderbtheit allenthalben breit machen, jo Bann man 
daraus ermejjen, welche Schwierigfeiten den Plänen und Arbeiten entgegenftehen, 
die unternommen werden follen, um diefen Staatsfarren endlich aus dem Drede 
berauszubringen. 

Wohl ift uns nunmehr ein englischer „Kontrolleur“, Mifter Young 
beigegeben, der e3 zur Verwirklichung aller richtig erfcheinenden Maßnahmen 
getoiß nicht an der nötigen Tatkraft jehlen Laffen wird. Iſt es ſchon traurig, 
daß mir zur Erreihung beſſerer Verhältniffe einen anderen für uns denfen 
und leiten laſſen jollen, jo müfjen wir bei der den Dejterreichern eigenen Art 
obendrein befürchten, daß nun alle die Hände in den Schoß legen, alle Fünfe 
gevade fein laſſen und ſich denfen, es wird fchon recht werden und ein anderer 
für ung ſorgen. Wo aber mit den bisherigen Gelddarlehen zur Beſſerung 
unjerer vielen Abgänge und Mißjtände begonnen werden foll, das iſt eine 
Frage, die heute noch niemand zu löſen vermag. Die Zukunft wird es er- 
weijen, ob jene Hoffnungen, die von Leihtgläubigen in den jebigen Wende» 
punkt gejegt wenden, auch die erfehnte Erfüllung bringen oder 
wieder nur mit der gewohnten Erttäufhung enden. 


Das Weltbild der Gegenwart. 
Von Rihard Müller-Freienfels. 


WVielleicht erfcheint es als eine Paradoxie, wenn man es tagt, von 
einem Weltbild der Gegenwart zu reden. Iſt Doch unter den Zeitgenoffen 
vielfadh die Meinung verbreitet, im Gegenſatz zu den meilten Epochen der 
Vergangenheit lebten wir inmitten eines wilden Streites von Meinungen, 
die wirr durcheinander tönten wie die Klänge des die Inſtrumente jtm- 
menden Orchefters vor Beginn einer Oper, und die fich im beiten Fall in 
ferner Zukunft zu einer Ordnung fügen könnten. Indeſſen ijt es ſicherlich 
in allen beivegteren N auch in jolchen, für deren 
Weltanſchauung wir einheitliche Formeln wie „Renaiffance“, „Humanis- 
mus“, „Romantik“ uf. geprägt haben, den bewußt lebenden Zeitgenoffen 
ebenfo gegangen, und jeder Hiltorifer weiß, daß, unbefchadet des Wertes 
folder Formeln, diefe doch nur in filtiver Weife eine Hauptitrömung 
bevvorheben, neben der unzählige divergierende und gegenfäßliche andere 
Tendenzen bejtanden. In Wahrheit ift es auch heute nicht bloß ein wirves 
Snftrumentejtimmen, was wir vernehmen, fondern es geht uns nur fo, 
wie jedem Zuhörer im Konzert, der nicht im Parkett, fondern mitten int 
Orcheſter feinen Plaß hat; daß er das Ganze nicht aufnehmen kann, fondern 
nur die zunächit fibenden Mufifer ſpielen hört, jo daß ihm feine rechte 
Einheit aufgeht. Zugegeben auch, daß heute im Vergleich mit jeder früheren 





— 8— 


Zeit weitaus zahlreichere Stimmen ſich geltend machen und bei der Ver— 
breitung der Preſſe und der Leichtigkeit des Buchdrucks ſich geltend machen 
fönnen, es ift doc) jedem, der aufmerkfam in die Zeit hineinhört, Elar, daß 
bei aller Verfchiedenheit der Stimmen und bei allen bloß ftörenden Neben- 
geräufchen (die in unſerer Vorjtellung von der Vergangenheit nicht mit- 
— ſind) ſich doch eine dominierende Stimmeneinheit heraus— 

n wird. 

Das wird beſonders offenbar, wenn wir das giltige Leben von heute 
vergleichen mit dem um 1900 herum. Tut man das, fo kann man nicht 
abjtreiten, daß alle Stimmen heute, jo verfchieden fe jonft fein mögen, 
in wejentlich anderer Tonart fpielen. War damals in Kunſt, Wiſſen— 
ſchaft, Philofophie, Religion, aber auch in der fozialen und politifchen 
Kultur ein mehanijtifher, unperſönlicher, pofitivifti- 
ſcher Geift vorherrichend, jo geht durch alle Beitrebungen heute, ein 
jenem entgegengefegter Geift, der antimehaniftifch, perfün- 
liher, wetaphyſiſcher gefärbt iſt. Herrfchte bi um 1900 herum 
in der Kunst ein Naturalismus, der in der Beobachtung der Außenwelt 
wie des feelijchen Lebens durchaus poſitiviſtiſch, unperſönlich, metaphyſik— 
frei war, jo find die neweren Beftrebungen, die man unter dem Schlag— 
wort „Expreſſionismus“ zufammenfaßt, einerlei wie man über ihren Wert 
denkt, ſicherlich unpofitiviitifch, bis zum Abſurden ſubjektiv, metaphyſiſch. 
In der Religion, die faft ganz zur pofitiven Wifjenfchaft geworden war, 
ruft man wieder nach) dem perjünlichen, metaphyſiſchen Erlebnis, in der 
Wiſſenſchaft tritt an Stelle des Mechanismus ftärker und jtärfer der Vita- 
fismus, ja man darf auch in der Wiffenfchaft wieder von metaphyitfchen 
Perjpektiven reden. Die Philofophie bejonders, die am Schluß des 
19. Jahrhunderts ſich bemüht hatte, jedem freien Flug zu entjagen und 
feinen Zoll fich über den feſten Erdboden zu reden, verfucht wieder himmel- 
jtürmende Syſteme von oft höchſt luftiger Bauart zu ſchaffen. Ja jelbit 
im jozialen Leben und in der Politit wagt man wieder von „Ideen“ zu 
Iprechen und nicht bloß auf fogenannte Realitäten zu bauen. Sturz, überall 
regen fi) Mächte einer fveieren, fühneven, perfönlicheren Wejensart. 
Mögen fich alle — Beſtrebungen ihres inneren Zuſammenhangs oder 
ihrer gemeinſamen Verwurzelung in einer neuen, gewandelten Attitude des- 
Menfhen zur Welt nicht bewußt fein, vielleicht ift merade der Umſtand, daß 
fie ji deffen nicht bewußt find, daß auch feinerlei äußere „Einflüffe“ 
fie zufammenfügen, am bezeichnendften für eine tiefe innere Oemeinfamteit, 
die in einer feeltfchen Wandlung wurzelt. Liejt man z. B. ein Buch wie die 
wertrolle Weberjicht, die T. K. Dejterveich unter dem Titel „Das Weltbild 
der Gegenwart” (E. ©. Mittler u. Sohn, 1920) unternommen hat und 
die nur Tatfachen zuſammenſtellt, ohne die Abficht Hinter den Tatjachen 
die gemeinfame feelifhe Triebkraft zu enthüllen, fo fällt auf, daß zum 
mindeften in dem feheinbar Negativen, der Abrwendung gegen den um 1900 
herum berrichenden bewußten Verzicht auf letzte große Synthefen eine tiefe 
Gemeinſamkeit beiteht. ; 

Befonders aber, wenn man die BPhilofophie der legten Jahre 
verfolgt, tritt diefe Wendung hervor. Philoſophie ift ja an fich die ſyn— 
all fte Form des menschlichen Dentens, und fie muß daher der feinite 

arometer fein für alle Wandlungen der geijtigen Atmofphäre. Und jo 
befteht heute fein Zweifel mehr, daß an zahlreichen, voneinander kaum 


— 33 


abhängigen Stellen ſich eine neue Metaphyſäal zu bilden beginnt. Mit 
Recht fonnte das temperamentvolle Buch von P. Wuft von einer „Auf: 
erftehung der Metaphyſik“ reden (F. Mauer 1919). Ya, man hat fogar 
ein ganz eigenes metaphyſiſches Prinzip gefunden, das in 
früheren Zeiten feltfamerweife faum beachtet worden it: das Leben. 

n den beiden, ihrer Zeit vorauseilenden großen Denkern Nietzſche und 

d. dv. Hartmann zwar war diefe Tendenz vorgebildet, fie hat jedoch neuer- 
dings bei an fich jo verfchiedenen Geijtern wie Bergſon, Dilthey, Simmel, 
Driefh und zahlreichen andern mannigfachite Ausgeftaltung gefunden, die 
— fo unterfchieden, ja feindlich fie fich im einzelnen zueinander ftellen — 
dod) in dem Grundprinzip, eben dem Glauben, daß im „Leben“ fich der 
Schlüffel zu den tieferen Problemen finden laffe, einig find. Dies „Leben“, 
da3 man früher vorwiegend mechaniſtiſch zu deuten fuchte, gibt aber den 
zufammenfafjferden Begriff, der alles dag vereinigt, was wir als kenn— 

ichnend für das Weſen der gegenwärtigen Geiſtesſtrömung fanden: gewiß 
tft e8 nicht rational faßbar, nicht „pofitiv” zu befchreiben, aber gevade feine 
Srrationalität wird hier zum pofitiven Charakter. Es ift auch nicht un- 
perſönlich, wie die meiften naturtifjenjchaftlich orientierten oder an Kant 
erg Syſteme, fondern es fest den Begriff der Perfönlichteit 
überall al3 wejentlichen Faktor in die Rechnung ein. Vor allem aber wird 
es nicht bloß als phufifches, fondern als metaphufifches Syſtem begriffen, 
als das mit dem Verſtande nie reftlos fahbare, mit feinen mathematifchen 
Formen und Geſetzen zu berahmende Weſen der Welt, das wir nur als 
natura naturata finnhaft oder begrifflich erhafchen können, hinter deren 
Erſcheinungen wir jedoch als natura naturans ein fchöpferifches Agens 
annehmen müffen von übermenfchlicher Größe, für die ſich gelegentlich 
wieder der Name „Gott“ einſtellt. 

Und in diefem Sinne, infofern als wir im „Leben“ ein in allen 
Beitrebungen der Gegenwart wirkfames fchöpferifches, perfönliches, meta— 
phyſiſches Prinzip als tiefere Agens erkennen können, ift es troß aller 
Berfchiedenheit im einzelnen möglich, von eimem einheitlichen Weltbild 
der Gegentvart zu reden. 


Schwellenkunft. 
Bon Manfred Kyber. 


Immer wieder taucht im heutigen Kunftleben der lange verloren geglaubte 
Einfchlag der Myſtik auf, weite Kveiſe ereifern ſich dafür oder dagegen umd 
es dürfte vielleicht angebracht fein, einige beruhigende Worte zu diefer Frage 
beizutvagen. Ich felbit erkenne in der Kunſt keine „Richtungen“, fordern nur 
Perfönlichkeiten an — nur Schaffende von abjoluter Eigenprägung jind für 
mich von tieferem Inteveſſe, alles, was auf Richtungen ſchwört ober ſich ihnen 
anfoppelt, ift Fünjtlerifch zweite Garnitur, zu ſchwach, um auf eigenen Fühen 
zu ftehen. Sachlich aber haben wir ums ganz durchaus mit diefen Richtungen 
umd ihren mehr oder minder begabten Vertretern auseinanderzufegen, fie find 
Zeiterfeheinungen umd üben oft jtärferen Einfluß auf das Leben der Gegen- 
wart, als die einfamen Schaffenden, die, aller Mode jem, aus ihrer Zeit 


Er 


binausitreben und bimausfinden und mehr einer engeren Gemeinde als der 
Menge verjtändlih und vertraut find. So läßt ſich auch die Frage der Myſtik 
im dem Sinne, wie ſie heute auftritt, nur am Leitjeil der Richtungen feit- 
legen und flären, Wir müſſen alfo bei unjerer Betrachtung von allen ſtarken 
Perjönlichleiten der Kunſt abjehen, und die Vielen zu verjtehen fuchen, die 
nicht eigenem Geſetz, ſondern den Gefegen einer Richtung gehorchen, die einer 
Fahne folgen, weil fie feinem Stern folgen können, der fie führt. 

Lange Fahre hindurch hat der Nathralismus diefe künſtleriſchen Gruppen- 
talente beherrfcht und mit ihnen das Publikum, das, anfangs widerwillig, 
ſchließlich doch feine Geleitſchaft nicht verfagte. Der übliche Lärm, den alle 
Richtungen fchlagen, tat das Seinige umd wichtige foziale Fragen, die zur 
Löſung drängten und deren fich der Naturalismus annahm, gaben diefer Kunit- 
gattung Leben und Dauer. Das Verdienst, das ſich der Naturalismus in jeinen 
Fehden erwarb, joll keineswegs verkleinert werden, aber trotzdem war dieje ein— 
feitige Erdenkunſt kunſtfremd in fih, war Analyfe, dargejtellt mit den Mitten 
angewandter Kunſt, nicht Kunft im eigentlichen Sinne. Dern Kunſt ijt nie 
mals nur in dem Idiſchen allein verankert, fie ijt und foll jtets fein ein 
Slodenguß aus zwei Welten gegofjen und revend mit den Glockenſtimmen zweit 
Welten. Neben Wägbarem, das zeitliche Wertung haben darf und oft auch 
baben foll, muß in wirflider Kunſt Unwägbares eingeſchmolzen fein, das 
Ewigkeitswert hat und das auch in der veränderten Beleuchtung ferner Zeiten 
Das gleiche Feuer der Jugend und Schönheit aufflammen läßt, wie zur Stunde 
feiner geistigen Geburt. Darum ift ji wahre Kunſt, die zeitlich durch Jahr— 
dauſende getrennt ft, näher als jeme angewandte Kunſt der ausgeſprochenen 
Zeitprägung, die vielleicht nur Jahrzehnte auseinanderliegt. So war es unver— 
meidlih, daß der Naturalismus mit der allmählichen Erjchöpfung jeiner Pro- 
bleme fich jelbft erichöpfen und auslöfchen mußte. 

Neue Gruppen ſuchten neue Richtungen und man beſann ſich, daß die Ur- 
beimat der Kımjt ein Tempel ift, und diefen Tempel zu juchen, machte man ſich 
auf. Man mählte oft vecht ſonderbaves Rüſtzeug für diefer Wanderung, man 
erfand die feltfamjten Kunſtformen, um die alten zu zerfchlagen, auch hier 
zeigte ſich wieder deutlich, wie das Gruppendenfen, wenn es neu jehaffen will, 
erit einmal zerſchlägt, und überhaſtet Formen bildet für einen Inhalt, der noch) 
fehlt. Es waren viele Mißgeburten unter diefen Formen, viel Gvotesfes und 
unfreiwillig Heiteres, das man füglich übergehen kann. Erjt mit dem Eypreffio- 
nismus von heute findet ſich etwas, das künſtleriſch greifbarer und einer Unter- 
ſuchung zugänglich ift und hier liegt auch die Wertungsmöglichkeit der heutigen 
Myſtik verborgen. Man mag fi) zum Expreffionismus jtellen wie man will, 
Das Suchen nad) dem Geiftigen, nach dem einjtigen Tempel der Kunſt wind 
man ihm wohl lafien müſſen. Ich rede hier natürlih nur von den wenigen 
Können des Erprefjionismus, die ein Recht auf ernithafte Betrachtung haben 
und ſehe hierbei ganz ab von der gefährlichiten Seite diefer Richtung, durch die 
ungebundene Primitivität der Mittel ein wahres Heer von Dilettanten auf den 
Kampfplatz zu rufen, daß reichlich Dafür ſorgt, daß der Expreſſionismus von 
Bo Gegnern noch geringer eingejchägt wird, als er e8 verdient. Ten wenigen 

Könnern ober muß man lafjen, daß fie in bewußter Abkehr vom kunſtfremden 
Naturalismus den Willen und teilweife auch den Weg ins Geijtige hinein ge- 
funden haben, aber nur bis an die Tore eimes Tempels, den fie ſuchen. Es 
mögen Bettler oder Könige unter ihnen vor diefen Toren jtehen, fie haben nicht 
die Prieſterwürde fünftleriiher Intuition gewonnen, diefe Tore zu öffnen. Si 


— 6— 


ſchleppen noch die verhaßten ererbten Stetten analyvtiſcher Denkweiſe mit ſich 
herum, find nicht frei im Geiſtigen und über dem Irdiſchen, nicht wie Dante 
„beveitet für den Flug der Sterne”. Sie haben das Irdiſche, das rein ſinnlich 
Greifbare verlaffen, aber das Geiftige nicht erreicht, fie können nicht, wie alle 
Kunſt verlangt, umwerten aus der Sternenhöhe ins Materielle hinein, fie find 
an der Schwelle hängen geblieben, die die Berwußtjeinsfornen beider Welten 
trermt, und rütteln mın in nerböfem Fieber, in einer völlig kunſtfremden Unruhe 
und Unraft an einem Heiligtum, das fidy willig nur der großen Intuition öffnet. 
Co ſchauen und ſchildern fie nur die bizarren Geftalten jenes Wachträumens, die 
fi) am der Berührungsflähe zweier Welten bilden, als Grenzerſcheinung, als- 
Schattengebilde eigenen auf die ſchwankende Schwelle gefegten Berwußtieins, nicht 
jene Wirfiichleit, die von Indiens und Aegyptens Hochkultur über die chriſtlichen 
Myſtiker und den Gral ſich ähnlich geblieben iſt wie die ewigen Schneegipfel einer 
Welt geſteigerten Erkennens und Erlebens. Sie ſuchten und fanden, aber ſie 
fanden nur bis an eine Schwelle, die ſie nicht zu überſchreiten vermögen, und ſo 
ſcheint mir die Bezeichnung der Schwellenkunſt am eheſten geeignet, dieſen Kunſt— 
richtungen, unter denen ich gerade den Expreſſionismus als beſonders charachte— 
riftifch und einer Fritifchen Betrachtung am würdigſten hevausgegriffer habe, 
gevecht zu werden ihrem Streben und Vollbringen gemäß. Diefer Begriff der 
Schwellenkunſt gibt weder den fanatiſchen Gegnern noch Den fanatifhen An— 
hängern unferer Zeitkunſt völlig vecht, er ftellt fich zwifchen beide und iſt darum 
vielleicht befähigt, eine ruhige und fachliche Wertung anzubahnen. Vielleicht weiſt 
er auch den Expreſſioniſten, Die wirblich lebendige Kinftler und feine Nachtreter 
find, einen Weg über diefe Schwelle hinaus. Diefer Weg ift dann freilich nicht 
mehr im Expreſſionismus zu finden, fondern, wie zu allen Zeiten, im Vorgang 
der Intuition, Vie jeder allein für jich auf feine Weiie zu erringen hat und von 
der der chriſtliche Myſtiler Angelus Sileſius fagte: „ah muß Marta fein und 
Gott aus mir gebären.“ Auf dies erweiterte Erkennen vorhandener Welten und 
Dafeinsmöglichkeiten näher einzugehen, veicht über den Rahmen meiner Be- 
ſprechung hinaus. Im Künſtleriſchen bedeuten ſolche Erfenntnisiteigerungen 
Erleben und Schaffen aus abjoluter Intuition hevaus, ein Geheimnis alfo, das 
weder gelehrt noch analyjiert werden kann. Wir haben e3 bier lediglich mit der 
Modemyſtik von heute zu tun, die als Niederichlag der Zeitftrömungen fich im 
heutigen Kunjtleben offenbart. 


So ſehr man nun gerechteriveife den Willen ımd den Weg der exprejjio- 
niſtiſchen Kunst anertennen muß, fo find ihre myſtiſchen Erſcheinungsformen jehr 
bedenklich, da fie ja eben an der Schwelle jtehen bleiben und unfichere Umriſſe 
eines fernen Landes, mit getäufchten Augen gejehen, als eine neue Welt aus» 
geben. Bedenklich infofern, als diefe Welt weder jchlecht noch gut, fondern gar 
nicht vorhanden iſt, eine Taufchung, die ſich als Myſtik gibt, ohne Myſtik, d. h. 
gefteigertes Erleben einer Wirflichteit zu fein. Bedenklich ferner aud, weil man 
heute im Wirrfinn unſerer griechenfernen Zeit den beflommenen Lebensatem 
liebt, feine reine Schmeeluft mehr, weil man heute nicht Reinigung, nicht inneres 
Wachstum, ſondern Schüttelfrojt und jpannendes Fieber ſucht. Dem allem 
kommen dieje Kunjtäußerungen ausgiebig entgegen, ſie erheben und jtärfen nit, 
fie ſchütteln bloß, fie rütteln an den Newen und wirken jenfationell, aufreizend, 
betäubend. Es mag oft nur plumpe Mache und gemeinſte Spefulation fein, was 
fragwürdige Kumftjünger veranlaßt, dem nachzugeben, aber man würde fehr un— 
gerecht urteilen, wollte man diefe Einſchätzung auf zahlreiche andere ausdehnen, 
die nicht mehr tum, als eimer Zeit gehorchen, die jie zu beherrſchen nicht imstande 


— — 


ſind. Auch hier gibt uns die Wertung als Schwellenkunſt einen Schlüſſel zum 
Verſtändnis dieſer Kunſtwerke. Wenn Myſtik geſteigertes Erkennen, erhöhte 
Bewußtſeinsform iſt, jo iſt ſolch eine Erhöhung und Berkhiebung des Bewußt- 
ſeins nur möglich durch eine Lockerung der Körpevlichkeit, worauf ja auch in 
der Tat von jeher die ſogenannte Einweihung gefußt hat. Was ſich nun bei 
einem wirklicher Intuition fähigen Schaffenden als ein Naturvorgang vollzieht, 
als eine geiſtige Gebuvt, bleibt bei den, der an der Schwelle hängen bleibt, auf 
eine Erſchütterung des Nervenſyſtems beſchränkt — eine einfache Erklärung für 
die niedere Sezualität, mit der jene myſtiſchen Scheinerlebniffe verfnüpft werden. 
Die gleiche Serualität oder eine ähnliche finden wir bei den niederen magifchen 
Experimenten gewifjer Völkerſchaften, bei den orientalifchen Räucherungen, beim 
Opiumvauchen oder bei den Kult-Handlungen ſibiriſcher Schamanen. Es ift ein 
fimdamentaler Irrtum, deswegen Myſtik und Sexualität zu vereinen, weil beim 
Berühren einer Bewußtſeinsſchwelle eine Erregung des Nervenſyſtems uner- 
meidlich iſt. Es iſt ohne weiteres eimleuchtend, daß, wer den Flug zu den Sternen 
wagt, die Nacht durchfliegen muß. Ein Unterſchied aber ift es, ob er diejen 
Sternflug jehildent wie Milton und Dante oder ob er im Anfang, an der 
Schwelle fteden bleibt und nur die Nacht malt mit all ihrem Halben, ihrem 
Grauen, ihrem Verſteckten, wo er in jenen Gebieten bleibt, die nieht Menjchliches 
und Untermenſchliches haben, als Uebermenſchliches und Göttliches. 


Mögen diefe Kunftgattungen, ver Medialität näher als der Intuition, folche 
Nachtgebiete ſchildern für jene, die ich dadurch angezogen fühlen, nur als Myſtik 
dürfen fie nicht geprägt und nicht als geiftiges Erleben ernjt genommen werden. 
Tauſende aber, die von diefen Dingen wenig genug wiſſen, jtaunen die Schein- 
welt einer reinen Nervenfunft al3 Offenbarung an und folgen ihr in ein Laby- 
rinth von Schatten, aus dent jie oft genug den Weg nicht mehr hinausfinden. 
Den Faden der Ariadne zu finden, iſt hier aber eigentlich recht einfach; die Zeit- 
myſtik, mit der wir heute in der Regel beglüdt werden, ift ipeder der Vergangen— 
beit noch der Zukunft verwandt, fie ift lediglich eine Gegenwartsillujion, die, 
aus dem Bereich mervöfer Spannung hevausgehoben, in jich jelbjt zufammenfällt 
wie ein verflogener Opiumrauich. Wenn man viel davon genießt und mit der 
vollen Gutgläubigkeit des Ahnungsloſen, kann nran freilich einen abſcheulichen 
Kagenjammer  davontvagen, und fir die Jugend it dieſe ungeijtig fraftvolle 
Nervenkunſt gewiß nichts weniger als zuträglid. Umſomehr follte man ver- 
ſuchen, jie nicht einfeitig zu bekämpſen und dadurd einer Strohpuppe eine 
Märtyrerkrone zu Flechten, fordern man follte ſich bemühen, richtige Einſchätzung 
und ruhiges Erkennen diefer fezwalifierten Modemyſtik nahezubringen. Nun 
prägt man heute im Zeitalter der Cafehausmufif gerne das Wort, dag Myſtik 
und Erotik verwandt jeten. Das find fte freilich, aber fie find es im griechifchen 
Sinne, im Geſetz der: Anziehung, der Wahlvenvandtichaft der Seelen, im Geift 
des griechiſchen Eros, der auch unabhängig vom Gefchlecht, Schiefale knüpfte und 
löfte wach ſeeliſchen Richtlinien. Das feelifh Vorhandene gejchlechtlich im gege- 
benen Falle bejahen, ijt myſtiſch begründet umd iſt Exotif, aber es ijt nicht 
Sezualität. Einer der furchtbarſten Irrtümer umferer Zeit ift jene jtändige 
Verwechſlſung von Erotik und Sexualität, die beſonders auch unfene dichterifche 
Produktion verfeucht hat. Man hat hier jehr gewagte Gebiete alter Kulturen, 
bat das oft ungewöhnliche Liebesleben großer Männer herangezogen, aber man 
vergißt, daß es ich dabei, nrit wenigen Ausnahmen, um daS Bejahen des 
Phyſiſchen aus dem Geiftigen heraus handelt, nicht um geiſtige Spottgeburten 
aus dem rein phyſiſchen Triebleben heraus, Was in einem Falle vielleicht 


m 


itrittige, aber jedenfalls gejteigerte Potenz iſt, ijt im anderen Falle gefteigerte 
Ympotenz, das charakteriſtiſche Merkmal unferes heutigen fogenannten Seelen- 
lebens. Auch hierüber follte man ſich endlich wieder klar werden, auch hier ift 
man auf der Schtwelle zum Tempel des Eros in den Nerven hängen geblieben 
und nennt die Nervenjernalität defadenter Schwächlinge mit dem ftolzen Namen 
der Erotif, ein abſcheulicher Wit der Kulturgeſchichte, der freilich keine Komik, 
wohl aber eine gevadegu grauenhafte Tragik in ſich ſchließt. 

Wäre nun in dieſer Zeitkunſt alles falſch und ſchlecht, ſo lohnte es nicht, 
darüber zur ſchreiben, fie würde bald in ſich zufammenfallen. Aber gerade, 
weil fie Verlorenes fucht, weil fie die Sterne jucht und vorerit nur die Nacht 
zu Schauen fähig ift, muß man ſich mit ihr auseinanderjegen, muß man jte 
jo werten, daß fie Weg werden kann, nicht Irrweg bleibt für Tauſende. Sie 
bat Werte, die anziehend wirken müffen für alle, die Geiftiges fuchen mach dem 
Meaterialismus der vergangenen Jahrzehnte, aber man muß fie eimihäten 
lernen als das, was jie ijt, muß Lernen, ihre Halbwerte und Scheinwerte nicht 
als Bolfverte zu nehmen. Man muß aud) der Zeitſtrömung entiprechend durch— 
aus mit einer Zunahme diefer Art von künftlerifher Produftion rechnen, die 
klärend wirken fann, wenn fie als Schwellenkunſt betrachtet wird, und die in 
einen Jrrgarten von unfeelifher Seyualität und Scheinmpjtif führen wird, wenn 
fie als Kunft gewertet wind. Alle dieſe Kunffhöpfungen find weit mehr inter- 
ejlante Zeitdokumente als Kunſtwerke, mehr Werkitatt künſtleriſchen Schaffens, 
als Wert — find nicht Tempeltunjt, jondern Schwellenkunſt. 

Um fo wichtiger iſt e8, fie weder einſeitig abzulehnen, denn fie ift Zeichen 
unfever Zeit, noch ſie einfeitig begeijtert als das darzuitellen, was fie nicht iſt 
umd nie fein fann ihrer ganzen Wefensart nad. Den unwiſſenden Bervun- 
derern muß man deutlich jagen, daß fie eine Illuſion bejubeln, daß dieſe Myſtik 
feine Myſtik it, daß der Weg zu wirklich myſtiſchem Erleben noch heute fo ſchwer 
iſt, als zu Beiten des Franziskus von Aſſiſi, und das fie nicht zu erlangen ift 
auf dem bequemen Wege, einen Roman zu durchfliegen oder jih ein Zauber- 
jtüd anzufehen. Den Gegnern diefer Dichter und Maler aber muß man ent» 
gegenhalten, daß ſie über der Hohlheit der mit myſtiſchen Gewändern aufge: 
putzten Götzen nicht vergeſſen follen, dab jene Schaffenden ein achtungswerles 
Können befigen, daß ſie fuchten, auch werm fie nicht fanden. Viele fuchen heute 
md finden nicht, aber es iſt immer noch beſſer, als gar nicht zu furchen. Daß 
diefes Suden oft nur ein Suchen nad Effekten und Senfationen wird, ijt wahr, 
aber auch das ijt fein Grund, das ehrliche Suchen zu überfehen, das unter 
Flitter und Schminke vorhanden tjt. Es ift alles Evolution umd von vein natu— 
raliſtiſcher Erdenkunſt zur Schwellenlunſt tft trotz aller üblen Begleiterfcheinungen 
der Gegenwart ſchon ein Aufitieg. 


Gruß aus Köln. 


Von Max Spanier. 


Ihr deutfchen Brüder vom Oſten umd von der Mark, wenn ihr im diejem 
Sommer mieder Erholung ſucht, kommt einmal an den Rhein! Gewiß, mir 
fönnen auch Beine Feitiprele und feine Strandbäder bieten, aber habt ihr 
Nibelungenzauber und Rheinſtrom vergefien? Haben Krieg und Leidensiahre 
die Romantik aus eurer Seele geriſſen, vermißt ihr nicht das fröhliche Land, 


= 1ggr = 


die Rebenhügel, die flotte Maid und den guten Tranf? Wenn ihr an einem 
Eommerabend durch Caub und Linz wandert, empfindet ihr ein unbejchreibliches 
Glück, mimdet eure Sehnſucht im ficheren Hafen. Fahrt dann zur Loreley, 
Durchs Rolamdsed, über das liebliche Bonn ins „billige Köllen”. 

Wenn die Dämmerung traumſchwer ihren dunflen Mantel über die Dächer 
breitet, das ferne Siebengebirge im erjten Abendfchatten verſinkt, ſpringen 
wie Kyklopen die Kirchen mit ihren Türmen gen Himmel. Der Rhein wälzt 
fein uraltes Lied — was er euch flüftert, ihr könnt es nimmer vergefjen. Im 
Dafen jhlummern die vielen Dampfer, Schleppfähne und Boote. Wie riefige 
Männer ſchnarchen fie nad) hartem Tageswert, am Tage kamen fie von Ruhrort 
und fahren morgen in aller Früh nad) Mannheim und Nürnberg. Ab und zu 
verfündet eine Eirene, daß nicht alles Leben auf den Schiffen erlojchen. 

Wo der Pegel ſteht, die Krahne jtarren, die riefigen Lagerhallen ſich weiten, 
ipielen Kinder. Sie bauen Burgen aus Hölzer und Stein und lafien feine 
Holzſchiffchen durch den voten Eand gleiten. Sie jind fo fröhlid, ftoßen 
Jauchzer aus und frewen ſich, auf all die vielen Schiffe, Mafte, Schornteine 
und bunten Fahnen herabzubliden. Auf einer Bank im Schatten der Bäume 
jigen drei Greife. Schwer und did fallen ihre Worte in die Nacht. Sie fprechen 
die Bergangenheit, ich vernehme einige Laute... ach damals ... . wieviel 
glüdlihe Stunden... Sie ftehen vor einem Rätſel, verſuchen es zu Löjen, 
vergebens — viele Geheimnifje bleiben dem Menjchenverjtand verſchloſſen. Cie 
niden ſtumm und gedanterwoll und machen fi) auf den Heimweg. Mühſelig 
ichreiten fie an ihren Stöden vorwärts: ... 

Die letzten Bäume der Nheinanlage ertrinfen im Abenddunkel. Die 
erjten Lichter Flammen auf. Bald find es über hundert. Kerze an Kerze 
glänzt. Ihr bunter Schinmter fpiegelt ſich plätjchernd im Waller. An diefen 
vielen Lichtern Hab ich ſoviel Freude, ift es mir doch, als ftiege eine helle Sonne 
in die graue Gegenwart. Im mächtigen Bogen jpannen fic) die Brüden über 
den Strom, als jtrede ein Uebermenſch jeine Kraft aus und zeige der Gottheit 
fein Werk. Für eime Gwigfeit gebaut trogen die Eifenträger und Eteine und 
bliden verähtlid auf das liſpelnde Element. Züge ſchnauben und raujchen 
über die Brüden, von Paris und Leipzig, Hamburg und Bafel; da rafjeln ſchwere 
Kraftwagen, hupen Autos, die vielen Wagen und Straßenbahnen, ‚ichieben ſich 
die vielen Menſchen, Gejchäftige und Müßiggänger. Trüben liegt Deutz und 
etwas rheinabmwärts, wo ſich der Rhein im fühnen Bogen ſchwingt, der Raud) 
der Schlote gen Himmel jteigt und eimige Fabrifen wie Feueröfen jtrahlen 
— das iſt Mülheim. 

Wenn ich dieſes gigantische Schaufpiel evblide, des Rheins Geflüſter, das 
Geheimnis der vielen Kapellen und Klöſter, das ftumm durch die Nacht fehrei- 
terde Heer der Arbeiter, den Schimmer der taufend Lichter, das Spiel der 
Kinder, rauſcht mir ein bachantiſcher Freudenmarjch durchs Blut, durchtönt 
meine Seele eine beethoveenſche Sinfonie. Arbeit und Lebensluſt jauchzen all 
die Allowe. Da ift mir, als ſchaute ich in eine riefige Fabrik, die eben zur 
Ruhe gegangen. Trübfal und Sorgen fallen von mir; als Titane wachje ich in 
den Aether, fühle Gottkvaft, alle Elemente zu bezwingen und meinen Mit- 
menſchen Ueberwerfe für ihren Frieden umd für ihr Glüd zu volldringen. Da 
vergefle ich, dak ringsum feindliche Heeve ſchlummern, die unfere Mtenfchlich- 
feit hüten. Der Tag der Gerechtigkeit wird fommen! 

Immer mehr jehmiegt die Nacht ihren Mantel um Haus, Baum und 
Strafe. Ich ſchleiche durch die Rheingäßchen, beſchaue die alten Häuschen, 


— 40 — 


Giebel, ſchweren Holztüren und ſchiefen Steintreppen. Ein mittelalterliches 
Bildchen, das der raſende Schritt unſerer Zeit überſprungen. Dann läuten die 
Glocken, die vielen Glocken, die von St. Martin, St. Himmelfahrt, St. Apoſtel, 
St. Gereon und St. Urfula. Schwer fummt der Sang über den Steintolog: 
Gott ein Loblied. Das Volt lobt. Durch die Tiefe der Nacht glänzen zivei 
ſchlanke hohe Türme. 


Welltſpiegel. 


Bewegte Oſtern. Wie zu erwarten war, ſind ſchon in der erſten Woche 
der Genueſer Konferenz die Schwierigkeiten und Gegenſätze, deren Aus— 
gleich verſucht werden ſoll, in ihrer ganzen Schärfe hervorgetreten. Wir 
haben ſchon in unſerer letzten — an dieſer Stelle die Lage dahin 
gekennzeichnet, daß Frankreich ſich vor die Aufgabe geſtellt ſieht, ſeine 
Politik gegen die Wuͤnſche und Bedürfniffe aller folder Staaten durch— 
drüden zu müffen, die ihr ftaatliches ein auf Arbeit, geregelte Wirt- 
ihaft und friedlichen Verkehr aufbauen wollen. Denn alle dieje Staaten 
haben erkannt, daß die von Frankreich verteidigte Ordnung der Dinge. jie 
dem Ruin immer näher führt. Die Folge iſt denn auch geivefen, daß 
— zunächſt ſchlecht abgeſchnitten hat. Es bedurfte der ganzen 

eſchicklichkeit des italieniſchen Vorſitzenden der Konferenz, des Miniſter— 
präſidenten de Facta, und der beſonderen Gewandtheit von Lloyd George, 
der unter allen Umſtänden die Arbeiten der Konferenz in Gang bringen 
wollte, um wenigſtens von den einleitenden Sitzungen der Konferenz, 
ihver Ausichüffe und Untevausſchüſſe, een ern zu halten. Bekannt 
it der Zufammenftoß Barthous mit Tſchitſcherin in der Eröffmungsfigung. 
Barthou Tieß dabei zu deutlich durchblicken, daß Frankreich im innerjten 
Grunde überhaupt kein Mitarbeiter an den Aufgabeit der Sonferenz it, 
fondern nur teilnimmt, um unter dem Schein der Mitarbeit feinen Sonder- 
interefjen und Sonderplänen Raum zu wahren. 

Zweifellos ſtand die vuffiiche Frage in Genua im Vordergrunde. Sie 
bat fich diefen Pla erobert einmal durch ihre Wichtigkeit, da une einige 
Stlarheit über das an Hilfsquellen fo weiche und doch fo ſchwer Darnieder- 
liegende ofteuropäifche Wirtjchaftsgebiet auch für Weſteuropa nichts Wirk— 
fames zu befchliegen it, fodann audh im AZujammenhang der politijc)- 
taktiſchen Fragen, die vor der Stonferenz zwifchen Sranfreig und England 
verhandelt wurden. 

Unfere deutſche Abordnung befolgte in ihrer verividelten Lage bisher 
die richtige Taktik, daß fie die Gelegenheit, im Rate der Völker als Gleich- 
berechtigte mitzufprechen, durch ftreng jachliche Ausſprache über die zur 
Beratung ftehenden Fragen unbefangen ausnügte und ſich dadurch Ver— 
trauen und moralifches Gewicht verjchaffte, dem gegenüber die mannig- 
fahen Manöver der Franzofen, ihre Stellung zu erſchweren, eine der 
beabfichtigten gerade entgegengejegte Wirkung haben mußten. Die bald 
offenbar werdende Unmöglichkeit, von den Deutſchen Unvorjichtigkeiten 
berauszuloden, bedeutete eine ſtarke Enttäufhung für alle diejenigen, die 
jo ficher darauf gerechnet hatten, mit Hilfe dev Frage der Reparationen 
die Beratungen der Genuafonferenz zum Scheitern zu bringen. Ctatt 
deffen tauchte die für Frankreich höchjt unangenehme Möglichkeit auf, 


EN 


daß in den fachlichen Beratungen wirtichaftliicher Natur und den von 
Deutjchland gegebenen, gründlich erläuterten und belegten Aufllärungen 
ER von jelbjt Zufammenhänge aufgededt werden, die — leiden⸗ 
chaftliches Bemuͤhen, die eparationsfrage fern zu halten, in ein höchft 
ungünjtiges Licht jtellten. 

Unter folden Umftänden mußte die Ueberra hung, die die deutjche 
Abordnung den SKonferenzteilnchmern am DOfterfonntag durch * 
Abſchluß eines Staatsvertrages mit Somwjetrußland 
bereitete, bejonderz ſtark wirfen. In dem Aırgenblid, da wir Dieje Zeilen 
ichreiben, laſſen fich über die Lage und die nächiten golsen Diejes rittes 
noch keine beſtimniten Behauptungen aufſtellen. Nur das eine läßt fi) 
ſchon fagen, daß die Aufregung, die durch diefes Ereignis hervorgerufen 
worden tit, in den Tatſachen nicht gerechtfertigt ift, fondern fih aus der 
Stimmung erklärt, die ſich unter dem mißverftändlichen Cindrud der 
deutſchen Haltung gebildet hatte. Die Ententemächte hätten es gern 
gejehen, wenn die vorfichtige Zurüdhaltung umd die ruhige Sachlichkeit, 
die fie als „Wohlverhalten“ der Seutfgen angenehm und bequem 
empjanden, ihnen geftattet hätte, in allen Fragen doch ichließlich über den 
Kopf der Deutichen weg zu handeln. Nur unter dieier Borausjegung 
ließen fie es fich gefallen, daß fich sg die —— der deutſchen Delegation 
ein gewiſſes Wohlwollen der früher jo feindfelig geftimmten Vöſter berab- 
ließ. Unſere Delegierten aber haben berechtigtermweije die Grenzen ihrer 
auf der Konferenz beobachteten Taktit erkannt und danach gehandelt. 
Trotz Verjailles hat Deutjchland nicht auf alle Souveränitätsrechte ver- 
äichtet; es ift in der e, Staatsvorträge abzujchliegen, die feinen Ver- 
pflihtungen aus dem Verſailler Vertrage nicht widerfprerhen. Daß es 
einen ſolchen Bertr eſchloſſen hat, der allerdings jehr wenig den 
Wünſchen der franzöhfeen Politit entjpricht, weil die Verftändigung 
zwiſchen Deutjchland und Rußland den Franzoſen ein erhofftes Drud- 
mittel gegen Deutjchland aus der Hand nimmt, wirft natürlich verblüffend 
in dem Augenblid, wo die Entente ung ganz an der Kette zu führen 
glaubte und es fchon als ein Bußerorhettioes Gnadengejchent betrachtete, 
daß fie uns innerhalb der von ihr geftedten Grenzen mitzureden erlaubte. 
en bon diefem Gefichtspunft, der nur Die bostoilligen Abfichten und 
feindjeligen Biele der Entente gegen uns verrät, ift die Aufregung über den 
deutjch-ruffiihen Staatsvertrag um jo Tächerlicher, als er „nur lt 
land und Rußland angeht und die Intereſſen anderer Mächte — nicht 
einmal die der dazwiſchen liegenden Nandftaaten, joweit fie loyal find — 
gar nicht berührt. Und weiter wird mit Recht daran erinnert, dak, wenn 
Deutjchland und Rußland ihre Sonderverhandlung fozufagen unter den 
Augen oder. „hinter dem Rüden” der — vorgeworfen wird, 
die Ententemächte ſelbſt ihre Verhandlungen mit Rußland in den Fragen, 
die doch ſogar einen Teil des Konferenzprogramms ausmachten und 
Deulſchland nahe angingen, in Sonderbefprechungen mit den Ruffen unter 
Ausſchluß Deutſchlands geführt Haben. Die Art, wie Franfreich die Note 
der Reparationstommiffion vom 21. März gerade in die Zeit der Genuejer 
Verhandlungen hineingeſchoben hat, als ein neues Mittel, uns zu Un— 
toprektheiten zu verleiten oder zu bedrohen, — wie man uns neue Sant- 
tionen in Ausficht Stellt, während man mit uns am Verhandlungstiſch 
figt, nimmt der Entente vollends jedes Recht, unfer Verhalten zu tadeln. 


— 


Auch eine nach Frankreichs Forderungen korrekte deutſche Politik 
ſchützt ung ja wicht vor fvanzöſiſcher Anfeindung und unter Umſtänden Ge— 
mwalttat. Frankreich wird fich zwar ficherlic” im weiteren Berlauf der 
Entwidlung durch jeine Politit fehaden, zunächit aber doch nirgends eine 
Macht finden, die ihm in den Arm fällt. Auch England wird das nicht 
tun, obwohl es durch Frankreichs Imperialismus in feinem eigenen 
Intereſſe ſchwer gefhädigt wird. Aber England hat zur Aufrechterhal- 
tung feiner Vollmacht jest eigene Schwierigfeiten genug zu über- 
winden. Die Hoffnung, daß die irifche Frage endlich zur Ruhe kommen 
werde, hat fich als trügerifch erwiefen. Wieder erhebt fih in Frland 
der Aufruhr der ganz Radikalen, die es bei der politischen Selbſtbeſtimmung 
nicht beivenden laffen wollen, fondern die Loslöfung von England in Form 
einer unabhängigen Republik eritreben. Auch im Orient, Aogypten und 
Indien bereiten fich für die britifche Macht neue ſchwere Sorgen vor. 

In der vergangenen Woche ift in Genf nun auch endlich die letzte Ent- 
fcheidung in den Fragen bezüalih Oberſchleſiens gefallen, in denen 
wir ung nad) dem Machtſpruch der Entente mit Polen vertraglich ausein- 
anderzufegen hatten. Das äußerſte haben die Polen *3* um in der 
letzten der noch zu regelnden Fragen, — vor allem der Liquidationsfvage 
in Bezug auf das deutſche Eigentum in dem abzutretenden Teil von . 
fchlefien, — ihre jedem Recht hohnfprechenden Forderungen Durchzufegen. 
Die deutfchen Unterhändler find zähe geblieben und haben damit dod) 
erreicht, daß die Polen es nicht für ratſam hielten, den Schiedsfpruch des 
als Bevollmächtigten eingejegten jchiweizerifchen Bundesrats Calonder 
herbeizuführen. & hat man fi) in allerlegter Stunde geeinigt. Das ift 

eulich und für unſere Unterhändler vewdienftlich. Wenn trogdem eine 
reine Freude dabei nicht auflommen kann, jo entipringt das der Erwägung, 
daß e3 fich um einen Vertrag mit Polen handelt, Polen aber Verträge nur 
fo weit ehrlich zu halten pflegt, als ein unmitelbarer Zwang oder Die 
Erwartung größerer Nachteile dazu nötige. Zur Zeit findet Polen für 
jeden VBertvagsbruch in Frankreich einen ftet3 bereiten ger, nirgends 
aber eine Macht, die dem verlegten Recht Genuatuung verichafft. So hat 
Polen au) bei dem Raub von Wilna der Autorität der Weſtmächte 
gi und England einfach getrogt, und Litauen hat ich, obwohl beide 

vopmächte für fein Recht eintraten, dennoch der polnifchen Gemwalttat 
wiberjtandslos beugen müffen. Das gibt einen Vorgefhmad von den 
Auffaffungen, denen auch wir einmal in Oberichlefien in unferem Ver— 
hältnis zu Polen begegnen werden. W. v. Majfom. 


Richtigſtellung. 
Der Verfaſſer des in Heft 13 veröffentlichten Artikels „Die Grenzboten“ 
bittet uns mitzuteilen, daß er Erich Werner heißt (nicht Fritz, wie dort irr— 
tiimlich angegeben war). - Die Schriftl. 


— +48, == 


Bücherſchau. 
Deutſchtum. 


Walter Eggert-Windegg, Der Barde. Die ſchönſten hiſtoriſchen Gedichte von 
den Anfängen deutjcher Gejchichte bis zur Gegenwart. Zweite durchgejehene 
Auflage, 4. bis 6. Taufend. München 1922. €. 9. Dede Verlagsbuch⸗ 
handlung Oskar Beck. 

Die ernſte treue Geſinnung des Herausgebers und die vortreffliche Buch— 
ausſtattung des Verlags erheben den „Barden“ zu einen enpfehlenswertgn 
Jugendbeſitz im vaterländiſch bewußten deutſchen Haus. Das eine Biel, das 
fih der Zuſammenſteller jet, die litevarijch nur auf das Allerbeſte beichräntte 
Auswahl, hat er allerdings nicht voll erreiht. ES war dies au) unvereinbar 
mit dem amdern Biel, das ihm außerovdentlich gut geglüdt ift, größte Neich- 
baltigfeit. Gggert bringt zu überrajchend vielen geſchichtlichen Ereignifjen dich— 
teriiche Ergeugniſſe ältejter und neuer Zeit ber. Aber ftrengere Auswahl könnte 
bei finftigen Auflagen nichts ſchaden. Diejen Mangel empfindet der geretite 
Lejer; der auf Heldentum, forticpreitende Handlung und mannigfaltige Bewegt— 
beit mehr jtofflich eingeftellte Sinn der Jugend kommt ganz auf jeine Rechnung, 
und von den wirkliden Edeljteinen unjerer Balladenliteratur fehlt doch auch 
fajt feiner. 


Jahrbuch für 1922, Herausgegeben vom Berein fürdas Deutſchtum 
im Ausland Berlin W.62. Pr. 7 M., Auslandspreis 15 M. 


Tiejes Buch erinnert das phlegmatiichite Volk der Erde an das leide und 
aufgabenreiche Schiejal, das jeder dritte Deutiche außerhalb der Grenzen des 
Baterlandes lebt. Den Erlebriffen, Entwicklungen und Organifationsformen 
diejes draußenſtehenden Drittels von Deutfchlands Kraft und Zukunft widmet 
das Handbuch gedrungene Ueberfichten von Land zu Land, oft Tragödien, zu— 
weiten Hoffnungen, auf daß die draußen und die drinnen einander mie vergeſſen. 


Walter Hofftaetter, Bon deutjher Art und Kunft. Eine Deutjchkunde. 

Mit 42 Tafeln und 2 Starten. Dritte Auflage. Leipzig 1921, 

B. ©. Teubner. Geb. 35 M. 

Man muß das Gejchid des Herausgebers und feiner Mitanbeiter bervundern, 
daß fie auf io Inappem Raum ein Handbuch, tes Deutſchtums von jo großem 
Stoffreichtum und ſelbſt Stinmmungsreiz zuſammenbringen konnten. E3 find 
erjte Namen unter den Mitarbeitern; der Verlag hat in der bildlichen Aus— 
ftattung Bejtes gegeben. Ein Buch für den Deutſchuntevricht, wie man ihn 
ſich wünſcht. 


Anton Hoenig, Deutſcher Städtebau in Böhmen. Die mittelalter- 
iihen Stadtgrundriffe Böhmens mit befonderer Berüdfichtigung der Haupt 
jtadt Prag. Mit 13 Abbildungen, 4 a und einem Faltpları. Berlin 1921, 
Wilhelm Ernft u. Sohn. Geh. 3 
Diejes Buch intereijiert nicht nur ir Architekten und den Runftbiftorifer. 

Jeder Deutſche hat ivgemdiwie Grumd, den Inhalt dieſes Buches im Unter 

bewußtjein zu tragen. Die Stadt der heutigen Tſchechei ift nach ihrem Urjprung 

deutſch, deutjch ihre Kultur. Was der Ticherhe aus fi) vermochte, zeigen die 

„böhmifchen Dörfer“, Die böhmijche Stadt, deren Entjtehung, Grundrißanlage, 

Baugeſchichte Hoenig an den einzelnen Exemplaren und Typen verfolgt, iſt 


23, — 


ein deutſches Kulturdenkmal und tſchechiſch iſt an ihr nur die Geſchichtsfälſchung 
und die Deutſchenverfolgung. 


H. Schumann, Unjer Maſuren in Forſchung und Dichtung. 
4. bis 7. Auflage, Dvesden, C. Reiner, 1921. Broſch. 18 M., geb. 24 M. 
Durch Krieg und Abftimmung in einem vertieften Sinn „nfer“ geworden, 

in das liebende Bewußtſein des ganzen deutſchen Volkes erhoben und dennoch 

nur den wenigſten aus dem Reich in ſeiner Landesſchönheit und Volkseigenart 
bekannt, hat die maſuriſche Ecke in dieſem — zuerſt ſchon im Krieg erſchienenen 

— Heimatsbuch einen Werberuf gefunden, der die Liebe zu der entfernteſten 

mmijerer Grenzen vertieft und verbreitert. 


Ernft Wachler, Fabeln für Deutſche. (Verlag für volfstümliche Literatur 
und Kunſt Ulrich Meyer, Berlin-Dahlem.) 

Wer ſeinen heranreifenden Kindern unſer Volksleid in edler Fabel— 
einkleidung zu leſen geben will, ſei auf dieſes neue, ſchön geſchmückte Bändchen 
des treuen Patrioten Wachler hingewieſen. 

Wilhelm Erbt, Deutſche Einſamkeiten. Der Roman unſeres Volkes. 

Verlag der — Rundſchau“. Berlin 1921. In Halbleinen 14 M., 

in Halbleder 40 M 

Das deutſche Schicſal iſt hier als eine Szenenfolge lyriſcher Augenblicke 
geſtaltet, in deren Mittelpunkt jeweils ein Großer ſteht, von Wotan über Armin 
und Luther, Goethe und Bismarck bis zum Finis Germaniae und dem Schwur 
zum „Neuen Tag“. Hindenburg zugeeignet, bietet daS Fleine Wert im dichter 
riſcher Ausgeſtaltung, die uns deutſche Größe und deutſche Empfindſamkeit zeigt, 
ein Mahnwort an die Jugend, wie man es ſich ſchöner nicht wünſchen kann. 
Deutſcher Geiſt. Schriften der Fichtegeſellſchaft. Verlag 

RN. Voigtländer, Leipzig. Preis von Band 1: 6 M., von Band 2—: 4 M. 

1. Dr. Bruno Golz, Deutſche Kultur. Jeder, der die Ehre hat, einem 
jo auserlefenen Kultuwolke anzugehören, muß jein Haupt wieder erheben und 
den frenwen Peinigern, aber auch denen, die uns im Innern unterwühlen, 
nit Stolz die Worte entgegenſchleudern: „Sch bin ein Deutſcher“! 

2. Prof. Fritz Rörig, Geſchichtsbetrachtung und deutiche Bildung. Das 
Büchlein führt uns vor Augen, daß gejchichtliche Erfolge nicht von heute auf 
movgen fommen, daß es vielmehr gilt, geduldig zu fein und die Zeit, die uns 
bleibt, zu benüßen, um den Genejungsprozeß zu fündern, das Selbſtbewußt⸗ 
jein zu erhalten. 

3. Heuß, Dr. Alfred, Beethoven. Die Sonderjtellung, die Beethoven 
nicht erſt feit Jahrzehnten, jondern auch jchon zu Lebzeiten unter allen großen 
Mufifern eingenommen bat, veranlaßt den Verfafer, die Jugend zu ermahıten, 
Verſtändnis zu zeigen für die Eigenart der Mitmenjchen. 

4. Dr. Bruno Golz, Wagner und Wolfram. Golz befämpft Wagner 
und ftellt ihm Wolfram von Ejchenbad gegenüber. Daß letztever deutich durch 
und durch ift, dürfte niemand bejtreiten, dagegen werden mur wenige dem 
Berfaffer folgen können in feiner Auffaffung, dak Wagners Erfolg auf einem 
ungeheuerlichen Mißverſtändnis bevuhe. 


Der deutſche Staatsgedanke von ſeinen Anfängen bis auf 
Leibnig und Friedrich den Großen. Dokumente zur Entiwid» 
lung. Zuſammengeſtellt und eingeleitet von Paul Joachimſen, Univ.Prof., 
Münden. 


ze AR, 2 


Juſtus Möfer, Gefellichaft und Staat. Eine Auswahl aus feinen Schriften. 
Herausgegeben und eingeleitet von Prof. Dr. 8. Brandi, 

Johann Gottlieb Fichte, Bolt und Staat. Eine Auswahl aus feinen 
— zuſammengeſtellt und mit einer Einleitung von Profeſſor Dr. Otto 
Braun, 

Freiherr von Stein, Staatsichriften und politiiche Briefe. Herausgegeben 
und eingeleitet von Dr. Hans Thimme. Mit einem Porträt, 

E. M. Arndt, Staat und Vaterland. Gine Auswahl aus feinen politifchen 
Schriften. Herausgegeben und eingeleitet vom Ernſt Müfebed, 

Joſef von Radowig, Ausgewählte Schriften und Reden. Herausgegeben 
und eingeleitet von Friedrih Meinede. 

Sämtlich aus der Sammlung: Der deutiche Staatsgedante, München 1921. 

Die gut fomponierte Sammlung des Dreimastenverlags ſchreitet mit im- 
ponierender Raſchheit voran; es wird ein Prüfjtein für die politifche Reife um- 
jever Gebildeten fein, wie weit fi) Deutſchland dies großartige Rüſtzeug 
bijtorijch-politifcher Belehrung zu eigen macht, das ihm hier jo bequem geboten 
wird. . Von den neu erjchienenen Bändchen, deren Preis geheftet, zwiſchen 20 M. 
und 30 M. liegt, hatte der Herausgeber de3 die ältejte Zeit behandelnden Bandes, 
der Verfaſſer einer trefflichen Gejchichte des deutjchen Nationalbewußtjeins, die 
ſprödeſte faſt unlösbare Aufgabe. Fehlt doch dem deutſchen politifchen Denken 
von Cuſanus (mit Diefem Denker des 15. Jahrhunderts fest Joachimſen 
ein, weshalb nicht mit Roes oder Bebenberg?) bis auf Leibnig die Linie, die 
einzig im preußifchen, nicht aber deutichen Staatsdenfen von 1640 ab zu finden 
ift. Leicht hatte 08 dagegen Brandi, aus Juſtus Möfers patriotifchen Phan- 
tafien einen Band ftarfer und würziger Eigenart auszuwählen, bei ihm lag wie 
bei Thimme die Kunſt im Auswählen, nicht im Sammeln. Auf das pradjt- 
volle Porträt des Freiherın vom Stein, welches Thimme als Einleitung zu 
feiner Quellenſammlung geſchrieben hat, ſei beſonders hingewiefen. Der treue 
Arndt wind durch feinen nicht weniger treuen Biographen Müjebed un- 
übertrefflich gut ausgewählt und dargeſtellt, und auch Radowig hat n Mei- 
nede den zujtändigiten Einführer gefunden. Der einzige Band, der nicht 
uneingefchränftes Lob vexdient, ift der Fichte gervidmete. Gerade bei diefem 
geſchloſſenen Denker ift der gewaltjame Verſuch, Auszüge aus de verichiedeniten 
Werfen herauszufchneiden und neu zu verbinden, zum Scheitern vorherbeftinmt. 
Braun hätte vielleicht befier einfach die ganze Staatslehre von 1813 abgedrudt. 
— Schleiermacher, Vaterländiſche Predigten. 1. Kampf und Niederlage. 

Neubau und Erhebung. Berlin 1920, Staatspolitiſcher Verlag. 3,60 

Dort bezw. 3,50 M. 

In der vorerwähnten Sammlung fonnte Schleiermacher eimen eigenen 
Pla nicht einnehmen; wir verweiſen deshalb als willlommene Ergänzung auf 
diefe ſchon etwas ältere Zufammenjtellung, die Schleiermadher unter die Führer 
nationaler Selbſtbeſinnung umd Erhebung — für damals und heute — einreiht, 
fowie auf den Kommentar, der zu den Predigten erjchienen ift unter dem 
Titel: Chrijtian Boeck, Schleiermachers vaterländifches Wirken 1806—1813. 
Staatspolitifcher Verlag ©. m. b. H., Berlin 1920. 8,50 Marf. . 

Helene Hoerfchelmann, Vier Jahre in ruffiihen Ketten. Eigene Erlebniſſe, 

Münden 1921, J. 3. Lehmann. 12 Marl. 

Menſchlich Schönes, vaterländiſch Erhebendes von ſchwergeprüften Deutſchen, 

Kriegsgefangenen und Balten, wird von der ſympathiſchen Erzählerin zu einem 
dramatiſch verlaufenden Bericht beriwoben. 


— 6 — 


Johann Schäffer, Hilferuf. Enthüllungen eines Zipſer Deutſchen. Berlin, 

Carl Curtius. 

Sehr intereſſante Eindrücke eines aus Amerika in die Heimat zurück— 
gekehrten aus deutſch-ſlowakiſcher Ehe ſtammenden Beurteilers, der, empört über 
die tſchechiſche Mißwirtſchaft, die deutſch-magyariſch-ſlowakiſche Waffenbrüder- 
Ihaft gegen den gemeinfamen Bedrücker fordert. 

Ehriftian Sand, Als belgiſcher Agent-PBrovocateur in Eupen-Malmedy. Er- 
lebnifje im Dienjte des belgiſchen Gouvernements. Berlin 1921. Verlag 

für Politit und Wirtſchaft ©. m. b. 9. 

Ein nicht gerade ſehr normaler Zeitgenofje und Landsmann bejcherte uns 
diefe Dentwürdigkeiten aus den Zwielichtſphären des Krieges, Aber er bat 
Urkunden und veröffentlicht fie eimmandfrei. So ſchafft diejer ehemalige bel- 
giſche Lockſpitzel jegt feinem deutſchen Mutterland die fchmerzliden und em- 
pörenden Belege für die niedrigen Mittel, womit die feindlihen Regierungen 
ihren Raub an deutjhem Land und Volk unterftügten, eınen Raub, der nie 
Recht jein wird — jo gemein ift fein Vollzug, von dem hier ein geheimer Teil 


berraten wird. 
Kurt Engelbredt, zen — der Narr. Roman. Halle a. S. H. Diedmann. 
Br. 0 M., geb. 


Ein Beitroman, — 2 Echicſal des innerlich unfeſten, nie 
Deutichen der Vorkriegsgeit bis zum Zuſammenbruch umd zur Selbjtbezichtigung 
jymborifiert und in Gegenfaß jtellt zu den echten Tugenden des alten Deutjch- 
lands. 


Außerdem find folgende Neuerfcheinungen eingegangen, deren Beiprechung 

wir uns vorbehalten: 

Pau Feldkeller, Ethik für Deutſche. Juni 1921, Verlag Friedri Andreas 
Berthes A.-©., Gotha 

Seinrih Siemer, Welthund der Auslandsdeutſchen. Programm zu einer 
Weltorganifation aller Reichsdeutſchen, Auslandsdeutfhen und Deutich- 
ftämmigen. Mit einer Rede von Walter Dauch, M. d. R. Hamburg 25, 
1921, Weltbund-Verlag. 5 Mar. 

H. 2%. Raub, Die Frankfurter Mundart in ihren Grundzügen dargeftellt. 
Frankfurt a. M., Dieſterweg 1921. Geh. 6 Marl. 

Hermann Jockiſch, Deutichland. Eine Kriegs - Symphonie in Berjen. 
1922, Charlotterburg, Raben-VBerlag ©. m. b. H. 30 Mark. 

Hans Waplil, Böhmerwald-Sagen, „Böhmerwäßder Dorfbücher“. Fünftes 
Heft. Erites bis zehntes Taufend. Budweis 1921. Drud und Verlag der 
Verlagsanitalt Moldavia. 


Denkwürdigkeiten. 


Friedrich Wender, Der Gefangene Friedrichs des Großen. Des 
TR Feeiberen Friedrich dv. d. Trend merfwürdige Lebensgeihichte. Mit jechs 
Abbildungen. Opal-Rücherei, Dresden, Carl Reißner. Geh. 32 M. Halb- 

leinen 42 M., Halbleder 90 M. 
Wegen feiner Liebſchaft mit der Prinzejiin Amalie aus einer glänzenden 
Laufbahn in ein Kerler- und Abenteuerdaiein geworfen, hat Trend durch feine 


PR — 


Denkwürdigkeiten zur Zeit unſerer Urgroßväter gang Deusichland gecührt. 
Heute haben wir andere Sorgen, und es iſt eigentlich nicht ganz einzuſehen, 
weshalb tie Inappe Zeit des modernen — an ſolche Ausgrabungen 
gewendet werden ſoll. 

Eliſa von der Rede, Herzens geſchichten einer baltiſchen Edelfrau. Erinnerungen 
und Briefe. Erſte Auflage. Stuttgart 1921, Robert Lutz. Geh. 20 M., 
geb. 8 M. 

Dies erlebte Buch kann nıan nicht ohne tiefes Intereſſe und warme Teil- 
nahme aus der Hand legen. Bugleich. intereffantes Sittenbiid, gibt das Buch 
ein Seelengemäße. Es jchildert das tragiſche Geichid einer mit holder Anmut 
und beftridendem Liebreis ausgeftatteten jhönen, zarten Seele. Das ſechzehn⸗ 
bis fiebenzehnjährige Sind wird von den ehrgeizigen Eltern an einen Dann 

der als guter aber derb-roher Sinnenmenſch mit dem Holden Wejen 
wicht umzugehen weiß und der e8 troß feiner heftigen Liebe gang bon ſich abitößt. 

Die von Liebesjehnjucht erfüllte, von vielen, auch bedeutenden Männern (Hart: 

mann, Hiltig uſw.) ſehnlich begehrte Frau ging trotzdem mach der Trennung vom 

ihrem Gatten einjam ihren Lebensweg. Bemerkenswert ift im ımjerer für 

Schwärmgeiſter ———— Zeit, daß Eliſa v. d. Recke auch von dem 

berüchtigten Grafen Caglioftro zunächſt angezogen wurde, daß fie ihn aber 

bald als Schwindler erfannte und zu feiner Entlarvung beitrug. 

Heinrid) Ullmann, Denfwürdigteiten des Hefien-Darmftädtiichen Staatsminifters 
Freiherr du Thil, 1803-1848. Geh. 60 M., Halbleinen gebunden 72 M. 
Deutiche Berlagsanftalt, Stuttgart. 

Der Name du Thil dürfte nur wenigen befannt jein, felbft in feiner engeren 
Seimat bört man ihn Baum, obwohl er beinahe ein halbes Jahrhundert leitender 
Minifter in Heflen-Darmftadt war. Das ſpricht an fi) nicht für ihn. Taß 
er aber ein ſcharſdenkender und Far blidender Politiker, ein tüchtiger Ber- 
mwaltungsbeamter ımd ein charaktervoller, origineller Menſch war, zeigen ſeine 
Denkwuͤrdigkeiten. Sie dürften ein wichtiges Quellenwerk zur neueſten Ge— 
ſchichte ſein. In ganz ungekünſtelter, überaus friſcher, perſönlicher Art ſchildert 
du Thil die Jahre des endgültigen Unterganges des alten Heiligen Römiſchen 
Reiches, dann die des Rheinbundes, der Befreiungskriege; weiter, um nur 
einzelnes berauszugreifen, den Uebergang in die neuen Staatsterhältniffe des 
Großherzogtums; die Wiener Konferenz 1819—20, die Entitehung des Boll- 
vereind, an der du Thil enticheidenden Anteil hat; die inneren Kämpfe in Helfen, 
wo du Thil, eigentlich ein letter Vertreter des aufgeflärten Abfolutismus, 
eiferfüchtig die Rechte der Krone dem Landtag -gegenüber wahrte und, bei aller 
Borurteilslofigkett und praktiſchen Tüchtigkeit in wirtichaftlihen und Ver— 
waltımgsfragen, mit rückſichtsloſer Strenge den autoritären Standpunkt gegen 
ale liberalen und demokretifievenden Beitrebungen der Volfspertretung und 
der Volksabſtimmung wahrte und fo in den Ruf eines der härteften Vorkämpfer 
der Reaktion kam. 

Tagebücher von Friedrich von Gent (1829—1831). Herausgegeben von August 
Fournier md Arnod Winkler Amalthea-Berlag, Zürich, Leipzig, 
Wien 


Von den Tagebüchern des urſprünglich großen Publiziſten und zuletzt 
mondänen Wiener Weltſpieglers waren die ſeiner letzten Lebensjahre noch 
unbekannt. Wiener Hiſtoriker geben fie hevaus. Frauen, Intrigen, Politik. 
Geſellſchaft, ein Herbarium von einſt lebendigen, hier getrockneten Tagesblüten 
eines Lebenskünſtlers, der aber ſchon ſtark auf der abſteigenden Linie lebt. 


ai HABE 


Auguft Winnig, Am Ausgang der deutihen Oftpolitif. Penfönliche Erlebniſſe 
und Erinnerungen. ee Verlag, Berlin. Preis geh. 12,50 M., 
geb. 17,50 M. 

Winnig iſt eine Seiondere Berfönlichleit: einfaches, klares Denken und der 
fefte Wille, fi Kenntniffe anzueignen miſchen fih im ihm mit perfönlicher 
Eitelteit und perſönlichem Ehrgeiz, jedoch nur jo, daß auch der politikh anders 
Denfende Hochachtung vor diefem Manne haben muß, der es verjtanden hat, in 
den jchivierigen Zeiten des Kriegsendes und der Revolittionen, nicht immer im 
Einverſtändnis mit jeiner Partei, fich für das Deutfhtum im Dften einzufegen 
und noch bis zulegt zu verfuchen, dem Deutjchen Reiche in den Randitaaten 
Einfluß zu erhalten. Dieſen Eindrud hat man umwillfürli von der Perjon 
Winnigs, wenn man das vorliegende Bud lieſt, deſſen bejonderer Wert darin 
liegt, dab, Winnig fi nicht damit begnügt, einen Liqwidationsbericht über die 
deutſche Oftpolitik zu ſchreiben, fondern aud) einen Ausblid gibt, wie es möglich 
fein und werden kann, daß der im Laufe der Jahrhunderte fo oft nach Oſten 
vorgedrungene deutfche Geift trog aller Ungunſt der Zeiten wieder feinen Weg 
ins Oftland nimmt. 

Kurt v. Schlözer, Petersburger Briefe 1857 bis 1862. Herausgegeben bon 
Leopold v. Schlözer. Stuttgart und Berlin, Deutfche Verlagsanjtalt, 1921. 
Der preußiiche Diplomat ift durch die DVeröffentlihung feiner römijchen 

und mexikaniſchen Briefe längſt als Epiftolograph berühmt geworden. Der 

nenefte Band enthält neben dem fonftigen geifttollen Bild der nordiichen „Pal- 
myra“ eine befondere Köftlichkeit, die ihn für den geikhichtlichen Feinſchmecker 
noch über die früheren ftelt. Er zeigt+ wie Bismard, der noch unberühmte 

Gefandte in Petersburg, Menichen zuerft befremdet und abjtößt, dann im feinen 

Bann, unter feine feelifche Gewalt zwingt. So wie Schlözer erſt widerſtrebt 

und kämpft, Dann bewundert und ſich hingibt, ift er das Spiegelbild des 

Deutichen überhaupt in jeinem Verhältnis zum größten Deutichen. 

Eltfabeth Gräfin von Schlik gen. von Görk, Heimat. Dritte Auflage. Frank⸗ 
furt a. M., Gebr. Knauer. 

Aniprechende Fugenderinnerungen einer echten deutſchen Landfrau. 

Det Merfer. 


Außerdem find folgende Neuerſcheinungen eingegangen, deren Beſprechung 
wir uns vorbehalten. 

Carl Schwartze, Wahre und abenteuerliche Lebensgefchichte eines Berliners, der 
in den Kriegsjahren 1807 bis 1815 in Spanien, Frankreich und Stalien fich 
befand. München 1921. Drei Masten-Verlag. 

Oberit Bauer, Der große Krieg in Feld und Heimat. Erinnerungen und Be 
trachtungen. Oſianderſche Buchhandlung, Tübingen. 27. Juni 1921. 





Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Ouftap Manz in Berlin. 





Geſchäftsführung: Deutſcher Bet Abt. Grenzboten, Berlin SWe48, Wilhelmftraße 8-9 
ernruf: Nollendorf 9. 
Drud: Allgemeine Verlagd- u. Druderei-Gefellfegaft m. b. $., Berlin SW 48, Wilhelmftr. 9. 


Rüdfendungen von Manufkripten erfolgt nur gegen beigefügtes Nüdporto. — Nach⸗ 
druck fäntlicher Auffäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geſtattet. 


Die Grenzboten 
Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 29. April 1922 
Nummer 16 


Kolonialpfychologie. 


Bon Dr. Erich Shulk-Emerth, 
Boupverneur des ehemaligen Shupßgebiet3 Samoa. 


(Bortjegung.) 

Die englifche Kolonialgeſchichte zeigt, ſozialpſychologiſch betvachtet, wie 
die Koloniften diefer Dentweije entiprechend behandelt wurden, wie % ich 
dagegen zur Wehr jetten und fich die zur Aenderung erforderlichen Rechte 
erzivangen. Suerl haben ſich die Nordameritaner die Entjendung von 
Sträflingen und en mit Erfolg verbeten und die fort- 
dauernde politifche Zurüdjegung mit der Losreifung vom Mutterlande 
beantwortet. Die Lehre genügte noch nicht, um Wandel zu fchaffen. Ein 
halbes Jahrhundert fpäter war Kanada, das doc) feinerzeit loyal geblieben 
war, zum Aufitand veif. Als Zurüdjegung wurde im englifchen wie im 
ehemals franzöfiichen Zeil der Kolonie hauptfächlich empfunden, daß die 
gl ein Monopol einiger wenigen englifchen Familien 
parent. bricheinlich hätte die Welt eine Wiederholung des von den 
dreizehn Provinzen benen Schaufpielg erlebt, wenn nicht England 
damal3, wie häufig in Fällen der Not, in Lord Durham einen Staatsmann 
erjten Ranges gehabt hätte, Der Bericht, den er über die fanadifche Be- 
wegung eritattete, ſchlug Durch und wurde epochemahend nicht nur für 
Kanada, fondern für das ganze englifche Kolonialfyitem. Bald darauf 

ann der Abbau der Straftolonifation. Als aber die Selbitverwaltun 
befugnis der Kolonien grundfäglich allgemein gefichert war, da erklärte Die 
Mutter den emanzipierten Töchtern pikiert, daß fie ihrer nicht mehr be- 
dürfe. Der Freihändler Cobden gab diefer Stimmung oder Verftimmung 
einen nationalökonomiſchen Anftrich, indem er die Kolonien als ein Hinder- 
nis für die Volksentwicklung bezeichnete (!), und noch Disvaeli nannte fie 
geradezu den Mühljtein an Englands Halfe.*) Das war nicht jo ſchlimm 
gemeint. England bezog in Form von SKapitalvente reichlihen Gewinn 
aus feinen Kolonien, und gegen äußere Feinde waren die Kolonien doc) 


*) Rathenau, Zur Kritik der Zeit, Berlin 1912, ©. 183, 


immer noch auf das Mutterland angewiefen. Auf diefe Weife blieb, in der 
viktorianiſchen Aera, der Hausfrieden jchlecht und recht gewahrt. 


Der moderne englifhe Imperialismus, an deffen Erwachen und 
Wachſen die Kolonien mehr Anteil haben al3 man bei uns ahnt, brachte 
ihnen einen weiteren Aufſchwung. Heute würde kein englifcher Staats- 
mann, Parlamentarier oder Publizift e8 mehr wagen, die Gefühle der 
Koloniften zu verlegen. Sie haben im Weltkriege ihre ftaatliche Organi- 
fation ausgebaut und zugleid) dem Mutterlande wirkſamſte Hilfe geleiftet. 
Die Umgeitaltung des englischen Weltreihs in einen Staatenbund, in 
Dee äußerer Politit die Vertreter der vier großen Stolonien ſehr maß- 

eblich mitreden, ift dadurch zu einer unmwiderruflihen Tatfache geworden. 
in Zeichen der neuen Zeit ijt es, daß Kanada, Auftralien, Neufeeland 
und Südafrita den Namen „colony” abgelegt haben und fich ſtatt deſſen 
Dominion, Commonwealth oder Union nennen. Einen Erfag für 
„colonial“ hat man, gejucht, aber noch nicht gefunden; die Vorfchläge 
„Brittling“ und „Britonid“ blieben ohne Unterfiügung. Dankbar jpricht 
man in England nicht mehr von Tochter-, jondern von Schweiternationen 
und verabreicht ihnen Anerkennung in Hülle umd Fülle. Alle ſolchen 
Komplimente, mit denen namentlich die Northeliffe-Preffe neben der 
Regierung freigebig ift, werden von den folonialen Zeitungen eifrig 
regiſtriert; man kann in de x Hinficht da draußen jehr viel vertragen. Und 
wie der Stolonift fich als Gaſt an den Ufern der Themſe, als Staatsmann 
im englifchen Kabinett zur Geltung gebracht hat, fo weiß er daheim bei ſich 
fein Hausrecht zu wahren. Wenn jentand fich dort in unbeherrichten Ver— 
gleichen zugunften Englands ergeht, fo heißt es ohne Umstände: Go back 
to England! 


Diefer Wechjel der Gefinnung, von Geringſchätzung in Hochſchätzung, 
iſt zu gründlich, zu ſchnell und zu laut, um aufrichtig zu wirken, und er 
iſt e3 vieifach auch nicht. Aber nur noch hinter dem Rüden des SKtolonijten 
darf der Engländer von heute über deſſen Eigentümlichkeiten in Kleidung, 
Sprache (twang, slang, slanguage) uſw. fpötteln, nur noch in feinen vier 
Wänden fo recht von Herzen jagen: I do hate the colonials! (Ich hafje die 
Koloniften). Die Zeiten, wo die Ehe mit einem colonial girl etwas von 
einer Mesalliance hatte, find vorüber, und nichts ijt von ihnen geblieben 
als backkiting — heimliche ohnmächtige Malice. Der Stolonift mag fie 
im Bewußtfein feiner Errungenfchaften ignorieren. Der Fremde aber, der 
ſich über englifche Zuftände unterrichten will, tut auf alle Fälle gut, feine 
Kenntniffe nicht mir vom home-made-Englishman zu beziehen: 


Wenn der Menjch, wie der alte General d. Korff gefagt hat, davon 
lebt, daß er fich für befjer hält als die andern, dann iſt es nicht verwunder- 
lich, daß die Koloniſten ihrerfeits ing Extreme verfallen und einen Sonder- 
patriotismus züchten, der das überfeeische Angelfachfentum begeijtert als 
die renaissance der Raſſe preift und die jeweilige engere Heimat als den 
Nabel der Erde betrachtet („Omphalismus“). Sogar innerhalb der Ver- 
einigten Staaten iſt bei der Kolonifation des Weitens diefes Stadium ein- 
—— Die Geſtalten, die Bret Harte in feinen kaliforniſchen Erzäh— 
ungen mt Meifterhand gezeichnet hat, reden verächtlich von der „ſchwäch— 
lichen gveifenhaften Kultur der Oftjtaaten“, und noch heute ift in dem 
„Wejterner” etwas davon vorhanden. : 


ür den unbeteiligten Dritten hat ein Austausch von Werturteilen 
zwiſchen zwei Parteien obenhin immer etwas Ergögliches. Tiefergehend 
findet man bier, daß die folonialen Uebertriebenheiten feine bloße Gefühls- 
reaktion find, fondern Auswüchſe einer ernft zu nehmenden Ueberzeugung 
von der eigenen Tüchtigkeit. Es bleibt freilich allemal wahr, was Jeſus 
Sirach : Mer ſich viel anmaßet, dem wird man gram. Aber die An— 
maßlichkeit eines jungen Volkes, das in Weltteilen redet, hat eine ver» 
ſöhne Beigabe von Naivität und iſt weniger abſtoßend als die kalte 
blaſierte Arroganz des ältern Bruders. 

Ungleichmäßige Entwicklung iſt es, die die Ausartung berechtigten 
Koloniſtenſtolzes in Prahlerei begünſtigt hat, und gleichen Urſprungs Hand 
die klaffenden Gegenfäge und grotesten Verzerrungen, die in uns Er- 
jtaunen, Bewunderung und Abneigung erregen, wenn wir die amerifa- 
niſche, die bedeutendite der kolonialen Bölferperjönlichkeiten, m ährer 
Gejamtheit auf uns wirken laffen: eine Auffaffung von großartiger Weite 
neben Excentricität und bombajtifchem Humbug; nüchterner Wirklichkeits- 
finn neben kvaſſem Aberglauben und totaler Verrüdtheit; Verehrung der 
Frau, von der Form männlicher Nitterlichfeit an durchlaufend bis zum 
Maſochismus, neben Rowdytum und oft entjeglicher Rohheit; hochſinnige 
Nächitenliebe neben Herzentälte, et und einer jo rückſichts⸗ 
Iojen Raffgier, daß ein ehrenhafter Mann einft dabei den unnatürlichen 
Wunſch empfand, arm zu bleiben. 

Diefe Unerklärlichkeiten löſen fich, wenn man fich die Entitehung des 
folonialen Charakters vergegentwärtigt. Schon in der Heimat bereitete ſich 
die Scheidung der Geister dor. Mit der Auswanderung 
wurde jie ENDEN Ob ihr fonfeffionelle, politijche, wirtſchaftliche oder 
rein perjönlihe Motive zu Grunde lagen, ftet3 waren es Leute, Die einen 
übermäcdhtigen Zwang, der ihnen das Leben verdarb, nicht ertragen fonnten; 
ite vermochten ihn nicht zu befiegen, wollten fich ihm aber auch nicht unter- 
werfen. Im Willen zur Selbitbehauptung waren fie ftärfer al3 die, die 
jich fügten, und nicht ſchwächer als die, die mit Hilfe eines hergebrachten 
Privilegs jiegten. In die vorderſte Reihe gehören die, die der Heimat 
den Rüden fehrten, weil jie ihren zu eng wurde, weil ihr fühner un» 
rubiger Sinn auf gebahnter Straße, in zunftmäßig abgezirkelten Be- 
tättgungsfeldern, in * geregelter Bienenarbeit keine Befriedigun fand. 
Die Hochkonjunktur dieſer Auswanderung war die Zeit der Konquiſtadoren, 
aber es hat zu allen Zeiten und bei allen Nationen ſolche Naturen gegeben, 
in den verſchiedenſten Untevarten, bis herab zu dem Schüler, der durch— 
brennt, weil er zur See oder nad) Amerika will, und es bleibt ich für die 
Dugehörigfeit zu der Stategorie gleich, ob das Wagnis gelingt oder wicht. 
Der jächjtihe Appellationsgerichtsrat Nörner verjtand diefe Art Menſchen 
nicht. Um feinen Freund Schiller iiber den Aufjtieg Goethes in Weimar 
zu tröſten, meinte er, es ſei bequemer, unter Kleinen Menfchen zu herrichen 
als unter größeren feinen Pla zu behaupten. Caeſar wollte lieber der 
erite in Lerida al3 der zweite in Rom fein. 

Draußen angelonmen, erlebte dev jo auserlejene Menfh mit 
voller Unmittelbarfeit die Wirkungen einer neuen Um— 
gebung, und ziwar in der denkbar ftärkiten Form, durch Uebertritt 
aufeine tiefere Kulturſtufe. Am jchroffiten war der Wechjel 
bei den erften Anfiedlern, den Pionteren, die ein dem Urzuftande nahes 


— EN 


Land betraten. Aber auch die Späterfommenden, die bereits Arbeit ihrer 
Vorgänger vorfinden, und die Kinder, die in die Arbeit der Eltern hinein- 
wachen, haben es immer noch mit wejentlih andern und ungünftigeren 
Zebensbedingungen zu tun als daheim. Die Darjtellungsmittel der 
Sprache reihen nicht hin, um die Vielfältigkeit der neuen Eindrüde und 
die fie begleitenden Gefühle und Vorjtellungen wiederzugeben, die die Seele 
des Auswanderers erfährt. Dies Eingeftändnis des Unvermögens wird 
jeder unterjchreiben, der einſt er Herzens durch Urwald und 
Savanne wanderte und in deflen Erinnerung dieje Zeilen ruhende Bilder 
weder. Die Trennung von der — gewohnten re 
die Einſamkeit, die unendlich fcheinende Naumermeiterung, die Großzügig- 
feit und Feindfeligfeit der belebten und unbelebten Natur, — alles das 
treibt gemeinfam dahin, daß mitgebrachte, aber entbehrliche Eigenſchaften 
berfümmern und die Keime der unentbehrlich werdenden zum Vorſchein 
lommen. Vor allem bilden I} ein hohes Maß von Energie 
und ein [hneller jharfer Blid für den jeweils er- 
reichbaren Vorteil heraus. Unvermeidlich treten die Forderungen 
der materiellen Kultur in den Vordergrund. Geifteswiffenfchaften und 
Kunſt jpielen eine nebenfächliche, im Anfang überhaupt feine Rolle in 
einem Milieu, das den Menſchen rauh anfaßt und ihn herriſch an die Ur- 
injtintte verweilt. Es ift ein Unrecht am Kolonisten, diefen Vorgang als 
Degeneration zu bezeichnen, wie es hochgradige Aeſtheten getan haben. 
Es handelt ſich vielmehr um einen durchaus normalen Verlauf, um eine 
Anpaſſungserſcheinung, allerdings zunächſt rüdbidend, dann aber mit der 
in der Gefchichte jeder Kolonie erfennbaren Tendenz jchnellerer Auftwärts- 
entwickelung. Wenn die Vorbedingungen der Sicherheit von Lehen und 
Eigentum Deffer werden und der Wohlitand wächſt, ftellen ſich auch Die 
Mufen ein und kommen, * die Mittel es erlauben, zu hohen Ehren. 
Nicht leugnen läßt ſich, daß das reife Verſtändnis alter Kulturkreiſe häufig 
fehlt, daß es meiſt kein inneres Bedürfnis iſt, das einen Kolonialmagnaten 
veranlaßt, ſeinen Palaſt mit den Kunſtſchätzen Europas zu ſchmücken und 
europäiſche Virtuoſen mit märchenhaften Gagen über das große Waſſer zu 
Ioden. Aber es HE immerhin ein Berlangen, und die Kunſt geht nad) 
Brot. Ye weiter die Stolonie — um fo lebhafter wird das Be— 
gehren nach feinerer Geiſtesbildung. Dieſes Kulturgut bezieht die junge 
Nation, ohne daß dazu proteftioniitifche Gejege nötig wären, getrieben 
von den Bewußtſein gemeinjamer Sprache, Herkunft und Gefchichte, zum 
beiten Zeile aus dem Mutterlande. Die intellektuellen Klaſſen beider 
Länder treten in immer engeren Verkehr, und wenn erft überhaupt ein- 
mal die Nationalität einer Stolonie gefichert ift, wird Die geiftige Gemein: 
ſchaft dauernd auch nicht mehr durch Zerreikung des politifihen Zufanmen- 
yange unterbrochen. Spanien und England haben ihren kulturellen Einfluß 
in Süd- und Novdamerika nicht eingebüßt. Die Liga Cervantina (Cervantes. 
Geſellſchaft) erfreut fich reger Unterjtügung auf beiden Seiten des Atlantik, 
und Carlyle fchrieb von dem gemeinjamen König Shakeipeare, den eine 
ze fein Ereignis, feine Parlamentsverjammlung entthronen Tönne*). 

eshalb vertraute die Weisheit der engliichen Staatsleitung ihre diplo- 
matiſche Vertretung in Wafhington während der Vorbereitung Welt- 


*) Ueber Helden, Heldenverehrung uſw. dritte Vorlefung. 


we 


triegs einem Univerjitätsprofefjor an, einem Hiftoriter, deſſen Spezial- 
gebiet die Gefchichte der Vereinigten Staaten war, und ebenſowenig iſt e8 
ein Zufall, daß ein Univerfitätsprofefjor als Präfident der Vereinigten 
Staaten bewußt, halbbewußt oder unbewußt — die Piycho-Analyje mag 
das erforschen — eine Politit trieb, die zwar eine ganze Zeitlang auch 
ameritanijc war, aber fich mehr und mehr, ſchließlich mehr als heute ſchon 
vatjam, al3 engliich-angeljächfiich erwies. 

Der Kolonift verdankt der Umwelt, in die er hineinverpflanzt iſt, uns 
bejtreitbare Vorzüge vor dem Bewohner des alten Landes. Während diefer 
jih auf Schritt und Tritt von Staat und Gejellfchaft ftügen und leiten 
laſſen ann, lernt der im wejentlichen fich jelber überlafjeıre Koloniſt — nicht 
ohne Stolpern — bald auf eigenen Füßen zu ftehen und zu gehen Der 
Hochdruck, dem er ausgejegt iſt, entpreßt ihm Leiftungen, die man daheim 
nicht. fennt oder nicht erwartet hätte. Der gutsuntertanige deutiche Bauer, 
deſſen Dummheit, Faulheit und Tücke im 18. Jahrhundert jprichwörtlich 
war, wurde in den Wildmijfen Nordamerifas ein hervorragend tüchtiger 
Anfiedler. Der fibiriiche Kolonift jte — und perſönlich weit 
über dem ruſſiſchen Muſchik.*) Solche Beiſpiele von unterſchiedlichen Ver— 
halten derſelben Raſſe unter verſchiedenen Lebensbedingungen mögen die 
zum Nachdenken veranlaſſen, die im Bann einer unwiſſenſchaftlichen 
Viteratur den Raſſenfaktor als das einzige Mittel des menjchlichen Fort: 
fchritts betrachten. Das gern zitierte Horazijche Coelum, non animam 
mutant qui trans mare currunt**) it ein ifolierter einfeitiger Aphorismus.. 
Selbitverjtändlich nimmt der Menfch, was von jeinen Ahnen her in ihm 
liegt, überall Hin mit. Allein was davon zur Entfaltung fommt und was 
nicht und wie es fich entfaltet, fteht unter dem mitbejtimmenden Einfluß 
der äußeren Umſtände. Die Kolonialgeſchichte ıft ein ein- 
iger großer Beweis für die fulturfördernde Madt 
der Milieuänderungen. (Schluß folgt.) 


Der gegenwärtige Stand der Strafrechtsreform 
Bon D. Dr. Wilhelm Kahl, M.d.R. 


Die eriten Anfänge der Strafrechtsreform liegen genau zwanzig Jahre 
zurüd. Sie fegten ein, nachdem das große Wert Ger Kodifikation des 
deutichen bürgerliden Rechts zum Abſchluß gefommen und in's Leben 
aeıreten war. Bedürfnis und Notwendigkeit einer folden Reform waren 
lange vorher erfannt. Schon das Alter des geltenden Strafgejegbuchs 
ipielte dabei eine Rolle. Urjprünglic” nur für den Norddeutihen Bund 
beitimmt, trat es für den größten Teil des Reiches am 1. Januar 1871 
ins Leben, war aber im Grunditod feiner Gedanken und Rechtsnormen 
nur das wenig veränderte Preußische Strafgejeg von 1851. So vor— 
trefflich diefes für feine Zeit auch war, fo hatten doch bis zur Wende des 


*) Wiedenfeld, Eibiren in Kultur und Wirtſchaft, Bonn. 1916. ©. 2, 30/31. 
**) Epifteln, 1. Buch Nr. 11, Vers 11. 


— 4— 


Jahrhunderts Rechtsſprechung der Gerichte und wiſſenſchaftliche Feinarbeit 
der Kriminaliſten eine Menge von techniſch juriſtiſchen oder juchlichen 
Mängeln herausgeſtellt, die zur Reviſion des deutſchen Strafrechts drängten. 
Die viel ſtärkeren Anſtöße dazu kamen aber von anderer Seite, von den 
außerhalb aller gejegmäßigen Beſtimmbarkeit in der Zwiſchenzeit neu ent- 
tandenen Lebenbedingungen und Erjcheinungsformen des Berbrechertums 
—8 Geändert hatte ſich vielfach ſeine Art und dementſprechend das Be— 
dürfnis der Methoden ſeiner Bekämpfung. Mit auffälliger Progreſſion 
waren in ſeinen Perſonenkreis die rüdfalligen Verbrecher aller Schattierun— 
gen, bejonders die gewerbs- und gewohnheitsmäßigen getreten. Daneben 
ein zeitiveife beängjtigendes Steigen der „jugendfriminalität. Endlich das 
Hervortveten des getitig minderwertigen Verbrechertums in jehr ver— 
ſcheidenen Typen, dem gegenüber dos geltende Recht ganz bejonders ver— 
lagte. Bei diejer Bund in Art und Urfachen der Strimimalität war 
nicht peſſimiſtiſch an einen bejonderen Tiefitand der rechtlichen, ethiſchen 
und anderen iDealen Werte gerade im deutjchen Bolte zu denfen. Gleiche 
Erſcheinungen traten außerhalb des Reichs in der Schhweis, in Oeſterreich, 
in den nordiichen Staaten auf und führten zu Revifionsbejtrevungen, als 
Gefamtergebnis der in Ffurzer Zeit geſchehenen grumditürzenden Ver— 
. änderungen der jozialen Zustände, der Arbeitsverhältniffe, der wirtichaft- 
lihen Lage, der Entwidlung des Großftadtweiens, der Fortichritte der 
Technik, der Ausdehnung des Weltverfehrs. Dieſer rapiden Entwidhung 
hatte das Stvafvecht nicht zu folgen vermocht. Es war überflügelt durch die 
Verbrecherwelt jelbft, überholt durch die ingungen einer neuen Zeit. 

Wohl vorbereitet Durch Beſchlüſſe juriſtiſcher Fachkongreſſe, namentlich 
des deutichen Yuriftentags und der Internationalen Kriminaliſtiſchen Ver— 
eimigung, begann die eigentliche Neformarbeit im Jahre 1902 mit einer 
tief angelegten wiſſenſchaftlichen Bevanjtaltung, der Herausgabe einer 
„DBergleichenden Darjtellung des deutfchen und ausländijchen Strafrechts” 
unter Beteiligung oft aller deutſchen Steafrechtslehrer. 1908 lag das 
Werk in fechzehn Banden abgefchloffen vor. Huf feiner Grundlage erſchien 
1%9 ein im preußifchen Juſtiz-Miniſterium aufgejtellter Vorentwurf. 
Zwei Jahre Lang wurde er Gegenstand eingehender literariicher Kritik aus 
allen „yiiereffentenkreifen. Die Strafrechtsreform war von Anfang an als 
eine Angelegenheit des deutichen Volkes eingeführt. 1911 geſchah ein 
weiterer entjcheidender Schritt. Nach Vereinbarung der Bundesregierungen 
trat im April Diefes Jahres im damaligen NReichsjuftizamt eine achtzehn- 
gliedrige „Strafrechtstommiffion“ von Praftitern und Theoretifern mit 
dem Auftvage zujammen, auf Grund des VBorentwurfs einen neuen, wenn 
auch noch nicht amtlichen Entwurf auszuarbeiten. In 282 Plenarfigungen 
wurde der Auftrag bis zum September 1913 ausgeführt. Diefer Entwurf 
trägt offiziell den Namen „E. 1913”. Eine kleinere Kommiſſion arbeitete 
dazır alsbald das Einführungsgefeg, namentlich zur Löfung der ſchwierigen 
Fragen des Verhältniffes von Reichs- und Yandesitrafrecht aus. Dieſe 
Arbeit war im Juni 1914 fertiggeftellt. 

An diefen Punkte hat der Kriegsausbruch den Gang der N 
Strafrechtsreform jäh unterbrochen. Er verhinderte ſowohl die geplante 
alsbaldige Veröffentlichung des „E. 1913”, als auch die nach der Erklärung 
des damaligen Staatsjefretärs des Neichsjuftizamtes Lisco beabfichtigte 
Vorlage eines amtlichen Entwurfs im Frühjahr 1917 an den Reichstag. 


— 


Der Einfluß des Krieges auf den Geſamtzuſtand des deutſchen Straf: 
rechts war zunächjt verheerend. Die Tätigkeit der Geſetzgebung ruhte ganz. 
An ihre Stelle trat eine mahezu unbeſchränkte Verordnungsgewalt des 
Bundesrat. Durch $ 3 des ſog. Ermächtigungsgeſetzes vom 4. August 1914 
wurde diefer berufen, während der Zeit des Strieges diejenigen gefetlichen 
Maßnahmen anzuordnen, welche jich zur Abhilfe wirtjchaftlicher Schädt- 
gungen al3 notwendig eviviefen. Daraus erwuchs mit der geit eine Rieſen⸗ 
— von Strafrecht neben dem Strafgeſetzbuch. Durch praktiſche 

twendigkeiten bedingt wurde der Begriff der wirtſchaftlichen Maß— 
nahmen ins Ungemeſſene ausgedehnt, wurden neue Tatbeſtände und bisher 
unerhörte Strafmaße ae Die Zahl diefer jtrafrechtlichen Kriegs: 
verordnungen wuchs in die Hunderte, ohne daß das Publikum genauere 
Kenntnis davon nehmen fonnte. So mußte es gefchehen, daß jogar eine 
der grundjäglichiten und jchwierigiten Fragen, nämlich der Einfluß des 
Nechtsiretums auf die Strafbarfeit der Handlung, durch einfache Ver— 
ordnung vom 18. me 1917 geregelt wurde. Sachlich durchaus zu— 
treffend, im Anſchluß an E. 1913, aber immerhin ein Eingriff in den NRegel- 
gang der Dinge, der, ivie kaum etwas anderes, die damalige Notlage des 
Stvafrechts kennzeichnet. Gefteigert noch Durch die auf taufend Gründen 
beruhende Erſcheinung und Erfahrung einer jeden Kriegszeit, durch die 
erhebliche Zunahme der allgemeinen Striminalität. Auf dem — 
lichen Gebiet des täglichen Lebensmittelverkehrs wurde die Lage bekannt— 
lich die, daß die Geſetzgebung geradezu zu ſtrafbaren Handlungen hevaus— 
forderte oder nötigte. Das Strafrecht war in Gefahr, ſeinen Reſpett 
einzubüßen. 

Bei dieſer Lage der Dinge war ſelbſwerſtändlich, daß die vevantiwort- 
liche Stelle tobald als möglich den Gedanken der Strafrechtsreform wieder 
aufnahm. Es gejchah im Frühjahr 1918 zu einer Zeit, als mit einer 
nicht zu fernen fiegreichen Beendigung des Strieges gerechnet werden 
fonnte. 3 Reichs-Juſtizamt bemiftvagte vier ſchon an den Vorarbeiten 
beteiligte Praftifer mit einer Nachprüfung des E.1913, nicht nur ımter 

f men fachlichen Gefichtspunften, jondern insbefondere auch mit Rüd- 
fiht auf die Erfahrungen des Weltkrieges. Unerivartet erweiterte fich die 
Revifionsaufgabe noch Durch die Staatsummälzung im November 1918 
und die Rückwirkung der veränderten ftaatsrechtlichen und fozialpolitiichen 
Verhältniſſe auf das ftrafrechtliche Gebiet. Im November 1919 war Die 
Revifion beendet. Ihr Ergebnis wird amtlich „E. 1919” genannt. Ber: 
öffentlicht wurde er zugleich nachträglich mit dem von 1913 im Januar 1921. 
Inhaltlich ſtimmen beide Entivürfe in allen wejentlichen Grundlagen und 
Zielen überein. Im einzelnen enthält der von 1919 manche Verbefferung 
und auf die neuen Zeitverhältniffe abgeſtimmte Veränderung. Namentlich 
mußte er jeinen Beitimmungen zum Schuße des ee Nechtsgebiets 
den in der Weimarer Berfaffung vollzjogenen Wechiel der Staatsform zu 
Grunde legen. Es ift hier der Dort, wenige Worte über den Inhalt diefes 
neuejten Entwurfes zu jagen. 

Von allen Problemen juriftifcher Technik bei den Lehren des Allge- 
meinen Teils und der Neupräaung der befonderen Straftatbeftände abar- 
leben, treten als fette und höchſte Ziele des neuen Strafrechts, als ‘die 
stardinalpunfte des Neformprogranms folgende vier hervor: 1. Die 
Ichärfere pfychologifche Unterfcheidung und Erfaffung des Verbrechertums 


um Zwecke einer erfolgreicheren individuellen Behandlung der einzelnen 
erbrecheriypen. Dies erforderte zunächit eine bis jet fehlende gejetliche 
Anerkennung der geiftigen Minderwertigfeit, der jog. verminderten Zu- 
rechnungsfähigkeit, die in befonderer Weife zu beftimmten Arten ftrafbarer 
Handlungen prädisponiert. Die ausdrüdliche gefegliche Anerkennung 
diefer zwifchen vorhandener und fehlender nr gelegenen 
verbrecherifchen Anlage hat nicht in eriter Linie den Zweck eine mildere 
Beſtrafung der vermindert Zurechnungsfähigen herbeizuführen, als viel- 
mehr, die vechtlihe Grundlage für eine der Beitrafung nachfolgende 
Sicherungsbehandlung ver geiltig minderwertigen Verbrecher zu jchaffen. 
Es war auferden eine fehärfere Individualiſierung der rüdfälligen Ber- 
brecher vorzufehen. Der Einfluß des Rückfalls auf die Strafbarkeit der 
Handlung ijt außerordentlich ernft gejtaltet. Der Nüdfall ift nicht nur, wie 
bisher, bei beitimmt ausgewählten, jondern bei allen jtrafbaren Hand— 
lungen ein Straffehärfungsgrumd. Vom 6. Rüdfall ab ijt die Annahme 
der Gewerbs- und Gemwohnheitsmäßigfeit begründet, die neben erheblicher 
——— —— obligatoriſche Sicherungsverwahrung, wenn nötig auf 
ebenszeit, nach ſich zieht. Endlich erforderte das Reformprogramm eine 
Neugeſtaltung des Jugendſtrafrechts mit beſtimmterer Herausarbeitung 
des die Strafe begleitenden Erziehungszweckes. Die Beſtimmungen hier— 
über wurden aber von der ee > aus dem Entwurf voriveg- 
genommen und in Verbindung mit einigen Sonderregeln über dag Straf- 
verfahren gegen Jugendliche in den Entwurf eines im Februar 1920 dent 
Neichsrat vorgelegten „Fugendgerichtsgefeges“ eingeitellt. 2. Die Ber- 
befferung des Strafmittelfyjtens, nantentlic” der Gelditrafe, mit dem 
wed, ſie den wirtichaftlichen VBerhältniffen anzupaffen, ihren formalen 
Mechanismus zu bejeitigen, ihre ethiichen Werte herauszuholen und ihr 
wiederum zum Reſpekt in der Verbrecherwelt zu verhelfen. Für dieſe 
Zwecke wurden ihre Strafmahe erheblich gejteigert, wurde eine befondere 
ewinnfuchtzftrafe für alle aus Gewinnfucht begangenen Handlungen bis 
zu 100 000 M. fejtgefebt, die Einführung von Friften- und Teilzahlungen 
fowie die Tilgungsmoglichfeit durch „freie Arbeit“ an Stelle einer Erjaß- 
freiheitsftrafe eingeführt. Auch diefer Teil der Reform wurde aber aus 
dem Entwurf bereit herausgenommen und einem noch zu erwähnenden 
Spezialgefeg gewifjermaßen al Vorempfang übertwiefen. 3. Die Strafs 
bemeffung nad ihren beiden Seiten der Strafmilderung und Straf- 
ſchärfung wurde grundfäglich reformiert. In erjterer Richtung wurde die 
ee der im geltenden Recht nur nach willfürlicher Auswahl zu 
berüdjichtigenden „mildernden Umſtände“ verallgemeinert und eine Kate— 
> von ſog. „bejonders leichten Fällen“ eingeführt, wenn nach Wille und 
rfolg jelbjt das Mindejtftrafmaß noch eine unbillige Härte bedeuten 
würde. Unter Umftänden kann von Strafe jogar abgefehen werden. Diefe 
Vollmacht des Richters ijt auf die Fälle berechnet, in denen wohl das 
formelle Begriffsmioment, nicht aber der Geift des Geſetzes zutrifft. In 
der Skala der Straffhärfung entfprechen diefer Kategorie die „bejonders 
ichweren Fälle”, wenn der Wille ungewöhnlich verwerflid und der Erfol 
ungewöhnlich ſchwer iſt. Diefe ganze Neuordnung bedingt — 
eine erweiterte Freiheit des richterlichen Ermeſſens, des Herzſchlages des 
deutſchen Strafrechts der Zukunft. Um dieſen Grundſatz wird einſt der 
Hauptkampf entbrennen. Entfiele er aber, ſo würde die Strafrechtsreform 


— 


einen weſentlichen Teil ihres Sinnes verloren haben. 4. Der ſpezifiſche 
Dienſt endlich, den die Reform des Strafrechts der Zukunft leiſten ſoll, iſt 
die Verbindung eines Syſtems der Sicherung mit der Strafe. Der Ver— 
brecher ſoll nicht unkontrolliert wieder auf die Straße entlaſſen, die Geſell— 
ſchaft vor ihm geſchützt, er ſelbſt vor Rückfall behütet werden. Es werden 
dreifach unterſchieden Sicherung zum Zwecke der Erziehung und Beſſerung 
von Jugendlichen oder Erwachſenen, Sicherung zum Zwecke der Heilung, 
wenn franfhafter Zuſtand die Urſache des verbrecheriſchen Verhaltens war, 
wie bei vermindert Zurechnungsfähigen oder Alkoholikern, Sicherung zu— 
letzt gegen gemeingefährliche unperbeffesfiche Schwerverbrecher, wenn nötig 
auf Yebengzeit. Als Siherungsmittel kommen Anjtaltsverwahrung in den 
verjchiedeniten Formen (Arbeitshaus, Trinkeraſyle ufw.) oder perfünliche 
Fürſorge durch Defteltung eines Pflegers (Schupauflicht) in Betracht. In 
dem organifchen Syneinandergreifen diefer verfchiedenen Maßregeln eröffnet 
fich ein Eriminalpolitifches Autunftsidenl, deſſen Verwirklichung freilich 
auch von finanziellen Möglichkeiten beeinflußt wird. Wie andere Kultur— 
werke, iſt auch die Strafrechtsreform in das allgemeine Unglück des Vater— 
landes hineingezogen. 

Auch dieſer E. 1919 iſt ſeit ſeiner Veröffentlichung, alſo ſeit voll ge— 
meſſener Jahresfriſt, bereits Gegenſtand ſorgfältiger literariſcher Be⸗ 
ſprechung geworden. Wenn die weitere Oeffentlichkeit darüber noch nicht 
näher und nicht öfters unterrichtet werden konnte, ſo liegt dies naturgemäß 
an dem Vorrang der großen politiſchen Probleme und den allgemeinen 
Verhältniſſen der Preſſe. Auf der Grundlage dieſes Entwurfs wird gegen— 
wärtig im Reichsjuſtizminiſterium die amtlche Vorlage des neuen deutſchen 
Strafgeſetzbuchs fertiggeſtellt. Es iſt in Ausſicht genommen, daß ſie noch 
im Sommer 1922 dem Reichsrat vorgelegt werde. Inzwiſchen aber und 
bis zur endgültigen Verabſchiedung des Geſetzbuchs ruht die geſetzliche 
Fortbildung des Strafrechts keineswegs. Gegenteilig beſteht darin eine 
faſt zu lebhafte Bewegung und Tätigkeit. Wie ſchon in der Kriegszeit, ſo 
hat ſich auch ſeit der Staatsumwälzung neben dem Inhalt des —— 
buchs ein ungeheuver ſtra trechtlicher Stoff in Sondergejegen und Ver— 
ordnungen, fo in der Maſſe der Steuergejege, in den Durch den Berfailler 
Bertrag dem Reiche aufgeziwungenen Gefegen über die Entwaffnung vom 
7. Auguft 1920 und über das Verbot militärischer Vereinigungen vom 
22. März 1921, endlich in den zeitweiligen Verordnungen des Neichspräfi- 
denten zu Art. 48 der Neichsverfaffung über den Ausnahmezuftand aufs 
ag MWirtfchaftliche, kriminalpolitiſche und jtaatsrechtliche Umſtände 

oten weitere Anläffe zu ftrafrechtlicher Novellengefepgebung. Zunächſt die 
Notwendigkeit der Verfchärfung der Strafen gegen Schleichhandel und 
Preistveiberei durch- Gefete vom 18, Dezember 1920 und 15. Dezember 
1921, Geſetze, die allerdings ihre Zwede nur unvolllommen erreicht haben 
und erreichen werden. Das liegt nicht an ihnen felbit, fondern am Tat- 
beitande des Wuchers, der an feinen legten und eigentlichen Quellen ſchwer 
zu faffen ıft und wie kaum ein anderes Verbrechen die Möglichkeiten der 

erfchleierung bejigt. Die raſend fortjchreitende Geldentwertung ferner 
ſowie der Notitand der Ueberfüllung der Strafanftalten haben zu dent Ge— 
jet vom 21. Dezentber 1921 „zur Erweiterung des Anwendungsgebiet der 
Geldſtrafe und zur Einfchränfung der hurzen Freiheitsſtrafen“, in Geltung 
feit 1. Januar 1922, geführt. Die Gelditrafe mit ihren durchjchnittlich 


— 


zehnfachen Erhöhungen iſt dadurch in den Vordergrund unſeres ganzen 
Strafenſyſtems getreten. In dieſes Spezialgeſetz find die ſchon erwähnten 
Beſtimmungen uͤber Friſten- und Teilzahlungen und die Möglichkeit der 
Abverdienung der Geldſtrafe durch Arbeit aus den Entwürfen 13 und 19 
übernommen. Endlich iſt in Vorbereitung ein „Geſetz zur Anpaſſung des 
Strafgeſetzbuchs an das Verfaffungsrecht”, d. h. die auf den Schuh der 
früheren Staatsform berechneten Strafbejtimmungen jollen umgeſtellt 
werden auf die Organe der Republik, Neichsprafidenten, Regierungen des 
Reichs und der Länder, Reichstag, Reichsrat um. Neben Gewalttätig- 
feiten oder Aufforderungen zu ſolchen gegen diefe Organe oder ihre Mit- 
lieder wird auch die öffentlihe Beſchimpfung der verfaffungsmäßigen 
Stnatsform fowie der Reichs- oder Landesfarben unter Strafe geftellt. 
Dieſes Anwachſen von jtrafrehtlihem Stoff außer und neben der 
Hauptquelle des Strafgejegbuchs iſt an fich ein Uebeljtand. Es ift anzu— 
erkennen, daß er in den Jahren der Ueberleitung des ganzen öffentlichen 
Nechts in eine neue Zeit nicht vermieden werden kann. Grundfäßlich aber 
muß die Novellengefeggebung auf die Falle dringendften Bedürfniffes mehr 
und mehr beichränft bleiben. Es darf insbefondere nicht gefchehen, dat 
aus parteipolitiihen Wünfchen und Programmen erwachſene Anträge auf 
Abänderung des geltenden Strafrehts, wie Aufhebung der Todegitvafe, 
der Nebenftrafe der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, Befeitigung 
der Abtreibungsitrafen, worüber bereit3 drei, zum Teil übertrieben wmeit- 
gehende Initiativanträge vorliegen, durch vorgreifliche Novellen erledigt 
werden. Die Regelung aller diefer und ähnlicher Einzelfragen kann ein- 
heitlich nur im Zufammenhange der Gefamtrevifion nejchehen. Diefe Ge- 
famtrevifion beſchränkt fich nicht auf das hier berührte Gebiet des Straf- 
rechts i. e. S. Darüber hinaus hat fie die Strafgerichtsverfaffung, das 
Strafverfahren und den Strafvollzug zu umfaſſen. Auf dem eriten diefer 
drei Gebiete hat man ebenfalls fchon wichtige Teilreformen vorgenommen. 
So durd) ein Gefet vom 11. März 1921 zur Entlaftung der Gerichte, wo— 
durch die Zuftändigfeit der Schöffengerichte erheblich erweitert und die 
Zuläſſigkeit der Privatklage über Belewigung und Körperverlegung hinaus 
auf Hausfriedensbruch, Bedrohung, —— einfache Sach⸗ 
beſchädigung und andere Delikte ausgedehnt wurde. Ferner in jüngſter 
Zeit durch das Geſetz iiber die Sulaffang der hide: zum Schöffen- und 
eſchworenendienſt. Weitere Teilveformen find unter dent Namen einer 
„Kleinen Juſtizreform“ angekündigt. Es ift wiederholt zu raten, in feinem 
Tall das Maß des dringend Notwendigen zu überfchreiten. Die Kriminal- 
reform großen Stils wird durch borgreifliche Einzelveformen nicht er» 
feichtert, fondern in der Einheitlichkeit ihres Gejamtgeiftes gefährdet und 
dadurch erfchwert. Wann der Reichstag damit befaßt fein wird, ift heute 
noch nicht zu ſagen. Sicher ift nur, daß er Damit vor eine große und un- 
gewöhnlich verantwortungsvolle Aufgabe geftellt fein wird. Möge er ſich 
ihr gewachſen zeigen. Dazu ift vor allem erforderlich, daß die Vollver- 
jammlung des Reichstags Selbitzucht übt und fich weiſe Selbſtbeſchränkung 
auferlegt, daß fie alle techniſch juriſtiſchen Fragengebiete ihrem ſachver— 
ſtändigen Ausſchuß überläßt, daß kleinlicher parteipolitiſcher Streit vor der 
Majeſtät des Nechts verſtummt, daß für reden und ſtimmen das Wohl des 
ee und die Sicherheit des Staates die einziq maßgebende Richtfehnur 
ilden. 


— 39 


Der engliid:iriihe Ausgleich. 


Eine Studie zur englifhen Kulturwifjenfhaft®). 
Bon Profeffor Dr. Walther Hoch (Stuttgart). 


Der Bean zwiſchen England und Irland foll eine offene 
Wunde am Körper des britifchen Reiches fchliegen. Ein kurzer Blid auf 
die Geſchichte möge dies erläutern. 

Wie ein unheilfhwangeres Leitmotiv flingt es, wenn wir hören, daß 
die irifchen Bifchöfe den König Eepfrith von Northumbrien verfluchen, 
deffen Flotte im Jahre 684 die iriſche Küſte verwüſtete — ſchnöden Undant 
für die Tätigkeit großer irifcher Miffionare wie Columba und Aidan auf 
englifchem Boden. VBerhängnispoller als der nationale Gegenfaß zwifchen 
Kelten und Angelfachfen wirken die religiöfen. Schon der erite Er- 
oberungszug unter Heinrich II. 1168 fand die Billigung Hadrians IV. 
al3 Kreuzzug zur Ausdehnung der römifch-katholifchen Kirche über Ir— 
land, das den Primat des Papftes nicht anerkannt hatte. Das Unglüd 
roollte, daß die Iren nicht jtarf nenug waren, um die Engländer vollig 
von ihren Boden zu verjagen, aber doch auch zu ftark, um es zu einer 
völligen Unterwerfung fommen zu laffen. Die Gejhichte Schottlands legt 
uns für den erjten, diejenige von Wales für den zweiten Fall den Ge- 
danken einer weniger leidensvollen Entwidlung nahe. So wurden nun 
aber nur die öjtlihen Gebiete von Drogheda, Dublin, Werford, Waterford 
und Cork „englifcher Bezirk“. Aber die politifchen Gegenfäge, die fich hier 
auftaten, wurden fpäter überbrüdt durch den gemeinjamen Widerjtand 
gegen die Reformation in England. In dem weltgefhichtlihen Kampf 
der Gegenreformation, den der Papſt und Philipp IL. von Spanien gegen 
das proteftantifche England der Königin Elifabeth führten, ſtand Irland 
gegen England. Die Landung feindlicher Truppen in Irland im Jahre 
1579 führte zu feinem Erfolg, ein neuer Aufftand im Jahre 1598 wurde 
erit 1603 unterdrüdt. Die Erinnerung an dieje und ähnliche Vorgänge in 
der Gefhichte beſtimmt heute noch das Denken der englijchen Staatsmänner. 
Den Gegenfchlag gegen die Haltung Srlands tat England im fahre 1610 
mit der Kolonifation Ulfters. Zwei Drittel des Nordens von Irland 
wurden fonfisziert und an Siedler fchottifcher und englifcher Abſtammung 
egeben. Trotzdem diefe Mafregel, rein äußerlich betrachtet, ein glänzender 

rfolg wer, fo brachte fie doch eine Scheidung zwifchen zwei durch Raſſe, 
Sprache, Temperament und Religion verfchiedene Bevölferungen mit fich, 
die bis heute noch nicht geſchwunden ift, wenn auch der foziale Gegenfat 
gegen den englijchen Unternehmer und Ausbeuter eine Brüde von Uljter 
wach dem übriaen Srland zu jchlagen fcheint. Die Mliterfrage bot Später 
einer befriedigenden Löſung faſt unüberwindliche Schwierigkeiten. 

Hatte Irland im Kampfe Noms gegen die Reformation gegen Eng- 
fand geftanden, fo auch jest wieder, als fich der Kampf der PBuritaner um 
die religiöje Freiheit mit dem des Parlaments um die politifche ver- 


*) Neuerdings ift wieder eine Trübung in den engliſch-iriſchen Beziehungen 
eingetreten; gleichwohl find obige Ausführungen noch zeitgemäß, da die Folge— 
rımgen für die Politit Englands davon unberührt bleiben 

Die Schriftleitung. 


— 60 — 


band. Mit dem Fall Straffords im Jahre 1641 brach in Irland die helle 
Empörung mit entfeglihen Greueln und Greuellügen aus, wie fie der 
Fanatismus der Neligions- und Bürgerkriege zeitigte. Noch entfeglicher 
war die Rache, die Cvomwell 1649 nahm. Ein katholifcher Grundbeſitzer, 
der, ohne fi) am Kriege zu beteiligen, dem Parlament gegenüber feine 
entgegentonmende Haltung eingenommen hatte, verlor zivei Drittel feines 
Landes, den andern wurde alles genommen. So wurde „Cromwells 
luch“ der furchtbarfte, den ein iriſcher Bauer feinem Feind entgegen» 
Hleudern fonnte. Die Atempauſe, die Irland vergönnt war nach der 

iederfehr der Stuarts, deren Hauptitüge diejes Land wurde, war nur 
vorübergehend. Mit dem Siege Wilhehns von Oranien am Boynefluß 
(1690) über Jakob II. ift auch Frlands Schiefal befiegelt. Die Zuficherung 
religiöfer Duldung im Vertrag von Limerid wird nicht gehalten. Der 
fatholifche Ire mind ein Fremder in feinem eigenen Yard, Er iſt von 
allen Aemtern ausgeſchloſſen, darf nicht einmal feine Vertreter im Par- 
fament wählen. Nur wenig Land hat er noch zu eigentümlichem Beſitz. 
Drüdende Gefege erzwingen den Uebertritt zum Proteftantismus. Ver— 
waltung und Rechtſprechung liegt in den Händen von Angehörigen der 
Staatsfirche, die Regieruna in denen iveniger proteftantijcher Großgrund- 
befiger. Wirtſchaftliche Eiferfucht ſchließt die irischen Produkte von ihren 
natürlichen Märkten in England aus. Das der Friede, der fich für Hundert 
Yahre auf Irland fenkt, ein Friede der Verzweiflung Nah Swifts 
itterm Wort werden die Sren die Holzhauer und Mafferfchöpfer der 
Engländer. 

Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts ſetzte dann gegenüber der 
Brutalifierung des Fatholifchen Jrentums eine vülläufige Bewegung ein, 
die num in unfern Tagen ihr Ende erveicht. Den äußeren Anſtoß gab der 
Unabhängigkeitätrieg der nordameritanifchen Kolonien, den die trifchen 
Freiwilligen 1782 bemüsten, um das englische Parlament zum Verzicht 
auf Rechtiprehung und Gefebgebung in Irland zu zwingen, jo daß die 
beiden Länder nur noch durch Perfonahmion verbunden waren. Als aber 
die beiden Parlamente in der Trage der Negentfchaft des Prinzen von 
Wales an Stelle des geiftestvant getwordenen Königs einen verſchiedenen 
Standpunkt einnahmen, zeigte fich die Unhaltbarteit des Zuftandes. Noch 
mehr drängte die Gefahr der franzöfifchen Revolution, die allevdings bei 
Ninegar Hill 1798 niedergeichlagen wurde. Als erjter Staatsmann hatte 
der jüngere Pitt das Uebel der iviſchen Unzufriedenheit an der Wurzel 
faffen wollen, die er in der VBerarmung jah. Durch Herftellung des Frei- 
handels fuchte er die Wirtjchaft zu heben. Als im Jahre 1800 durch jehr 

agwürdige Mittel die Vereinigung des iviſchen mit dem englife 
lament bewerfitelligt wurde, wollte er die volle Verſöhnung der Iren 
durch die Befreiung der Satholifen von der a ung 
erreichen, aber der Plan jcheiterte am Starrfinn des Königs Georg IM. 

Aber die Bewegung ließ fich nicht mehr aufhalten. Das 19. Jahr— 
hundert ift die Geichichte einer fortlaufenden Reihe von Zugeftändnifjen, 
die die ren eines nach dem andern der englifchen Regierung abringen, 
durch Agitation und — Mittel in Irland, durch Oppoſition in 
London. Im Jahre 1829 wurde die Befreiung der Katholiken 
durch jene mächtige Organiſation erreicht, die Daniel O'Connel ins Leben 
gerufen hatte. Der Ausſchluß der Katholiken vom Parlament und gewiſſen 


Mi 


— 61 — 


Aentern hörte auf. Aber unmittelbar auf die Katholifenemanzipation 
folgte der „Zehntentrieg“, die fatholifchen Iven weigerten fich die Steuern 
für die anglikaniſche Staatskirche zu bezahlen, die mit Gewalt in Irland 
eingeführt worden war und von der fie doch nichts hatten. Erſt das 
Jahr 1869 brachte unter Gladftone, der jeine Miffion darin jah, Irland 
den Frieden zu bringen, die Entftaatlihung der iriſchen 
Kirche und eine angemefjene Regelung ihres Unterhalts. Auf die 
Löſung der religiöſen umd ber firhlidhen Frage folgte die der 
Agrarfrage, die Öladftone jchon 1870 zum erjten Male anfaßte. In 
vland war der Großgrundbefig heimifch geworden, der in ſehr Meinen 
ütern verpachtet wurde. Die Eigentirmer Ad meist die Erben und Nach— 
Ki: der Engländer, unter die die Ländereien in den verjchiedenen 
erioden der Eroberung verteilt wurden, die Pächter die Nachkommen der 
enteigneten Gingeborenen. In Irland liefert der Befiger nur den Boden, 
nicht wie in England die nötigen Gebäude und Zubehör. Der Mangel 
an Induſtrie macht den Wettbewerb unter den Bauern jehr ſcharf. Im 
Jahre 1880 berechnete man, daß ein Fünftel von Srland im Bejig von 
2793 Berjonen war, von denen fein einziger je das Land betreten hatte. 
So traten Mittelperfonen zwiſchen diefe abtwejenden Befiger und den 
Bauern, oft 4 bis 5b an der Zahl; im beiten Fall wurde das Gut von einent 
Agenten verivaltet, defjen Inteveſſe darin Tag, möglichjt viel heraus- 
zupreffen. Die Jämmerlichkeit der Lage zeigte ji) 1846, ala infolge der 
SKartoffelfäule viele Tauſende ftarben und Hunderttaufende der Ueber— 
lebenden ausmwanderten. Die Bevölferung fiel von 8 Millionen im 
Jahr 1841 auf 4 Millionen im Jahr 1901. Halfen ſich nun die Grund— 
bejiger gegen die Unrentabilität ihrer Güter dadurd, daß fie vom Aderbau, 
der ſich infolge der durch den Freihandel drüdend gewordenen aus— 
ländiſchen Konkurrenz fehlecht ventierte, zur Weidewirtſchaft übergingen, 
fo wurden dadurch die irischen Bauern, die mafjenhaft auf die Stvake 
gejegt wurden, zur Verzweiflung getrieben, die ſich in Gewalttaten Luft 
machte. In zähem langem Kampf mit den Grundbeſitzern wurden haupt- 
ſächlich drei ———— der Pächter durchgejeßt: 1. Solange der ver— 
einbarte Pachtzins bezahlt wird, tft dem Pächter das Gut ſicher. 2. Für 
Meliovationen wird er, wenn er das Verhältnis Loft, — 3. An 
die Stelle eines blutſaugeriſchen Pachtzinſes, wie ihn wilde Konkurrenz 
mit ſich bringt, tritt ein behördlich feſtgeſetzter angemeſſener Pachtzins. 
Die letzte Phaſe der Agvarreform ging darauf aus, an Stelle des doppelten 
Beſitzes — des Eigentümers und des Pächters — das zu ſetzen, was im 
Inteveſſe des ganzen Volkes lag, die Güter dadurch möglichſt ertragreich 
zu geſtalten, daß man die iriſchen Pächter inſtand ſetzte, mit ſtaatlich ge— 
währten Geldbeihilfen Eigentümer zu werden. So wurden bis zum 
31. März 1906 über 85000 Kaufverträge abgeſchloſſen zum Gejamt- 
faufpreis von nahezu 33° Millionen Pfund, die etwa einem Drittel des 
Gejamtichägungsmwertes des Grund und Bodens bon ring entjprechen. 
Den Schlußakt der Befreiung bildet in unjeren Tagen Die 
politifhe Sie ift ein Stommpromiß. Die Teitigfeit, mit der die 
englifche —— die Anerkennung einer unabhängigen iriſchen 
Republik, d. h. ein völliges Ausſcheiden Irlands aus dem Verband des 
britiſchen Reiches als völlig indiskutabel von vornherein ausgeſchieden hat, 
hat etwas Impoſantes an ſich. Die Gründe ergeben ſich aus der vor— 


liegenden gejchichtliden Skizze. Ein 5. November 1916, an dem alle 
Warnungen bitterer — Erfahrung in den Wind geſchlagen 
wurden, wäre in England undenkbar. Die ungeheuer ſtarke Tradition 
und Erfahrung, die ſich im engliſchen Kabinett, ahnlich wie im römiſchen 
Senat, anfammelt, das auch immer althiftoriihe Namen aufweiſt, ift eine 
der Hauptjtügen der engliſchen Politik. 

Sehr beachtenswert ift aber noch ein andere® Moment. Ganz 
deutlich tritt in obiger Skizze in der neueren Zeit die Abneigung Englands 
— die Dinge ohne Not auf die Spitze zu treiben, ſie ſucht berechtigten 

nfprüchen Kerl zu tragen und Kompromiſſe zu fchließen. Zweifel— 
[os wirft die bittere Lehre des Abfall3 der nordamerilanifchen Kolonien, 
der jegt noch nicht verjchmerzt ift, bi3 heute nach. Als Träger der genannten 
Tendenzen wird man in erjter Linie das in neuerer Zeit in Kabinett und 
Parlament immer ſtärker herbortretende Element des Landedelmanns 
und des Kaufmanns anjehen dürfen. Man hat wohl das englifche Geficht 
mit einem Begriff, etwa demokratiſch, faffen wollen, aber diefe Pfeudo- 
wiſſenſchaft hat übel Schiffbruch gelitten, fie hat das, was fie vor dem 
Krieg al3 Kulturvorbild anbeten lehrte, im Krieg verbrannt. In Wirklich— 
feit handelt e3 fih um Tendenzen und Strömungen, die im gefchichtlichen 
Leben eines Volkes wechfeln. „Nopoleontiche Gelüſte“ find nicht bloß auf 
Frankreich bejchräntt und der Jusqu’auboutismus der Franzoſen findet 
in Lloyd George’3 Knod out-Politik fein Pendant. Umgefehrt finden wir 
obige Tendenzen wieder in dem Landedelmann Bismard, deffen Lebens- 
werk, die Verfaffung des Deutſchen Reiches, ein Stranz von Kompromifjen 
ift und der feine Politit ala do-ut-des-Politif und feine Aufgabe beim 
Berliner Kongreß mit einem dem Geichäftsleben entlehnten Ausdrud 
tharaftevifiert. Ein tpifches Beijpiel aus neuefter Zeit ift Ballin, den 
man den „Mann des Kompromiſſes“ genannt hat. 

Der, wenn der Ausdrud erlaubt ift, nüchtern geſchäftsmäßige 
Charakter der englifchen Politik tritt feit 1700 mehr und mehr hervor. 
Der Ausdrud SKrämernation ſtammt von Ludwig XIV. Der erjte und 
erfolgreichjte Friedensminifter Walpole erklärt: „Der vevderblichite Zu- 
ftand, in dem England fein kann, ijt der des Krieges; folange er Dauert, 
außen wir verlieren und können nicht viel gewinnen, wenn er endet.” 
Noch eine legte ſchwere Niederlage erlitten de liberalen und fortichritt= 
lichen Ideen in der Frage der Behandlung der nordameritantichen 
Kolonien, wo die ſtarr fonjervativen, vein formal juriftifchen Auſchau— 
ungen des Königs und der Hofbeamten den Bruch verjchuldeten. Daß 
jene andern fich mehr und mehr durchjegen konnten — man dente nur an 
die Behandlung Südafrikas — hängt mit den Aenderungen in der Struktur 
der englijchen Regierung zufammen. 

Man ift bei uns wohl geneigt, unter der Einwirkung des Strieges 
das Verdienſt der englifchen Regierung um die Löfung der iriſchen Frage 
zu unterichägen. Das etjäjliiee Problem läßt ſich ja in feiner Weife mit 
dem irijchen an Schwierigkeit vergleichen. Die Gegenſätze der Raſſe, der 
Sprache, des Temperaments, der Religion fehlten vollig, es gab feine 
Uljterfrage. Von höherer gejchichtlicher Warte aus handelte es fich darum, 
den Bejig im Kriege gegen die furchtbare Koalition zu behaupten, dann 
wäre die Frage, wie j. 3. die jchlefiiche nach dem Stebenjährigen Kriege, 
aus der außenpolitifchen Diskuſſion von felbjt ausgejchieden. Es innen- 


=. = 


politiich für den deutſchen Neichsgedanfen zu gewinnen, war nur eine 
Frage der Zeit ımd vor allem der Pflege des Gedächtnifjes gemeinjam 
vollbrachter Kämpfe und Opfer, ein Imponderabile, das ſtärker als 
alles andere zuſammenſchließt, das Bismard 1870 voll in feine Rechnung 
eingeftellt hat, das England heute für den Gedanten des britiichen Reiches 
geſchickt zu mugen weiß. Bei uns hielten während des Weltkrieges die 
beiden größten Bundesitaaten die Zeit für gekommen, unter Aſſiſtenz der 
Oberſten Heeresleitung durch eine Aufteilung die bisher gemachten 
Konzeffionen rüdgängig zu machen, ein Plan, heffen Ausführung durch 
den Einſpruch des mwürttembergifchen Minifterpräajidenten v. Weizläder 
verhindert wurde, aber defien Bekanntwerden verhängnisvolle piychiiche 
Wirkungen hatte. Engliſche Regierungskunſt ging andere Wege. Es iſt 
nie eine Andeutung gemacht worden, frühere EM ejtändniffe zurüdzu- 
nehmen, ja fie wagte nicht einmal den Drud der allgemeinen Wehrpflicht 
1916 auf Srland zu legen. Man hat ihr wohl vorgeworfen, daß fie |. 3. 
Carſon gegenüber die Zügel zu jehr jchleifen ließ, daß fie das Verſprechen 
iriſcher Selbſtverwaltung 3 raſch genug einlöſte, was Irland zum 
Schauplatz des Terrors eines latenten Bürgerkriegs machte. Aber nun 
macht dieſelbe Regierung, die einen reſtloſen Sieg davongetragen hat, 
Zuactöndnie, die foweit gehen, als e8 mit der Sicherheit des eigenen 
ndes vereinbar ift. 


Der Krieg ift vorüber. Wir brauchen feine antienglifche Kriegs— 
propaganda mehr. Umfjomehr tut ung ein objeftiver Einblid in die Kräfte 
not, die die Staaten groß und dauerhaft machen. 


Freiheit. 


Tell-Betrahtungen. 


Sein Atem ift die Freibeit, 
Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte. 
(Wilhelm Tell V. 2362 5.) 


Die deutiche Republit hat noch feine Freiheitsdichter und Freiheitspenfer 
hervorgebradt. Wer nad) Freiheit ſchmachtet, muß ſich jchon mit unjeven Ur- 
großpätern unterhalten. Vierfach jtand ihnen der Freiheitsbegriff als ein 
Heiliges im Mittelpunkt des Fühlens. Zunächſt die philojophijche Sehnjucht 
nad) Freiheit des Willens und des Geiſtes gegenüber dem Diktat der Natur 
oder der Materie. Hier ift der Ausgangspunkt des Forſchens Kants und derer, 
die ihm folgten, auch des tungen Fichte. Zum zweiten die Freiheit der Per— 
ſönlichkeit gegenüber der Umwelt, die jhöpferiiche Yäuterung des lebendigen 
Kernes der Imdividualität von dem leblojen Drum und Dran: die Sendung 
Goethes und der von ihm zu eigenem Suchen gelöften Geijter. Zum dritten 
und vierten die Freiheit de3 Bürgers im Staat und die Freiheit der 
Nation. Nicht grumdlos verfoppeln wir dieſe beiden Strebungen, fie find 
fejt immer für jenes Zeitalter verbunden, und wenn der Freiheitsphilojoph 
Fichte den Kreislauf durch dieien vierfältigen Begriff am ſicherſten durchmeſſen 


— Bi. 


bat, jo fühlte den Zufanmenbang zwijchen büngerlicher und nationaler Freiheit 
faft moch tiefer der Freiheitsdichter Schiller, der von der Karlsſchule her gegen 
die Tyvannen des abjolutijtiichen Staates glühte und dem bis zulegt eng im 
(monarchiſchen) weiten Land geweſen ift, denn a 

„die's bebauen, fie genießen nicht 

den Segen, den fie pflanzen.” (Tell V. 1799 bis 1815.) 


i Schiller hat auch eine echt natwrrechtliche Abneigung gegen die Macht: 
politik der Staaten. Sie verdinbt die jhlichte Geradheit des Menfchen. Schloſſer 
und Burkhardt können ſich mit ihrem „Die Macht ift an fich ſelbſt böſe“ auf 
Schiller bevufen. Es ift für den heutigen Deutjchen mit wehmütigen Empfin- 
dungen gewürzt, daß Schiller die Befreiung gerade eines deutichen Stammes vom 
Mutterland weg verhortlicht, und daß der jchwäbische Dichter den alemannifchen 
Landsleuten das Idealbild ihrer gerechtfertigten und verklärten Mbtrennung von 
den Stammesbrüdern gefchentt hat. Was der finftere Albrecht 1807 durch feine 
Landvögte getan hat, das war ja nichts andeves als die vauhe, ſchikanöſe Auf- 
rihtung eines wirklichen Staates, wie fie gleichzeitig und ſchon vorher mit 
beſſerem Erfolg der fvanzöſiſche oder der engliſche König mit ihrem erbarmungs— 
Iojen Beamtentum in ihren Ländern vollbrachten, zum Seufzen der Zeitgenoffen 
und zum Dank der Nachwelt ihrer Völker. Das Gebot der Zeit war dantais.die 
Einigung der Nation ımter Zerbvechung der feudalen Zwiſchengewalten und 
jener faljchen Freiheiten der Stände, von deren Rudenz treffend fagt: 

„Den Kaijer 
WIN man zum Herrn, um feinen Herrn zu haben.” (3,808 f.) 


Im Kampf gegen die rüdjeprittliche, anarchiſche deutſche Libertät hatte 
Geßler die geſchichtliche Gerechtigkeit auf feiner Seite, wenn er Rudolfs des 
Harras Einwand 

„Das Volt hat aber doch gewilfe Rechte”, 
mit der Gegenbemerkung abjchneidet: 


„Die abzuwägen iſt jetzt feine Zeit: 

Weitſchicht'ge Tinge find im Werk und Werden; 

Das Kaiferhaus will wachjen; was der Vater 

Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden. 

Dies Kleine Volk ift ung ein Stein ın Meg, — 

So oder jo: es muß fich unteriverfen. (B. 2726—2732.) 


Das Verfahren Albrechts ijt fein anderes, als weldyes in der Unteriverfung 
der Somdergewvalten der Isle de France oder der Mark Brandenburg mit Recht 
als höchſtes nationales Berdienft der Kapetinger oder der Hohenzollern gefeiert 
wird. Freiheit, wo immer fie ſei, ift ftet3 durch Blut der Heroen erjtritten 
worden. Aber nur der Erfolg, daß die Schweiz ein eigener Staat geivorden 
und geblieben ift, hat in diefem Fall den fiegreichen Bekämpfern der Füriten- 
gewalt die Verehrung ihrer Nachkommen gefichert, wie im umgefehrten Fall 
den fiegreichen Landesherren. Eine fortjchrittliche, rechtserneuernde, vevolutiv- 
näre dee befeelt die Schweizer nicht, fondern das typifche mittelalterliche Wider- 
Itandsrecht, das alte Bartifulargewohnheiten und Sonderprivilegien wieder— 
berftellt. wre dies Schiller als großer Gejchichtsjchveiber wundervoll in der 
NRütliizene, V 1354—1376, wiedergegeben bat. 

Aber wenn es auch ein Kennzeichen unjrer vielgefrümmten, verluftreichen, 
nationaien Entwidlung bleibt, daß Schiller einen Freiheitstampf nicht von 


— 6 


Deutſchen für Deutſchland, ſondern von Deutſchland weg beſingen mußte, ſo iſt 
doch noch wichtiger, daß er ſich das Erringen der inneren Volksfreiheit nur durch 
das gleichzeitige Grringen der äußeren vorſtellen konnte. Ihm ſchwebte die 
franzöſiſche Demokratie vor, die 1792 die Nation gerettet und in den ſpäteren 
Sahven groß gemacht hat; er wäre, wenn er den Befreiungskrieg erlebt hätte, 
fiher von der Partei Gneiſenaus geweſen, die einem Volk, das ſeine wationale 
Freiheit erjtritt, auch die innere Freiheit zugleich mt der Einheit geben wollte. 
Dem Umſturz von 1918 hätte Schller wohl die Kriterien einer echten Revolution 
verſagt: denn fie nahm feinen Anlauf, das Vaterland zu vetten, fie adelte ſich 
durch feinen nationalen Gedanken, auch wo er in dem Anjchlußbegehren Oeſter— 
reihs jo nah herandrängte: fie war ein einfacher, gewöhnlicher Zuſammenbruch, 
eıne einſtrömende Herrichaft des Haufens, weil die Erben Bismards nichts 
taugten. Daß mandes berechtigte demokratiſche Verlangen in diejem Zus 
ſammenbruch mit dem zügellojen Schlechten zujammen hochkam, mildert dies 
harte Urteil über die dichterijch oder denferiich nicht verklärbare Novemberrevolte 
jo wenig, wie die viele Tüchtigleit, Opferfvaft und Vernunft auf der Seite des 
alten, niederbrechenden Staates das harte Urteil mildert, daß das deutiche Volt 
ſchwach regiert und die fajt unerjchöpfliche Autorität des Bismardichen Neiches 
durch Stümperei vertan wurde. 

Doch kehren wir zu Tell zurüd. Wenn der fterbende Attinghaufen den 
Adel von ſeinen alten Burgen jtergen fieht, wenn er weisfagt: 


„Das Alte ftürzt, es ändert ſich die Zeit, 
Und neues Leben blüht aus den Ruinen“ (8. 2426 f.), 


jo nicht deshalb, weil der Landmann auf neue Rechte pocht, jondern weil er die 
Pflicht der Vaterlandsrettung dem Adel abgenommen hat: 


„Hat ſich der Landmann jolder Tat verivogen 

Aus eignem Mittel, ohne Hilf’ der Edeln, 

Hat er der eignen Kraft jo viel vertraut, 

Sa, dann bedarf es unjever nicht mehr.” (V. 2417 ff.) 


Der Univerjalhiftoriter Schiller wußte, daß eine Demokratie nur dann 
bejtehen kann, wenn fie ihrer Nation im Rate dor Völker zu Ehren hilft. In 
welhem Maße der Bauer herricgen wer mitregieren will, int jelben Maße läßt 
Schiller ihn freiwillig, tätig, verantwortlid, glühend für die Freiheit feines 
ganzen Staates und Volkes Leben, eingedent der Wahrheit: 

„Wohlfeiler kaufen wir 
Die Freiheit als die Knechtſchaft ein.“ (V. 907 f.) 

Weder abitrafte Verfaffungserwägungen noch auch rohe Kraft bejtimmen 
die dauernde Staatsform; vielmehr regelt fi) die Machtverteilung im Staate 
cuf die Länge nach der nationatien Leitung der verichiedenen Stände, 
Landihaften oder Parteien. Die Bahn zur Freiheit ift frei für den —— 
nur für ihn. F. K. 


— 66— 


Weltipiegel. 


Frankreichs Wege. Wieder einmal zeigt fich, wie blind der Haß macht. 
Selbjt der ärgſte Franzojenhaffer wird gewiß nicht behaupten wollen, daß 
es Poincars und jeinen Leuten an politiichen Berjtand fehlt, und doc) 
haben fie in Genug auffallend jchlecht operiert und eine kurzſichtige und 
verblendete Politit getrieben. Ihren Fehler kann man als eine voll. 
ftändige Verkennung der Weltitimmung und der Bedürfniffe der Welt 
bezeichnen. Sie wollten eben die Stonferenz von Genua als cine weitere 
Station auf dem Leidenswege ihres Opfers Deutjchland an Berfailles, 
Spaa, London und Cannes anreihen und jahen nichts anderes, al3 was 
ihr von Haß und Vorurteil erfüllter Bli als eine Gelegenheit zur Bes 
raubung, Zerftüdelung und Erniedrigung Deutſchlands gewahrte. Darüber 
war es ihnen entgangen, daß die übrige Welt allmählich aus derartigen 
Gedantenkreifen herausgeglitten war, weil die wirtjchaftliche Not fie zwang, 
fih in nüchternem Denken Har zu machen, woran es eigentlich fehlte und 
welche Zuſammenhänge bei allen dieſen Schwierigkeiten obtalteten. 
Frankreich hatte befanntlich jcyon bei dem Auftauchen des Stonferenzplanes 
die Abficht gehabt, diejes Waller entweder gu die eigene Mühle zu leiten, 
oder es ganz abzuſperren. Je mehr es ſich herausſtellte, daß die Wünſche 
der meiſten Weltftaaten darauf gerichtet waren, einen wirklichen Friedens- 
zujtand und eme Gefundung der wirtjchaftlihen VBerhältniffe herbei- 
zuführen, dejto mehr war Frankreich betrebt, Dem Zuftandefonmen und 
dem ungehinderten Verlauf der Stonferenz Hinderniſſe zu bereiten. 

Diejer Wunſch ſchien ſich zu erfüllen, als der Vertrag von Rapallo 
zwiſchen Deutjchland und Sowjetrußland abgejchloffen wurde. Unfern 
legten Weltjpiegel mußten wir in der vorigen Woche gerade in dem Augen- 
blid beenden, als die Entjcheidung noch nach verfchiedenen Seiten hin 
offen war. Schnell genug hat fich die Lage geklärt. Auch in dem Zeit- 
vaum, al3 dieſe Frage ſchwebte, jah Frankreich jeine Aufgabe darin, die 
Dinge zu einer Krifis zu treiben, während Lloyd Georges Haltung jchiver 
zu überjehen war. Sein Auftreten ließ ja zuerjt vermuten, daß er jo 
in weitejtem Maße der franzöfiihen Auffaffung anfchliegen wolle; freilich 
gebot die BVorficht, über die erjten Aeußerungen des leidenfchaftlichen, 
temperamentvollen Mannes nicht allzu jchnell zu urteilen. Denn die erſte 
fühleve Minute, die zu einer Nachprüfung des deutfch-ruffiichen Vertrages 
aufforderte und die Gründe der Franzoſen richtig erkennen lieh, mußte 
dem englijchen Bremierminijter zeigen, daß die Rüdficht auf das englifche 
Intereſſe und die engliiche öffentliche Meinung eine andere Taktik: anriet. 
Und fo erlebten die Franzojen in einer weiteren unangenehmen Erfahrung, 
daß fie ſich umſonſt über Lloyd Georges kräftige, anjcheinend in ihren: 
Sinne gehaltene Reden gefreut hatten. Sie bereuten es nun, fich deshalb 
jelbjt einer gewiljen Zurüdhaltung befieigigt zu haben. ‘Ferner hatten fie 
anjcheinend Darauf gerechnet, daß die deutjche Delegation ich. wie eg die 
Welt nachgevade gewohnt war, nachgiebig zeigen und leicht einzufchüchtern 
fein werde. Es war die größte Ueberrajfchung für die Entente, daß es 
anders fam. Die deutjche Abordnung ließ jich in der Wahrnehmung ihres 
guten Rechts, das mit Eriftenzfragen Deutjchlands zujammenhing, nicht 
beivren. Bis dahin waren die alliierten Regterungen daran gewöhnt, jede 
willfürliche Erweiterung der im Berfailler Vertrag feſtgeſetzien Befugniffe 


der Siegerjtaaten ohne weiteres vorzunehmen. Jetzt vorfagt? fih England 
zum erten Male diejem bequemen Verfahren. Rachdem Lloyd George 
einmal die ruhige Einficht in die Lage und die Pläne Frankreichs ge- 
wonnen hatte, ſchloß er fich nicht, wie jonjt, Frankreich an, fondern ließ 
eine 1urifttiche en aufmarfchieren, die ihr Butachien darüber 
abgeben mußte, ob der Vertrag von Rapallo gegen die Beſtimmungen von 
Berjailles verſtieß, — und fiehe da, der Spruch lautete verneinend. Was 


Deutjchland getan hatte, wurde aljo auch von den Ententemächten mit Aus- 
nahme von — als zuläſſig im Sinne des Verſailler Friedens 
anerkannt. Nun zögerte Lloyd George nicht, zuſammen mit den ihn unter— 


ftügenden Mächten, vor allem dem ganz und gar der Vermittlung und 
Mäßigung dienenden Italien, den Konflikt fo zu erledigen, daß e3 bei der 
Aufrechterhaltung des Rapallovertrages blieb. 


So hatte fich die Behandlung dieſer Frage durchaus nicht nach den 
Wünſchen Frankreichs gejtaltet, und deistlicher al3 je vorher zeigte fich der 
Segenjag zwiſchen den viuhebedürftigen Mächten Europas, die Des auf- 
reibenden und wirtichaftszerjtörenden Anbeitens mit Drud und Drohimgen 
Herzlich müde find, und dem beitändig den Frieden bedrohenden Frankreich, 
das im Begriff ftand, in eine völlige Iſolierung zu geraten. Dieje pein= 
liche Wendung genügte aber noch nicht, Frankreich zı einer größeren Zurüd- 
haltung zu bewegen, obwohl gevade die Begründungen, deren es jich bei 
ven Auseinanderjegungen iiber feine Lage jeinen VBerbündeten gegenüber 
gern zu bedienen pflegte, ihm einen leidlichen Rückzug hätten ermöglichen 
fönnen. Es verriet jich vielmehr immer ſtärker im der Offenbarung 
jeiner Wünfche, die auf Deutſchlands Vernichtung gerichtet waren. Sehr 
mißgejtinumt, auf diefem Wege unerwartete Hinderniſſe bet den eigenen 
Berbündeten zu finden, begab ſich Franfreih nunmehr auf den Weg der 
Provokationen. Alles follte dazu dienen, Deutfchland in eine erbitterte 
Stimmung zu verjegen, damit fich jeine Delegation zu irgend einem Schritt 
verleiten ließe, der den Franzoien den Vorwand gab, die Konferenz 
zu ſprengen und die Deutichen dafür verantiortlich zu machen. Nichts 
wurde unverfucht gelafjen, von den gewöhnlichſten Stlatfchereien ınd In— 
trigen bis zu offenen Bejchuldigungen in amtlicher Form, die es nicht 
verſchmähten, mit glatt erfundenen Behauptungen, gefälichten Reden und 
ähnlichen Dingen zu arbeiten, ja jogar in amtlichen Aktenjtüden an dritte 
Regierungen formale Beleidigungen gegen Die deutiche Regierung zu 
ichlexdern. Hievgegen durfte und mußte die deutiche Regierung natürlich 
Einjpruch erheben; hatte jich Doch Frankreich dadurch vor der Konferenz 
und der ganzen Welt offenkundig ins Unrecht gefeßt. Nm übrigen er: 
reichte es feinen Zweck nicht. Deutichland ließ fich nicht provozieren, und 
Frankreich, das Durch Scheitern ſeiner Verſuche, einen Konflikt mit 
Deutichland und den Triumph der Methoden von Berjailles hevbeizu: 
führen, nervös und blind nevorden war, überſah immer mehr, daß 
Europa inzwiſchen von anderen Gedanken erfüllt war. 


So fam e3 zu dem merkwürdigſten Ereignis der Woche, dem offenen - 
Auftreten Englands gegen die Richtung der franzöfischen Beitrebungen. 
Dan muß hier jagen „Englands“, nicht „Lloyd Georges”, denn die 
Haltung der englifchen Preſſe — mit Ausnahme der Northeliffe-Prefle, 
gezen die jet manch Fraftiges Wörtchen von gewwichtiger Seite fiel, — 


ee 


zeigte eine jeltene Webereinftimmung in der Verurteilung der frieden- 
jtörenden, gewalttätigen franzöfifchen Politik. Seit den Zeiten vor dem 
Kriege hat man in den englifchen Blättern Do, DE o harte Worte 
gegen Frankreich gehört. Gewohnt, von Lloyd George ein jchnelles Ein- 
lenken zu —— hatte VBoincars offenbar die Tragweite der Worte des 
englifchen Stollegen, der ziemlich unverblümt eine Kündigung der Entente 
bei Fortſetzung der franzöfischen Politik androhte, nicht richtig eingejchägt. 
Er hielt, durch die Entwidlung der Dinge in Genua ftarf gereizt, im 
Vertrauen auf die Stimmung ın feinen Lande in Bar-le-Duc jene auf- 
fcehenerregende Nede, die aufs neue heftige Drohungen gegen Deutjchland 
richtete, zugleich aber äuch nichts geringeres bedeutete als eine Drohung 
egen den Frieden Europas und die jehnlichiten Wünſche aller Völker. 
Am ärgften war die Erklärung, daß Frankreich allein militärifch vor- 
gehen werde, wenn 28 ſich von feinen Verbündeten nicht ımterjtügt jehe. 
Die Wirkung war eine ganz andere als die erwartete. In England er- 
folgte ein Ausbruch des Ummwillens, und nicht nur die Neutvalen, fondern 
auch Mächte der fleinen Entente rüdten von Frankreich ab. Sogar 
Poincare mußte ſich dazu verjtehen, eine Erklärung abzugeben, die jeine 
Rede ſtark abſchwächte und die Ausführung jeiner „Sanktionen“ von 
manchen „Wenns“ und „Abers“ abhängig machte, 


In der nächſten Woche nähert fi die Stonferenz von Genuag voraus— 
fichtlich ihrem Ende. Dann wird man auch die zur Bet noch ſchwebenden 
Probleme im Zujammenhang betrachten können. VW. v. Maſſow. 


Bücherſchau. 


Neue Bücher aus Oeſterreich. 


Auch der Mißgünſtigte muß es heute zugeben: Oeſterreich arbeitet. Untet 
den ſchwierigſten Verhälktniſſen, eingekapſelt in einem durch und durch unge 
ſunden, aufgezwungenen Zuſtand. Der völlige Zuſammenbruch des Kronen» 
kurſes wirkt als Exportprämie, wir ſind — an den Weltmarktpreiſen gemeſſen 
— das billigſte Land der Welt. Solche valutariſche Ueberlegungen mögen wohl 
auch bei einigen neueren Verlagsgründungen hier mitgeſpielt haben. Denn 
das deutſche Buch wurde in Oeſterreich durch den niederen Stand der Krone 
ſehr teuer. Es laſſen ſich im Inland Bücher billiger herſtellen. Schwieriger 
it es allerdings für die neuen öjterreichiichen Verleger, ihren Büchern auch 
den Abſatz nach Deutjchlamd zu öffnen. Denn vom öfterreichijchen Markte allein 
kann ein Verleger leben, es erweiſt ji) immer wieder, daß niemals ein 
öfterreihifcher Verlag möglich ift, ſondern ftets nur ein deutjder, 
der aber wohl bier feinen Sig haben kann. 


. Ein großer neuer Verlag in Wien ift der „Rilola-Berlag“, von dem ſchon 
eine Reihe von Veröffentlihungen vorliegen und der bereits einige gute Bücher 
herausgebradht hat. 

Sein mächtigſtes Werk ſei an eriter Stelle angeführt: „Die Wieder- 
geburt des Melhior Dronte“, ein Roman von Paul Bujlon., 


2:8. 


Buflon war biäher vor allen nur als feiner Novellift bekannt, wenn man von 
feinem ſchönen Buche „F. A. E.“ (Mila) abfieht, da3 vor einen Jahre er- 
ſchienen ift und ſcheinbar viel zu wenig gewürdigt wurde. Mit diefer „Wieder- 
geburt des Melchior Dronte” aber hat Buflon eine durchaus meifterliche 
Leitung vollbracht, der ein dauernder, ehrenvoller Platz im deutſchen Schrift- 
tume gewiß ift. Ein großamgelegter, nrit reichen, fatten Farben gemalter 
Seelemvanderungsroman. Sennon VBorauf, ein einfacher, bürgerlicher Menſch, 
bejigt die Gabe, jich feines früheren, vor feiner jegigen Wiedergeburt Legenden 
Lebens zu entjinnen, des Lebens, das er vor anderthalb Jahrhunderten als 
der ſächſiſche Edelmann Melchior Dronte geführt hat. Und damit fteigt in 
ımerhörter Lebendigfeit diefe längſt entſchwundene Zeit vor ums wieder empor. 
Ich bann mich nicht entfinnen, jemals eine derart lebensvolle Schilderung einer 
vergangenen Zeit gelefen zu haben, eine Schilderung, die in ihrer oft brutalen 
Reakiftit und wieder im ihrem feinen Verweben von myſtiſchen Zufammenhängen 
fo echt umd überzeugend gewirkt hätte. Die Tore der Hölle tverden vor ums 
aufgeriffen, aber gleich wieder erklingt lieblich und fein der Geſang der Sphären, 
das Lied des Ewigen, das Lied der heimlichen Ueberzeugung, die wir alle in 
uns tragen, daß diefes Leben nicht das einzige und erfte tft, daß vordem ſchon 
ein Leben war und wieder ein ſolches kommen wird, jo lange der Durft des 
Lebens mächtig in uns tft. Und eben dadurd rührt Buſſon fo heftig an unfere 
Seele. Tore tuen fih auf und nur mehr Hinter zarten Schletern liegen die 
jenfeitigen Dinge, die fi nur fo ſchwer in Worte eimfangen laſſen. „Die 
Wiedergeburt des Meldior Dronte” aber, von Paul Buſſon, ift ein Werk, das 
dauern wind, fo Lange die Sehnſucht in dem deutjchen Menfchen Iebenbig bleibt, 
über die Grenzen feines Alltags in jenes geheimnisvolle Reich Hmüberzulangen. 

Etwas Schattenhaftes, Geſpenſtiſches iſt aud der Erzählung von Leo 
Berug „Die Geburt des Antihrift” zu eigen. Eine knappe, kurze 
Sache, in der um kein Wort zupiel gefagt wird, die nur die unter abenteuerlichen 
Umſtänden erfolgte Geburt und erjte Jugend des großen Gauflers, des Grafen 
von Caglioſtro ſchildert. Ein durchaus jfizgenhafter Entwurf, der aber durch 
eine glänzende, blendende Erzählungstunjt weit darüber hinausgehoben wird. 
„Die Geburt des Antrichrift” iſt unzweifelhaft ein Kabinettftid moderner Er- 
zãhlungstechnik. Durch die außerordentliche Art des Vortrages wird der Leler 
angenehm dariiber hinweggetäuſcht, daß der Vorwurf eigentlich recht dürftig ift. 
Aber in diefem alle handelt e3 fich weniger um das Was, al3 um das Wie. 
Und diefes iſt ausgezeichnet. 

Im gleichen Verlage erſchien audh von Robert Hohlbaum ein neuer 
Roman, betitelt „Der wilde EChriftian”. Hier hat jih Hohlbaum einen 
überaus danfbaren Vorwurf erwählt. Das Leben des größten Lyrikers vor 
Goethe, Johann Ehrijtian Günther. Meiſterlich wie immer ift es Hohlbaum 
auch diesmal gelungen, die hiftorifche Ummvelt zu malen. Es konnte fid) kaum 
iemand Geeigneterer finden, um diefes arme furze Leben, da3 zwilchen Wein, 
rauen und fargem Dihterruhm raſch verglühte, zu ſchildern, als fein fchle- 
fiiher Landsmann, der mit unendliher Liebe an diefes Leben herantrat. Dit 
. padt des Autors Hand auch derb zu, nichts Menjchliches wird verchwiegen, 
beſchönigt, aber um fo lebendiger erjteht vor uns die Geſtalt diefes hochbegabten, 
aber ſtets maßlofen, gepeitichten, gehegten Menjchen. Goethes Wort über ihn: 
„Er wußte fich nicht zu zähmen und fo zervann ihm fein Leben und Dichten“, 
bat lange Zeit einen Schatten auf diefes Dichterſchickſal geworfen. Aber gerade 
Hohlbaum it es durch die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit feiner Darftellung 


Se 


wohl gelungen, das Andenken diefes bedeutenden Menfchen in unferen Bervußt- 
fein zu vetten. Damit hat er viel geleiftet und wir müſſen dankbar fein. Im 
gleichen Verlage gibt Hohlbaum aud) die Gedichte Günthers heraus, um nicht mır 
deſſen Leben, fondern auch deſſen Werke der Nachwelt zu erhalten. 

Der liebenswürdige Roman von einer Frau ift „Die Liebesleiter” 
bon Maria Peteani. Hier gelang e3 zum eviten Male einer weiblichen 
Dichterin, den Lebenslauf einer großen Kofette künſtleriſch eintwandfvei zu ge- 
Stalten, jtets über dem Stoffe zu bleiben, nicht in diefem zu ertrinken. Der 
Roman it leicht und flüffig geſchrieben, vegt durchwegs das Intereſſe des Leſers 
an und jtempelt das Buch durch feine Art zu einem Unterhaltungsbuche höherer 
Art. Und daß alles Gejchehen des Buches fo aus dem Geiſte der Frau ber- 
aus gejtaltet und geſchvieben ijt, verleiht dem Romane Maria Peteanis einen 
Schleier bejonderer Anmut. 

Liebe tft auch der Inhalt des Nomanes von Emil Scholl „Das Aben- 
teuer“, der ſich mit feinem prächtigen hiſtoriſchen Romane „Die Roßtäuſcher“, 
einen guten Namen gemacht hat. Zwei Menjchen aus verfchiedenen Gefell- 
ſchaftsklaſſen finden fi durdy einen wunderlichen Zufall und was ſich daraus 
entjpinnt, ift die Geſchichte einer ſtarken finnlichen Liebe, die hell auflodert und 
raſch wieder verbrennt. Der Faden der Handlung tft wohl etwas dünn geraten 
und auch die treffliche Schilderung der kleinbürgerlichen Umwelt des Mädchens 
kann darüber nicht hinweghelfen. Es ftedt vielleicht etwas zu viel an reiner 
Unterhaltungsliteratur in diefem Buche, das ſonſt geſchickt und ſpannend ge- 
ſchrieben iſt. 

Von Büchern anderer Art des gleichen Verlages wäre vor allem das 
„Sibiriſche Tagebuch“ des Dr. Burghard Breitner zu nennen, des 
großes Arztes und Menſchenfreundes, der von den deuffchen und öſterreichiſchen 
Kriegsgefangenen „Engel von Sibirien” genannt wurde. Es iſt ein Werk von 
größtem Format, dem man Unſterblichbeit ruhig borausjagen kann. Es wird 
beftehen bleiben als menfchliches umd künſtleriſches Dokument des Krieges und 
der unermeßlichen Leiden aller SKriegsgefangenen in Sibirien. Aber es jtedt 
auch ein gutes Stüd Mannesmut in diefem Buche, deſſen Verfaffer fich 1921 noch 
zu den Gefühlen befennt, die ihn in den Augufttagen des Jahres 1914 befeelten. 
Und es ift gleichzeitig ein Belenntnisbuch Shönfter Art, hinter dem ein ganzer 
aufrechter Menſch fteht. Daß Dr. Breitner aber auch ein Kiünftler ift, der 
Eindrüde zu geftalten verfteht, wird jeder zugeben, der diejes denkwürdige „ſibi— 
riſche Tagebuch” gelefen hat. Daß es recht viele leſen mögen, folche, die dort 
waren und folche, denen es erjpart blieb, ift mein warmer Wunſch. 


Einen intereffanten Band Briefe hat der verftonbene große Schaufpieler 
Joſef Kainz hinterlaſſen. Die „Briefe von Fofef Kainz“ (heraus- 
gegeben von Hermann Bahr) legen dafür Zeugnis ab. Der Eindrud, den man 
immer bei Stainz hatte, verjtärft fi) durch diefe Briefe: bier ift nicht nur ein 
bedeutender Schaufpieler am Werke, fondern auch ein wirklicher Künftler. Sie 
zeugen dafür, daß Stainz ein Menſch var, der unermüdlich an fich arbeitete, der 
für alle Wifjensgebiete ivarmes Intereſſe befaß, der Ueberjegungen aus dem 
Englifhen machte und der jih — fo gar nicht fomödienhaft — mit dem Leben 
al3 einer durchaus ernft zu nehmenden Sache heftig und ehrlich herumſchlug. 
Man meint die unnahahmliche Stlangfarbe feiner Stimme zu hören, wenn man 
diefe Briefe Lieft, diefes Organ, das die Nerven des Zufchauers immer fogleich 
anpadte und Genuß, Erſchütterung übermittelte, die unvergeßlich bleiben. 





— 


Ein anderer öſterreichiſcher Verlag, der ſehr fleißig arbeitet und ſich um 
unſer Schrifttum bereits Verdienſte erworben hat, ift die „Wila”. Gute Namen 
bejigt fie heute genug. Robert Hohlbaums letzter Novellenband „Fall- 
beil und Reifrod“ erjhien dort und vereinigt einige Feine Meifterftüde 
der Erzählungsktunft. Seine Art hat etwas ungemein Neizvolles und Anhei— 
melndes. Und dabei verſteht er e3 auch oft, gewaltig zuzupaden, wie in der 
„Marfeillaife” und glei) wieder (in der „Winterbrautnacht“) eine ganze Er- 
zählung auf Zarteſtem, Unausgefprodhenem aufzubauen. Auch Proben köſt— 
lihen Humors liefert Hohlbaum in diefem ſchmalen Bändchen. Bei dem inter- 
nationalen Geiftesmift, der uns Deutjchen in legter Zeit reichlicher denn je 
vorgejegt wird, wirft eine Erfeheinung wie Robert Hohlbaum, der neben ftarfem 
völkiſchen Empfinden auch über künſtleriſche Erftklafligfeit verfügt, doppelt wohl— 
tuend. Hier fei auch zugleich auf fein neuejtes Buch, das im Verlage L. Staad- 
mann erjhien, hingewiejen, auf den Roman „Srenzland“ Es ift der 
Roman des von den Tſchechen geraubten deutjchen Landes, das an Deutjchland 
grenzt. Man wird diefen Roman im Reiche draußen gar nicht genug leſen 
fönnen! 

In der Novellenfammlung der „Wila“, um wieder zu diefem Verlage zurüd- 
zufehren, findet fi aud) ein Novellenband des vor allem als Dramatiker be- 
famtten Tejterreichers Adolf Schwayer und nennt fih „Leute aus der 
Art“. Diefe Novellen wurzeln alle im heimatlihen Boden und bringen eine 
Fülle eigenartiger, fräftiger Geftalten. Man kann fi) faum befjere volfstüm- 
lihe Erzählungen denten. Gut deutjche, gerade, zähe, im Heimatboden wur— 
zelnde Menſchen, die alle den Duft der Scholle in den Stleidern tragen, diefe 
Leute bringt uns Schwayers gereifte Erzählungsart nahe. 


Aehnliches gilt aud) von dem Novellenbande des in Chenmig lebenden Hof 
rates Anton Ohorn „m Zölibat“ (ebenda), Erzählungen, die im 
Prieſterleben wurzeln, und hinter denen eine hohe, edle Menſchlichkeit fteht. 
Padend und ehrlich finden Konflitte ihre Darftellung, deren einer Pol der 
Menſch, derer anderer aber der jelbjigewollte Beruf iſt. So die Einrichtung 
des Zölibats in der fatholiichen Geiftlichkeit. „m Banne der Satzung“ iſt eine 
einzige heftige Anklage gegen den „trojtlofen Jammer des Zölibats“, das mit 
unmenſchlicher Härte fih an dem Wahrjten im Menſchen, an deſſen Natur, 
verfündigt. 

Zum Schluß fei noch zweier befonders lefensiwerter Bücher gedacht. Da iſt 
einmal der neue Roman von Hans Bartſch „Seine Jüdin“ (Verlag 
2. Staadmann), in dent des Dichters Stellung zur Raſſenfrage fejtgelegt jein 
ſoll. Ich meine aber, daß es weniger eine Stellung zur Raſſenfrage iſt als 
eine ſolche zu allerlei religiöſen Unwägbarkeiten, von denen die Seele des Helden, 
des öjterreichiichen Generaljtabsoffiziers Hebedich, erfüllt ift, der eine hübſche 
Jüdin heiratet. Als Roman iſt diefes Buch befter Bartſch. Die Handlung, 
die nur die Geſchichte diefer Mifchehe erfüllt, iſt, trogdem fie dadurch völlig nad) 
innen verlegt werden mußte, durchweg jpannend, erwärnt den Lejer und hält 
ihn in Atem, da ja der Stoff allein zu feſſeln imftande iſt. Jeden, der die 
Judenfrage als die widhtigfte umjerer Zeit erfannt hat. Nur einen Hafen 
ſcheint die Sache zu haben: Bartſch kennt feine Juden zu wenig, er flebt fie 
aus dem gleichen Geſichtswinkel, aus dem man fie vielleicht vor zwanzig Jahren 
anjehen konnte, vor dem Weltkrieg und Umfturz, aber nicht mehr heute. Er 
verfennt vollfommen die gefchloffene Macht diefer Naffe, die den größten ein- 


— 72 — 


heitlichen Zielen entgegenarbeitet. Trotzdem wird ſich Bartſch aber durch dieſes 
Buch unter den Juden wenig Freunde erwerben, die Anerkennung, die er dieſer 
energiſchen Raſſe ab und zu zollt, ſein SEchwaͤrmen von Allmenſchlichkeit, iſt 
ihnen heute bereits zu wenig, als daß ſie ſich damit zufrieden geben könnten. 
Denn in ihren Augen wird vor allem die ſchwerwiegende Tatſache des Romanes 
beſtehen bleiben. Die jüdiſche Frau dieſes Generalſtabsoffigiers liebt ihren 
Mann ſchwärmeriſch, ſo lange er während des Krieges in Anſehen und Geltung 
ſteht, fo lange er Karriere macht; nach dem Sturz aber, als ihr Mann aller feiner 
äußeren Würden entlleidet, in feiner nadten — und doch jo reichen — Menfd- 
lichkeit vor ihr fteht, verläßt fie ihn ſchmählich, um ſich „mit einem italienifchen 
Dffizier zu vereinigen. 

Zum Schluß noch ein Roman von Jeremias Kreuz, dem Berfafler der 
erfolgreihen „Großen Phraſe“. Es ift gewijfermaßen ein Gegenftüd zu 
Breitners „Sibiriſchem Tagebuch“, heißt „Die einjfame Flamme” (Egon 
Fleiſchel, Berlin) und ftellt ſich als eim meiſterlicher Roman der Kriegs- 
gefangenfhaft dar. Aus innerjtem Erleben heraus gejchrieben, ift diefes Buch 
die erjte völlige Bewältigung dieſes ungeheuer großen, pſychologiſch hochinter- 
efianten Stoffes. Kreuz befigt die Gabe der kurzen Charalterifierung, die mit 
wenigen Strichen ein Wefen von Fleiſch und Blut hinzuftellen weiß. Jede 
Figur des Buches Iebt, zum greifen deutlich entjteht das Offizierslager in der 
ſibiriſchen Wüſte vor dem Leſer, die Not und Dual des täglichen Lebens, ein- 
und zufanmengepfercht mit Sameraden, deren Lebensgeivohnheiten den eigenen 
ſchnurgevade entgegemlaufen, diefe Qual der kinftlih Entmannten, vom Weibe 
Abgeichnittenen. Zwei Seelen rangen in der Bruſt des Dichter und das 
Symbol diefes Kampfes wurden die zwei beiten Figuren des Romanes. Der 
pazifiſtiſche Träumer, der junge Baron Riedammer, der feinen Verſen und feinen 
wunderjhönen Gedanken über Verbrüderung der Menjchen und von dem Eiege 
der Religion der Liebe lebt und der alte trogige Feldhauptmann Bladerer, 
der fi) nicht beugt und den die Sehnfucht treibt, wieder für das Vaterland 
tämpfen zu fünnen. Und daß die beiden Menſchen, die fi anfänglich gar nicht 
verſtehen konnten, ſchließlich Freunde werden, vundet ihren ſymboliſchen Gehalt 
völlig ab. Es wimmelt in dem Buche nur fo von glänzend geſchauten und ge- 
formten Geſtalten, jeder Strich ſitzt und der ingrimmige Humor von Kreuz, 
der alle in ihrer kleinen Menſchlichkeit ſieht und eben darum für alles Ver— 
ſtändnis aufbringt, wirkt darum trotz ſeiner peitſchenhiebartigen Schärfe be— 
freiend. Roderich Meinhart. 





Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Guſtav Manz in Berlin. 





Geſchäftsführung: Deuticher Verlag, Abt. —— rag SW 48, Wilhelmftraße 8-9 
: Nollendo 
Drud: Allgemeine Verlags⸗ u. ei b. H., Berlin SW 48, Wilhelmftr. 9. 


Rüdfendungen von Manuftripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rüdporto. — Nach⸗ 
drud fämtlicher Auffäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geftattet. 


Die Grenzboten 


Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 6. Mai 1922 
Nummer 17 


Kolonialpſychologie. 
Von Dr. Erich Schultz-Ewerth. 

Gonverneur des ehemaligen Schutzgebiets Samoa. 

(Schluß.) 

Geſellt ſich zur Arbeit der Erfolg, ſo wird die Tätigkeit des Koloniſten 
aus einer Not zur Luſt und weiter, mit Hilfe des reinen Erwerbstriebes, 
der Konkurrenz und der Gewohnheit, zum alleinigen Zweck und Ziel des 
Daſeins. Auf dieſem Wege gerät in gedeihenden Kolonien das Leben und 
Schaffen oft in ein ung befremdendes Tempo. Unabläſſig ſinnt und be— 
ginnt der foloniale Eifer neue, ſtets größere Unternehmungen. Wer 
itehen bleibt oder ſich mit Sleinigfeiten und Kleinlichkeiten abgibt, wird 
überrannt, bei Seite geſtoßen, damit die wilde Jagd keinen Aufenthalt 
erleidet. Fehlichläge entmmtigen jelten. Der fategoriiche Imperativ 
lautet ins 3 überſetzt: Try again! Die Haſt und Unraft äußert 
fich u. a. auch in häufigen und ſchnellen Ortsveränderungen von Menfchen 
umd Wohnplägen. Sogar in Siedelungsfolonien ijt die Beſitzlage weniger 
ſtabil als bei uns. Nicht jeder findet jofort die Stelle, die ihm zuſagt. 
Die Berlodung, in dem weiten Gelände nach Beſſevem zu fuchen, ift groß. 
Manchen wird das Leben unter halbwilden Verhältniffen unentbehrlich. 
Ste halten jich jtets an der äußerſten Grenze der bejiedelten Zone, on the 
outskirts of eivilization; fie jind Me Vorpoſten und ziehen weiter, ing 
Ungewiffe hinein, wenn die Stellung vom Saupttrupp bejegt wird. 

Deſſen unerachtet ft in Stolonien, mit Ausnahme der rein tropifchen, 
wo der Europäer aus klimatiſchen Gründen nur eine vorübergehende Er- 
iheinung ift, der Begriff Heimat feine unbefannte oder unvollitändige 
Größe. Insbeſondere ift der normale Farmer ein Dawerfiedler, hat Weib 
und Kind und wünſcht das Kulturland, das er aus jeinem Stüd Wildnis 
gemacht, jemen Nachkommen zu hinterlaffen. Eigene Urbarmachung webt 
ein ſtarkes Band zwiſchen Menſch und Exde und wird mit jedem &rbrarl 
der Angejtammtheit ähnlicher. Unbedenflich nimmt daher die Gefey- 
gebung 9 t aller Kolonien die draußen geborenen Kinder kraft des jus soli 
als Landesfinder in Anſpruch. Ya, auch die Abtvege, die wir kennen, 


— — 


ſind in Kolonien nichts Ungewöhnliches: Kirchturmspolitik und regelrechter 
Partikularismus. Der Kampf zwiſchen Födevaliſten und Unitariſten be— 
gleitet jedes ſtaatliche Werden und Wachſen und zeitigt mitunter Gebilde 
don überraſchender Achnlichkeit. Die Zuſtände, die zwiſchen den einzelnen 
auſtraliſchen Staaten herrſchten, ehe fie ſich zur Commonwealth zujammen- 
ſchloſſen, erinnern lebhaft an die alte deutiche Kleinſtaaterei. Die ver— 
meintliche Geſchichtsloſigkeit Ameribas, die der mit Vergangenheitsſucht 
überſättigte Goethe in nen Berfen pries, hat den neuen Kontinent 
nicht vor „unnügem Erinnern” und „vergeblichem Streit“ bewahrt. Der 
Sezeſſionskrieg hatte neben feinen wirtſchaftlichen Anläffen tiefer 
liegende Ur ſach en in den Traditionen, die die Ktoloniften aus Europa 
nritbrachten. Im Norden errichten die Puritaner, im Süden die Kavaliere, 
verjtärft Durch franzöfiiche und ſpaniſche Einfchläge! Und nicht zufrieden, 
mit den Neften europäischer Gefchichte belaftet zu fein, haben fich die 
Amerikaner feitdem noch eine eigene Gefchichte angeleat: Längſt iſt dir 
ameribaniſche Wiſſenſchaft in die Tiefen der vorkolumbiſchen Zeit ein- 
gedtungen und hat mit Stontinentalftolz feitgejtellt, daß die Stultur der ſo— 
genannten neuen Welt die ältere tft; denm als in Europa und Afien noch 
da3 Mammuuth umherſchweifte, trieben die Menjchen in Arizona und Neu- 
mexiko fchon künstliche Bewälferung, und auf dem Hochlande von Peru war 
die Ajtronomie bereit3 zehn Yahrtaufende vor unjerer Zeitrechnung zu 
Haus. Amerika muß eben immer wieder von neuem entdedt werden. 
Die pflegliche Behandlung, die die Denkmäler der Natur- und der Menichen- 
geinnE in Amerifa jetzt erfahren, ift muftergiltig. Sei dies — im 
Sefichtsfreis der SKontroverfe Ratzel-Baſtian beurteilt — Entlehnung 
(und ei) europäifchen Borbildes oder Auswirkung eines 
Völfergedanfens und damit ein Beweis, daß der bei uns ins nten 
geratene Hiſtorieismus doc eine den Menjchen angeborene Anfchauungs- 
weiſe ift, — wir haben fein Necht mehr, den Amerikaner einen Banaufen 
zu ſchelten. 

In ſeiner höchiten bisher erreichten Form ift der homo colonus ein 
fertiger pfpchofogifcher Typus. Er ift zu einer unabhängigen Lebens- 
anſchauung gelangt, die ihm, mag fie ihn auch vor Selbitgefälligkeit und 
Selbjtüberhebung nicht fchüßen, eine moraliſche Grundlaae in der Welt 
fichert. Rohrbach erblidt in diefen Selbftgefühl den Kern der folenialen 
Piychologie.*) Ich ziche vor, ihr Weſen als einen gefteignerten Yn- 
dipidualismus zu bezeichnen, der zwar oft in Zügellofigfeit über- 
geht und dem Staat und defien Einrichtungen wenig von dem Reſpekt 
entgegenbringt, den wir gewohnt find, aber dennoch fich mit dem fozialen 
Inſtinkt im allgemeinen aut verträgt. Gin amerifanifcher Publizift, 
vice Collier, hat dem politiſchen Glaubens- oder vielmehr Unglaubens- 
befenntnis feiner Landsleute folgende Faſſung gegeben: 

„Under no government, whether democratie or aristocratie, has 
the individual ever been given any rights. He has always everywhere 
been pointed to his duties; his rights he must conquer for himself.‘“**) 


*) Der deutjche Gedanke in der Welt, Langewiefche 1912 (Vorkriegsausgabe), 
141. 





z 
X 


**) Germany u. the Germarns, p. 96. 


ET 


(Unter feiner Negierunsform, demofratijch oder ariftokratiich, find 
den Individuum jemals ivgendweldhe Rechte getvährt worden. Es ift 
ſtets und überall nur auf jeine Pflichten Hingewiefen worden; feine 
Nechte muß es fich jelber erobern.) 

Nicht zu leugnen tft, Daß das nadte Gejeg der Not und des Intereſſes, 
wenn es fich wie in Amerika in eine jchnell hevanbrechende Zeit großer 
wirtichaftlicher Profperität hinein fortjegt, ernſte Gefahren mit jich bringt. 
Doch find die beiten Schichten Amerifas, tworunter ich nicht das verjtehe, 
was man die beite Gejellihaft nennt, ji) der Gefahren bewußt und auf 
der Hut. Der foloniale Individualismus hat an der Grenze der Ge— 
ichlechter nicht Halt gemacht. Die Frauenbeiwegung, die über Amerika— 
England zu uns gefommen ift, ift eine Frucht der folonialen Entwicklung. 
Die immer noch berrfchende Meinung, daß die Minderzahl der Frau in 
der neuen Welt eine wejentliche Urlacde ihrer dortigen Beflerjtellung jei,*) 
iſt oberflächlich und für beide Geſchlechter hevabwürdigend. Auch handelt es 
ſich keineswegs um eine ameritanifche Sondererjheinung. In Auftralien 
und Neufeeland ift das Frauenwahlvecht älter als in den Vereinigten 
Staaten. 

In der Geſchichte, Kulturgeſchichte und Politik ſpielt die foloniale Piy- 
chologie eine Rolle eriten Ranges. Ohne fie bleibt unjere Anschauung vom 
Weltbilde unvollftändig, bleibt namentlich das britiiche Weltreich, in jeiner 
interfolonialen Struktur, in feinen Beziehumgen zu Amerifa und in jeiner 
ganzen äußern Politik, ein Komplex von Ratjeln, eine gigantiiche Abſur— 
dität. Das kann im Nahmen diejer Skizze nur angedeutet werden. Ob 
einem aber perjönlich der altweltliche oder der neuweltliche Menſch beſſer 
zuſagt, ift natürlich Geſchmacksſache. In Reinkutur gezüchtet zeigt jener 
Hypertrophie des Intellekts, diejer Hppertrophie des Willens. Schäßungs- 
weile darf man annehmen, daß das Verhältnis von Gentlenten, Cads und 
Snobs hüben und drüben ungefähr das gleiche iſt. Wer die oft gerügte 
toloniale „Ungezwungenheit“ unterjtreicht, ſollte ſich durch Krieg umd 
Nevolution belehren lafjen, wie auch alte Kultureuropäer ımter den Folgen 
äußerer Umftände mafjenweiie fat im Handumdrehen zu vollendetrn 
Rüpeln werden fünnen. Und das war nicht nur diesmal jo! ch felbit 
befenne gern, daß ich ımter Koloniften verjchiedener Nationen oft eine an— 
genehm berithrende Frijche und Natürlichkeit gefunden habe, die als all. 
gemeine Regel im Salon vielleicht nicht am Plate wäre, aber mit der 
vielgerühmten politesse du cocur wejensverwandt und mindeſtens ebenjo 
aufrichtig iſt. 

Der hier in jeiner modernen Ausgejtaltung gejchilderte Gegenſatz ijt 
uralt. Seitdem es Menichen gibt, ift folonijiert worden. Der Eiszeitler, 
der, unter einen Felsvorſprung fauernd, fi aus den rauhen Wettern der 
Sleticherperiode in warme tropische Wälder hineinträunte, war wohl der 
erite Kolonialpolitifer. Wenn Horden fich teilten, muß das Zufanmten- 
gehörigkeitsgefühl gemindert worden oder geſchwunden fein. Mit dem 
Uebergang zum Aderban veifte der Beharrungstrieb und kehrte ſich gegen 
den Fernbetrieb. Daß der Bodenjtändige auf den, der die väterliche Scholle 
verläßt, mit einem Mikgefürhl blickt, erſcheint beareiflid. Der Nomade 
kam dent Sekhaften unheimlich, artfremd vor, auch wenn ex friedlich vor— 


*) Bol. z. B. Müller-Lyer, Phaſen der Liebe, Miinchen 1913, S. 194 u. 209. 


wenn er 


überzog. Das Näuberleben vieler Nomadenvölfer befejtigte ſolche Vor— 
ftellungen. Daraus erwuchs im weitern Verlauf die Entrechtung des Yand- 
fahrers. Noch eine Stufe tiefer ſtand der Be und in der ber- 
witterten Geftalt des ewigen Juden erichuf ich die Phantaſie die ſtärkſte 
Allegorie der Unjtetigfeit. Wer den Frieden der Heimat brach, ward 
fried- und heimatlos. Wer ſich jelbjt der Heimat begab, verfiel der Miß— 
achtung. Die Strafe der Verbannung ift bei den zivilifierten Völkern heute 
abgefchafft. Geblieben iſt dag moralische Webergewicht des Heimatfejten. 

Uns Deutjchen war e3 bejchieden, diefes Vorrecht mit einem Schutzkleid 
von ſtark betonten Gefühlskonventionen zu umgeben, wie fie unferer durch 
geichichtliche ‚Erlebniffe fortgebildeten Gemütsanlage entipredhen. Sie 
gipfelm in dem jprichtiwörtlichen Vorwurf der Unredlichfeit gegen den, der 
nicht im Sande bleibt. Das Wort joll im 13. Jahrhundert entitanden jein, 
unter den Erfahrungen der Kreuzzüge, jenes zwei Jahrhunderte wäh— 
renden, vergeblichen Unternehmens zur Kolonijation des Orients. Sicher 
erhielt damals dag Wort Abenteuer, das doch als aventiüre eine der 
ichönften Blüten in dem Zaubergarten des Rittertums geweſen war, den 
Nebenbegriff des Wüſten, Anrüchigen, Unehrbaven. In England hat e3 
jeinen guten Klang beiwahrt; die merchant adventurers des 16. Sehr 
hunderts erfreuen fich dort als Nationalhelden hohen Anfehens. Nicht 
minder bezeichnend iſt der Bedeutungswandel, der fich in unferem Worte 
Elend von exilium in miseris vollzogen hat. In feiner andern Sprade 
hat die Heimatliebe einen jo ſchwermütigen Ausdrud mden wie im 
Deutfhen durch das Wort Heimweh! Cs beiteht fein Zweifel, daß wir 
Deutjche die Auswanderung tiefer, tragiſcher auffafien als andere Völker. 
Weder der Nimbus des Exotifchen, der im deutfchen Binnenlande immer 
noch wirft, noch alles Lob, das heute gern dem ausgeplünderten deuticheit 
Rüchvanderer gefpendet wind, kann die Tatfache verhüllen, daß die Kluft 
zwiſchen Ausgeiwanderten und Daheimgebliebenen in Deutfchland größer 
iſt al3 anderswo. Wenn Sydney Whitman, der lange Jahre als eng- 
liſcher Zeitungskorreſpondent in Deutjchland Iebte, an den Auslands- 
deutfchen tadelt, daß fie dem deutſchen Realismus untreu werden,“*) 
und wenn Zolftoi insbefondere an den Deutfchruffen die gleiche Beob— 
achtung macht,**) jo verjteht man folche ausländischen Stimmen aus einer 
Zeit, wo der beginnende Aufitieg Deutjchlands bei den bedrohten alüdlichen 
Beſitzern Mißgunſt und Beforgniffe erregte; die Ausficht, daß Hang der 
Träumer zum Praftifer werden fünnte, war unbequem. Es fonnte nichts 
ſchaden, wenn man ihn gelegentlich ermahnte, ſich felber treu zu bleiben. 
Aber in Deutfchland ſelbſt find ähnliche Urteile in neuerer Zeit laut ge- 
worden. Der alte Ernjt Morik Arndt ift mit den baltifchen Deutjchen, 
die er während feines Aufenthalts in Rußland kennen Iernte, aus den 
angedeuteten Gründen nicht ganz zufrieden.***) Gottfried Seller meint 
milder, aber doc) entjcheidend, daß man, um den Charakter eines Volkes 
recht zu fernen, dasjelbe bei fich und an feinem Herde aufſuchen müffe,t) 


*) Imperial Germany, Taudniß, p. 28. 
**) Erinnerungen an Sewaftopol, Teil 111 Kap. 17. 
***) Meine Wanderungen und Wandelimgen mit den NReichsfreiherrn dom 
Stein. 
7) Grüner Heinrich, 111 Kap. 12. 


— — 


und nach Theodor Fontane iſt es allgemein die Norm, daß der „Gute und 
Beſte“ daheim bleibt.*) Bemerkenswert iſt, daß dieſe dvei, deren perſön— 
lichen Idealismus niemand in Frage ſtellen wird, nebſt vielen andern 
hervoragenden Männern gevade dem Kolonialgebiet entſtammen. Parallel 
damit verlaufen in unſerer Geſchichte einerſeits eine ungeheuere koloni— 
ſatoriſche Volkskraft und andererſeits eine gänzliche kolonialpolitiſche Er— 
folgloſigkeit. Den Schaden, den wir durch dieſe rudimentäre Entwiclelung 
erleiden, könnte ein Weltwirtſchaftsſtatiſtiker unſchwer ausrechnen. Der 
ſchädigende Faktor liegt darin, daß wir die Innervation entbehren 
müſſen, die von den auf andern Boden en und dadurch zu er— 
höhtem Wachstum angeregten Ablegern eines Volles ausgeht und mit 
den Energiequellen des Mutterlandes ungehindert in — Wechſel⸗ 
wirkung tritt, wenn das Band politiſcher Gemeinſchaft vorhanden over 
wenigſtens das Volkstum der Auswanderer erhalten iſt. Die koloniale 
Lebensanſchauung würde auf uns wirken, wie ein friſcher lebendiger 
Frühlingswind auf die eingeſchloſſene Luft der Winterſtube. Alle Zweige 
des Gemeinſchafts⸗ und des Einzellebens, der ‚Kiftigen und der wirtichaft- 
lichen Kultur würden die belebende verjüngende Kraft, die aus der folv- 
nalen Betätigung entfpringt, in neuen Anregungen jpüren. Bier wäre 
ein wirkſames Heilmittel gegen alle die nationalen Schwächen, von denen 
uns eine noch jo tiefe — bisher nicht hat befreien können. 
Man hat entdedt, daß das Streben nad Individualität ein hervorragen- 
der Zug der germantichen Raffe if. In uns Deutfchen aber iſt der 
Individualismus in Abjonderung und Sonderlingswefen entartet, weil 
e3 außerhalb der für uns unantaftbaren Freiheit des Bierphiliftertums 
nirgends fchiverer war und ift, unorganifiertes Individium zu fein als 
in Deut] land. Wir haben feinen freien Raum, wo die vielen, denen 
der ———— nicht weſensfremd iſt, ſich ausleben und dabei doch 
Deutſche bleiben können. Das Leben der Koloniſten iſt die beſte Schulung 
zur Unabhängigkeit des Chavakters. Auf die Art der Koloniſation 
tommt es in der Hauptjache nicht an. Nur das fei über diefe Unterjchiede 
bemerkt, daß die uberjeeijhe Aderbaufolonifation ziveifel- 
[08 politiſch und individuell die beten Ergebniffe erzielt hat. 

Wenn der deutiche Auswanderer zur Entfaltung unſers National— 
charakters bei Weiten nicht das beigetragen hat, was wic nötig haben, 
io ift das nicht feine Schuß. Befäffen wir in unjerer nationalen Galerie 
einen kolonialen Charaktertyp, twie ihn die andern großen Kulturbölter 
hervorgebracht haben, jo würde er der Vermittler zwiſchen ung und der 
neuen Welt fein, deren geijtige Semeinfchaftserzeuguujic wir jest ın 
fvender Aufmachung über ung ergehen laffen miysen. Bir find mit der 
Antlage des — Nationalgefühls gegen den Auslandsdeutſchen 
ſchnell Hei der Hand. Wir vergeſſen gern, dah wir jelber es waren, die das 
einigende Band mit a Brüdern in der Diaspora nicht zu knüpfen 

tanden oder e3 abveißen liefen. Wir vechnen ihnen nicht zu, daß das 
—— —— wie man im Argentinien ſagt, das Sichanpaſſen an den 
Ideeniuhalt der Umgebung, eine Naturnotwendigk:it ift und die Gefahr 
der Entfremdung unausbleiblich macht, wenn es im Bereiche einer lebens— 
kräftigen fremden Nation ftattfindet. Die Vateriandsliede des Auslands— 


*) Aus den Tagen der Offupation, Berlin 1871, Bd. TI ©. 301. 


— Wa 


deutfchen ift deshalb, weil er ausiwanderte, durchſchnittlich keineswegs 
— Unſere eigenen politiſchen Fehler ſind es, die ſich in dem 
Schickſal des Auslandsdeutſchen widerſpiegeln. 

Lothar Bucher pf ſeinerzeit die fruchtloſen Außenbeitrebungen 
Deutſchlands an dem — Robinſon Cruſoes zu verſpotten. Robinſon 
iſt deutſcher Abſtammung und hat den deutſchen Wandertrieb, „aber er 
muß heimlich davonlaufen; denn Mutter warnte ihn: Bleibe im Lande 
und nähre dich vedlich! und Vater ſagte: Wenn du in die Fremde gehen 
* mußt du erſt ſehr, ſehr viel lernen!. . . Und was richtet er draußen 
aus? Er erobert kein Reich, gründet feine Stadt, erwirbt keinen Reich— 
tum. Er läuft wie ein Hajenfuß vor den Fußtapfen der Wilden davon, 
Dt eine Freundichaft, die ftarf nad) Monſieur Jean Jacues Rouffenu 

dt, jtolpert über einen Goldflumpen, verliert ihn aber auf dem Heim- 
wege und bringt für, fih und fein Vaterland nicht8 mit als eine Kinder- 
geſchichte. Er lebt, wie es jcheint, in Hamburg als Chambregarnift und 
geht jeden Abend in die Kneipe.“ *) 

Damal3 plante Bucher jelber, als Pflanzer mach dem tropifchen 
Amerifa auszuwandern. Die Zeiten änderten ſich u ihn und für 
Deutichland, und fein Spott wurde gegenjtandslos. it erwarben ein 
Kolonialreich, gründeten Städte, begannen mwohlhabend zu werden. Daß 
der Goldflumpen nun doch verloren gegangen iſt, Hat nicht der meue 
deutjche Robinfon, fondern der alte deutfche Michel zu vevantworten. Was 
nützt alles Aufbauen von Handelsniederlaffungen, Kolonien und jonjtigen 
wirtſchaftlichen Intereſſen draußen, mit einem Worte alle extenjive 
Kultur, wenn die polttifche Kultur daheim ihrer Aufgabe micht ge— 
wachen ift?! 

Ich zolle dem Auslandsdeutichen als joldem eine Hochachtung, die 
bedauernd nur gejteht, daß er dem Vaterlande mehr fein würde, wenn er 
Kolonialdeutfcher wäre. Die Zahl der vorhandenen Stolonialdeutichen 
war jehr gering, um die Lebenslinie eines zig-Millionen-Boltes in 
eine meue Richtung zu Ienfen. Die glüdliche Zeit, wo Deutichland feine 
Söhne übers Meer in eigene Kolonien jandte, ift vorüber. Wir mögen 
auf die Zukunft vertrauen, aber wir müffen die Dinge nehmen, wie jie 
dermalen find. Ich hoffe, die Eigenart des Ausgewanderten dem all- 
gemeinen Verſtändnis ein wenig näher gebvacht zu haben. Wenn er fidh 
und wir ihm mehr Gevechtigteit wie bisher widerfahren laffen, wird auch 
die Auswanderung, mit der wir jegt zu rechnen haben, feine verlorene, 
fondern eine nugbringende fein. Die Güter der Erde find für jeden 
geichaffen, der fie zu erringen weiß. Wer um fie kämpft, braucht den Vor- 
wurf der Untreue gegenüber dem Idealismus nicht zu fürchten, vor allem 
nicht don englifcher Seite; denn gerade dies Volt von Kolonisten und 
Kolonifatoren handelt nach dem Grundfat, daß erſt der Beſitz von Boden— 
Mur und territorialen Stügpunften es in den Stand je, die Ideale 

hzuhalten.**) Und darum Glüdauf aus vollem Herzen 
allen Deutfhen, die wieder die Schiffe befteigen! 


*) Nach Diorig Busch, Gartenlaube 1878, ©. 151. 
**) Vergl. z. B. 2. Curtis, The Commonwealth of Nations, London 1916, 
Part. Ip. 7. 


— 79. = 


Die verfrühten deutſchen Mobilmadjungs: 
meldungen und die ruffiihde Mobilmachung. 


Neue Beiträge zur Kriegsihuldfrage. 
Bon Alfred von Wegerer. 


‚Die ruffifche allgemeine Mobilmahung ift, wie durch die — 
Veröffentlichungen (Beiträge zur Schuldfrage, Heft I, Verlag für Politik 
und Geſchichte, Berlin) befannt geworden if aus politiihen und militär- 
technifchen Gründen nach einem Vortrag des ruffifchen Außenminifters 
Saſonow am 30. ee vom Zaren endgültig beſchloſſen und offen aus- 
geführt worden. Bon deutjcher Seite war zu dieſer zeit für die Mobil- 
machung noch nicht ein einziger Soldat eingezogen oder ein Pferd aus- 
gehoben worden. 

Dieje Tatfache iſt fo entlaftend für die durch den Verjailler Vertrag 
geſchichtlch gewordene, fcheinherlige Legende von der alleinigen Schuld 
Deutjhlands am Kriege, daß man von Ceiten Frankreichs eifrig tätig 
it, um dem Verſailler Gewaltfpruch jeinen ins Schwanken geratenen 
moralifden Untergrund zu erhalten. | 

Man bedient fich hierzu der Feder eines Mannes, welcher fich bereits 
durch mehrere Bücher und Aufſätze über die Kriegsjhuldfrage in Deutjch- 
land ziemlich unmöglich gemacht hat, und läßt ihn 2 in der März- 
nummer der „Revue de Paris“ (inzmwifchen fi auch der I. Zeil in deuticher 
Sprache im „Sozialift“ erſchienen) auf 40 ſchwarz bedrudten Seiten ab- 
mühen, das alte Märchen, dat die Falfchmeldung des „Berliner Lofal- 
anzeigers” über die deutiche Mobilmachung die tiefere Urfache für die 
allgemeiste ruſſiſche Mobilmahung geiwefen fei, in neuer Aufmachung 
berauszubringen. Daß ihm, dem alten Baradepferd der Entente, dies nicht 
geatüdt ift, darf an fich nicht vertvundern, da es heutzutage, wo man den 

atjachen über die Entjtehung des Krieges jehr auf die Spur gefommen 
ift, nicht mehr fo einfach ift, „Kriegspropaganda“ zu treiben. Sympto— 
matiſch für das Morfchiwerden der Kriegsſchuldlüge ift eg aber, da 
Rihard Örelling nichts Befleres gefunden hat, um der ın Frankrei 
wachlenden Erkenntnis von der Schuld Poincarés an der Herbeiführung 
des Krieges einen Damm zu jegen. 

E3 würde ſich faum verlohnen, auf den Aufſatz Grellings „Le Mystere 
de 30, juillet 1914” einzugehen, wenn nicht darin angefündigt wäre, daß 
die abgedrudten Seiten einem Werke entnommen find, welches demnächſt 
veröffentlicht werden joll. Es wird alfo ein dritter, hoffentlich der lebte 
Grelling erjcheinen, mit welchem fich das deutjche Lejerpublifum, das 
eigentlich Beſſeres zu tun hat, als die Feinde im eigenen Lager anzuhören, 
berumärgern foll. 

Bei der Widerlegung des Grellingfchen Artikels muß davon abgefehen 
werden, auf die einzelnen Gedankenverfchlingungen des Herrn Grelling 
einzugehen, da e8 genügt, durch einfache Darftellung des Sachverhaltes 
dem Machwerk das Fundament zu zerſtören, auf welchem e3 errichtet ift. 

Am 30. Juli vormittags wurde in der Redaktion des „Berliner Lokal— 
anzeiger8” der Text eines Ertrablattes fejtgelegt, weil man überzeugt war, 
daß die deutfche Mobilmahung nur eine Frage kurzer Zeit jein könnte. 


N 


Der Dienfttuende Redakteur hatte in jeinem Uebereifer Ddiefen 
Tert ohne Zuftimmung der Gejchäftsleitung und des Chefredakteur 
in 2000 Exemplaren drucken laſſen. n der Gejchaftsleitung 
war ausdrüdlich angeordnet worden, daß die Fegrer Faſſung des Ertra- 
blattes nur eine Vorbereitung fei, da aljo das Ertrablatt auch nicht 
gedrudt, viel weniger herausgegeben werden dürfte. Die 2000 Eremplare 
wurden einem Angejftellten übergeben, der fie gut berivahren follte. 
Diejer hate die erteilte Weifung mißverftanden und die Ertrablätter aus— 
gegeben. Auf diefe Wei — etwa 2000 Exemplare auf die Straße, 
teilweife bis unter die Linden. Das Verſehen wurde feiert bemerft und 
dem Wolffichen Telegraphenbureau ſowie dem Hirſchſchen Telegraphen- 
bureau telephoniſch mitgeteilt. 

Der Wortlaut des Extrablattes war folgender: 

Ertrablatt. 
Berliner Lofal-Anzeiger. 
32. Jahrgang. Tonnerstag, den 30. Juli 1914. 
Mobilmahung in Deutfchland. 

Die Entſcheidung ift gefallen, gefallen in dem Sinne, wie es mad den 
Nachrichten der legten Etunden erivartet werden mußte. Wie wir erfahren, 
bat Kaiſer Wilhelm jveben die fofortige Mobilifierung des deutſchen Heeres 
und der deutichen Flotte angeordnet. 

Der Schritt Deutjchlands ift die notgedrungene Antwort auf die drohen- 
den kriegeriſchen Vorbereitungen Rußlands, die ſich nach) Lage der Dinge gegen 
und nicht minder wie gegen unferen Bundesgenofjen Defterreih-Ungarn 
richten. 

* * 
* . 

Die Tatfache jelbit, daß das Extrablatt über die Mobilmadung in der 
Redaktion des „Berliner Lokalanzeigers“ feitgelegt worden mar, ift für 
jeden Zeitungsmann nichts Ungemwöhnliched. Daß das Telegramm ver- 
jehentlich verfrüht herausgebracht worden ift, gehört auch nicht zu den 
Abjonderlichkeiten, wenigſtens nicht des Lokalanzeigers, welcher feinerzeit 
den Tod Kaifer Wilhelms I, ebenfalls vorzeitig in großer Auflage durch 
Ertrablätter gemteldet hat. 

Bon Intereſſe ift, in welcher Weife die ruffifche Botfchaft von dem 
Ertrablatt Kenntnis erhalten hat. Nach einem Bericht eines beim „Lofal- 
Anzeiger” angejtellten Negierungsrats Krauſe vom 11. Dezember 1914 
hatte Ddiejer am 30. Juli etwa um 1.30 Uhr nachmittags Die 
Redaktion des Berliner Lobal-Anzeigers verlaffen und den Bot- 
Ihaftsrat der ruſſiſchen Botſchaft, Exzellen; von Bronewſki, auf- 
gefucht, um ſich mit ihm über die Lage zu —— Während Regierungs⸗ 
rat Krauſe mit Exzellenz von Bronewſki in einem Zimmer des Erd— 
gefchoffes der — Botſchaft zuſammenſaßen, wurden die Extra— 
blätter Unter den Linden verteilt. Herr Krauſe erklärte Herrn von 
Bronewſti fofort, daß es ic) bei der Ausgabe des Ertrablattes un einen 
—— handeln müſſe, da er ſoeben von der Redaktion des Berliner 

ofal-Anzeigers fomme, wo man von der Mobilmachhungsmeldung noch 
nicht3 gewußt habe. 

‚. Herr Kraufe fuhr nun fofort twieder zur Redaktion, um Näheres 
über die Mobilmahungsmeldung zu erfahren. Etwa 20 Minuten nad, 


Be 


Berlaffen der ruffifhen Botfchaft teilte Kraufe Herrn von Bronewſki den 
wahren Sachverhalt mit, daß nämlich auf die bloße Möglichkeit hin, daß 
e3 zur ee a Res fönne, wegen de3 ſcharfen Wettbewerbes 
um die Priorität der Nachrichten mit den anderen Blättern, auf alle Fälle 
einige hundert Blätter mit dem heutigen Datum der Mobilmahungs- 
meldung verfehen, bei der Redaktion niedergelegt und dann nicht genügend 
unter Verſchluß gehalten worden find. Durch eine mißverftandene An— 
ordnung habe dann der Erpeditor diefe Blätter den Extrablatt-Verkäufern 
ausgeliefert und dadurch fei der grobe Unfug entjtanden. 

Hieraus ergibt ſich alfo, daß der ruſſiſche — ceen 
von Bronewſki, von dem Augenblick an, wo er das Extrablatt zu Geſicht 
bekam, die Richtigkeit der Meldung ſtark bezweifeln mußte und ſicher auch 
bezweifelt hat, und zweitens, daß er zwiſchen 2 und 2.30 Uhr von der- 
felben Stelle, von welcher die Falfchmeldung kam, nämlich dem Lofal- 
Anzeiger, über den Irrtum aufgeklärt wurde. 

Die Falfdmeldung, welche nun nach Anficht des Heren Grelling die 
llde Robilmahung mit hervorgerufen haben foll, ift am 30. vom 
ei hen Botſchafter in Deutfchland an den Minifter des Aeußeren, 
Sajonomw, in einem furzen Telegramm mitgeteilt worden. Nach dem 
Nuffifhen Orangebuh Nr. 61 hatte das Telegramm folgenden Wortlaut: 

Berlin, den 17./30. Juli 14. 


Ich erfahre, daß foeben der Befehl zur Mobilifierung der deutſchen Armee 
md Flotte gegeben worden ift. Swerbejew. 


Diefes Telegramm von Swerbejew ift um 3.28 Uhr nachmittags 
beim Berliner Haupt-Telegraphen-Amt eingeliefert worden. Um 4.02 Uhr 
wurde es zur Beförderung nad) Petersburg geftanzt, konnte aber erſt 
um 6.00 ubr gefendet werden, mweil es infolge Maffenauflieferungen von 
Staatstelegrammen und zeitweiliger Betriebsichtwierigfeiten nicht früher 
an die Reihe fam. Das Telegramm des Botjchafters ift außerordentlich 
feichtfertig, und es trifft Swerbejew ein ſchwerer Vorwurf, daß er eine 
Nachricht, über deren Bedeutung er fich klar fein mußte, weitergab, ohne 
fich vorher mit den entfprechenden amtlichen Stellen ins Benehmen gefegt 
zu haben. Stwerbejeiv liefert hier ein Seitenjtüd zu der Voreiligkeit jeines 
Kollegen Schebefo in Wien, der am 28. Juli die allgemeine öfterreichifche 
Mobilifation, welche befanntlich exit am 31. Juli 11.30 Uhr vormittags 
angeortnet worden ift, nach Petersburg drahtete. Unverftändlich bleibt es 
aber, daß Swerbejew vor Abjendung des Telegramms nicht mit dem 
Botihaftsrat Erzellenz von Bronewſtki in Verbindung getreten iſt, ebenfo 
unerflärlich ift eg, daß Bronewſki feine Kenntnisnahme von dem Ertra- 
blatt des Lofal-Anzeigers und das Anziveifeln der Richtigkeit der — 
durch Regierungsrat Krauſe Swerbejew nicht mitgeteilt hat. Innerhal 
der ruſſiſchen Botſchaft liegen alſo zum mindeſten Verſäumniſſe vor, 
welche die amtliche ruſſiſche Stelle ſo ſehr belaſten, daß das Verſehen 
der Herausgabe des Ertrablattes ſeitens der Redaktion des Berliner 
Lofal-Anzeigers verhältnismäßig gering erjcheint. Damit fällt auch die 
ganze „möitifche” Kombination, wie fie von Sir Edward Grey in feiner 
befannten Rede vom 23. Oftober 1916 zuerſt vorgebracht wurde, innerlich 
zufammen, denn der Page Plan, den man, nach Anficht der Entente, 
Durch) das Ertrablatt des Lokal-Anzeigers vorhatte, hätte überhaupt 


— BU ber 


niemals gelingen fönnen, wenn die ruffifche Sea ihre jelbjtverftänd- 
liche Pflicht getan hätte und vor Weitergabe der Lolal-Anzeiger-Meldung 
beim Auswärtigen Amt angefragt hätte. 

Der Irrtum des Lokal-Anzeigers wurde Swerbejew dann befanntlich 
von felbjt vom Staatsfefretär des Aufßeren, Jagow, mitgeteilt, worauf 
von Swerbejew ein offenes Telegramm aufgegeben wurde, welches 
folgenden Wortlaut hatte: 

Nr. 12064. Außenminifter Petersburg Bitte Tele» 
gramm Nr. 142 als nihtig betradhten Aufklärung folgt. 

Swerbejem. 

Das Telegramm ift 4.30 Uhr nachmittags beim Poftamt 64 von der 
ruſſiſchen Botſchaft eingeliefert worden und gelangte 4.48 Uhr zum Haupt- 
telegraphenamtf*). 

Ein weiteres Telegramm (Orangebuch 62) wurde gleichfalls 4.48 Uhr 
nahmittags beim Haupt-Telegraphen-Amt eingeliefert, welches folgenden 
Wortlaut hatte: . 

Der Außenminijter telephonierte mir foeben, daß die eben verbreitete 
Nahricht von der Mobilmahung der deutfhen Armee und Flotte faljch ift. Die 
Extrablätter waren für alle Fälle im Voraus gedrudt und wurden 1 Uhr nach— 
mittags ausgegeben, find aber jett bejchlagnahmt. Swerbejew. 

Da die ruſſiſche allgemeine Mobilmachung, anſcheinend auf Drängen 
des ruſſiſchen Generalſtabes, den Nikolai Nikolajewitſch in der Hand hatte, 
bereits am 29. angeordnet werden ſollte und dann auf das Telegramm 
des deutſchen Kaiſers in die Teilmobilmachung, welche trotz des Wunſches 
des Yale nach Anficht von Januſchkewitſch und N] nicht mehr 
anzubhalten war, abgeändert worden ift und am 30. Juli endgültig, und 
zwar nad) Dobrorolffi nicht fpäter al3 2 Uhr nachmittags, nach Paleologue 
genau um 4 Uhr nachmittags, angeordnet wurde, erübrigt fich, noch 
weiter darauf einzugehen, daß die leichtfertige Falſchmeldung Swerbejews 
den ſchwerwiegenden Entſchluͤß der ruſſiſchen allgemeinen Mobilmahung 
herbeigeführt haben fünnte. — Das Zeugnis des Dobrorolffi fei hierzu 
im Wortlaut angeführt: 

„Segen 1 Uhr mittags wird Januſchkewitſch telephoniih von Saſanow 
angerufen, der erflärt, dag der Kaiſer es für richtig befunden hat, auf Grund 
der legten Nachrichten aus Berlin die allgemeine Mobilmachung der gejamten 
Armee und Flotte zu verkünden.“ 

Alfo die Nachrichten, welche den Zaren zur allgemeinen Mobil- 
machung veranlaßt haben, find fchon vor 1 ube beim Zaren gemefen. 
Diefe Nachrichten können, wenn es fich nicht um eine leere Entjchuldigung 
des Zaren handelt, zu dem Zived, feine ſchwankende Haltung der Außen 
mwelt gegenüber au erflären, niemals die Meldung Smwerbejews von der 
— urch den Lokal-Anzeiger (Orangebuch Nr. 61) ge— 
weſen ſein. 

Um das ſehr bedeutſame Zeugnis Dobrorolſkis gebührend ins Licht 
zu rücken, ſei noch erwähnt, daß Dobrorolſki auf Befragen von dritter 
Seite ausdrücklich erklärt hat, „daß die Frage der allgemeinen Mobil- 
— vom Kaiſer endgültig am 17./30. Juli in Alexandria entſchie den 
wurde, nicht ſpäter als2z Uhr nachmittags.“ 


*) Graf Montgelas, Berl. Tageblatt vom 15. 7. 21. 


— 88 


Daß der Zar, welcher doch jchlieglich auch mwifjen mußte, warum er 
die allgemeine Mobilmachung angeordnet hat, ſich niemals auf die Mel- 
dung des „Lolal-Anzeiger” oder eine deutiche ——— 
berufen bat, iſt ſchon durch die Rede von Bethmann-Ho er Haupt⸗ 
ausſchuß des Reichstages am 9. November 1916 hervorgehoben worden. 
Bethmann-Hollmeg erwähnt hier die Etelle des Telegramms des Zaren 
an den deutihen Kaiſer vom 31. Juli. „Es ift technifceh unmöglich, 
unfere militärischen Vorbereitungen einzuftellen, die durch Oeſterreich— 
Ungarns Mobilifierung notwendig geworden find, 

Wenn Grelling, um feine haltlofe Behauptung von der Entjtehung 
der Falſchmeldung des „Lofal-Anzeigers” zu jtügen, die im Jahre 1918 
von René Puaur — Mär wieder aufwärmt, daß außer dem 
„Lokal-Anzeiger“ die ‚Berliner Neueſten Nachrichten”, die „Deutſche Zei— 
tung“, die „Deutſche Nachrichten“ und die „Deutſche Warte” zur gleichen 
Zeit und zur gleichen Stunde am jelben Tage diejelbe Neuigkeit mitteilten, 
fo ift dieje Behauptung nicht zutreffend. Daß Herr Grelling den Erzäh- 
lungen Buaug ge enüße r — ein ſchlechtes Gewiſſen hat, geht daraus 
hervor, daß er Puaux die Verantwortung hierfür überläßt. Wenn 
Grelling der Sache nachgegangen wäre, hätte er ebenfalls feſtſtellen 
fönnen, daß die genannten Zeitungen nicht die Nachricht von der allge— 
meinen Mobilmahung, wie jie der „Rofal-Anzeiger“ verbreitete, gebracht 
haben, jondern die für jeden Eingeweihten wenig glaubhafte Mitteilung, 
daß das J., V. und XVII. Armeeforps (öftliche Grenztorps) mobil gemacht 
worden find. Nebenbei gejagt, fann man in diefem Sinne aud) nicht von 
vier Zeitungen fprechen, fondern nur von einer, da „Berliner Neueſte 
Nachrichten” und „Deutſche Zeitung“, ſowie „Deutfche Nachrichten“ und 
„Deutiche Warte” eine Arbeitsgemeinichaft bildeten und die Nachricht aus 
ein und derjelben Dulle hatten. 

Die beiden Falſchmeldungen, allgemeine Mobilmahung und Mobil- 
machung von drei Oſtkorps, find alſo eritens nicht ein und diefelbe Sache, 
wie Puaux, bezw. Grelling behauptet, jondern zwei gänzlich ver- 
ihiedene Dinge und zweitens auch zu ganz verfhiedener 
Zeit, nämlich mittags vom „Lofal-Anzeiger” und in der Abendausgabe 
von den genannten vier Blättern herausgefommen. 

Da es nun nicht eh it, daß diefe Herren Grelling ſcheinbar 
unbefannte — von der Falſchmeldung über die Mobilmahung der 
öſtlichen Grenzkorps Stoff zu einem neuen „Myſterium“ gibt, jei hier 
gleich darauf Hingewiefen, daß die Nachricht von der deutfchen Teilmobil- 
machung glatter Schwindel war und die Alten des Generaljtabes hierüber 
auch nicht einmal eine Andeutung enthalten. 

(6 um Schluß noch eine feine Probe Grellingfcher Logit. Grelling 
reibt: 

„Die Berichte der auswärtigen Botſchafter vom 30. Juli, insbeſondere die 
Berichte Jules Cambons Gelbbuch 105 und 109, ſprechen es mit deutlichen 
Worten aus: daß der Generalftab und die Armeechefs — nach den Belennte 
niffen Jagows und Zimmermanns — mit aller Macht auf Mobilijierung 
drängten (obwohl bis dahin nur eine ruffiiche Teilmobilifierung gegen Oeſter— 
reich vorlag), da „jede Verzögerung einen Kräfteverluft für die deutiche Armee 
darftelle”. Mobilifierung mar befanntlich gleichbedeutend mit Krieg. Ergo: 


a 


Der deutihe Generalftab drängte am 30. Juli, ehe Ruß— 
land zur Generalmobilijierung gefhritten war, auf 
Krieg Ergo: Nicht die ruffifhe Generalmobıltijierung, 
fondern der Wille des deutſchen Generalitabes iſt die 
Urjadhe des Krieges geweſen. 

Daß der Generalitab zur Sicherheit des Landes in Anbetracht der 
feit dem 26. Juli offiziell einfegenden ruffifchen SKriegsvorbeitungsperiode 
auf die Notwendigkeit entjprehender Gegenmaßnahmen hinwies, var 
feine Pfliht. Wer alſo dem Generäl von Moltke einen Vorwurf daranz 
machen will, daß er bei dem gemeinjamen Vortrage am 29. in Gegenwart 
de3 Kaiſers die Frage der allgemeinen Mobilmahung angejchnitten hat, 
mit dem ift eine objektive Auseinanderfegung nicht möglich. 

Auf Gegenvorftelungen des Reichskanzlers hin ift die allgemeine 
Mobilmahung am 29. aber vom Kaiſer abgelehnt worden. Bei dem 
Bortrage am 30. iſt der Generaljtabschef auf dieje Frage nicht noch ein- 
mal zurüdgefommen. x 

ver eben liegt der große Unterjchied zwijchen der deutfchen und der 
ruſſiſchen Stelle, die über Krieg und Frieden zu enticheiden hatte. Beide 
Generalftäbe, der ruſſiſche wie der deutjche, toiefen in Anbetracht der ge- 
fpannten politifchen Lage auf die Notwendigkeit einer Mobilmahung Hin. 
In Rußland gibt der Zar dem Drängen des Genevaljtabschefs nad) und 
die allgemeine Mobilmahung, welche jih bei dem ſchwachen Monarchen 
ſchon gleichſam von ſelbſt entwidelt hat, wird offiziell angeordnet. In 
Deutichland wird troß der viel bedrohlicheren Lage, troß ruffifcher Kriegs— 
——— en Zeilmobilmadhung von 13 ruſſiſchen Armee- 
forps gegenüber nur 8 öſterreichiſchen Korps, die Durch die Serben ge- 
bunden waren, mit der allgemeinen Mobilmahung noch volle 48 Stunden 
wartet, d. h. bis zu einem Zeitpunkte, wo es ein Verbrechen gegen das 
utiche Volk, bejonders gegen die Djtpreußen geivefen wäre, wenn Die 
Mobilmahung, die auf Grund der militärpolitifchen Lage allerdings den 
Krieg bedeutete, nicht angeordnet worden wäre. 


Berwaltungs:Reform und 


Berwaltungs: Akademie. 


Bon Minifterialrat Dr. Otto Jöhlinger, 
Studiendireftor der Verwaltungs-Akademie Berlin. 


1 


In aller Stille und ohne Aufwerdung von äußeren Pomp und 
Reklame ijt im Jahre 1918 in Berlin eine Hochſchule entjtanden, deren 
Bedeutung weit größer tit, als man in der Oeffentlichkeit ahnt. Denn in 
den fünf Semeftern jeit Bejtehen der Berwaltungs-Alademie 
Re nicht weniger ala 7300 Höver teilgenommen. Dabei handelt es fich 

ei der Verwaltungs-Alademie zu Berlin um eine Einrichtung, die nicht 
vom Staate berrübtt, ſondern um eine Anjtalt, die rein privater 





—— 


Initiative ihr Entſtehen verdankt. Gewiß iſt der Gedanke, Hoch— 
ſchulen für Verwaltungsbeamte in Deutſchland zu ſchaffen, keineswegs neu. 
—— und Köln find längſt vorangegangen. Auch beſitzt Detmold eine 
It mit ähnlichen Zielen. Aber von diefen unterjcheidet fich die Ver— 
— Akademie zu Berlin gr erheblih. Somohl die Kölner als 
auch die Düffeldorfer Die ke audi r foziale und fommunale Verwaltung 
haben VBoll-Studenten, die ſich ausichließlich dem Studium widmen müffen. 
„Zugleich bieten jie, ebenjo wie Detmold, jungen Leuten, die die Laufbahn 
des Berwaltungsbeamten einſchlagen wollen, eine Vorbildungs-Gelegen- 
beit; um auf dieje Weiſe in den Beamtenberuf hineinzugelangen. Bon 
diefen Einrichtungen unterjcheidet ſich die Verwaltungs-Akademie grund- 
fäglich, und e8 wird gut fein, wenn man in den nächſten Jahren einmal 
vergleicht, welchen Etoln die verjchiedenen Typen der Aushildun ng8- 
jtätten in der Praxis aufzuweiſen haben. Es ift gut, wenn nicht an a 
Stellen dasjelbe Syſtem ausgeprobt wird. Die Verwaltungs-Alademie 
Berlin beruht nämlich auf der Erwägung, daß unter den heutigen 
— wirtſchaftlichen Verhältniſſen es nur einer — Schicht von 
ngen Mänern möglich iſt, den regulären Schulga bis zum 
Abihurienten- -Eramen und fpäter bis zum Abichluß der 9 innioerfitätsgeit 
durchzumachen. Wir werden — leider — in den nächſten Jahren mit 
einem fehr jtarfen Rüdgang der Zahl der Studienenden aus den Streifen 
u rechnen haben, die bisher das Hauptkontingent der Univerfitätsbejucher 
Heitten. Viele Beamte und ee der freien Berufe werden nicht 
gi in der Lage fein, ihre Söhne jtwdteren zu laffen. Sie ftehen vor der 
I, ihre Söhne in Zukunft entiveder die faufmännifche fbahn ein- 
fchlagen, oder als Zivil-Anmwärter für den Beamten-Beruf ausbilden zu 
lajien. Es hat feinen Zwech, ſich diefer Entwidlung zu verichliegen. Man 
wird fie ins Auge faffen müffen und wird nA r Mittel und Wege 
zu finnen haben, wie man die Folgen, die fich davaus nicht nur für 
die Eimzelperjonen, fondern auch 5 unjer Staatsleben ergeben, in ihrer 
Wirkung mildern ann. Nur ein fleiner Teil derjenigen, die in Zukunft 
ftudieren, wird fein Dafein auf den Univerfitäten al3 jogenannter „Werf- 
Student” frijten können; für einen großen Teil _ift auch dieje Möglichkeit 
verihloffen. Es werden daher viele N = — die früher imſtande 
geweſen wären, die ſogenannte Bush fbahn des Beamten ein— 
zuſchlagen, zunächſt einmal in die jogenannte "mittlere Beamten-Laufbahn 
eintreten. Hier iſt nun eine Lücke vorhanden, die in der jegigen Zeit 
dringend ausgefüllt werden muß. Man hat mit Recht ſchon lange vor der 
Revolution geklagt, daß den jogenannten mittleren Beamten, unter denen 
fi) ganz ausgezeichnete Kräfte befanden, der Aufitieg nach oben ab- 
Hnitten war. Sie konnten nur bis zu einer gewiffen Gruppe aufiteigen. 
rüber hinaus gab es grundjäglich feinen Aufitieg, mochte der Beamte 
im übrigen noch jo tüchtig fein. Ich fage — „grundſätzlich“; 
denn Ausnahmen hat es immer gegeben, wie z. B. den früheren preußiſchen 
Finanzminifter Rother, der ſich in der Zeit Friedrich Wilhelms IV. vom 
Regimentsjchreiber zum preußiichen Finanzminister heraufarbeiten konnte, 
ferner an den — Eiſenbahnminiſter Hoff, der ebenfalls aus 
mittleren Beamten⸗Laufbahn ſtammte. Ihre Zahl war aber ſehr be 
Zweifellos aber war e8 ein Fehler, daß man die ausgezeichneten va, 
die gerade in dem fogenannten hinteren Beamtentum ruhen, nicht mehr 


86 


ausgenützt hat, daß man dieſem Beamtentum den unbedingt notwendigen 
Ansporn nahm, ſich durch beſondere Leiſtungen hervorzutun. 

Wenn der Beamte weiß, daß ſeine Laufbahn abgeſchnitten iſt, daß 
unüberwindliche Hinderniſſe einem Aufſtieg entgegenſtehen, dann fehlt das, 
was eine gut funktionierende Verwaltung vaudt, nämlich die 
Berufsfreudigkteit. Man fommt allmählich zu einer Verkalkung 
des Beamten-Apparates, und fo find in der geit bis zur Revolution zahl- 
loſe Kräfte allererften Ranges in mittleren mtenjtellungen verblieben, 
trogdem fie, mas Renntniffe und Fähigkeiten anbelangt, für die Be- 
förderung an höhere Stellen jehr geeignet waren. Althoff hat fich jelbit 
einmal Bie größte Mühe gegeben, jeinen Erpedierenden Cefvetär zum 
Regierungsrat zu befördern. Trotzdem er ſich an jehr hohe Stellen wandte, 
fonnte er feinen Wunsch nicht durchjegen! 

Diefe ——— war, wie geſagt, ein Fehler, und wir müſſen aus 
den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wollen wir zu einer wirklich 
braudbaren Berwaltüngs-Reform kommen, dann iſt es not— 
wendig, daß unſer Beamtentum anders vorgebildet und auch anders aus- 
genützt wird, wie bisher. Der Grundjag muß fein: Wenige aber 
ausgezeihnete Kräfte, Berwendung jedes Einzelnen 
ander Stelle, an derergebraudt werden fann, und 
feine Berrihtungpon Arbeitendurh Beamtehöheren 
Grades, wenn die gleihe Arbeitdurd einen minder- 
bejoldeten Beamten geleiftet werden fann. Will man 
das erreichen, dann muß man den Stand der Beamten des fogenannten 
mittleren Dienftes im allgemeinen heben. Man muß ihnen eine 
Beliere Ausbildungsmöglidkfeit verichaffen, damit fie in 
Zufunft auch Arbeiten verrichten können, die bisher von anderen geleiftet 
wurden. Es iſt nicht zutreffend, wenn man die Befürchtung hegt, daß 
daraus etiva höhere Beloßungsanfprüce hergeleitet werden. Ich glaube 
vielmehr, daß in unferem Beamtentum mit feiner bewährten Tvadition 
joviel Berufsethos vorhanden ift, daß fich die meisten freuen, wenn fie eıne 

here Geijtesarbeitet leiften konnen, ohne daß jie dafür fofort eine ent- 
prechende Entlohnung haben wollen. Aber damit ift nicht genug getan. 

icht nur die Entlaftung der höheren Beamten ift anzuftreben, trogdem 
dieje im Intereſſe der rationelleren Ausnügung der Arbeitskraft der 
höheren Beamten unbedingt notwendig it. Man muß noch etwas anderes 
ihaffen: Wenn tas Wort von der „freien Bahn dem Tüchtigen“ fein leeres 
Schlagwort jein joll, dann muß man den Mut haben, endlich einmal die 
Schranken einzureißen, die früher die Beamten des mittleren und höheren 
Dienftes trennte. Man muß denen, die wirklich tüchtig find, die Möglicy- 
feit verjchaffen, fich ducch eigene Kraft emporzuarbeiten. 


Um aber jedes Mißverftändnis zu befeitigen, möchte ich ausdrücklich 
betonen, daß an der jegigen Grundlage des höheren Frauıtentumsg nicht 
ap werden joll, ich ftehe vielmehr auf dent Standpunft, daß die 
Inforderungen an die Grup der jogenannten höheren Beamten 
nicht hoch genug gejtellt werden fünnen. Auch der höhere 
Beantte muß in Zukunft eine ganz andere Ausbildung aufweifen als 
en Neben einem gründlichen juriftifchen Studium werden vor allem 
mehr Kenntniffe des wirtjhaftlichen Lebens und auch zugleich des 


— 83 — 


politiſchen Lebens notwendig ſein. Hier iſt noch ſehr viel 
Arbeit zu leiſten, die aber zum Teil von anderen Stellen geleiſtet werden 
muß, vor allem während der Univerſitätszeit und während der Aus— 
bildung als Referendar und Aſſeſſor. Denn in Zukunft wird der 
voll mifch vorgebildete Anwärter in erſter Reihe für den höheren 
Dienft in Betracht kommen; aber bei jeder Behörde muß die Möglich— 
feit bejtehen, daß nicht nur der auf dem vorjchriftsmäßigen Wege aus- 

bildete Affeffor die Anwartichaft auf den Regierungsrat hat, jondern 
* dieſe Anwartſchaft auch denen offenſtehen ſoll, die durch eigene 
Kraft neben ihren praktiſchen Kenntniſſen die notwendige — 
ſchaftliche Bildung angeeignet haben. Dabei wird man in den An— 
—————— bei dieſer zweiten Kategorie nicht milder ſein dürfen; denn 

s Niveau ſowohl der ſogenannten höheren Beamten, wie des Beamten⸗ 
tums überhaupt, darf in Zukunft nicht ſinken, ſondern muß en 
werden. Und es follen nur diejenigen aufjteigen, die auch wirklich den 
a ander die an fie geftellt werden, gewachſen find. Es darf ſich 
nicht darum handeln, daß ſchematiſch nad) dem PDienjtalter oder nad) ' 
einem prozentualen Verhaltnis Anwärter des mittleren Dienftes in die 
höhere Laufbahn einvangiert werden und hier „höhere Beamte zweiter 
stlaffe” werden. Es u: vielmehr jedem die Möglichteit geboten werden, 
von der unterjten Stufe bis zur oberjten Stufe durch Flgnte Kraft empor- 
äufteigen. Hat der Anwärter des mittleren Dienftes die Kenntniſſe er- 
tworben, die notivendig find, um den Poſten eines Regierungsrates aus- 
zufüllen, und bat er vor allem auch die übrigen Qualififationen, jo Ir 
er, wenn er die erforderliche Prüfung bejtanden hat, auch die gleichen 
Funktionen ausüben wie der Anwärter, der auf dem normalen Wege 
zum Regierungsrat gelangt iſt. Man jchaffe aber nicht, wie man e3 
uͤnglücklicherweiſe im Sriege gemacht hat, den „syeldivebel - Leutnant“, 
jondern muß den Mut haben, aus.einem Feldwebel danı einen Leutnant 
zu fchaffen, wenn er allen Anforderungen genau fo gerecht wird, wie 

x Offiziers-Aſpirant. Ich jage ausdrüdlich „allen“ Anforderungen; 
denn es fommt nicht nur auf die wilfenfchaftliche Befähigung an, 
— trogdem diefe zweifellos die oberite Rolle jpielt —, es müſſen da- 
neben noch die fonjtigen Eigenfchaften, die zum höheren Beamten not- 
wendig find, vorhanden fein, vor allem die Eharatter-Eigenfchaften, das 
perfönliche Auftreten, das Benehmen des Beamten gegenüber der Außen- 
welt, gegenüber den Untergebenen und Vorgejegten. Es find das 
$mponderabilien, deren Berüdfichtigung aber unbedingt 
notwendig ift, damit micht der mittlere Beamte, der aufjteigt, in dem 
neuen Kreife in unerträgliche Verhältniſſe hineingelangt. 

. Haben wir den Mut, das Tor, das bisher berfehloffen mar, zu öffnen, 
und die wirklich Auserlefenen Hineinzulaffen, jo wird das ein mächtiger 
Aniporn fein ſowohl für die Beamten de3 mittleren Dienftes im all- 
Be: als zugeich auch für die Beamer Anwärter des höheren Dienites. 

r auf normalem Wege vorgebildete Aſſeſſor bringt Die vertiefte jurifttiche 
und allgemein wiflenihaftliche Bildung mit, der aus der mittleren f⸗ 
bahn Aufgeſtiegene die größere praktiſche Erfahrung. Beider Wettbewerb 
tommt der Verwaltung zuſtatten und verhindert vor allem das, worüber 
alle Reffortchefs Hagen: die Verjteinerung der Verwaltung. 


Echluß folgt.) 


— 8 


Die Techniſche Nothilfe in a 
und anderen Ländern. 
Bon Heinrih Göhring (Bremerhaven). 


In einer Zeit der höchſten Not, als die vadifalen Elemente auf Koften der 
Allgemeinheit durch wahnjinnige Streits die gejamte Volkswirtſchaft zu ver- 
nichten drohten, wurde die Technifche Nothilfe gegründet aus der Nottwwenwigfeii 
heraus, die Allgemeinheit wenigſtens vor den gröbiten Gtreitausfchreitungen 
zu ſchützen. Die wachſende Erkenntnis weiter Bevölkerungskreiſe bezüglich der 
Bedeutung der Tehnijchen Nothilfe fpiegelt jih am beiten in der Zunahme der 
Mitglieder feit Beſtehen der Nothilfe. Die Mitgliederzahl ftieg von 865 am 
1. Ottober 1919 auf über 120 000 am 1. September 1920 und auf über 240 000 
am 30. September 1921. Die Zahl der Orts- bzw. Landesgruppen ftieg von 
5 am 1. Oftober 1919 auf itber 600 am 1. September 1920 und auf über 900 
am 30. September 1921. Die einzelnen Berufe find wie folgt beteiligt: Tech- 
niſche Fachleute 18 dv. H., Handwerker 10 v. H., Arbeiter 15 v. H., Landwirte 
22 v. H., Freie Berufe 18 v. H., Studenten 6 v. H. und Frauen 110. 9. Wäh- 
end der eriten zwei Jahre ihrer Wirkffamteit ift die Technifche Nothilfe in 806 
Fällen eingejeßt geiwefen. Gbenfo oft war fie außerdem alarmiert, ohne daß es 
zu einem Einfag fam. Ein häufigeres Eingreifen der Techniſchen Nothilfe wurde 
auch bei elementaren Ereignifien erforderlih. Nur in einzelnen Fällen iſt es 
möglich gewejen, Ziffern über Erhaltung von Werten zu erhalten. 8. B. find 
während des Binnenjchifferjtreits im Mai 1920 und des Generalftveifs in Oſt— 
preußen im Augujt 1920 für 295793855 M. Waren erhalten. 

Sn England ijt im Oftober 1920 ein Geſetz über die Nothilfe (Emer: 
gency Powers Act) angenommen. Es iſt ala Dauergefeß vorgefehen mit dem 
Zweck, in dringenden Notfällen Ausnahmemaßnahmen zu treffen zum Schuße 
der Allgemeinheit. Irland iſt nicht einbegriffen. Der „öffentliche Notjtand“” 
kann erflärt werden, wenn „von einer Perjon oder einer Gruppe von Berfonen 
irgend eine Handlung ausgeführt oder unmittelbar angedroht wird, die be- 
fürdten läßt, daß die Gemeinschaft notwendiger Lebensbedürfniffe beraubt wird.“ 
Dabei handel: es fi) namentlich um die Verforgung mit Lebensmitteln, Wafler, 
Fenerung, Licht und um Transportmittel. Eobald der öffentliche Notjtand er- 
klärt ift, fönnen die zuftändigen Behörden die erforderlihen Anoydnungen treffen, 
um den Frieden umd die öffentliche Sicherheit zu bewahren und die Bevölkerung 
mit dem Lebensnotiwendigen zu verfehen. Dieje Maßnahmen jtehen jedodh unter 
der Sontrolle des Parlaments. Die Befugniſſe der Behörden find Beſchrän— 
fungen unterworfen: 

1 Es dürfen feine Anordnungen getroffen werden, die einem militä- 
riſchen Zwangsdienſt oder einer induſtriellen Rekrutierung gleichlommen. 

2. Die Teilnahme an einem Streik oder die friedliche Ueberredung Ar- 
beitöwilliger darf nicht zu einem Vergehen geftempelt werden. 

3. Es können für die Unterfuhung Gerichtshöfe mit jummarifcher Recht- 
ſprechung eingejegt werden gegen Perjonen, die gegen die erlaffenen Anord⸗ 
nungen verjtoßen, aber e3 darf in einen ſchon bejtehenden Kriminalprozeß 
nicht eingegriffen werden, aud haben die Gerichtshöfe nicht das Recht, je- 
menden ohne Unterfuhung mit Geldftrafe oder Gefängnis zu belegen. 

In legter Zeit find ud in Frankreich ftarke Beitrebungen im Gange, 
eine franzöfifche Nothilfe zu erweitern und auszubauen. Während die einer 


al 


folden Einrihtung zufallenden Ausgaben bisher den ſogenannten „Unions civi- 
ques” oder „Ligues d’ordre” zugedaht waren, die als eine Art von Bürger- 
bünden gelten, jollen diefe Verbände jegt auf eine viel breitere Grundlage ge- 
jtellt werden und gewillermaßen als eine dem Stautsganzen dienende Organi— 
jation völlig unparteiifh und unpolitifch ausgebaut werden. Theodore Aubert 
betont ım „Mercure de Franoe‘, daß die von Lenin benußte Taktik erjtrebt, eine 
revolutionäre Stimmung durch die Zerjtörung des Wirtſchaftslebens herbeizu- 
führen, wm mittels der daraus entjtehenden Not und des Hungers die Mißzu— 
friedenen zu vermehren, und fie zu Gewalttätigleiten fortzureißen. Um diefe 
Gefahr zu beſchwören, find die wirtſchaftlichen Hıfsfräfte gegründet worden, die 
fih aus freiwilligen Arbeitern zujammenjegen, welche die Pläße derjenigen eine 
nehmen, die ihre für das Leben der Gefamtheit notwendige Aufgabe vergeflen 
haben Der Grumdjag ift, daß eine folde Organifation jederzeit allen unvor— 
bevgefehenen Ereigniffen entgegenjehen kann und wirffam jeden Angriff gegen 
die Lebensinterefien der Allgemeinheit zurüdzwmeifen vermag. Nah Mittei- 
lungen von „Temps“ vom 4. Juni 1921 ift es den Unions eiviques im Laufe 
der leßten beiden Jahre in verjchiedenen Städten gelungen, die notwendigen 
Hilfsfräfte zu verpflichten, um den Betrieb der Straßenbahnen, der Eleftrizitäts- 
und Gaswerke, des Güterverkehrs und ähnliche dringende Hilfsleiftungen ſicher— 
zuſtellen. Auch in Frankreich ift man heute mehr denn je der Anficht, daß die 
tiefen Urfachen, welche die Gründung folder Einrichtungen bejtimmt haben, 
noch Iange Zeit fortdauern werden. 

Frühzeitiger als in manchem anderen Land hat in Spanien, dem klaſ— 
ſiſchen Land des Generalitveils, eine Art Technijche Notbilfe eingejegt. Ganz 
beſonders gilt dies fir Barcelona. Mehr als 15000 freiwillige „Somatenes“, 
von der Regierung unterjtügt, ftehen bier im Falle eines Oeneralftreits zur 
Verfügung und haben die doppelte Aufgabe: 

1. Ordnung auf den Straßen und Verteidigung des Eigentums. 
2. Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Betriebe, der Ernährung und 
des Verkehrs. 


Sie fegen jih zufammen aus Leuten aller Berufe, von denen allewings 
neun Zehntel dem Bürgerjtande angehören. Für die genannte zweite Aufgabe 
haben diefe Somatenes (somaten heißt Sturm läuten) einen Stab von Spezia- 
liſten aus frewilligen Zivilingenieuren bereit, der automatifch und fofort die 
Eleftrizitätsiwerfe, Wafjerwerke, Lebersmittelverforgung und überhaupt alle 
Betriebe, die für das Leben einer Stadt wichtig find, aufrecht erhält. In letter 
Zeit haben fich u. a. auch die in Spanien bejtehenden Arbeitgeberverbände und 
beſonders die Federacion Padronale (die ſpaniſche Unternehmerzentrale) um den 
Ausbau der Nothilfe bemüht. An die Somatenes in Barcelona erinnert im 
gewiſſen Sinne die Faſziſtenbewegung Staliens. Auch diefe Organifation ift 
aus der Not der Zeit heraus entjtanden und richtet ich in der Hauptjache gegen 
den Terrorismus der fommuniftifchen und fogialijtifchen Gewerkichaftsverbände. 

Nach einer Meldung von „Ritzaus Büro“ bat fih n Dänemark und 
zwar in Kopenhagen in der erjten Hälfte des Jahres 1920 ein neuer Verein 
gebildet, der der deutfchen Techniſchen Nothilfe entjpricht. Der Verein foll in 
Zätigfeit treten, iwern bei Ausſtänden und Ausſperrungen die Verjorgung der 
Bevölterung bedroht wird oder die Gefahr der Vernichtung wichtiger Werke 
beſteht. Er tritt nur auf Grund der Aufforderung öffentlicher Behörden in 
Wirkſamkeit. Der Berein, der feinen unpolitiſchen Charakter betont, teilt jeine 
Mitglieder in Gruppen, die zu bejtimmten Zwecken furzirijtig mobilifiert werden 


RN. 


Tonnen. Während des ungeſetzlichen Transportarbeiterausitandes hat der Ver— 
ein feine Feuerprobe beitanden. Beachtenswert ift, daß die Organifation auch 
aus den Reihen der organifierten Anbeiter bedeutenden Zulauf gefunden hat. 
Auh Schweden befigt jeine Techniſche Nothilfe. Die Vorläufer der heutigen 
Bervegung gehen bis zum Jahre 1909 zurüd. Damals wiütete in Schtveden ein 
Generalſtreik, der beinahe jämtliche Arbeiter, mit Ausnahme der Eifenbahner, 
umfaßte. Sn diefer Zeit gründeten einige beherzte Männer in Etodholm eine 
Veveinigung, die ımmter dem Namen „Schußlorps” ging, und zur Aufgabe hatte, 
unumgängliche nomvendige Arbeiten auszuführen. Diefes Schuplorps wurde 
hauptſächlich von Beamten und ftudierenden jungen Leuten gebildet. Befon- 
ders in dem fcharfen Lohntampf des Perfonals der Privatbahnen in Schweden 
im Jahre 1919 hat es ſich gut bewährt. Bei einzelnen Bahnen kam man fogar 
foweit, daß man mehr Züge als vor dem Streit fahren fonnte, um die anger 
ftauten Gütermengen befördern zu fünnen. 

Aber auch in den überfeeifchen Ländern bat die Technifche Nothilfe oftmals 
ſchon die Gemüter beſchäftigt. Beifpiele hierfür liefern die großen Streilbewe— 
gungen der Eifenbahner in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. 
Ein ſprechendes Beijpiel iſt dem Schreiber diefer Zeilen aus Aujtralien, 
dem Lande der fozialen Wunder, befannt geworden. In Brisbane, im Staate 
Queensland, wollten 1912 die Angeftellten der Straßenbahn der Arbeiter- 
union beitveten und als äußeres Zeichen des BeitrittS ein bejtimmtes Unions- 
abgeichen auf dem Arm tragen. Die Direktion, geſtützt von der Regierung, 
ſträubte fih. Da wurde ein großer Streif in Szene gefegt. Erit ſtreikten alle 
Straßenbahner, dann folgten die Transportarbeiter, Metallarbeiter, Mafchi- 
nijten, Kohlenarbeiter u. a. m. As Gegenmaßnahme der Regierung waren 
die Geſchäfte tagelang geſchloſſen und eine Art Nothilfe ins Leben gerufen. Sie 
bejtand aus der Landbevölferung, welche jich der Streikbewegung nicht anſchloß. 
Durch Farmer, Bauernföhne und Gehilfen wurde die Polizei in der Stadt ver- 
ftärft. Diefe mit ihren Pferden verwachſenen wilden Reiter gingen rückſichts— 
los vor und bildeten eine Art Schreden auf der Straße. Lebensmittel- umd 
Tonftige wichtige unauffchiebbare Transporte wurden von Schülern beforgt. Die 
Schulen waren zu dem Zweck gefchlojlen. 


Der Anthropofophiihe Hochſchulkurs in Berlin 
Ein Rüdblid. 
Bon Paul Feldfeller, Schönwalde (Marf). 


Die Anthropofophen hatten zu einem groß angelegten Hochſchulkurs über 
. Anthropofophie vom 5.—11. März nad) der Singatademie geladen. Es wurde 
gezeigt, wie die neue Lehre faſt alle Gebiete der Wiſſenſchaft befruchtet: an je 
einem Tage wurden Phyſik und Medizin (außerdem Chemie), Pbilojophie und 
Pädagogik, Natiomnalöfonomie, Theologie und Philologie behandelt: kurz man 
hätte dem Programm nad eine rein anthropojophiihe Univerfität etablieren 
fönnen. In der Ausführung freilich haperte verſchiedenes. Da waren die 
Zujammenhänge mit der Anthropofjophie ftellenweije recht Ioder, da wundern zu 
gewagte Behauptungen in der Ausſprache ein gut Stüd wieder zurüdgenommen. 
Aber im großen ganzen foll man über den Irrtümern die einzelnen Wahrheiten 


zer Gr SS 


der Lehre Steiners nicht verkennen. Leider wird in der Deffentlichkeit, zumal 
den Beitumgen, das ganze Lebenswerk diejes Mannes, nicht jelten von „reinen 
Toren“ in psychologicis, in Baufch und Bogen verdanımt, und der Bildungs- 
pöbel jpriht die Schmähungen gedanfenlos nad). 

Aber jo einfach liegt die Sache nicht. Vielbeutig wie unfere Zeit, vielleicht 
die viedeutigfte und vielföpfigfte aller bisherigen Zeiten, ift auch dieſer Mann: 
injofem Repräſentant und Wahrzeichen ımjever Epoche. Sein Können und 
Wiſſen, fein Sein, jein Wollen und feine Einflüffe und Wirfungen find mit ein 
paar Strichen nicht gegeichnet. Seine Einblide ins Seeliſche find bei weitem 
roh nicht genug gewürdigt. Aber er macht diefe Würdigung auch unnötig 
ſchwer, indem er jeine eigenen Kenntniſſe und Erlebniſſe falſch interpretiert, 
d. h. ſofort in eine philofophiiche Theorie Fleidet, die allen philoſophiſch Gejchulten 
unannehmbar jein muß, weil fie nidyt ins 20., jondern ins 16. Jahrhundert 
gehört. Er ift ein gewaltiger Empirifer, deſſen Anregungen wir dankbar jein 
müſſen, und es ijt heute einfach eine Sache des wiſſenſchaftlichen Fortichrit:s, 
gewiſſe Tatfachen des Seelenlebens als beiviejen bezw. als wahrjcheinlich anzu- 
erfennen. Aber mit dem jeelifch-empirifchen Fortichritt verbindet fich ein philo— 
fophiicher Rückſchritt. Das iſt das geiftige Profil diejes feltiamen Mannes! 

Die einzelnen Vorlafungen waren an Güte außerordentlich ungleich. Steiner 
ſelbſt jpradh, faft an jedem Tage mehrfach, mit beivunderungstwürdiger Ausdauer 
und Wärme, die ſich zur Leidenſchaft jteigerte. Unter feinen Schülern fielen 
die Bertveter jeines Etuttgarter Lehrerfollegiums am angenehmiten auf. Mit 
glänzender Berodjamteit entwidelten jie ihre neue pädagogiſche Piychologie und 
Steiners Erziehungsprogramm. Eine gelungene VBeranichaulichung diefer Be— 
ftrebungen waren die Darbietungen eurhythmiſcher Kunſt im Deutichen Theater: 
junge Mädchen tanzten Schubert und Goethe (vezitiert von Steiners Gattin) 
umd gaben Szenen aus Steiners Myſterienſpielen. Ueberall wo Steiner der 
Piychologe, der Menſchen- und Lebenstenner zu Worte fam, wurde der Kundige 
reich beichentt, mochte es fih nun um Biologie oder Philologie handeln. Hier 
ſind in Wahrheit Schäße zu heben, und wer fich fveitvillig davon ausschließt, 
mag fein wifjenichaftliches Zurücbleiben hinter der Zeit vor ſich verantworten. 

Seine philofophiichen Ausmünzungen diejer empirischen Werte aber waren 
unbrauchbar. Denn was ein Philojoph begehrt, ift Wahrheit und feine Medizin. 
Rudolf Steiner dagegen ift eın hervorragender Aızt in jenem weiteſten Sinne, 
in dem auch der geniale Erzieher, Lehrer und Seelforger Arzt jein muß. Als 
Arzt aber tut er ımbetvußt das einzig Nichtige und den Maſſen Eriprießliche: 
ihnen feine Erkenntnis, jondern Täuſchung und Tröftung auf den Weg zu geben. 
Man muß gejehen haben, wie leidenschaftlich feine Anhänger fi an dieje jo 
überaus pofitive neue Lehre klammern, und man verjteht: diefe Menjchen 
brauden den autoritativen Lehrer, und diefer will Anhänger. Da ift fein 
Boden für reine jelbftlofe Erfenntnis, 3. B. nicht für den Geift von Darmitadt, 
der auch die Gegier freudig begrüßt, jofern fie ein böhenes Sein verkörpern. 
Graf Keyſerling will feine Anhänger, jondern Fraftvollite geiftige Selbjtändig- 
feıt. Und gerade dieje wurde bei den Hörern des Kurſus unterdrüdt. 


— — 


Weltſpiegel. 3. Mai. 


Krifis oder Verfumpfung? Wann und wie die Konferenz von Genua, 
die noch immer das politische Intereſſe ausjchlieglich beherrfcht, ausgehen 
wird, iſt gegemvärtig noch unflarer als vor acht Tagen. Die meijten Ein- 
drüde, die uns von dort übermittelt werden, gehen dahin, daß eine gewiſſe 
Müdigkeit in den Verhandlungen Pla greift. Das ijt fein Wunder. Die 
Mitglieder der Delegationen und die Sachverſtändigen leijten reichliche, 
gründliche und ſchwierige Arbeit, und doch fehen fie, daß die politifchen 
Hauptfragen, auf deren — man doch zum mindeſten hoffte, nicht 
von der Stelle kommen. Es bleibt dabei, daß die Mehrzahl der Mächte 
unter der Führung Englands, unterjtügt durch die Vermittlertätigkeit 
Staliens, alles daran ſetzt, ein pofitives Ergebnis der Stonferenz herbei- 
Bullen, während Franfreich in Genua mit Hilfe der paar Getreuen, 

ie ihre Orientierung in Paris fuchen, eine offenbare Objtruftiong- 
olitit treibt. So hat ſich die Eigenheit der Lage nachgerade immer 

ıtliher in einem Kampf zwifhen Boincare und Lloyd 
George ausgeprägt, der zu Zeiten fchon ſehr jcharfe Formen ange- 
nommen bat. Es iſt aber in dieſem Stampfe noch feine Entjcheidung 
irgendwelcher Art eingetreten, und da3 bringt eine lange Dauer der 
Spannungen mit fich, die für die Arbeitsfreudigfeit der Kommiſſionen 
wicht von Vorteil ift und dem Ergebnis der Stonferenz mehr Gefahr droht, 
als der anfangs jo ſehr gefürchtete Gegenſatz zwifchen Siegern und Be- 
fiegten, Dan N zuerſt vor einer Kriſis beforgt geweſen, jebt fteigt die 
Gefahr der Verfumpfung auf. 


Lloyd George erkennt darin mit Recht die ſtärkſte Waffe, die Poincare 
gegen ihn anwendet. Er brauchte die —— Politik an ſich nicht zu 
fürchten, denn es kann kein Zweifel beſtehen, daß aus der Konferenz von 
Genua wenigſtens die eine Frucht reifen wird: der Welt werden über Be— 
deutung und Wirkungen der franzöjiihen Politik die Augen geöffnet 
werden. Frankreicch iſt ſchon jegt nicht mehr imftande, die andern 
Mächte über den Charakter feines Imperialis mus zu täufchen, und 
daß es der Schädling und Friedensitörer der Welt ift, wird auch von vielen 
er früheren Freunde und Bewunderer erfann. Dem engliſchen 

remierminifter ift aber mit dem Durchdringen diefer Meinung 
allein nicht gedient. Er muß, um angefichts der nicht länger hinauszu— 
fchiebenden Neuwahlen im Pereinigten Stönigreich Herr der Lage zu 
bleiben und feine eigene politifhe Zukunft ficherzuftellen, alles verſuchen, 
um einen eindrudspollen Erfolg von Genua mitzubringen. Poincares 
zähe und verbiffene Obftruftionspolitit, die fich auf diefelben Grundlagen 
jtüßt, die Lloyd George einst felbjt anerkannt und an denen er mitgebaut 
bat, von denen er fich auch nicht ohne weiteres loslöſen kann, erſchwert 
einen a Erfolg im Sinne des engliſchen Intereſſes ganz außer— 
ordentlid. Nun macht es ja der — Zähigkeit nichts aus, den 
Kampf ‚gegen folde Methoden aufzunehmen, und Lloyd George hat bereits 
fehr eindringlich zur Geduld ermahnt. Aber es ijt ein Unterjchied, ob 
ein leitender Staatsmann ein ſolches Ziel in der regelmäßigen Führung 
der Geſchäfte feines Landes verfolgt, oder ob er dabei an eine jo eigenartige 
Beranjtaltung wie eine große internationale Wirtfchaftstonferenz für die 


3 — 


Dauer ihrer Tagung gebunden ift. Bier hat er mit Sträften zu rechnen, 
die fich feiner unmittelbaren Leitung und Beeinfluffung zum Teil entziehen 
und ſchwer auf längere Zeit in einer jo außergewöhnlichen Lage und 
Tätigkeit zufammenzuhalten find. Deshalb bringt die Lage pvaftifche 
Schwierigfeiten mit ſich, die ſehr wohl geeignet find, die Genuefer Luft 
gründlich mit Peſſimismus zu verfeuchen, fo daß die Zunahme ängftlicher 
Berichte entiweder über ein batdiges vorzeitiges Ende der Konferenz oder 
ihr Berlaufen auf einem toten Strang wohl erflärlich ijt. Es wäre leicht- 
fertig, mit diefen Möglichkeiten nicht zu vechnen, aber ebenfowenig kann 
man jie als Gewißheiten oder auch nur Wahrfcheinlichkeiten jchon jet an- 
jehen. Man darf nicht vergejien, daR Lloyd George bei feinen Berjuchen, 
Poincares Pläne zu durchkreuzen, die Mehrheit der inzwifchen erheblich 
geflärten und über ihren wahren Nußen belchrten öffentliden Meinung 
Englands hinter fich hat und ein außerordentlich ſtarkes perſönliches Inter— 
eſſe hat, jie hinter fich zu behalten, — jehr im Gegenſatz zu früheren poli- 
tiihen Lagen, als fein erites Streben dahin ging, das Einvernehmen mit 
Frankreich zu wahren. So wie fchon die erjten Wochen der Konferenz 
beffere Ergebniffe brachten, als die meisten politischen Beurteiler vermutet 
hatten, fo liegt auch nwärtig feine Notivendigfeit vor, an die völlige 
GErgebnislofigfeit der Beratungen zu alauben. 

Die große Zähigteit Poincarés, der fich in feiner jtarren Ablehnung 
jeder Erörterung der Repavationsfrage auch dadurch nicht beirren Lich, 
Daß jeder mwirtichaftliche Wiederaufbauplan, faft möchte man fagen, mit 
Naturnotwendigkeit immer wieder im diefes verpönte Thema mindete, 
follte nad) den Hoffnungen der englifchen Delegation wenigjtens in jo weit 
überwunden iverden, als man in der ruffifhen Frage zu einem 
Uebereinfoinmen zu gelangen gedachte. Lloyd George wollte dieje Sachı, 
obwohl darin eigene Wege gehend, doch in der Form mit möglichjtem Ent- 
gegenfommen gegen die Franzoſen behandeln. Daraus erflärt fich feine 
anfänglide Wut und Entrüftung, als der Abſchluß des deutfch-rufjiichen 
Vertrages jeine Taktit durchkreuzte und ihn mit genügender Eindringlich— 
feit auf den begangenen Fehler hinwies, daß er, ftatt mit den eingeladenen 
Mächten in loyal gewahrter Gleichberechtigung vernünftige Wirtichafts- 
pläne zu beraten, die ruſſiſche Frage durch eine unter Ausſchluß Deutich- 
fands betriebene Ententepolitit löfen wollte. Aber er jah den Fehler ein 
und wußte dafür zu jorgen, daß die Stonferenz den Vertrag von Napallo 
nicht mehr als Stein des Anftoßes für ihre Verhandlungen betvachtete. 
Damit wurde jedoch Fuanfreich veranlaft, feinen objtruierenden Stand: 
punkt in der ruſſiſchen Frage wiederaufjunchmen, und das un jo lieber, 
als die rujfifhe Delegation mit der größten Feſtigkeit ihre 
Stellung wahrte und zu feinen Zugeftändniffen, wie fie den franzöftfchen 
Wünschen entiprochen hätten, zu beivegen war. Tfhitfherin war 
auf feine Weife einzufchichtern. Er ließ feinen Zweifel darüber, dah Ruß— 
land zwar in einer überaus tranrigen wirtichaftlichen Lage ſei, immerhin 
aber ein unabhängiges Land, das über eine achtungswerte Militärmacht 
verfügt. So führte er eine dem entiprechende feite Sprache, die gegen die 
Schwäden und Unmwahrheiten der Ententepolitit manchen empfindlichen 
Hieb austeilte und mit einer verblüffenden Unbekümmertheit um die 
Kritik der eigenen Schwächen den Standpunkt von Sowjetrußland verfocht. 
Tſchitſcherin fegte den Forderungen des Londoner Menwrandums, die 


Zr — 


den Geift der franzöfiichen Politik atmeten, rückſichtslos das Bedürfnis 
feines Landes entgegen, obwohl es offenbar war, daß weder Frankreich 
noch England bereit waren, jeine Anfchauungen anzuerbennen. Indeſſen 
fah er deutlich, daß der Widerfpruch gegen die ruffiichen Forderungen in 
diefem Falle England und Frankreich nicht einen, jondern trennen würde. 
Und darin täufchte er ſich nicht. Frankreich wollte um fo weniger jest in 
der ruſſiſchen Frage nachgeben, ald es nicht ohne Grumd glaubte, daß es 
im diefem Falle — wenigſtens nach der Verftändigung zwiſchen Deutfch- 
land und Rußland — ſtark an Preftige bei den jogenannten „Randitaaten” 
einbüßen würde, Die über dieſe Bar de ftarfe Unruhe an den Tag 
legten. Es ift in diefen Tagen troß alledem ge einer formellen Ver— 
ftandigung zwiſchen Frankreich und Engla über ein neues 
Memorandum an Rußland gefommen, aber die Heritellung und 
Abfertigurig diefes Aktenſtücks ijt nrit foviel Weiterungen, Zwiſchenfällen 
—* a Ren belaftet, feine Annahme durch Rußland unmahr- 
einlich. 

Zwifchen Frankreich) und England hat fi) die Yage in den legten 
Tagen zweifellos weiter gejpannt. Barthou entichloß ſich — es tut 
nichts zur Sache, ob auf direfte Aufforderung Poincares, oder aus eigener 
Initiative — zu einer Reife nah Paris, um mit dem Mimijter- 
präfidenten Rüdfiprache zu nehmen. Wie ſchwierig aber die Lage war, 
aeht Daraus hervor, daß er diefe Reife von Tag zu Tage auffchob. Schtiep- 
lich trat er fie doch an, und alsbald verweigerte jein Vertreter Barrare die 
Unterzeihnung des inzwiichen vereinbarten Menwrandums an Rußland, 
— ein Zwiſchenfall, der den ERROR BON englijcher und franzöfiicher 
Politi in helfe Beleuchtung rüdt. Noch wird man aljo das endgültige 
Urteil über die Entwidlung in Genua vertagen müffen. Es vefdient aber 
bemerkt zu werden, daß der Bapft Pius XI. in einer bedeutfamen 
Kundgebung, einem an den Kadrdinalſtaatsſekretär Gafparri ge- 
tichteteten Schreiben, jeinen Anteil an den Erfolgen der Konferenz, 
namentlich an einer wirffamen Hilfe für Ofteuropa zu erfennen gegeben 
hat. Ueber ihre Wirkungen wird fich freilich exit jpater etwas Beftimmteres 
fagen laſſen. . W. v. Majjom. 


22 
Bücherſchau. 
Deutſche Romane. 

Der Verlag Cotta (Stuttgart legt die überaus ſtattliche zweite Serie der 
Geſammelten Werke von Rudolf Herzog in wiederum ſechs ſehr ſchmucken 
Bänden vor. Da hat die große Herzoggemeinde nun auch die neueren feiner 
berühmten umd in vielen Hunderttaufenden verbreiteten Romane beifanmen, 
den Novellen Doppelband: Die Welt in Gold und Yungbrunnen ſowie endlich 
einen fajt fünfmmdert Seiten jtarfen Band Herzogſcher Gedichte. Gerade die 
ſtärkſten Zeugniffe feiner immerfrohen Aheinlandjeele werden vielen die Tiobfte 
Geſchenkgabe jein, ein Bud) froheften deutjchen Bekennens, welches den ſtark— 
gemuten Bau Herzogihen Schaffens als das hoch und froh im Winde flatternde 
deutſche Banner krönt: Ih bin ein Deutfcher, will ein Deutjcher fein! 

Das gleiche Bekennen legt im jtillen Tum auf feiner Scholle der Thüringer 
Didtersmann Guſtav Schröer ab, von dem ich erjt vor einem Jahre 


* 


95 — 


hier ein ganz vortreffliches deutſches Buch „Die Leute aus dem Dreiſatale“ an— 
zeigen fonnte. Er beut uns heuer eine in den einfachſten und darum oft über— 
wältigenditen Formen gehaltene echt deutſche Bauernchronik, die überaus 
ſchlichte, aber fchaffensreiche Lebensgeſchichte eines einſam gebliebenen Bauern, 
der eim ganzes verkommenes, verfoffenes Dorf aus den Klauen des Teufels 
rettete und wieder zu Wohlitand brachte. Schroers „Schulze von Wolfenhagen“ 
(Quelle und Meyer, Leipzig) ift cin echtes deutſches Volksbuch! Möge es auch 
in Wahrheit em Buch des ganzen deutjchen Volkes werden, von unfern ganzen 
armen, verängſteten Volke gelejen und nachgelebt! 

Die gleiche Spur geht auch der Niederſachſe Guſtav Kohne wieder, der 
uns letztes Jahr noch mit einem Roman aus Südafrita kam. Er hat zum Glück 
für fein erögeborenes und erdgebundenes Schaffen heimgefunden in die Heide 
der Heimat mit einem Bude aus dem Bauerntum und aus dem legten 
Menjchenalter, voller Poeſie der Heidbauern und voller Gedanklichkeit. In 
Kurt Haſelhorſts Erbe” (Fr. W. Grunow, Leipzig) hat Kohne aufs neue eine 
mwohlgehrmgene Probe feines ſtarken, echt deutſchen Stönmens abgelegt. Der 
gleiche Verlag bringt von dem jüngjt verjtorbenen, feinfinnigen Frankendichter 
Johann Georg Seeger einen (gefehichtlich noch weiter zurüdliegenden) 
nadgelajjenen Roman „Der Fremdling aus der Neuen Welt“, deſſen über- 
reiches Innenleben den Lejer bejonders feſſeln mind, jieht er doch einen Mann 
feine Frau um ihrer Heftigfeit willen verlafien, nad) Jahrzehnten unerkannt 
zurüdtehren und neben ihr leben, um jie, die Unveränderte, zu prüfen. Die 
Verehrer Seegers werden an der tiefen Gedauflichkeit diejes Buches bewegt 
erfennen, daß es fein bejtes Werf geworden ift, welches er hinterließ. 

Bon eimem Dichter jelber und zwar einem, deſſen Inneres unſäglich ſchmerz— 
zerriſſen geweſen ift, fündet Adam Müfller-Guttenbrunns neuer 
Roman „Auf der Höhe” (Staadmann, Leipzig), der dritte und letzte Band feiner 
Nikolaus Lenau-Trilogie. Ich möchte jagen, daß es erit in diefem Bande jo 
recht gelungen ift, die dämoniſche Natur des frankhaft genialifchen Lenau in- 
mitten der ihn zerreibenden, teils kaltherzigen, teils leidenſchaftlohenden Weiber 
ganz umd gar aufzuzeigen. Langjährige archivaliſche Forſchungen und ein Fund 
im Stifte zu Kloſterneuburg fegten den Verfafler in Beſitz wertvoller Lebens— 
dokumente Lenaus. Staackmann bringt zugleich über Meüller-Buttenbrunn eine 
recht injtrufitve, flotte Schrift von Ferdinand Emjt Gruber, die von Grumd 
aus mit dem föftlichen „Erzſchwab“ befanıt macht. 

&o ein einfacher Burfche it auch der Held des Romans „Peter Michel“ von 
Sriedrih Huch (Verlag Joſef Singer, Leipzig) und es wind jedem eine 
Luft fern, die ſchmucke Neuausgabe dieſes dor zehn Fahren zuerit erſchienenen 
Werkes des Harzburger Advokaten und Poeten zur Hand zu nehmen. Stellt 
dagegen die heitere Kleinleutemaleret, wie fie der inmerftohe und darum im 
weiten deutfchen Lande jo angejehene Rudolf Haas in feinem neuen Opus 
„Der Alte vom Berge” (Staadmann, Leipzig) beliebt. Diefer Triebldichter 
ft doch wirklich ein fonniger Kerl, und wem einmal jo vecht mieſepetrig uns 
den it, der lange die Haasbücher vom Bort. Gleich ſcheint die Sonne 
wieder 


Sein öjterreihijcher Landsmann Ludwig Huna iſt von weit ſchwererem 
Blut und hat es darum auch nicht ſo leicht, ſich bei den Leſern durchzuſetzen 
und einzuniſten. Von Hunas Borgiatrilogie bringt der Grethleinverlag (Leip⸗ 
zig) den zweiten Band „Der Stern des Hauſes Orſini“, welcher die Tragoͤdie der 
Lukrezia Borgia im den Vordergrund jtellt, Alegander und Cefare Borgia in 


— a 


ihrer ganzen. Ummenfchlichteit entrollt. Hung verfügt über eine Glut der 
Sprahe wie faum ein zweiter unter den zeitgenöfjifchen Romanciers. Nur 
er konnte es darımı wagen, diefen glutenden Stoff beiwältigen zu wollen. Er 
bat den ſinnenſtärkſten Renaiflanceroman gejchaffen, den man fich voritellen 
fann, und feiner der dies Buch lieſt, wird es ohne Erſchütterung, anders als 
hingerifjen bis zur legten Seite, aus der Hand legen. Ein Romamverf, weldes 
gar manche belletrijtifche Modeitrömung überdauern wird. 

Es ijt beliebt bei unfern Dichtern, in die Zeit und das leid ihrer Vorgänger 
zu ſchlüpfen und Künſtler jeder Art im Romane nahzubilden. Man hat dieje 
Manier oft gejcholten, vergißt aber dabei, daß fie noch immer die anfchaulichite 
Methode blieb, Vergangenheiten und halbvergefiene Größen vecht in ung Nad)- 
fahren wachzurufen. Einer von den einſchmiegſamſten Poeten auf dieſem Ge— 
biete ift der Sachſe Rudolf Heubner Kam uns noch voriges Jahr mit 
einem farbenleuchtenden Peter Paul Rubens-Roman und ivartet heuer mit 
einer betörenden Groteske des E. T. A. Hoffmann in Bamberg auf: „Ser ver- 
hexte Genius” (Staadınann, Leipzig). Es iſt eimem wahrhaftig zumute, als 
wirde man von allen ‚Elirieren des Teufels durchbrauſt, wenn man diejen 
wahren Hegenjabbar von Wahn und Wochen im Lungen Banıberg des vorigen 
Jahrhunderts mritdurchlebt. Leit! Hier zeigt ſich Heubner von einer ganz an— 
deren Seite 

Daneben jeß ich mit voller AMbficht den Goethe der Geniezeit jeiner beiden 
eriten Jahre in Weimar, wie ihn der bejte Goethekenner unſerer Tage, Der 
unermüdliche Wilhelm Bode im jingiten feiner Goethebücher „Goethes 
Leben“, 3. Bad (E. S. Mittler u. Sohn, Berlin), vortrefflih abzuſchildern 
weiß. Karl Auguft kommt nah Frankfurt, die Brautfchaft mit Lilli, der Ein- 
zug nm Weinmr. Das alles wirbelt an uns hin und haftet in tauſend Beleg- 
jtellen und Bildern, wie jie eben nur Bode jo meifterhaft zufammenzutragen 
verſteht Er jtellt ſchon wieder drei neue Bande in Ausficht (Goethe bis Sizilien 
und Neapel!), bereichert uns mit jeden feiner jchäßeveichen Bücher fo jehr, 
daß man jagen möchte: erſt Bodes Bücher über Goethe haben das erhabene 
Bild unjeres größten deutfchen Dichters in jedem Herzen lebendig gemacht. 

Nun noch gute, freilich etwas leichtere Unterhaltungstoft. Der Verlag 
Auguft Scherl, Berlin, legt eine Reihe feiner ſchmucken neuen Romane vor. 
Da finden wir die bekannte Erzählerin aus dem jormigen Süden des Garda— 
ſees El-Correi. Im Kriege mußte fie flüchten und legt nun „Die aus 
der Brautgafje”, eine herbe Frucht ihres Exils vor, ein Buch, das die Frauen 
liebgewinnen werden. Frauen find aud die Verfafjerinnen der beiden Scherl- 
bücher „Die blaue Sehnſucht“, von Lifa Barthel-Winkler, und „Die 
Erlöjten”, von Selma Fifher-Emwojdzinjta. Zwei Künftlerromane! 
Die bunte Welt der Kunſt it es ja zwerft und zumeift, welche dichtende Frauen 
anlodt. In diefem Spiegel beſchreiben jie ihr erjtes Künftlerleben. Ein guter 
und gewiffenhafter Prüfitein. Paul Burg. 


Verantwortlier Schhriftleiter: Dr. Guftav Manz tn Berlin. 


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ernruf: Nollendorf 4849. 

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druck fämtlicher Auffäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geftattet, 


Die Grenzboten 
Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 13. Mai 1922 
Nummer 18 


Das Recht aufs Weißblutenlaffen. 
Bon Dr. Georg E. Kunzer (Münden). 


Wie unheilvoll unfere Schulden an die Entente mit der Schuldfrage 
zufammenhängen, wurde von mir kurz, und wie ich glaube überfichtlich 
und überzeugend, in einem Aufſatz „SKriegsichuld und Kriegsjchulden“ 
(m erſten Januarheft der „Grenzboten“) dargelegt. Neuerdings fol nun 
mit Rathenau die deutjche Regierung endlich, endlich den Mut gefunden 
haben, gegenüber der Entente, wenn auch leider noch ftarf „andeutungs- 
weiſe“ zu jagen, daß die Grundurfadhe der Wirtjchaftsnot Die 
falihe Bafjis des Friedenspertrages und die übertviebenen 
Leiftungen aus dem bewaffneten Frieden feien. Lesteres iſt ſchon nicht 
mehr die Grundurſache, fondern eine Folge aus der falſchen Bajis, der 
Schuldlüge, die anftelle der für beide Teile rechtsverbindlich gewordenen 
14 Punkte Wilfons zur Grundlage des Verjailler Diktats gewählt wurde. 

Es ift nun von hohem Werte, daß aus den feindlichen Landern in 
legter Zeit wieder Kronzeugen gegen Verſailles aufgetreten 
find, ein Polititer und — Staatsmann einerſeits und einer der 
USE BERNER Männer der Volfswirtichaft anderjeits: Nitti und 

eynes. 

In ſeinem Aufſehen erregenden Wert „Das friedlofeEuropa” 
behandelt Nitti die Frage, wie die deutiche Entſchädigungspflicht in jo 
ungeheurem u entjtanden it. Sozuſagen „beiläufig“, alſo 
nebenher, mehr zufällig find die sh mermwiegendften Entſcheidungen 
getroffen worden, wozu eben auch diefe gehört. Es war am 2. November 
1918, als Elemenceau in den Waffenftillftandsverhandlungen er- 
mwähnte: „Man würde es bei ung, in Frankreich, nicht N wenn 
wir nicht in den Waffenftillitand eine entiprechende Klauſel einjegen 
würden. Worum ich Sie bitte, ift die Einfügung der drei Worte: „Wieder- 
heritellung der Schäden“ (Reparation des dommages) ohne einen 
Kommentar”. Als dann von Hymans, Sonnino, Bonar Law, Lloyd 
George uſw. Einwände gemacht wurden, da bat er, fich in den Geijt der 
foanzöfifchen Bevölkerung zu verjegen. 


— 8 


Schließlich ſtimmte man dieſen drei Worten zu. Das Schickſal nahm 
fortan ſeinen Lauf. Nitti kennzeichnet mit Recht dieſe drei Wörtchen 
als neue Wegweiſer, indem er ſagt: „Es kann nicht geleugnet 
werden, daß dieſe drei Worte in eine ganz beſtimmte Richtung 
weiſen, daß nie mals davon in den verſchiedenen Forderungen der 
Entente die Rede war.” Er zeigt dann auf die 14 Punkte Wilſons 
hin, die viel weniger forderten. GWiederherſtellung Belgiens, Nord- 
foanfreichs, Genugtuung für die bejegten Gebiete in Serbien, Monte- 
negro, Rumänien.) „Keine einzige andere Forderung oder Behauptung 
findet ji in den Wilſonſchen Vorſchlägen. Der Ausdrud „Reparation 
des dommages” umfaßte ftatt deſſen, wie es ja auch nachher in der Tat 
anerfannt wurde, jed wede orderung zu Yand und zu 
Waffer” Daraus entftand dann der verhängmispolle Artitel 231 
des Verſailler Evdroffelungsinftrumentes, mit dem Deutfchland fich für 
alle Schäden verantwortlich erklärte, „welche die alliierten und ——— 
Mächte infolge des Re erlitten haben, der ihnen durch den Angriff 
Deutfchlands und feiner Berbündeten aufgezwungen worden ijt“. Damit 
wurden Deutfchland au die größten Kriegslajten der Ben- 
fionen, Striegsvergütungen an Militärs und an deren Familien, Aus- 

für Familienunterftügungen von Striegseingezogenen uſw. auf— 
gebirrdet. 

„Begründet” hat mit diefe Ungeheuerlichkeit befanntlich mit der 

Schuldlüge, die man unverfroren gegen Deutichland ausſprach. 
Nitti, der ſich hierüber allerdings ſelbſt nicht widerfpruchsfrei mehrmals 
äußert, ift ehrlich genug, die Kriegslügenpropaganda lediglid 
als das zu fennzeichnen, ivas es war, ala Kriegsmittel. Nitti jcheut 
fih nicht, von „tör ichten Phraſen“ von „banalen Defla- 
mationen“ zu — die damals gegen Deutſchland von Entente— 
miniſtern uſw. ln wurden, um das deutfche Volk als den Aus- 
bund von moraliſchen Scheufalen, von Niedrigkeit, von Verbrechertum und 
blutrünftigen Mördern hinzuftellen. Wenn er auch diefe Worte nicht 
gebvaucht, jo fpricht er Doch von der „finfteren Macht des Böſen, der rohen 
Gewalt”, während die Entente als die „jieghafte leuchtende Kraft des 
Guten, des Rechtes” in bengalifcher Beleuchtung erſchien. Nitti bezeichnet 
es ferner als lächerlich, daß man durch die abgepreßte Unterjchrift Deutjch- 
5 eine Rechtfertigung für die übermäßigen Forderungen erreichen 
wollte. 
J. M. Keynes beſchäftigt ſich eingehender mit dieſer Angelegenheit 
in ſeinem neuen Werke „Reviſion des Friedensvertrages“, das neuerdings 
in deutſcher Ueberſetzung erſchienen iſt. (Verl. Duncker u. Humblot, 
München.) Ein ganzes Kapitel iſt hier dieſer rechtswidrigen Ausdehnung 
unſerer Schadenerſatzpflicht gewidmet, das 5. Kapitel, das die Ueberſchrift 
ie „Die Rechtmäßigkeit des Anfpruhes auf Pen— 
ionen”. 

Welche enorme ne Bedeutung der ungeheuerlichen Erjag- 
pflicht beizumeffen ift, hat Keynes vorher nachgewiefen. Es läßt fich kurz 
dahin zufammenfaffen, dab fich dadurch die Schadenrechnung der Ber- 
bündeten nahezu verdreifacht hat. „Daraus entiteht der Unter- 
— zwiſchen einer Forderung, die erfüllt werden kann und einer For— 

erung, die nicht erfüllt werden kann.“ Zweidrikttel 


— 99 _ 


unferer — wären hir ledig und frei, wenn dieſer große 
Kriegsſchuldſchwindel befeitigt wäre. 

In feinem erjten Werk hatte Keynes diefen wahnfinigen Anspruch 
der Entente als eine „Handlung internationaler Unmoral” verurteilt. 
Keynes fann für feine einzig zuläflige Rechtsauffaffung auch anführen, daß 
die unter Leitung des „Inſtituts of international Affairs“ herausgegebene 
„HSiſtory of the Peace Eonfevence“ ebenfalls fo urteilt, indem es dort heißt: 
„Diele —— (nämlich Präſident Wilſons Note vom 5. November 
1918) muß allen Diskuſſionen über das zugrunde gelegt werden, was die 
Verbündeten als Wiedergutmachung im Friedensvertrag beanſpruchen 
konnten, und es iſt ſchwer, ſie anders auszulegen, als eine beabfid- 
tigte Beſchränkung ihres ungweifelhaften Rechtes, die Gefamtheit 
ihrer Kriegsfoften wiederzuerlangen.” 

Keynes geht auch auf die DVerteidigungsargumente ein, die von 
gegnerifcher Seite für die vollfte Schadenerjagpflicht Deutfchlands vor- 
gebracht werden. Da jteht die Theorie, dak die Antwort an Wilfon (mit 
den Bedingungen) aufgehoben wurde durch die Waffenftillitandsbedin- 
gungen. Diefe Theje fteht auf ſchwachen Füßen. Als Begründung vermag 
fie nur anzuführen, daß die Antwort der verbündeten Regierungen an 
Wilfon, die nachher den Tert der an Deutfchland gerichteten Note vom 
5. November 1918 bildete, in Derjelben Situng des Oberften Rates 
angenommen wurde, in der die hauptjächlichiten Stlaufeln der Waffenjtill- 
Itandsbedingungen enttvorfen wurden und daß die Antwort an ie don 
den Berbündeten nicht eher gutgeheißen wurde, bis der Entwurf der Waffen- 
ftillftandsbedingungen gutgeheigen war. Keynes nennt eine derartige Aus- 
legung nicht mit Unrecht „Doppelzüngigfeit“ und kann darauf hin- 
weiſen, daß das Protokoll der Verhandlungen des Oberjten Rates feinen 
Anhaltspunkt für die Rechtmäßigkeit diefer Auffaffung bietet. Es iſt auch 
flar, daß mit der Annahme der Wilfonfhen Bedingungen fich die Waffen- 
itilfftandsbedingungen erjteren unterzuordnen zu hatten, ebenſo die 
künftigen Friedensbedingungen. Auch der Trid, den Klo im legten 
Augenblid, beim Aufbruch der betreffenden Sigung, anwandte, kann Die 
Rechtsgrundlage der künftigen Friedensbedingungen nicht ändern. Diefer 
fteß nämlich noch eine kurze Schutzklauſel „vorbehaltlich irgendwelcher 
jpäterer Anfprüche und Forderungen feitens der Verbündeten” einfügen, 
die von den Anweſenden ohne weiteres gebilligt und weniger beachtet wurde. 
Wenn ſich dann nachträglich Klotz rühmte, Damit die 14 Bunfte Wilfons 
zu Fall gebracht zu haben, fo ift dies die denfbar niedrigite 
Staatsmoral, da doch ganz diefelbe Sitzung eine Note an Wilfon ab- 
fandte, welche dieſe 14 Punkte guthieß. Es iſt daher ohne weiteres flar, 
daß die vorjorglich eingefete Klaufel unmöglich Rechte einräumen kann, 
welche gegen diefe 14 Punkte verjtoßen würden. 

Die andere Argumentation zugunften der Abwälzung der Penjions- 
lajten auf Deutfchland bewegt ſich in umgekehrter Richtung. Man erkennt 
die Wilfonsichen Grundſätze betveffs Schadenerfa an, aber ınan legt feine 
Worte viel weiter aus. In den eriten Stadien der Verhandlungen fuchten 
die britifchen DVertreter im Wiedergutmachungsausfhuh der Friedens- 
sen eine ſpitzfindige Auslegung. Sie jtügten ſich auf einen der Sätze 
Wi — daß jede Poſition des Friedensvertrages gerecht ſein müſſe. Eine 
Forderung der Gerechtigkeit wäre es aber, daß Deutſchland die geſamten 


— 100 — 


Kriegskoſten — würden. Ferner ſeien Großbritanniens Kriegs— 
koſten eine Folge von Deu — Verletzung der belgiſchen Neutralität. 
Alfo müffe Deutfehland die Een bezahlen. Im Nanten der ameri- 
fanifchen Delegierten konnte SS Forſter Dulles dieſe Beweis— 
führung widerlegen. Er betonte, daß die Kommiſſion nicht die Aufgabe 
hätte, neue über die Wie dergutmachung zu beraten, ſondern daß 
ſie ſich durch die vereinbarten ao des Friedens (eben die Bilfon- 
ſchen Grund ih) gebunden. jehe. Mit anderen Worten hätte er auch in 
ag an die Form der britifchen Beweisführung jagen können: wenn 
die ingungen nicht der Gerechtigkeit widerfprechen dürfen, wenn jede 
Pofition gerecht fein muß, dann muß auch diefe Forderung der Gerechtig- 
feit —— werden, daß einge pegemgene Verpflichtungen gehalten werden. 
Außerdem bedarf die weitere Behauptung, daß England Tediglih aus 
altruiftifchen Gründen, wegen Neutralitätsbruc) Deutfchlands, zum Schuße 
Belgiens, in den Krieg eintrat, des Beweiſes.*) 

Die franzöfifhen und britiihen Premierminijter ließen die Argu- 
mente ihrer Delegierten fchließlich fallen. Aber eifrig wurde weiter daran 
gearbeitet, aus den Worten der Note vom 5. November 1918 doc möglichit 
viel herauszuholen. Die entfcheidende Frage war hier: „Woraus bejtanden 
denn die Schäden, welche die Zivilbevölterung erlitten hatte?” Stonnte 
— und Beihilfen an die Zivilbevölkerung als ſolche Schäden 
zulaſſen? 

Ein Memorandum des General Smuts fpielte hier eine verderbliche 
Rolle, eines Mannes, der nach der Unterzeichnung des Erprefferfricdens 
ſelbſt am allerſcharfften die Reviſionsbedürftigkeit des Diktats betonte. 
Dieſer widerſpruchsvolle Mann brachte es fertig, folgendes Kunſtſtück 
der Sophiſtik ohne Erröten niederzuſchreiben: 


„Nachdem ein Soldat als kriegsuntauglich entlajjen 
ift, tritt er wieder in Die Neihen der Bipilbevölferung 
ein,unddaernidtmehrimftandeift, fi feinen Lebens- 
unterhbalt zu verdienen, jo erleidet er Schaden als ein 
Mitglied der Zivilbevölkerung, den zu erjegen jid die 
dDeutjhe Regierung verpflidtet hat.“ 


Eine diabolifche Logik! In Wirklichkeit hatten ——— die 
Worte jener Note nichts anderes gemeint, als die Schäden, welche die 
damalige Zivilbevölferung — durch die Angriffe mili— 
— er Art erlitten hatte. Daß dem ſo war, geht auch daraus her— 
vor, daß man ſeitens der Entente ſich anfangs wenigſtens ſoweit den 
Schadenerjap fihern wollte, daß auch die durch Luftangriffe und See— 
angriffe eingetretenen Schädigungen mit einbegriffen fein jollten. Hätte 
man die fpätere weitgehendite Auslegung gea ut man hätte diefe Sorge, 
als die geringere, gewiß nicht zu hegen brau 

Präfident Wilfon griff aber heveittilfigit nach dem Smutsfchen 
Strohhalm, um die deutiche Verpf ee für die Penfionen-Vergütung 
gntaubeiben, Der Univerfttätsprofeffor, der große Verkündiger der großen 

Menighetsivenke, er, dejfen Name in der Gejchichte ewig mit den 


Bere Vol. hierzu die neuefte Schrift „Der Weg zu Deutihlands Rettung“ 
(Verl. H. Robert Engelmann, Berlin). 


— 101 — 


14 Punkten verbunden bleiben mird, er zeigte fich im entjcheidenden 
Moment wieder einmal jo Hein und eigenfinnig, daß er feinen eigenen 
hohen Fdeen ein Berräter wurde, daß er ein Wortbrüchiger gegen das 
deutſche Volk wurde, das törichter Weife auf feine Worte ſchwur, im Ver— 
trauen auf diefe leichter die Waffen niederwarf und auf jeden meiteren 
Widerſtand verzichtete. 

Als diefem Wilfon erklärt wurde, daß fein einziger Jurift in 
der amerifanifhen Delegation zu finden jei, der fein Gutachten zuguniten 
des Einjchluffes von Benfionen in die Entjchädigungsforderungen abgeben 
könnte, daß die ganze Logik dagegen fpräche, da iprach der weife Mann vom 
Weißen Haus die Worte aus: 

„Logik! Logik! ich kehre mich den Teufel an die Logik. Ich werde 
die Penſionen mit einbeziehen!“ 

Sp gejchah das grandiofe Berbrehen, die deutiche Schuldver- 
pflichtung gegen das N Wort denkbar weit auszudehnen, fo daß die 
Wiedergutmahungsfcyuld Deutfchlands dreimal fo Hoch wurde, als 
fie ſonſt wäre, daß Deutjchland „ſchuldig“ befunden wurde, an Völker Ent- 
—— zu leiſten, die gewiß ohne jede deutſche Herausforderung in 
den Weltkrieg eintraten, deren Zivilbevölkerung gewiß von deutſcher Seite 
nicht ein Haar gekrümmt wurde. Man denke nur an Haiti, Kuba, 
Liberia uſw. 

Mit der Abwälzung der Penſionen und Beihilfen auf Deutſchland 
war der Schritt zur Belaftung der deutfchen Volkswirtfchaft mit den 
SGeneraltoften des Weltkrieges getan. Man muß auf der 
Ententefeite das Ungeheuerliche diefer brutalen Forderung empfunden 
haben, ſonſt hätte man es nicht für notwendig erachtet, dieſe wenigitens 
durch die angebliche alleinige Schuld Deutichlands moraliſch zu „vecht- 
ei en”. Daraus ergibt ſich dag „Recht“ auf das Weikblutenlaffen des 

utfhen Volles, oder bejler gejagt der heuchleriſche Vorwand. 
Deutichland darf daher nicht ruhen, bis much diefe Frage zur objektiven 
Entſcheidung kommt. Jede andere Revifion ift nur Flickwerk und fann 
uns nicht retten. 


Berwaltungs: Reform und 
Berwaltungs: Akademie. 
Von Minifterialrat Dr. Otto Föhlinger, 
Studiendireftor der Verwaltungs-Akademie Berlin. 
2 


Wie foll nun dem mittleven Beantten die Möglichkeit geboten werden, 
fih das Wiffen anzueignen, das der Affeffor bei feinem Eintritt in die 
Verwaltung mitbringt? Denn es kommt nicht nur auf die formal- 
juriſtiſche Schulung an, nicht nur auf Kenntnis des Wirtfchaftslebens, der 
Sozialpolitit ufw., fondern notwendig iſt Darüber hinaus eine ver— 
tiefte Allgemeinbildung, die aus dem „Reffortgenie” den 
praftifchen brauchbaren Verwaltungsbeamten fchafft, der in den verſchie— 


— 102,— 


denjten Ziveigen der Verwaltung mit Nugen verwandt werden kann. Die 
Wege, die hier zum Ziele führen fönnen, find verfchiedenartig, Schon 
bisher bejtand die Möglichkeit, dag Beamte neben ihrer Dienftzeit — denn 
ein großer Teil der mittleren Beamten bejigt das Reifezeugnis des neun- 
ftufigen Gymnaſiums — Unierfitätsjtudien trieben und den Doktor— 
grad erreichten fowie das NReferendar-Eramen machten. Auch in Zukunft 
werden ſicherlich mittlere Beamte von diefer Möglichfeit Gebrauch machen. 
Aber darüber hinaus muß man eine Einrichtung fchaffen, die e3 den wirk— 
lich befähigten Beamten ermöglicht, all’ das Wifjen ſich anzueignen, das 
notwendig ift, um den Wettbewerb auch wirklich aushalten zu können. 

Ein folder Weg it die Berwaltungs-Alademie nah Ber- 
liner Muſter, die e8 ermöglicht, daß der Beamte neben feiner Dienitzeit 
eine gründliche und ſyſtematiſche NG in den Wiſſenszweigen 
erhält, die für den Aufitieg notwendig find. ohlgemerkt, nicht nur für 
= Beamten ijt die Berwaltungs-Alademie gejchaffen, fondern für die 
Hebung der Berwaltungsbeamten im allgemeinen. Aber gerade für den 
Aufitieg der wirklich Begabten wird die Verwaltungs-Akademie befonderen 
Nuten ſchaffen. Hier wird derjenige, der bejonders befähigt iſt, fich die 
—— Ausbildung verſchaffen können, die zum Aufſtieg not— 
wendig iſt. 

Unter den ſchon angedeuteten außerordentlich ſchwierigen wirtſchaft— 
lichen Verhältniſſen wird der weitaus größte Teil der Anwärter den Auf— 
ſtieg allein aus finanziellen Gründen nicht ermöglichen können, da er 
außerſtande iſt, ſeine amtliche Tätigkeit auf 4 oder 5 Jahre zu unter- 
brechen, um ſich einem Vollſtudium zu widmen. Es wäre aber unbillig 
und mit den heutigen Auffaſſungen nicht vereinbar, wenn man dem, der 
lediglich aus finanziellen Gründen verhindert iſt, ſich die Bildung anzu— 
eignen, die zu ſeinem Fortkommen notwendig iſt, den Aufſtieg verſperren 
würde. Um daher den Beamten im allgemeinen und den Begabten im 
beſonderen die — — Ausbildungsmöglichkeit zu verſchaffen, iſt die 
Berliner Verwaltungs-Akademie ausſchließlich auf dem Syſtem begründet, 
daß an ihr Beamte ſtudieren können, die vormittags ihren Beruf aus— 
üben. Grundſätzlich Ian alle VBorlefungen in die Zeit von 4 Uhr nach— 
mittags ab verlegt, jo daß die Beamten, die ſich vorbilden wollen, die 
Möglichkeit haben, dies neben ihrer Dienftzeit zu tun. Die Berliner Ver⸗ 
waltungs-Akademie hat in ihrer Konſtruktion kein Vorbild. Sie ſtellt 
einen neuartigen Typus dar. Sie hat weder Vollſtudenten, noch einen 
feſt angeſtellten Lehrkörper. 

ALS ich ſeinerzeit kurz nach der Revolution mit meinem Kollegen, 
dem Regierungsrat Walter BPietfch, — einem Manne, der in Beamten- 
freifen mit Necht fi einer bejonderen Beliebtheit erfreut — in einem 
Gefpräh die Notwendigkeit der Schaffung einer Verwaltungs-Afadentie 
erörterte, und fih an diefe Erörterung die Errichtung der Mlademie durch 
ung beide anjchloß, da waren wir uns klar darüber, daß im Hinblid auf 
die veränderten Seal diefe Anjtalt nach dem technijchen Prinzip 
errichtet werden müßte: Möglichſt geringe Aufwendungen 
bei — ohen Leiſtungen. Dies ſollte erzielt werden zu— 
nächſt dadurch, daß den Hörern feine zu hoben Ausbildungs— 
koſſten zugemutet werden follen, damit ein möglichſt weiter Hörerkreis in 
Betracht fommen könne. Diefer Weg tft verfucht worden durch die vorhin 


— 103 — 


angedeutete Verlegung der Vorlefungsitunden auf den Nachmittag. Daß 
wir ung in diefer Beziehung nicht verrechnet hatten, geht aus dem über 
Erwarten großen Beſuch hervor. Die Berliner Berwaltungs-Alademie 
war im Winter-Semejfter 1919/20 von 1500, im Sommer-Semejter 1920 von 
1106, im Winter-Semejter 1920/21 von 3055 und im Sommer-Semeſter 
1921 von 1706 Hörern beſucht. Damit war die Frage der Lebensfägigfeit 
und zugleich aber auch der Lebensnotwendigkeit beantwortet. Um mit den 
Kojten möglichjt zu jparen, wurde davon abgefehen, eigene Räume zu be- 
ziehen und einen eigenen Verwaltungs-Apparat zu Schaffen, und dieſe fpar- 
fame Haushaltung war um jo notwendiger, als zunächſt von jtaatlicher 
Zeite Mittel nicht zur Verfügung geitellt wurden. Aber ein eigenes Ge— 
bäude war auch nicht notwendig; denn eine ehrmwürdigere Stätte aig die 
Friedrich-Wilhelms-Univerſität zu Berlin, die uns der Rektor zur Ber- 
fügung jtellte und in der regelmäßig alle Vorlefungen der Verwaltungs— 
Akademie jtattfinden, war ja nicht denkbar! Der dritte Weg war, ein 
Dozentensstollegium von ganz befonderer Qualität zu ge 
winnen. Auf allen Gebieten follten die erſten Autoritäten, die in Berlin 
vorhanden waren, —— — werden. Das wäre nicht möglich ge— 
weſen, wenn man — räfte, wie es bei den Univerſitäten, Techniſchen 
Hochſchulen uſw. der it, hauptamtlich herangezogen hätte, denn 
ſolche PBerjönlichkeiten befinden fich meijt in hohen Staatsitellungen, und _ 
fie wären vermutlich als hauptamtlich angejtellte Dozenten nur unter 
Aufwendung ungeheurer Koſten erlangbar geweſen. Es mußte alſo der 
Verſuch gemacht, werden, diefe in Berlin vorhandenen Kräfte eriten 
Ranges auf allen Gebieten nebenamtlich als Yehrer für die Ver— 
waltungs=? mie zu gewinnen, und dieſer Verſuch ijt über Er- 
warten gut gelungen. Profeſſoren der Berliner Univerfität wie: 
Bojenta, Jaſtrow, Kaskel, Kohlrauſch, Wagemann und andere jtellten 
ſich mit großen Erfolg in den Dienſt der Sacde. Sie bilden 
auch heute noch das NRüdgrat für die wiſſenſchaftliche Ausbildung 
an der Verwaltungs-Afadeniie zu Berlin. Auf fie wollen wir auf 
feinen Fall verzichten. Aber darüber hinaus gebrauchten wir noch 
etwas anderes: Nicht nur der Gelehrte joll an der Verwaltungs- 
Akademie dozieren, jondern auch derjenige, der ſelbſt als Verwaltungs- 
beamter Außerordentliches geleijtet hat, und an folchen ift ja bei uns gott- 
lob fein Mangel, Nur haben die meiften von ihnen das Wiffen, das jie 
in jahrzehntelanger mühfeliger Arbeit fich angeeignet haben, für fich be- 
halten, fofern ſie nicht publiziftifch tätig waren. Gerade diejes Wifjen für 
die Beamten nutzbar zu machen, erfchien mir das notiwendigfte. Mit Recht 
bat Immanuel Kant einmal gejagt: 

„Die Erziehung tft eine Kunft, deren Ausübung durch viele Gene— 
rationen vervollfommt werden muß. Jede Generation, verjehen mit 
den Senntniffen der vorhergehenden, kann immer mehr eine Erziehung 
zujtande bringen, die alle Naturanlagen des Menfchen proportioniert 
und zwedmäßig entwidelt und fo die ganze Menfchengattung zu ihrer 
Beitimmung führt... . Daher fann die Erziehung auch nur nach und 
nach einen Schritt vorwärts tun und nur dadurch, daß eine Generation 
ihre Erfahrungen und Stenntniffe der folgenden überliefert, diefe wieder 
etwas hinzutut und es fo den folgenden. übergibt, kann ein richtiger 
Begriff von der Erziehungsart entipringen.” 


— 0 


Das Beamtenproblem kann nur dadurch vorwärts gebracht werden, 
daß die ältere Generation der Beamten die jüngere 
ſchult und von ihrem Wiſſen denen mitteilt, die beſtrebt ſind, weiterzu— 
kommen. Ich hielt Umſchau unter den in Berlin vorhandenen Beamten 
der preußifchen und der Reichsverwaltung, fowie des Berliner Magijtrats, 
und es gelang mir, hier eine ftattliche Anzahl von Perfönlichkeiten zu ge- 
winnen, deren Namen weit über das eigene Reffort hinaus bekannt ‚find. 
Darunter befinden fih auch Männer, die nie vorher doziert haben und ſich 
zu unferer Freude als Lehrer ganz befonders eigneten, allen voran einer 
unferer beiten Staatsmänner, der jegige Präfident des Oberwerivaltungs- 
erichts, Staatsminifter a. D. Exzellenz Dr. Drews, der fi mit wahrer 

geifterung unferer Sache widmete und die Beamten an dem ungeheuer 
reichen Schag feiner Erfahrungen teilnehmen läßt. Für Perfönlichkeiten 
diefer Art gab es bisher in Berlin feinen Wirkungskreis, und es gab für 
die Beamten feine Möglichkeit, Männer diefer Art zu hören. Neben 
Drews gehört unſerem Lehrförper der ne Reichsminiſter Dr. Koeth 
an, ferner die Miniſterialdirektoren: Falck, Luſensky, Meißner und Popitz. 
Von vortragenden Räten: Dorn, Friedeberg, Kieſow, Kuhn, v. Lewinski, 
Roſer, Sarker, Schaper, Schultz, Volkmar, Zweigert und andere mehr. 
Es würde zu weit führen, hier alle Namen der Dozenten aufzuführen. 
Ihre Zahl beträgt jetzt bereits 106, darunter befindet ſich auch eine Reihe 
jüngerer Gelehrter mit befonders arimdlicher mifienfchaftlicher Bildung 
und — Gerade auf die Zuſammenſetzung des Dozenten- 
£ollegiums wuude der größte Wert gelegt; denn von ihm hängt es ab, ob 
die VBerwaltungs-Atademie die hohen Anforderungen, die von der Leitung 
gejtellt werden, erfüllen fann oder nit. Nur wenn die —— 
wirklich Hoch find, wird das Ziel erveicht werden können, wird es möglich 
fein, das Beamtentum jo zu fehlen, daß wir in Zufunft mit einer ge- 
ringeren Zahl von Beamten ausfonımen und daran haben alle das größte 
Intevreſſe. 

Nun iſt aber die Verwaltungs-Akademie zu Berlin keineswegs nur 
für Beamte des mittleren Dienſtes eingerichtet, vielmehr dient fie gleich— 
zeitig auch zur Fortbildung für die Beamten des höheren Dienftes; denn 
auch diefe bedürfen von Zeit zu Zeit wieder einmal der wifjenfchaftlichen 
Fortbildung, und zwar ſowohl auf allgemein geiſtigem Gebiet als aud) 
auf dem engeren Fachgebiet. Ein Beamter, der mehrere Syahrzehnte von 
der — fort iſt und ſich nicht ſelbſt wiſſenſchaftlich weiterbildet, 
läuft Gefahr, durch feine Tätigkeit allmählich ein „Routinier“ zu 
werden. Dem muß von Zeit zu Zeit entgegengewirkt werden durch die 
Beihäftigung mit den Problemen der Wiffenfchaft, und diefem Bedürfnis 
trägt die Verwaltungs-Akademie zu Berlin Rechnung, indem fie zahllofe 
Borlefungen eingerichtet hat, die von höheren Beamten mit gutem Nugen 
befucht werden. Das Reihsperfehrsminifterium hat u. a. 
eine Neihe von Borlefungen für Negierungs-Affefforen und Regierungs- 
Bauführer als Pflichtoorlefungen bezeichnet, und fowohl von den Hoheits- 
verwaltungen als auch von den Betrtebsverwaltungen nehmen zahlreiche 
höhere Beamte regelmäßig an den Vorlefungen teil. Nachdem jegt fünf 
Semeiter ——— ſind, kann man ſagen, der Gedanke, eine Akademie 
zu gründen, die dem Beamten ein Studium neben feiner Tätigkeit ermög- 
lit, ift fruchtbar geivefen. Seine Durchführung ift allerdings nur da 


— ———— ————— — 


I 


denkbar, wo wirklich erjte Lehrkräfte in großen Maße zur Verfügung 
itehen und ein — Hörerkreis geſichert iſt. 

Nach dem Berliner Vorbilde haben ſich in mehreren deutſchen Städten 
Verwaltungs-Akademien, Beamten-Hochſchulen und Hochſchulkurſe ge— 
bildet. Bis jetzt find nach den Vorbilde der Berliner Anſtalt in 13 Orten 
Einrichtungen gejchaffen worden, die fih in der „Arbeitsgemein- 
Ihaft deutſcher Beamten-Hochſchulen“ zufammengefchloffen 

ben. Die Gefchäftsführung liegt in den Händen der Verwaltungs- 

ademie, Berlin. Das Beitreben der Arbeitsgemeinjchaft läuft darauf 
inaus, Erfahrungen auszutaufhen, Organifationen, die Fortbildungs- 

rſe errichten wollen, mit Ratſchlägen zu unterjtügen, dagegen zweifel- 
afte Gründungen und Gründungen, die nicht eriftenzfähig find, zu ver- 
indern. Die Berliner Verwaltungs-Akademie eritrebt fein Monopol, ſie 
at ſich bereittilligit in den Dienft der Arbeitsgemeinjchaft geitellt, damit 
an allen Plägen, an denen die Vorausfegungen für die Errichtung einer 
Beamten-Hochſchule vorhanden find, ähnliche Einrichtungen gefipaffen 
werden. Es bleibt abzuwarten, wie fi) die übrigen Lehrftätten im 
Deutfhen Reich entwideln. 

Notwendig war es vor allem, daß fowohl in Dresden, als auch 
in Münden und Karlsruhe, fowie in Königsberg um 
Danzig befondere Einrichtungen gefchaffen wurden. Aber 4: zahl- 
reiche andere Städte find dem Vorgehen gefolgt . 

Man bat es bei allen diefen Einrichtungen mit einem neuartigen 
Typ von Hochſchulen zu tun, die keineswegs die bisher bejtehenden dog 
ſchulen erjegen oder verdrängen wollen, fie jtellen fich ihnen lediglih er- 
gänzend zur Seite. Sn den meilten Fällen arbeiten fie in engjter 
Anlehnung mit den Umiverfitäten und Technifchen Hochichulen und jie 
Bafieren vor allem auf der Grundlage der Beamten-Fachverbände, die die 
Träger der Akademien find. 

Sn einer Zeit, in der alles an den Staat appelliert und nur vom 
Staat die Hilfe erwartet, hat die deutfche Beamtenfchaft von ſich aus die 
a ie geichaffen, die zur Ausbildung notwendig find, und fie hat 
damit ein Borbild gegeben, wie man, auch ohne dak der Staat überall ein- 
greift,- aus eigenen Kräften mitarbeiten fann an dem Wiederaufbau des 
Baterlandes; denn ein leiltungsfähiges, berufsfreudiges Beamtentum ift 
eine der wichtigiten Vorausfegungen für das Gedeihen des neuen Staates. 


Revolutionäre Arbeiterpoefie. 
Bon 9. von Waldeyer- Hark. 


Wer rückſchauend die foziale Entwicklung Deutjchlands verfolgt, wird 

ich des Gedantens kaum eriwehren können, daß nicht überall bei Regelung 
x ſchwebenden Fragen, die fich ne aus der Induſtrialiſierung 
unjeres Vaterlandes ergaben, eine glüdlihe Hand gewaltet hat. Eine 
Kraftnatur wie Bismard durfte e3 auf fich nehmen, der jungen joztal- 
demofratijchen Bewegung die ftaatliche Gewalt entgegenzufegen. Bis— 


. 


— 106 — 


mardifche Energie hätte es vielleicht auch unter Anivendung jtraffer Maß— 
nahmen zuwege gebracht, den ruhigen und bejonnenen Elementen inner- 
halb der Arbeiterbeivegung den Sieg über die radikale Richtung zu ſichden 
und damit die Induftriearbeiterfchaft, den neu emporfommenden Stand, 
af nationalen Bahnen zu halten. Hätten Ausnahmegeſetze fich aber halten 
fonnen, jobald ein Bismard nicht mehr Hinter ihnen ftand? Man mag 
es billig bezweifeln. Unfere Zeit hat das Gegenteil von dem getan, was 
Bismard urfprünglich vorgeſchwebt hat. Sie hat die jozialdemofratijche 
Bewegung fih hemmungslos ausreifen laffen und begnügte ſich damit, 
den Verſuch zu machen, durch eine an fich wohl vorbildliche, in der Wirkung 
aber verpuffende joziale Gejeggebung die Geifter zu beichwören. Daß es 
ihr nicht gelungen ift, hat der ——— Kriegsausgang bewieſen. Unter 
dem Einfluß der aan yen Lehre pfiffen große Teile des deutichen 
Volkes auf den Begriff Vaterland. Wohl, im erjten Gefühlsausbruch der 
Augufttage 1914, trieb der Sturmwind der Begeifterung faſt alles hoch. 
Als aber Not und Entbehrung Durchs Fenjter jchauten, tvat mehr und 
mehr, bis zur Latvinenerfcheinnung der Revolution, eine Umjtellung der 
Anjichten ein, die von unjeren Feinden mit ſeltenem Geſchick gepflegt und 
gefördert wurde. i 

Not und Entbehrung, weiß Gott, wir alle haben viel gelitten und 
haben uns vieles verfagen müſſen! Sit es ung aber allein jchlecht er- 
gangen? Haben nicht vielmehr auch andere Unerhörtes ertvagen? Fait 
will es jcheinen, als ob fich in der Weberfpannung der Auffallung über 
unjer Striegselend ebenfalls ein Zug jener deutjchen, auf Mangel an 
Nationalgefühl beruhenden Schwäche fund täte, der uns in mehr ais einer 
Hinficht während des Strieges fo fchiveren Abbruch getan hat. Man ver- 
gegenmwärtige fich nur, wie hart Nordfranfreich vom Hammer des Krieges 
getroffen worden ift, wie Stadt um Stadt und Dorf um Dorf unter 
jeinen Streichen in Schutt und Trümmer dahinfanften, wie Ader und 
Saat, Flur und Forft verwüſtet wurden, und wie Taufende und 
Taufende von franzöfiihen Familien, obdachlos und flüchtig, ihr Haupt 
länger als vier Jahre an fremder Stätte bergen mußten. Aehnliches ift 
ung erjpart geblieben. Die Ruffeneinfälle in Oſtpreußen fallen biergegen 
faum ins Gewicht. Aber in Frankreich hat man die Zähne aufeinander- 
gebiffen, man hat, vom Feuer des nationalen Gedanfens durchglüht, durch- 
gehalten und Opfer gebracht, wahre und große Opfer. Die Frage ıjt nicht 
müßig, ob das deutjche Volk zu gleichen Opfern bereit gewwefen wäre. Was 
e3 heißt, den Kriegsſchauplatz im eigenen Lande zu haben, wir haben es 
nur flüchtig und nicht einmal ſchwer gefpürt. Man foll darum nicht immer 
mit der faulen Entſchuldigung fommen, das deutſche Volk jei infolge Ent- 
fräftung durch die Hungerblodade zufammengebrochen. Wahr ift vielmehr, 
daß es jich jelber, wenn auch nach großen Opfern, aufgegeben hat, da die 
Einflüfterungen unferer Feinde durch Hunderte von Kanälen Zugang zur 
deutjchen Bolfsjeele gewannen, und daß der Dolch, der das Frontheer von 
hinten traf, bereits am Tage der Mobilmahung von ehrgeizigen Um- 
ftürzlern gejchliffen worden ift. Und daß vor allen Dingen von denjenigen 
führenden Berjönlichkeiten, die nicht auf dem vechten Flügel des poli- 
tiichen Parteigetriebes ſtanden, faſt alles unterlaffen worden iſt — bewußt 
oder unbeiwußt, im einzelnen wird es verchieden jein —, was zur Stärkung 
des Turchhaltewillens und zur Belebung vaterländifchen Empfindens hätte 


’ 


— 107 — 


beitragen können. Auch hier haben die Zügel auf dem Boden gejchleift, 
wie es überhaupt der Grundfehler unjerer gefamten Striegführung war, der 
beifpiellos entwidelten Kraft und Opferfreudigkeit der fampfenden Front 
ei ie äußerste Willensenergie der politifchen Volksleitung an die Seite 
zu Itellen. 

Diefelbe Schwäche, oder jagen wir, dieſelbe Weichheit, die trog manchen 
ſtarken Geſten der nachbismarckiſchen Zeit im Grunde genommen eigen 
war, beherrſcht noch immer unſer politiſches Leben; heute ſogar, wo wir 
aller Machtmittel entkleidet ſind, in weſentlich geſteigertem Maße. Noch 
immer wird gefliſſentlich von unverantwortlichen Schürern und Hetzern 
an den Grundlagen unferer ftaatlichen und geſellſchaftlichen Ordnung im 
revolutionären Sinne gerüttelt, und von irgend welcher planmäßigen Ein- 
wirkung hiergegen ſpürt man wenig oder nichts. Ich jpreche nicht von den 
Ergüffen Iintsradifaler Blätter. Nein, felbjt in folhen Zeitungen und 
Zettichriften, deren politifche Glaubensgenofjen in der Regierung fiten, 
wird der drohende Ton keineswegs vermieden. 

*» Recht beachtenswert jcheint mir in diejer Hinficht das Vorgehen des 
Wocenblattes „Die Gewerkichaft” zu fein. Es ift das Organ des Ver— 
bandes der Gemeinde: und Ctaatsarbeiter und wird in Berlin geleitet. 
Politiſch gehört es zur Partei der Mehrheitsjozialdemofratie. Was durch- 
aus nicht hindert, daß auch recht radikale Tone angejchlagen werden. So 
Stand in Nr. 44 vom 4. November 1921 zu lejen, daß für die europäifche 
Arbeiterichaft das bolichewiftiiche Rußland immer noch höher zu bewerten 
jei, alg die Wiederkehr des Zarismus in irgend einer Form. Die „Gewerk— 
ſchaft“ bringt nun in fat jeder Nummer einen poetifchen Beitrag in 
Gedichtform. Und in der Mehrzahl diefer Dichtungen wird mit dem Feuer 
mweitergehender Nevolutionierung geipielt. Einige Proben mögen es 
beiveijen: 

Welten-Chaos. 
(Aus Nr. 8 vom 25.11. 21.) 


Ueber der Erde 

In lodernden Gluten 
Wild tobender Brand! 
Verwüſtet das Land, 
Zerſtört die Herde — 
Und Völker verbluten! 
Ein Weh und Leid millionenfach! 
Und alle Laſter frei — 
Habſucht und Tyrannei, 
Brutalität und Mord — 
Alles in einem fort! 


Doch unter trügender Decke glimmt 

Heimlicher Funke, glühend rot, 

Zuckende Fäuſte ball'n ſich ergrimmt, 

Lippen beben von bleicher Not. 

Sehnend ſuchen ſich ſchwielige Hände, 
Heimliche, züngelnde Feuerbrände 

Sprengen die Dede mit Macht, mit Macht — 
Sie birſt und kracht! 


— 108 — 


Himmelhoch jteigen die jauchzenden Flammen, 
Eine Welt bricht in Schutt zufammen! 
Dumpfe Kräfte, gefeſſelt, gebüttelt, 
Bleihe Sklaven, gefnechtet, gefmüttelt, 
Negen ſich frei, 
Stürzen die Tyrannei, 
Schlagen das Alte und Morfche in Scherben, 
Sind der Neuzeit mächtige Erben, 
Bredhen die Throne und brechen die Kronen, 
Künden Untergang allen Trohnen, 
Stürmen wider das Kapital, 
Mepen und jchleifen den blanten Stahl. 
Eine Welt ift erwacht 
Aus tiefer Nacht. 
Und purpurn will uns ein Morgen werden 
Auf der fettenbefreiten Erden. 

Ernſt Klaar f. 


Diefe Sprache fcheint mir recht Fräftig und ig mißperjtändlich zu 
fein. Man wird nicht behaupten können, mit den Verſen jei nur Ber- 
gangenes, nämlich die aeglüdte Nevolution von 1918 gemeint. Der 
„purpurne Morgen joll exit noch werden“. Und da auch das Kapital noch 
befteht und der Stapitalismus keineswegs zertrümmert ift, jo wird auch 
PR das „Wegen und Schleifen des blanten Stahls“ beibehalten werden 
ollen. 


Aufreizend wirkt „Das Lied vom täglichen Brot”. Es treibt die 
Unmwahrhaftigfeit auf die Spitze: 


Das Lied vom täglidhen Brot. 
(Aus Nr. 11 von 17. IIT. 22.) 


Das iſt das Lied vom täglichen Brot, 
Die es erichaffen, leiden Not. 

E Die Kleider wivken — gehen bloß, 
Die Häufer bauen — Wohnungslos. 


Das iſt das Lied vom alten Gefchlecht. 
Den Herrn das Land, die Fron dem Knecht. 
Die Kohlen graben — ohne Herd, 

Die Werte jhaffen — ohne Wert. 


Das iſt das Lied der bölliichen Pein, 
Dem Reihen Brot, dem Armen Stein. 
Dem Armen Naht ımd bittres Muß, 
Dem Reihen Glanz und Ueberfluß. 


Das ift das Lied, wenn der Aufruhr gellt, 
Wenn alte Schmach an uns zericellt. 
Das ift das Lied, das nicht verzeibt. 

Ihr Knechte, jeid zur Tat bereit! 


Bruno Schönlant. 


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Ernft Toller, der aus der Schredenszeit Münchens befannt geivordene 
junge Dichter, kommt mit folgenden Strophen zu Worte: 


Ein Gefangener reiht dem Tod die Hand. 
(Aus Nr.5 vom 3.11. 22.) 


Erit hörte man den Echrer der armen Sreatur, 

Dann poltern Flüche durch die aufgeſcheuchten Gänge, 
Sirenen fingen die Alarmgefänge, 

Sn allen Zellen tidt die Totenuhr. 


Was trieb dich, Freund, dem Hein die Band zu reichen? 

Das Wimmern der Gepeitichten? Die gejchluchzten Hungerflagen? 
Die Fahre, die wie Leichenratten unfern Leib zernagen? 

Die ruheloſen Schritte, die zu unjern Häuptern jchleihen? 


Trieb did der ſtumme Hohn der leidverfilzten Wände, 

Der wie ein Nachtmahr unjre Brujt bevrüdt? 

Wir wiſſen's nit. Wir wiffen nur, daß Menichenhände 

Einander wehe tun. Daß feine Hilfebrüde überbrüdt 

Die Ströme Jh und Du. Daß wir den Weg verlieren 

Im Dunkel diejes Hauſes. Daß wir frieren. 
. Ernit Toller. 


Man wid zugeben müfjen, daß auch diefer Text im Grunde genommen 
nur aufreizend wirft und zur Züchtung umjtürzleriicher Gedanken 
beiträgt. 

Die ganze unfinnige Weberheblichteit des Arbeiteritandes und das 
tmidermärtige Umſchmeichel n der Männer von der fogenannten jchwieligen 
Fauft fommt fchlieglih in einer Probe wie die folgende zum Ausdrud: 


Wir Arbeiter. 
(Aus Nr. 3 von 21.1. 21.) 

Wir find ein groß’ gewaltig’ Heer 
Mit ſtarken ſtraffen Sehnen, mit Fäuften groß und ſchwer. 
Und unjer Blut freift ruh’los wies Meer 
Durch alle Adern dumpf und ſchwer. 
Gleich Zügen auf eijernen Brüden 
Die jhwerjten Laſten auf uns drüden. 
Wir haben den fingenden Draht um die Erde gelegt, 
Darüber man nun fährt in fiherem Behagen. 


Wir habn den jingenden Draht um die Erde gelegt, 
Durch den ſich das Wort wie der Blitz bewegt. 

Wir haben den Blik in den Draht gezwängt, 

Wir haben die größten Berge durchiprengt. 


Wir haben die Erde durchſchürft und durchwühlt, 
In Schranfen gelegt das Meer, das den Damm bejpült. 


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Wir haben die Meere miteinander verbunden, 
Wir haben die Welt überwunden. 


Und das Schiff und der große Vogel fliegen duch Wind und Nat; 
Wer anders als wir hat fie euch gemacht? 


Wenn euer Beift es zuvor aud) ausgedacht, 
Unfere jchwieligen Hände haben es doch erſt gemacht. 


Wir haben euch große Paläfte gebaut, 
Indes jagen wir in Höhlen zujammengeftaut. 


Wir haben euch Straßen, Kanäle gebaut, 
Indeſſen haben wir dm Hungertuch gefaut. 


Was wollt ihr, wenn unfer ftarfer Arm fih nicht mehr regt? 
Das kveiſende Rad fi) nicht mehr bewegt? 


Sa, wir Arbeiter, wir find doch die Herven der Erde, 
Durch uns fteigt die Welt zu einem neuen — „Werde!“ 


Iſt BR legte Brobe nicht geradezu abjtogend? Beweiſt fie nicht, wie 
alle tſachen auf den Kopf geitellt menden? Geiſt und Wiffen, 
von manchen Arbeiter jo heiß begehrt, gelten nichts, jollen 
nichts gelten. Nur was die ierftätige auft ſchafft, baſtelt 
oder zuſammenflickt, ankarrt, ſchippt oder ſchaufelt, hämmert, feilt und 
ſpannt, hat Bedeutung. Nicht der Verſtand des Forſchers oder der Wage— 
mut des Pioniers a induftriellen Gebieten, weder die aufreibende Arbeit 
im Dienjte des Großkapitals noch die jtille, fleifige Tätigkeit der Beantten- 
ichaft werden anerfannt. Nein, der Arbeiter, der in Wahrheit geführte 
Menſch ift Führer der Menjhheit Nah ihm allein hat jich 
alles zu richten. Seine Bedürfniſſe regeln das foziale Leben. Es ijt der 
alte Trugichluß, als ob jemals der Körper den Geiſt beherrfchen könne. 
Aber wir jehen, in der höchſt eindringlichen, fnappen und fich daher leicht 
einprägenden Form eines kurzen Gedichtes wird dieſer Wahngedanfe 
immer wieder groß ge üchtet. Im Nom der Statjerzeit rief die — 
nach Zirkusſpielen und Brod. Bei uns verlangt ſie, daß man ihr ſchmeichelt. 
Mit der Erfüllung materieller Wünſche und Begierden iſt es nicht mehr 
getan. Das jogenannte Proletariat will gefrönt werden. Es will dort 
figen, wohnen und herrfehen, two andere ihr Leben verbringen. Glaubt 
auch nur ein Marxiſt im Ernſt an die Verwirklichung kommuniſtiſcher 
Ziele, wo die Menfchen einem Aehrenfelde gleichen, weil feiner vor dem 
anderen bevorzugt wird? Sowjetrußland hat zur Genüge beiwiefen, daß 
der Kern des Kommunismus Lug und Trug ift. Die Geburtsjtunde des 
Kommunismus würde in allen Fällen auch die Keimftunde des jcheinbar 
ausgerodeten Kapitalismus jein. Im marxiſtiſchen Gedanken Liegt eine 
ungeheure Ueberheblichkeit. Wir Menjchen jollten uns allgemach darüber 
klar werden, daß die Naturgefege von uns nicht durchbrochen merden 
fönnen. Und die Schiehtung der Menjchen nach Stlaffen, Werten und Be- 
deutung auf Grund ihrer vielgejtaltigen Anlagen und Fähigkeiten ift und 
bleibt ein Naturgeſetz. 

ch habe oben der Anficht Raum gegeben, daß weder die Vorkriegs— 
regierung noch die jegigen Machthaber das Nötige getan haben, um die 


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revolutionierenden Kräfte im deutjchen Volk zu bändigen. Und ich habe 
mich auch zu der Auffaffung befannt, daß die Anwe bismarckiſcher 

chtmittel nur ſehr bedingt gerechtfertigt ſei. Was ſoll nun aber 
geſchehen, um endlich den Spruch wahr zu machen, daß das Vaterland über 
den Parteien ſteht und daß dem deutſchen Volke eines am bitterſten nottut, 
und das iſt die Beſeitigung der inneren, bis zur Feindſchaft von Volks— 
genoß zu Volksgenoß ee ai Zerriſſenheit? Nach meinem Dafür— 
halten iſt es ein doppelter politischer ee gewejen, daß die Regierung 
der legten Jahrzehnte die Entwidlung Sozialdemofratie einerjeits nur 
ſchwächlich bekämpft, andererjeits fich jeßbft überlaffen hat. Sie hätte mit 
allen Mitteln immer wieder verjuchen müſſen, Einfluß auf diefe Ent- 
wicklung zu gewinnen, um den Strom des Sozialismus zumindejt in eın 
Bett zu leiten, defjen Ufer Wehrdämme nationalen Empfindens waren. 
Und Aehnliches zu verjuchen, dazu ift es auch heute noch nicht zu ſpät. Daß 
man bei den Ueberradifalen fein Glüd — wird, ſei gern zugegeben. 
Sit es aber nicht ein Verbrechen am Volk, wenn auch die mehrheitsſozia— 
liſtiſchen Blätter, wie wir gefehen haben, noch immer den Geift des Auf- 
ruhrs predigen und das Gift der Gewalt in die Adern ihrer Anhänger 
leiten, anjtatt im ehrlichen politifchen Kampf, der doch fein Schädelein- 
hauen fennt, ihren Zielen zuzuftreben? Mir fcheint von jeher ein unlös- 
barer Widerfpruch darin zu liegen, daß diejenige Partei, die fi am erften 
zum Bazifismus befannte und das Mort prägte „Krieg dem Kriege“, die 
fi immer wieder in meichlichen Klagen über die Ströme vergofjenen 
Blutes und die Rohheiten des Völkerkampfes erging, letzten Endes auch 
fein anderes Mittel weiß wie die ultima ratio regis, nämlich die An— 
wendung phyſiſcher Gewalt, um zur Herrſchaft zu gelangen. 

Angejichts der jchweren Gefahren an unjeren Grenzen und des offen 
zu Tage getretenen Bernichtungswillens unferer Feinde ift es höchlich an 
der Zeit, daß wir unſere Kräfte jammeln. Ich weile jeden faulen 
stompromißgedanten von mir, jede Abſicht, fih auf der jogenannten 
mittleren Linie zu einigen. Eine ſolche Eimigung birgt immer den Stern 
der Schwäche im fih. Was hingegen unbedingt gejchehen muß, tft die Her- 
vorhebung, ja ich gehe jogar fo weit zu jagen, die brüderliche Hervorhebung 
alles defjen, was uns eint, worüber wir uns einig find. Und das ift, 
wenn man nur genauer hinfieht, nicht einmal gar jo wenig! Statt defjen 
tun Die politifhen Parteien in Wort und Schrift alles, was zur gegen- 
feitigen Verhegung und Verächtlichmachung beiträgt. Weder Rechts noch 
Links können ſich hier von Schuld —— Ja, und wenn es ſich nur 
um die Austragung großer Gegenſätze, um Weltanſchauungsfragen 
handelte! Beileibe nein, mit Behagen greift man, vor allem in der Preſſe, 
jeden Einzelfall auf, gibt ihm den Stempel des Symptoms und verall- 
gemeinert ihn, um jtändig neue Saaten des Mißverſtehens und des Haſſes 
zu jaen. Viele, unendlich viele Zankäpfel unferes politifchen Lebens wären 
es nicht wert geweſen, daß man jie aufhob und fich einander zutwarf. Das 
deutſche Volk in feiner Gejamtheit hat faft immer, wen man den Schaden 
bei Licht befieht, darunter zu leiden gehabt. 

Unbedingt zu fordern ift, daß im der Preſſe aller Richtungen die 
Wiedergabe der Parlamentsverhandlungen einheitlich erfolgt. Ein zu 
dieſem Zweck eingejegter interfvattioneller Ausſchuß müßte die Redaktion 
übernehmen, damit endlich das widerwärtige Zerrbild jener Bericht- 


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erſtattung verjchtoindet, wo immer nur der Redner der — Partei 
nahezu mit dem vollen Wortlaut ſeiner Rede Aufnahme findet, während 
für feine Gegner nur ſpärliche Zeilen übrig bleiben. Nach meinem Ge— 
ſchmack ftellt diefe Form der Wiedergabe eine der ärgſten Sünden wider 
den nationalen Geijt dar; ganz abgejehen davon, daß ſie für denjenigen, 
der das Recht der freien Meimungsbildung für fih in Anſpruch nimmt, 
evadezu befeidigend wirft. Man wende nicht ein, eine derartige, ach 
änge und Inhalt vorgefchriebene Berichterftattung verböte N 1 n aus 
technifchen Gründen der Aufnahme in die einzelnen Blätter. er hiermit 
fommt, ftellt in echt deuticher Art das Formale über die Sache. Gäbe der 
vorhin erwähnte Ausfhuß z wei Parlamentsberichte, einen längeren und 
einen gefürzten heraus, dann müßte allen billigen Anforderungen ent- 
fprochen jein. 

Mit Vorſtehendem ist ein bejtinmter Weg gewieſen — es gibt nod) 
viele —, die zur Berjtandigung im Innern führen fünnten. Daß die 
Verſtändigung nie und nimmer veftlos jein wird, unterliegt feinem Zweifel. 
Der Kampf iſt auch im parlamentavijchen Leben der er aller Dinge. 
Nur Scheint mir eines wichtig: wir Deutſchen müffen es lernen, die Politik 
von der Perjon zu trennen. Wir müſſen das Einjehen gewinnen, daß man 
auch einen bolitifchen Gegner achten darf und achten foll. Dieje Erkenntnis 
fehlt aber den meisten von uns. Start in der Sache, verbindlich in der 
Form, das muß für Parlament und Brefje die Loſung im politischen 
Kampfe werden, wenn wir nicht immer wieder Scherben auf Scherben und 
Trümmer auf Trümmer häufen wollen. 

Es ijt die zwölfte Stunde, daß die Einficht fommt. Fahren wir fort, 
im alten politii hen Fahrtvaffer zu fegeln, dann wachſen wir felbit zu 
unferen ärgſten Feinden aus, ſchlimmer und fchädlicher noch als Engländer 
und Franzoſen! 


Bon der Tagung der Karpathendeutichen. 


Die Deutichen in den Karpathenländern find jeit Jahrzehnten genötigt, zur 
Behauptung ihrer völfiihen und wirtichaftlichen Intereſſen rege Schutzarbeit 
zu betreiben. In Ungarn und Siebenbürgen, in Galizien, der Bulowina und 
Rumänien entjtanden zu dieſem Zwecke eine Reihe von völkiſchen Vereinen, die 
für ihr engeres Arbeitögebiet mit Umficht ihren Zived verfolgten. Die einzelnen 
Gruppn diejer Deutjchen ftanden aber miteinander in feiner Verbindung, jeder 
ihrer Vereine und ihrer landwirtſchaftlichen Organiſationen arbeiteten für fich. 
Auch die geſchichtliche Forſchung in den einzelnen Ländern berüdfichtigt nicht die 
Entwicklung in den benachbarten Siedlungsgebieten. Die Folge war, daß jede 
Gruppen diefer Deutſchen ftanden aber miteinander in feiner Verbindung, jeder 
jeitige Hilfe geſtärkt wurde. Celbjtverftändfic nahm man daher auch im 
Mutterland auf die einzelnen deutjchen Gruppen feine Rüdficht, hielt fie im 
Weiten für unbedeutend, kaum der Beachtung wert, troßdem fie im ganzen 
drei bis vier Millionen Köpfe zählten. Nur die Sachen in Siebenbürgen 
erfreuten fich größerer Aufmerfinmteit. 

Da tvat 1910 Prof. R.F.Kaindl, damals an der Univerfität in Eyemp- 
witz, mit jeinen Goanfen ver Tagungen der Karpathendeutſchen 


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hervor. Um die einzelnen Gruppen der Deutjchen in den Karpathenländern eine 
ander mit dem Muttervolle näher zu bringen, prägte er den zujammen- 
fafienden Namen Karpathendeutiche, indem er auf die gemeinſame Abjtammung, 
den Barallelismus in ihrer Geſchichte und Entwidlung, die vielen gemein- 
famen Beziehungen in älterer Zeit troß der Staatögrenzen, endlich auf die 
Borteile diefer Verbindung hinwies.s) Die Tagungen follten von Zeit zu 
Zeit abgehalten werden, und zwar jtet3 an einem anderen Oxte, um jo immer 
andere Kreiſe ftärker herbeizuziehen und die perſönliche Bekanntſchaft mit Land 
und Leuten zu fördern. 

Der Gedanke fand allgemeine Anerkennung. 1911 fand im „Deutichen 
Haufe” in Czernowitz die erfte Tagung ftatt. Seither folgten noch drei in 
Ruma (Slavonien), in Wien und in Biala (Öalizien, an der ſchleſiſchen 
Grenze). Sie waren von zahlreichen Deutichen aus allen SKarpathenländern 
und aus Bosnien, ferner aus dem Mutterlamde be ucht und geftalteten ſich zu 
glänzenden Kundgebungen deutihen Volkstums und Gemeinjamkeitsgefühls. 

Der befannte Führer der galiziichen Deutſchen Pfarrer Dr. Theodor Jöckler 
in Stanislau, hat ſich bei der Tagung in Biala über dic Bedeutung der Tagungen 
folgendermaßen ausgeſprochen: „Sch erblide den größten Segen unferer 
Tagungen darin, daß bier die Vertreter der verichiedenjten Gruppen einander 
nähertommen, wodurch das gejamte Deutichtum der Starpathenländer eine 
machtvolle moraliſche Stärkung feines völfiihen Bewußtſeins erfährt. Wir 
alle können mit großer Freude feftjtellen, daß wir die Förderung, die uniere 
völfiihen Beitrebungen durch die Tagungen erfahren, allenthalben verjpüren. 
Eine weitere moraliihe Förderung, die ung und unjeren Arbeiten aus den 
alljährlihen Tagungen erwächſt, beiteht vor allem darin, daß unfere Stammes» 
genofjen im Weiten heute bereits wiſſen, daß ſich alle Karpathendeutſchen ohne 
Ausnahme als Ganzes fühlen, daß fie wiffen, daß fie alle zufammen gemeinjame 
Aufgaben zu erfüllen, in gemeinjamer Arbeit den gemeinjamen Volksgedanken 
zu pflegen haben. Und diefer Vorteil ſchon allein ift ganz außerordentlich. Im 
Leben der Deutſchen in den Karpathenländern Elingt heute bereits eine ganz 
andere Tonart, als noch vor wenigen Jahren. Dieier Erfolg unjerer Tagungen 
tft gleichfam eine Art Kundgebung unferer inneren Einheit nah außen, ein 
offenes Belenntnis zum Deutſchtum.“ 

Der Anreger und Leiter der Tagungen Brof. Kaindl (jegt in Graz) fat 
das Biel der Tagungen in folgende Sätze zujammen: 

Die völkiſche, fulturelle und wirtſchaftliche Verbin— 
hung zwiſchen den SKarpathendeutjiden, die auf fünf 
Staatögebiete verteilt find, zu pflegen; die Teilnahme 
des deutſchen Muttervolfesan diejen Volksgenoſſen rege 
zuerbalten;dasdeutihe Bolfaufjeinalteserfolgreidhes 
Arbeitsgebiet im DOften zu weijen; die Schaffung eines 
großen Virtihaftsgebietes in Mittel- und Südofteuropa 
zu rertreten und Damit audb für den Anſchluß Deutid- 
öfterreih3 an Deutihland zu werben. 

Zur Förderung diejes Ziels ift eine umfafjende Literatur gejichaffen, 
zahlloſe Auffäge und Abhandlungen in Zeitjchriften und Zeitungen veröffente 
licht worden. Die Hauptleitung der Tagung dient als Auskunfts- und 


*) Geſchichte der Deutjchen in den Sarpathenländern. 3 Bde. (Gotha, 
Tr. A. Berthes) und zahlreiche andere verwandte Schriften. 


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Vermittlungsftelle in allen Fragen, die mit den oben angeführten Auf- 
gaben in Verbindung ftehen. Während der Striegsjahre ijt von der Haupt- 
leitung aud die Fürjorge für die kriegsbeſchädigten Deutfchen in den 
Karpathenländern eifrig gefördert worden. 

Näheres bringen über die Arbeit der Tagung die vier bisher erichienenen 
Berichte, die von der Hauptleitung (Prof. R. F. Kaindl, Waltendorf bei Graz) 
bezogen werden fünnen. 


Tanzkunft. 
Bon Fri Böhme, 
(Vergl. Nr. 8 vom 25. Februar.) 


Mit den Schritt vom Ballett zum modernen Tanz ift eine Frage, die in 
allen anderen Künften an erjter Stelle fteht, bei der Tanzfunft aber bisher faum 
erörtert twunde, in den Vordergrund gerüdt: die Frage nah dem Tanz- 
ſchöpfer. Beim Ballett kam diefe Frage gar nicht auf, weil die einzelmen 
Mitglieder des Corps de Ballet nicht eigene Erfindungen tanzten, fondern die 
Bewegungsfolgen nad) den Angaben des Ballettmeifters machten, deſſen Pro— 
duftion in der Anpaffung der Schritt- und Sprungfolgen an die gegebenen Takte 
der vom Komponiſten gejchaffenen Ballettmufif erfolgte. Der moderne Kunit: 
tanz hat im Gegenjaß dazu den Einzeltänzer auf das Podium gebracht und mit 
ihm die eigene Echöpfung, den Schaffenden. 

Wir pflegen heute, wenn ein Tänzer Kunfttanz auf der Bühne bietet, ohne 
weiteres anzunehmen, daß er auch zugleich aus eigener Phantafie und 
dichterijcher Kraft die gebotenen Schöpfungen jelbftgejihaffen hat, — und 
im allgemeinen haben unjere namhaften Tänzer und Tänzerinnen aud ihre 
Tänze ſelbſt geichaffen. Anders fteht es zuweilen um die mittleren und fleinen 
Größen: bei ihnen wie bei den tängeriichen Darbietungen von Kindern find die 
Schöpfungen nun gar zu oft nicht das eigene Werft des Ausführenden, fondern 
ftanımen von eimer produktive Echaffenstraft befigenden Tanzlehrkraft oder 
Tänzerin. Marianne Winkeljtern, Ruth Marcus, Hilde Engel — um einige 
bemerfenswerten, jüngft in Berlin aufgetretenen Kinder zu nennen, — fügten 
in nachahmenswerter Weije ihrem Programm die Schöpfer ihrer Tänze bei. Es 
it bezeihnend für die Lage der Dinge, wenn mir vor furzem eine Tänzerin 
erzählte, daß fie im lebten Winter etwa 70 Tänze gejchaffen habe, die auf 
Konzertpodium, Variete und Kabarett von anderen, mit denen fie dieje Tänze 
eingeübt habe, getanzt worden jeien, ohne daß ihr Name als der des Schöpfers 
dabei genannt wurde. In anderen Künſten (etiva der Mufit) wäre jo etwas 
unmöglid, beim Tanz geht e3, weil man immer noch nicht Har jcheidet zwiſchen 
dem Tanzihöpfer umd dem reproduftiven Tänzer. 

Eng hängt damit ein zweites zufanmen. Ich ſaß vor furzem neben einer 
unferer beften Tänzerinnen bei den Vorführungen einer jungen Sünftlerin 
unfere3 Gebietes; im Verlaufe des Abends konnten wir feftjtellen, daß dieje junge 
Tänzerin vecht twejentliche Anleihen bei den Tänzen der neben mir figenden 
Künftlerin gemacht hatte. Manchmal war erſtaunlich wenig geändert. Man 
fann dagegen gar nichts tun: denn der Tanz als Schöpfung iſt ſchutzlos, kann 


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nachgeahmt werden, ohne daß es jemand verbieten fünnte. Das Gejek 
ſchützt allerdings pantomimifche und choreographiihe Darbietungen, aber nicht 
als ſolche, jondern nur die ſchriftliche Fixierung dieſer Schöpfungen. Eigentliche 
Tänze aber lafjen jich mit erflävender Beichreibung jchriftlich nicht fefthalten und 
eine für den modernen Tanz allgemein angewandte Tanznotenfhrift, 
befigen wir noch nicht — und jo ift der Stunfttang jo gut wie vogelfrei. Wenn 
wir erft eine unter den Tanzſchöpfern verbreitete, wirklich anwendbare Nieder— 
ihriftsmöglichfeit tänzerifcher Gebilde haben werden, wird man das Urbeber- 
recht auch auf Schöpfungen diefer Kımft ausdehnen müſſen. Augenblicklich 
arbeiten an einer ſolchen Fixierung unabhängig von einander der Tänzer und 
Tanspädagoge Rudolf von Laban in Stuttgart und der Tanztomponift 
Jaap Kool in Berlin; es wäre zu wünſchen, daß beide, damit bier nicht 
unnötige Kraft vertan würde, das, was fie bisher fanden, austauſchen und jo — 
wenn das möglich iſt — zu einer gemeinjamen Verfolgung diejes für den 
modernen Tanz jo überaus wichtigen Ziels gelangten. Denn erjt eine wirklich 
anwendbare Tanzniederſchrift wird die Errungenjchhaften des modernen Kunſt— 
tanzes fejthalten und fultivieern können und zu einer folgerichtigen, einheitlichen 
Weiterarbeit veranlaſſen, wie e8 die um 1700 für das Ballett von dem Franzofen 
Feuillet geihaffene „Choreographie“ bewiejen hat, die zum Teil bis heute ange- 
wendet wird, aber für den modernen Tanz, da fie nur Fortbewegung gibt, nicht 
verwendbar ift. 

Mit diefer auf perjönliche Weitergabe geftellten Erziehung des jungen 
Tänzers hängt zweierlei zufammen: daß wir eine beträdhtlihde Anzahl ſehr 
verichieden gearteter Tanzlebrihulen haben und daß wir im modernen 
Kunfttanz über das Duett hinaus erjt zu verſchwindend geringen Anfägen zum 
Gruppentang, der die Etärfe des Ballett? ausmachte, gefonımen find. Dieje 
Sitwation erhöht die Umeinheitlichfeit des modernen Tanzes: er ift aus der 
individualiſtiſchen, dezentvalifievenden Epoche noch nicht herausgefommen. Die 
der modernen Tanzkunſt gemeinfamen, elementaren Vorübungsftadien find noch 
nicht allgemein verbindlich anerfannt umd geklärt. Nur wenige, an ihrer Spike 
Rudolf von Laban, haben einen elaftifchen Entwillungsgang zum Tanzkunſt— 
werk erwacht, der aufbauend auf förpertechniicher Uebung, Ausdrudstultur, 
Raumgefühl, Spannımg und Impuls zu einer Kompofitionslehre führt, dic 
Vorausfegung ımd Bereititellung zum Schaffen eines Tanzes ift. Viele begrrügen 
fih mit der Lehre ganz äufßerliher Bewegungen, andere bauen rein auf dem 
Atmen auf, wieder andere jehen in Ausörudspkaftit die Vorbedingung für Tanz. 
Bei diefer mangelhaften oder einfeitigen VBorbildung werden dann aud) die Tänze 
ebenſo mangelhaft und einfeitig und erfüllen nicht die Forderungen, die an das 
Raumbewegungskunſtwerk zu jtellen find. Ueberdies glauben immer nod) viele, 
daß der moderne Kunſttanz mit ein paar Bewegungen über die Webung des 
Balletts hinaus oder durch Beimengung tbeatraliiher oder pantomimifcher 
Elemente erreiht fei. Ganze Schulen verbreiten diejen Widerfinn, indem fie 
den Schüler erjt in der Ballettechnif (damit er doch eine anerkannte Technik habe) 
fchulen und ihm dann einige gebärdliche Ausdrudspojen beibringen. 

Verjuhe u Gruppentänzen find verichiedentlih gemacht worden: 
Rudolf von Laban pflegt fie ſchon jeit langem mit feinem ausgefudhten Schüler: 
nraterial und hat jüngft in Mannheim und Stuttgart bedeutende Beweiſe für 


‚die Möglichkeit des modernen Gruppentanzes gegeben. Auch Mary Wigman, 


deren Tanzdichtung „Die fieben Tänge des Lebens“ (Diederichd, Jena) por 
kurzem in Frankfurt a. M. aufgeführt wurde, ftrebt mit gutem Erfolge der 


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Gruppe zu. Martin Luferte in Widersdorf pflegt ebenfalls jeit Jahren den 
Gruppentanz. Magda Bauer, eine Münchener Tänzerin, hat bis vor etiva 
einem Jahre auch Gruppentänze gezeigt, in denen viel Beachtenswertes gegeben 
wurde. Neuerdings ſucht auch Jutta Klamt (Berlin) die Gruppe; auf ihrem 
legten Tanzabend tanzten einige ihrer Schülerinnen einen von ihr geſchaffenen 
Gruppentanz, aus dem viel fompofitoriiche Kraft und Raumempfindung ſprach. 

Die Frage der Gruppe ift für den modernen Kunſttanz nicht ganz einfach: 
das Ballett hatte es leichter, da es dort vor allem auf exakte Uebereinftimmung 
der ausgeführten Uebungen anfam. Das Wejen der neuen Gruppe hat die 
Eigenart des einzelnen Tänzers hinſichtlich feiner tänzeriſchen Einftellung, ob 
er Hoch-, Mittel- oder Tieftänzer ift, ob er rund oder ſpitz, impulfiv oder in 
langen Spannungen tanzt, zu berüdfichtigen. Es handelt ſich dabei aljo zuerit 
darum, daß der Tänzer fid) jelbit finde in der Eigenheit feines rhythmiſchen 
Gebens und dann darımı, daß ich die Zujammengehörigen zuſammenfinden, 
daß es an fontraftierenden umd widerjtrebenden Elementen nicht fehle. Auch 
in dieſer Hinficht hat der moderne Tanz in der Gruppe alles Beräußerlichende 
und mechaniſche Zujammenftellen zu vermeiden, und wie der Einzeltanz ein in 
fich geſchloſſenes organifches Gebilde fein muß, ift Vorausſetzung für die Gruppe, 
daß die einzelnen Glieder im Menſchlichen und Seelifchen, d. h. im Organijch- 
Rhythmiſchen einen Zujammentlang ergeben, damit aus der Gruppe das gemein« 
fam gebaute Kunſtwerk erjtehen fann. I 


Weltipiegel. 
10. Mai. 


Spannungen und Entjpannungen. Vor wenigen Tagen hätte ein 
gutgläubiger Zeitungslefer aus einer nicht geringen Zahl von Blättern den 
indrud gewinnen fönnen, als ob wir vor nichts geringerem ftünden als 
dem Zufammenbruc der Entente. Von allen möglichen Seiten wurde ver— 
ichert, daß die am 6. Mai erfolgte Rückkehr Barthous von feiner Rarifer 
eife notwendig den endgültigen Bruch zwiſchen STARB und England 
zur Folge haben müſſe. Die Aufregung, die die offenfichtlihe Zu— 
[pißungder Lage hervorrief, trug nicht gerade dazu bei, die Gemüter 
in Genua zur ruhigen Beobachtung und zum Fühlen Nachdenfen über die 
obwaltenden Wahrjcheinlichfeiten zurüdzuführen. Und fo blieb es einige 
Tage bei der Verbreitung wilder Gerüchte und dem Hinausſenden trübe 
gefarbter Berichte. 

Aber e3 war nicht nur die Nervofität ängftlich getwordener Beobachter, 
woraus die Alarmnachrichten herborgingen, fondern e8 waren auch Beile 
diplomatische Fechterkunftjtüce, die darin zum Ausdrud famen. Frankreich, 
das nach einer Möglichkeit fuchte, die Konferenz auseinanderzutreiben, die 
Schuld daran aber einer anderen Macht in die Schuhe zu ſchieben, bedient 
fih der günftigen Umftände, um alle geeigneten Kanäle zu finden, durch 
die die Saitung Englands in den Augen Frankreichs und feiner Partei- 
* diskreditiett werden konnte. Von dieſer Seite wurde die be— 
timmte Behauptung wiederholt, daß Lloyd George bei verſchiedenen Ge— 
legenheiten gedroht — ſich von Frankreich loszuſagen und neue Freund— 
ſchaften zu Daß er Barthou gegenüber geradezu ſchroff, ja ſogar 


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grob aufgetreten fei und das unmittelbare Ende der Entente verkündet habe, 
wenn Frankreich nicht flein beigäbe, war fogar in der „Times“ zu Iefen, 
einem Blatte, bei dem fich die Welt noch immer nicht ganz davan gewöhnt 
hat, daß es jegt einen ganz amderen Charakter hat, als ihm vor einigen 
Menfchenaltern noch eigen war. Gerade diefer Umstand hätte die Be 
urteiler ftußig machen fünnen, da die grundfäglich franfreichfreundliche und 
durh Nüdfichten auf Wahrheit und Verantiwortlichkeit wenig gehemmte 
Politik der „Times“ befannt genug war. 

Es hat ſich denn auch herausgeftellt, daß zwar alle Schwierigkeiten, 
bon denen wir ſchon wiederholt an diefer Stelle gefprochen haben, einft- 
teilen noch ne unverändert fortbeftehen, daß aber niemand es auf ſich 
nehmen will, die Konferenz vor der Zeit zum Scheitern zu bringen, und 
daß die meiſten Mächte aus der Fortführung der Verhandlungen fogar 
allerlei Vorteile zu ziehen hoffen, — Frankreich durchaus nicht ausge- 
nommen. Im Mittelpunft der Werhandlungen, aus denen fich die fo 
ffizzierte Lage entwickelt hat, ftand in den legten acht Tagen das fogenannte 
„Ruffenmemorandum”, jenes Aktenſtück, das der ruſſiſchen Dele- 
nation die Forderungen der alliierten Mächte übermitteln follte und deffen 
Beantwortung jest über das Schidfal der ganzen Konferenz entfcheiden 
fol. Es war, un es noch einmal befonders hervorzuheben, der Hauptzived 
des Memorandums, den Ruffen die Wünfche und Bedingungen der Entente- 
mächte zu Genrüte zu führen. Und nun erlebte man das Sonderbare, daß 
nad den ziemlich Tangmwierigen und fehr fchwieriaen Beratungen, in denen 
Frankreich und England endlich eine gemeinfame Form für ihre offen- 
fundig weit auseinandergehenden Meinungen gefunden hatten, das kleine 
Belgien im lekten Augenblick die Unterfchrift veriveigerte und — das 
war die peinlichjte Ueberraſchung! — Frankreich ſich ihm anſchloß! 

Man fragt fich: weshalb hat Frankreich fich eigentlich an der Arbeit 
zur Fertigitellung des Memorandıngs, das ja doch von den ihm erwünfchten 
Linien in der Behandlung der Rırffenfrage von vornherein abwich, über- 
haupt beteiligt, wenn es fich im entfcheidenden Augenblick doch zurückziehen 
wollte? Die Antwort ergibt fich wohl aus der Betrachtung der Verhält- 
niffe, die nach franzöfifcher Auffaffung der deutich-ruffiiche Vertrag von 
Rapallo geihaffen hatte. Frankreich Jah, daß es in eine Lage gebracht 
worden war, in der e3 bei allzu ftarrer Felthaltung feines urfprünglich 
umfchriebenen Standpunktes Rırkland gegenüber ins Hintertreffen fommen 
mußte. Darum zog es vor, fich zu einer gewiſſen formellen Anpaffung an 
die andern alliierten Mächte und zu einem Mitarbeiten mit ihnen zu ent- 
Schließen, damit dem Geift der franzöfifchen Politif der nötige Raum in 
der Behandlung der rufjiichen Frage aewahrt bleibe, zugleich aber auch für 
alle möglichen fünftigen Fälle die Fühlung mit Nufland nicht ganz ver— 
foren gehe. Man fah in Paris feine andere Möglichkeit. Da zeiate fich 
in Belgien die lebhafte Beunruhigung und der Unmut der Kreiſe, die bei 
der Starken Inveſtierung von belgiſchem Kapital in Rußland fchon feit der 
Vorkriegszeit die wirtfchaftlichen Fvagen im Ofteuropa mit andern Augen 
anzufehen gewohnt waren. VBerftärkt wurden ihre Sorgen durch die Be— 
fürdtumgen, daß England die Gunft der Umftände benugen könnte oder 
— tie Gerüchte befagten — ſchon benutzt habe, um fich in Rußland in der 
Betroleuminduftrie, in den Manganerzen des Kaukaſus und anderen 
Handelsartifeln befondere Vorteile zu fichern. Wie weit diefe Beforgniffe 


— 118 — 


aus politifhen Rüdjichten aufgebaufcht und Fünftlich verjtärkt wurden, mag 
dahingeftellt bleiben, jedenfalls bot der Entſchluß Belgiens, fich den bor- 
gefhhlagenen Abmahungen mit Rußland zu widerfegen, Frankreich eine 
willtommene Handhabe, die neue Konjtellation zu erfaffen und ſich an die 
Seite Belgiens zu ftellen. Das bedeutete — eine außerordentliche 
Verſchärfung der zwiſchen Frankreich und England entſtandenen Kriſis, 
aber Poincaré berechnete ganz richtig, daß dieſes feſte Zufammen- 
ſtehen Frankreichs und Belgiens eines der beiten und wirk— 
famjten Mittel fein werde, um Lloyd George zur Vorfiht und zur Ver— 
meidung der äußerjten Schritte zu mahnen, Während nach den äußeren 
Eindrüden und nach den von underantwortlichen Beobadhtern und Sen- 
fationsmachern beherrfchten Stimmungen in Genua alles auf des Meffers 
Schneide zu jtehen ſchien, arbeitete unter den Verantwortlihen und Ein- 
gemweihten angejtrengt der Bermittlungsapparat. 

Und fo ijt der Fortgang der Konferenz einmal wieder gerettet worden, 
zumal da die Auffen nicht den Wunſch hatten, die Dinge zum äußerften zu 
treiben. Die Meinungsverfchtedenheit ging um die Forderung in 
Artitel 7 des Memorandums, wonach die Auffen fich ver— 
—55 ſollten, das der Sozialiſierung zum Opfer gefallene Privat— 

igentumder Ausländer den früheren Beſitzern zurückzuerſtatten. 

Frankreich hielt — jett im Verein mit Belgien — diefe Forderung mit 
befonderer Entfchiedenheit aufrecht. Die Auffen aber erklärten fie für un— 
annehntbar, weil fie fich nicht zwingen laſſen wollten, ihre grundjägliche 
Stellung zum Eigentumsrecht, die fie zu einer Befonderheit ihres Staats» 
ſyſtems genen! haben, die darum auch von ihrem ftaatlihen Organismus 
nicht beliebig Iosgelöft werden kann, auf fremdes Geheiß preiszugeben. 
Eine zweite Meinungsverfchiedenheit zwiichen Frankreich und Rußland 
wurde hervorgerufen durch den ſtarr ablehnenden Standpunkt Poincares 
in der Anleihefrage, da Rußland auf finanzielle Hilfe nicht verzichten fann. 
Aber unter der Hand hat Frankreich verlauten laffen, daß es wahrfcheinlich 
nicht bei der äußerſten Schroffheit verharren wird, wenn Rußland in feiner 
Antwort einiges Entgegenfommen zeigt. Das ſcheint nach den heute vor— 
liegenden Nachrichten über die fertiggeſtellte ruſſiſche Antwort geſchehen 
zu ſein. Rußland wünſcht nur Aenderungen in Artikel 7 und Zuſiche— 
rung einer ſofortigen Anleihe, nimmt aber im übrigen das Memorandum 
an. Eine vermitielnde Formel für die Streitfrage des Artikel 7 ſcheint 
bereits gefunden worden zu fein. 

Es iſt durch den bisherigen Verlauf der Dinge unverkennbar bewiefen 
worden, daß alle in Genua beteilinten Mächte dort eine wertvolle Gelegen— 
beit zu Verhandlungen, die fie in Ahnlicher Art nicht fo leicht wiederfinden 
mürden, erfannt haben. Mehr als zu Anfang häufen fich Beſprechungen, 
aus denen troß der nach außen noch offiziell feitgehaltenen Siegergejte der 
Ententeleite die fanatifche Gereiztheit und verlegende Unbflligfeit gegen- 
über den Unterlegenen allmählich ſchwindet. Im Hintergrunde jteht ala 
fernerer Programnıpunft der Stonferenz noch immer Lloyd Georges Lieb— 
lingsidee von feinem Friedenspakt. Sogar Frankreich feheint fich dem Ge» 
danfen einer Anleihe und einer Atempaufe für Deutfchland wenigſtens fo 
weit zuzuneigen, daß es eine Ueberfpannung des Bogens vermeiden will. 
So fchließt der erjte Monat der Konferenz nicht fo ur ab, mie 
man bei feinem Beginn fürchten mußte. W. v. Maſſow. 


— 119 — 


Bücherſchau. 


Recht, Wirtſchaft, Geſellſchaft. 

Dr. Karl Strupp, Grundzüge des poſitiven Völkerrechts. — 
Der Staatsbürger. Sammlung zur Einführung in das öffentliche Recht 
herausgegeben von Rechtsanwalt H. Kamps. Band 2/3. Bonn 1921, 
Ludwig Röhrſcheid. 

Innerhalb der Völlerrechtsliteratur bedeutet der Name Strupp: ſtets auf 
dem Laufenden ſein, nichts außerachtlaſſen, flüſſige Darſtellung und zugleich 
handbuchmäßige praktiſche Gliederung. In dieſem Buch find die Theorien, 
Komtroverjen und frommen Winriche zurüdgedrängt, und nır das real Geltente 
fommt zu Wort 
Dr. Wenzel Goldbaum. Urheberrecht und Urhebervertragsregt. 

Ein Kommentar zu den Gejeken über das Urheberreht an Werken der 

Literatur und der Tonkunſt, das Verlagsrecht und zur vevidierten Berner 

Uebereinfunft nebjt Beftimmungen des Friedensvertrages. Berlin 1922, 

Georg Stilfe. 

Der Kommentar ift für Autoren, Tonfchöpfer und Verleger von großen 
Wert und hält mit den neueſten Entwidlungen (Friedensvertrag, Filminduftrie, 
Arbeitsrecht) Schritt. 

Dr. Karl Strupp, Grundriß des VBeriailler Friedenspver- 
trages Im Auftrage des Bürgeransichufies zu FrankfurtMain zum 
Gebrauch bei Vorlefungen, Vorträgen umd zum Selbſtſtudium abgefaßt. 
Berlin ®. 8, 1921, Teutſche Verlagsgejelliheit für Politit ums Ge- 
ſchichte m. b. 9. 

Das Buch der Schmerzen,-in eherner Katechismusform. 

Dr. Hand Freyer, Die Bewertung der Wirtfhaft im philo- 
ſophiſchen Denfen des 19. Jahrhunderts. Leipzig 1921, 
Berlag Wilheln Engelmann, geh. 26 M. 

Eine Schrift von weittragender Bedeutung. Ihr pſychologiſch wie geſchicht— 
fi bewanderter Verfaffer geht davon aus, daß die tevfchiedenen großen Kultur— 
gebiete wie Religion, Kunst, Politit, Wirtichaft zu verihiedenen Zeiten eine 
ganz verſchiedenen Rang im Denken und Sandeln der Menjchen einnehmen, 
Er will nun beitimmen, welche Stellung das Wirtichaftliche im Kulturganzen 
des 19. Jahrhunderts eingenommen hat und nähert fich diefer ſchwierigen Auf- 
gabe von der Analyje führender philojophiicher Schriften des Jahrhunderte. 
Allerdings erhält er dadurch ein Beobachtungsmraterial, welches vom praftiichen 
Leben abgejondert liegt; da es aber amderjeits eine ftarfe gedanfliche Durch— 
bildung aufweiſt und die Gegemiäge Der philofophiihen Schulen und Perfön- 
fichfeiten doch auch die ganze Skala der Standpunkte im praftiichen Leben 
widerſpiegeln, fo erjcheint jein Ausgangspunkt ergiebig, und die Behandlungs: 
art, die ſich vor der Gefahr ideologifcher Verflüchtigung hütet, ergibt tatlächlich 
ein reiches und fonfretes Bild der wirtichaftlichen Weltanſchauung der legten 
Menichenalter. 

H. Mudermann, Die Erblihleitsforfhung und die Wieder- 
geburtvpon Familie und Volk. Flugfchriften der „Stimmen der 
Zeit”, 11. Heft. Freiburg i. Br. 1919, Hewder. 

9. Mudermann, Kind und Volt. Der biologifche Wert der Treue zu den 
Lebensgefegen beim Aufbau der Familie. Dritte, bedeutend vermehrte 
Auflage. (8.—11. Taufend.) Zwei Teile. 8° Freiburg i. Br. 1920, Herder. 


120 — 


Erſter Teil: Vererbung und Ausleſe. Mit 2 Tafeln. XII und 174 ©.) 

8,60 M., geb. 10,40 M. Zweiter Teil: Geftaltung der Lebenslage. Mit 

1 Tafel. (VIII u. 232 ©.) 11,40 M., geb. 13,40 M. 

Mudermann hat fi) durch die taftvolle und umfichtige Art, mit welcher er 
die für unfere Volfsgefundheit und nationale Zukunft richtigen Fragen des 
Geſchlechts- und Familienlebens auf ftreng biologiſcher Grundlage in Vorträgen 
behandelt, viel Anerkennung erworben. Der weſentliche Inhalt diefer Vorträge 
ift im den angezeigten Schriften niedergelegt. 

Heinz Marr, BProletarijhes Berlangen. Ein Beitrag zur Pſychologie 
den Mafjen. (Jena 1921, Eugen Diederichs. Broſch. 10 M.) 

Die Piychologie des Induſtriearbeiters ift felten mit fo eindringendem 
Sinn erfaßt und gezeichnet worden, wie in den Vorträgen, welche der Leiter 
des Frankfurter Sozialen Muſeums auf dem landeskirchlich-ſozialen Kurjus 
gehalten hat. Dieje Vorträge jollten um rer tiefen Wirkung auf die Hörer 
willen zujammen mit denen von Kern und Nieders feinerzeit in den „Grenz— 
boten erſcheinen (1920, fettes Quartal), und nur ihr Umfang machte diejen 
Plan zunichte. Der Marxismus, nicht als wiſſenſchaftliche Theorie, jondern 
als Maſſenglaube wird in jeiner aktivierenden Kraft wie in feinem Ungenügen 
und feiner Selbftauflöfung anſchaulich. 

Rudolf Kijellen, Grundriß zu einem Syſtem der Politik, Leipzig, 
Hirzel 1920, geh. 6,50 M., geb. 12 M. 

Kjellens Bücher jind in Deutjchland ſtets eindringlicher Beachtung ficher; 
man kann jagen, daß diejer Schwede der erfolgreichite in deutſcher Sprache 
veröffentlihende Schriftjteller aus dem Önenzgebiet theoretiicher und praftifcher 
Politik ift. In der vorliegenden funzen Progranmichrift führt Stellen das 
in feinen „Staat als Lebensform” angejchlagene Thema fort. Er zeichnet den 
Umriß, wie eine theovetiiche Politif als Wiſſenſchaft vongehen müſſe, und 
fommt dabei, wie immer, zu neuen Geſichtspunkten und Bezeichnungen. 

Dr, Alfred Vierlandt, Staat und Gejellihaftinder Gegenwart. 
Eine Einführung in das ftaatsbürgerlide Denken und in die politiiche Be- 
wegung unjerer Seit. Zweite verbefferte Auflage. (Leipzig 1921, Verlag 
bon Quelle u. Meyer, geb. 9 M.) 

Dieje Politik ijt beine trodene Zujammenftellung von Tatfachen, obwohl 
gejättigt mit Tatſachen. Ein fefjelnder perfönlicder Schwung, der aber nirgends - 
die Berührung mit der Wirflichleit verdient, verleiht der Meinen Schrift einen 
Neiz, wie ihn wenige Einführungsichriften befigen. 

Der Merter. 


Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Ouftap Manz in Berlin. 


Gefpäftsführung : Deuter Verlag, Abt. Grenzboten, Berlin SW 48, Wilhelmftrage 8—9 
ernruf Nollendorf 4849. 
Drud: Allgemeine Verlagd- u. Drudereisejellfchaft m. b. H., Berlin SW 48, Wilhelmftr. 9. 


Rüdfendungen von Manuffripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rüdporto. — Na» 
druck fämtlicher Auffäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geftattet. 


Die Grenzboten 


Politik, Literatur und Kunft 


81. Jahrgang, 20. Mai 1922 
Nummer 19 


Poinearé, eine Gefahr für Europas Frieden. 
Bon Pierrepont B. Noyes. 


Ins Deutſche übertragen von Dr. Badberg. 


Dieſer Aufſatz erſchien zuerſt im Editorial der New York 
„World“ vom 5. Februar 1922. Verfaſſer iſt der frühere 
amerikaniſche Oberkommiſſar in der Rheinland— 
kommiſſion, Pierrepont B. Noyes, der im Sommer 1920 
ivieder nad) Amerika zurüdgefehrt ift. Er tft bekannt als Leiter 
und Befiger der wegen ihrer mufterhaften ſoztaten Einrichtungen 
weit über die Gvenzen Ameritas genannten Oncida Community 
(Fabrit für Eilberivaren) und jeine Betätigung uuf volkswirt— 
ſchaftlichem Gebiete. Mit Präfivent Garfield dom Willians 
College mat er 1917 in die amerifanifche Kohlenkommiſſion ei. 
Als folder wurde er jpäter nach Frankreich geſchickt und bat dort 
in verjchiedenen Kommiſſionen, die bei den Friedensverhandlungen 
zuſammengeſetzt wurden, mitgearbeitet, bis er als amerilanijcher 
Oberkommiſſar in das Rheinland fam. Er ift der Verfaſſer des 
Buches: „While Europe waits for Peace”, das ſtarkes Aufjehen 
erregt hat.*) 


Die Wahl Mr. Poincares zum Minifterpräfidenten Frankreichs kommt 
al3 eine der unangenehmften und entmutigendften Webervajchungen 1 
alle diejenigen, die nad) drei Jahren jtändiger Enttäuſchung kürzlich 
Grund zu haben glaubten, in boffnungsfveudig in eine befjere Zukunft 
gi zu fönnen. Amerifas Volt jehnt ji nad) dauernden Frieden und 

der Wirderherftellung normaler Verhältnifie. Es hat niemals ver- 
stehen können, weshalb hier eine Verzögerung eintvat; und obgle a ſich 
dauernd und krampfhaft bemühte, jeine traditionelle Freundfi für 
Frankreich zu beivahren, gehen ihm doch jet allmählich die Augen auf, und 


*) P. B. Noyes „Wo Europa doc des Friedens harrt“. Ins Deutſche 
übertragen von Regierungsrat Dr. Appelmann. Verlag Engelmann, Berlin. 


1 — 


langfam fommt es zu der Weberzeugung, daß bei Frankreichs Politik legten 
— „der Haſe im Pfeffer liegt“. Unter dieſen Umſtänden bedeutet das 
Auftauchen von Mr. Pornonrs alles eher als ein bertvauenserwedender 
Ausblid in die Zubunft. Aller Wahvjcheinlichfeit nach werden damit die 
Ereigniffe fataftrophal befchleunigt werden, und es wird eine engliſche „Er- 
löfung“ tommen; diefe aber doch nur in dem Sinne wie das Auftreten 
einer akuten Srife eine Erlöfung in einer ſich monatelang hinfchleppenden 
Krankheit bedeutet. F 

Seit den erjten Tagen des Waffenjtillitandes iſt Mr. Poincare der 
Lenker und Behüter des neuen franzöſiſchen Nationalismus geivejen. Er 
‚ hat mit argusäugiger nie raftender Wachſamkeit die Tätigfeit der fran- 
en Regierung verfolgt und überrvacht, und aus dem Schatten, in dem 
er ftand, heraus, hat diejer Cato franzöftfcher Politit Miniſter, Premiers 
und Präſidenten terrorifiert, jobald fie auch nur den Verſuch machten, mit 
fentimentalem Internationalismus Kompromiffe einzugehen. Der Si 
der Alliierten über Deutfchland wurde von Poincare als mwilltommene Ge— 
legenheit zur Verwirklichung von Plänen begrüßt. Seinen Zynismus 
alten Stils hat er ſich nie ummebeln laffen von dem Traume, man dürfe 
Frankreichs Sicherheit a einem „Syſtem von Weltfrieden” anver— 
trauen. Sein Auge blieb fejt gerichtet auf die eine große Möglichkeit, 
Deutihlandzuruinieren. Aber jo wie fi) die VBerhältniffe ent- 
widelten, ergab fih für den fcharf beobachtenden Poincaré in ſeiner ein- 
fachen Formel „Delenda est Carthago” doch ein fleiner verhängnisvoller 
Ihwacer Punkt. Sechzig Millionen Deutjche können wirklich nicht jo 
ohne weiteres und mit Ausficht auf Erfolg zum Ruin geleitet oder dauernd 
niedergehalten werden in einem Europa, in dem die Streitigkeiten und 
Eiferfürchteleien von Dutzenden von alten oder neu erjtandenen Nationen 
Berbrüderungen und Berbindungen aller Art möglich machen. Wenn die 
Sicherheit Frankreichs und der ‘Friede Europas fi) wirklich und aus- 
ſchließlich auf militäriſche Grundlagen ftügen follen, dann gibt es nur 
eine Antwort, nur eine Formel: Franfreih) muß berrichen; herrichen 
nicht bloß über Deutichland, fondern über ganz Europa. Diefe Art 
europäiſchen Friedens hat, jhon Napoleon eritrebt. 
Hinter den legten drei Premiers hat Mr. Poincare geſtanden wie ein Ge— 
Ipenft, den Finger dauernd gerichtet auf das vor ihnen liegende Problent. 
Als Mr. Millerand Premier wurde, wagte er es wicht, trogden er früher 
zu den Libevalen gezählt hatte, auch nur den wire. einer Neigung zum 
Liberalismus zu befunden. Als ich darob einer utenden franzöſiſchen 
Perjönlichteit gegenüber meine Meier m zum Ausdruck byachte, wies 
er auf Mr. Poincare und fagte: „Mr. Millerand hat „mitgenvacht“ bis 
zum legten i-Punft, und er wurde Präfident. Mr. Briand hat „mitge- 
macht“ bis er glaubte, jtarf genug zu ſein, Mr. Poincaré und der Mili- 
taristengruppe den Abjagebrief reichen zu dürfen. Dann beivegte ex ſich 
vorjichtigen Schrittes dem Kompromiß entgegen — und — er fiel. Sept 
will Boincare die Aufgabe felber löfen.” - 

Trotzdem Mr. Poincaré beim Volke nicht beliebt ift, ſcheint er doch 
hinreichende Unterftügung zu finden, um feine ultvasnationalijtifche Politik 
durchführen zu können. Frankreichs Volt befindet ſich in einer eigen- 
artigen Stimmung. Es lechzt nach Frieden und Glüd; die Enttäufchung 
über die legte dreijährige Politik feiner Regierung iſt jtetig im Wachfen. Das _ 


— 28 


ſo oft wiederholte, aber nie erfüllte Verſprechen: „Deutſchland wird be— 
zahlen und alles wird wieder gut“ verliert allmählich ſeine Zugkraft, das 
Bolf aber hängt noch dauernd an dem Gedanken: Wenn die Bolitifer „es 
nur och überliehen”, er würde die Deutjchen ſchon zum Zahlen bringen. 
Dies Gefühl hat die Militariftengruppe als wirkliche Macht Hinter dem 
Throne halten fünnen. Poincare weiß das. Er hat ſich jelbjt zum Inter— 
preten der Militariftengruppe gemacht. Er iſt jtets ihr bürgerliches Haupt 

Ohne ihn wäre dieſe Gruppe, genau wie in anderen Ländern, 
wahrſcheinlich ſchon längſt gefchlagen und von den Bolitifern an die Wand 
gedrückt worden. Ohne ihn wäre auch ficherlich jchon ivgend ein Ab- 
fommen mit den Elementen, die von innen und außen her auf Verſöhnung 
und Abrüftung drängen, zuſtande gefommen. 

Im Fahre 1920 Hatte ich eine außergewöhnlich gute Gelegenheit, Dir. 
Poincare aus — Nähe zu beobachten. Derzeit war er Vorſitzender 
der Wiedergutmachungskommiſſion. In einer ganzen Reihe recht ſcharfer 
Diskuffionen ja ich m feiner unmittelbaren Nähe. Ich beobachtete ihn 
vorurteilslos, aber mit den Augen eines Gefhäftsmannes, der die Beweg— 
gründe und Ziele jemandes, der auf das zufünftige Wohlergehen von uns 
allen einen getvichtigen Einfluß ausüben muß, zu ergründen fich bemüht. 
Hier bot fich eine jelten gute Gelegenheit, feinen wirklichen Abjichten auf 
den Grund zu fommen, da er fich damals bemühte, Beſtimmungen zu er— 
laffen, die den Ausſchuß von fünf Sachlennern, von denen ich einer war, 
in umferen Beiprechungen mit der deutjchen Delegation über das Ktohlen- 
abkommen lenken oder vielmehr die Hände binden follten. Wider 
meinen Willenzwang fih mir die Neberzeugungauf, 
daß Mr. Poincare gar fein Abfommen wünſchte, Daß 
er auch garnicht fo jehr größere Kohlenmengen für 
Frankreich erjtrebte, als vielmehr, daR er darum 
fämpfte, Deutijhland in der Rolle des Vertrags— 
breders zu erhalten, um auf dieje Weife dauernd 
eine Möglihteit und „Beredhtigung“ für militäri— 
ſchen AL zubhaben Was ich hier fage, ift unangenehm, aber 
meine Schlußfolgerung paßt durchaus zu vielen von Mr. Poincarés 
früheren Handlungen und Aeußerungen, und der Kurs, den er jeitdem ge— 
nommen, hat meine Behauptung durchaus bejtätigt. 

Wenn Amerikas Volt fich diefen Standpunft von Mr. Poincare nur 
ſcharf zu eigen machen will, wird es darin den Schlüffel finden zu vielen, 
mas in den Wiedergutmachungsverhandlungen bislang unverjtändlich war, 
ſowie in den Meinungsverjchiedenheiten zwifchen Frankreich und Groß— 
britannien, in den Zid-Zad-Zügen der franzöfifchen Politik, und endlich 
in Briands zähem Feſthalten an der Behauptung, Frankreich müſſe ein 
Heer von 850 000 Mann haben md beditrfe einer größeren Flotte. Kleiden 
Sie diefe nationaliſtiſche Politit meinettwegen in mildere Worte, wenn's 
beliebt; entſchuldigen Sie diefelbe, wie wir es ja legten Endes alle tun 
müſſen, aber ſchauen Sie ihr feit ins Geficht. Machen Sie fid) mit der 

che vertvaut, daß jener Mann, der durch Wort und Tat das offizielle 
Foanfreich dawernd daran hinderte, auch nur einen anderen Schritt zu 
— als den, Europas Angelegenheiten lediglich auf militäri— 
ſchem Wege zu regeln; — daß er, der mehr als irgend ein anderer getan 
hat, das nicht denkende Volk zur Doktrin militäriſcher Gewalt zu ver— 


— 124 — 


fehren, jet an der Spike der franzöfiichen Nation ſteht. , 

Schon zwei Jahre lang habe ich darauf hingewieſen, daß N Saar 
Premier Frankreichs im Augenblid, wo er auch nur um einen Bollbreit 
nad einem Kompromiß hinlehne, geitürzt werden würde; dab Mer. 
Poincare beffen las einnehmen und jchlieglid eine fvanzöſiſche Armee 
in das Ruhrgebiet einfallen und es bejegt halten winde. Meine erite 
Borhevjage hat fich bereits beiwahrheitet; die Erfüllung der zweiten — 
befürchte ich — jteht unmittelbar bevor. : 

Aber nur wenige Leute in unferem Lande join wirklich zu erfaſſen, 
was eine Bejegung des Ruhrgebietes für Frankreichs Militarijten bedeutet. 
Kein anderer Amerikaner ift vielleicht beſſer in der —— als ich 
es in den Jahren 1919-20 war, die Entſchiedenheit des fvanzöſiſchen Dber- 
fommandos, dieſe —— ten, und deſſen zornig⸗nervöſe Un— 
geduld über den britiſchen Widerſta iergegen zu beobachten. 

In den Friedensverhandlungen wurde vom Ruhrgebiet wenig ge— 
ſprochen. In jenen — ſchaute Frankreich wegen „Sicherheit“ noch 
auf Amerika und den Völkerbund. Erſt nachdem die Vereinigten Staaten 
unzweideutig ihre Abficht befundet hatten, fi) ganz aus europätichen An- 
gelegenheiten zurüdzuziehen, trat die Abficht, das Ruhrgebiet zu befegen, 
in die Erjeheinung. j , 

Ich habe nie geglaubt, daß Mr. Clemenceaus Kampf in der Friedens: 
tonferenz um eine fünfzehnjahrige „Bejegung” des Rheinla aus 
anderen Erwägungen heraus ——— als denen, die Entwaffnung 
Deutſchlands und das Eintreiben der Reparationsichuld militäriſch ge— 
währleiſtet zu ſehen. Die Ruhr hatte damals, nach meiner Ueberzeugung, 
in den Plänen der franzöſiſchen Regierung noch feine ſtvategiſche Be— 
deutung. Belannt ift ja freilich, daß der vom franzöfifchen Oberfommando 
eingefädelte und geführte „Dorten-Aufjtand“ im Mai 1919, die Einbe- 
ziehung von Ruhr und Weitfalen in das „Befagungsgebiet” mit zum 
Ziele Hodle, doch jcheinen die franzöfifchen Staatsmänner, mit denen id) 
ſprach, damals nur wirtichaftliche Vorteile im Sun gehabt zu Haben. 
Jeder wird fich noch der fitäande im März 1920 erinnern. Frank— 
reich verbot e8 Deutichland damals, Truppen zu entjenden, um den Auf- 
ſtand niederzufchlagen, und Marfchall Foch riet den Alliierten in aller 
Deffentlichkeit, das Gebiet zu bejegen. Seit jenen Tagen fteht die Be- 
ſetzung des NRuhrgebietes seh mit auf dem Programm. Im April des. 
jelben Re wurden mehrere Regimenter aus Frankreich hevangeholt 
und in der Nähe von Cöln Aulammengegogen. Man bat die Briten um 
die Erlaubnis, einen fvanzöftjchen Slieger- tüg-Bunkt in ihrem Brüden- 
fopf errichten zu dürfen. Bis ins Kleinſte ausgearbeitete militärifche Pläne 
hinſichtlich Mannfchaften und Gejhüte wurden den britifchen Behörden 
Dan ee —— unterbreitet. Selbſt der Tag des Einmarſches war 

on feſtgeſetzt. 
Während dieſer ganzen Zeit hat England die Beſetzung des Ruhr— 
ebietes allein und ohne Unterſtützung von anderer Seite verhindert; und 
* Zähigkeit in dieſer Hinſicht hat mehr denn einmal die Harmonie 
der Entente bedroht. Zur Zeit des Ultimatums der Alliierten im Jahre 
1921 freilich wurde England zum Nachgeben gezwungen, aber nur inſo— 
fern, als es ſeine Zuſtimmung geben mußte, zu einer Beſetzung, die ſich 
auf Punkte am Rhein entlang erſtreckte. Drei Premiers in Frankreich 


— 125 — 


haben nacheinander zurüdgezudt vor dem nis, wegen des Ruhr— 
ebietes mit England zu breden. Möglich, dag Lloyd George noch weiter- 
Bin fich diefen Plänen erfolgreich widerjegen fann, aber, wenn's ihm nicht 
gelingt, und wenn Frankreichs Parlament ſich hinter Boincars ftellt, dann 
erſcheint e8 mir doch wahrfcheinlich, daß ſchon in nächſter Zeit franzöfiiche 
Truppen in jenes Gebiet einrüden. 

Betanntlich Hat Poincare den „Oberſten Rat“ in dem die verantiwort- 
lichen Vertreter beider Nationen ihre Probleme Auge in Auge beiprachen, 
aufgelöft. Er hat der Welt verfündet, daß Frankreichs Gefchäfte wieder in 
Zukunft duch jene labyrinthiſch verdrehten Botfchafterfanäle geleiter 
werden würden, welche die vewderbenbringende Vorkriegsdiplomatie mög- 
lih machten. Kaum eine Woche nachdem Mr. Poincare fein Amt üben 
nommen, wies er auf „neue Maßnahmen“ pin, die ergriffen werden 
nrüßten, und er twiederholte Millerands Wort, das diefer vor ziwei Jahren 
geprägt, daß die fünfzehnjährige Bejegung des Rheinlandes noch garnicht 

egonnen habe und erjt dann ihren Anfang nehme, wenn jede Bedingung 
des Berfailler Vertvages erfüllt fei. 

Man wird fragen, weshalb Frankreich die Befegung des Ruhrgebietes 
jo leidenichaftlich betreibt, und warum England mit gleicher Seftiofeit ſich 
dagegen ſträubt. Aus zwei Gründen: Das Ruhrgebiet mit ſeinen 
120 000 000 Tonnen jährlicher Kohlenförderung, zuſammen mit Schleſien, 
das etwa 50 Millionen Tonnen liefert, bildet die Hauptlohlenquelle für 
Kontinental-Euvopa. Jede Nation, die diejes Feld beherricht, Hat Die 
Hand an der Gurgel des wirtichaftlichen Lebens Deutjchlands und — 
mern auch in geringerem Maße — an der von wenigjtens fünf anderen 
Ländern Zentral-Europas. 

England mag e3 mit eimer gewiffen Genugtuung begrüßen, daß Fran: 
reich in der Lage tjt, jeder deutſchen Munitionsfabrit der Zukunft die 
Kohle zu entziehen; aber England ift durchaus berechtigt, fich einer Kohlen— 
fontrolle zu widerſetzen, die die gefante deutiche Induſtrie der franzöſiſchen 
Politik auf Gnade und Ungnade ausliefert, und wodurch jede Möglichkeit 
eines wirtichaftlichen und imduftriellen Wiederauflebens in SKontiental- 
europa illuſoriſch wird, ein Aufleben, von dem unfer eigenes Wohlergehen 
ſowohl als das Englands abhängt. Eine fvanzöfifche Wirtfchaftsbeherrfchung 
von Europa unter ſolchen Umständen ift, um es milde auszudrüden, 
höchſt unerwünſcht. 

Zu dieſer Frage gibts aber noch eine andere Seite, die in Europa 
wohl beachtet wird, wenn's auch ſcheint, als wenn man ſie an dieſer Seite 
der Atlantik nicht erkennt. Ein im Ruhrgebiet ſtehendes 
— Heer ermöglicht ohne weiteres eine 
militäriſche Beherrſchung Europas, eine Beherr- 
Ihung, die aus ſich felbft heraus täglich aggreffiper 
undunerträglider werden wirde. Wenn durch trgendivelche 
Veranlaffung oder auch durch Zufall ein ſolcher Einmarjch ftattfindet, be- 
deutet er das Ende des Friedens für Die lebende Generation, umd für 
Amerita ſowohl als für Europa ein unbegrenztes Hinausfchieben wirt— 
ichaftliden Aufblühens. Es wiirde ein lange Aeva fieberhaften Strebens 
und Hafjens bedeuten, defjen Ende niemand vorausſagen könnte. 

Scheint dies übertrieben? Ziehen Sie doch einmal die Entwidlungs- 
möglichkeiten in Erwägung. Wenigftens 250 000 Mann würden erforder- 


lich jein, um Ruhrgebiet und Rheinland zu bejegen. Die Koften für den 
Unterhalt diefer Truppen, die wohl nicht gut aus dem Rheinland einge: 
trieben werden könnten, ließen fich leicht aus der Kohle und anderen 
Quellen des Ruhrgebietes erzielen; 250 000 gedrillte und volljtändig aus— 
gerüftete Truppen, die in den nächſten 25 Jahren im Herzen Guropas 
bereititehen, ohne Frankreich auch nur einen Pfennig zu fojten, müſſen 
jedes Land in Stontinental-Europa einfchüchtern. Und das iſt noch lange 
nicht alles. Ein imperialiftiiches Regime jeden Landes muß in der Lage 
jein, ſich ſelbſt daheim zu ſchützen. Radikalismus, der heiß unter der Ober- 
Häche glimmt, hat fich fejter in Frankreich eingenijtet, als die Außenwelt 
ahnt; eine imperialiftiihe Marichroute aber zeugt zwangsläufig einen Geiſt 
der Revolte. Ein bürgerliches, fi aus den jungen Leuten Frankreichs 
refrutierendes Heer, wuͤrde aber, jelbjt im Falle der Notivendigfeit, nie» 
mals ar Franzojen ſchießen. Nun it es doch flar, daß Truppen, die 
außerhalb ihres eigenen Landes ziwei Jahre lang verivendet werden, den 
Charakter von „Söldnern” annehmen. Ein Heer, das dauernd in Europa 
ftationiert ift, und fich zum weitaus größten Teil aus afrikanischen 
Kolonialtruppen zufamntenjegt, gleicht der Prätorianer-Garde Noms: für 
eine autofratifche Regierung eine geradezu ideale Stütze. Innerhalb 24 
Stunden fönnten 100000 Mann diefer Truppen nach Paris geivorfen 
werden, und auf Befehl würden fie ſchießen. So würde ein Bejagungs- 
heer im Ruhrgebiet ein — es Schwert bedeuten, jederzeit gezückt, 
Revolten niederzuſchlagen, daheim ſowohl als draußen. 

Ich will nicht behaupten, daß dieſe Viſion in ihrer ganzen Vollendung 
ſchon den Geiſt Poincarss bewegt. Ich glaube indes, daß er feſt davon 
überzeugt ijt, Frankreich müſſe um jeiner eigenen Sicherheit willen, jene 
vorherrichende militärische Stellung einnehmen, die Deutichland vor dem 
Kriege innehatte. Ich glaube meiterhin, daß er ſowohl wie Marichall 
Foch und in erhöhtem Be noch General Wiegand und feine militäri- 
ichen Berater die Bejegung von Ruhrgebiet und Rheinland al3 erften 
Schritt zu einer jolhen Beherrfchung anjehen. Die Geichichte ſowohl als 
unjer gefunder Menjchenverjtand werden uns aber jagen, daß, wenn ein 
ſolcher Schritt einmal getan tft, die Forderungen militärifcher Notiwendig- 
teit eine Nation noch viel weiter führen. 

Ich habe das Vorhergehende wirklich nicht gedacht als Kritik Franf- 
reichs. Mein einziger Wunſch ift, des ameribaniichen Volkes Augen zu 
öffen und für die Rolle, die unfere Regierung in Europa fpielen muß, 
wenn wir Frieden haben wollen und wenn die Rückkehr zu normalen Ver- 
hältniffen in den Bereich der Möglichkeit rüden fol. Es ift wertlos, 
von Bejjerungen auf dem Handelsmarkte zu reden, 
folangenob Furcht, Ehrgeiz und militärifhe Intri— 
guen ein wirtihaftlihes Wiederaufleben in Europa 
unmöglid maden. Es ijt fehlimmer al3 wertlos; es iſt unehrlich, 
ja es iſt eine verhängnisvolle Selbjttäufchung, angefichts der Ereignifje der 
legten drei Syahre, noch länger zu behaupten, Europa könne aus ich jelbjt 
heraus gejunden. 

Unmittelbar nach dem Striege ließ das franzöfifche Volk ſich zu 90 v. 9. 
von der Angjt und zu faum 10 v. 9. von militäriichem Ehrgeiz leiten. 
Heute iſt es umgefehrt, und die Verantwortung hierfür ruht hauptjächlich 
bei den Vereinigten Staaten, die ſich im kritiſchen Augenblid zuridzogen, 


— 127 — 


und e3 Frankreich allein- überliegen, nad) eigenem Stönnen und Wollen 
ein militärifches Syſtem zu feiner „Sicherheit” aufzurichten. Wenn ſich 
dann im Laufe der Meiterentiwidelung dieſer Pläne eine militärifche 
Situation ergab, die Anlaß bot zu ehrgeizigen Weiterentwidelungsmöglich- 
keiten, fo dürfen wir Frankreichs Volt wirklich nicht allein dafür zur Ver— 
antwortung an 

Sit es nicht allmählich an der Zeit, einmal hinter das oberflächliche 
Geſchwätz von der „VBerbefferung der europäischen Lage” zu jchauen und 
uns mit der Tatjache vertraut zu machen, daß fich drüben nichts verbefferte, 
daß die fundamentalen Vorbedingungen dort jeit Kriegsende mit jedem 
Tage ſchlimmer geworden find. Diejenigen, die 1920 noch dachten, eine 
Stabilifterung Europas ginge uns nicht? an, beginnen jest allmählich ein- 
zujehen, daß zerftörte europäijche Märfte ruinöfe Preife für Amerikas 
Weizen und Baumwolle bedeuten. Ich glaube auc annehmen zu Sen, 
daß die Erkenntnis für die Tatjache wächſt, daß feine weſentliche Ver— 
beilerung des amerikaniſchen Handelsverfehrs möglich ift, folange der nun: 
mehr jchon drei Jahre alte tote Punkt des „Feitgebifjenjeins“ in Europa 
wicht überwunden tft, und die Bolitif der Induſtrie fein Aufleben und ver 
Baluta keine Befjerung gejtattet. Inwieweit das amerifanijche Volk im 
allgemeinen feine eigene Berantivortlichkeit für Ddiejen toten Punkt des 
„Feſtgebiſſenſeins“ ertennt, kann ich nicht jagen. Es kann aber nicht oft 
genug wiederholt werden, daß nur wir allein die Situation retten, oder 
e3 zum mindejten verhindern können, daß jie noch ſchlimmer ſich geftaltet. 


Großbritannien hat jein Bejtes getan. Aber es wird täglich klarer, 
daß alles, was es ohne unfer Zutun leiften kann, eben das iſt, den Be— 
ftand diejes toten Punktes noch zu retten. Sch fürchte aber, daß 
Boincare jept dDiefentoten Punkt uverwinden wird, 
undzwardadurd, daß er ſich in waghaliigfter Weife 
auf der militäriſchen ahn mweitzrtewegt und 
Schritte unternimmt. die Eurora auf Jahre hinaus 
in Unordnung und Berwirrung jtüurzen müfjen. 

Der Präfident und fein Stabinett, die bislang dem Theater aleichfam 
von binter der Bühne her zugefchaut haben, müſſen dies wiſſen. Sie 
warten auf die Gefinnungsänderung eines Volkes, den mar bis dato vor— 

eredei hat, wir könnten und jollten „verfteidende Bündniſſe“ meiden. 
Möglich, daß die niedrigen Preiſe für landivirtichaftlihe Erzeugnifje und 
eine Fortdauer der ſchlechten Geſchäftslage ſchließlich doch das amerifanifche 
Bolt aufpeitſchen, aber dann iſt es leicht zu ſpät. ‘yet iſt die Zeit, wo 
die öffentlihde Meinung der Verwaltung in Wafhington zurufen muß: 
„Ihr braucht nicht länger rüdfichtsvoll zu fein. Ihr braucht uns nichts 
weißzumachen. ur fonnt wirklich aufhören, herumzukramen mit einer 
Stonferenz über Schwierigfeiten in der Bazifit, während jenjeit8 der 
Atlantik des Uebels wahrer Kern zu finden ift. Dies it eine Nation von 
Erwachſenen, von Männern. Das Land hat den Mut umzukehren, wenn 
e3 zur Ueberzeugung gelangt, daß jeine Schlußfolgerungen ſoweit faljch 
waren. E3 braucht Merten tolz nicht — zu bekommen, noch ſeine 
Konſequenzen geſchützt durch ſpißfindige Sophiſtereien oder durch das Zu— 
ſammenberufen einer „Geſellſchaft“, einer „Konferenz“ oder ähnliches. 
Was wir brauchen, iſt eine mutvolle vorwärtsgerichtete Politik, die 
Intereſſe nimmt an den Geſchicken Europas, die den Militarismus ver— 


N — 128 — 


bannt, die die Sicherheit wieder heritellt, Die Zahlungsfähigteit hebt, 
Spitem in die Valutafrage bringt und endlich die Induſtrie im Ausland 
wieder belebt und ung im eigenen Lande damit normale Gejchäfts- 
Ba ſchafft. 
je wir ung auch winden und wenden mögen, um Rüchkſchläge zu ver— 
meiden, die Ereigniffe werden uns legten Endes doch dazu zwingen, die 
uptrolle in irgendeiner Art von „Völfervereinigung“ zu jpielen. Die 
it ift zu kurz, als daß wir ein eigenes derartiges Inſtitut auftun 
fonnten. Und weshalb auh? Der europäiſche Völkerbund iſt die 
„etablierte Firma”, bereit, ihre Geichäftsräume zu eröffnen, ſobald fie nur 
unjerer Unterftügung ficher if. Wir fönnen aus ihr machen was wir 
wollen. &s ijt meine fejte. Ueberzeugung, daß, wenn wir es recht meinen 
mit dem —— da draußen und dem Glück daheim, wir garnicht ſchnell 
genug Anſchluß ſuchen können an der beſtehenden Liga der Völker. 


Die Anſchlußbewegung 
der Deutſch-Oeſterreicher. 


Bon Prof. Dr. Freiherr v. Danckelmann. 


Am 20. Oktober 1848 hielt der der Partei des Weidenbuſches ange— 
hörige Göttinger Hiſtoriker und Abgeordnete Georg Waitz in der Frank— 
furter Rationalverſammlung eine Rede über die Frage des Anſchluſſes 
Defterreichs an Deutjchland, in der er unter amderem fagte: „Deutjchland 
bat das wunderbare und traurige Schidfal gehabt, daß es nad) allen Seiten 
An, ringsherum an jeinen Grenzen in einen unklaren, zweifelhaften, voll 
ommen haltloſen Zujtand hineingeraten iſt . .. Eben dadurch tft das 
deutiche Staatsgebäude mehr noch, als es früher mar, ein Monftrum 
worden, wo ſich nirgends Scharfe Grenzen ziehen ließen, und wo feiner 
agen konnte: Hier ift Deutichland, und da hört es auf. Wir müſſen aus 
diefem Zuftande heraus, wir müſſen wiſſen, was zu uns gehört, was mit 
uns geht. Wir müffen arte Grenzen ziehen, um reine Grundlagen zu 
gewinnen.” Nachdem i8 dann auf das Verhältnis Deutfchlands zu 
Limburg, Luxemburg, Schleswig-Holjtein und Pojen eingegangen ijt, fährt 
er fort: „Defterreich ijt eine der merfwürdigiten Staatenverbindungen, 
welche die Gejchichte jemals aufgewiejen hat, eine Vereinigung von 
Völkern, Nationalitäten, Sprachen und deren Verhältniffen, wie fich kaum 
eine ähnliche, wenigjtens in der neuen Gejchichte zeigt... Es ift die Zeit 
herangefommen, wo die Nationalitäten fich fejter und inniger aneinander 
ichliegen, wo fie fich ftaatlich zu konzentrieren fuchen.... Der Meimung 
bin ich, daß es jedenfalls darauf ankommt, ung klarzumachen, wie das 
Berhältnts Tefterreihg zu ung fein fol. Und da ift mir nicht erſt von 
gejtern die Ucberzeugung gefommen, daß jene öfterreichifche Monarchie 
nicht mehr, für die Länge wenigjtens, nicht mehr Beſtand haben wird. 
Meine Herren! Die Nationalitäten haben ſich erhoben in Italien, in 
Ungarn, es haben jich erhoten die Slawen und zuleßt die Deutjchen: ſie 
haben jich erhoben, jede für ihr Recht, für ihre Selbjtändigkeit, am Ende 
alle doch im Hinblid auf eigene ftaatliche Geftaltung. Ich glaube nicht, 


—129 — 


daß es gelingen wird, ſie wieder zujammenzufaffen, jie unter einem andern 
Geſetz, als unter dem Geſetz der Freiheit zu vereinen... Gerade weil 
ich diefer Ueberzeugung bin, jo jtelle ich dem entgegen eine Forderung, 
die unter allen Fowerungen am weitelten geht: ich will, daß das, wos 
deutfch iſt und deutjch war feit Jahrhunderten von Defterreich, daß das 
ganz deutſch bleibe, e3 ganz und völlig dem Gefamtbau mit angehöre, 
den wir wicht für einen Zeil Seutfehlands, jondern für das Ganze zu gründen 
haben.“ (Stenogr. Bericht über die Verhandlungen der deutichen fon- 
jtituierenden Nationalverjammlung in Frankfurt aM. Hevausgeg. von 
Franz Wiegard, IX. Band, Leipzig 1848, ©. 2786 u. 2787.) 

Was hier —— war inſofern von der weittvagendſten Be— 
ae als feit 1526 Oefterreich fein eigentlicher Nationalftaat mehr war 
und als die abgefprengten deutjchen Gemeinden in Siebenbürgen bon 
diefer Forderung ausgenommen wurden. Es war damals (1848) fo, daß 
die alten — Erblande nur mit ihren vorgelagerten Ländern bis 
zur adriatiſchen Küſte einerſeits und den Ententeländern anderſeits Mit- 
glied des deutſchen Bundes waren (bon 1815—1866). Und eben dieſe 
zum Bunde gehörige Ländermaſſe forderte Waitz zurück. 

Es iſt die Forderung wieder in neuſter Zeit von Karl Gottfried Hugel- 
mann erhoben worden. Die Schiwierigkeit, fie zu erfüllen, liegt in der 
territorialen Getrenntheit der einzelnen deutjch-öfterreichifchen Gebiete, 
deren es drei gibt: die Alpenländer mit dem vorgelagerten Wiener Beden, 
Deutih-Böhmen und das Swöetenland. Und e8 Hat fich gezeigt, daß die 
beiden letzteren nicht die Bildung eines tſchechoſlowakiſchen te8 haben 
verhindern können, da das deutſche Element in ihnen nicht ſtark genug war. 
Da entjteht nun die ſchwerwiegende Frage, ob die Alpenländer mit dem 
vorgelagerten Wiener Beden volle Befriedigung aller politifchen und wirt- 
ſchaftli Wünſche im Anſchluß an Deutſchland finden werden. Hugel— 
mann verneinte 1919 für dies kleinere Gebiet die Frage und forderte dazu 
Anſchluß Böhmens und der Sudetenländer an Deutihland. In einer 

lugſchrift der öſterreichiſchen national - demofratifchen Partei vom 

. Februar 1919 finde ich fie bejaht. Es werden darin ©. 5 die wirtichaft- 
lien Vorteile, die dem alpenländiichen Deutjch-Defterreich durch Anſchluß 
an das Reich erjtehen, aufgezählt. Freilich ift furz vorher eine Erklärung 
der veichsdeutichen Zeitungen vom 11. Januar angeführt, die auch die 
Deutichen Böhmens und der Sudetenländer als Mitglieder Deutjchlands 
willkommen heißt. 

Und fo jdeint es, als ob in Deutich-Oefterreich ſelbſt eine klare 
Stellung in der Frage, welche Gebiete eigentlich genauer umgrenzt den 
— in Deutſchlands Landesgrenzen wünſchen, noch nicht gefunden 
wäre. Aber fie muß gefunden werden, da fonjt jene Sträfte, die auf die 
Bildung einer Tonaufsderation abzielen, gar zu leicht die Oberhand er- 
halten dürften. Es ijt natürlich, daß in Zeiten ſchwerſten wirtichaftlichen 
Niedergangs, wie fie jegt Deutſch-Oeſterreich durchmacht, meift die finan- 
ziellen und Wirtichaftsfragen in den Vordergrund geftellt werden. Da hat 
denn die öjterreichtiche Schwerinduftrie in der Anſchlußfrage Bedenken vor 
allem in Hinblid auf die deutfche Konkurrenz, doch mit Unrecht, da jie 
durchaus leiftungsfähig ijt. Aber Deutſch-Oeſterreich ift zum größten 
Teil Aderbauland. Da ift e8 denn wichtig. daß gerade der Landiwirtichaft 
durch den Anſchluß ganz bedeutende Vorteile erwachſen dürften. Sicher 


== 


wird die fterreichifche Induſtrie auch weiterhin: den Agvarier mit 
Maſchinen verſehen, aber fie ift doch nicht iniftande, jede Einfuhr von außen 
zu erfegen. lche Vorteile winken der öfterreichifchen Landwirtichaft 
bei zollfreier Einfuhr von Majchinen und fünftlichem Dünger! 

Doch e3 ſcheint mir, als ob die frage der wirtichaftlichen Vorteile, fo 
wichtig fie augenblidlich für Deutjch-Oefterreich im engeren Sinne (Alpen- 
länder und Wiener Beden) ijt, nicht von entjcheidender Bedeutung fein 

.. Man hat wohl vor dem Weltkriege und wähvend desjelben von dem 
wealen Freundichaftsbunde viel gefprocen, der uns mit Oeſterreich ver- 
bäande, und das Wort Nibelungentreue war ung feine leere Phrafe. Aber 
wir bedachten nicht, daß Dejterreich nur zum kleinſten Teile ein deutjcher 
Staat war. Die Enttäufchung, die fich ſchon während des Krieges ein- 
ng entfprang diejer Unkenntnis oder beffer diefem Nichtiviffenivollen, 

nn der einfachen Zatfache von dem internationalen Charakter des öjter- 
reichiſchen Staates war fich jeder nur einigermaßen Gebildete bewußt. Bei 
alledem lag doch eine große {dee vor, die der völkiſchen Solidarität, infofern, 
als das deutſche Element in Defterreich-Ungarn das führende zu fein ſchien. 
Diefen Gedanken hatte Bismard in Nikolsburg durch die Tat Ausdrud 
verliehen, fie bildete die Grundlage für den Dreibund. 
an fpricht jet in der Politif jo gern von Imponderabilien, d. 5. 
unwägbaren Tatfahhen. Syn der Tat handelt es ſich da in den meijten 
Fällen um Verlegenheitsprodufte. Für den flarblidenden Staatsmann 
ibt e& im mwefentlichen nur eine Welt der Tatſachen, die in ihren wechſel— 
eitigen Beziehungen zueinander zu erkennen allerdings nicht immer leicht 
tt. Bu diefen Tatjachen gehört es auch, daß jenfeits des Sun und der 
Salza bis über die March hinaus, im Süden bis zum Brenner und im 
Welten bis zum Bodenfee veichend, ein Land lieat, das altes deutſches 
Stammland ıft, weit mehr als etwa Oſtpreußen. Schon zu Zeiten Marc 
Aurels ivar es von germanifchen Völkern erfüllt, Langobarden und Gepiden 
ey e3 bewohnt, und durch Jahrhunderte bildete diefes Gebiet den feſten 
gegen das Anftürmen der Türken. Wenn überhaupt das Wort von 
der Selbitbeitimmung einen Sinn haben foll, fo ift e8 bier der Tall. 
Deutjch-Oefterreihh im engeren Sinne gehört zum Deutfchen Reiche auf 
Grund feiner Gefchichte, auf Grund feiner deutfchen Bevölkerung. 

Sn diefem Sinne ift e8 vielleicht befjer, nicht von einem Anſchluß, 
fondern von einer Eingliederung Deutſch-Oeſterreichs zu fprechen. Und 
man darf es fagen, daß eine ſolche von der Mehrzahl der Deutich-Oefter- 
veicher gewünſcht wird. Wie aber kann fie praktifch durchgefegt werden? 
Zwei Wege bieten Ne). Einmal handelt es ſich darum, alle politifchen Er— 
eigniffe zu prüfen, ob fie gegen die Anſchlußbewegung gerichtet find. Da 
gilt es vor allem, gegen jene Pläne, die auf Gründung eines Donauftaates 
abzielen, zu kämpfen. Aber noch ſchwerer als diefer Kampf ift der gegen 
eine Regierung, die nicht aeg ift, aus wirtfchaftlihen Gründen und 
um Oeſterreich vor dem völligen finanziellen Zuſammenbruch zu retten, 
ihr Land der Entente auszuliefern. Weil die Not eine nachgevade beifpiel- 
loſe Höhe erreicht hat, deshalb find weite Set der Bevölkerung teilnahm 
108 und laffen, wenn auch mit Widerftreben, die Regierung, die ihnen Er- 
rettung aus dem Elend verfpricht, gewähren. Nur fo ift es zu verftehen, 
daß das Abkommen von Lana überhaupt möglich war, nur fo, daß Oeſter⸗ 
reich Kredite annahm und annimmt, die es an eine dem Anſchlußwillen 


— 131 — 


entgegengefeste Richtung binden. Aber es ift doch zu bemerfen, daß es fich 
ter um cine Augenblidspolitit Handelt, die nicht der wahren Meinung des 

olfes entfpricht. Und felbit die Wirtfchaftsfreife Oeſterreichs durchdringen 
fi) immer mehr mit dem Gedanken, ökonomiſch den künftigen Anſchluß an 
Deutfchland vorzubereiten. 

Wir haben feitgeftellt, daß zwei Tendenzen in Oeſterreich auf die Ein- 
gliederung in Deutichland fich geltend machen: 1. eine mehr ideelle, die Die 
Bekämpfung der Bildung einer Donaumonardhie ſich zur Aufgabe macht, 
2. eine wirtjchaftliche, die den öfonomijchen Anfchluß vorbereitet. 

Welches aber find nun die Träger diefer Tendenzen? Wir fahen, daß 

ſie nicht in der Regierung zu fuchen find. Sie konzentrieren ſich in politifchen 
und privaten Vereinigungen. Bon ganz He Bedeutung ift da die 
großdeutfche Volkspartei. Sie jtellt eine Zufammenfaffung aller national- 
politifchen Beftrebungen dar, Bon Privatvereinen, die den Anſchluß 
energiſch fordern, wäre vor allen Dingen der alldeutiche Verband zu 
nennen, ferner die „deutfche Arbeitsgemeinfchaft“ mit dem Sig in Wien, 
‚die „Große Arbeitsgemeinjchaft”, welche eine Zufammenfafjung jämtlicher 
nationaler und völfifcher Verbände Oeſterreichs darftellt, und die von dem 
deutihvöltifchen Schug- und Trugbund ins Leben gerugen wurden. Außer 
den genannten gibt es noch eine große Reihe von Organifationen, die ſich 
ebenfalls ganz und voll für den Anſchluß einjegen, wie es faum eine 
politifche Partei und faum einen völkiſchen Verein gibt, der nicht die Ein- 
gliederung in das Neich zum Ziel hätte. 

Unter dem Drud diefer nationalen Bewegungen find fchon eine Reihe 
von Gefegen zuſtande gekommen, die den Anschluß vorbereiten, fo auf dem 
Gebiete de3 Schulwefens und auf dem der Nechtfprechung. Boll auswirken 
aber wird fie fich exit dann, wenn die twirtfchaftliche Not aufhört und die 
Regierung ihre Politik ändert, der es an großen Zielen fehlt. ° 

Der Bundespräfident Dr. Michael Hainiſch, urfprünglich fozialiftifcher 

bilofoph, fcheidet politifch ganz aus. Etwas anderes ift eg mit dem 
Leiter der Negierungspolitit Dr, Schober. Die wirtfchaftlichen Sorgen 
überwiegen aber bei ihm alles, und er jtellt die Politif nur auf die Monats» 
creigniffe ein. Aehmliches ijt leider auch von dem Finanzminijter 
Dr. Gurtler, Mitglied der ——— Partei und ehemaligen Uni— 
verſitätsprofeſſor in Graz, zu ſagen. Von dieſer Seite iſt alſo augenblicklich 
nichts zu erwarten. 

Aber auch von den Parteiführern ſind nur wenige, die wirklich 
energiſch den Anſchluß erſtreben, fo ſehr er von den meiſten Partei— 
mitgliedern gewünſcht wird. Am rührigſien hat ſich bisher der Führer der 
RER Volkspartei, Präfident Dinghofer, gezeigt. 

Aber wenn auch Regierung und Parteiführer die Frage des Anfchlufjes 
an Deutfchland gar nicht oder nur teilmeife betreiben, fo darf daraus nicht 
gefchloffen twerden, daß die allgemeine Stimmung dagegen ift. 

Wir aber wollen von den öfterreichifchen Stammesbrüdern, fo weit 
” mit Harer Einficht die Eingliederung in dag Neich erjtreben, erhoffen, 

B fie die Angelegenheit nicht ruhen laffen, daß fie eine energifche Pro— 
paganda treiben, daß fie immer wieder der Regierung ihren erniten Willen 
zum Anſchluß zu erkennen geben, daß fie nicht müde werden, ihre Stimmen 
in der Preſſe, auch in der reichsdeutichen, zu erheben. Sie willen, daß fie 
herzlich bei ung willkommen find ohne jeden Hintergedanten, aber die Tat 


— 1322 — 


muß von ihnen ausgehen. Denn nur ein freiwilliges, aus tiefiter, innerjter 
Ueberzeugung berrührendes Anfchlußbedürfnis wird Glauben auch bei den 
ehemaligen Feinden finden. Was deutfch ijt, muß zufammenftommen, jo 
weit e3 geographifch zufammengehört. 


Deutſchlands Wafferftragenverkehr 
vor einer Wendung. 


Bon Franz Woas, 


Auch die Seehäfen nähme man uns gern. Und man hat fie uns auch zum 
Zeil genommen; denn der Friedensvertrag verbietet uns ermäßigte Frachtſätze 
der Eifenbahnen für fie. Was ift das aber anderes, als eine teilweiſe Weg- 
nahme? Was wunder, wenn fi Deutjchland da anders zu helfen juht! In 
der Verbeſſerung der Waſſerſtraßen liegt die erjehnte Hilfe; und es wird das - 
eine tatjächliche, feine Fünftliche Hilfe wie bei den ermäßigten Fradtjägen, da 
ſolche Ermäßigung doch nur auf Koften des allgemeinen Verkehrs möglich war; 
denn die Wafferjtraßen führen an fi), auf dem matürlichen Wege, die Er- 
mäßigung herbei. 

Freilich Tann man den Eiſenbahnweg nicht durchweg und ohne weiteres 
durch einen gleicylaufenden Waſſerweg erjegen. So einfad liegen die Dinge 
nicht. Vielmehr gibt es eine Amgeftaltung; aus geraden Linien werden unter 
Umſtänden Zickzackwege werden. Sa, noch mehr: es kann wohl jein, daß ſich 
unter dem Drud der neuen Verhältniffe anfehnliche Verihiebungen im Verkehr 
einjtellen; ganze große Induſtriegebiete fünnen in der bisherigen Gunst der 
Lege bedroht iverten; vielleicht muß der geſamte Verkehr Deutihlands mit feinen 
Nachbarländern und dent weiteren Auslande eine völlig andere Richtung 
annehmen. 

Daß ſich bei mehreren der neuen Stanäle immer alles um die Donau 
dıeht, gibt zu denken. Sollte eine Schwenfung des Verkehrs im Wege fein? 
Ein Berlaffen ver alten Richtung nad) den europäiſchen Nordhäfen zugunften 
des Donauweges, der ja noch viel älter iſt? 

In Bremen, Hamburg, Lübeck jcheint das niemand Weiter zu fürchten; 
denn von dort aus unterjtügt man die neuen Stanalpläne auch foweit, als fie 
an die Donau anknüpfen. Mit Fug und Recht! Denn ichließlich, bedeutet das 
für alle dieſe Häfen wicht eine großartige Erweiterung ihres Sinterlandes? Bis 
an den Fuß der Alpen wird es damit ausgedehnt. Und wenn zugleich) aud — 
dank der Donau — für Deutihlaw ein neues Seetor am Schwarzen 
Meere aufgeftopen werden jollte, was tut’3? Um jo fraftvoller wird fich dann 
im deutichen Binnenlande der Verkehr entivideln, um dann, je nad Wahl, 
nordwärts oder ſüdwärts zu neben. 

Eine ımmittelbare Gefabr drobt alſo den großen Leutichen Scehäfen von 
der Donau ber gewiß nicht. Immerhin iſt es für fie von Bedeutung, in 
welher Art das neue Kanalnetz, das in der Entwidlung begriffen it, zur 
Durchführung kommt; und mit den deutichen Seehäten iſt auch ganz Deutich- 
lands aufs ſtärkſte an diefer Frage beteiligt; denn fein ganzes Wohl und Webe 
hängt davon ab, daß die Häfen jo raſch wie nur möglich zum mindeften auf den 
alten Stand kommen. Den Lurus, den ſich Deutſchland früher erlaubt bat, 


— 133 — 


einen [jremden Hafen, wie Rotterdam, auf Kojten der eigenen Häfen 
noch bejonders zu fürdern, darf es fich heute unter feinen Untftänden mehr 
erlauben. Am Rhein können wir nichts ändern; er mündet einnal im Fremd— 
lande; wir werden ihn notwendigerweiſe auch an fich, als mächtigfte deutjche 
Wafjeroder. nad jeder Möglichkeit Hin weiter ausbauen, verbeffern müſſen; 
dien: er uns doch ichon allein innerhalb unferer eigenen Grenz- 
pfähle als unentbehrlihe Wafferftraße.*) Ob man aber gerade ihm allein 
zuliebe fo gewaltige neue Stanallinien ausbauen joll, wie man fie vorhat, dürfte 
doch noch jehr zu überlegen jein. 

DWenigitens da 3 ijt jehr zu überlegen: joll man es tun unter Vernaächläſſi— 
gung der anderen deutihen Ströme? 

Nun jheint die Ueberlegung freilich auf alle Fälle zu ſpät zu kommen; 
denn tatjächlich befinden fich die beiden Stanäle, die nach dem Rhein hinftreben, 
bereits in Ausführung, nämlih der Ahein-Nedar- und der Rhein— 
Main-Donau-Kanal; aber noch it nicht aller Tage Abend, und den 
ungebeuerlih großen Werken gegenüber, die man ſich vorgenommen bat, be- 
deutet der wirfliche Anfang verſchwindend wenig; wird doch auch bei beiden auf 
eine Bauzeit von 10 bis 20 Jahren gerechnet! Es find beide geldlich gefichert, 
der Rhein-Nedar-Kanal wenigitens bis Plochingen, der amdere in 'einer ganzen 
Ausdehnung; und das tft gut jo; denn tritt in der vor uns liegenden Zeit nun 
doch eine Aenderung in der Anſchauung darüber ein, was für Waſſenſtraßen 
Deutichland in erſter Linie braucht, jo kann uns nicht? daran hindern, zunädjit 
die nötigeren und nüßlicheren auszuführen umd der Ausführung der amderen 
eine langjamere Gangart zu geben. 

Nötig und nütziich ſind nämlich von dem dichten Kanalnetz, dag man für 
Deutihland plant, jo gut wie alle; wirklich jtreiten läßt fih nur dar— 
über: in welder Reihenfolge jollen die einzelnen neuen Maſchen dieſes Netzes 
geknüpft werden? 

Abgeſehen von der Geldfrage — die bei allen Stanallinien annähernd gleich 
liegen dürfte — fonımt e3 higrbei dor allem darauf an, in weldyem Grade ter 
betreffende Kanal der Wiederaufrichtung der deutichen Wirtichaft. dienen kann? 
— Gar nit zweifelhaft fonnte man in dieier Beziehung bei der Verlängerung 
des Mittellandfanals über Hannover oſtwärts hinaus fein; denn er füllt geradezu 
eine Lücke aus, die — für uns ſchmerzhaft genug während des Krieges emp- 
funden — zwiſchen dem öftlichen und wejtlichen Kanalnetze bisher beftand. 
Ferner können befondere Zweifel auch darüber nicht beftehen, daß es einer 
zweiten Weit-Tft-Verbindung der beiden Hälften Deutichlands bedarf, die weiter 
nördlich als der Mittellandlanal liegen muß. Der Niederrhein muß — ſei es 
nun wie e8 wolle — in eine unmittelbarere Terbindung mit den großen Nord- 
bäfen Deutſchlands gebracht werden. Die Umwege, die heute noch gemacht 
erden, müffen fertfallen; zugleich befommt dann der Ahern eine Ausmündung 
ins Meer, die erfprießlicher für Deutſchland tft, als die bisherige natürliche 
bei Rotterdam. Bon der lange geplanten „deutſchen Rheinmündung“ wind 
wohl auf immer abzufehen jein. — 

Mit alledem ift aber dem Deutichen Reiche noch immer nicht io Fräftig 
geholfen, wie e3 notwendig ift; denn dieie beiden Pläne laſſen ein großes Stüd 
des Reiches unberührt, ebenjo wie dies ja bei den beiden Rheinkanälen der 
Fall if. Ganz Mitteldeutichland, das Herz 35 Reiches, Thüringen, Heffen 


*) Die Hälfte des Rheinverkehrs verläßt Trutjchland gar nicht. 


— —— 


haben von dieſen Plänen nichts; mit Weſtfäliſch-Minden hört für dieſe Gebiete 
die Großſchiffahrt auf; und doch iſt gerade die Weſer der einzige deutſche 
Strom, der unberührt geblieben iſt von der Hand der Fremden. Ueber ihn 
gebieten wir noch von der Quelle an bis zur Mündung. Ihn alſo ſollten und 
müffen wir ausbauen ww verlängern nad rückwärts fo weit es nur irgend 
geht — bis an die Donau, die vielgeiuchte, die tielwerjpvehende! — bis an 
den Fuß der deutichen Hochgebirge, um aud das Letzte und Allerlegte aus 
deutihem Boden herauszuholen. Der Weg geht über Meiningen, Koburg, 
Bamberg und Nürnberg. Bamberg-Nürnberg aber ift ja bereits gefichert durch 
das Borhaben des Rhein-Main-Tnnau-fanald. Man fördere diejen, baue aber 
zunächſt und vor allen Dingen das Teilftüd von Bamberg bis zur Donau umd 
fürdeve zugleich den Plan des Wejer-Main-stanals. Wie die Dinge heut liegen, 
ftedt in der großen Wafferftraße von Bremen aus an die Donau geradezu die 
Rettung Trutichlands aus feiner Verfehrsnot. 


Deutichbaltiihe Mannes- und Gelehrtenkämpfe 
Don Hellmuth Magaevly von Calvy. 


Wir finden fie geſchildert in den „Zebenserinnerungen“ von Leo» 
pold v. Schroeder (herausgegeben von Felix d. Schroeder, 9. Haeſſel, 
Leipzig 1921). — Se aufreibender die Gegenwart, um jo erfrijchender die Er- 
innerung an die goldene Vergangenheit. Der 2. September 1917: Auf Rigas 
Türmen jchivarzweißrote Fahnen! Gedantag — und Riga befreit durchs 
deutiche Schwert! Und im deutihen Vaterland nur auf wenigen Häujern 
Fahnen? Sa — leider: es fehlte jehr an Verſtändnis deffen, was Niga, die 
Hauptitadt Livlands, was „Altlivland” — das gejamte Baltenland — Lirland 
mit Kurland und Eitland zufammen — bedeutets Deutfhlands älteſte 
Kolonie! Was iſt fie geweſen — was ift aus ihr geworden? Das kann man 
am Mannesleben Leopold von Schromers lemen. — „Was ift des Deutjchen 
Baterland? Soweit die deutjche Zunge klingt.“ Man kann getroft jedem 
Volke fein Gutes gönnen, aber man muß wiſſen, was eigenes Volfstum und 
Vaterland bedeuten. — „Wir Balten haben fein Vaterland.” Dieſe Klage 
hat mandem ferndeutichen Livländer jchier das Herz zerriffen — und doch 
haben fie feitgehalten anı nationalen Glauben und Hoffen: „Das ganze Deutich- 
land joll es sein — ſoweit die deutiche Zunge Klingt” — ja, daß deutiche Art 
wieder frei leben darf! Sol einer war L. v. Schroeder. Sein äußerer 
“ Xebenslauf ift bald erzählt. Sohn der finderreichen Familie des prächtigen 
Gymnaſialdirektors Julius v. Schroeder in Dorpat, der alten deutſch-livländiſchen 
Univerſitäts- und Schulftadtt am Embadjitrande; aufgewachien auf dem geiltig 
wie materiell reihen Boden Altlivlands; dichteriſch veranlagt, wiſſenſchaftlich 
bochjtrebend im Kreiſe leichgefinnter — Harnad, Dettingen, Strümpell, 
Schrend, Seidlik, Bunge, Braſch, Bradfe, Stael-Holjtein, Heyking —, dieje 
durch Abftammung und Leiftung befannten Namen genügen zur Kennzeichnung 
des Kreiſes, der ſich damals im jtudentiichen Korps „Livonia”, einer „Lande- 
mannſchaft“ im althiftoriichen, Sinn, zu'ammenſchloß. E3 war die für das 
Deutichtum verheißungsvolle Zeit nad; 1870. Bald darauf brad die ruſſiſche 
Reaktion herein. Der Neid ift nicht bloß eine deutſche Eigenichaft. Deutſch- 


— 135 — 


lands Hochflug machte Rußland eiferfüchtig, neidiſch, mißtrauiih. Die Ruffen- 
fnute begann das deutſche Kulturblühen an der Oſtſee niederzupeitihen. 2. 
v. Schroeder hatte fein vollgemeffenes Teil dabei zu leiden. Kaum Dozent 
geworden — fr Indologie — mußte er es erfahren, was es foftet, aufrecht 
deutjch zu fein. Er machte nicht „Karriere“, wurde nicht befördert, weil er 
nicht von dem altverbrieften Rechte weichen wollte, jeine Vorträge in deuticher 
Sprache zu halten. „Leider hat ſich damals in Dorpat mancher reichsdeutiche 
Brofeffor gebeugt! Schroeder hielt ftand. Man verlangte, er jolle bloß feine 
MWilligleit erklären, in ruſſiſcher Sprache zu leſen, iobald er dazu imftande 
jein würde, und zunädjt eine VBorbereitungsfrift verlangen. Dann, nad) deren 
Ablauf, folle er um Frijtverlängerung bitten, und fo fortfahren, bis er die 
vorteilhaftefte Penfionierung erreicht hätte. Aber er blieb feſt, geftügt von 
jeiner bochgefinnten Frau. Und jo mußte er, verabichiedet, als mittellojer 
Dozent einer dunfeln Zukunft entgegenjehen. Ta fam Hilfe dur einen Ruf 
an die Innsbrucker Univerfität, deren Lehrjtuhl er bald mit dem bedeuterweren 
in Wien vertaufchen konnte. In Wien hat Schroeder feine Lebensarbeit zur 
Höhe und zum Biel führen fünnen. Er erlag im Jahre 1920 einem Herzleiden. 
Wie für alle Deutihbalten war ihm Deutſchlands Zuſammenbruch die furdt- 
barfte Enttäufchung: 1917 — gerettet durchs deutiche Schwert — 1918 aus— 
geliefert dem Berderben — das Deutichtum in Livland ein Auswurf und Kehricht 
für alle Welt! — So Hänge diejes echtdeutſche Mannesieben nur elend und 
traurig aus? So böten diefe Gelehrtenerinnerungen nur einen mißen, etwa 
für wiſſenſchaftlich-ſchöngeiſtig interefjierte Leſer befriedigenden, font aber 
tragiich bitteren Genuß? Mitnichten! Ein ferngefundes, an wuchtigem Ernſt 
und quellfriihem Humor reiches Leben lernen wir bier fennen — ehrlich ein- 
geftandenes Mißlingen — jauer errungenes Gelingen — in allem aber ge- 
ſchloſſene Mannhaftigkeit, harakterhafte Harmonie in allen Stürmen. Wie muß 
der fleine 10jährige Dichterling, genedt von den größeren Geſchwiſtern, gefördert 
vom edlen Vater, fih mühſam durchfechten — der Heine Schalt, der jeine 
Jungensverſe dreift und doch ahnungsvoll bejcheiden als „Leſſingſches“ Gedicht 
dem ſchmunzelnden Lehrer vorträgt. Vom Bater erbt er den heiligen Zorn 
gegen alles Gemeine, Begeifterung für alles Edle; von der Mutter die liebens— 
würdige behaglich leichte Erzählergabe. Ob er als Führer unter den Kom— 
militonen glänzt, ob er nad) hartem Ringen unter den Leuchten der Wiſſenſchaft 
feinen Plaß findet, er bleibt immer fich gleich, der beicheidene, nicht ohne Selbit- 
tronie und doch mit Selbjtgefühl ftrebende echtdeutſche Mann, der den Menichen 
und der Welt ins Herz ſchaut und fie darum auch verfteht. Wer dieſe „Lebens- 
erinnerungen“ zur Hand nimmt, der hört einen Erzähler von Gottes Gnaden. 
Alles ift echt, ungejchmintt, naturwahr! Und dabei eine Mannigfaltigfeit, wie 
fie meift von „Stubengelehrten“ nicht erivartet wird. Aber ton jeher iſt es 
ein Kennzeichen der deutſchbaltiſchen Gelehrten geweſen, daß fie nie bloß „Ge— 
Iehrte”, jondern immer Männer des Lebens fein wollten, fein mußten! Ob 
Schroeder von Heimat und Elternhaus erzählt, ob von erniten wiffenichaftlichen 
Entdedungen oder humorvoll von abenteuerreichen Reiſen, ob von bdeutjch- 
völftichen Kämpfen, in Dorpat gegen die Auffifizierung, in Wien gegen un— 
deutiche Gefinnungslofigfeit, ob er uns ein berbeichlichtes Mädchen aus nieder- 
öfterreichiichem Volt oder andere Kerngeftalten fo zeichnet, daß wir fie vor ums 
fehen, ob er uns in tiefverborgene Herzensfämpfe um Glauben und Erfennen 
(„das Rufen Gottes”) hineinbliden läßt, — überall tut er uns wohl. Man 
muß ıbn als Geiftesverwandten des befannten Verfaflers der „Jugenderinne— 


— 136 — 


rungen eines alten Mannes” — W. v. Huegelgen — erfennen. Aber man 
findet hier noch etwas, was unjerer Zeit bejonders nottut: ein auch unter dem 
bärtejten Schmachdruck nicht totzufriegendes völfifches Hoffen, gegründet auf 
wahrhaft fromme Ehrfurcht vor einer ewigen Gerechtigkeit. Feder Grenzboten- 
leſer wird nadyfühlen, was die beiden folgenden, Ioje aneinandergereihten Proben 
aus Schroeder „Lebenserinnerungen“ jagen wollen. 

Seite 121: „Eine Heine Epijode aus Berliner Tagen (um 1890)... Ich 
hatte bei einem Abendeffen im Hauie Johannes Schmidts (bedannter Sprad)- 
forjcher) einen Pla neben dem damaligen Dekan der philojophiihen Fakultät, 
dem Zoolegen Eilhart Schulze erhalten, uns gegenüber ſaß Adolf Wagner (der 
Nationalötonom, früher in Dorpat). Als ih Schulze auf jeine Frage nad) 
meiner Herkunft gejagt hatte, daß ich Livländer jei, benterfte er: „Sie find alſo 
Ruſſe!“ Ehe ich ihm aber auf diefe jedem Livländer verhaßte und zudem ganz 
terfehrte Dualififation die entjprechende Antwort geben fonnte, fuhr jchon 
Adolf Wagner auf ihn los: „Was jagen Sie da? Der Herr joll ein Ruffe iein? 
Ich kann Ihnen nur jagen, er tft ein viel beffever Deutjcher als Siel“ Und nun 
iprad) er in flammender Begeifterung über die Balten, die Livländer und ihre 
opfervolle, hartnädige Verteidigung und Bewahrung des angejtammten deut- 
ihen Wejens. Er jprad) jo, daß der ganze Tii ihm zuhören mußte, und redete 
noch immer weiter, als wir uns jchon von der Tafel erhoben hatten. Bei diejer 
Gelegenheit jagte Wolf Wagner ein Wort, das ſich mir unverlöſchlich ein- 
geprägt bat: „Ich habe in meinem Leben zweimal Augenblide erlebt, in denen 
ich deutlich die Empfindung batte, daß es mir vergönnt war, in die Zukunft 
hinauszuſchauen. Das erſte Mal war es, als ich in jungen Jahren vor dem 
Straßburger Müniter jtand. Da fagte ih mir: Das wird noch einmal wieder 
deutih! Das zweite Mal ſtand ich al3 junger Profeſſor vor der Domruine in 
Dorpat. Und aud da ſagte ih mir: Das wird noch einmal wieder deutich! 
Tue erfte habe ich erlebt, — das zweite hoffe ich noch zu erleben!“ 

Adolf Wagner hat in die Zukunft geishen — freilid — jo jcheint es 
gegenwärtig — auch nur begrenzt: Straßburg und Dorpat nicht mehr deutſch?? 
Was ift des Deutjchen Vaterland? Soweit die deutihe Zunge klingt! Auch 
oben „Alldeut'her” zu jein, muß man die innerjten Bedingungen und Belange 
unſeres völfiihen Daſeins jo mit dem Herzen erfalfen, wie es Schroeder in 
einigen Strophen feines Feſtſpiels zum Töjährigen Jubelfeſte jeiner geliebten 
„Livonia“ (1897) getan bat, dann wird man fühlen und erahnen, wie allein 
e3 kommen joll und mag, daß deutiche Art nicht totzufriegen ift: 

„. . . Das Haus, an deffen Tor die neue Welt 
umfehren muß, trotz Schmeicheln, Drohn und Bitten; 
das Haus, wo man getreu in Ehren hält 

die Männer, die für unfer Land gelitten 

Das Haus, wo aus des Glaubens Zuverficht 

die Hoffnung täglich wieder wird geboren, 

dies Haus erliegt dem wilden Sturme nicht, 

dies Haus geht num und nimmermehr verloren!“ 

Die Wiedergeburt des deut'hen Haufes als der Brunnenftube der deutichen 
Zukunft, des Volfes, des VButerlandes — das ift der hoffnungshelle Ausblid, 
mit dem wir von diejem edlen Mannesleben Abichied nehmen, wie von einem 
echten, treuen Freunde, 


— 137 — 
Weltipiegel. 
17. Mai. 


Der san der Konferenz und die allgemeine Lage. In Genua will 
man vor allem zu Ende fommen, da man eine \efentlichex jachliche 
Forderung wichtiger ragen nicht mehr erwartet und die Notwendigkeit 
fühlt, allem, was ſonſt noch erledigt werden fann, eine neue Form zu 
geben. Lloyd George glaubte anfcheinend noch bis zulegt, von Barthou 
eine gewiſſe äußerliche Nachgiebigfeit erivarten zu konnen, da diejer als 
unmittelbarer Zeuge der unter den verfammelten Delegierten, herrjchen- 
den Stimmungen jich ſehr viel zugänglicher zeigte als fein über 
Wolfen der Unnahbarfeit thronender Vorgeſetzter in Paris. Poin- 
care aber durchkreuzte mit feiner — allewings aus Nüdfichten 
der Selberhaltung geübten — SHartnädigteit alle Erwartungen 
auf einen Sieg der Bernunft. So entſchloß ſich der enaliiche 
Premierminister um jo lieber, eine geeignete Form für den 
Schluß zu finden, als er glaubte, daß in England jelbit eine Gefahr für 
jeine Stellung nicht mehr bejtehe. Nach feiner Auffaffung hatte er für 
die Ideen, auf die es ihm ankam, — Herftellung einer wirtichaftlichen Ver— 
ftändigung zwiſchen den Nationen, Ablehnung der imperialiſtiſchen Pläne 
Frankreichs, allgemeiner Burgfrieden als Einleitung einer allgemeinen 
Abrüftung, — eine genügende Mehrheit hinter fich, die nunmehr nur 
abbrödeln konnte, wenn er die Dinge zu einem fürmlichen Bruch mit 
Frankreich trieb. Denn der Durchichnittsengländer, der man on the street, 
in feiner wachfenden Verſtimmung gegen Frankreich als den Vater aller 
Hinderniffe wünfchte wohl die Bejeitigung der Hemmungen, die den 
engliſchen Intereſſen durch den offenbaren wirtichaftlihen Ruin ganz 
Europas bereitet wurden, aber feine Handlungen, die als „prodeutich” 
deutet werden konnten. Als Poincaré durch ſchroffe Gegenweiſungen 
De fcheinbar weich werdenden Barthou aufs neue Die Hände gebunden 
batte, zögerte Lloyd George nicht, wieder eine feiner befannten nkun⸗ 
gen nach der fvanzöſiſchen Seite hin zu machen und die franzöſiſchen Haupt— 
rderungen anzunehmen. Poincaré war alſo, wie es ſchien, der Sieger. 
So fah es aus! Aber während die franzöfiiche Eitelfeit fich des Er- 
folges ihrer Feitigfeit und des Verharrens auf ihrem Nechtsftandpunft 
rühmte, konnten jchärfere Beurteiler ſchwerlich unbeachtet laſſen, dag 
England auf feinen mwefentlichen Punkt feiner Pläne verzichtet hatte; die 
neue Umarmung der Ententebrüder verhüllte nur fchlecht die Tatſache, 
daß eine größere Zahl führender englijcher Blätter nach wie vor ganz offen 
von dem tatjädhlihen Ende der ÜEntente redete, falls Frankreich 
auf dem von Poincare gemwiejenen Wege bliebe. Frankreich und 
England vereinigten ſich indefjen in dem Vorſchlag im Haag 
nad) einer Baufe von wenigen Wochen, in denen Scachverjtändigen- 
fommifjionen beraten, über die ruſſiſche Frage weiter zu 
verhandeln. Dabei bat Lloyd George es verjtanden, als Bedingung 
und Drum und Dran feiner eigenen Zugeſtändniſſe die dee des 
„proviſoriſchen Burgfriedens“ einzujchmuggeln, die ihm 
die Feſthaltung und Fortführung feiner Pläne zur Beruhigung Europas 
geſtattet. Frankreich jieht fich in Wahrheit auch jonjt noch vor denielben 
Hinderniffen feiner Politik, die jeine ftarfe Gegnerjchaft gegen die Genua 


fonferenz verurjacht haben. Auch England hatte alfo ein Recht, ſich Frant- 
reich gegenüber als Sieger zu fühlen, und Lloyd George mußte das natür- 
lich jeher wohl. Es erjchten ihm der piychologifche Moment, den erjten Teil 
der von einem zwingenden und — Gedanken herbeigeführten Aeva 
der Konferenzen abzuſchließen, indem die Konferenz Genua verläßt und 
nad) furzer Unterbrechung auf einer jcheinbar neuen Grundlage weiterbaut. 
Freilich geht eine unter den Politikern ſehr ftarf vertretene Richtung 
dahin, die jtille Wirkung diefes treibenden Gedankens, der immer ent- 
fchiedener auf eine Wiederholung und Fortiegung internationaler Wirt- 
ſchaftskonferenzen führen muß, ziemlich gering Hiskande Man weijt 
darauf hin, dat England vor der militäriichen Ueberlegenheit Frankreichs 
im enticheidenden Augenblid immer wieder zurückweichen werde, wie Lloyd 
George e3 ja auch jegt wieder getan habe. Das iſt auch keineswegs un- 
richtig. Aber auch der militärisch mächtigſte und leijtungsfähigite Staat 
darf ſch nicht ohne ſchwere Gefahr iſolieren laſſen, es ſei denn, daß er 
wirtſchaftlich entſprechend ſtark daſteht und die moraliſche ls 
durch das — — Rechtsgefühl anderer genießt. In dieſer Be— 
gehung ift jedoh Frankreichs Stellung bei aller —— Ueberlegenheit an 
ruppenzahl und Kriegsmaterial in bezug auf wirtſchaftliche Kraft und 
Bundesgenoffen nicht mehr jo jtark wie früher. Auch Staaten, die früher 
die allgemeine Lage gern unter dem Gejichtspunft beurteilten, daß fie 
zwifchen Frankreich und Deutichland zu wählen hätten, und fich dann 
für eriteres erflärten, haben jeßt ertannt, daß die Frage ganz anders zu 
itellen ijt. Sie haben ſich in Wahrheit zu entjcheiden, ob fie fich in der 
politifchen Oefolgihaft Frankreichs —— zugrunde, richten laſſen 
oder ob ſie ohne Rückſicht auf politiſche Leidenſchaften durch Benutzung der 
natürlichen und gegebenen Verbindungen mit ihren Nachbarländern ihre 
Exiſtenz retten ſollen. 

Deshalb iſt ſogar in der jogenannten „Kleinen Entente“ die 
Stimmung jchwanfend und geteilt geworden, vielleicht mit Ausnahme von 
Polen, das infolge der befonderen Charaftereigentümtlichkeit des polniſchen 
Volkes noch jo jehr fanatifiert ift und unter Bert Bann der franzöfiichen 
Suggejtion gehalten wivd, daß die vernünftigen Leute im Lande, deren Zahl 
größer ist, al3 man ahnt, nicht wagen dürfen, fich zu rühren oder gar ihre 
Stimme hören zu laffen. Die zwiſchen Deutfchland und Rußland Liegenden 
neuentjtandenen Staaten, die fich in der „Stleinen Entente“ zu einer 
politifchen Sntereifengemeinfchaft verbunden haben, — e3 gehören ja dazu 
die ehemals ruſſiſchen „Randjtaaten“, ſowie ein Teil der „Nachfolgeſtaaten“ 
der ehemaligen habsburgiichen Monarchie — hatten fich aus mejentlich 
politifchen Gründen der Führung Sranfreichs anvertraut, weil dieje ihnen 
die Möglichfeit gab, in einem Gegenjag gegen das gefürchtete und gehaßte 
Deutihland zu — wozu das Vorurteil und die kindiſche Leiden— 
[Belt dieſer — unreifen Nationen drängt. Ihr en iit, daß 

te Joliden Grundlagen jeder gefunden Politik, nämlich die durch die Natur 
und geographiiche Lage des Landes gegebenen wirtſchaftlichen Richtlinien, 
fie von vechtswegen in das entgegengejeßte politifche Lager, nämlich an die 
Seite Deutjchlands führen müßten. Sie fperren fich gegen ihr eigenes Heil 
und verfolgen aus Gefühlsrüdfichten eine Politik, die fie wirtjchaftlich 
ruinieren muß. Denn Frankreich benugt zwar diefe Staaten als Werkzeuge 
jeiner Rache- und Gewaltpolitit und jtellt ihnen in Geitalt von milita- 


— 139 — 


riſchen Unterjtügungen (Inſtruktionsoffizieren, Kriegsmitteln) Hilfen zur 
Berfügung, die ihm ſelbſt Vorteil bringen und fein Vreftige erhöhen, denkt 
aber gar nicht daran, jie wirtjchaftlich zu fürdern. Die Einficht in diefe 
wahre Lage jcheint aber bei den fortgejchritteneren Staaten diejer Kategorie 
allmählich jo weit Raum zu gewinnen, daß auch die verantwortlichen 
Staatsleiter nicht miehr ganz darüber hinwegfonmen fünnen. So iit e8 
wenigjtens in der Eloerhoflomatei jo auch im Rumänien, wo jelbjt hart- 
gejottene Ententepolititer wie Beneſch und Bratianu fich angefichts der 
franzöſiſchen Politik in ſchwere Sorgen verwickelt jehen, wie jie noch ferner- 
bin ihre Ententehörigkeit mit den dringenden Bedürfniffen ihrer Länder 
in Einklang bringen können. 

Der Borjhlag, im Juni im Haag weiter zu tagen, hat 
nun bisher ein eigenes Schickſal gehabt. Die Bedingungen, die dabei den 
Nuffen mitgeteilt wurden, hatten zunächſt die Wirkung, ihren Proteft 
hervorzurufen, der fich freilich nicht umüberiwindlich gezeigt hat. Der weitere 
Vorſchlag, Deutichland nicht —— zu laſſen, — ziemlich töricht be— 
gründet durch den durchſichtigen Vorwand, Deutſchland habe ſich ja ſeit 
dem Vertrag von Rapallo ſelbſt an der ruſſiſchen Frage für desintereſſiert 
erklärt, — iſt auch anders beurteilt worden, als ſeine Urheber berechnet 
hatten. Endlich das Schlimmſte: — man hoffte alles von der dies— 
maligen Beteiligung Ameritas, und Amerifa hat abgelehnt! 
Nun haben zwar ſowohl Lloyd George ald Poincaré erklärt, die dom 
Staatsfetvetär Hughes gegebenen Erklärungen jeien noch nicht das legte 
Wort, und auch Frankreich beabfichtige nicht, diefe Ablehnung Amerikas 
als Grund anzujehen, um auch jeinerfeitS der Haager Konferenz fern zu 
bleiben. Und doch ijt nicht zu leugnen, daß ſich in der allgemeinen Lage 
plöglih wieder neue Schwierigkeiten und Verwicklungen gehäuft haben, 
über deren mutmaßlichen Verlauf zu jprechen, hier nicht unfere Aufgabe tft. 

Es fommt nun noch eine Ueberraſchung Hinzu, deren Tragweite noch 
weniger zu überfchauen ift. Die Regierung un Georges hat im Par— 
lamenteine Niederlage erlitten! Allerdings in einer inner- 
politiichen Frage vom recht untergeordneter Bedeutung, aber doch eine 
Niederlage in einem verhängnisvollen Augenblid. Und fie legt gewifie 
Schwächen in der Stellung des Premierminijters bloß, die natürlich auch 
in wichtigeren Fragen gegen ihn ausgebeutet werden fonnen. Wie und m 
welcher Sichtung, ob zu unjerem Nuten oder Schaden, das iſt heute noch 
nicht zu beantworten. Nur erwähnt F diesmal noch, daß unſer Reichs— 
finanzminiſter Hermes in Paris die Beſprechungen mit der Reparations— 
kommiſſion begonnen hat; auch ihr Ergebnis liegt ſelbſtverſtändlich noch 
völlig im Dunkel. W. v. Maſſow. 


Bücherſchau. 
Pſychologie. 

Dr. Ludwig Klages Vom Weſen des Bewußtieins Aus einer 
lebeyswiſſenſchaftlichen Vorleſung. Leipzig, Johann Ambrofius Barth 
(1921), broj. 2 M., geb. 6 M. 

Der erfenntnistheoretiiche Verſuch wirkt befremdlich dort, wo ſyſtematiſch— 
logiſche Denfweije und fachphiloſophiſche Schulung Vorausjegung für ein frucht- 


— 140 — 


bares Eingreifen in die wiſſenſchaftliche Diskuſſion if. Er wirft anregend, 

freilich nur aphoriftiich anregend, wo die empirische Lebenserfahrung eines be- 

deutenden Dilettanten den Ausſchlag gibt. 

Johannes Lindworsiy, Experimentelle Piyhologie. Münden 1921, 
Joſ. Köfel u. Friedrich Puftet Komm.-Gei. 

Der gelehrte Jeſuit, durch eigene Forihungen namentlich über den Willen 
befannt, reiht die Darftellung der Pſychologie in vielfach jelbftändigem, zum Teil 
aber auch von feinem Irdensbruder Fröbes abhängigem Gang ftets tunlichit 
an den experimentellen Ergebniffen auf. Wer zwiſchen den Zeilen zu lejen ver— 
fteht, fieht auch hier, daß die experimentelle Pſychologie ſich vielfach totgelaufen 
bat und die verpönte ſpekulative Richtung wieder ſtets wachſende Bedeutung 
geiwinnt ; 
Hans Marquardt, Der Mehanismuß der Seele Neumünfter in 

Holftein 1921, Theodor Dittmann Verlag. Geh. 24 M., geb. 30 M. 

Von anderen Unzulänglichkeiten abgejehen, icheitert der Verfafler an den 
zahlreichen Widerſprüchen und Gedankenſprüngen, die ihm jeine materiafiftiiche 
Grundrorausſetzung aufnötigt. Kommt dem Buch aud im übrigen feine ſelb— 
ftändige Bedeutung zu, fo zeigt es doch mit jeltener Deutlichfeit die Sadgafle, 
in die fich jedes materialiftiiche Denken verfängt. 

G. Heymans, Ueber die Anwendbarfeitdes Energiebegriffes 
inder Pſychologie. Leipzig, Ambrojius Barth, 1921, 8 M. 

Der Verjaffer glaubt zwar zu jeiner Theorie auf reinem Erfahrungsiwvege 
gefommen zu Sein; troßdem würde die ganze Frageftellung ohne jeine Grund— 
borausjegung, den pſychophyſiſchen Monismus oder die Identität von Bewußt— 
fein und Materie nicht entjtanden fein fünnen. Bon bier aus fommt der 
Groninger Philojoph zu einer höchſt eigenartigen Seelenphyfit, der nur wenige 
werden folgen wollen. Die pſychiſche Energie und ihre Erhaltung erinnert in 
dieſer Theorie an die jtärkften pſeudophyſiſchen Kunſtſtücke der alten Affoziations- 
pivchologie, und was den zweiten Hauptiag der Entropie betrifft, io fehlt den 
Heymansſchen Spekulationen jhon die Grundlage eines mit der modernen 
Phyſik (Pland nad) Boltenau) übereinjtimmenden Verjtändniffes dieſes 
ihiwierigen Satzes; er wiw in der längjt überwundenen Verzerrung der 
energetiihen Schule aufgefaßt; jeine Ueberjegung ins Piychiiche erjcheint 
vollends als wunderlich verjpunnene Träumerei. 

Dr. Willy Müller-Reif, Zur Pſychologie der myſtiſchen Perſön— 
lichkeit. Mit beionderer Berüdfihtigung Gertruds der Großen von 
Heljta. Berlin 1921, Ferd. Dümmler. Geh. 12,50 M. 

Diejes Inapp gejchriebene Büchlein füllt eine Liüde aus, indem es im An— 
ihluß an die Jamesſche NReligionspiychologie den Vorgang der Belehrung und 
und ten Zuftand des Bekehrtſeins pſychologiſch analyſiert. Als Hauptbeijpiel 
für eine des myſtiſchen Glücksgefühls teilhaftige Perjönlichkeit, die wichtige 
Selbitzeugnifje binterlaffen bat, dient ihm eine deutihe Zeitgenoſſin Dantes. 
Wenn die Verbindung diejes Beilpiels mit dem Hauptgegenſtand der Schrift 
nicht ganz befriedigend ift, kann die "religionspigchologiiche Beobachtungsweiſe 
Müller-Reifs ohne Einjchränfung gelobt werden. 

Dr. med, A. Müller, Bismard, Niegihe, Scheffel, Mörife Der 
Einfluß nervöjer Zuftände auf ihr Yeben und Schaffen. Bier Krankheits— 
geihihten. Bonn, A. Marcus u. E. Webers Verlag (Dr. jur. Aldert Ahn). 
Kart. 19 M. 


ar — 141 — 


In der Zuſammenſtellung io verjchiedener Krankheitsbilder von Perſönlich— 
feiten alflgemeinbefannten Profils und bemunderungstvürdigen Leiftungen Iiegt 
eın hoher Reiz vom medizinfihen wie gefhichtlihen Standpunkt. Es befremdet 
auf den erſten Blid, Bismard in der Reihe diefer großen Neurafthenifer zu 
finden. Folgende Sätze des Verfaſſers geben die Erflärung und find für das 
Verſtändnis Bigmards wejentlih: Bismarcks Neurajthenie erinnert in ihrer 
Schwere und Art lebhaft an die Neurajthenie Nieiches, doch liegt ihr nicht, wie 
bei diefem und bei Scheffel, ein aus einer Disharmonie der geiftigen Anlage 
ſtammender Konflift zugrunde. Mit einer ſolchen Disharmonie behaftet, wäre 
Bismard überhaupt unmöglich gewefen, weil er die ganze Größe feiner dämo— 
nifchen Willensfraft zum Kampfe gegen die ungeheuren Widerftände umd immer 
neuen Schwierigkeiten nötig hatte, die ſich jeimer übermenfchlichen Aufgabe 
entgegentürnten. Und doch wurde feine Neurafthenie nicht eigentlich durch 
diefe Ueberanjtrengung, fondern, wie er ielbſt hervorhebt, durch ftändige Seelen- 
kämpfe verurfacht. Diefe entitammten indeffen feiner inneren Unausgeglichen- 
beit, ſondern jeiner großen Gewiſſenhaftigkeit, die „jeine Ehre mit der des 
Staates volljtändig identifizierte“. Bismarcks Neurafthenie ift alfo das Schul- 
bild der reinen „Erfchöpfungs-Neuvafthenie” ohne — wenigſtens ſeeliſch — konſti— 
tutionelles Moment. Allerdings beftand auch für fie im Körperbau VBismards 
eine Beranlagung in der Form des Musfelcheumatismus, aus dem fi) die 
Neurafthenie entwidelte. 

Aeußerſt bemerkenswert it, daß Bismards Perjönlichleit trog jeiner 
ichireren Erkrankung in den Höhepunften jeiner geihichtlihen Wirkſamkeit dem 
Außenftehenden das Bild höchſter Geichlofienheit darbot, und daß noch heute 
feine Reden und Schriften auf den Leſer den Eindrud großartigiter, von aller 
„Rervofität” freier, ſchlechthin überlegener Seelenruhe darbieten. Die Urſache 
diefer „Harmonie“ ift offenbar die Abweſenheit aller inneren Unausgeglichen- 
heiten in Bismarcks Perſönlichkeit. Somit lehrt uns die Gefchichte jeiner Krank— 
beit, daß auch „nervöje” Beſchwerden die „Harmonie“ der Perjünlichfeit nicht 
zu ftören braudden, daß alio das Weſen des „harmonischen“ Menichen darin 
bejteht, daß feine Willenskraft nicht durch innere Unausgeglichenheiten bin und 
ber gezerrt wiw, daß er vielmehr die ganze Stärke jeines Willens frei hat zum 
Kampfe gegen die Außenwelt, zu der bier auch die Hemmniſſe im eigenen 
Körper gehören. 

Ludwig Klages, Handihrift und Charakter. Gemeinverjtändlicher 
Abriß der graphologiichen Technit. Mit 127 Figuren und 21 Tabellen. 
Dritte und vierte underänderte Auflage. Leipzig 1921. Johann Ambrojius 
Barth, Leipzig. Broſch. 30 M., geb. 40 M. 

Klages iſt der Kant der Graphologie. Er hat dieje vielmißbrauchte 
Deutungskunſt zum Rang einer kritiſchen wie intuitiv, an Tiefe wie an Spanıt- 
weite führenden pſychophyſiſchen Wiffenichaft erhoben. In Fachkreiſen iſt 
Klages längſt beiannt als der „Meifter derer, die da wiſſen.“ Aber erjt in den 
legten Jahren dringt er mit jeinen Schriften in die Breite des Publikums ein. 
Das vorliegende Meiſterwerk it ſowohl für die Wiffenjchaft von den Ausdruds- 
bewegungen wie für die noch allgemeiner intereffierende ſchwere Kunſt der 
Eharakterfunde und Charakterzeihnung von führender Bedeutung. Von ihm 
geht die Befeitigung der kurpfuſchoriſchen Handichriftendeutung aus, welche bis— 
her die Graphologie in Mißachtung brachte. Freilich erfordert die Aneignung 
der ftrengen und tiefen Methode Klages, um zu ihren wunderbar reichen Er- 
gebniffen zu führen, ein ſelbſt veiches und durch jahrelanges intenfives Studium 


— 142 — 


der charakterologiſchen und Ausdrucksbewegungsgeſetze dilziplinientes Menſchen— 
tum des Ausübenden. Man bemerkt gerade hier, wie alle Theorie nur zu einem 
gewiffen Grad die Intuition unterbauen kann, Aber diefer theoretiiche Unter- 
bau der Graphologie befteht jet und ift in feiner Art ein unvergängliches 
Wert deuticher Wiſſenſchaft. 


Dr. Ludwig Hlages, Brinzipien der Eharafterologie. Dritte un- 
veränderte Auflage. Mit drei Tabellen. Leipzig. 1921. Johann Ambrofius 
Barth. Broich. 12 M., geb. 15 M. 

Indem ſich der große Graphologe hier von dem Boden der Empirie auch 
zur ſpekulativen Verknüpfung feiner charakterologiſchen Grundvorſtellungen 
wendet, wirkt er weit weniger überzeugend als in ſeinem Hauptwerk. Das 
Gebiet der Charakterkunde gehört zu den dunkelſten der Pſychologie, und iſt, 
— wie Klages gewiß richtig ſieht — von der heutigen Pſychologie aus gar 
nicht als deren „differentieller Teil“ aufzuhellen. Aber, wie an Klages zu 
lernen, hilft auch das deutende Verknüpfen empiriſch gefundener Ahnungen und 
Einzelwahrnehmungen nicht zu einem befri®digenden Syiten der Chavaftero- 
logie. Leßteres dürfen wir vielleicht nur erwarten, wenn die Philojophie fich, 
aus Biologie‘ wie aus den Geifteswwifjenfchaften verfüngt hervorgehend, der 
biologifch-geiftigen Untergründe der Charafterbildung bemächtigt haben wird. 
Auch Klages ftrebt dies an, und troß des Bruchftüdhaften feiner Funde und 
Willtürlihen ihrer Verknüpfung werden fie für die weitere Forſchung wertvoll 
bleiben. 


Dr. med. Oskar Hermann, Dr. Klages' Entwurf einer Charakterkunde. Yür 
Erzieher allgemeinverftändlich beiprochen und auf die Heilpädagogik an— 
gewandt. Leipzig 1920. Johann Ambrofius Barth. 15 M. 

Vorliegende Schrift ift ein Beweis dafür, daß Klages' Chavakterologie troß 
ihres unleugbar bruchftüdhaften Zuſtandes bei der fonftigen Unfertigfeit der 
„differentiellen Pſychologie“ eine Lüde ausfüllt. Wie Klages aus der Praxis 
der Charakterbeſtimmung heraus zu feinen philofophifchen Anſchauungen ge— 
langt ift, jo ziehen dieſe offenfichtlic” den pädagogiſchen bzw. piychiatriichen 
Praftifer an. 

Charles Rihet, Experimentelle Studien auf dem Gebicte 
der Gedanfenübertragung und des ſogenannten Hell- 
fehens. Autoriſierte Deutjche Ausgabe von Dr. Albert Frhr. v. Schrend- 
Noping. Zweite underändenrte Auflage. Mit 91 Abbildungen im Tert. 
Stuttgart 1921, Ferdinand Enfe. Geh. 33 M. 

Die wifjenjchaftlihe Behandlung der jogenannten „offulten” Grſcheinungen 
hat in Frankreich umbeftreitbar früher und breiter eingejett al3 bei uns. Seit» 
dem in Jahr 1890 SchvendNoging zum erjtenmal eine Ueberjegung des hier 
angezeigten Hauptwerks der manzöftichen Schule veröffentlichte, iſt ein volles 
Menjchenalter vergangen, und erjt die feelijchen Erjchütterungen des Krieges 
haben mit einer gewiſſen Zwangsläufigleit die Häufigkeit und vor allen Dingen 
die Dringlichkeit der Wünſche belebt, hinter die Vorhänge des bewußten Seelen- 
lebens zu bliden. Dies Gebiet, heute wieder einmal wie in den achtziger Jahren 
das Tummelfeld von Betrügern und ihven Dummen, ift außerdem aber aud) 
eine wirkliche Wiffenichaftsdiiziplin geworden, und dieſe Wiſſenſchaftsdiſziplin 
gewinnt al3 notwendige Fragment jeder fünftigen Weltanſchauung mehr und 
mehr auch das Intereſſe der Erniten im Lande. 





— — 


— 143 — 


Erih Sclailjer. Die Welt der Geftorbenen. Ein Beitrag zu offulten 
Problemen von Erih Schlaifjer. Verlag der Täglichen Rundſchau, Ber: 
lin SW. Preis in Halbleinen geb. 15 M. 

Ein geiftreiher Schriftjteller befennt fich zu den Annahmen des Spiritismus 
und glaubt von den Phänomenen de3 Traumes aus zur Gewißheit einer jen- 
feitigen Welt auffteigen zu können. 

Dr. med, et phil. E. &. Drejel, a. o. Profeſſor an der Univerfität Heidelberg, 
Die Urjaben der Trunfjuht und ihre Befämpfung 
Durch die Trinlerfürjorge in Heidelberg Mit 22 Ab- 
bildungen. Berlin, Julius Springers Verlag, Preis 69 M., 125 Seiten. 
Das Verbrechen ijt eine große ZTotentifte, in die alle verfinten, die halb» 

ftarf, belaſtet, geſtrandet, minderwertig, von den einen mit ablehnender Gering- 
ſchätzung, von anderen mit unerichütterlidem Glauben an die Negenerations- 
fraft menjclichen Sittlichfeitäivilleng bedauert werden, In vielen mißratenen 
Menſchenkindern findet man Goldförner tiefen, echten Empfindens, die man in 
mandem regelrecht verlaufenen Menichenleben vergeblih ſucht. Daneben 
findet jih eine fittlide Finfternis, die alle Sonnenftrahlen verdunfelt und in 
tiefitem Sumpf begräbt. Solche Bilder enthüllt in vorjtehender Monographie 
der Heidelberger außerordentlihe Profeffor Drejel. Das Buch hätte durch 
Krantengeichihten und Gerichtsakten leiht um das Doppelte und Tmeifache 
vermehrt werden fünnen. Seine Lektüre terjegt in ernite Stimmung Mit 
dem Aufiwande eines ungeheuren Fleißes ift die Beobachtung und Stenntnis des 
Problems zivar jehr eindringlid ins Gewiſſen des deutſchen Volfes gejchoben, 
aber über das, was wir alle wußten, wejentlich nicht hinaus gefördert worden. 
Nur das eine darf al3 ein wünſchens- und beachtenswertes Rejultat gebucht 
werden, daß jich mit Polizeigewalt, pädagogijcher Beeinfluffung und medi- 
zinikher Behandlung an viele Menſchen fittlihe Stüten heranbringen laſſen, 
die eine völlige Degeneration aufhalten können. Für die Beurteilung des wirt- 
ſchaftlichen und ſozialen Verfall unſerer heutigen Zeit, die dem Alkoholismus 
und teinen Folgen in vielen Erſcheinungen des Lebens umrettbar verfallen iſt, 
lommt dem Buche eine ernfte Bedeutung zu. 


Naturwiſſenſchaft. 


Dr. Martin Weiſer, Das Atom. Titelblatt Erich Pr Leipzig, Zeich⸗ 
nungen Horſt Beger, Dresden. 1922, Emil Pahl, geh. 5 M. 

Tüchtige populäre Darbietung der — — Neu⸗ 
entdeckungen der letzten Jahrzehnte. 

Prof. Dr. Georg Hamel, Grundbegriffe der Mechanik. Mit 38 
Figuren im Text. „Aus Natur und Geiſteswelt“, Sammlung willenichaft- 
lich-gemeinverftändlicher Darjtellungen. Band 684. Mechanitk I. — Leipzig 
1921, B. ©. Teubner. Stant. 6,80 M., geb. 8,80 M. 

Anfang einer auf drei Bändchen bemiefjenen Mechanik, die als Vorkenntniſſe 
den Stand eines Gynmajtalabiturienten vorausfegt. 

Alfred Brehm, Kleine Schriften Mit 26. Abbildungen auf 8 Tafeln. 
Leipzig 1921, Bibliographiiches Inſtitut. 37 M. 

Dieſe literarifche Ausgrabung wiw von Groß und Klein im deutſchen 

Haus freudig begrüßt werden. Es handelt fih um Skizzen, Fleine Tierbilder 


— 14 — 


und Reifefchilderungen, die der Verfaſſer des „Zierlebens”“ dereinjt in Zeit⸗ 

ichriften wie der „Gartenlaube” veröffentlicht hat und deren Friſche durch das 

lange Vergilbtliegen nicht eingebüßt ift. 

O. Kleinſchmidt, Die Singpögelder Heimat. 86 farbige Tafeln mit 
foftematifch-biologifchem Text nebjt Abbildungen der wichtigften Eier- und 
Nejtertypen, legtere meift nad) Naturaumahmen in Schwarzdruck. Dritte 
Auflage. Leipzig 1921, Duelle u. Meyer, geb 50 M. 

Die Ihönen Farbtafeln, die zum Teil feltenen Naturaufnahmen, die pmalti- 
fchen, zuverläſſigen Beicweibungen haben das Buch des Daderſtedter Paſtors 
bei Natur- und Heimatfreunden fejt eingebürgert, und es gibt in unjeren haftigen 
Tagen wenig Bücherverfaffer mehr, die ſoviel ausdauernde und treue Arbeit, 
wiſſenſchaftliches wie künftleriihes Können in ein Lebenswert zujammen- 
drängen, das denn auch den jelten gewordenen Ruf einer klaſſiſchen Leiftung 
erivorben hat. 

Dr. Adolf Heilborn, Entwicklungsgeſchichte des Menſchen. Bier 
Vorlefungen. Mit 61 Abbildungen nah Photographien und Zeichnungen. 
Zweite Auflage. Leipzig 1920, B. G. Teubner, kart. 10 M., geb. 12 M. 
Enthält nicht eine Enttwietumgsgefdjichte der Menichheit, wie der Titel etiva 

ach zuliehe, ſondern eine Darftellung der embryonalen Vorgänge von der 

Zeugung bis zur Geburt mit einem ſtammes- und Eulturgefchichtlich reichhaltigen 

Schlußkapitel über Mißgeburten. 

Ernft Lehmann, Experimentelle Abjftammungs- und Ber- 
erbungslehre. Zweite Auflage. Mit 27 Abbildungen im Tert. Leipzig 
1921, 8. ©. Teubner, fart. 10 M., geb. 12 M. 

Die Biologie hat dur das Experiment ihren Ertermtnisbeveih zu er— 
weitern gelernt und insbejondere feit Mendels Entdedungen ijt ſpegiell für die 
Abftammungslehre das Experiment grundlegend geworden. Es war ein glüd- 
liher Gedante der Teubnerſchen Sammlung, dem Laien auch diefen fpeziellen 
Zeil der Biologie dur einen Fachmann zugänglicd zu machen. 

Sg. Engelbert Graf, Stammt der Menſch vom Affen ab? Mit 
10 Abbildungen. Proletariiche Jugend, Sammlung fozialiftiicher Jugend» 
ſchriften. Berlin 1921, Berlagsgenofjenichaft „Freiheit“ e. G.m. b. H, 4M. 
Die Wiſſenſchaft jagt auf die obige Frage: „Nein!“ Jufolgedeſſen kann a 

Herr Engelbert Graf nicht mehr „Sa“ jagen. Da er aber ein 

ſozialiſtiſcher Schriftfteller ift, fo will er feinen jugendlichen Lefern unter m: 

bar enger Anlehnung an Klaatſch doc mindeitens ein halbes „Ja“ ſuggerieren, 

um ihnen einen möglichſt platten und materialijtiichen Begriff des Menſchentums 
beizubringen. Darum wird hier nicht das geiftige Agens der Artengeichichte, 
jondern nur ihre körperliche Seite in Rechnung gezogen. 

Der Merker. 





Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Guſt av Manz in Berlin. 


Verlag: Deuticher Verlag, Abteilung ——— eng S®w 48, Wilhelmftrafe 8—9. 
ru o o 

Drud: Allgemeine Verlags⸗ u. —— m. * 6. Berlin SW 48, Wilhelmſtr. 9. 

NRüdjendungen von Manuflripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rüdporto. — Nach⸗ 

drud fämtlicher Auffäge ift nur mit ansdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geftattet. 








4 
En 


Die Grenzboten 


Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 27. Mai 1922 
Nummer 20 


Zufammenbrud und Wiederaufftieg 
vor hundert Jahren. 


Eine Bonner Rede 
Bon Frig Kern. 


I. 

Drei Jahre nach dem Abſchluß der napoleoniſchen Zeit iſt Ernſt 
Morig Arndt, der Herold des Rheins, auf diejen für ihn — 
Katheder am Rhein berufen worden. Drei Jahre nach der Beendigung 
des Weltkrieges denken wir anders an Arndt und ſeine Zeit, als vor neun 
Jahren während des Jubiläumsbehagens von 1913. 

Bis weithin zurüd, vielleicht bis zu Arminius und Segeft, jedenfalls 
aber bis in die Tage unferer Urgroßväter haben ſich die Proſpekte der Ge- 
Sin geöffnet, um uns nicht nur als Zufchauer, fondern jozujagen als 

itleidende und Mithandelnde wieder zu entpfangen. Die Zeit Bismards 
war alfo nicht der Schlußakkord, in dem unfere alten Diffonanzen ſich auf- 
löften, kein Finale unferer Schmerzen und Fehler. ie Schidjalslinie 
des Deutſchtums ift offen und unvollendet. In der Zeit der Urgroßpäter 
jehen wir, um es mit einem Wort zu jagen, heute nicht mehr vor allem 
den Zufammenbrudh und — % reußen3, wir bliden nicht 
fowohl von Jena nach Leipzig, jondern wir erleben den Zuſammenbruch 
des Deutſchtums und feine Entwidlung von 1792 bis, ja, man 
würde fagen, bis 1815, wenn nur nicht der nationale Entwidlungsgang 
1815 unfertig und offen geblieben wäre. Die preußiſche Kataſtrophe 
von 1806 aber ift nur ein befonders dröhnender Fall in einer Folge von 
Niederbrüchen des deutſchen Volkes, die uns erft in ihver Geſamt-— 
beit wirklich verjtändlich werden. 

Zaffen Sie mich fofort eine Tatfache herausheben, die bei den 
Jubiläumsfeiern von 1913 Baum nebenbei geftreift worden ift, eine Tat- 
ſache, die jenes ganze Zeitalter erhellt und die für ung heute unwillkürlich 
in den Mittelpunkt gerüdt ift. 

Ueber ein Dugend Jahre lang, von etiva 1800 bis 1812, war es jo 
ziemlich allen Deutichen eine ausgemachte Tatfache, daß das linke Rhein— 


— 16 — 


ufer einem fremden Staat gehören folle. Nicht etwa nur die Rheinländer 
haben ſich damals den al3 einem unabivendbaren Schidjal gebeugt. 
Sondern, was faft noch ſchwerer wiegt, in Wien oder Berlin, in Leipzig 
oder Sambur un man über diefen Punkt nicht anders als in Koblenz 
oder Köln. Die Deutſchen erjchienen recht einheitlih in der Ver— 
neinung ihrer realen Einheitlichkeit. Sogar eim Blücher meint, wenn 
er 1809 die „ganze deutiche Nation aufrufen und den vaterländifchen Boden 
verteidigen will”, mit diefem „Boden“ nur das Land rechts dom Rhein. 
Nach der Schlacht bei Leipzig aber bieten die Verbündeten gemäß Metter- 
nich3 Rezept Napoleon einen Frieden an, der ihm das gefamte linte Rhein— 
ufer belafjen hätte. Das entjpva — damals nun ſchon nicht mehr 
der Stimmung des deuffchen Volkes, über deren Wandlung wir noch reden 
werden, aber die Kabinette hatten ja nad) dem Sieg auf dieje Volks— 
ftimmung feine übermäßige Rüdficht zu nehmen. Hätte Napoleon damals 
zugegriffen, fo vermag niemand zu jagen, ob und wann jemals diejes 
Land, auf dem wir hier jtehen, wieder in deutiche Verwaltung getommen 
wäre. An diejer Fräge des linken Rheinufer, die damals wirklich eine 
Trage var, fünnen Ste ermefjen, wie tief die Selbjtpreisgabe des deutſchen 
Volkstums vor hundert Jahren noch ging. Stein und Scharnhorit, Fichte 
und Körner, Katzbach und Leipzig, alles dies zwjammen hätte alfo nicht 
ausgereicht, daS Deutfchtum des linken Rheinufers zu bewahren; nein, 
nur Napoleons Zögern, ein paar Stunden raſch bereuten ftolzen Troßes 
des alten Welt - Eroberers haben das linke Rheinufer dem Deutjch- 
tum zurüdgegeben. Der diplomatische Birtuofe, der bis 1848 De 
Geſchicke Deutſchlands gelenkt hat, Metternich, ſah das Rheinland, fein 
eigenes Stamm- und Geburtsland, 1813 leichter in franzöſiſcher als in 
irgend einer deutichen Hand. 

Schon aus diefer einen Tatjache, die ich vovanitelle, erhellt, daß der 
Zuſammenbruch Deutſchlands viel tiefere Urjadhen haben muß, als die, 
welche unmittelbar die Statajtrophe von Jena nach ſich zogen. Sjenige, 
was an Preußen morſch war und zu Jena geführt hat, kann nur der Be- 
Itandteil einer tieferen deutſchen Worichieit geivejen fein. Daß das 
vereinzelte preußtiche Teilftüd Deutfchlands dem Anprall der Weltmacht 
Napoleons unterlag, ijt — nicht jo fehr verwunderlih. Wenn es 
unterlag, jo wich es, ähnlich wie Napoleon 1815 dem vereinten Widertillen 
Europas wich oder, wie das Deutiche Reich 1918 den Waffen faſt der ge- 
Ken Welt unterlag, nad dem Gejeg der Zahl. Aber ein erftaunliches 

hänomen bleibt e8, daß das deutjche Volk in feiner Gejamtheit fich 
20 Fahre lang von dem an Menſchenzahl und Hilfsmitteln ungünftiger 
geftellten Frankreich überwinden und beherrichen ließ, von einen Frant- 
veich, das zudem durch Revolution und Bürgerkrieg evfchüttert und 
anfänglich ſchwer geſchwächt war. Es ift den Franzoſen nicht übel zu 
nehmen, daß fie nach dem erjten Erftaunen über ihre glänzenden militärt- 
ſchen Siege und ihre noch viel leichteren politifhen Erfolge nun den gefähr- 
lichen Trank der Herrichaft über Deutichland in vollen Zügen genofjen. Es 
it von einer jo ſchwungkräftigen Nation wie der fvanzöftichen, die jich ftatt 
unter einem genialen Staatsmann mie Mirabeau, unter dem 
Kondottiere Bonaparte reorganifiert hatte, nicht zu erwarten ge— 
weſen, daß ihr falzinierender General an einer jo brüchigen Front Halt 
macht, wie es die deutiche Wejtfront war. Es ift Napoleon nachzufühlen, 


— — — 


— 147 — 


daß er in feiner Deutichen-Berachtung, die durch jenes Nheingrenzen- 
angebot nad) der Schlacht bei Leipzig nur neue Nahrung befam, einen 
Augenblid zögerte, e8 anzunehmen. Aber von diefem jeinem Zögern, von 
der Stunde an, wo das einzige Tal, das rechts- wie linfscheiniich auf den 
gleichen Namen getauft worden ift, das Blüchertal bei Caub, fih von Tit 
nah Weit jeinen Namen erwarb, war für ——— die letzte geſchichtliche 
Stunde verpaßt, das Rheinland innerlich anzueignen. Denn aus ſo 
ganz anderem Holz wie andere Völker ift der Deutiche doch nicht gefchnigt; 
Deutfhland hat in jenem Menjchenalter viel jpäter ala die vaterlands- 
ltebenden Franzofen oder Engländer jeine Geburt als Nation durchlebt, 
mit allen Wehen und nicht erfolglos. In den Jahren von 1792 bis 1815 
wurden die Sünden unjerer politifchen Entwidlung feit dem Mittelalter 
liquidiert. Diefe Liquidation ift Durch Napoleon erzwungen worden, und 
fie mußte erzivungen werden, wenn jie überhaupt noch. kommen follte. 

Strebt doch immer das Lebendige, wo es feiner eigenen Neigung 
folgen darf, in der falfchen Richtung auf — Sicherbeit und Nude, 
während zu fchöpferifcher Leiftung das Dunkel des Riſikos und der Stachel 
der Not gehört, der Not, die ſowohl beten lehrt al3 auch erfinderifch madt. 
In der Flucht vor dem Opfer hatte der Deutiche um 1800 Sicherheit 
und Alt geiucht, er hatte das Nahverwandte aufgegeben, um für das 
Allernächſte Schonung zu erfaufen. Das Deutichtum beſaß ja feit alters 
die Fähigleit, jich immer neue Außenglieder abzugliedern: jo hatte es die 
Schweiz, Holland, Elſaß, Belgien und Anderes äußerlich wie innerlich 
verloren. Jetzt gab e3 das linke Aheinufer preis, dann der Norbdeutiche 
den Süddentiehen umd umgefehrt. Über die Ruhe fam nicht. Schlieklich 
blieb nur der Ausmeg, dem Opfer entgegenzugehen, um durch das Opfer, 
nicht Durch die Flucht dor ihm Rettung zu erlangen. Wenn fich der Geift 
der legten materiellen Srüspunfte beraubt Keht, auf denen er aus— 
ruhen möchte, bejinnt er ſich auf den allerlegten, auf die ichöpferifche 
Tat, die aller Berechnung zum Trog fich einen neuen Körper baut. 

Es ijt meines Erachtens ein Fehler mancher Iandläufigen Geichichts- 
darjtellung, daß fie die Schäden des preußifchen Staates und deren Heilung 
durch die Stein-Hardenbergfche Reform zu ſtark in den Vordergrund rüdt. 
Dem gefährlichen Schlagwort, 1918 fei das Neich Bismards zufammen- 
gebrochen, nleicht das Schlagwort von dem Zuſammenbruch des friderizie 
anifchen Staates. Nur felten finden wir überhaupt Die Frage aufgeworfen, 
was denn die Stein-Hardenbergichen Reformen zum tatfächlichen Wieder- 
aufbau von 1813 beigetragen haben? Wir werden dieje Reformen hier 
nicht verkleinern, im Öegenteil ihren Wert reiner herausjftellen, wenn mir 
unächſt einmal feititellen, was fie nicht gemejen find. Die größten Be- 
Handteile des Steinichen Neformplanes find überhaupt nicht zur Aus» 
führung gelangt. Und die Sruchitüde welche ausgeführt wurden, laſſen 
tich faft hinmwegdenfen, ohne daß darum 1813 weniger groß umd erfolgreich 
würde. Was haben die Anfange der Bauernbefreiung, was bat Die 
Städteordnung mit dem tatjächlichen Verlauf unferer politifchen Verſelb— 
ftändigung zu tun? Die Fäden, die fie verknüpften, find Imponderabilien, 
und als Ale für 1813 nicht die wichtigften. Man blide deshalb nicht 
u ausichlieglich auf die materiellen Organifationsänderungen ım preußi- 
Feen Staat von 1808 bis 1812. Der Fetisch der Deutſchen heit Urgani- 
fation. Aber nicht Einrichtungen, fondern Männer machen Gejchichte, und 


— — 


Geſinnungen machen Männer. Sehe Staatskrifen n meiſt aud 
Organifationsreformen als Begleitericheinung; dieſe find günftigenfalls 
Symptome der Heilung, aber den Erreger der Krankheit zeigen fie oft fo 
wenig an, wie da8 Serum, das aus einer Wunde fließt. 

Weil der Staatstypus, der den Stempel Friedrichs des Großen trug, 
bei dem ihm fo weſensfremden Geift, der um 1800 in Preußen und ganz 
Deutſchland herrichte, dem mapoleonifchen Anprall nicht gewachſen ivar, 
fo foll diefer Staatstypus Schuld an dem Unglüd fein. Gibt es nun 
etwas Wohlfeileres, aber auch Ungejchichtlicheves, als deratiges Wahrfagen 
aus dem Erfolg? Wir kennen in den vielen ehlurteilen über 
eigene Vorkriegspolitit diefes Dogmatifieren des Erfolges 
heute zum Ueberdruß. Es ift verwandt jenem vorhin charakteriſierten 
Ueberihägen der Organifationen und Einrichtungen, und beide Neigungen 
vereint verbauen die Einficht in die echten geichichtlichen Zufammenhänge, 
welche die Königin Luiſe meinte, ala fie 1808 jchrieb: ® 

Pr} Do ie Zeiten machen fich nicht felbit, jondern die Menfchen 
machen die Zeit.” ' 

Auch die — — Organiſationsänderungen nach 1786 hätten 
bei dem Geiſt, der um die Jahrhundertwende in Deutſchland herrſchte, die 
ki be von Preußen und Deutjchland nicht abgewendet, wohl aber ver- 
mutlich ein Mann, wie Be der Große oder der Große Kurfürft, an 
dem Tag von Balmy 1792. 

Nun möchte ich nicht mißverftanden werden. Die Stein-Hardenberg- 
ihen Reformen find nad) ihrem materiellen Inhalt ein notiwendiges Stüd 
Verfaſſungsgeſchichte, nach ihrem ag as fernhinwirkende Tat, 
nach ihrem Geiſt ein unwegdenkbares Stü r deutſchen Wiedergeburt. 

Verweilen wir einen Augenblick bei ihrem materiellen Inhalt. Es 
find Liberale Reformen, welche die freie Bewegung, die Selbſttätigkeit 
der Staatsbürgers anvegen. In diefem materiellen Inhalt find die Stein- 
— —— Reformen nichts Iſoliertes, nichts Einzigartiges; ihre 

endenzen lagen in der Luft. Die alte Streitfrage, ob ihre Vorbilder mehr 
im vevolutionären Frankreich oder in engliſchen und alt-deutſchen Ein— 
richtungen zu fuchen feien, kann ich bier ganz Denen allen In jedem 
Tall gehören fie in die liberalifierende Reformbewegung, die damals fajt 
ganz Europa durchzog und deren einzelne Inhalte und Ergebniffe natür- 
lich von Land zu Land verjchieden find, je nachdem es In um das Frankreich 
der SKonjtituante, um das England Pitts, dag Rußland — des 
Erſten, das Bayern Montgelas' oder das Preußen — ihelms des 
Dritten handelte. In Preußen wie in den meiſten anderen Ländern 
wurden die Reformen von oben herab, in organiſcher Fortführung der 
Neformtätigkeit des aufgeflärten Abſolutismus eingeleitet. Nein ei 
des preußiſchen Volks forderte fie, feine unerträglichen Mißſtände zwangen 
Y — Aber allerdings ging der Steinſche Grundgedanke auf eine 

eberwindung des ag wre Abjolutismus, und gevade le 
— — der in der Volksvertretung gipfelte, iſt unausgeführt 
geblieben. 

Liberalifierende Reformen im 18. und 19. Jahrhundert haben ein 
doppeltes — 1. gegen die Reſte des privilegienſtarren Feudal— 
ſyſtems, 2. gegen den Abſolutismus, d. h. gegen die: Tendenz 
zur ausfchlieglihen Konzentration der politifchen Handlungsfähigkeit im 


— 149 — 


Staatsoberhaupt. In der erften Hinſicht, in der „Befreiung des 
Volkslebens und des Staats von den Banden der —— und 
Monopolien“, von unproduktiven, veralteten Schranken, iſt der landesfürſt— 
liche Abſolutismus und ſeine Bureaukratie ſelbſt Führer; ſie gewinnen ja da— 
bei ungeheuer an Macht auf Koſten der privilegierten Stände. Und gerade 
darum find liberale Reformer wie Mirabeau oder Stein in der 

weiten Hinficht Gegner des Abjolutismus und feiner Bureaukratie. 
Die Auficking Des Seudalfuftems, wie jie die aufflärerifchen und abſolu— 
tiſtiſchen er wollen, bedeutet ihnen feinen reinen Fortichritt, wenn 
nicht zugleih (als Folgerung) die Regierungsforn umgeitaltet wird. 


Die Reformen in Preußen 1808—13 find nun fat durchweg in dem 
eriten allgemeinen europäifchen Zeil, der Auflöjung des Feudaliyitems, 
jteden geblieben. Man fann auch nicht fagen, daß das Volk von 1813 — von 
wenigen führenden Stöpfen abgeſehen — ſtark bewegt worden fei durch die 
Hoffnung auf eine liberale Berfafjungsreform. 1848 hatte fich dieje An- 
ſchauung hinjichtlich 1813 gebildet; aber der junge Bismard hat Mile An- 
ihauung bei dem erjten 5fentlichen Herborbligen jeiner parlamentarifchen 
Sronie treffend al3 Legende gegeißelt. 

Die radikalen Reformen Steins alfo, welche das friderizianifche 
Regierungsſyſtem durch eine reichsſtändiſche Verfaffung abgeändert hätten, 
blieben Entwurf. 

Aber auch die weniger vadifalen Teile des Stein-Hardenbergichen 
Reformwerks famen nur bruchſtückhaft zur Ausführung, und fanden grim- 
migen Widerjtand nicht aufegt bei jolhen Preußen, die, wie York oder 
Marwig, jelbjt in der erſten Reihe der Männer von 1813 jtehen. Dieje 
Altpreugen meinten, daß ein ſchwerkranker, verjtiimmelter Körper, wie 
der preußiiche Nejtitaat nach 1807 fein geeignetes Objekt fei, um daran 
Verſuche mit der Umfchichtung der jozialen Gltederungen zu machen. Ihnen 
kam e3 ebenfo wie den Neformern auf die Zurückgewinnung der friderizia- 
nijchen Energie nach den weichlihen Sabinettsregierungen der Friedrich 
Wilhelme an. Sie glaubten dieje Kraft aber mehr nur durch Betonung der 
Autorität und Straffheit der Lenfung zu gewinnen, als durch Verjuche 
mit der Belebung eines jelbittätigen Boiltsrpiftens. Trogdem tft das ge— 
ichichtliche Recht in einem hohen Sinn auf der Seite der Neformer. Zwar: 
der Wiederaufbau ift rajcher gekommen, als die Zeitgenofien nach 1809 
Hoffen durften. Es lam jchon jehr bald die Gelegenheit, die nicht verpaßt 
murde, wie alle früheren Gelegenheiten, ſondern ergriffen, weil jegt die 
energiihen Männer, Altpreußgen neben Reformern, am Ruder jtanden. 
Die Männer, nicht ihre verichiedenartigen Verfaffungsideen, gaben den 
Ausichlag, und weil dieje Wendung fo vajch kant, haben — von 
den geſamten Reformen die kurzfriſtigen, die auf unmittelbare Macht— 
bildung eingeſtellten, alſo die techniſchen Teile der Scharnhorſt- Gneiſenau— 
ſchen Reform, zu dieſer vafchen Entwicklung der Dinge ſtärker mitgewirkt, 
als die langfriſtigen Stein-Hirdenbergſchen Reformen, welche auf die Ent— 
wicklung von Generationen zählten. 

Wäre die Entſcheidung aber nicht ſo raſch gefallen, hätte die Kriſis 
dreißig Jahre oder länger gedauert, wie die Zeitgenoſſen fürchteten, dann 
wäre der Anteil der langfriſtigen Reformen am Wiederaufbau vermutlich 
Der bedeutendere geworden. 


— 130 — 


Man joll aljo auch Hier den Erfolg nicht dogmatijieren. Es bleibt eine 
der großartigiten Anjichten unſrer Gejchichte, wie Stein, und die ihm 
olgten, mit unbelümmerter in des Geiites, unbeirrten Glaubens, 

8 wenine Saatlorn, über das ſie verfügten, auch dazu verwendeten, 
Samen auszujtreuen, der beſtenfalls in Generationen aufgehen konnte. 

Diefe Kühnheit aber veritehen wir erft, wenn wir nun zu dem zen- 
tvalen Gedanken der Reformer ung wenden. Der materielle Inhalt und 
die Prinzipien diejer Königsberger und Berliner Reformarbeit jtehen zwar 
in der allgemeinen liberalen Reformbewegung des Zeitalters drin, find 
aber —— von einer einzigartigen Abſicht, die uns weit abführt von 
der bloßen Sanierung der friderizaniſchen Admmiſtration. Folgendes ſcheint 
mir die widhtigite Erkenntnis: die Reformer wollten nicht ſo wohl den 
preußgiihen Staat, als vielmehr das ——— Grund— 
übel heilen. Fortſ. folgt.) 


Auslanddienſt. 


Bon Reinhard Weer, New York. 


Bor dem Zufammenbruch waren die diplomatischen und konſulariſchen 
Vertreter Deutjchlands in den fremden Staaten Abgejandte und Expo— 
nenten einer Macht. Ihr ganzes Handeln den op Regierungen wie 
den Eınzelindividuen gegenüber fonnte und mußte auf diefer jtarfen und 
gejiherten Plattform Biken, Al ihrem Tun, mochte auch der Augenblid 
im einzelnen Fall oft genug nicht Härte und Etarrheit, jondern Liebens— 
mürdigfeit und Gejchmeidigfeit oder gar Nachgiebigfeit erfordern, mußte 
piyhologiich der Machtgedanke immanent jein. 

Heute ijt der Vertreter Deutichlands im Auslande nicht mehr Expo— 
nent einer politiihen Macht, er ijt Vertreter einer Idee. Diejem ver- 
änderten Stardinalgejichtspunft hat er jein ganzes dienftliches und außer- 
dienjtliches Berhalten auf jeinem Außenpojten unterzuordnen. 

Sb das gegen früher eine Minderung an Wirkungsmöglichkeit be- 
deutet? Die Antwort wird, je nah Geichmad und Temperament, ber- 
ſchieden ausfallen, auch die parteipolitifche Einftellung des Einzelnen wird, 
obwohl fie hier eigentlich nichts dreinzureden hätte, das Urteil beeinfluffen. 
Der jchnelle Beiaher der Frage (der fich in ftarfer Majorität jehen dürfte) 
hat nur jehr bedingt recht. Jedenfalls erfordert die heutige Lage höhere 
und intenfivere Anipannung. Und wer nach höheren Folmer greift, 
findet im Gelingen auch höhere Befriedigung. 

Der ganze a rg politifcher Betätigung hat fih für ung 
Deutiche mehr ins Geiſtige verichoben: es wirkt nicht mehr durch eigenes 
Schwergewicht ein blofjes Macht-da-ſein, es müfjen, im Großen wie im 
Kleinen, erit Krafttonjtellationen ausaeflügelt und entdedt, durch be- 
rechnendes Tperieren geſchaffen in beionderen Fällen womöglich gar er- 
funden werden. Tie Mirfungsmöglichfeiten find aus dem Gebiet des 
Sadlichen ins Perjönliche gerüdt worden. Eigenjchaften wie NKombinctiong- 


— Bl — 


vermögen und piychologijches Feingefühl jpielen heute eine ganz bedeutende 
Rolle, ihöpferiihe Phantafie und künſtleriſche Intuition jind keinesfalls 
zu entbehren. 

Nicht einer Zurücdführung unſres Strebens auf das Gebiet wird hier 
das Wort geredet, das ung feindlicher Machtegoismus mit Vorliebe als 
unfere eigentliche, allein unferem Wejen angemefjene Domäne zuzumeifen 
pflegt: das Gebiet der abjtraften Spekulation, der theoretiichen nr 

r ichonen Künſte. Nicht in der Formel „Goethe und nur Goethe!”, 
durch die wir den Feinden äußerer deuticher Entfaltung eine Monopol- 
ftellung zugejtehen würden, liegt das Leitmotiv u das Arbeiten im Sinne 
der deutjchen dee in der Welt, jondern in der Trinität Luther und Goethe 
und Bismard ift unjer Heil begründet. Daß wir Luther und Goethe eine 
Zeitlang vergefjen und bei unferem Zug über die Meere allein den Namen 
Bismards auf unfere Fahnen gejchrieben hatten, darin liegt die legte 
und tiefite Urſache der heutigen deutjchen Not. 

Gerade uns, die wir uns jelbjt den Titel eimes Volkes der. Dichter 
und Denfer gegeben haben, hätte diefer Fehler nicht gefchehen dürfen. 
Ueberlegung hätte uns dazu geführt, tiefer in den Weſenskern Bismards 
einzudringen und die Zeitichalen abzujtreifen. Dann wäre ung u. a. recht- 
zeitig diefe Erkenntnis ——— daß Bismarck ſelbſt, mit ſeiner fabel— 
haft ſicheren, inſtinktiven Erfaſſung aller Imponderabilien, wenn er heute 
lebte, nicht „Bismarck“ wäre. Auch in der Politik und Geſchichte gibt es 
eine Art Relativitätstheorie! Es iſt anzunehmen, daß der Bismard von 
heute — Unterfchiede an Kraft und Kaliber zugegeben — in vielen 
einem Friedrih Naumann ähnlich jehen würde. 

Unfere Entfaltung war eine Entfaltung auf Widerruf, jagt Tirpik 
jehr richtig. Unjere Sache wird es jein, der neuen deutichen Entfaltung, 
die — früher oder Dont fommt, Ricäfungen zu mweijen, wo ſie 
fein Widerruf erreichen fan. Daß es ſolche Bahnen gibt, wird die Zukunft 
zeigen. 

Dem deutihen Auslandsbeamten, der fich in rechter Weile als Ver— 
treter einer “dee, als Erponent des deutichen Gedankens in der Welt 
anſieht (Rezepte dafür gibts freilich nicht, „Wenn Ihr? nicht fühlt, Ihr 
werdet's nie erjagen”) und fein ganzes Denken und Handeln dieſem 
jtrengen Glüd und den aus ihm erwachjenden ungeheuren Verpflichtungen 
anzupaſſen ftrebt, geiellt jich bei jeiner Tätigkeit draußen bald etwas wie 
eine ftille Bundesgenoffenfchaft. Der Feinfühlige verſpürt gleichgerichtere 
Strömungen, denen er jein Mühen hinzugejellen darf. Und es ift nicht 
allein da3 für ein jtolzes Volt wie für ftolze Einzelperfönlichkeiten gleich 
bitter jchmedende Mitleid mit den Beſiegten, Schwachen, das dieſes 
Strömen bejtimmt, es jind andere für uns erfreulichere Winde am Werf, 
die ihm im Weltgefhehen die Richtung weijen. 

Sogar eine dem Mitleid faſt antipodiich entgegengeſetzte Stimmung 
ift da feititellbar: die deutiche Leitung im Kriege, die jegt erit in ihrem 
Umfange erfaßt wırd, hat der Welt — ——— Daran vers 
mag die ichließliche Vergeblichfeit der Leitung nichts zu ändern, dieſe 
gewinnt dadurch im Gegenteil hochdramatiſche Düne, die von ritterlich und 
romantiſch gerichteten Nationen, deren es auch in der entgötterten materi- 
alifierten Welt noch viele gibt, als bejonders anziehend empfunden werden. 


— — 


Uebrigens wird ſich ja im Laufe der Entwicklung ergeben, daß die Leiſtung 
nur auf Friſt vergeblich war. Jeder Denkende aber erkennt, daß die 
Kriegsleiſtung der Friedensleiſtung entſprach und Sa, ſolche Leiftungen 
nur auf einem im Grunde guten und gefunden Nährboden wachen 
fonnten. 

Allenthalben in der Welt rührt Fdealismus die Schwingen. Ihnen 
darf fich auch der deutiche Gedanke zum Fluge anvertrauen. 

tärker aber als die ideellen oder gefühlsmäßigen Momente wirkt — 
sum mindejten vorerst noch — Die materielle Tatjache, daß wir auf dem 
Weltmarkt fehlen, daß die Ausichaltung unjerer von allen Gerechturteilen- 
den als gut und grokzügi und anftandig erfannten Methoden aus der 
Allgemeinwirtfchaft als haben empfunden wird. Es fehlen die Deut- 
ihen — das iſt der Kehrreim aller unvoreingenonmenen öfonomijchen 
Erörterungen über die Weltwirtichaftstrife. Der deutiche Diplomat im 
Auslande braucht den Friedensvertrag von BVerfailles nicht erjt zu unter: 
höhlen, er ift ſchon fat völlig unterhöplt. 

Kein ul verläuft ganz wirkungslos. Was auf dem wwirtjchaft- 
lihen Kraftfelde heute infolge — von vornherein zum Zer— 
reißen verurteilter Feſſeln noch nicht zur Auswirkung gelangen kann, das 
fommt auf anderem Öebiete zum Tragen. Die große antideutiche Welle, 
die Northeliffe, Rathom und Eee zum Ueberichlagen brachten, ift 
derebbt, man fieht fie fern über Nordamerika entrollen. Andere Wellen 
werden aufjpringen, aber joviel ijt jchon ficher: fie werden fich nicht gegen 
ung wenden. 

Ideel und kulturell übt der deutiche Gedanfe in der Welt heute eine 
Werbefraft aus, wie er fie vielleicht noch nie bejeffen. Man bedenke, was 
das heißt, drei 5 nach dem Kriege, der der Vernichtung dieſes Ge— 
dankens galt! Wir erleben Wunder und nicht! 

Man kann ſich von dieſer Magie tragen laſſen, aber dabei ſoll es nicht 
fein Bewenden behalten. Wohl: auch eine manchefterlichde Methode würde 
zum Ziel führen, doch wir wollen uns regen und neuen Aufjtieg ver- 
dienen. Dem, der beweglich tft und die Augen ——— bieten ſich un— 
geahnt viele Helfer in allen Bezirken. Hebel aller Art wachſen dem förm— 
lich in die Hand, der ſie auch im kleinen und kleinſten zu erkennen und zu 
verwenden weiß. Wenn überall draußen richtig und aufmerkſam gearbeitet 
wird, dann kann und wird die Idee, die der deutſche Auslandsbeamte 
—— vertritt, bald zur werbenden Macht auch auf politiſchem Geblet 
werden. 

Das jollte hier einmal kurz ausgeiprochen, ſparſam — 
werden. Viel Programmatiſches im einzelnen darüber zu ſagen, geht nicht 
an, iſt auch nicht gut. Die Entwicklung zur neudeutſchen Macht wird ſich 
naturgeſetzlich vollziehen, von den Maſſen kaum bemerkt, ehe ſie wieder da 
iſt, nur führenden Köpfen klar bewußt. Wir können von den — 
ſo wenig nachahmenswürdig ſie uns auch heute erſcheinen mögen, von den 
Br der legten fünfzig „Jahre, ſehr vieles lernen. Halten wir es mit 

ambetta: „Immer daran denfen, nie davon jprechen!” Das Arbeiten 
für den Nufitieg aber jet ung Fanatismus und Religion. 


L 


22.109, 


Eljaß-lothringiihe Fragen. 
Voneinem Elfäfjer. 
1. Die „Republikaniſche Bolfspartei”. 


Es gejchieht nicht ohne Gefühle der Trvauer und der Scham, wenn 
man die Entwidlung der fatholiichen Politik im Sieh der Nachkriegszeit 
fih und andern vor Augen zu ftellen jucht. Wieviel Kleines, Erbärmliches 
bier zutage tritt und von welch verhängnisreihen Folgen das an ſich n 
Unbedeutende und Häßliche geweſen ijt, Davon läßt fich nur ſchwer ein Bild 
gewinnen. Die katholiſchen die ter find, aus Mangel an Mut und perjön- 
licher Eitelfeit oder aus VBerblendung und Haß, die Totengräber der 
„elſäſſiſchen Eigenart” geworden, für die gerade fie jo unentwegt zu 
kämpfen vorgaben. 

ALS im Spätherbjt 1918 die Frage der Volksabſtimmung laut wurde, 
bat man fich in fatholifch-politifchen Seelen mit Hohn darüber ausge- 
laffen, war aber taktiſch gejchielt genug, im Preſſekampf gegen das Plebiszit 
dem „Sozialiften” und aus der Levante ſtammenden „Ureljäffer” Epeirotes 
alias Peirotes die Vorhand zu laffen, der die Neutraliiten als „Nicht- 
elfäfler” zu verdächtigen wußte. Und doch jagte ſich damals jedermann, 
daß im Falle der — eventuellen — neutralen Löſung des — eventuellen — 
Plebiszits die Katholiken als ftärkfte und geſchloſſenſte politifche Parteı 
jedes Heft in der Hand gehabt und ihren notorifchen Herrſcherwillen in 
fajt unbejchränfter Weije hätten zur Geltung bringen können. Ein neutrales 
Elfaß wäre ein klerikales Eljaß geworden. Trotzdem jene prinzipielle 
Abneigung gegen jede Volksabſtimmung? 

Es gibt zwei Gründe dafür, einen uneingejtandenen und einen ein- 
gejtandenen. Jener J von beiden der ausſchlaggebende. Es mußte — 
vorausſichtlich — den Führern des elſäſſiſchen Klerikalismus mehr perſön— 
liche Ehre einbringen, in Paris als Députés eine Rolle zu ſpielen, als 
ür ſie im kleinen, von allen Seiten gedrückten Pufferſtätchen Eur 
Lothringen zu gewinnen gewefen wäre. Und wie die Politik des elfa 
lothringiſchen Zentrums nach wie vor die feiner Führer if, ein Moment, 
das nie überjehen werden darf, wenn man dieje Politif genügend verftehen 
und würdigen will, — fo haben die Katholiken es gerade ihren Führern 
zu danken, daß fie nun für die Dauer der verfloffenen und kommenden 
Jahre nationalijtifch-franzöfifch feitgelegt find. Der zweite Grund wird 
am beiten einleuchtend, wenn wir ein konkretes Vorkommnis in der Partei- 
geichichte der legten Vergangenheit erläuternd feitlegen. Der Fall wird, 
ins Enge gebracht, wertvolle Rüd- und Vorſchlüſſe auf die treibenden 
Kräfte der heutigen Parteibeftrebungen zulaffen. Er wird daher etwas 
genauer beleuchtet werden müſſen. 

Im Spätherbit 1921 hatte bekanntlich, bei Gelegenheit einer öffent- 
lihen Tagung, ein Pfarrer die Dreiftigkeit, katholiſchen Parteiführern 
Käuflichkeit im franzöfiſchen Sinne vorzuwerfen. Selbſtverſtändlich mußte 
er widerrufen, während der Parteivorfigende, Herr Dr. Pfleger, vom Prä- 
fidium zurüdtvat, — um bald danad den Vorfig nach einer, höchſt auf- 
I upreiegen pro domo gehaltenen Programmrede wieder zu übernehmen. 

8 ijt von JIntereſſe, einerfeits die Nefolutionen des klerikalen Delegierten- 
tages anläßlich jenes (Grafenjtadener) Vorkommniſſes, andererſeits die 


— 14 — 


bei nächſter — folgende Rede des Parteivorſitzenden Dr. Pfleger 
möglichſt vollſtändig zum Abdruck zu bringen. 


I. Reſolutionen vom 30. Oktober 1921. 


1. Betr. den Zwiſchenfall: Der Delegiertentag nimmt Kenntnis 
von der Erflärung des Delegierten des Kantons Geispolzheim und ftelt feit, 
daß die in Grafenftaden von ginem Disfujfionsredner geäußerten Worte nicht 
jo gefallen find, wie fie in der Preffe zum Teil wiedergegeben wurden. 

Der Delegiertentag nimmt ferner Kenntnis von der Erklärung de3 Herrn 
Pfarrers von Grafenjtaden, daß er mit feinen Ausführungen feinen der an- 
wejenden Parlamentarier verlegen wollte, und daß er, da die Worte als be- 
leidigend empfunden wurden, dieie mit dem Ausdrud tieften Bedauerns zurüd- 
nimmt. 

2. Betr. die Lage im Eljaf. 

„Die Eljäffiihe Republitaniihe Volkspartei hat von Anfang ihrer Grün- 
dung an die Wiederangliederung von Eliaß und Lothringen an frankreich mit 
Freuden begrüßt, und in ihrem Programm unzweideutig zum Ausdrek gebracht, 
daß fie als franzöſiſch-nationale Partei alle Beitandteile unjerer Be- 
völferung . . . in Eintracht zuiammenfaffen will... . 

„Zur die Rüdfehr zu Frankreich ift unferem Heimatlande die hehre Auf- 
gabe erwachſen, zum Wiederaufbau und zur glüdlihen Weiterentwidlung des 
großen Vaterlandes mit allen ihm eigenen Sräften beizutragen... . Die 
Repudlikaniſche Volkspartei fordert . . eine Dezentraliiation des geſamten Ver— 
mwaltungsapparates nad) den Grundſätzen eines gefunden Regionalismus, der 
allein geeignet ift, die verichiedenen Regionen durch Wahrung ihrer Volks— 
eigenart in Eitten, Gebräuden und Einrichtungen zum Höchſtmaß frudt- 
bringender Tätigkeit auf allen Gebieten anzufjpornen. 

Eine politiihe Autonomie lehnt die Partei ab, auch für Elfaß und 
Lothringen, das für alle Zukunft ein intenrierender Beitandteil des großen, 
einigen und unteilbaren Baterlandes jein und bleiben fol... 

Die Republifantiche Volkspartei ift fich bewußt, daß die jchiwierige Aufgabe 
einer reibungslojen Einordnung unieres Heimatlandes in das Syſtem der fran- 
zöfiichen Republik nur gelöft werden kann von einer Verwaltungsinftanz, welche 
die Richtlinien ihrer Tätigfeit der genauen Kenntnis unferes Landes, ſowie 
jeiner Wünſche und Snterefien felbft entnimmt. Die Partei fordert deshalb mit 
allem Nahdrud die Aufrechterhaltung des Generalfommiffariats und Conſeil 
Eoniultatif, der beiden Inſtitutionen, die allein unferem Volke im Lande jelbit 
für die Uebergangszeit einen maßgebenden Einfluß fihern. Eie mißbilligt aufs 
ihärffte das Vorgehen der Regierung in Paris und der Finanzlommiijion in 
der Kammer, das darauf abzielt, einen dur das Geieg vom 17. Oftober 1919 
über daS Uebergangsregime in Elia und Lothringen ianftionierten legalen 
Zuftand auf rein budgetärem Wege zu bejeitigen (folgen Unterlagen!). 

Die Republifaniiche Volkspartei proteftiert aufs jchärifte gegen die Haltung 
einzelner Perionen und gemwifler Parteien, die, jei es aus Unkenntnis der tat- 
ſächlichen Verhältniffe, jet es aus antikleritalen Motiven heraus, nit davor 
zurüdichreden, die Beieitigung der Inſtanzen und Snititutionen zu verlangen, 
welche die elüdlihe Durchführung der Eingliederung des Landes in die fran— 
zöſiſche Republik garantieren. Cie brandmarft vor allem die von gegneriichen 
Parteien in dieiem Zuiammenhang entfachte antiklerifale Hetze und ftellt feit, 
daß feine Verwaltungsreform, der das nationale Intereſſe in den befreiten 





— 5 — 


Provinzen über alles geht, es wagen könnte, der Mehrheit des eliälfiichen und 
lotdringiihen Volles angefichts eines auf der Lauer jtehenden Deutichlands 
einen religiöfen Kampf aufzuzwingen, der das große Vaterland in jahrelangen 
Kämpfen zerriffen und am Vorabend des großen Krieges jeine beiten Kräfte 
geſchwächt hat... . .“ 

Der Schwerpunkt diefer Nefolution liegt natürlih in dem zitierten 
Schlußſtück, während in den erften Teilen mehr die egoritifchen Tendenzen 
der Parteiführer zum Ausdrud gekommen jind. 

Für die Wichtigkeit der Pflegerihen Rede wird es fprechen, daß 
der Delegiertentag, in dem fie gehalten wurde, nicht am gewohnten Orte, 
jondern in einem Straßburger Hotel ftattfand, zu der fein Gaſt ohne 
—— Erlaubnis der Parteileitung Zutritt hatte. Geſuche waren an 

as Generalfefretariat zu richten. Am Saaleingang wurde ſtrengſte Kon— 
trolle ausgeübt. . . 

Deputs Dr. Pfleger führte folgendes aus: 

„Meine Herren! Sie haben alle das Empfinden, daß jeit dem Gründungs— 
tag unjerer Partei fein wichtigerer Tag im Parteileben zu verzeichnen war, al3 
der heutige. Eie haben die Gejchichte meiner Temiffion gehört. Sch komme 
heute als Präſident des Nationalvereing Winzenheim, um Ihnen periönlich 
meinen Standpunkt darzulegen. . 

Weil ih mir bewußt bin, wie wichtig der heutige Tag ift, habe ich mein 
Referat jchriftlich niedergelegt, um jedes Wort verantworten zu fünnen. Ich 
gebe nicht näher ein auf die Srafenftadener Nejolution, welche den Anla zur 
Krifis gegeben hat. Die Aeußerung in der Verſammlung von Gvafenftaden, der 
Zwiſchenfall auf dem Delegierientag, das alles find Symptome von einer 
Nranfbeit, die die Partei feit einiger Zeit befallen hat. Eine Krankheit, 
die die Partei zugrunde richten würde, wenn nicht eine offene Ausiprache über 
alles, was zu dem Unbehagen die Veranlafjung gibt. erfolgen wird. Wenn wir 
heute auseinandergehen, müfjen wir uns durch unjere perjönlichen Auseinanter- 
jegungen flar iein, ob wir ung am Schluß friedlich die Hand reichen können, 
und wir weiter miteinander fämpfen wollen zur Erreihung der Ziele unfer:s 
Bregramms, oder ob ein derartiger Wideripruch zwiſchen uns exiftiert, daß dies 
unmöglich 'ein wird. Wenn wir auseinandergehen, müſſen wir joweit jein, daß 
wir über das Grundprinzip unjeres Progranıma einig ſind, daß wir jagen 
können, wir find eine einige Partei, „ein einig Volt von Brüdern“. Wenn aber 
dies nicht möglich wird, dann iſt es beſſer, wir trennen uns, und jeder über- 
nimmt die Verantivortung. So kann es nicht weitergehen. Diskuffionen find immer 
notwendig, aber die Diskuſſion kann mit Maß geführt werden, und bejonders 
darf eine gewiſſe Grenze nicht überjchritten werden. Die Diskuſſionen, die in 
legter Zeit geführt wurden, haben einen derartig leidenjhaftlidhen 
Charakter angenommen, daß man fich nicht mehr unter Parteimitgliedern 
glaubte, jondern in irgendeiner Volksverſammlung der gefährlichiten Gegner. 
Viele unjerer Freunde find dadurch zurüdgejtogen worden, ihre perjönliche Würde 
war verlegt, und öfters mußte ich hören, wie man jagte: In eine iolde 
Berjammlung gehen wir niht mehr Alles dies muß gelagt 
werden, damit eine Mare Lage geichaffen wird, damit wir wiffen in Zufunft, 
wo wir daran find. Wenn es in einer jozialiftiihen Verfammlung 608 bergeht, 
tft es für uns noch lange fein Grund, daß wir dasielbe machen. Wir find eine 
Bartei für Ordnung und Anftand. . . Als die UPR. gegründet wurde unter 
dem Jubel aller, die beigewohnt haben, war ſie gedacht als eine politische Partei, 


— 16 — 


auf demofratijcherepublifaniiher Grundlage. . . Als politiihe Partei joll jte 
über der Konfeſſion ftehen. Sie foll feine einheitlich Tonfeffionelle Partei fein... 
Vor allem war fie als patriotijch-franzöfiihe Partei gedacht ohne Unterſchied 
der Herkunft. Sie jollte mithelfen, den Üebergang vom deutichen in das fran- 
zöſiſche Syſtem zu vollziehen. Dazu gehört die Achtung unjerer Traditionen, 
Sitten, Gebräuche, unierer religiöjen Smftitutionen, mit einem Wort: unſere 
Eigenart. . . Unjer regionaliftiiches PBrogrammı, das wir aufgeftellt haben, jollte 
nicht allein für ums jein, fondern für ganz Frankreich, das demjelben Ziele 
dienen foll, und es ift ung nie in den Sinn gefommten, damit einer neutra- 
liſtiſchen dee zu huldigen. Das ift das Programnı, auf Grumd deffen ich 
die Präfwentichaft angenommen habe. Aber leider hat die Entmwid- 
[ung meinen Erwartungen nicht entjproden. Bon wenigen 
Ausnahmen abgejehen, find die Innerfranzoſen un'erer Partei 
ferngeblieben, einzig nur deshalb, weil in gewiljen Streifen unſer regio- 
naliftiiches Progranın derartige Formen angenommen bat, daß es in 
Franfreih mit Mißtrauen und Umwillen aufgenommen wroden ift. Dazu 
kommen gewilje unglüdliche Aeußerungen, die dazu beigetragen haben, daß 
der Graben, welder die beiden Bevölkerungen unſeres Landes trennt, immer 
größer geworden ift und die Entfremdung zunahm Wenn wir 
nicht in den Zuftand von vor dem Kriege fallen wollen, ift es nötig, daß ge— 
bremst wird, denn diejer Zuſtand darf nicht wiederfommen, 1. im Intereſſe 
unjeres eljäjliihen Volkes und 2. int Intereſſe des Weltfriedens. Vor dem 
Krieg war unier Volt ohne Vaterland Am Jahre 1870 wurden wir 
von Frankreich losgerifjen, und das Vaterland wurde ung geraubt. Bon 187 
ab hatten wir fein Vaterland mehr, ’ondern nur noh ein Heimatland. 
Se länger der preußiſche Drud auf unferem Lande gelegen, deito mehr hat jich 
der Eljäffer zurückgezogen. Im Kampf gegen die preußifche Regierung haben 
wir den PBartitularismus als SKampfmittel gebraucht. Unfere 
Pflicht ift es, das Volk wieder aus diejer Situation her— 
auszubringen. Denn fo notwendig das Kampfmittel war damals, alt 
wir gegen die Preußen anfämpfen mußten; als wir die Germanifation ber- 
hindern wollten durd den Partifularismus, jo gefährlich wäre es jet, wenn 
wir uns wiederindiefelbe Lage hbineintreiben ließen... Das 
Schlimmite wäre, wenn das Volt wieder in dieſelbe DOppofitiond- 
ftellung treten würde, nachdem das franzöftiche Vaterland wiedergefunden 
tft; wenn das Volk fich wieder als Fremdling fühlen würde wie vorher, 
und deshalb ift cs das größte politiihe Werf, unjer Volk dazu zu er- 
stehen, über die partifulariftiiche Fdee das nationale Empfinden zu ftellen. 
Die Tragik unſeres Grenzlandes beiteht darin, daß alle diejenigen, welche nicht 
vecht wilfen, wo fie hingehören, hin- und berpendeln... Wir müljen den 
Deutſchen, die alles mit Argusaugen betrachten, was im Elſaß 


vorgeht. jede Jllufion nehmen und uns nicht den Anfchein geben, als - 


würden wir niht auf franzöfiihem Boden fteben... Wenn 
wir jo auf nationalem Boden jtehen, fönnen wir unjere Rechte aud ver- 
teidigen Wir halten feftan unjeren Einrihtungen, wozu 
in erfter Linie das Konkfordat und die konfeſſionelle 
Schule gehört Wenn wir den Völterbund anrırfen, werden wir 
doch nicht chneller zum Ziel kommen Wenn wir den Namen unjerer 
Parteiändern, haben wir mit unſerer Politit mehr Erfolgim Pa vw 
lament. In dem Moment, wo man uns den Vorwurf machen kann, daß 


— 67 


wir die konfeſſionellen Intereſſen Höher ſtellen als die patriotiſchen, ſind wir 
verloren, Die legten Exeigniſſe in unſerer Partei haben ihre Schatten geworfen 
im Parlament. Das Eljaß kann ſehr viel dazu beitragen, daß die religiöſen 
Probleme in Franfreich friedlich gelöft werden, 

Viele Franzoien erwarten Hilfevon uns in dDiejer Beziehung; 
wir können ihnen die Hilfe aber nur bringen, wenn Man uns nidt 
Mangelan Batriotismus vorwerjen fann... 

In gewifjen Streifen des Landes befteht ein großes Mißtrauen 
gegen alles, wasvon Frankreich fommt, und wenn ih von Mif- 
trauen ſpreche, ift e8 ein Ausdrud, der jehr gemäßigt ift. Sogar innerhalb 
unjerer Partei bejteht ein großes Mißtrauen gegenüber gewiſſen Barlamen- 
tariern. Der Zuftand ijt außerordentlich peinlich. weil er zu einer Kata— 
ftrophe führen muß und uns entfremdet . . Die Regierung bat 
zweifellog große Fehler gemadt. Das muß jeder Men'ch erkennen. 
Die Fehler müfjen kritifiert werden, bi8 wir Genugtuung erhalten haben... 
Aber jtet3 umd ftändig unſer Volf nur auf die Schattenfeiten aufmerfjant zu 
machen, ijt eine gehäſſige Bolitit. Der Moment kommt, wo die Prejje die aui- 
gereizte Bevölkerung nicht mehr zufridenftellen fann, dann ijt der Fall da, wo 
ein großer Teil in das revolutionäre Lager hinübertreten wird, weil da im Ver— 
bältnis doch noch mehr geihimpft wird als bei uns... Die 
Kritik hat in energiicher Weife zu geichehen, aber in höflicher Form, denn mit 
dem Schinpfen kommt man bei den Franzofen nicht weit. Das tft der Unter- 
ſchied zwiſchen den Deutichen und Franzoſen. . . Man muß fih unwillkürlich 
fragen, wenn man unſere Preſſe lieft, jind wir denn noch franzöſiſch 
oder ſchon wieder deutſch? . . . Bisher führte die Preſſe die Partei, 
von heute ab muß die Partei die Preſſe führen. Das ſind meine Erwägungen, 
wenn id) das Präſidium wieder übernehmen ſoll. . .“ 

Herr Dr. Pfleger übernahm wieder das Präfidium, nachdem die 
„Siebe zu Frankreich” durch eine Refolution erneut feitgelegt und eine 
jtvaffere Kontrolle der Parteipreffe garantiert worden war. Die Vertreter 
der — erheblichen — Minorität (69 gegen 82 Stimmen) verjprachen 
BER Pin zu halten. Diefes Verſprechen wurde als „erfreulichiter 

tfolg der Tagung” befonders erwähnt. 

Her das Gebaren der elfäflischen Priefter im Spätherbit 1918 beob- 
achten konnte, der wird heute, angefichts der tief einichneidenden Stim- 
mungsunterjchiede bei der ſtärkſten und beftgeleiteten elſäſſiſchen Partei — 
fo wie wir uns auf Grund eines gedrudten Berichtes von dem Partei- 
porfigenden jelbjt ein Bild davon vermitteln ließen — eine gelinde Be- 
fürchtung rüdfichtlich der Tragfähigkeit des jegigen politifhen und jtaat- 
lichen Zuſtandes im Lande nicht los. 


Der Urſachenbegriff und jeine neueften Gegner. 
Bon Dr. med. Heinr. Boing (Warftade). 


„Crux metaphysicorum” nannte Hume den Begriff der Urjache und 
das ijt er geblieben, trog der Entdedung des Gejeges von der Erhaltung 
der Kraft, bis auf den heutigen Tag; ja. die Schwierigfeiten, ihm bei- 
zufommen, icheinen neuerdings jo gejtiegen oder wenigſtens vielen Natur- 


— 18 — 


Männer der Wi Eu ihn kurzer Hand zu befeitigen verjucht haben: der 


forfchern fo ae zum Bewußtſein gekommen zu fein, daß führende. 
h 


ausgezeichnete Phyſiker und Mathematiker Mach will ihn durch den 
| und der nicht minder vortreffliche Phyfiologe Verworn durch 

n Sonditionismus erjegen. Doch bevor ich 25 diefe Verfuche und ihre 
Begründung näher eingebe, wird es notwendig jein, den Begriff der Ur- 
fache, feinen Inhalt und jeine Entjtehung zu unterfuchen, weil ohne genaue 
Definitionen Mißverſtändniſſe unvermeidlich find. 

Wie aljo kommt der Menſch zu dem Begriff Urjache? 

Die Schwierigkeit in der Beantwortung diejer Frage liegt darin, daß 
Kant für die drei Grundbegriffe, Zeit, Raum und SKaufalität annahm, 
fie feien uns a priori gegeben, d.h. ung angeboren, während die Sfeptifer 
(Hume u. a.) auch fie aus der Erfahrung ableiten. Dies näher zu erörtern, 
it hier nicht der Ort; es foll nur gejagt werden, daß die naturwiſſenſchaft⸗ 
liche Forſchungsmethode, die reine bachtung Er einer ausreichenden 
Verbindung beider Standpunkte gelangt durch die Lehre, daß die Begriffs- 
bildung abhängig ift von zwei Faktoren, nämlich einmal von dem, Der Die 
Begriffe bildet, alfo vom Menjchen, und jodann von der Außenwelt, welche 
ihm das Material zur Begriffsbildung durch Vermittlung unferer Sinne, 
durch die Erfahrung liefert; d. h. mit anderen Worten: die ee nein 
iſt nichts Einfaches, jondern ein Produft aus unfever Teiblich-jeetifchen 
Organifation und der Außenwelt. Angeboren tft uns alfo die Säbigteit, 
das Vermögen, Begriffe zu bilden; ausgelöjt aber wind diefe Tätigkeit durch 
die Eindrüde, welche uns durch unfere Sinne aus der Außenwelt zugeführt 
mwerden. 

Sit jo die Möglichkeit der Bildung des Staufalitätsbegriffs gegeben, 
jo bleibt zu unterfuchen, wie die Möglichkeit zur Wirklichkeit wird. 

Wer mit offenen Sinnen feine Umgebung betrachtet, beobachtet bald, 
daß gewiſſe Vorgänge ſich regelmäßig oder jehr häufig wiederholen, mit- 
einander zeitlich) verbunden find, inden, wenn der eine Vorgang eintritt, 
der andere unmittelbar oder jpäter auf ihn folgt. Diefe Beobachtungen 
waren für den primitiven Menfchen von großer Wichtigteit; er lernte aus 
ihnen, nicht nur für den Augenblid leben, fondern fein Verhalten auf die 
Zukunft einftellen, beijpielsweife jich im Sommer und Herbit, welche Ihm 
genügende Ernährungsmöglichteiten boten, für den Winter vorfeyen und 
ausreichende Nahrungsmittel anhäufen, um fih in der unfruchtbaren 
Jahreszeit vor Hunger zu ſchützen. Mit diefer vorbauenden, auf die Zukunft 
gerichteten Tätigkeit war ihm jedoch keineswegs der re || gegeben; 
denn er jah lediglich, daß die Vorgänge zeitlich aufeinander folgten, wie 
die Nacht auf den Tag, der Donner auf den Blig, un er daß fie von 
einander abhängig, durch einander bedingt waren. 8 lernte er erſt, 
als er durch Beobachtung erg jelbit erfuhr, daß ein und derfelbe, i 
jelbjt betveffende Vorgang jtet3 mit denjelben Folgen für ihn verbunden 
war. Wenn er 5.8. beim Eindringen eines jcharfen Dorns in feinen 
nadten Fuß Schmerz empfand, jo nahm er nicht allein den zeitlichen Zu— 
ſammenhang zwijchen Eindringen des Dorns und Schmerzempfindung 
wahr, jondern erfannte auch, daß der Schmerz durch das Eindringen des 
Dorns in feinen Fuß hervorgerufen wurde. Noch deutlicher wurde ihm 
dieje neue Beziehung zwifchen zwei Vorgängen, wenn legtere aus feiner 
eigenen Synitiative entjprungen, durch feinen Willen zujtande gelommen 





— 1599 — 


waren. Zerdrüdte er 3.8. ein Vogelei zwilchen jeinen Fingern, fo fah er 
unmittelbar, daß das Zerbrechen des Eis durch den Trud jeiner Finger er: 
folgte und da er — Vorgang, ſo oft er wollte, ſtets mit demſelben Er⸗ 

bnis wiederholen konnte, ſo war ihm damit der Unterſchied zwiſchen dem 
Geitlichen) Naceinander und dem Durcheinander und gleichzeitig 
der Begriff der Urfache und der Wirkung negeben. Suchte er nun diejen 
Begriff auch auf die Vorgänge in der äußeren Natur anzumenden, jo fand 
er ba!d, daß es auch in ihr nicht nur zeitlich miteinander verbundene, fon- 
dern auch voneinander abhängige, kauſale Beziehungen gab, daß ſich aber 
die äußeren Vorgänge in diefer Beziehung wejentlich voneinander unter- 
ſchieden. Auch diefen Unterfchied lernte er bald zu feinem Vorteile be- 
nugen; er lernte 1. einen Vorgang willkürlich herbeiführen, um den ihm 
folgenden, ihm erwünjchten vorteilhaften Vorgang zu erzielen, umd er 
lernte 2. bei einem Stompler urſächlich miteinander verbundener Vor— 
änge den Eintritt der Vorgänge durch Ausichaltung eines derjelben ver- 
—— Daraus können wir entnehmen, daß der Kauſalitätsbegriff aufs 
innigſte mit der Entwicklung des Menſchen verbunden iſt; er gehört zu den 
älteſten und wichtigſten Inventarſtücken feiner geiſtigen und wirtſchaft— 
lichen Exiſtenz. 

Von dieſem Geſichtspunkte aus, der uns die Kauſalität als ein un— 
lösbar mit unſerer Organiſation verankertes Grundvermögen unteres 
Denkens erkennen lehrt, erſcheint es faſt unbegreiflich, daß zwei jo ſcharf⸗ 
ſinnige Gelehrte, wie Mach und Verworn, ſie als Beſen ja ſchãd⸗ 
lichen Ballaſt aus unſerem Geiſtesleben und insbeſondere aus der narur— 
wiſſenſchaftlichen Forſchung beſeitigen wollen. Er dürfte daher angebracht 
fein, die Gründe zu unterſuchen, aus welchem ſie ein pſychologiſch von vorn- 
herein jo ausfichtslos erfcheinendes Unternehmen ins Werk jegten. 

Da jedody die beiden Autoren von verjchiedenen Geſichtspunkten aus- 
gehen, nämlich Mac Hauptfählich von a Ber- 
worn, obgleich auf Machs ultern jtehend, von begrifflichen Radikalis— 
‚mus, fo iſt e8 notwendig, fie getrennt zu behandeln. 

Mach begründet jeinen Standpuntt —— en: „In den höher 
entwickelten Naturwiſſenſchaften werde der Gebrauch des Begriffs Urſache 
— Wirkung immer mehr eingefchränft. Das liege daran, daß ihnen die 
Schärfe ermangele und daß jie nur fehr vorläufig und unvolljtändia einen 
Sadwerhalt bezeichneten. Sobald e3 dagegen gelinge, die Elemente der 
Ereignijje durch meß bar e Größen zu charaktertjieren, was bei Räum- 
lihemund Zeitlihem ſich unmittelbar, beianderenfinnliden 
Elementen aber doch auf Ummegen ergebe, jo laſſe ſich die Abhängtafeit 
der Elemente voneinander durch den Funktionsbegriff viel vollitändiger 
und präziier darstellen, als durch jo wenig beitimmte Begriffe mie 
Urſache und Wirkung. Die Phyſik mit ihren Gleichungen mache dies Ver— 

ältnis deutlicher als e3 Worte tun könnten.” Als Beifpiel führt er die 
ormel p. v./T = konst für die Gaje an, in welcher man die Abhängtgfeit 
der drei Elemente p v und T (Drud, Volumen und Temperatur) bon- 
einander fufort erfennen und aus zwei befannten Elementen das dritte 
berechnen fonne. 
rüft man vorjtehende Erörterungen Machs genau, jo erfennt man 
bald, daß fie zur Abweiſung des Begriffs Urjache — Wirkung keineswegs 
ausreichen. vielmehr feine Notwendigkeit beftätinen. Mach behauptet 


— 160 — 


nämlich nicht, daß fich die Abhängigkeiten der Elemente voneinander 
durch den Funktionsbegriff ermitteln, fondern nur, daß fich die er- 
mittelten Abhängigkeiten am prägififten durch ihn daritellen Lafjen. 
In diefer genauen Fallung ift der Say Macs auch vollfommen richtig, 
verweiſt aber zugleih den Funktionsbegriff in die Grenzen feiner 
Zuftändigkeit, jo daß er nur zufammtenfaflenden, da8 Gedächtnis 
evleichternden, öfonomijchen Wert behält, während der Slaufalität ihr 
Rang als erfennendes und erflärendes Prinzip verbleibt. Zu diefer Auf- 
faffung führt uns auch die Gefchichte aller naturwiffenfchaftlihden Probleme; 
denn es gibt meines Wiſſens fein einziges in mathematifchen Formeln aus- 
gedrüdtes phyſikaliſches Gefeg, das nicht vor jeiner Formulierung durch 
Anwendung des Saufalitatsbegriffs in mühſamſter Arbeit errungen 
worden wäre. 

Mebrigeng fcheint Mach jelbit jeiner Sache nicht ganz ficher gewejen zu 
fein; fagt er doch in einer Anmerkung zu diefem Kapitel: „Ich habe irgend- 
wo gelefen, daß ich einen erbitterten Kampf gegen den Begriff Urfache 
führe; das ift nicht dev Fall; ich habe diefen Begriff für meine Bedürfniffe 
und Zwecke durch den Funktionsbegriff erſetzt. Findet jemand, daß hierin 
feine Befreiung oder Aufklärung liegt, fo wird er ruhig bei dem alten 
Begriff bleiben.” 

Ganz anders wie Mad jteht VBerworn: Der Opportunismus wird 
durch den Radilalismus abgelöſt. Verworn hält den Staufalbegriff nicht 
nur für entbehrlich, fondern für unnütz, falſch und verwerflich; er erfegt 
ihn durch den Stonditionismus. Seine Begründung ift folgende: Unjere 
Erkenntnis der Gefegmäßigkeit alles Seins und Weſchehens tft die Grund- 
lage aller naturwiffenfchaftlichen Forſchung. Geſetzmäßigkeit bedeutet aber 
nichts anderes als die Zatfache, daß jeder Zuftand oder Vorgang ein- 
deutig bejtimmt ift durch die Summe feiner ſämtlichen Bedingungen. 
Daraus aber ergibt J klar und eindeutig die Aufgabe aller wiſſenſchaft— 
lihen Korfhung. Sie kann nur darin bejtehen, die ſämtlichen Bedingungen 
eines Zuftandes oder Vorgangs zu ermitteln. Sind diefe Bedingungen 
fämtlich erkannt, fo ijt der Sufland oder Vorgang auch wiſſenſchaftlich 
erflärt Eine weitere Erflärung eriftiert nit. 

Diefe Definition iſt ſcharf und Klingt fehr beftechend; prüft man fie 
jedoch näher, fo fieht man bald, daß fie niht eindeutig if. Der 
Schwerpunkt liegt nämlich in der Auslegung des Wortes erklären. 
Verſteht man unter ihm lediglich, wie Verworn will, die Ermittelung aller 
Bedingungen, unter welchen ein Vorgang zuftande kommt, fo haben wir 
in ihr nid weiter als die Fetitellung aller Umftände, welche notwendig 
find zum Eintreten des Vorgangs; verjteht man aber unter Erklärung 
nicht bloß das Daß des Gefchehens, fondern, den gewöhnlichen Sprach— 
“ gebrauch entjprechend, das Wie und Warunı des Gejchehengs, jo geben uns 
offenſichtlich Verworns Bedingungen darüber nicht den geringiten Auf- 
chluß. Zur Erläuterung benuße ich das von Verworn felbit gewählte Bei- 
piel von dem Vorgange, welcher abläuft, wenn man Salzjaure mit tohlen- 
aurem Natron, bei Gegenwart von Waffer mifht. Dann entjteht ein 
neuer feiter Körper, I ke Natron, und ein flüchtiger, Kohlenfäure, 
welche frei wird — ein Vergleich, der nach Willkür mit immer gleichen Er- 
gebnis wiederholt werden kann. Nun fragt Verworn: Was ift die Urfache 
der Kohlenfäure-Entwidlung? Die Salsfäure oder das Fohlenfaure 


— 161 — 


Natron? und antwortet: In Wirklichkeit find beides notwendige Be— 
dingungen. Iſt eine von diejen Bedingungen nicht erfüllt, dann tritt feine 
Kohlen Aureentwidlung ein; diefe Bedingungen find alfo gleichwertig. Es 
ij daher durchaus umbereditigt, aus dem Komplex von Bedingungen eine 
\ un herauszugreifen und ihr eine dominierende Rolle anzumeiien. 
Das gilt für jeden Vorgang in gleicher Weiſe. Was ich feititellen kann 
jind nur Bedingungen, von denen er abhängt. Für eine Urfache bleibt 
daneben fein Play. (Man hat deshalb vielfach darauf verzichtet, von einer 
Urſache in der Einzahl zu fprechen und den Begriff der Urfache auf ſämt— 
liche bedingenden Faktoren eines Vorgangs angewendet. Aber dann 
zerfließt der Begriff der Urjache in nichts; denn er wird identifch 
mit dem Begriff der Bedingungen. Auch dieje Beweisführung feheint 
zutreffend, ijt es aber feineswegs. Verworn unterftellt namlich, hs auch 
Sachverſtändige einfeitig die Salzjäaure oder das Natron als Urſache des 
Vorgangs betrachten. Tas aber ift nicht der Fall. Denn alle wirklich 
Sachveritändigen belehren uns, daß der Vorgang ausgelöft werde infolge 
der verjchieden großen chemifchen VBerwandtichaft zwiichen den in Be— 
rührung gebrachten Körpern: zwiſchen Salzſäure und Natron  beiteht 
eine größere gegenfeitige Affinität als zwiſchen Kohlenſäure und Nation; 
deshalb verbinden ſich Salzjaure und Natron und die Kohlenjäure wird 
frei. Es ift alfo gar feine Rede von einer überwiegenden Rolle des einen 
Körpers noch von einer Mehrheit der Urjachen, fondern von der Zurüd- 
führung des PVorgangs auf das Geſetz der chemiſchen Verivandtichaft 
zwiichen verfchieden zufammengeiesten Slörpern. Zugleich aber erhellt, 
daß der Kauſalismus da einfegt, wo der Konditionismus aufhört; ‚eßterer 
gibt uns bloß die äußeren Umstände an, erjterer erklärt fie. 

Noch ein zweites, ganz einfaches Beifpiel: Wenn es regnet, wird die 
Erde naß. In diefem Sat kommt Verworns Konditionismus zum eins 
fachſten Ausdrud. Kauſal ausgedrüdt würde er lauten: Weil es vegnet, 
wird die Erde naß oder: der Regen tft die Urſache des Naßwerdens. ide 
Säge find unanfechtbar. Aber wie unterjcheiden fie fih? Nun, die erfte 
Faflung ftellt Tediglich das vegelmäßige Zuſammentreffen zweier Beob- 
achtungen jet, ohne etwas über ihr Abhängigkeitsverbältnis auszuſagen: 
diejes wird erſt bejtimmt durch die zweite Faſſung, in welcher wir, im 
Banne unferer Organijation, unſer Staufalitätsbedürfnis befriedigen. 
Auch hier jehen wir: die Feititellung der Bedingungen des Vorgangs ilt 
notwendig, feine Erklärung finden wir aber exit im Kauſalismus. 
Schwieriger jcheint die Auflölung des Problems bei ſehr zuſammengeſetzten 
Vorgängen, deren Anfangs- und Endziel durch viele Mittelglieder ver- 
bunden ift. Betrachten wir das befannte Beiſpiel vom Jäger, der einen 
Hajen jchießt. Tie Bedingungen find: der Jöger und der Safe, das Ge— 
wehr mit jeinen mannigfachen Einrichtungen, Schloß, Stecher, Purver- 
Ladung, Kugel, endlich Zielen des Jägers, Trud auf den Stecher. Faßt 
man den Vorgang als Ganzes ins Auge, jo fann offenbar von einer 
einzigen Urjache desjelden feine Rede fein, vielmehr hat Verworn voll⸗ 
koninien recht, wenn er in dieſer Be jefung den Urjachen-Begriff be- 
mängelt und behauptet, daß .die Erfüllung jamtlicher Bedingungen des 
Borgangs für fein Zuſtandekommen erforderlich jind. Zerlegen wir jedoch 
den Vorgang, um Mare Einficht zu gewinnen, in feine einzelnen Abichnitte, 
io erfennen wir leicht, daß auch bier der Uriachenbegriff durchaus bes 


— 12 — 


rechtigt iſt umd nichts von jeiner erflärenden Kraft verliert. Der Drud 
des Fingers auf den Stecher löft die Mechanik des Schloſſes aus und wird 
jur Urſache, daß die Zündnadel in die Zündpille eindringt und dieſe ent- 
zündet; von ihr jest Jich die Entzündung auf die Pulvermaffe fort, welche 
explodiert und die Spannung der Gaſe erzeugt, die die Kugel durch den 
Gemwehrlauf treibt, die ihrerjeits, wenn der Jäger richtig gezielt hat, den 
Hafen tötet. Wir fehen aljo, daß wir eine fortiaufende Kette von Urfachen 
und Wirkungen vor uns haben, derart, daß jede von der vorhergehenden 
Urfache erzeugte Wirkung ihrerjeit3 wieder zur Urfache der folgenden 
Wirkung wird und jo fort bis zum — des ganzen, von uns in 
Betracht eigenen Vorgangs. Ich Inge: es von uns in Betracht 
gezogenen Vorgangs; denn mit dem Tode des Hafens ift der Vorgang nicht 
abgeichloffen, ebenjowenig, wie er mit dem Fingerdruck des Jägers be- 
onnen hat. In beiden Richtungen, vorwärts und rückwärts können wir 
ihn weiter verfolgen, in erfterer in bezug auf mechanische Wirkungen (Er- 
zeugung von Wärme ujm.), in letterer in bezug auf die Motive, welche den 
Jäger zum Schieken des Hajens bewogen haben. Auch hier kommen 
wir auf einen unendlichen Prozeß (denjelben, welcher Rademacher ver- 
anlaßte, die Urfachenerforfchung auf biofogiichen Gebiet zu veriverfen). 
Gleichzeitig aber erfennen wir, Mi e8 immer nur Teilvorgänge find, 
welche wir, um überhaupt unterfuchen und unjere Erkenntnis erweitern 
zu konnen, analyiieren und auf ihre Abhängigfeitsverhältniffe voneinander 
erforſchen. Dieſe Begrenzung nehmen wir vor nad unjeren praftijchen 
oder theoretiſchen Bedurfnifjen. 

Betrachten wir ichließlich obiges Beiſpiel vom energetiichen Geſichts— 
punkte aus — Erhaltung der Kraft — jo iſt das Endergebnis, der Tod 
des Hafen, iediglich die ;solge der Uebertragung der Energie des explo- 
dierenden Pulvers auf die Kugel und Durch diefe auf den Körper des 
Hajen; alle anderen — (Urſachen) können nur als Hilfs— 
bedingungen bewertet werden, der Gewehrlauf z. B. als Leitform 
der Energie, der Fingerdruck auf den Stecher als auslöſendes 
Moment Daraus folgt, daß Verworns Annahme, alle Bedingungen 
jeien qleichwertig, unrichtig ift; denn weder der Fingerdrud des Jägers, 
noch der Richtung gebende Gemwehrlauf find der explodierenden Pulver— 
mafje äquivalent. Nur gleih notwendig find fie, denn wenn eine 
fehlt, fommt der Vorgang entweder gar nicht, oder nicht in allen jeinen 
Teilvorgängen zuſtande. Das letztere wird beionder3 deutlich, wern man 
das Zielen des Jägers betrachtet; zielt er falſch, fo verläuft der ganze 
Vorgang wie beim richtigen Zielen; nur das Endglied, der Tod des 
Hafen. fällt aus. Collte übrigens ein Jäger oder mancher Lejer der 
Meinung fein, dieje aanze ipisfindige Erörterung hätte ih mir durch 
Berufung auf den gefunden Menichenverftand eriparen können, jo bitte 
ich nicht mir, jondern Verworn die Verantwortung dafür aufzuerlegen. 

Arch die Mathematif glaubt Verworn fir feinen Konditionismus 
in Anſpruch nehmen zu fünnen; fie fenne den Uriachenbeariff gar nicht 
mehr; denn nicht weil, jondern wenn zwei Größen einer dritten 
gleich find, find fie alle untereinander gleich, jane der Mathematiker. 
Nun iſt e3 gewik richtig, dak der Mathematifer das Wort Urjache in 
jeinen Formeln und Beweisführungen ſehr felten gebraucht. er bedient 
ich vielmehr in der Regel des Wortes Beweis. Es würde ihm vielleicht 





— —— 


— 6 


ſogar etwas Unbehagen erregen, wenn jemand von den Urſachen der 
—— Beier Dveiede, anſtakt von ihren Gründen (Beweiſen) reden 
wollte. oran liegt das? Daran, daß man in der Gedankenwelt, in 
den abſtrakten Wiſſenſchaften, altem Sprachgebrauch folgend, nicht von Ur— 
fahen, jondern von Gründen fpricht, indem man einen Gedanken aus 
früher für wahr erfannten Gedanken begründend ableitet. Beiden Aus— 
drüden aber I der Kaufalitätsbegriff zugrunde, fie find im Prinzip 
identiih. Soviel im allgemeinen; im bejonderen aber muß ich Verworns 
obige Bemweisführung aus dem Sate A: B=:C als irrtümlich zurücdwetien, 
Die Formel bedei:tet, daß, wenn A=B und B=C ift, auch A-=C ift und 
diefe Formel ift zweifellos im Sinne Verworns fonditionell. Cie beruht 
aber offenbar nicht auf Anſchauung, fondern auf Abitraktion; fie wider- 
ſpricht jogar der Anſchauung, denn für die Anſchauung it A niemals 
leid B und gleih C. Wie ift der Mathematiter trogdent ihr ge- 

nmen? Er Int fie entwidelt aus der Anſchauung nicht unbejtimmter, 
jondern bejtimmter Größen. Bon der beſtimmten anichaulichen Größe 1 
ausgehend bezeichnet er die Summe von 1+1 als zwei, jo daß 1+1 
immer gleich zwei it; ferner bezeichnet er die Summe von I+1+1 
als drei, fo daß I+1+1 in: mer gleich drei iſt. Drei ift aber demaemäf 
auch gleich 142, da ich für zwei 141 einfegen fann. Wie jagt nun der 
Mathematiker? Er jagt keineswegs: wenn 141 = 2 und 14141 = 3 
iſt, dann ift auh 142 = 3, jondern er jagt: weil 141 = 2 umd 
1+1+1 = 3 ift, deshalb ijt auch 142 = 3, d. h. er fpricht fonditionell, 
iondern fawial, weil nad jeinen eigenen Voraxsjegungen 1+1- immer 
aleih 2, und 2+1 immer gleih 3 ft. Somit find auch von ihm die 
faufalen Beziehungen zwijchen den drei Größen anerkannt. Bringt er aber 
nun der Kürze wegen dieje kauſalen Beziehungen in die allnemeine 
Formel A=B=C, jo darf er dieje nicht mehr faufal, fondern er muß 
ſie konditionell überjegen, weil die Formel rein fonditionellen Einn hat, 
indem fie bedeutet, daß nur unter der Vorausfegung A ſei = B und 
B=-0,ıuh A=C iſt. 

Kurz zujanmengefaßt tft Inhalt und Ergebnis vorjtehender Er- 
örterungen folgendes: 

1. Der in unjerer pſychophyſiologiſchen Organifation begründete Ur- 
jachenbegriff (Kauſalismus) ift für den Fortſchritt wiffenfchaftlicher Er- 
fenntnis nicht nur nicht entbehrlich, fondern notwendig und unerjeglich. 

2. Machs Funktionismus iſt nur auf die durch den Kauſalismus ge - 
mwonnenen Extenntniffe anwendbar: er bringt fie in leicht überiichtliche 
Formeln. 

3. Verworns Komditionismus ift eine wertvolle Forjchungsmethode 
und Vorſtuqe des Kauſalismus, dem er das Material zu weiteren Fort— 
ichritten unjerer Erfenntnis liefert. 


— 16 
Weltipiegel. er 


Rad) der Heimkehr von Genua. Am 19. Mai hat die Schluß- 
jtgung der Stonferenz bon Genua — Sie brachte noch eine 
Reihe von bemerkenswerten Reden der beteiligten Staatsmänner. Auf 
Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden; es genüge, zu jagen, daß 
die Gejchielichkeit, mit der fich der Redner für die deutiche Delegation, 
Dr. Rathenau, feiner Aufgabe in diejem Falle entledigte, allgemeinere 
Anerkennung fand, als der Miniſter fich bisher jemals erfreut hat; jie 
entlodte jogar Herin Barthou einige Komplimente. Dieje jollten hs 
nur die Unterlage bilden fiir die miederholte Betonung des zäh feit- 
gehaltenen — Standpunktes, diesmal noch verbrämt mit einer 
Erklärung der franzöſiſchen Friedfertigkeit, die viel vom Klange einer 
Drohung an ſich hatte und allen mit der Wahrheit VBertrauten wie blutiger 
Sohn Eingen mußte. 

Lloyd George erging ſich in einer großen Rede, die darauf angelegt 
war, ihn am Ziel alles defjen, was er billigerweife wünſchen Zonnte, 
erjcheinen zu laffen. Das war hauptſächlich von Bedeutung für feine 
innere Yolitif. Denn Ki ihn fommt nun nach jeiner Rückkehr ein inner— 
politijcher Feldzug in Frage, wobei die Gegner der jegigen Stoalition ihn 
hart angreifen werden. Erſcheint alles, was er erreicht zu haben glaubt 
und in großen Worten gepriejen ei: der übrigen Welt als Mikerfolg, jo 
wird er einen jchweren Stand haben. Aber es lafjen fich bis zur Stunde 
noch feine Anhaltspuntte gewinnen, wie der Kampf ausgehen wird, da 
die befondere Gejchidlichkeit Lloyd Georges auf dieſem Gebiet weit mehr 
zur Geltung fommt, als in der Führung der großen Politik. 

Nun jtehen wir ın den Tagen der großen Epiloge zu Genua, wie jie 
jegt in allen Stabinetten, PBarlamenten und Blättern der Welt an der 
— ſind. Zugleich tritt mit dem vorläufigen Abſchluß der 
Konferenz ſelbſt nunmehr die Frage, die dort nicht berührt werden durfte, 
obwohl ſie ſozuſagen nach Erörterung ſchrie, wieder in den Vordergrund. 
Jetzt dreht ſich wieder alles um die Frage der Reparationen, 
und damit im engſten Zuſammenhange ſteht die der „Sanftionen“, 
die in den politifchen Plänen Franfreihs eine jo große Rolle jpielen. 
Zur Zeit weilt der Reichsfinanzminiſter Dr. Hermes in Paris, um in 
vorläufigen — man nennt fie „offizios“ — Beiprechungen eine Berjtändi- 
gung über den Standpunkt der len herbeizuführen. 
Die franzöfiiche Regierung hat eigenfinnig der engliichen gegenüber jede 
Verhandlung in dieſen Fragen abgeleynt;: fie will die Neparations- 
fommilfion aanz allein prüfen und entjcheiden laſſen. So entipricht es 
erjtens der franzöſiſchen Auffafjung des Verjailler Vertrages und jo auch 
zweitens der bisher nemachten Erfahrung, daß in der NReparations- 
fommijfion immer der Wille Frankreichs den Ausichlag gegeben hat, auch 
wenn die Mehrheit der andern in ihr vertretenen Mächte abweichender 
Memung war. Noch vor dem 31. Mai foll die Frage ins Reine gebracht 
werden, ob die Erklärungen Deutſchlands, den zulegt ergangenen Forde— 
rungen der Alliierten nicht genügen zu können, begründet find oder auf 
üblem Willen een und vielleicht abfichtlich herbeigeführten Hinder- 
nifjen zuzuſchreiben jind. Weiter aber handelt es ſich auch um die pofitive- 


— 165 — 


Enticheidung, welche Zahlungserleichterungen Deutichland gewährt werben 
mac alla —— werden muß, daß die ihm auferlegten Bedingungen 
uner r find. 

Daß das Thema der Erörterung überhaupt dieſe Geſtalt gewinnen 
konnte, muß Frankreich recht unangenehm fein. Denn ſeine ganzen politi— 
ſchen Pläne beruhen ja darauf, daß Deutſchland ſtets unter dem Druck 
unerfüllbarer Bedingungen gehalten wird, wobei Frankreich ſich bisher 
jederzeit der Reparationskommiſſion als eines gefügigen Werkzeuges be— 
dienen konnte. Nun wird zum erſten Mal ernſthaft ſachlich darüber 
beraten, ob man wirklich anerkennen ſoll, daß Deutſchland Erleichterungen 
braucht. Früher machte man das anders. Da dekredierte die — 
einfach nach den Weiſungen, die ihr vom Quai d'Orſay gegeben wurden, 
was Deutſchland leiſten könne und infolgedeſſen auch leiſten müſſe. So 
eht es jetzti nicht mehr, trotz Poincare, auch nicht trotz dem wütenden 
Saucpen der noch men tionaliften von der Art Tardieus, der eben 
jegt in der, fvanzöftfhen Kammer als Wortführer der Unzufriedenen dem 
Minifterpräfidenten wegen — allzu — Politik hart zu Leibe 
gegangen it. Woher diefe Aenderung der Lage 

n, das ijt eben doch eine Folge der Stonferenz von Genua, wo ſich 
duch die bloße Tatfache des Verkehrs der Delegierten im Stillen manche 
Erken ntnis — * die die offizielle Weisheit noch weit von ſich 
weiſt. So iſt die Einſicht, daß Deutſchland ohne internationale Hilfe die 
Verpflichtungen von Verſailles nicht erfüllen kann, jetzt Gemeingut aller 
ernſthaft urteilenden Kenner der weltwirtſchaftlichen Verhältniſſe, und 
damit muß ſogar Frankreich rechnen. Wie das zum Ausdruck kommt und 
wie das endet, ift heute noch nicht zu erfehen. Es hängt das auch wohl nicht 
von Frankreich allein ab, ſondern weſentlich auch von Amerika. 

Die. Vereinigten Staaten vertreten auch heute noch den Standpunkt, 
daß fie als politifche Macht dent kranken Wirtichaftstörper Europas tn 
feinen Zudungen und Nöten nicht beiipringen wollen, ehe er fi) nicht 
aus eigener Kraft wieder zu einer gewiſſen Gejundung durdhgerungen hat. 
Anderen Erwägungen fieht ſich aber die vereinigte Macht des amerifant- 
fen Großfapitals nüber, die im eigenen ntereife das ıhrige tun will, 
um im Ithandel wieder — Verhältn:fie ——— Und 
Frankreich als Schuldner Amerikas und fett finanziell arg notleidendes 

and — notleidend vor allem, weil nicht3 fo viel Geid foftet wie die 
Durhführung einer brutalen, imperialiftifchen Gewaltpolitik Innerhalb 
einer bereits ruinierten Welt! — darf nach der moralifchen und politiichen 
— — die es auf der Konferenz von Waſhington bereits erlitten hat, 
dieſe Helfer nicht zurückſcheuchen und verjtimmen. Zwar hält Fyankreich 
an feinem vermeintlichen Recht auf Sanktionen feft, falls der Spruch der 
Reparationstommiffion gegen Deutichland fallen follte.e Aber man weiß 
in Er auch gend genau, Se; die Bejegung des Ruhrgebietes für Frant- 
reihe Weltftellung einen Fehlſchlag und Tr Frankreichs wirtfchaftliche 
DBedürfniffe einen empfindlichen Verluſt bedeuten mirnde, eben wegen der 
he ag Amerikas und auch Englands, während der Verziht auf 
dieſen Getvaltitrei rer Erleichterungen durch das Gingretfen 
Amerikas in Ausficht jtellt. Die großen Worte, die in der franzöfifchen 
Preffe fallen und einen entgegengefegten Standpunkt zur Schau tragen, 
geitatten allein noch feine ER darauf, daß Frankreich auch diesmal 


— RE! 


— It das beicheidenite Maß von Berftändigung mit Deutfchland 
zurückweiſt. 
Von England aus iſt Frankreich durch verſchiedene Stimmen davor 
ewarnt worden, von dem behaupteten Recht. in Fragen des Verſailler 
Friedens zur Wahrung feiner Anfprüche auch allein vorgehen zu können, 
praftifchen Gebrauch zu machen. England erfennt dieſes Recht nicht an, 
und erjt in diefen Tagen hat der frühere Führer der er liichen Stonfer- 
dativen, Bonar Lam, ein überzeugter Vorkämpfer des engl'ch-franzöſiſchen 
Bündniſſes, in einer großen Rede, die eine eindringlit Warnung ar 
Frankreich bedeutete, das alleinige Vorgehen eines Alliierten, wie es Frank— 
reich anfündige, für ein Unglüd erklärt, wie es ein größeres für Franfreich 
und England nicht geben könne. Endlich fommen auch die Biten aus den 
Reihen der Kleinen Entente, die franfreich zur Mäßiaung mahnen, weil 
fie im Kal eines völligen wirtſchaftlichen Zuſammenbruchs Deutſchlands 
ſelbſt einer furchtbaren Kataftrophe ausgelegt find. Das gilt befonders 
bon der Zichechoflomwalei, wo man wegen der Folgen der franzöfiichen 
Schroffheit gegenüber Rußland auch für die eigenen Beziehungen und die 
eigene Titgrenze fürchtet. Wir ftehen alfo wieder vor Enticheidungen von 
großer Tragweite. W. v. Ma w. 


Bücherſchau. 
Literaturgeſchichte. 


Joh. Groß, Biographiſch-literariſches Lexikon der deutſchen 
Dichter und Schriftſteller vom 9. bis zum 20. Jabr— 
hundert Nah beiten Quellen zujammengejtellt. Leipzig 1922, Otto 
Hillmann. 

Nüglihes Nachſchlagewerk, das bis zur Gegenwart die bekannten Nanıen 
der deutjchen Literatur mit den mwichtigjten Taten, Pſeudonymen und Titel— 
engaben vereinigt. Eigene Werzurteile erwartet man von dem praftijchen 
Werkchen elkitveritänd.ich nicht; wo fi) ſolche etwas unſyſtematiſch zuweilen 
finden, würden ſie iroß der aus ihnen ſprechenden guten Geſinnung künftig 
beſſer ausgemerzt. 


Aelteſte deutſche Dichtungen. Ueberſetzt und herausgegeben von Karl 

Wolfskehl und Friedrich von der Leyen. Im Injeiverlag. 1922. 

Die ungemein jchwicrige Aufgabe, den ältejten Beitand unjeres deutichen 
Schrifttums jo zu Überjegen, daß dem heutigen deutichen Leſer ohne ipezialiftiiches 
Willen der dichteriſche Gehalt aufgeht und doch zugleich der altertümliche Duft 
erhalten bleibt, iſt in dieſem jchönen Werk des Inſelverlages rejoiut gelöft. Mag 
im einzelnen an dieſer Xerbindung von dichteriiher Nahichöpfung und literar= 
geihichtlicher Neftauratorenarbeit eines Stefan-Georg-Schülers auch vieles be— 
mängelt werden fünnen und find die Meberjegungsgrundiäge nıcht immer vom 
gleichen Wert, jo iſt doch dur Paralleidrud des Triginaltegtes mit der Ueber— 
jegung jedem auch zu Schwierigem bereiten Lejer ein geeigneter Weg zu tieferem 
Eindringen geboten. 


— 117 — 


Zofeph Körner, Das Nibelungenlied. (Aus Natur und Geiftestwelt, 

591. Band.) Verlag B. ©. Teubner, Leipzig und Berlin 1921. 

Der Prager Germaniſt führt unter fiherer Verarbeitung der fajt unüber- 
jehbaren Spezialliteratur dur Kunſtform und Stoffgefhichte des Nibelungen- 
Liedes zu jeiner äſthetiſchen Bewertung und ijt neben dem (mehr auf die Sage 
als das Gedicht eingeftellten) Holzſchen Sagenfreis der Nibelungen als Kom— 
mentar zu empfehlen. 

Alfred Göge, „Vom deutſchen Volkslied”. Verlag von Julius Bolge. 

Freiberg i. Br. 1921. Preis 15 M. 

Willtommene Gaben find die fünf Abhandlungen, die vom Weien des Volks— 
liedes, jeınem Stil, jenem Schiejal in der Gegenwart ufw. ſprechen und zuleßt 
„Goethe und das Hohelied” behandeln. 

9. Hefele, Dante. Erſte bis dritte Auflage. Stuttgart, Fr. Frommanns 

Verlag (H. Kurt) 1921. Broih. 5 M., geb. 32 M. 

Die nah Hohem jtrebende Jubiläumsſchrift verrät in ihrer gequälten 
Gedantenproduftion feine wejentliche innere Entjtehungsnotwendigfeit und führt 
leider weder die ernithafte Willenjchaft noch das Klare, auf das Wahre und 
Weſentliche gerichtete Verftändnis Dantes weiter. 


Prof. Dr. Franz Kampers, Dante und die Wiedergeburt. Eine Ein- 
führung in den Grundgedanken der „Divina Commedia“ und in defjen 
Quellen. Mainz 1921. Kirchheim u. Co. ©.m.6.H. Broſch. 6 M. 

Eine der wenigen wirklich wertvollen Gaben des Duntejahres, von einem 
jelbjtändigen Danteforfcher, der insbefondere den mythologiſchen und gnoftijchen 
Beziehungen der Commedia nachſpürt. 

Benedetto Croce, Dantes Tihtung. Mit Genehmigung des Verfaffers ing 
Deutſche übertragen von Julius Schloffer. Amalthea » Verlag, Zürich, 
Leipzig, Wien 
Der bedeutendite lebende Kritifer Staliens hat immer große Form, jo aud), 

wenn er in diefem Jubiläuuswerk verſucht, den Commedialeſer von gelehrten 

Gewiſſensbiſſen zu befreien und zum unbejangenen Genuß der bdichterijchen 

Schönheit hinzulenten. Es fällt ihm aber, wie allen Heutigen, ſchwer, den Haren 

architektoniſchen Forihungen Dantes zu genügen. 


Felir Niedner, Die Geſchichte vom Golden Enorri. Thule Alt- 
nordiihe Pihtung und Proja. 7. Band. Verlag Eugen Diederichd, Jena 
1920. Preis 10 M., geb. 20 M. 

Die Sage vom Golden Snorri ift von allen größeren JIsländergeſchichten 
die am meiften biftoriiche; die Kulturzuftände der vorchriſtlichen Zeit find 
nirgends getreuer gejhildert. 

Shakeſpeare in deutſcher Sprahe. Neue Ausgabe in jechs Bänden. 
Herausgegeben, zum Teil neu überjegt von Friedrih Gundeolf, Band 4 u. 5. 
Berlin 1921/2, ©. Bondi. 

Die beiden neuerjchienenen Bände umfaffen nicht nur die velativ größte Fülle 
Shafejpeariicher Hauptwerke, fondern dementiprechend aud die ftärfjte eigene 
Leiſtung Gundolfs, der „Maß für Maß”, „Zroilus und Erefjida”, „Macbeth“, 
„König Lear“ (diejen in Anlehnung an Tied), „Sommernachtstraum“ (drejen 
auf Grund von Schlegel), „Wintermärchen“ (auf Grund von Tied) ſelbſt neu 
überjegt hat. Eingehende Würdigung behalten wir uns nad Abſchluß des 
großen Unternehmens vor. 


— 1i68 


Rudolf Fiſcher Quellen zu Romeo und Julia. Shakeſpeares Quellen 
in der Originalſprache und deutſch herausgegeben im Auftrage der Deutſchen 
Shakeſpeare-Geſellſchaft. 2. Bändchen. Bonn 1922, A. Marcus u. E. Webers 
Verlag Dr. jur. Albert Ahn. 30 M. 

Das große Unternehmen der Shafejprare-Bejellichaft hatte uns kurz vor 
dem Krieg noch die Quellen zum „Lear“ engliſch und deutſch beſchert. Jetzt 
folgt als erjte Gabe des Friedens der „Romeo“. Ein neues Verſtändnis 
Shafejpeares wird durch dieſe Bände erſchloſſen: Genie und Stoff treten aus— 
einander, um fich für den nacherlebenden Lejer dann um jo frudibarer neu zu 
verbinden . Schwere Eorgen lagen auf der Fortführung des Quellen- Unter- 
nehmens der Shafejpeare-Sejellihaft. Die deutihe Deffentlichkeit jollte die 
Fortführung fordern und fördern. 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Ausgewählte Schriften und 
Gedichte. Mit kurzer Anteitung und Anmerkungen herausgegeben von 
Prof. Dr. ©. Hellinghaus Führer des Volkes. Eine Sammlung 
von Zeit: und Lebensbildern. 26. Band. M.Gladbach 1921, Voltsvereins- 
Verlag ©. m. b H. 12 M. 

Der gemütvoll begeijterte, fromm ehrfürchtige Freund des jungen Goethe 
verdient zumal ın heuiiger Zeit wohl, als ein „Führer des Volkes“ zu wahrem 
Zebensinhalt zu gelten. Hoffentlich findet die Proja und Poeſie verbindende 
Auswahl, den Weg auch zu nichtkatholiichen Lejern. 

Nobert Petſch, Deutihe Dramaturgie I, Bon Lejfing bis Hebbel. 
Zweite neubearbeitete Auflage. Hamburg. 1921. Paul Hartung Verlag. 
Geb. 26 M. 

Urteile und Belenntniffe aller großen und fchaffenden und fritifchen Geifteer 
über das Drama. Zuerſt 1912 erjchienen und jegt wegen feiner vieljeitigen 
Nützlichkeit neu aufgelegt. 

Eduard Engel, Goethe der Mann und das Werk. 11. Auflage, in 
zwei Bänden. Verlag von Georg Weſtermann. Hamburg, Braunſchweig, 
Berlin. 1921. Gebunden Preis 140 M. 

Engel hat ſein jetzt in zwei Bänden geteiltes Goethewerk fleißig erneuert. 
Am ſtärkſten treten die Zuſätze in dem Abſchnitt über Frau v. Stein in die 
Erſcheinung. Engel hat die Beweisführung hier zu ſolchem Umfang gebracht, 
daß dieſes Kapitel jetzt faſt als Spezialunterſuchung den Rahmen des Handbuchs 
ſprengt. Wirkſam iſt freilich ſein Angriff auf die Ueberſchätzung der Frau 
v. Stein, wirkſamer als ſeine eigene Ueberſchätzung Chriſtianes. Im ganzen 
hat Engels Getheobuch ſeine beſonderen Vorzüge bewahrt, durch die es in der 
Reihe der Biographien, folange wir fein wirklich allfeitig befriedigendes Goethe- 
werk bejigen, namentlich für realiftiih veranlagte reifere Lejer feinen Rang 
behaupten wird. 

Der Merter. 


Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Guftap Manz in Berlin. 


— — — en 
Verlag: Deutſcher Verlag, Abteilung Grenzboten, Berlin SW 48, Wilhelmſtraße 8—9. 
ernruf, Nollendorf 4849. 

Druck: Allgemeine Verlagd- u. DrudereisBejellfchaft m. b. H., Berlin SW 48, Wilhelmſtr. 9. 


Rüdfendungen von Manuffripten erfolgt nur gegen beigefügtes Nüdporto. — Nach⸗ 
drud jämtlicher Aufjäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geftattet. 


Die Grenzboten 
Politik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 3. Juni 1922 
Nummer 21 


Zufammenbrud) und Wiederaufftieg 


vor hundert Jahren. 
Eine Bonner Rede. 
Bon Frig ern. 


(Fortjegung.) 
1. 


Als das eigentliche Ziel feiner fozialen Reformen bezeichnet Stein felbft 
den Gedanten: 

„Einen fittlichen, — vaterländiſchen Geiſt in der Nation zu 
heben, ihr wieder Mut, Selbſtvertrauen, Bereitwilligkeit zu jedem Opfer 
für die Nationalehre einzuflößen.“ 

Als Mittel zu dieſem Zweck, den Deutſchen, die noch keine Nation 
find, den Weg zur Nation zu bahnen, empfindet auch Scharnhorſt die 
eral.Demteaten Einſchläge feiner Heeresreform. Er jchreibt dar- 
über : 

„Man — der Nation das Gefühl der Selbſtändigkeit einflößen, 
man muß ihr Gelegenheit geben, daß jie mit fich ſelbſt befannt wird, daß 
fie fih ihrer jelbft annimmt; nur erjt dann wird fie fich jelbft achten un 
von anderen Achtung zu erzwingen wiſſen. el hinzuarbeiten, dies 
ift alles, was wir fünnen. Die Bande des DVorurteils löfen, die Wieder- 
geburt leiten, pflegen, und fie in ihrem freien Wachstum nicht hemmen, 
weiter reicht unjer hoher Wirkungstreis nicht.“ 

Mit diefen Selbjturteilen der Reformer über das, was die Reform 
fein follte und mas di nicht fein wollte, find wir auf den richtigen Pfad 
“ gelangt. Diefe nichtpreußifchen deutſchen Reformer Preußens kennen 
und fühlen die Krankheit, an der nicht das Preußentum, fondern das 
Deutihtum litt. f 

8 fehlte dem Deutjchtum von 1792 gänzlich an einem gemeinchaft- 
lihen Willen, ja — an der Ueberzeugung, daß ein ſolcher nötig oder 
wünſchenswert ſei. an kann drei Gruppen deutſcher politiſcher Willens- 
zentren unterfcheiden. Die hundertfältig zerfegte Stleinftaatenmwelt war 
politifch faturiert, jtrebte jedenfalls über Kirchturmsbegehren nicht hinaus. 
Der zweite Komplex, die habsburgiſche Monarchie, Erbin der alten Zentral- 

It, hegte noch gewiffe Erinnerungen an Ede Sefamtverantivortung 
Kir Deuftehland, doch nur im Abfterben und überwachſen von national 


— 170 — 


gleichgiltigen dynaftifchen und europäifch-donauftaatlichen Belangen. Der 
dritte Kompleg, die preußifchen Länder, waren durch die drei großen Hohen- 
zollern zu einem Staat verlötet; und diejer Staat, ein beivunderungs- 
würdiger auf Selbitvergrößerung eingerichteter Appavat, jtand ſeit Friedrich 
dem Großen in einem Diioeriuhend von dem aus dreierlei 
möglid war: Rückfall in das verantwortungsloſe Kleinjtaatvegetieren, 
Auswachſen zu einer mittelofteuropätichen, national indifferenten Groß. 
macht oder Hineinwachſen in Rechte und Pflichten einer neu zu bildenden 
— Zentval lt. Ung ſcheint ſeit 1813 und 1866 die letztere Ent- 
willungslinie felbitverftändlich; dieſe ſcheinbare Gelbitverftändlichteit ift 
aber wieder nur ein unzuläffiges Dogmatifieren des tatfählichen Erfolges. 
Von 1786 bis 1806 ging Preußen mehr in der Richtung auf ofteuropätich- 
großmächtlichen — oder auf Rücbildung in vegetierende Kleinjtaat- 
genügfamfeit, beidenfalls aber in nationale Verantwortungsloſigleit. Das 
ift das preußifche Uebel der Zeit, und diejes Uebel ijt nur die preußiiche 
Erſcheinungsform des allgemeinen deutihen Grundübels, der Vielſpältig— 
feit Duccheinanderlaufender Willensziele. 

Der Ausbruch der 23jährigen deutjchfranzöfiichen Kriege 1792 enthielt 
wohl auch einen elfäljiichen wg indes ging er nicht darım, ob Elſaß 
zum deutichen Volt gehören jolle, jondern lediglich um dynaſtiſche Gerecht- 
jame. Das franzöfiihe Volt begeijterte fich bald für das Ideal der natür- 
lihen Gvenzen, als es die deutjche Abwehr jo über alles Erwarten ſchwach 
fand, und die große Nation zahlte für diefes ihr deal durch die Kon— 
jfription, das Volksheer. Das deutfche Volt war, wie an den Etreit- 
gründen, jo auch an der aktiven Kriegführung unbeteiligt, die fait aus- 
ichließlich in. der Hand der Kabinette und Berufsfrieger lag. Kaum eine 
Schlacht gibt es in dem ganzen Zeitalter, in der nicht Deutice a 
einhieben, nach dem Modell der Schlacht von Boupines. Wenn Kabinette, 
‚seldherren und Bevölkerung das linke Rheinufer preisgaben, wofür follte 
ſich dann, folange ——— nichts weiter anzuſtreben ſchien als Die natür- 
lichen Grenzen, alfo bis 1803, eine Volks bewegung erheben? 

Deutſche Siege, deutjche Niederlagen gab es nicht. Preußiiche Siege 
jtürzten das dverbindete Defterreich in eiforfüchtige Sorgen; — e 
Siege machten das verbündete Preußen nervös. Gemeinſame Niederlagen 
enthielten geheimen Herzenstroſt: die Selbſtmörderecke im deutſchen en. 
Preußen fand Oeſterreich, Oeſterreich fand Preußen perfide; beide ſchielten 
von der nur lau verteidigten Weſtfront weg nach der e Polens, 
um bei dieſem wichtigen Geſchäft untereinander mit Rußland itt zu 
halten. Nad) einem — Krieg hatte Frankreich das Geheimnis der 
deutſchen Politik erfaßt, das divide et impera hieß. Oeſterreich war von 
dem legten Verantwortungsreſt für die deutjche Sache abzufprengen, wenn 
man ihm DVergrößerungen in Bayern, Italien, auf dem fan vorhielt. 
In Preußen war die ſchwache deutſche Gewwifjensftimme zum Schweigen 
u bringen, wenn man Ihm großmächtliche Ehren und Vorteile in Ausſicht 
heine und gleichzeitig die rivalifterenden Defterreicher um ihre ſüddeutſchen 
Vergrößerungen betrog. Bayern war in den Rheinbund zu födern, wenn 
man ihm Deſterreich vom Leibe hielt und feinen eigenen bayeriſchen Land— 
hunger ſtillte und reizte, ihm die Königskrone gab, und ſo alle die bunt— 
ſcheckigen Herren und Herrchen, wenn man ſie aus der nt 
Entihädiqungsmaffe ausftattete und die Fetzen gegen einander ausfprelte. 


uf Deutihe 


— 11 — 


Der Rajtatter Kongreß, auf dem alle diefe dußende und hunderte 
deutjcher Stoatsziele und -zielchen durcheinanderwimmelten, gab den Fran- 
zofen den Schlürfer zur deutihen Feltung in die Hand. Die deutiche Ge- 
ſamtſache war jedent diejer ee aa für ein bis 30 Silberlinge feil. 
> fonnte in diejes Chaos Ordnung bringen, als die gemeinfame 
S 


Das Neben- und Gegeneinander der öſterreichiſchen, preußiſchen, 
anhalt⸗köthenſchen, iſenburg-birſteiniſchen uſw. Staatsziele verhinderte voll- 
ſtändig das Entſtehen eines deutſchen Geſamtwillens. Was die Franzoſen 
in der Zeit der Jungfrau von Orleans, im hundertjährigen Krieg um ihr 
Land, was die Briten im allmählichen Ausbau ihres Pivatenftaates gelernt 
hatten: daß jeder lebendige Organismus die Funktion feiner Zellen bis zu 
einem hohen Grade mechanifieren muß, um im Bentrum des Bewußtjeins 
einen einheitlichen Willen zu bilden, das hatte um 1800 Deutjchland nod) 
nicht gelernt; es war weder organifatorijch noch geiitig ein Lebeweſen, 

ſtenfalls eime Kolonie von Einzelzellen. Der Reichtum der Sonder: 
bildungen, der Kulturzentven und Originale wurde mit einer grotesten 
Hilflofigkeit im der großen Kriſis bezahlt. 
. ‚Seit der preußifchen Neutvalität von 1795 liegen fich die Deutichen 
m jedem Feldzug einzeln jchlagen, jeit dem Rheinbund 1806 halfen fie 
eifrig mit, Deutfche durch Deutjche zu bejiegen. Bis 1795 wird der gemein- 
fame Krieg jchlaff, mit Seitenbliden und Mißtrauen geführt. Seit 1805 
zögern immer Ocfterreich oder Preußen abmwechjelnd riſikoſcheu, bis die andere 
deutiche Großmacht allein über Napoleon einen Anfangserfolg errungen 
babe, um fih da un am Sieg zu beteiligen. Auf diefe Weiſe erringt nur 
— Napoleon faſt riſikolos die Teilſiege, die ſich ihm zur Welthervfchaft 
runden. 

Bei den Gebildeten Deutſchlands, bei den Denkern und Dichtern, denen 
alles Irdiſche ſich zum Idealen wandelte, hatte ſich die nationale Willen— 
loſigkeit in weltbürgerliche Weitſicht, in humane Vorurteilsloſigkeit ver— 
klärt. Das Nationale war dem gebildeten Dichter um 1805 eine geiſtige 
oder gefühlsmäßige, aber feine Willensangelegenheit. — „Deutichland? 
Wber wo Liegt es? ch weiß das Land nicht zu finden; wo das gelehrte 
beginnt, hört das politifche auf“, fo las man 1796 treffend in Goethes 
und iller8 Xenien. Auch die Gelehrten mußten, wie der Bürger und 
Bauer, dem der Hof rauchte, und das Hemd vom Leib gezogen wurde, erſt 
durch die bittere Not lernen, daß die Yage Deutichlands auf dem Globus 
nichts mit dev Inſel der Phäaken gemein hatte. Ob nun aber der Mangel 
an Gefamtivillen als partifulare Parteifucht oder als edler Kosmopoli— 
tismus erjchien, ob diejes Fehlen eines Willenszentrums mehr die Züge 
philifterhafter Enge oder unpraftifcher Verſtiegenheit annahm, jedenfalls 
ergab fich eime faliche Piychologie auch in den einzelnen Maßnahmen der 
deutichen Staatsgebilde, ihrer Striegsführung wie Diplomatie, ihrer 

inangpolitit wie ihrer Verwaltung. Es giebt nichts in Diefem welt— 
temden Sinne Deutfcheres als die klaſſiſche Anweiſung, welche im Br 
1803 die hannoveriche Regierung ihren Truppen gab, als eine ſchwa 
feindliche Kolonne die Neutralitat Hannovers zu verlegen ſich anjchidte: 
„Der Oberdommandierende möchte den Truppen nicht — zu feuern 
a Bo im dringendften Notfall das Bajonett mit Moderation zu ge- 
vauchen.” 


— 12 — 


Noch ein letztes Beifpiel. Der Heldentenor der damaligen deutichen 
Literaten, Johannes v. Müller, der „deutiche Tazitus“, wie er ſich gerne 
nennen hörte, befämpfte bis 1805 mit — Worten Napoleon, den 
„kleinen Menſchen“, der „nur durch die Niedergeworfenheit der Andern“ 
groß ſei. Er will bis zur Wolga weichen, um in Freiheit vor dem Defpoten 
zu leben; er begehrt nichts als eine Handdruderei, um „täglich Demojt- 

niſches“ gegen den Welteroberer „hinausgehen zu lafjen“. Ein Jahr 
päter, und nach einer Unterredung, die der fvanzöfiiche Sailer dem be- 
rühmten Gelehrten bewilligt, in der er, man denfe, ſich jogar im Flüfterton 
zu Müller hevabgeneigt bat, erklärt fich diefer jeelifch für erobert. Er 
bettelt für Deutfchland jegt nur noch um einen geijtigen — — 
gleich dem ———— Athen im Nömerreich, verkündet der Welt die alles 
überblendende Größe des zur Weltherrihaft berufenen Cäſars, und ftirbt 
als Kultusminifter von König Jerome Bonaparte. 

Auf diefem zeitgenöffifchen- Untergrund begreifen wir nun die Kata— 
itrophe von 1806. 

Nicht Mangel an Reformen heißt das deutfche Grundübel der Tage. 
E3 gibt faum eine reformfreudigere, ja 3. T. fogar reformmmütigere Es 
in Deutichland als die, welche den Zuſammenbrüchen voranging. n 
braucht außer Friedrich dem Großen und Mavia Therefia ja nur die Namen 
Joſef IL, Karl Friedrich v. en, Kurfürſt Emmerih und Dalberg in 
Mainz, die Schönborns und Erthal in Würzburg, Karl — Weimar, 
Karl Wilhelm Ferdinand von Braunſchweig, Montgelas in Bayern nennen. 

Beſeitigung überlebter Standesvorrechte, Aufhebung wirtſchaftlicher 
und rechtlicher Schlagbäume, Vereinfachung und Verbeſſerung der Ver— 
waltung, ſolche Reformen erlebte auch das geſamte heilige Römiſche Reich 
edvängt in ſeinen Zuſammenbrüchen von Raſtatt und Lunséville; Die 

utichen Einzelſtaaten des Rheinbundes erlebten derartige Fortichritte 
meijt jogar in Fräftigerem Zugriff als Preußen. Aber e3 zeigte fi, daß 
die eigentliche Fruchtbarkeit zeitgemäßer Neformen misblieb, wo fie nicht 
aus nationalem Willen geboven waren. Die Bedeutung der Einrichtungen 
und ihrer Reformen hängt nicht allein ab von der perfonlichen Zerfahren- 
heit oder Entjchlofjenheit derer, welche die Verwaltungs und Spzial- 
teformen —— ſondern in ebenſo hohem Grade von den letzten 
Zielen, denen ihre Entſchloſſenheit nachſtrebt. Jene wohlgefällig ſtrebeviſche 
Bürokvatie der Friedrich Wilhelme, die bis 1806 den Ton angibt, die 
ſchönen Geiſter, denen Stein wegen ihrer unmännlichen, zum politiſchen 
Abbau wankenden Politik ſo zornig grollt, ſind liberalen Reformen eifrig 
zugetan. Der Kabinettsvat Beyme, Steins Widerpart in den ragen 
mutiger oder mutloſer Staatsführung, iſt ſein Schrittmacher in der Soztal- 
teform.*) Jene Altpreußen wie Nork, Steins Widerjaher in der Reform, 
—7— ULRICH jeine Verbündeten in der Staatspolitit. Wie löſt fich das 

ätje 


*) Beyme, der natürlich bei dem aufgeflärt-abjolutiftiichen Teil der Liberalen 
Reformen ftehen bleibt, hat durhaus Recht, fich darüber zu beflagen, daß die 
Außenwelt das Verdienſt an der Sozialreform zu ausſchließlich Stein zufchtebe, 
der 3. B. bei dem berühmten Edift vont 9. Oftober 1807 nur die Unterſchrift 
— —* Aus dem Nachlaß Varnhagens von Enſe, 2. Band, Leipzig 1867, 
©. ; 


— 13 — 


II. 

Ich habe vorhin das —— Preußen als einen Zwiſchen— 
zuſtand zwiſchen Kleinſtaat, ifferenter Großmacht und deutſchem 
Nationalſtaat gekennzeichnet. Um ihr Land in dieſen Zwiſchenzuſtand zu 
erheben, hatten die drei großen Hohenzollern eine außerordentlich ſtraffe 
Einſpannung der —— den Staatswillen durchſetzen müſſen. Und 

rgab der friderizianiſche at jedem Stand ſeine beſtimmt zugemeſſene 
—* in und für den Staat, dem grundbeſitzenden und zum Offiziers— 
dienjt herangezogenen Mel eine ftreng gefchiedene Funktion, ben nur durch 
Steuerzahlen aktiven, ſonſt politifch und militäriſch paſſiven Bürger eine 
andere, in Eigentumsreht und Bewegungsfreiheit beſchränkten 
Bauern eine dritte. Uebergriffe eines Standes in die Sphäre der andern 
waren verhindert; diefe faftenmäßige Gliederung des bürgerlichen Lebens 
gab dem Monarchen mit den Dienjten, auf die er ficher, ja automatic 
zählen konnte, zugleich die alleinige volle Beivegungs- und Verfügungs- 
freiheit über die Sträfte, Mittel und Ziele des Ganzen. Aus der Not und 
dem Stolz des jiebenjährigen Strieges hatte ſich ein rüdhaltlojes Staat3- 

efühl auch in die dienenden Teile der Bevölkerung verbreitet. Dies ganze 
veußen des achtzehnten Sahrhunderts aber war auf den Kampf mit 
eiterveich zugejchnitten, es war ein jcharfes, jicheres Inſtrument zum 
Wahstum über andere deutiche Territorien, ähnlich wie fi) im Mittelalter 
in Frankreich oder bei den Anglonormannen die Königsdomäne über die 
Seigneurien ausgebreitet hat, und der preußiich-öfterreichiiche Dualismus 
des 18. Jahrhunderts ift ein veripätetes Abbild des MWettitreit3 der 
Kapetinger und Plantagenet3, wer von beiden im Frankreich des 13. Jahr—⸗ 
hundert3 ſtärker wachfen und wer zulegt der König im Reiche fein jolle. 
Was jollte da in einem folgen Zuſtand 5. B. der Gedanke eines Volks— 
ere3? Man fonnte feine levee en masse entjeffeln, um Schlefien fritziſch 
tatt therefianifch zu machen; man fonnte feinen Volkskrieg führen, um die 
tele des Fürftenbunds zu fchügen. Zu diefen Zmeden genügte das 
rufsheer und mußte genügen. Ya, Died preußifche Berufsheer im 
Kabineitskrieg des 18. Jahrhunderts Hat 1756 ja die drei feindlihen Groß- 
mächte zugleich a die Hörner genommen, ohne daß der Bürger und der 
r in Preußen den Soldatenrod anziehen brauchten. Welche Ent» 
täuſchung davum für die Veteranen von Roßbach, als bei Syena ein 
nzöſiſches Heer, das freilich Durch feinen Soubiſe geführt war, die ganze 
marchie über den Haufen warf! Das leidenichaftliche Nationalgefühl 
der Franzojen war mit der Inflation des Berufskriegs zum Volkskrieg 
bom ngen. Was follte nun gefchehen? Konnte Preußen, das fride- 
—; hen, jest zu der Vollsbewaffnung übergehen,- die auch 
einem Stein und Sharnborft vor der Kataſtrophe unermünfcht, fait 
umdistutierbar evjchienen war? Konnte Breußen als Preußen, für feinen 
Beitand, das ganze Volk zu tätigem Kampf aufrufen, Krieg, nicht mehr 
Ruhe als die erſte Bürger pflicht proflamieren? 

Es konnte dies nicht, wenn es in jenem Zmifchenzuftand zum Zweck 
der Vergrößerung innerhalb Deutſchlands beharren wollte, eg konnte es 
ebenjo wenig mit Erfolg als indifferenter Großſtaat; es fonnte es nur, 
wenn e3 fih als Durhgangszone zum Nationalftaat auf 
— und deshalb hängt im Geiſte der Reformer die deutſche Miſſion 

reußens mit der Frage der Volksbewaffnung ſo untrennbar zuſammen. 


— 114 — 


Das Voltsheer forderte den deutſchen Nationaljtaat, und nur die— 
jenigen, welche in der Not der Zeit prophetiich den Nationaljtant auf- 
fteigen fahen, durften das Voltsheer fordern und jcaffen. 

„La patrie, c’est ce qu’on aime,“ jagt Fuftel de Coulanges. Deutſch- 
land ee 300 Baterlander; mit ganzer Seele fann man aber nur 
eines lieben; die ſeeliſchen Kräfte mußten erſt gefühlsmäßig zur 
Einheit ftreben, bevor die phyfifchen Kräfte ernithaft angeipannt werden 
konnten. 

Ein Friedrich der Große hätte natürlich aus der Adminiftration von 
1795 und 1805 noch ganz andere Sträfte ne als die Biſchofs⸗ 
werder und die Haugwitz, und es war ebenjo ungerecht, nach 1806 die von 
Friedrich everbte Staatsmafchine zu ſchmähen, wie e8 vor 1806 töricht 

weſen war, fi) auf ihve Umübertrefflichfeit zu_verlaffen. Aber die 
Birku welche die neue Zeit erfowderte, fonnte Preußen als ſolches 
nicht leiſten, auch fein liberal reformiertes Preußen. Bleiben wie es war, 
konnte Preußen nicht. Sant es zum bloßen Kurfürſtenſtaat zurüd, jo ver- 
lor ee jeinen legten Kriftallifationspuntt; wuchs es, wie in den 
ven 1793 und 1795, ftatt nach Deutſchland Yinem, über Warſchau 
inaus, jo geriet e8 in Gefahr, eine Dublette de3 Habsburgerreiches zu 
werden. Wuchs e8 aber in der Mt nach Deutichland hinein, daß es den 
liberalen Zeitjtrömungen folgte, dem Seal des Vernunftsſtaates, dem 
vor allem wichtig ift der Schuß des Individuums gegen die Staatsmacht, 
dem die innere Politif folglich alles bedeutet und die „Beitimmung der 
Grenzen der Staatswirkjamteit“ gegenüber dem Individuum, dann ... 
verlor Preußen fich felbit, jeine Tradition, und guelei die Möglichkeit, 
gr Macht zu fteigern, indem es fie ganz in den Dienft der Nation jtellte. 
nn die Zeiten waren nicht danach angetan, das ruhige Wachstum eines 
möglichſt milden, möglichſt philofophifchen Vernunftsſtaates zu begünftigen. 

Wenn Kabinettsrat Beyme, der allerjeitö liebenswürdige, reiffirende, 
auch auf fein eigenes Wohl eingejtimmte Philanthrop, die ſtändiſche mit 
Kaftengliederung lodern, privilegierte Stände einebnen, wirtjchaftliche und 
Ber Schranken bejeitigen, dem Polizeiftnat mehr Spielraum für indi- 

iduelle Regjamleit abgewinnen will, jo meint er damit etwas anderes 
als der harte Seelentenner Stein. Benthams Staatsmweisheit regierte die 
Vornotzeit: „Die größtmögliche Glüdjeligfeit einer größtmöglichen Anzahl” 
war da3 Ideal, dem die Staatsmarimen nacheiferten, und zu dieſer Glück— 
feligfeit re ein Minimum von — des Einzelnen gegen den 
Staat. „Nicht durch Mängel in der Behördenverfaſſung,“ ſagt Fritz 
Hartung, „it Preußen nad Jena und Auerjtädt geführt worden, jondern 
durch das ee der alten er durch die Friedrich Wilhelm I. und 
Friedrich der Große die Macht des Staates aufs äußerſte gefteigert hatten, 
durch die allzugroße Nachgiebigkeit gegen den humanen Zeitgeift, durch die 
Furcht, Opfer ‚zu verlangen.“ Nachlaffender Steuerdrud, aber auch 
entiprechend nachlafjende jtaatliche Machtmittel, Hegung des Individuums 
und Mehrung feiner Bewegungsfreiheit, aber Abkehr des felbittätigen 

ndividuums von dem Staat, der immer weniger verlangt: Auf dieſe 

eife ließen fich die Großmachtambitionen Preußens nur jo lange aufrecht- 
erhalten, als die Brobe auf den Ernitfall ausblieb. „Unſer Staat hört auf, 
ein militäriicher Staat zu fein und verwandelt fi in einen exrerzierenden 
und fcehreibenden“, jagt Stein um 1800. Es Iebte ſich im damaligen 


— 15 — 


reformierenden Preußen weit bequemer als zur friderizianifchen Zeit, 

doc werden ihm böje Nachbarn feine Ruhe dazu gönnen, und jo wird ſich 
reußen entweder verflüchtigen, oder zu der Staatsenergie Friedrichs des 
roßen zurüdfehren. 

Das Lestere will Stein. Aber die friderizianishen Ziele find nicht 
mehr und die friderizianiihen Methoden reichen für die neuen Ziele 
nicht mehr aus. Alſo friderizianiiche Energie gi neue Ziele mit neuen 
Mitteln gerichtet! Beyme ift liberal und er will damit den Untertan be- 
glüden. Nicht jo Stein: Auch er ift libeval. Aber er will damit jene 
Gefühle im Individuum weden, welche die Pavadoxie möglid machen, daß 
der Menfch aus Liebe zum Leben feines Volkes fich felber töten läßt. 
Nur Liebe Deutichland, nicht Neglementierung auf irgend ein alt= 
—— tel kann dieſe Pavadoxie in den Maſſen zur Reife bringen. 

icht alſo um die Opfer des Einzelnen zu erleichtern, — um ſie zu 
vervielfachen, ſind Stein und die Seinen liberal. Dies Stveben ſchließt 
das andere, die Aufrichtung einer wirkli führenden und fordernden 
Autorität nicht aus, jondern verlangt fie zur Ergänzung. Und dieſe 
liberalen Reformer find zugleich felbjt die energifchen Führernaturen, und 
fomit iſt alles gut, und der jtraffe Staatögeift Friedrichs des Großen kehrt 
auf einer höheren Kehre der Spirale wieder unter Hereinnahme der zeit- 
emäßen Reformen, unter Abjtopung aber der egoiftrichen Halbheit und der 
Smopolitifchen Weichheit, unter Wedung großer und freier Empfindungen. 
Zeitgemäß und notwendig find die Reformen, denn jeder politiiche Antrieb, 
der ſich langere Zeit einteitig auswirkt, fei es ein abjolutijtiich-zentvalifti- 
her oder ein demofratijch-liberaler Antrieb, verlangt Ergänzung dur) 
Gegengewichte. Der friderizianiſche Staat mußte Durch Erweite— 
rung der mödividuellen Freiheitsfphäre im vechtlicher, wirtichaft- 
licher und politiicher Beziehung ausbalanziert werden, das mwohlmeinend 
chwache Beglüdungsregime der Friedrich Wilhelme erforderte die 

euaufftellung einer aktiven Autorität. Beides vereinigte jich in 
der Reform, und da die Sale der Kriſis fo vaſch kam, wirkte zum tat- 
ächlichen Wiederaufbau die Autoritäts- und Madhtbildung 
tärter al3 die liberale Seite der Staats- und Heeres-Neform. Das 
tarke preußifche Gerüſt, die friderizianiiche Erbichaft, gab den Ausichlag, 
und die auswärtige Politit ervang den Primat über die Innere. 

Des Rätfels Löfung, wie man dem Individuum eine fveiere Stellung 
geben und doch zugleich die Macht des Staates fteigern fünne, — dem 
nationalen Gedanken, in dem neuerwachten Glauben an die ft des 
Deutſchen, ſein Vaterland zu lieben, wenn die Regierungen ihm endlich 
einmal dieſe Liebe erlauben, dies Vaterland zeigen. Ein künſtliches Staats— 
gebilde, wie das alte Preußen, erträgt keine zu große Selbſttätigkeit ſeiner 
Glieder; der natürliche Nationalſtaat — um ſo ſtärker, je 
freier die Gefühle ſind, die ihm gezollt werden. ein und ſein Kreis 
zeigen das ſeltene, beglückende Zuſammentreffen idealiſtiſchen Glaubens 
mit realer Kenntnis des Menſchen und der Geſchichte. Freiere Regung 
und Selbſtverantwortung der Individuen, Stände, Klaffen, Gemeinden, 
Landſchaften und Verbände, aber als Lofung der energifhen Naturen, die 
felbft ganz in der Wiederherftellung der Staatsfraft aufgehen, und dieje 
Staatskraft nicht mehr Selbjtzwed, fondern im Dienft an der Nation: 
fo überfchreitet Preußen feine Durchgangszone. 


— 16 — 


Die Hauptfache blieb ja wohl immer, daß die kräftigen Männer zur 
Zeitung gelangten, die zuzupaden verjtanden. Die Schwere ihrer Aufgabe 
fann man kaum überichagen. Wie langſam und gegen wieviele Hemmungen 
tft die nationale Taktficherheit, dies neue Gebot der Stunde, in den Deut- 
Da a ALS die Franzojen nad) der Schlacht von Leipzig zum Rhein 
abmarjcieren, vertvauen fie einen Artilleriepart württembergiſchen 
Truppen an, wicht aus befonderem Glauben an unjere Hingebung, wie 
der ſchwäbiſche Gewährsmann berichtet, aber aus Vertrauen auf die deutſche 
Drdnungsliebe. An dem Kreuzweg angelangt, wo ihnen ihr König den 
Uebertritt zu den Dejterreichern befiehlt, nehmen die Schwaben herzlichen 
Abichied von den bisherigen — — ihnen die wohl⸗ 
behüteten Geſchütze, die nun in einigen Wochen ihre Mündungen gegen die 
Württemberger kehren werden, und ſind einigermaßen empfindlich erſtaunt, 
als die Oeſterreicher das Kreuz der Ehrenlegion ſcheel anſehen, das ſo 
manche treue Schwabenbruſt verziert. 8 if deut, War e3 doch noch 
nicht lange ber, daß die Norddeutichen fich freuten, hinter der Demar— 
bationslinie des faulen Basler Friedens ihre Weimarer Mujenalmanade 
BEL Aa und zu lefen, während Siüddeutichland vom Kriege raudhte! 

t Preußens Rolle 1813 hat es doch allein vermocht, daß bald darauf 
auch ein Schwabe jenes Sehnſuchtslied der deutichen Einheit fang: 

„Adler Friederichs des Großen! 
Gleich der Sonne dede du 

Die Verlaſſ'nen, Heimatlofen 
Mit der goldnen Schwinge zu!“ 


(Schluß folgt.) 


Elſaß⸗lothringiſche Fragen. 


VBoneinem Elfäffer. 
2. Die elfäffifhe Frage in fozialer Beleuchtung. 


Eine Beleuchtung des elfäffifhen Gedanken, foweit er dom ein- 
beimifchen Sozialismus aufgegriffen und vertreten wurde, ift wegen der 
internationalen Bindung des Sozialismus und wegen feiner grundfäß- 
lichen, doch nicht immer tatfächliden Ablehnung des Nationalismus noch 
ſchwieriger als ein entjprechendes Vorgehen dem ebenfalls internationalen 
Zentrum gegenüber. Die Sozialiften Elfaß-Lothringens haben — das darf 
unächſt einmal betont werden — viel weniger als die Stlerifale ſich mit 
Peimatlichen „regionalijtiihen“ Programmforderungen aufgefpielt. 

Indeſſen gab es, feit Kriegsende, zwei Strömungen innerhalb der 
allen rtei, bon denen die eine zielbejtimmt auf eine national- 

nzöſiſche Löſung der elſäſſiſchen = e hintrieb. Führer diefer Richtung 
war, abgejehen von einigen jeit — fvanzöſiſch feſtgelegten Salon» 
eane (Georges Weill), der jetzige Bürgermeiſter von Straßburg, 

eirotes. Die andere internationale und keineswegs einſeitig franko— 
phile Richtung hatte, nach Abwanderung der deutſchen Parteihäupter 
Emmel, Böhle u. a. den Altelſäſſer Ch. Hulber zum Oberhaupt. 


* 


— 11 — 


Mit Peirotes dürfte fich, auch abliegend von unferem Thema, eine 
ernithafte Gejchichtsbetrachtung nicht jonderli abzugeben brauchen. Der- 
ſelbe Politiker, der feinerzeit die elſäſſiſchen Neutraliſten als „Nichteljäffer“ 
glaubte beleidigen zu dürfen, ift feiner Abftammung nad ein Levantiner 
(Epeirotes, während er feinen Namen franzöfifch wie Beirottes ausfprechen 
läßt). (Ueber Weills Stammbaum brauchen wir ung nicht auszulaffen; da 
er als „echter Elſäſſer“ gilt, ift jelbjtverftändlich!) Derfelbe Peirotes, der fi 
als Sozialiftenführer auffpielte und auffpielt,, hielt e8 für feinen Raub an 
feiner Gefinnung, mit den fonfervativiten franzöfifchen Generälen Bankette 
zu feiern und mit dem Band der „Legion d’honneur” öffentlich zu prunken. 
Der Mann, der als —— —— ſeine exzentriſche Laufbahn begann, 
lebt heute im Stile eines fürſtlichen Grandſeigneur mit Jagdſchloß und 
Lakaienbedienung! 


Der ſchier unbegrenzte Einfluß, den Peirotes als Parteibonze und 
„erſter franzöſiſcher Beamter unter den Eingeborenen des Landes” aus— 
üben konnte, hat ae im Laufe der legten Fahre bedeutend vermindert. 
Immerhin iſt es P. geweſen, der durch geſchickte Parteitaktik — wobei 
er ſich der altelſäſſiſchen Spottſucht den Gegnern gegenüber unwähleriſch 
genug bediente — den Plebiszitgedanken, als politiſchen Expo— 
nenten des Heimatgedankens mit viel Erfolg zu bekämpfen mußte. 
Es iſt in erfter Linie Peirotes zu danken, wenn die Mehr- 
zahl der elſäſſiſchen Arbeiter der Annerion des Landes durch Frankreich 
jubelnd zugejtimmt hat. Die Fäden der damaligen Propaganda find bis 
heute nıcht aufgededt. Als Eharakteriftitum muß aber erwähnt werden, 
daß noch im Fahr 1920 ein Altelfäffer, Eſchbach, ein notorifcher Französ— 
ling, in den „Soztaliftiihen Monatsheften“ den Gedanken an einen 
elſäſſiſchen Proteſt gegen die Inbeſitznahme Elfah-Lothringens durch Frank— 
reich in der deutichen Publiziſtik als überhaupt nicht vorhanden bezeichnen 
durfte — in dem gleichen Jahre, in dem, anläßlich des befannten 
„Reutraliftenprozefjes”, das VBorhandenfein einer neutraliltifchen Bervegung 
„von Bafel bis Diedenhofen“ offen bezeugt werden konnte, 


Wenn feit 1918 immer Wieder behauptet wurde, daß unter den 
Sozialijten des Landes nur eine Stimme für den Wiederanſchluß Elſaß— 
Lothringens an Frankreich laut — ſei, ſo können dagegen ſprechende 
Tatſachen angeführt werden. Verfaſſer war an einer der großen Volks— 
perfammlungen zugegen, in denen im November 1918 der Sieg des Räte» 
gedanfens in Straßburg öffentlich begangen wurde. Damals hat Hueber 
den internationalen Gedanken in bewußtem Gegenfat zu den nationalijti- 
ſchen Bejtrebungen des rechten Parteiflügelsg mit Entfchiedenheit betont 
und verteidigt: Frankreich fei ein innerlich morfches Land, dem man fich 
nicht fritiflog in die Arme werfen dürfe. Deutfche Gründlichfeit und fran= 
— Feuer im Dienſte des Sozialismus könnten es bewirken, daß vom 

hein zum Moſelſtrand ein freies Volk, ein freies Land erſtände! Der 

Beifall war überraſchend, wenn er auch von der Arbeiterſchaft nicht deutlich 

nug ala Oppofition gegen die damals herrſchenden nationalijtifchen 
ömungen empfunden wurde und zum Austrag kam. 


Immerhin liefen feither ſtets beide Haupttendenzen, die nationaliftifche 
und die internationale, neben einander hin und beeinflußten den fpäteren 
Ausbau der parteilihen Organifation. 


— 18 — 


Beide konkurrierenden Tendenzen haben fich nicht tiefer gegeneinander 
ausgewirkt, jolange die Partei als geſchloſſenes Ganzes die Wirtichaftsfragen 
der fommenden Fahre in Angriff nahm. Das gemeine Sntereffe in wirt- 
fchaftspolitiihen Dingen bildete den Kitt, der die Partei äußerlich zu- 
ammenbielt. Die innere Spannung hielt dabei vor, was deutlich bei 

r Maifeier 1919 zum Ausdrud fam, bei der gleichzeitig zwei Redner, ein 
Vertreter der nationaliftifhen Nechtsgruppe (Imbs) und der Vertreter des 
Snternationalismus, Hueber, alg Hauptfprecher der noch geeinten Partei, 
zum Wort famen. 


Der Kommunismus entwidelte jih dann parallel mit den ent- 
— Vorgängen in Innerfrankreich. Dort ſollte, wie in allen 
iegerländern, am 21. uni 1919 der Generalftreit ausbrechen als Solida- 
ritätsfundgebung mit dem Proletariat der gefchlagenen Länder. Elemenceau 
verhinderte den Ausbruch der Beivegung und legte damit den Steim jur 
Entfaltung des fommuniftifchen Gedanfens in Franfreih. Bon da an hat 
in Frankreich die Gewerkſchafts- und die alte fozialiftiiche Berwegung ab- 
nommen und die fommunijtifche Zulauf erhalten. Als dann im darauf- 
Penn Jahre die großen Eijenbahneritreifs im Norden des Landes ein- 
egten, trat der Gegenſatz zwiſchen Rechts- und Yinksfozialiften bereits jtarf 
zutage. Die gemäßigtere Gruppe bezeichnete fich als „Reformiſten“, die 
vadifalere als „NRevolutionäre”. Aus dem alten Gewerkſchaftsverband 
(E. ©. T.) ging die C. G. T. Unitaire hervor» mit weitgehenden revolutio- 
nären Forderungen. 


Diefe ganze Entwidlung fand in Lothringen und Elſaß ihr verjtärktes 
Konterfei. Bon Lothringen aus, two die wirtichaftlichen Streits (Hagen- 
dingen) bisher die fehärfjte Note aufwieſen; demnächit auch vom Unterelfaß 
ber, wo die Ausſtände in der Firma de Dietrich fich zu einer öffentlichen 
Kalamität auswuchfen, erfuhr der einheimifche Sozialismus eine neue 
Gruppierung. Es entſtand die Kommuniſtiſche Partei, deren Organ die 
Lothringer „Volkstribüne“ wurde, die bewußt ihre Direktiven von Moskau 
entnahm. 1921 wurde in Straßburg, mit mehr Sinn für bodenjtändige 
Intereſſen, die „Neue Welt” al3 Organ der Kommuniſten gegründet. In 
den Gewerfichaften, die unter dem Einfluß der fommuniftifchen Partei 
ftehen, macht fich bereit3 die Orientierung zur Roten (tuffiihen) Gewerk— 
Ichaftsinternationale bemerkbar, 


Das formlofe Ueberfchlagen des internationalen Gedanfens in der 
Richtung der linken Flanke verjchüttete natürlich auch die genuin Heimat- 
lichen Intereſſen, die bisher noch dem Linksfozialismus Huebers, wenn 
auch nicht in Pprogrammatifcher Betonung des Plebiszitgedantens als 
folden, angehaftet hatten. Vraktiſch geſehen Tient dem „elſäſſiſchen 
Kommuniften“ mehr an der formalen Herausarbeitung der Rätediltatur 
al3 an der Mitgeltung bzw. Selbftgeltung der organifch verbundenen Einzel- 
glieder der Partei, die als Objekte der Partei deren Doktrin ſchlechthin 
unterworfen find. Die Formſtarre des parteilichen Gefüges verbietet an 
fih fchon ein intimeres Eingehen auf partifulariftifche Strebungen — wie 
fie der Heimatgedanfe darftellen würde — während auf dem Gerüft eines 
—— formloſen Internationalismus ſich ſehr wohl noch partikulare 

eilintereſſen — Selbſtbeſtimmung einer lokal begrenzten Gruppe — hätten 
aufbauen laſſen 


— 19 — 


So het ſich der Sozialismus im Elfaß des urjprünglich teilmeife be- 
tonten deals des Selbitbeftimmungsrechts in einem doppelten Sinne ent- 
ger Einerfeits lehnen es die Rechtsfozialiiten von Anfang an ab. 
Anderfeits überfpringen es die Kommuniſten zugunjten einer völlig 
a-nationalen Weltbeglüdungsidee. Beide Flügel fcheinen fich in blindem 
Dofktrinarismus um ein naheliegendes und ergiebiges Prinzip bisher jelbit 
betrügen zu wollen. Oder ijt e8 nur der Gedanke einer höheren, nicht 
fozialtitifhen Macht, die ihnen beiden Mund und Hände bindet? Dann 
ware die Möglichkeit, daß eine anzufjtrebende Schwächung der entgegen- 
ftehenden nationalen „Blodpolitit” fie einerfeis beide wieder einander 
nähern und ihnen anderfeit3 über die programmatifche Abirrung von der 
‘dee der Selbjtbeftimmung die Augen öffnen könnte. 


Bibliophilie und Vuchkultur. 
Bon Karl Kaulfuß-Diejd. 


Die Kultur des Buches ift der Gradmeſſer für die gefamte geiftige 
Kultur eines Landes. Ein Boll, dem das Buch nichts weiter iſt als 
ein Gegenftand des praftifchen Gebrauches, kann zwar hervorragende 
faufmännifhe und tehmifche Leitungen hervorbringen, aber feine le 
wird ſtets ein fümmerliches Pflänzchen bleiben. Wo aber das Buch des 
Menſchen Freund ift, den man hegt und pflegt und mit dem man im 
Stillen Stunden — hält, da iſt eine geiſtige Kultur vorhanden, 
deren Werte unverlierbar ſind. In ſolchem Lande iſt das Buch nicht nur 
ein Ding des Gebrauches, ſondern auch ein Gegenſtand des liebevollen 
Sammeleifers, wie man geſchnittene Steine, Kupferſtiche und Porzellane 
ammelt. So iſt auch das Sinken der Buchkultur ein untrügliches Zeichen 
ür das Sinken des Kulturſtandes eines ehemals hochſtehenden Volkes. 

elcher Schatz von ſchönen Büchern N aus Frankreich hervorgegangen! 
Noch heute gilt Frankreich als das klaſſiſche Land der Bibliophilie. Und 
wie jteht es heute um das franzöfifhe Buch? Papier, Drud und Aus» 
ftattung find durchweg fchlechter als in Deutfchland, auch kauft man in 
dem Lande, wo einjtmals die bedeutenditen Kunftbuchbinder, Maioli und 
Grolier, wirkten, ganz im Gegenſatz zu und die Bücher meijt ungebunden, 
ein Zeichen dafür, ah in Frankreich das Bud), einmal geleſen, viel leichter 
— Untergang verurteilt iſt als bei uns im Lande der Barbaren. Welcher 

utſche Verlag dürfte es wagen, die deutſchen Klaſſiker in ſolch ſcheußlichen, 
auf ſchlechteſtem Papier mit ſchlechten Lettern gedruckten, von Flüchtig— 
keiten und Fehlern wimmelnden Ausgaben herauszubringen, wie es mit 
den Größen des franzöftichen Schrifttums der Verlag Garnier Froͤres in 
* getan hat, ein Verlag, der in früheren Zeiten, in den vierziger 

uhren, Sachen herausbrachte, die das Entzücken jedes Bücherfreundes 
erregen? Welcher Verlag in Frankreich kann heute, was inneren Wert und 
äußere Schönheit ſeiner Darbietungen anbetrifft, mit dem Inſelverlag, 
mit Eugen Diederichs, mit dem Propyläenverlag und vielen anderen 
verglichen werden? Neben dem ſchlechten Durchſchnitt laufen dann einige 
hochwoertige Erzeugniſſe, mit denen der „franzöſiſche Geiſt“ in aller Welt 
eifrig Reklame madıt. 


— 10° — 


Unendlich viel höher fteht die Buchkultur in England. Ein fo nüchterner 
Rechner, ein fo bedenkenfreier Polititer und Vertreter der Herrfchergröße 
Old Englands der Engländer ift, ein jo fultivierter Menſch ift er in 
feinem Haufe. Im Heim des Engländers liegt der Schwerpunft feiner 

eiftigen Kultur, er halt auf guten Hausrat, auf gute Bilder und auf gute 

ücher. Das englifche Geiftesleben konnte fich zu ſolcher Höhe entfalten, 
weil es jich bei der injularen Lage des Landes von dem [chillernden Fäulnis- 
produft des franzöfifchen Rokoko verhältnismäßig freihielt. Wir Deuifchen 
haben von den Engländern viel gelernt, mehr al3 man gemeinhin bei uns 
weiß, wo noch immer in weiten Streifen die ——— Hypnoſe das klare 
Denken trübt. Insbeſondere haben wir in der Kunſt, ein Buch ſchön zu 
druden und gefhmadvoll einzubinden, den Engländern eifrig nachgejtrebt 
er — uns, die Franzoſen weit hinter uns laſſend, getroſt neben 
ie ſtellen. 


Mit der Hebung des buchkünſtleriſchen Geſchmacks blühte auch die 
Bibliophilie in Deutſchland mächtig auf. Wir können, wenn wir ihre Ent— 
wicklung in den letzten fünfzig Jahren betrachten, deutlich zwei Richtungen 
unterſcheiden, die nicht immer ganz einig ſind und deren Vertreter ſich bis— 
weilen nicht ganz für voll anſehen, die Ya aber dennoch beide glüdlich er— 
gänzen und gerade. in ihrem Wettjtreit der deutfchen Bibliophilie ihr 
charakteriſtiſches Gepräge geben. Die eine Richtung möchte ich als die 
wiſſenſchaftliche Richtung bezeichnen. Sie iſt durch die Bibliophilen ver» 
treten, deren Sammeleifer ſich auf alte und felten gewordene Bücher, 
namentlid auf Erftausgaben erjtredt. Solche Bibliophilen hat es immer 
gegeben. Eine der intereffanteiten Gejtalten in diefer Richtung war der 
im Sahre 1847 verftorbene Freiherr Karl Hartwig Gregor von Meufebadh, 
deſſen Bibliothek auf VBeranlaffung König Friedrich Wilhelms IV. von der 
preußijchen Regierung angefauft und der Berliner Königlichen Bibliothek 
überwiejen wurde. Der Neichtum der Staatsbibliothek an Druden des 
16, und 17. Kahrhunderts, an Schriften von Luther, Melanchthon, Filchart 
und Srimmelshaufen, an politifchen und religiöfen Flugſchriften, an Einzel- 
druden von Kirchen- und Volfsliedern ſtammt zum weitaus ‚größten Teil 
aus diefer koftbaren Ermwerbung. In diefe Reihe gehört auch der ehr- 
mürdige Name des Schöpfer unferer Nationalhymne, Hoffmann von 

llersleben, in deſſen Liebe zu den Büchern der Geift feines väterlichen 
reundes Meuſebach fortlebte, ferner der bedeutende Bürherfanmler 
Wendelin von Malgahn, aus neuerer Zeit Joſeph Kürfchner, der Heraus- 
eber de3 Deutichen Literaturfalenders, Karl Schüddekopf, der hochverdiente 
ſchäftsführer der Deutfchen Gefellfchaft der Bibliophilen, der im rüftigjten 
Schaffen ftehend, den Folgen der Kriegsanitrengungen zum Opfer fiel, der 
feinfinnige Karl Weißſtein, von deffen hervorragender Bibliothek uns der 
bon Fedor von Zobeltig mit freundfchaftlicher Hingabe hergeitellte Katalog 
Zeugnis gibt, und um von den Tebenden nur einen Namen für viele zu 
nennen, der Inhaber des Inſelberlages Anton Kippenberg, der eine 
Goethefammlung zuſammengebracht hat, wie fie in gleicher Vollſtändigkeit 
wohl fein Privatmann befigt. Ein prachtvoll ausgeftatteter Katalog, der in 
5 Jahre in zweiter Ausgabe mit allen Neuerwerbungen erſcheinen 
1 ‚ gibt uns Kunde von diefen reichen Schägen, die der Beſitzer jedem 
enner und Forjcher bereitwillig öffnet, und das im Jahre 1921 zum erften 


— 11 — 


Male erichienene — der Sammlung Kippenberg iſt beſtimmt, die 
Koſtbarkeiten der Bibliothek der Forſchung allgemein nutzbar zu machen. 
Dieſe Bibliophilen ſind es, die es verſtanden haben und verſtehen, 
die Seele des Buches — und den Geiſt vergangener Zeiten in 
ihrer Bücherei wieder aufleben zu laſſen. Mit ehrfurchtsvollen Gefühlen 
vertieft ſich ein ſolcher Sammler in ein Exemplar der Erſtausgabe des 
Werther, das, als es neu war, in der Hand eines liebes- und leidesſeligen 
Jünglings oder Mädchens gelegen haben mag, die über dem herzblutenden 
Buche heiße Tränen vergoſſen haben, oder er läßt ſich von dem leiden— 
ſchaftlichen jungen Schiller grüßen, der ſein Räuberdrama „in tyrannos“ 
chleudert, oder ſeine Augen leuchten auf über einem Buche, in das Goethe 
elbſt eine Widmung geſchrieben hat. Ein geſchmackvoller Bibliophile wird 
ich jedoch in ſeinem Sammeln immer beſchränken, wenn er auch je nach 
ſeinen Geldmitteln ſeine Grenzen enger oder weiter ſtecken kann. Er wird 
ſich entweder auf einen beſtimmten Autor oder auf eine beſtimmte Gattung 
von Schriften beſchränken, oder er wird etwa naturwiffenfchaftliche oder 
alte technijche Bücher oder Bücher mit Kupfern von Chodowiecki und feinen 
Zeitgenofjen jammeln, oder irgendeinen andern Gefichtspunft je nad 
Geſchmack und Neigung walten lafjen — erotiiche Feinjchmederei nimmt 
in der Bibliophilie einen breiten Raum ein — in jedem Falle wird er 
nur das faufen, wozu er wirklich ein inneres Verhältnis hat; und nicht 
wahllos erraffen, was ihm gerade einigermaßen billig vor den Wurf 
fommt. Und wenn dann eine ſolche Sammlung beiſammen ift, dann 
ehen wir immer wieder mit Staunen, welche hohe Buchkultur in all 
ieſen Seltenheiten jtedt, Ken es nun die typographiſchen Meiſterwerke 
der Frühzeit, ſeien es die Kunſtwerke eines Druders wie des Benezianers 
Aldus Manutius, der felber noch zum Teil in die Inkunabelzeit gehört, 
feien es die Holzicgnitt-Titel der Lutherdrude und Flugfchriften der 
Reformationszeit, oder die Erzeugniffe der berühmten Häujer Plantin- 
Moretus in Antwerpen oder Elzevier in Leiden und Amjterdam, oder feien 
e3 die Büchlein des 18. Jahrhunderts mit den köſtlichen Kupferſtichen von 
Chodowiecki, Meil und anderen, oder die jchönen, in der unübertroffenen 
Ungerfrattur gedrudtenomantiferausgaben mitden reizpollenSylluftrationen 
von Ph. D. Runge, Friedrich Tied, dem Bruder des Dichters Ludwig Tieck, 
und Emil Ludwig Grimm, dem Bruder der beiden Germaniften Jakob 
und Wilhelgt Grimm und erjten SMuftrator ihrer Kinder- und Haus— 
märchen, bis dann all dieje reizvollen und anmutigen Gebilde im jühlichen 
Sartenlaubenftil der Berfallszeit rettungslos ertranfen. 

Diefer im wefentlichert auf den Inhalt zielenden älteren Richtung der 
Bibliophilie jteht eine mehr formale neuere Richtung gegenüber, die den 
Hauptivert nicht auf das Alter und die inhaltliche Bedeutung, jondern auf 
die Schönheit des Buches legt und den Schwerpunkt ihrer Sammeltätigfeit 
im modernen Lurusdrud hat. E3 mar vor etiva dreigig „Jahren, als eine 
neue Geſchmackswelle befruchtend über das deutſche Geiſtesleben kam, als 
die jchauderhaften Goldichnittbändchen und Prachtwerke, die auf den Salon- 
tifhen unjerer „guten Stuben” —— zu verſchwinden begannen, 
als die Geſellſchaft der Bibliophilen und die Zeitſchrift für Bücherfreunde 
begründet wurden. Es dauerte nicht lange, ſo verkündeten die Zeitſchriften 
„Pan“ und „Inſel“ das Ideal einer neuen Buchkunſt. Das Buch wurde 
wieder zum Kunſtwerk, und es lohnte fich wieder, auch moderne Erzeugniffe 


— 12 — 


der Buchkunjt zu ſammeln und fi an Papier, Drud, Bildwerk und Ein- 
band zu erfreuen. So erhielt die moderne Bibliophilie mächtige An— 
regungen, wirkte aber auch ihrerjeits in noch höherem Maße auf den ge- 
famten Verlag zurüd, der äußeren Ausftattung des Buches mehr Sorgfalt 
als bisher zuzumenden und auch das Buch des täglichen Gebrauchs würdig 
auszuftatten, ohne das dadurch der Preis teurer geworden märe. Im 
Gegenteil, man kann jagen, daß die Bücher in Deutichland je beſſer je 
billiger wurden, und auch heute noch, wo die Teuerung mit zunehmender 
Wucht auf ung laſtet, jind Bücher Bee das verhältnismäßig billigite 
was man kaufen kann. So hat die Bibliophilie einen maßgebenden Ein- 
— auf die Entwicklung der Buchkultur in Deutſchland erlangt. Eine 
große Anzahl tatfroher junger Verleger wandelte mit idealer Begeiſterung 
in den neuen Bahnen, zögernd folgten viele ältere nach, und die Schwierig. 
feiten der Kriegs- und Nachkriegszeit haben die Entwidlung wohl zeitweiſe 
hemmen, nicht aber dauernd unterbinden können. Die Frankfurter Buch— 
mefje von 1920 und die ſchöne Ausftellung des Jakob Straufe-Bundes, der 
rührigen Vereinigung deutjcher Kunftbuchbinder, im Wei Saal des 
Berliner Schloffes im Jahre 1921 haben gezeigt, was die deutiche Buchkunſt 
trog aller Nöte zu leiſten imſtande iſt. Eine große Menge künſtleriſch 
hochſtehender Verleger, der Inſelverlag, Eugen Diederichs, Hans v. Weber 
mit ſeinen Hundertdrucken, Dreiangeldruden und ähnlichen Unter 
nehmungen, der — — mit den von Georg Müller über— 
nommenen wundervollen len ben, der Euphorionverlag, Kiepen⸗ 
heuer, Kurt Wolff, Bruno Caſſirer und viele andere find rührig am Werfe, 
und unjere Schriftgießereien und Drudereien mit ihren von Künſtlerhand 
entworfenen Schriftarten, Klingſpor in Offenbach, Drugulin in Leipzig, 
Berthold in Berlin und die Officina Serpentis in Steglig ftehen im Dienjt 
der guten Sache. 

Die erjte — die der moderne Bücherfreund an ein künſtle— 
riſches Buch ſtellen muß, iſt, daß Form und Inhalt harmoniſch zufammen- 
timmen. Nicht immer iſt die Produktion moderner Luxusdrucke diefer 

—— ——— In den letzten Jahren ſind viele Bücher 
auf den Markt gebracht worden, die lediglich eine Spekulation auf Snobis⸗ 
mus und Progentum darftellen, die nicht nur bedauerlide Geichmads- 
berirrungen zeigen, jondern bei denen auch der geforderte Preis zu dem 
Gebotenen in keinem Verhältnis fteht. Wenn es auch an ſich fein Schaden 
ift, daß progenhaften Kriegsgewinnlern, die feinerlei innews Verhaltnis 
zu den eriworbenen Koftbarkeiten befigen, das Geld aus der Fe gezogen 
wird, jo find doch im Intereſſe des Anſehens der deutichen Buchkultur folche 
Erſcheinungen aufs entjchiedenfte zu verurteilen, umd die im ‘jahre 1920 
in lg verfammelten Buchhändler, Bibliophilen und Bibliothelare 
baben ſich mit einer ſcharfen Erklärung gegen diefe Auswüchſe gewandt. 

Das Wefen des Lurusdruds bejteht darin, daß er in einer beichränften 
Auflage hergeftellt ift, von der die einzelnen Exemplare numeriert find. 
Die Auflage fommt meift gar nicht in den Buchhandel, fondern wird nur 
für die Eubjfribenten hergeftellt. Die vornehmite, allerdings jehr jelten 
borfommende Form ift die, daß auch der Name desjenigen, für den das 
Eremplar beitimmt it, mit der Nummer eingedrudt wird. Gewöhnlich 
mwird der Name handichriflich zugefügt. So bekommt jedes Buch von vorn» 
herein eine ganz perfönliche Note, und durch die Einmaligfeit der Auflage 


— 2188 


und ihre befchränkte Zahl wird es gleich beim Erjcheinen mit dem Charakter 
der Seltenheit ausgejtattet und befommt dadurch erſt ven rechten Sammler- 
wert. Als Gegenjtand eines Yurusdrudes werden ebenfogern Haffiiche 
Werfe wie moderne Dichtungen gewählt. Zum Feſteſſen der Berliner 
Jahresverſammlung der Gejellichaft der Bibliophilen 1921 wurde unter 
vielen anderen föftlichen bibliophilen Gaben auch ein Bändchen dargereicht, 
„Der numerterte Goethe” benannt, eine von Ludwig Sternaur bearbeitete 
Zufammenftellung fämtlicher Goethe-Privat- und Lurusdrude. Das Ver: 
zeichnis führt 102 Nummern auf, darunter den Fauft dreizehnmal und 
— jehr bezeichnenderweife — das Eroticon von 1810, das fogenannte Karls— 
bader Tagebuch, achtmal. Mean kauft und lieft ſolche Lurusdrude nicht, um 
aus ihnen die Dichtungen kennen zu lernen, denn die fennt man längit, 
fondern um den Band in ftillen Stunden vorzunehmen, ſich ın der 
Harmonie von Inhalt und —— Form zu erfreuen und die Dichtung in 
dem ſchönen Gewande erneut auf ſich wirken zu laffen und ihr jo immer wieder 
eine neue Seite des fünftlerifchen Genuffes abzugewinnen. Auf diefe Weife 
bekommt der Lurusdrud Leben und Berechtigung, und es ftrahlt von ihm 
ein jegensreiher Einfluß aus, der der geſamten Buchfultur auch des 
billigen Gebrauchsbuches dauernd zugute kommt. 

Die beiden Richtungen der Bibliophilie aber, die inhaltlich-wifjen- 
Ihaftlihe und die formal-moderne, fliegen in der Geſellſchaft der 
Bibliophilen und in den örtlichen Vereinigungen, unter denen die Yeipziger 
an eriter Stelle jteht, zufammen. Sie finden ihren Ausdrud in den Ver— 
öffentlihungen, die diefe Gefellfchaften alljährli oder in größeren 
Zwiſchenräumen ihren Mitgliedern darbieten. Ein neben diefen Ver— 
einigungen bejtehender vornehmer bibliophiler Kreis ift die einige Jahre 
vor dem Kriege begründete Marimilian-Gefellfchaft, jo benannt nach Staifer 
Marimilian I., der in dem koftbaren Teuerdanf den erſten deutjchen Lurus- 
drud beritellen ließ. Es iſt Elar, daß der einzelne Bibliophile je nach feiner 
perjönlichen Neigung vorwiegend nur die eine Seite pflegen wird, aber 
die Bibliophilie würde ſich auf Irrwegen befinden, wenn fie nicht beide 
Richtungen pflegen wollte. Darin, daß jie es tut, liegt ihr ganz bejonderer 
Reiz, und nur aus diefer Vielſeitigkeit kann die belebende Wirfung auf 
das Geiftesieben hervorgehen, die ihre vornehmſte Aufgabe ift. 


Was die Tihehen uns danken. 


Von Dr. Heinrich Frenzel. 


Das in hoher Kultur ftehende jchöne Land Böhmen ilt eines der glän- 
zendften Ergebniffe deutſcher Arbeit. Bis auf weiteres bildet eg nun den 


- Hauptteil eines deutſchfeindlichen Staates, der ſich „Tſchechoſlowakei“ 


nennt — gewiß jehr jachgemäß, da die gewalt'am einverleibten Slowaken (gleich 
den 3% Millionen deutiher Staatsangehörigen!) den Himmel täglich bitten, vom 
Tſchechenjoch erlöft zu werden. Einſtweilen find die tichechiichen Zwangsherrſcher 
über eine der jtarfen Mehrheit nach nichttichechiiche Bevölkerung bemüht, den 
Nachwuchs zu „richtigen“ Tichechen zu erziehen. In den ftaatlihen Leſe— 
bücdern der Tſchechoſſowakei wird den wehrloſen Kindern über die gejchicht- 
lichen Xorgänge, die zum Weltfriege geführt haben, u. a. folgendes eingehämmert: 


— 14 — 


„Im Nordweſten breitete ſich das mächtige Deutſche Reich aus. Der ganze 
noͤrdliche Teil gehörte den Preußen. Die Preußen waren ſeit jeher ein rohes 
Volk, welches beſtändig ſeine friedliebenden Nachbarn beunruhigte und ſich 
nad) allen Seiten ausbreitete. Im Jahre 1870 überfiel Preußen Frankreich und 
raubte ihm Elfaß-Lothringen. Der preußiihe König wurde Kaiſer von Deutich- 
land. Bon der Zeit an waren die Deutichen die größte Krieggmadt. Als 
fie dann in allen Weltteilen Befigungen und Kolonien eriwarben, wurden fie 
ftolz, daß fie die ganze Welt beherrſchen wollten. Sie bereiteten fi zum Kriege 
vor, um Rußland, England und Frankreich zu unterjoden. Ihre Fabriken 
erzeugten unzählige taujende Kanonen und Gewehre, ihre Flotte hatte Hunderte 
von Ktriegs- und Handelsjhiffen... Der Krieg mußte fommen und fam. Deutfch- 
land und Oeſterreich fürchteten, die vereinigten Mächte Fönnten fie in den Kriegs— 
rüftungen einholen, und hetten zum Kriege. Dejfterreich, von Deutſchland an— 
geitiftet, intrigierte gegen Serbien, die deutjchen und ungariichen Zeitungen 
beſchimpften die Serben. Eine unerwartete Folge deffen war das Attentat auf 
den Thronfolger vom 28. Juni 1914 in Serajewo. Für dieje Miffetat bejchul- 
digten die Deutichen und Ungarn mit Unrecht das ganze jerbiiche Volt, Sie 
überredeten leicht Kater Franz Joſeph zur Kriegserfläarung, 28. Juli 1914...” 

Es erſcheint angefihtS der plumpen Anpöbelung der „Preußen“, d. h. natür- 
lich Deutichen, angebracht, an einige Tatjahen zu erinnern. 

Der unbeitritten größte tihehiiche Geichichtsichreiber ift Franz Pa— 
lacty (1798-1876), von den Tichechen „der Vater der Nation“ genannt und 
jahrzehntelang als ihr oberjter Führer anerkannt. Er verdantte (wie Ja- 
tubec in jemer Gejchichte der tichechiichen Literatur, Leipzig 1907, ©. 183 fejt- 
ftelt) jeine wiffenichaftlie Bildung in erfter Linie den Deutſchen Kant, 
Heer, Schiller, Fichte, Jacobi, Luden, Rotted, Zahn. Bei Abfaffung feiner 
„Goſchichte von Böhmen” (Prag 1836 ff.) hat ihm, wie er jelbit fagt, „nur das 
Wobl und Webe des tſchechiſchen Volkes als Leitftern und Richtſchnur 
gedient“. Trogdem blieb er im ganzen ſachlich. So jchreibt er u. a.: „Böhmen, 
das noch feinen eigenen Bijchof hatte, fonnte jet (im 10. Jahrhundert) nur 
aus und über Deutſchland Priefter und Prediger des Evangeliums erhalten 
und ſomit auch aller Wohltaten der chriſtlich-europäiſchen Sivilifation teilhaftig 
werden. So hohen Intereſſen gegenüber durfte die Rüdjicht auf die politifche 
Unabhängigkeit des Landes bei Herzog Wenzel um jo weniger in Anichlag 
fommen, als er durch Anſchließung an Deutjchland ſelbſt neuen Schub gegen 
die fortwährend ihn bedrohenden Madjaren zu erlangen hoffen konnte. Darum 
bielt er aud) ſtets feſt an Heinrich I.“ (I, ©. 205.) „Zum erften Biſchof Böhmens 
wurde ein ſächſiſcher Mönd namens Ditmar gewählt...“ Er erwies 
fih als ein frommer, tätiger und Huger Kirhenfürft. (S. 229.) Sein Nach— 
folger Woytech (Aralbert) hatte feine höhere Bildung in Magdeburg „von 
Otherich, einem durch Gelehrſamkeit ausgezeichneten und in ganz Deutichland 
hochgeachteten Mann“, erhalten. (S. 234.) „Die neuen Anfiedler in den Städten 
waren, wo nicht insgeſamt, doch größtenteils aus dem nordweſtlichen Deutſch— 
land und den Niederlanden (die bekanntlich bis 1648 zum Deutihen Reich 
gehörten) einmwandernde Soloniften. . . Dieje Auswanderung, die jeit der Mitte 
des 12. bis tief ins 193. Jahrhundert hinein fortöauerte, nahm nad und nad 
alle jlawijchen und ungariihen Länder vom Baltiichen Meere bis zur unteren 
Donau ſtrichweiſe ein und erivies ſich insbejondere durch) Ausrodung der Wälder 
und Anlage neuer Dörfer an den Orenzgebirgen des Landes nützlich und heil» 
bringend. Unter Cttofar IT. wurden... Deutjhe in Maſſe angeſiedelt. .. 


ZT 


u IR 


Die Städte in Böhmen und Mähren wurden alle von ifnen mehr oder weniger 
angefüllt ... (Palacky jchildert die Einführung des deutſchen Rechts in 
Böhmen und fährt fort): Diefe ungemeine Förderung des Städtewefens und der 
Koloniſotion durch Deutſche erklärt ſich zunächſt aus Otiokars Beftreben, die 
Induſtrie und den Berkehr in ſeinem Lande zu heben Welchen Vorteil 
die vermehrte gewerbefleißige Bevölkerung dem Lande bringe, war ihm nicht ent⸗ 
gangen; aus dem eigenen Lande fonnteer feine Koloniſten 
sieben; und daß die Deutſchen noch (?) imduftriöjer waren als die ein» 
geborenen Böhmen, bewies ihm ſchon der raſche Aufſchwung des böhmiichen 
Bergbaues, dem er vorzüglidy feine Schäge und jeine Macht verdantte, jeitdem 
das uralte Bergmwerl in Iglau durch Deutiche neu gehoben umd Kuttenberg ent» 
dedt worden war.“ (II, 1, 157ff.) „Die Deutſchen entſprachen dem in fie 
gejegten Vertrauen und erwieſen ſich dem Lande ſehr nützlich . . . Ihnen zu— 
nächſt verdankt man die hohe Blüte der Silberbergwerke von Kuttenberg und 
Deutſchbrod, die auf Vermehrung des Wohlſtandes im Lande und ſomit auch der 
Macht des Staates ſo großen Einfluß hatte. Für ſie und größtenteils auch durch 
fie wurde der böhmiſche Bürgerſtand geſchaffen, folglich auch die Gewerbe— 
tätigfeit im Lande neu belebt und gehoben; ihre Anfiedlungen gaben auch 
mittelbar Anlaß zur Emanzipation der Bauern“ (II 2, 36.) 
Balackys tſchechiſche Geſinnung fommt bier dadurch zum Ausdrud, daß er den 
deutichböhmischen Städten einen Vorwurf daraus macht, daß fie „in den nad)» 
folgenden Kriegen der Böhmen mit den Deutichen nur zu oft geneigt waren, 
den Feinden des Landes, ihren Stammesgenoffen, freundlihe Hand zu bieten.” 
Der gute Palacky meinte aljo, die böhmijchen Deutjchen hätten ſich 3.8. für 
die wilden Huſſiten bepeiitern sollen, die ihr Ehriftentum io eigenartig be- 
tätigten, indem fte zur Rache für die durch die Schuld des Papites, des Kaiſers 
und der Stonftanzer Kirchenverfammlung erfolgte Keterverbrennung des edlen, 
unglüdlichen Sobannes Hus viele Taufende von Menſchen, die mit diefer gräß- 
lihen Untat nicht das Gering'te zu tun hatten, mordeten und jahrzehntelang 
die deutichen Lande weithin vermwüjteten und ausplünderten, bi3 dem Unmejen 
Einhalt getan wurde. 

Der Prager Profeffor und Reichsratsabgeordnete Dr. Maſarykl jchrieb 
in jeinem Buche über „Palackys Idee des böhmiſchen Volkes“ (Prag 1899, 
S. 37): „Auch dafür haben wir Palacky und den übrigen Führern zu danten, 
daß fie ung vermitteljt ver dveutihen Philojophie zu einem jelbitändigen 
böhmiſchen Denken verholfen haben.” Später hat ſich dieier hochbegabte 
Tſcheche zum Landesverräter entwidelt und ift ſchließlich zum Staatöpräfidenten 
der Tichechoflowatei gewählt worden. 

Uebrigens ift die ganze neuere nationale Bewegung der Tichechen deutjchen 
Urſprungs. 

Zu ſeinem Freunde Zelter ſagte Goethe 1816: „Wir Deutſchen ſtehen gar 
hoch und haben gar nicht Urjade, ung vom Winde hin» und hertreiben zu 
laffen.” Wir können auch mur bei Volksgenoffen darauf rechnen, unfere Ge- 
danten richtig verftanden und in unjerm Sinne ausgeführt zu jehen, während 
die anderen uniere eigenen Gedanken wohl gar gegen ung ſelbſt verwerten und 
zu unſerm Schaden ausgeftalten. 

Was Gutes zu denfen wäre gut, 

fand fih nur immer das gleiche Blut; 
dein Gutgedadhtes, in fremden Adern, 
wird jogleich mit dir jelber hadern. 


— 66 


Ein tiefes Seherwort*), das ſich im höheren, völkiſchen Sinne nur zu ſehr 
erfüllt hat! (Viele Ausſprüche Goethes enthalten weit mehr, als er zunächſt 
jelbft meinte.) 

Die tihehiihe Sprache war bereits im Einichlafen begriffen, als der 
Deutihe Joſef Jakob Jungmann fein „Böhmifch(!)-Deutjches Wörterbuch” 
berausgab, das, vom Verfaſſer als Grabmal des Tihehiihen angejehen, deſſen 
Sungbrunnen wurde, nachdem die deutichböhmifchen Dichter K. E. Ebert, Alfred 
Meißner u. a. die Seftalten der tichechiichen Sage und Ga’hichte neubelebt und 
dadurch den in der Eindeutfhung bereits weit vorgejhrittenen Tſchechen völ⸗ 
kiſches Selbftbeiwußtiein gegeben, wodurch die Wiedergeburt diejes Volkes und 
ihr mächtiger Aufftieg ermöglidt wurde. Der Tſcheche Jakubec berichtet in 
feiner Gejhichte der tihechiichen Literatur (Leipzig 1907, ©. 139). daß Schafarichid 
um Kollär, nächſt Palacky die Erweder des Tſchechentums, die Anregung zu 
ihrem Vorgehen durch die vaterländiich gerichteten Borlefungen des Profeſſors 
Luden in Jena umd die geiftesverwandten Schriften von Schiller und Jahn 
empfangen haben — das Ergebnis ift die viehifche Knechtung von vier Millionen 
Deutihen in Böhmen, Mähren, dem früher öfterreichijchen Schleſien, Weit- 
ungarn und dem bejonders frech vergewaltigten unglüdlichen treudeutichen 
Hultſchiner Ländchen: Schillers, Jahns und Ludens reiner, edler, von jedem 
Haß oder Untewwrüdungswunic gegenüber anderen Völkern weit entfernter 
deutücher Volkstumsgedanke ins Tſchechiſch- (und Entente-) Barbariihe über- 
fest! Als Wortführer des tſchechiſchen Volkes traten der Reihe nah auf: 
Rieger, Zeithammer, Spindler, Gabler, Tonner, Greger („Gregr”), Herold, 
Engel, Zuder, Kaizl..... Daß die Tſchechen noch als Tſchechen vorhanden find, 
verdanken fie in vierfacher Hinficht der von ihnen ausgenugten deutichen Geiſtes— 
arbeit. Daß fie zum Dante dafür die ihnen von dem teuflijchen Ktleebiatt Lloyd 
George-Clemenceau-Wilſon ausgelieferten Deutichen vergemwaltigen, zeigt den 
fittlicden Tiefſtand jenes Räubervolkes. Bethmann Holliveg erwartete ja auch 
von den den Tichechen fittlich mindeitens ebenbürtigen Polen Dankbarkeit für 
die durch deutihe Blutopfer erfämpfte Befreiung Großpolens vom Zarenjoch: 
eine der zahllofen verhängnisvollen Dummheiten des jämmerlichiten aller Reichs— 
fanzler (Herrn Tr. Wirth natürlich ausgerommen!). Wir Deutichen ſind danf- 
bar; wir haben den anderen zum Dank für die uns gewordenen geiftigen 
Anregungen die Tiebevollite, grüindlichite Erfooihung aller Spraden und Lite- 
raturen gejchentt, den Amerikanern für die Aufnahme unjerer Landsleute, den 
Neugriehen für unjere Befruchtung durch die altgriechijche Kultur bei ihren Be— 
freiungsfämpfen entjcheiderde Hilfe geleifte. Darum hatte Goethe recht, als 
er jagte, daß „wir Deutichen gar hochſtehen“ . .. 

Das haben gelegentlich auch Tichechen anerfannt. Ein tſchechiſcher 
Sozialdemokrat, der jih allervings durch eine ganz ungewöhnliche Vor- 
urteilSlofigfeit und wirklichen Weitblid auszeichnet, Dr. Franz Soufup, ver- 
öffentlichte in dem Organ feiner Partei „Pravolidu” im Oftober 1911 „Reife- 
ſtizzen“ und ſchrieb darin u. a.: „Wer heute den jchmalen Gang am Bodenbacher 
Bahnhof durchſchreitet, der die Kanzleien der öfterreichifchen und deutichen Zoll 
beamten trennt, fann nach wenigen Augenbliden in breiten, bequemen Wagen, 
entlang der ichiffbaren Elbe, an riefigen Fabriten und prächtigen Villen vorbei 


*) Goethe ſchrieb es unmittelbar nach einem Beſuch des jungen genialen 
Denfers Arthur Schopenhauer nieder, der in der Farbenlehre, von Goethejchen 
Srundgerenten ausgehend, teilweiſe neue Wege einjchlug. 


— 197 — 


nad Dresden fahren, und niemand wird ſich dabei des Gefühls erwehren fünnen, 
daß er bier um mindeftens ein VBierteljabrhunder nad vor- 
wärts gefonimen ift. Es ift heute eine Tatſache, mit der jedermann in 
Europa umd in erfter Reihe wir Tichechen\rechnen müſſen, daß fich gegenwärtig 
an der Nordgrenze der heutigen Hadsburgifhen Monarchie eine in Wahrheit 
großartige und gigantiſche Eriheinung ab’pielt, und daß jeder neue Fabrik— 
Ihornftein und jede neuerlide Erweiterung einer der unzähligen deutichen Groß- 
taste nur ein Beweis dafür ift, daß das Deutfche Reich heute in Wirklichkeit 
die erſte Großmacht des Feſtlandes ift. Aus Induftrieftädten werden Induſtrie— 
probinzen, aus Induſtrieprovinzen ein SImduftriereich und aus dem Induſtrie— 
reiche die Werkſtätte für einen ganzen Weltteil — das ift die Linie, der entlang 
heute Deutſchland mit der eijernen Kraft einer Lokomotive auf den Schultern 
jeiner Millionen von wohlausgebildeten Arbeitern vorwärtsgetragen wird, um 
dereinift der führende Faktor in den Vereinigten Staaten 
des Europader Zufunft zu werden.” 

Das war vor elf Jahren. Für den Augenblid ftimmt die Wirklichkeit in 
Böhmen und anderwärts nicht ganz zu Soufups Vorausfage. Aber wir lafien 
nit von der Zuverjicht, daß fie fi) eines Tages erfüllen wird, wenn wir das 
Unſere tun, 


Weltipiegel. 
31. Mai. 


Der Tag, an dem wir heute den üblichen Rüdblid auf die politifchen 
Ereigniffe einer Woche abſchließen, follte nad) dem Wunſche Frankreichs 
ein kritiſcher Tag erjter Ordnung in der hohen Politik werden. Falls 
Deutſchland nicht die Forderungen der Reparationstommiffion befriedigend 
brantivortete, drohte Frankreich mit Santtionen, d. h. in diefem Falle mit 
dem Einmarfch in das Ruhrgebiet. Es ſtieß dabei auf den offenfundigen 
Widerfpruch der eigenen Verbündeten. Vielleicht ift auch der bon ver— 
fchiedenen Beobachtern wahrgenommene Eindrud nicht unrichtig, daß fogar 
in Frankreich felbjt der Ueberdruß und der Unwille wegen de3 nationali- 
ſtiſchen Treibens, das das Land nicht zur Ruhe und zu friedlicher Arbeit 
kommen läßt, im Steigen begriffen ıft. Freilich ift es wicht leicht, Stärke 
und Wirkung diefer Strömung nachzuweiſen und richtig abzufchägen; denn 
die eigentümliche moralifche Feinheit der vernünftigen und anjtändigen 
Franzofen gegenüber dem nationalijtifchen Gefchrei einer Minderheit 
machtbevaufhter und gloirefüchtiger Fanatifer ift eine fennzeichnende Er=, 
iheinung, die fih durch die ganze franzöfiiche Gefhichte" hindurchzieht. 

"Aber es darf doch nicht unbeachtet bleiben, wenn diefer Tage in offener 
Sisung der franzöfifhen Kammer der Abgeordnete Favre troß heftigem 
Toben der Berhegungspolitifer Herrn Poincar& wegen feiner Politik * 
uſetzte und ſich als Redner für eine Politik der Vernunft, Billigkeit und 

ee zu behaupten verjtand. 

Die Anhänger der alten franzöfifchen Gemaltpolitit, zu denen big 
jest immer noch die Stimmführer in dem Chor der öffentlichen Meinung 
—— ählen, ſuchen ihren Standpunkt dadurch zu retten, daß ſie 
ihren herriſchen und beleidigenden Ton gegen Deutſchland und die An— 
zweiflung ſeines Friedenswillens und ſeiner Vertragsehrlichkeit ſorgfältig 


— PB 


fejthalten, die Einigfeit der Entente als die einzig wirkſame Urfache ihrer 
Erfolge preifen und alle Meinungsverfhiedenheiten zwiſchen Frankreich 
und England als möglichjt geringfügig hinftellen. N Wirklichkeit 
fieht es mit diefem legten Punkt ziemlich windig aus, und es fehlt auch 
in der franzöſiſchen Preffe nicht an Stimmen, die das offen zugeben und 
ihre Beforgnis darüber aufern. Wir aber haben um jo mehr Urfache, an 
dem Hinweis feftzuhalten, daß die jegige Yage gar nichts mit dem —— 
Deutſchlands gegenüber der Entente zu tun hat, daher auch durch das 
größere oder geringere „Wohlverhalten“ Deutſchlands — im Sinne der 
Entente geſprochen — nicht geändert werden kann. Die Meinungs— 
verjchiedenheit zwifchen Frankreich und England entjpringt vielmehr aus det 
Berjchiedenheit der Intereſſen der beiden Länder, die jich deito mehr bemerf- 
bar macht, je ftärfer fich die Folgen des widerfinnigen Verjailler Vertrages 
in der zunehmenden wirtfchaftlihen Not Europas zeigen. Zu warnen 
ift natürlich vor der Illuſion, als ob das Auseinanderlaufen und Gegen- 
eiranderlaufen der englifchen und franzöſiſchen Intereſſen uns unmittelbar 
ugute fommen könnte, indem es England an unjere Seite führt. Die 
orm des äußerlichen Zufammengehens zwifchen Frankreich und England 
wird noch lange erhalten bleiben. Aber eben dadurch wird Frankreich ge— 
zwungen, fich in der Rolle, die es gern fpielen möchte, eine gewiſſe Vorficht 
und Zurüdhaltung aufzuerlegen. Unter diefem Gefichtspunft wird auch 
die von der früheren Art abweichende Behandlung der deutfchen Vorſchläge 
durch die Reparationstommiffion zu beurteilen feın. Arch Frankreich will 
au Zeit den Bogen nicht allzu fichtbar überfpannen und jich den Möglich- 
eiten einer internationalen Anleihe zugunften Deutfchlands nicht geradezu 
te denn eine gar zu deutliche Iſolierung würde es heute nicht 
mehr vertragen. Wie fich diefe für die ganze Weltlane überaus wichtigen 
Berhältniffe weiter entiwidlen, hängt auch weſentlich von der Haltung 
Deutfchlands und der Geftaltung feiner innerpolitifchen Zuftände ab, 
worauf wir hier nicht näher eingehen können. 

Inzwiſchen nehmen auch die Vorbereitungen zu der neuen Kon— 
ferenz im Haag ihren Verlauf. Während Lloyd George, der jeine 
Stellung in den legten Tagen durch ein Bertrauenspotum des Unter- 
baufes vorläufig befeitigt hat, in bezug auf das Haager Unternehmen die 
größte Zuverficht zur Schau trägt, lauten im übrigen die Urteile über diefe 
—— bon Genua recht firhl, vor allem weil Amerika auch diesmal 
an jeinem eigentümlichen Standpunkt gegenüber der Somjetregierung 
fefthält. Und nun hat au Frankreiſſch eine nahezu ablehnende 
Stellung eingenommen. Es will an der Haager Konferenz überhaupt 
nicht teilnehmen, falls nicht Rußland fein Memorandum vom 11. Mai, 


die befannte, ziemlich agareffiv gehaltene und namentlich für Frankreich - 


recht peinliche Antwort auf die Ententeforderungen vom 2. Mai, gänzlich 
zurüdzieht und weitere befriedigende Zuficherungen über Schuß des PBrivat- 
eigentums gegen jeden Zugriff abgibt. 

Die nachträglichen Exörterungen über Genua, die es in den lebten 
Tagen in den Parlamenten aller beteiligten Länder gegeben hat, haben 
begreiflicherweife bejonderen Anlaß zu allerlei Beurteilungen der Tage 
im heutigen Rußland gegeben. Dabei tritt in den verfchiedenften 
Formen und Abſtufungen die Meinung hervor, daß die Somjetregierung 
auch heute noch in erjter Linie als Vertreterin deg Bolſchewismus“, d. h. 


— I 


einer ae und Weltanfchauung, die dem Beſtande der weiteuropäifchen 
Staaten direkt gefährlich fei, betrachtet werden müſſe. Diefer Gefichtspunft 
it gewiß nicht ganz außer Acht zu laffen. Denn indem fich die rufftfche 
terung noch immer grundſätzlich zu dieſer Lehre befennt, die in den 
Nachbarländern al3 Ausdrud der radikalſten Umſturzideen bewertet und 
— wird, hält ſie ſich ein Eiſen im Feuer, aus dem im gegebenen 
ugenblick wohl unter gewiſſen Umſtänden eine gefährliche Waffe ge— 
chmiedet werden kann. Dennoch darf nicht vergejlen werden, daß der 
olfherwismus feine Rolle als Mittel zur gänzlichen Umgeftaltung eines 
in unvolfstümlichen Formen erftarrten Rußlands im wefentlichen aus— 
gefpielt hat. Aus den Uebergangaftadiun jchält fi) allmählich der echt- 
ruſſiſche Staat, wie er im Grunde immer gewefen ift, wieder heraus, jest 
natürlich ausgeftattet mit vielen Errungenjchaften des modernen Verkehrs 
und der modernen Zivilifation, aber doch in Kine Weſen kaum ver- 
ſchieden von den fritheren Gebilden, die den Namen Rußland führten. 
Ein Stark und eigenartig entivideltes Nationalberwußtfein, murzelnd in 
einem reichen Gefühlsleben, eine ungewöhnliche paſſive Widerftandstraft, 
alles zu ertragen bereit, eine felbjtverjtändliche, inftinftmäßige Hingabe an 
das Ganze, den Staat, — ohne den geringiten Anfprucd der Rüdfichtnahme 
auf dus Volkswohl, — das find ie weſentlichen Kennzeichen, die un- 
verwiſchbar find, mag der un der Gewalt Rurik, Iwan II., Peter der 
Große oder Lenin heißen. t fie find auch nicht auf andere Völker 
übertragbar; das mag den Ueberängftlichen zum Troſt dienen. Das Rup- 
land, das fich jest neu aufzubauen beginnt, ift troß feinen Belenntnis 
nicht mehr boljcemiftifch, und es ift ein Irrtum, zu erivarten, daß ein 
ausdrüdlicher, förmlicher Sturz des gegenwärtigen Regierungsſyſtems das 
Siegel unter die neuefte Entwidlung fest. Es ift durchaus richtig, daß 
wir uns nicht durch Ängftliches Abwarten gute politifche und wirtichaftliche 
Ausſichten rauben laffen, fondern hier tapfer zugreifen und handeln. 
’ Wir wollen die damit zufammenhängenden VBerhältniffe in den 
- Dftlichen Staaten heute hier noch nicht behandeln. Nur ftveifen wollen wir 
die Zatfache, daß der öfterreichifhe Bundesfanzler Schober ge- 
jtürzt worden ift, weil er fich durch feine Politik, namentlich durch den 
mit der tſchechoſlowakiſchen Republik abgefchloffenen Vertrag von Lana, der 
u tftüge beraubt hatte, die er urfprünglich in der Großdeutfchen Partei 
aß. Auf diefe VBerhältniffe, auch auf die Entwidlung in Ungarn, wollen 
wir in der nächſten Betrachtung eingehen. W. v. Maſſow. 


Bücherſchau. 


Literaturgeſchichte. (Schluß; val. Heft 20.) 

Wilhelm Bode, Goethe in vertraulichen Briefen feiner Zeit— 
genoſſen. Aud eine Lebensgefchichte. 1. Band: Im alten Reiche 1749 
bi3 1803. 2, Band: Die Zeit Napoleons 1803-1816. Berlin 1921. 
€. S. Mittler u. Sohn. Geh. 45 bzw. 35 M. Pappband 56 bzw. 44 M. 
GBanzleinenband 65 bzw. 2 M. 


— IM), — 


Der eifrige Goethe-Bearbeiter hat mit dieſem Werk, deſſen Schlußband 
noch ausſteht, vielleicht ſein Beſtes geſchaffen. Wir erhalten durch ihn den 
Goetheſpiegel der Zeitgenoſſen. Die Propyläen-Ausgabe hat in einem be— 
ſonderen Supplementband Aehnliches geſammelt, und in kurzer, überſichtlicher 
Auswahl auch der Goethe-Almanach für 1922. Wer auf möglichſte Volljtändig- 
feit Wert legt, wird bei Bode feine Befriedigung finden. Natürlich charakteri— 
fieren nit nur die Zeitgenoffen Goethe, jondern auch jich ſelbſt durch ihr 
Urteil an Goethe. Wer in diefem Sinne in der unerjhöpflicden Fundgrube 
Bodes nachforſcht, wird Entdedungen im guten wie im jchlimmen Sinne erleben, 


Paul Fiſcher Goethes Altersweisheit. Tübingen 1921. J. €. 

B. Mohr (Baul Siebed). 

Ein eigenmwüchfiges, tiefgehendes, rechtfühlendes Goetheforjchen lebt fi in 
diefem Buche aus, das aus Stuttgarter Volkshochſchulkurſen erwachſen iſt. 
Der beſcheidene Verfaffer läßt die Frage offen, ob fein Buch in der umüber- 
jehbaren großen Goetheliteratur feinen Plat finden werde. Wir glauben dies 
bejahen zu dürfen, ebenjo wie der vornehme Verlag, der fid für die Ver— 
breitung diefes in feiner Art doch ganz origimellen Goethebreviers einfet. 
Der Goethe äfthetifcheindividualijtiich anfieht, den wird das Buch vielleicht zu 
weltanſchaulich⸗ſyſtematiſch berühren. Um ſo mehr befriedigt es den, der ſelbſt 
nach einem vertieften geiſtigen Gehalt ſtrebend das Ewig-Menfchliche ins All⸗ 
gemeingültige geläutert bei Goethe ſucht. 


J. W. von Goethe, Empfindſame Geſchichten. Mit zehn Zeichnungen 
von Rolf von Hoerſchelmann. München 1921. G. Hirths Verlag. 
Vereinigt mehrere Stücke aus den „Unterhaltungen deutſcher Ausgewan- 

derter” mit ‚der neuen Meluſine“, der „pilgernden Törin“, dem „Mann von 
fünfzig Jahren” und anderen zum Teil wenig befannten Novellen zu einem 
fhmuden Bändchen, das man wohl manchem auf den Geſchenktiſch Iegen kann 
in der Gewißheit, daß diefer Goethe als Entdedung auf ihn wirkt. Zumal der 
moderne Herausgeber fich ehr artig im Hintergrunde hält und alle meift unver- 
meidlichen Vor⸗, Nachwörter und Anmerkungen unterläßt. 


Goethes Werte. In dreißig Bänden. Volksverband der Bücherfreunde. 

Berlin W 

Der „Volfsverband der Bücherfreunde” (Berlin, Rantejtraße 34), der ſich 
zur Aufgabe gejest hat, den Mittelftand unter Ausfchaltung aller Zwiſchen⸗ 
hamdelstoften unmittelbar vom Berlag mit guten Büchern zu verforgen, muß 
über gewaltige Mittel verfügen. Denn die dreißigbändige Gopethbeausgabe, 
deren erite Bände uns vorliegen, bedeutet einfah ein Millionengeichent des 
Voltsperbandes an ernithafte Literaturfreunde.. Man ftelle ſich vor, daß die 
urfprünglicden Subjfribenten den ſchön gedrudten und muftergültig gebundenen 
Band noch heute für — 19 M. erhalten! Herausgeber ift der befannte Aefthetiker 
und Pſychologe Müller-$reienfels; er hat das Problem einer zugleich 
wiſſenſchaftlich ernſthaften und für jede Hausbücherei geeigneten Gotheausgabe 
in durchaus felbjtändiger und weitfichtiger Art angefaßt. Wir kommen auf 
feime eiftung des Näheren zurüd, wenn dies beifpiellofe Unternehmen gemäß 
dem Plan des Volksverbandes — nad) einem „Erſcheinungskalender“ der einzel- 
nen Bände, der bisher pünktlich ER worden ijt — weiter borgefährttten 
jein wiw. 


— 1 — 


Johann Peter Hebel, Bon Gaunern, Shelmen und Spiegel- 
fehtern, von Brozejjen und Hochgerichten. Kalender- 
geihichten aus Johann Peter Hebels Schapfäftlein. Ausgewählt und ein- 
geleitet von Otto Ernft Sutter. Mit jehs Zeichnungen von Georg 
Poppe. Geheftet 11 M., in künftlerifchem Salbleinenband 16 M. Verlag 
Streder u. Schröder, Stuttgart. 

Die vorzüglich gedrudte Auswahl aus Hebels Schagkäftlein hat ihre Be— 
jonderheit darin, daß fie die berühmten Gaunergefhichten zum erftenmal zu 
einer Einheit von Schwanknovellen zufammenfügt. 


E. Spenle, Henri Heine. Notice et traduction. Paris, La Renaissance 
du Livre. 

Der Profeſſor an der Univerfität Straßburg bringt nad) einer flott pe- 
ſchriebenen, wenn auch nicht gerade jelbftändigen Einleitung Ueberfegungen von 
Koſtproben Heinefcher Dichtungen und Eſſais. Auch die Lyrik ift in franzöfiiche 
Proja verivandelt. Ob der Gelehrte mit dem verwelſchten deutſchen Familien— 
namen damit feine Elſäſſer dazu bringen will, auch Heine auf franzöfifch zu 
fonfumieren, erjcheint immerhin zweifelhaft; ficher ift, daß er in der Auswahl! 
der Stellen nad) bewährten Muftern erfolgreid — mas bei Heine ja nicht ſchwer 
ft — Deutihland in den Schmuß legt. 


Gottfried Kellers Werke in zehn Zeilen. Herausgegeben, mit Einleitungen und 
Anmerkungen verfehen von Max Zollinger in Verbindung nut Heinz 
Amelung und Karl BPolheim Mit vier Beilagen in Gravüre und 
Kunftorud und zwei Handichriftproben. Deutſches Verlagshaus Bong 
u. Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart. 

Man muß fih nun ſchon daran gewöhnen, auch Seller, den „frei Ge- 
wordenen“, in dem bejcheidenen Drud der vollstümlichen Ausgaben ftatt in dem 
gewohnten ftattlihen Originaldrud zu leſen. Die Bongſche Ausgabe in fünf 
Bänden erfüllt alle buchtechniichen Anſprüche, die man an eine billige Ausgabe 
ftellen darf und fie gibt durch die forgfältig gearbeiteten Einführungen der 
Herausgeber dem Lefer biographiichliterariiche Handhaben, die vor dem „Frei— 
werden” fo bequem nicht vereimigt waren. 


Alerander Brüdner, Rujjiihe Literatur. Jedermanns Bücherei. Natur 
aller Länder, Religion und Kultur aller Völter, Willen und Technik aller 
Zeiten. Abt. Litevaturgejchichte. Herausgegeben von Paul Merfer. Breslau 
1922, Ferdinand Hirt. Kart. 12,50 M., geb. 15 M. 

Der geiftvolle Verfaffer verfteht den Sinn der Kürze ftreng auszuwählen 
und klar zu filhouettieven. Bis zur Gegenwart, bis zu „Rußland Untergang“ 
führt er jeine leichten, fiheren Stride. Um Puſchkin, Tolftoi, Doſtojewſti reiht 

ch die Schar der bapferen Wahrheitfager in dunkler Umgebung, das Häuflein 
ruſſiſcher wirklicher Schriftfteller des 19. Jahrhunderts. Eine chavakteriftiiche 

Borträtreihe beichließt den Band. 


Romantit-Band. Ein deutiher Frühling in Wort und Bild. Ausgewählt 
und eingeleitet von 8. Benninghoff. Hamburg. Hanſeatiſche Ver— 
lagsanjtalt. 1921. 

Der Begriff Romantik iſt hier in Wort und Bild in einem jehr weiten 

Umfang und in einer jehr lebendigen Tiefe gefaßt. Endlich) einmal eine ſchöne, 

handliche Leje, die mit den Romantifern im engeren Sinn das deutiche Fühlen 


— 12 — 


auch don Goethe und Hölderlin bis zu Sleift, Arndt und Nüdert, bis zu 
Schinkel, Cornelius, Rethel und natürlih Schwind umſchreibt. 


Gertrude Craig Houfton, The Evolution of the Historical Drama in Germany 
during the first half of the Ninetheenth Century. William Mullan u. Son., 
Belfast. 1920. 


Ein adhtungswerter Beleg für die Vertiefung deutſchkundlicher Studien an 
englijhen Univerjitäten. 


A. Seidel, Einführung in das Studium der Romanijden 
Sprachen. Bibliothef der Sprachenkunde. A. Hartlebens Verlag Wien 
und Leipzig. 10 M. u. 20 0.9. Teuerungszuſchlag. 

Reichhaltig und pädagogiſch geſchickt, insbeſondere dem zu empfehlen, der 
den Zuſammenhang der neueren romaniſchen Sprachen mit dem Latein ver- 
ftehen will, \ 


Studienrat Prof. Dr. A. R. Diebler, Das Lateinimtägliden Leben. 
Nachſchlagebuch der gebräudlichften lateiniſchen Ausſprüche umd Rede: 
mendungen. 3. Auflage. Verlag von Ferdinand Hirt u. Sohn. Leipzig. 1920. 
150 M. u. 100 v. H. Teuerungszufhlag. 

Die Brauchbarkeit diejes Heinen „Spezialbühmann“ für Nihtlateinkundige 
geht davaus hervor, daß ſich ſchon wieder eine neue Auflage nötig erwieſen har. 


Dr. Dscar Kalbus, Der Deutjhe Lehrjilm in der mel) 
und im Unterridt. Carl Heymanns Verlag, Berlin W. 8. 1922 
Preis 60 M. 


Dieies von einem befannten und ausgezeichneten Filmfachmann und Wilfen- 
Ichaftler gejchriebene Bud) ift das erfte, daß im einer umfafjenden und gediegenen 
Ueberficht die hiſtoriſche Entwicklung und 25 verſchiedene Wiffensgebiete — außer 
Medizin — des deutſchen Lehrfilms behandelt. Aug beruflidem Wirkenskreiſe 
entftanden, von Anfang bis Ende, neben willenjchaftlicher Gründlichkeit, frifche 
und lebendige, jedoch immer fachlich bleibende Darftellung des ſchwierigen Stoffes 
zeichnen diejes Werk bejonders aus und machen e3 zu einem wertvollen Rat- 
geber, namentlich für Lehrer und Volksbildner. Aber auch fiir weitere Stveife 
der Wiffenichaft und Industrie unentbehrlich zum Nachſchlagen. Jedenfalls ein 
Bud), das jehr fehlte und nun mit gutem Gewiſſen empfohlen werden kann. 


Der Merker. 





Berantwortliher Schriftleiter: Dr. Guſt av Manz in Berlin. 


Berlag: Deuticher Verlag, Abteilung Grenzboten, Berlin SW 48, Wilhelmftraße 8—9. 
ernruf: Nollendorf 4849. 
Drud: Allgemeine Berlagd« u. Druderei-Gefellfchaft m. b. H., Berlin SW 48, Wilhelmftr. 9. 


Rüdfendungen von Manuſtripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rüdporto. — Radh- 
drud jämtlicher Aufjäge iſt nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geitattet. 


Die Grenzboten 
Bolitik, Literatur und Kunſt 


81. Jahrgang, 10. Juni 1922 
Nummer 22 


Zujammenbrud) und Wiederaufftieg 
vor hundert Jahren. 


Eine Bonner Rede, 
Bon Frig Kern. (Schluß.) 
. IV. 


Es iſt Napoleon Bau Verhängnis geivorden, daß er die Technik jeiner 
Erfolge vornehmlich an den Deutichen ausgebildet hat. 

Als 1808 ganz Spanien, das arme, mißregierte, zurüdgebliebene 
Spanien ji g gegen die Politit Napoleons wie ein Mann erhob, rief der 
libevale len Sheridan im englischen Unterhaus: „Bis jetzt 
hat Napoleon mit ten ohne Würde, Truppenzahlen ohne Begeijterung, 
oder Völkern ohne Baterlandsliebe gerungen. Ex hat noch) in lernen, mas 
e3 heißt, ein Volt zu befämpfen, das von Einem Geiſt gegen ihn befeelt iſt.“ 

Spanien hat der damaligen Welt die eleftrifierende Lehre erteilt, daß 
—* andere Völfer als das franzöſiſche — nationale 1 Snferivt Geopet 

n. is oe war I en — — —— 2. nicht 
ugrundegegangen ift Napoleon zulegt doch weder an Spanien 

—— —E — In Deut fer land. Er The es nicht zu begreifen 
bermocht, daß die Deutichen gevade ehe die 1% Jahrzehnte, in denen er 
fie in die Schule nahm, ihr Wefen — ändern mußten. Schon im 
Krieg von 1809 konnte er die Wandlung Se Der abgelegenfte, zurüd- 
liebenſte der deutſchen Stämme, die Ziroler, lieferten ein deutſches 
panien. Die Bauern, die dreimal Innsbruck befreit haben, kämpften 
— kaum gegen die Franzojen, fie kämpften ‚gegen den Bruder- 
tamm der Beben für Väterglauben und Väterrecht, fie kämpften mit der 
Dummheit und Feigheit der ihmen zur Hilfe geichidten Wiener Hofburg- 
generäle für den Amen, trügeriſchen Glauben an den Kaiſer n3. Aber 
von den legten, ärmften Deutichen aus den Bergen um Meran ging 
damals, wie 40 Jahre — aus dem abgelegenen Winkel der Schlestwig- 
holfteiner Marſch und Geeſt die den Deutichen felbit ee und 
beglüdende Wendung aus: ein Kampf um die Heimat, der nicht Löſung 
vom deutſchen Shammland bedeutete, wie der Freiheitsfampf der 





— 14 — 


Schweizer und Holländer, jondern Treue mit blinder, tvagiſcher Beharrlich- 
keit. Und auch an Schill, Dörnberg, dem Braunfchteiger si zog, Staps, 
vor allem an der Stampfeszähigkeit der fchlecht geführten deutich-öfter- 
reichiſchen Truppen bon el und Wagram hatte Napoleon zu fühlen 
befommen, daß das |pan euer von 1808 ein deutiches von 1809 ent- 
ündet hatte. Die era Brandherde konnte er austreten, aber * 
ben Funfen erftiden. Sein — Verhängnis war es doch, daß er 

durch die Behandlung Preußens nach 1806 die Königsberger Regierung 
vor der Gefahr behütet hat, ein Rheinbundsglück zu ſuchen, bob er — 
Preußen und das Deutſchtum einander in die · Arme gejagt hat. Napoleons 
roße Nation hatte ein großes Volt, das noch feine Nation war, in 
rben zerfchlagen, und eben dadurch auf! den Weg zur Nation — 
Vor 1789 *— es auf dem Feſtland noch fein eigentlich aktives ional- 
gefühl der le gegeben. Die Frauzoſen hat e3 en durchzudt, damals, 
als bei der Flucht ihres Königs 1791 allem Bürge — Trotz auf 


einen 4 ionen Foangöftfiher Bürger, fid) ter. Den Waffen 
anden, glü ie um freiwillig und einmütig die arten Grenzen 
gwöhnten fremden Angri ſchützen. 


vanfreichs gegen 
nn fam die Reihe an die a die le die Deut n, palte auch 
an die Griechen, die Serben, die Italiener uſw 


„Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutjche, vergebens“, jo hatte 
noch vor wenigen Jahren Schiller refigniert. est, als Napokeons Zauber- 
gerte den Deut Volksgeiſt noch tiefer berührt tte als den frangofijchen, 

igten ſich Erſcheinungen, die 3. B. Hinfichtlic) der Aheinländer ein 

vonzöfiicher Hiftopifer mit den Worten ausdrüdt: „ALS die Eingeborenen 

ahen, daß die Bande, welche fie an Deutichland gebunden, hatten, zerrifjen 
wuͤrden, ählten fie fich mehr als Deutiche denn vorher.” 


Das eigentliche Geburtsjahr der deutichen Nation, wenn man ein 
— — will, ift 1809. Damals — wenn N ohne Glüd, 
Herzen im Süden und im — den gleichen Takt. Schon ergriff 
vaſch das Nationale auch die geiſ Welt, — — — und Geſchichts⸗ 
— Dichtung und bildende Man begann das Deutſchtum 
voll aufzufuchen und man e — Sie neue Frömmigkeit, die neue 
Geſchichtsauffaſſung, hai neuen SKunjtgejchmad, den Volks iſt in der oft 
übe —S eiſe dieſer neuen Romantik als die Entdedun 
einer eigenen deutichen Welt. Der deutjche Philofoph mußte fich Freilich 
noch logiſch, dialektiich und metaphufifch die Gründe beweifen, weshalb es 
erlaubt und Pflicht jei, Deutihland zu lieben, aber ber Dichter Kleift 
Iprang 1809 ın feinem „Katehismus der Deutichen, faßt nach dem 
— über Gräben deutſcher Gründlichkeit hinweg; er lehrt 
3 Kind „Warum liebſt du dein Vaterland? Weil Gott es geiegnet hat, 
* Kunſt, Helden, Staatsmännern, Weiſen? Nein: Weil e8 mein 
Baterland iſt“. 


Freilich, ſo raſch, wie die Schidjalsgemeinjchaft die Deutfchen zu- 
fammenführte, jo trieb jie auch daS erreichte Ziel wieder auseinander. Es 
war erjt eine Abweh — Jahrhundertalte Schwächen gehen 
h fchnell wicht vorüber. ng hatte ſchon 1805 Hier pöegeit, daß der bisher 

ets verfehlte Tag der Einigkeit auch der des E el fein würde, aber 
nad) dem Erfolg fiet Deutichland ſchon in der Frage der Friedensziele wieder 


— 15 — 


auseinander. Kaum war mit der Rückkehr des Bourbonen nach Paris ein 
dauerhafter deutich-franzöfifcher Frieden endlich hergeitellt, fo fanden die 
deutichen Regierungen den Wiederaufbau der deutfchen Nation ſchon be— 
ängitigend weit vorgefchritten. Für das künſtliche Staatsgebilde Dejterreich 
mar ja der nationale Gedanke gefährlich, und Preußen bequemte fich, 
für noch einmal 1% Menfchenalter zu bergelien, daß es 1813 bereits Die 
Königsdomäne des werdenden Deutjchla: geiwefen war. Stein und 
Gneilenau, die Sieger, wurden von Metternich befiegt, das Nationale mit 
dem Revolutionären zuſammen in Acht und Bann getan; zwei Jahre nach— 
dem er feine Bonner Lehrkanzel bejtiegen hatte, jah Arndt fich in fein ftilles 
Bärtchen am Nhein verwieſen. Görres’ Nheinifcher Merkur hatte ſchon 
1816 davan glauben müffen. Kaum mar Napoleon auf Elba, fo zerftreuie 
ſich die deutjche politiiche Energie wieder in das einzelitaatliche Gegen- 
einander; der nationale Wiederaufbau von 1813 erivies fich als Schein- 
löfung, oder richtiger gefagt als ahnungsvolle Vorwegnahme der Heilung 
eines chroniſchen Leidens, das nur langfam geheilt werden fonnte. 
So bradte 1813 zwar die akute Heilung der afuten napoleonifchen 
Schmerzen, aber hinfichtlich des Wiederaufbaus der deutfchen Nation nur 
einen Sprung vorwärts, dem Ziele zu, einen Sprung, auf den zunächit eine 
Reihe von Rüdfchritten und neuen Anläufen folgte. Wber das 19. Yahr- 
hundert ging feinen Gang, es reifte das Nationale in großen und kleinen 
Völkern, die es noch nachzuholen hatten, und wenn wir aud) feine modernen 
ren, Tſchechen, Polen oder Türken geivorden find, wenn uns auch die 
nationale Unbedingtheit des Franzofen oder Engländers fehlt. jo Tehrte 
doch auch uns die Zeit, daß es nicht angeht, Landichaft, Stand, Konfeſſion, 
Klaffe und Partei gegen einander zu ftellen, als ob darauf die beite Kvaft 
berivendbar wäre. 

Noch eine zweite Sünde begingen die Nutznießer des Siegs von 1813: 
die Unterdrüdung des Liberalen. Die Saat Steins wurde unter- 
gepflügt; erſt dadurch konnten die inneren Gegenſätze jene radikale Schärfe 
annehmen, die unire weitere Entwidlung belaftet hat. Das Liberale wurde 
nicht durch Zufall mit dem Nationalen zuſammen verfolgt. Denn der 
fräftige Nationaltwille gibt .dvem Volk nicht nur Pflichten, fondern auch 
Rechte im Staat, der fein Staat, der Ausdrud der Nation wird, und die 
Einheit der Nation fprengt ebenjo die Einzelftaaten, wie den Abfolutis- 
mus. Demokvatien find, tie die Gefchichte to dem nur jcheinbaren Gegen- 
beweis unferer Tage lehrt, im allgemeinen auf die Länge nationaliftiicher 
al3 die ſtärkſte Monarchie. Ein Teilftaat wie das alte Preußen be- 
durfte der abfoluten Herrſchergewalt; ein Geſamtvolk wie das deutiche, 
braucht den Abfolutismus nicht und kann ihn nicht brauchen. Als Napoleon 
alle Deutjchen in ein gemeinfames Nichts geworfen hatte, begannen fie zu— 
fammenzumwachlen; dem Nichts entronnen, wollten die größten Einzel- 
Staaten nicht bloß wieder Etwas, fondern gleich wieder Alles fein; fie waren 
alfo einheitsfjhen und verfaſſungsſcheu, partitulariftiih und 
abjolutiitifch; die Einzelregierung überſchätzte ficd nach oben, nad) der 
Nation hin, wie nad) unten, nad) der Staatsbürgerichaft hin. 

E3 märe reizvoll, noch eine legte Seite des Zufammenbruhs und 
Wiederaufftiegs zu beleuchten, ich meine den Zuſammenbruch der Er— 
martımgen auf auswärtige Hilfe, den Wiederaufitieg des feit dem Mittel- 
alter geſunkenen Glaubens an die eigne Kraft. Stein hat aus vielen Ent- 


— 1% — 


täufhungen den herben Sat gezogen: „Deutichland kann nur durch 
Deutjchland gerettet werden.” 

Dreiundzwanzig Jahre lang hat England die Revolution und 
Napoleon befämpft; e8 fonnte von dem angeblichen Krieg für die Freiheit 
der Welt gar nicht genug friegen. Gott jegnete diefen britifchen Krieg durch 
ein — Wachſen des Wohlſtandes; feine ferne unbewachte Kolonie, 
welche die Vorſehung nicht den Briten zugedacht hatte, fein Schmuggel- 
bandel in der Oſtſee, an dem fie nicht verdienten. Wo aber blieb die 
englifhe Hilfe für das Feitland in Not? 

Der warmherzige Zar Aleyander, deſſen Schwur an Friedrichs des 
Großen Sarg jedes Preußenherz rührte, teilte in Tilfit mit dem Cäſar 
des Weſtens die Welt und brachte aus Erfurt den jehnfüchtig wartenden 
Preußen einen Nachlaß von 20 Millionen mit auf eine Kontributionen- 
milliarde, die troß verzweiflungspoller Steuern (jet wurden harte Steuern 
endlich nachgeholt) unerfüllbar blieb. Unter den unmwahrfcheinlichiten Um— 
ftänden lernten nun die Deutfchen auf fich felber ftehen. Zivar ging es 
nicht ohne fremde Hilfe und Anlehnung, aber das Geheimnis der ynitia- 
tive mußte bei denen liegen, denen Hilfe am metften not tat. So — 
Gneiſenau, der am Beginn feiner Laufbahn in Kolberg 1807 vergeblich 
oe Landungstruppen — at batte, in jeiner vorlegten 
Schlacht, bei Ligny, 1815, wohl begriffen, daß der Preuße fich auch einmal 
dem Verluſt einer Schlacht ausfegen muß, wenn es gilt, gelandeten eng- 
liſchen Hilfstruppen Vorwand und Gelegenheit zu nehmen, ſich auf ihre 
Schiffe zurüdzuziehen. Und der Freiherr vom Stein, als er 1812 in 
— ai mußte, um zu verhüten, daß der ruffifche Kaifer 
wieder verdarb, was der ruffiihe Winter paar gut machte, er hatte fich 
viele Illuſionen aus dem Sinn gie, als er damals in größter Gefahr 
zum treuen Arndt das heitere Wort ſprach: 

„Ich habe mein Gepäd im Leben ſchon drei-, viermal verloren; man 
muß jich gewöhnen, es hinter jich zu werfen; weil wir fterben müffen, jollen 
wir tapfer fein“. 


‘ 


Das Verhängnis des Geldwahns. 
Bon Prof. Dr. 9. ©. Holle (Vegejad). 


In einem früher (18. März 1922) in den „Grenzboten“ erjchienenen 
Aufſatz re ars ich ausgeführt, da der in einem Lande 
herrſchende Preis der ren abhängig iſt von der vorhandenen oder, 
genauer gefprochen, zur Verfügung ftehenden Warenmenge einerfeit3 und 
von der vom Staate durch Geldzeichen oder andere Befcheinigungen 
Buchungen) anerkannten Menge der er an Wert anderfeits. 
Unfere Druide Geldentwertung bezeichnete ic) als die Folge der Minder- 
erzeugung bon Ware bei gleichzeitiger jtändig fortjchreitender Vermehrung 
der Anſprüche daran, 
ei dem biologifchen Denten felbftverftändliche Anfchauung ijt feines- 
wegs a geh anerkannt; wenigftens handelt man fo, ala wenn fie falfch 
märe. eine fchon jeit lange gemachten Berfuche, fte zur Geltung zu 


an 2.22 he 


— 1917 — 


dringen, — entweder keine Beachtung oder direkten Widerſpruch er— 
fahren. senn ich heute die unabweisbaren Folgerungen daraus ziehe, 
werden meine Ausführungen von den Leitungen der Blätter, denen jie 
nicht in ihre politifche Richtung paffen, mit der Begründung zurüdgemiefen, 
fie berubten auf einer „falfchen Theorie des Geldes“. Geld foll nicht wie 
bei der gegebenen Darlegung der Geldentwertung gleichbedeutend mit „An— 
ſpruch an Wert“, fondern für ſich ein Wert fein, der als vermittelndes 
— beim Austauſch von Sachwerten eintritt, auf den es wie in 
rzeiten auch noch in der heutigen Volks- und Weltwirtſchaft ankommt. 
Das ſetzt aber eine Unveränderlichkeit dieſes Zwiſchen— 
wertes voraus, die man ihm zu geben verſucht, indem man das 
Gold als ſolchen benugt. Da das Gold nun aber zugleich auch Ware iſt, 
kann fein Wert nicht unveränderlich fein, fondern muß fi) nad) Angebot 
und Nachfrage richten. Die Einführung des Goldes als Zwiſchenwert ver- 
einfacht alfo nicht den Austaufch der Güter, fondern macht ihn verwidelter. 
Tatſächlich ift überall auf der Welt das Geld heute nur ein gedachter 
Wert, deſſen Höhe ſich nach den Gütern richtet, die man dafür erwerben 
fann, darunter unter anderen auch das Gold. Alfo, obwohl gleich benannt, 
ennah Umftänden Bee Anſpruch an Wert. Der Wert 
(die Kaufkraft) des Geldes wechfelt auch in den Goldwährungsländern, je 
nad der Menge, bezichungsweije Geltendmachung der Anſprüche an Wert 
und der verfügbaren (angebotenen) Menge der Ware. Nicht die Gold- 
währung { die Urfache größeren Geldwertes, fondern der nach den Um- 
ftänden ſich richtende Wert des Geldes beftimmt darüber, ob die Gold- 
mwährung, das beißt die gefegliche Austaufchbarkeit der Geldfcheine gegen 
Gold, ohne allzugroßen Schaden ſich aufrechterhalten läßt oder nicht. 
Wollten wir etwa heute die Goldwährung wieder einführen, indem wir 
die Geldfummte, die heute nach dem Weltmarktpreis des Goldes dem Gold- 
wert der früheren Mark entipricht, mit der Benennung „Mark“ verjehen, 
fo würden wir bei der fortjchreitenden Entwertung unferes Geldes, die 
nach unferen früheren Erwägungen unabmweisbar ijt, fchon morgen nicht 
mehr die Markicheine in Gold einlöjen konnen. Der Wert der Mark wird 
ftet3 veränderlich bleiben, nämlich dem Durchfchnittäivert deſſen entiprechen, 
was man in a für eine Mark kaufen kann. Alle .‚finanz- 
technischen” Maßnahmen, um den Wert des Geldes zu „Itabilifieren”, find 
von vornherein al3 wirkungslos zu bezeihnen. Eine Hebung des 
Mark-Kurſes ijt nur —— durch Bermehrung der 
verfügbaren Ware einerfeits und Verminderung des 
Geldes, das heißt der Anſprüche an Wert anderjeits, 
Der Geldmwahn, die Anschauung, daß Geld an ich heute noch wie 
in früheren Zeiten („peceunia“!) ein Wert jei, wird aber gleichwohl 
aufrecht erhalten, um das Geld zum Handelsgegenftand zu machen, 
ftatt e8 zum Gebrauch denjenigen zu überlaſſen, die es durch Umfegung 
in Arbeit wertichaffend verwenden wollen und können. R 
Die Werttheorie des Geldes fieht ab von den Perjonen, die Träger 
der Anſprüche an Wert find. Sie betrachtet e8 als eine felbitändige Macht 
und beachtet nur die „auf dem Markt fich begegnende” nachfragende Menge 
des (Geldes einerjeit3 und die fich anbietende Warenmenge anderfeits. Die 
Ware wird aber meift verbraucht, alfo im allgemeinen neu erzeugt, 
die Geldmenge kann für kürzere Zeit al3 gleichbleibend angefehen werden, 


— 19 — 


aber fie „läuft um“ Wenn num, wie man jagt, „Derjelben Geldmenge 
in einer bejtimmten Zeit diefelbe Warenmenge jtatt einmal mehrere Male 
entgegentommt”, weil fie rafcher erneuert wird, fo ijt das eine willfürliche 
mechanifche Nonjtruftion, die am Grundgeſetz nichts ändert, aber irre- 
führend wirft, weil fie den Schein erwedt, als wenn „ein Zand blüht, 
wenn Handel und Wandel gedeiht“. Die Auffaffung ijt willfürlich, weil 
ie die Berjonen vernadläfjigt, die Waren erzeugen oder verbrauchen. 

enn diejelbe Warenmenge fann derjelben umlaufenden Geldmenge in 
gleicher Zeit mehrmals nur enigegenfommen, wenn entweder der Ver— 
brauch gejteigert oder die Zahl der Berbraucher zugenommen hat. Die 
„Raſchheit“ des Umlaufs richter jih nad) dem Bedarf, der Preis aber 
nur nach der im Berfehr gleichzeitig auftretenden Gejamtmenge der an— 
gebotenen Ware und der Durch das Bedürfnis der Perſonen geltend ge- 
machten Anfprüche daran. Die legteren werden weſentlich noch durch die 
Zahl der Perſonen vermehrt, die am Umlauf verdienen, und lediglich "alz 
Verbraucher auftreten, Nicht auf die Zeit des Umlaufs fommı es an, 
denn ob eine Güterfuappheit auf Mindererzeugung oder Zurüdhaltung 
beruht, kommt in dev Wirkung auf eins hinaus, jondern auf den durch— 
laufenen Weg, der preiserhöhend wirft, wenn er ein Umweg iſt, einerlei 
ob ihn der Schiebehandel oder die Zwangswirtfchaft mit fich bringt! Diefe 
mechanifche Auffafjung des Warenumfages ijt die falfche Uebertragung der 
Idee des beſchleunigten Umfages vom Einzelgefchäft auf die VBolfswirtichaft, 
entjprechend dem Blauben an die durch die allgemeine Vermehrung des 
Geldes erhöhte Kaufkraft des Gefamtvolfes. 

An die äußeren Erjcheinungen des Marktes beim Begegnen von 
Ware und Geld knüpfen die „finanztechniſchen“ Maßnahmen an, die nad 
der Art des „mechanifchen Denkens“ gradlinige ——— an⸗ 
nehmen, während das „biologiſche Denken“ ſich des Netzwerkes der inneren 
Zuſammenhänge bewußt iſt, das den lebenden Organismus kennzeichnet. 
Jeder Vorgang, jede „Maßregel“, die im Organismus auf einen Reiz hin 
eintritt, iſt nicht einfach durch die Verrichtungsweiſe des unmittelbar be— 
troffenen Organs, ſondern danach beſtimmt, was die Art der 
Gegenwirkung für den Geſamtorganismus bedeuten 
wirde — 

Die biologische Auffaffung der Volkswirtſchaft beurteilt die Güter oder 
Werte nur unter dem Gefichtspunft des Verbrauchs zur gedeihlichen Fort- 
führung des Lebens der Sefantheit. Auch Luxusverbrauch kann diejes 
fürdern, wenn er in den nach den Umſtänden zuläffigen Grenzen gehalten 
wird und geijtige Werte Schaffen hilft. Das materielle „Wertgefälle” (Haiſer) 
muß mit dem geiltigen möglichft zujammenfallen; aber wir find 
von dieſem Zustand heute weiter entfernt als je. Ohne diefe Bedingung 
it die Erzeugung und.Erwerbung von Gegenjtänden, die nur als „Beſitz“ 
zu ideellem Gebrauch gefchägt, nicht zum notwendigen Ber brauch beſtimmt 
find, für die Gefamtheit al3 wirtfchaftsfeindlich anzufehen. Dinge, die nur 
zum Befig und zur Benugung unter unmefentlicher Abnugung dienen, 
fennzeichnet man als „Sachwerte“ im Gegenfat zu den Verbrauchswerten, 
die zu einem unmittelbaren oder baldigen Verbrauch bejtimmt find. Da— 
neben ftehen die geijtigen Werte (Bildung, Kunſt, Unterhaltung), die aus 
dem Rahmen der dinghaften Werte herausfallen, aber doch als unentbehr- 
liche Taufchwerte mit in Betracht fommen. 


— 199 — 


Der wichtigſte, ebenfo unentbehrliche wie unerjegtare Sachwert ijt 
der Boden, der dem N nur in beſtimmter, begrenzter Menge 
zur Verfügung fteht und deshalb, folange er als Ware verfäuflich ift, in 
demjelben Make im Werte jteigen muß, als die Bevölferung fich vermehrt 
und nad) feinem Belig verlangt. Dieſes Verlangen muß aber bei einer 
genügenden Anzahl von Perjonen vorhanden fein, die rähin und gewillt 
find, aus feiner Bearbeitung eine möanlichjte Summe von Nahrung für die 
Geſamtheit zu erzielen, wenn das Ganze gedeihen fol. Weil aber der 
Menſch nicht als Gefellfchaftstier entitanden, jondern erſt im Lauf der 
Menfchheitsgejchichte dazu geworden ift, können bei ihm nicht die Inſtinkte 
vorausgefegt werden, die bei den gejellig lebenden Tieren die Arbeit für 
das Ganze aus innerem Antrieb bewirken. Für die Bebauung des Bodens, 
wie zu jeder anderen auf die Herjtellung von Yebensbedarf gerichteten Ar- 
beit fann die Bereitjchaft nur beitehen, wenn als Gegenwert der über den 
eigenen Bedarf erzeugten Gebrauchswerte Anſpruch an joldhe dinghaften 
oder geiftigen Werte, die zu einem gedeihlichen Leben notwendig find, aljo 
„Geld“ gegeben wird, 

Zu diejen ala Gegenwert landwirtfchaftlicher oder anderer Arbeit für 
alle notwendigen Werten gehört als VBorbedingung jeder Arbeit die Be- 
baujiunyg. Das Haus wird aber mit Unredht zu den „Sachwerten“ 
gerechnet: es ift, wie der Verfall der Gebäude infolge einer falfchen Gejeg- 
gebung heute allen deutlich gemacht haben follte, ein Beroraudhsmert, 
der jtandiger Erneuerung bedarf. Dieje falfche Gejeggebung hat dahin 
geführt, dak die über uns gekommene Not zu einem wejentlichen Teile 

ohnungsnot ift. Entjtanden iſt die MWohnungsnot während des 
Krieges durch das Fehlen der Arbeitskräfte und die anderweitige In— 
anfpruchnahme des zum Bauen nötigen Kapitals. Verſchärft wurde fie 
durch das Fortbeftehen der Wohnungszwangswirtichaft auch nach dem 
Kriege, die Neubauten von privater Seite jo gut wie volljtändig ausjchließt. 
Nun bin ich an ſich durchaus fein Gegner ftaatlichen Eingriffs in die Privat- 
wirtfchaft, gerade wegen der individualiftiichen Natur des gleichwohl zum 
SER EBEN gezwungenen Menjchen. Einfchränfungen des freien 

ettbeiwerbs bringt jede ftaatlihe Ordnung mit ſich und ift notwendig, 
weil der Kampf aller gegen alle zur Ausbeutung des wirtfchaftli Schwachen 
führt. Zum Sozialismus muß der Menſch erit erzogen fein: Die ftaat- 
lihe Beeinfluffung der Wirtſchaft darf nicht dazu benußt werden, der 
jeweiligen — genehme Parteirichtungen in lohnende Aemter zu 
bringen; ſie muß in die Hände wirklich ſachverſtändiger, unparteiiſcher und 
völkiſch gerichteter Männer gegeben ſein. Sie muß auch ohne weſentliche 
Härten gegen beſtimmte Perſonengruppen durchführbar fein. 

Gerade dag Legtere tft bei der Wohnungszwangswirtfchaft und bei der 
auf die Wohnung bezüglichen Steuergefergebung nicht der Fall. Im 
Gegenteil, te führt, wie täglich deutlicher wird, zum jicheren Untergang des 
Hausbefigertums. Die Gründe find von mir wie von anderer Seite ſchon 
De dargelegt, bleiben aber ohne Beachtung. Nach dem Thema der 
vorliegenden Erörterung fommt es hier auf das Verhältnis der Sachwerte 
zum Gelde an. Zum Oelde, nicht-zu den „Geldwerten“; denn das ae 
eben die Leihfapitalien, die fich heute jo ins ungehenerliche vermehrt haben, 
daß die Aufbringung der Zinfen ung zu Sklaven des Kapitalismus gemacht 
hat. Ihm werden wir rettungslos unterliegen, wenn wir nicht für alle 


— 200 — > 


beftehenden und neu aufzunehmenden Schulden den Kapitalſchwund (nicht 
da3 „Schwundgeld”) einführen und die bejtehenden öffentlichen Schuldtitel 
zwar nicht für verfallen, aber zum Nennwert als „Geld“ erklären, Um die 
plöglihe Vermehrung des Geldes (Inflation) zu vermeiden, könnten ftatt 
der Schuldtitel die Zinsfcheine in Geltung bleiben, bis das Kapital auf- ' 
gezehrt it. 

Solche Folgerungen müſſen wir univeigerlich ziehen, wenn wir die 
natürliche (biologifche) Auffaſſung des Geldes als zutreffend anerkennen. 
Die im Dienjt des Stapitals jtehende zünftige — weigert 
ſich aber dieſer Anerkennung. Eben wegen der Folgen für den Kapitalis— 
mus. Deshalb die Verwirrung der Begriffe, die in der Bezeichnung 
„Kapital“ für die Betriebsmittel eines — liegt. Das als Sad)- 
wert aufgefaßte und zu einer unperfönlichen Macht erhobene Geld ift in 
der Aftiengefellfchaft der „Unternehmer“, alfo auch der Urheber der ge- 
Sallsen Güter, nicht die Arbeit. Das Kapital nimmt deshalb auch den 

erdienft in Anſpruch; Entlohnung der in Wahrheit jchaffenden technijchen 
und faufmännifchen Leitung wird danach, wie die der mechanifchen Arbeit 
I Geſchäftsunkoſten des Geldgebers, der jeine Perſon hinter der ſchützenden 

aske der Aktiengefellichaft verbirgt. Das Unternehmen wird dadurch 
felber zu einem Sachwert, deijen Höhe am Ertrage (Dividende) gemeſſen 
wird. Auch der Wert des eigentlichen Leihlapitals wird naturgemäß am 
Ertrage, hier an den Zinfen gemeffen. 

Es iſt Har, daß, wenn der Zinsfuß gleich bleibt, auch der Wert des 
Kapitals fich nicht ander. Sinft der Wert (die Kaufkraft) des Geldes 
infolge feiner allgemeinen Vermehrung, fo bleibt der Wert des Kapitals im 
Lande des entiwerteten Geldes, an diefem M a1: gemeffen, derjelbe. 
Der Kapitalismus verlangt aber (folange der Geldwert finkt!), daß die 
Sinfen im Geldwert des jeinerzeit ausgeliehenen Geldes ausgezahlt werden. 

r Kleinrentner, dem e3 ja übel genug geht und dem unbedingt geholfen 
werden muß, wird da vorgefchoben, um diefe Forderung einleuchtend zu 
machen. Dabei wird aber außer acht gelafjen, daß das feinerzeit auf Zins 
egebene Geld fich ebenfo im Wert geändert haben würde, wenn es nur auf- 
** — wäre. Wollte man dem Rentner helfen, indem man den Betrag 
der vor dem Verelendungsfrieden ausgeliehenen Kapitalien jetzt vielleicht 
auf das 50fache vergrößert rechnete, ſo würde das eine ſolche Vermehrung 
des Geldes, alſo der Anſprüche an Wert bedeuten, daß die Preiſe aller Ware 
auch durch eine entſprechende höhere Geldſumme ausgedrückt werden 
müßten. Wo bleibt da die Hilfe für den Kleinrentner? — Der Fall liegt 
rade ſo, als wenn man die Erkrankung eines kleinen Gliedes dadurch 
In wollte, daß man den ganzen Organismus ebenfo frant madt. Es 
leibt nur Linderung des Uebel möglich; eine „[ofale” Behandlung der 
Krankheit iſt ausgefchloffen, weil es ſich um die im ganzen Körper zirku— 
lierenden Säfte handelt, die verdorben find. 

Es liegt hier eben die —— Auffaſſung des Wirtſchaftslebens 
vor, die den inneren Zuſammenhang aller Verrichtungen eines Organismus 
verkennt. Folgerichtig müßte der Betrag jetzt ausgeliehener Kapitalien 
sl werden, wenn der Wert der Mart — das ift ja immerhin 
theoretisch nicht ausgeſchloſſen — mal wieder fteigt! Biologische Auffaffung 
verlangt, daß Kapital als folches durch Umwandlung in Arbeit ver- 
braudt wird. Es ift eine ungeheuerliche Forderung des Kapitalismus, 


— 201 — 


daß das Kapital zu der aus feiner Eigenfchaft als „Sachwert“ abgeleiteten 
Unzerftörbarfeit, nun auch noch die Eigenjchaft der Wertbeſtändigkeit 

geben werden foll, die nicht einmal den wirklichen Sachwerten zufommt. 

icht für das Kapital, wohl aber für dag Geld als Maß des Wertes 
verlangt das Gedeihen einer Volkswirtichaft die Wertbeitändigfeit. Der 
gehanfene Wert kann aber nur wieder gehoben werden durch Vermehrung 
er Güter (einfchlielich der Sachwerte) einerjeitS und Verminderung des 
Geldes anderfeits. Das Ziel des Kapitalismus ift aber die Anfammlung 
des Geldes in den Händen weniger, das nur durch immer weitere Ver— 
ne nelaoen erreicht werden fann, von der er immer den Löwenanteil 
an fich rafft. 


Diefen verhängnisvollen Gang der Dinge fürdert die Arbeiterfchaft 
dadurch, daß fie durch frevelhaft angezettelte Streif3 einerfeit3 Werte zer- 
ftört und Neuentjtehung folcher hindert, anderjeit3 durch die erpreßten 
Lohnerhöhungen die allgemeine Vermehrung des Geldes fteigert, in dem 
Wahn, daß wenn der einzelne unfraglich ſich mehr kaufen fann, wenn er 
mehr Geld hat, dies auch der Fall fein würde, wenn alle mehr Geld 

aben. Daneben hat die Zwangswirtſchaft der Kriegszeit die biologifche 

tfache in Vergeſſenheit gebracht, daß die zur Erhaltung des Lebens 
dienenden Gütern verbraucht werden, aljo immer wieder neu erzeugt 
werden müffen. Die Arbeiterparteien, oder wenigſtens ihr linker Flügel, 
treiben aber eine Politik, der e8 nur auf die Berteilung der vor- 
bandenen Güter antommt, das heikt in Wahrheit auf die Erfegung des 
jegigen Befigers durch den zum Progen gewordenen Proletarier. 


Befonders deutlich wird das beim Hausbefig, bezüglich deffen die 
Geſetzgebung fi) von diefer Richtung ganz Hat ing Schlepptau nehmen 
laſſen. Man tut jo, als wenn der usbefiger immer reicher wird, 
je mehr Geld — die anderen haben! — Das zeigt fih in der An- 
wendung des „gemeinen Wertes“ bei der Ordnung des Steuermwefens 
tatt des Ertragswertes, der allein der Forderung der Gerechtigkeit ent— 
pricht. Der gemeine Wert macht das zu dauerndem Gebrauch der 
amilie beitimmte Haus zum Handelsgegenitand. Seine Zugrunde— 
egung bei der Bemeſſung der Steuern und fonftigen Laſten muß, 
da er fi bei der heutigen Geldentwertung und mangelnden Er— 
gänzung der Wohnungsgelegenheit vervielfacht hat, zu Abgaben führen, 

i denen der nicht fapitalfräftine Befiger, dem in der Regel heute die 
notwendige Initandhaltung der Wohnung an fich Schon weit teurer fommt, 
als wenn er Zwangsmieter desfelben Haufes wäre, unfehlbar ſchließlich 
zu einem Punkte fommen, wo er den Beſitz nicht mehr halten fan. Un 
wenn er nun verfaufen muß und Statt der 20 000 Marl, die er vielleicht als 
Kleintentner feinerzeit für das Häuschen zahlte, in dem er fich zur Ruhe 
fegte, jegt 200 000 Mark in entwertetem Gelde befommt, deflen Zahlen- 
unterjchied ihm gar als „Wertzuwachs“ angerechnet und zum größeren Teile 
fortgefteuert wird, wie ſoll ihm der verbleibende Reit Erfag für den Miet- 
wert des Hauſes bieten? — 


Der Widerfinn diefer Beſtimmung zivingt den Verkäufer geradezu, 
die Höhe der Verfaufsfumme im Einverftändnis mit dem Käufer zu ver- 
fchleiern, oder, wenn er kann, die Steuer auf den Käufer abzuivälzen. 
Dann aber bewirkt die Steuer eine Vermehrung des Geldes, die meiter 


202 — 


die allgemeine Teuerung erhöht. Nun aber wird dem Hausbejiger von 
fapitaltjtifch gerichteten Volkswirtſchaftlern der Hypothekengläubiger ent- 
gegengehalten und von einer „PBrellung der —— — geredet. 
Hier liegt wieder die Verkennung des — en Grundgeſetzes vor, indem 
die Beziehungen zwiſchen Hypothekengläubiger und -Schuldner aus dem 
— der geſamten Volkswirtſchaft herausgelöſt und für ſich 
etrachtet werden. Daß der Hypothekengläubiger, wenn ſein Verhältnis 
zum Schuldner für ſich ohne Rückſicht auf andere Umſtände betrachtet wird, 
ich fchlechter jteht als der Schuldner, iſt an fich richtig. Für dieſe „Un— 
gerechtigkeit“ iſt aber nicht Diefer verantwortlich, jondern der 
Staat, der die Entwertung des Geldes verfchuldet hat, dadurch daß er die 
rafende Vermehrung des Geldes zugelaffen und die Vermehrung der Güter 
nicht — hat, oder dies vielleicht nicht anders konnte, weil er nun 
einmal die unerfüllbaren Reparationslaſten auf ſich genommen hatte. — 
Ebenjogut fünnte man fagen, den Gläubiger trifft als Nusnießer des 
fapitalijtiihen Hypothekenrechts wenigjtens eine Mitfhuld an der Notlage 
des Hausbejiges! Der Kapitalismus, der „ewige Zins“ iſt es, der durch 
die allgemeine Vermehrung des Geldes die heutige Wirtichaftslage herbei- 
gefübrt bat. Und wenn die Hypothefengläubiger darunter leiden, fo leiden 
ie Hypothekenſchuldner als Hausbefiger nicht minder darunter durch die 
ungeheuren Koſten der Inftandhaltung. Sie könnten mit demfelben Recht 
eine Ausnahmegejeggebung zu ihren Gunſten verlangen jtatt des zu ihren 
Ungunjten gefagten Diietgejeges. Die gedachten Bolkswirtichaftler gehen 
aber noch weiter. Sie verlangen nicht nur eine Höherſchätzung der hypo— 
thefarifchen Geldforderung und damit Erhöhung der Zinsleiftung, fondern 
„zun Ausgleich des Unrechts“ ein Anteilre dt am ®Befig des Haufes 

er Bodens! Sie bedenken nicht, daß dann dieſe ehe ebenjo dem 
Gewerbe und der Induſtrie gegenüber, die mit geliehenem Gelde arbeiten, 
erhoben werden müßte. Denn nicht nur der Landwirt, fondern auch der 
Hausbefiger betreibt ein Gewerbe, heute ein ebenio aufreibendes wie 
ertreglofes. Ob er die Wohnungsgelegenbeit, die er ſchafft nur für ich 
yelber BR: oder auch anderen verjchafft, ijt wolfswirtfchaftlich gleich- 
bedeittend, denn er hat dasfelbe, ſogar in der Reichsverfafjung aus— 
efprochene Recht auf Behaufung wie jeder andere. Aber was nügen Ver— 
En nosbefliumnien; wenn das vorhandene Heim den rechtmäßigen In— 
babern genommen und den Siedelungswilligen die Gelegenheit zu feiner 
Begründung nicht gegeben wird! 

Wohin uns die Ausnahmegefeggebung gegen den Haus- und Grund- 
bejig führt, zeigen die heutigen Berhältniffe in Rußland, two eine neue 
Bejigerflaffe von Sowjets Gnaden jich herausgebildet hat, die an die Stelle 
der alten getreten und deren Eigentum nun rechtlich anerkannt iſt. Nach 
Dr. E. Jenn y ift dazu der Weg frei gemacht durch den formellen Verzicht 
der bisherigen Eigentümer der Häujer, denen dieſe wieder angeboten 
wurden gen die Verpflichtung der Wiederinftandfegung, die unter den 
heutigen Berhältniffen unmöglich ift, aber durch ftrenge Strafbeitimmungen 
erziwungen wird. Hat doch der Somjetvertreter Kraffin in Genua 
neuerdings jelbit gejagt: „Wir haben jegt ein Syſtem, das wir als Staats- 
fapitalismus bezeichnen. Vom Kommunismus haben wir Abjtand ge- 
nommen. Wir find Kommuniſten an der Spige eines nicht kommuniſtiſchen 
fondern fapitaliftifchen Staates.” 


— 203 — 


Der neue Vertrag mit Somjetrußland fann zwar eine Waffe gegen den 
Feindbund fein, aber er ijt eine zweijchneidige, wenn er, wie es nach dem 
Auftreten Radeks im April als Vertreter der Erefutive der Dritten 
— bei der Tagung der Vertreter der kommuniſtiſchen Reichs— 

ezirke in Berlin fcheint, der bolſchewiſtiſchen Propaganda bei uns freie 
Bahn jchafft. Bei dem Mangel an Einficht in die hier dargelegten eigent- 
lichen Urfachen unferer Not, von der in erjter Linie der nebildete und völfifch 
puren Mittelitand betroffen und mit dem Untergang bedroht ift, beiteht 
aum nod Hoffnung, daß diefer fi aufrafft und mit dem zur Einficht 
gefommmenen Teil der Sozialdemokratie zufammengeht, der, allmählich 
erfannt hat, daß nicht das in der Induſtrie zur Schaffung von Werten 
ee fondern da3 fapitaliftifche Prinzip des eivigen Zinſes der 
ind ift. 


Elſaß⸗lothringiſche Fragen. 


Boneinem Elfäffer. 
3. Die Öeneralratswahlen in Elfaß-Lothringen. 


Die Eraänzungswahlen zum franzöfifchen Generalvat haben ver- 
fafjungsrechtlich feine allzu große Bedeutung. Der Generalcat ijt das 
Drgan, das in Frankreich den Senat wählt und außerdem Hleinere politifche 
Funktionen felbjttätig ausübt. Ein Drittel der gewählten Mitglieder fcheidet 
in Abjfchnitten von drei Jahren automatijch aus dem Volksvertretungskörper 
aus und muß dann durch Neuwahlen erjegt werden. Die diesjährigen 
Neuwahlen nun haben die politiſche Welt vor die wichtige Frage geftellt, 
ob der bisherige übermäcdtige Nationalblod über die Linfsparteien 
triumpbhieren und das Land weiterhin dem ſchrankenloſen Nationalismus 
ausliefern würde, oder ob die im Sinne der internationalen Beziehungen 
wünſchenswerte Orientierung nad) links einfegen würde. Das Ergebnis 
der Wahlen hat fich als eine ſchwache Trientierung nach links herausgeitellt. 

Alfo ein Stimmungsmejjer für die öffentliche politifche Meinung waren 
die Wahlen — Sie waren es beſonders im Elſaß. 

Hier intereſſiert nun zunächſt die überaus minimale Wahl— 
beteiligung. Nahezu 50 v. H. der eingeſchriebenen Wähler haben ſich im 
Elſaß an dem Aktus überhaupt nicht beteiligt. Das iſt das wichtigſte, 

ormell negative Ergebnis der Wahlen im Lande. Man niuß, um einen 
ähnlichen politifchen Kicchhofsfrieden miederzufinden, in die Zeit zurüd- 
gehen, da im Lande noch der Diktaturparagraph in Kraft war. Ye gleich- 
gültiger indeffen® die Allgemeinheit war, um fo fampfeifriger, um nicht 
zu fagen fanatifcher, zeigten fich allenthalben die Kreife, die die Wahl ge- 
macht haben. Der „Nationale Blod”, der Lunte gerochen und fich zulegt ala” 
„Republifanischer Block“ vorgeftellt und empfohlen hatte, arbeitete fieberhaft 
und jtreute reichlichen Geldfamen aus feinen Partei- und Propaganda- 
Dir ins aufgewühlte Land hinaus. In Straßburg, dem Brenn- und 

ittelpunft der elſäſſiſchen — hatte man auch die Frauen— 
welt — die in Frankreich nicht wah —— — begeiſtert. Röcke 
und Bluſen für den Fall eines „günſtigen“ lergebniſſes waren für 
treue Helferinnen der „nationalen Sache“ in Ausſicht geſtellt. Umſonſt. 


— 204 — 


Der Blod erlitt eine Heine materielle, eine große moralifche Niederlage. 
In Straßburg gewannen zivei Sozialiften als Erfte das Ziel, während 
der eine Blodfandidat, Herr Beigeordneter Levy, ein tüchtiges Stüd Geld 
und die Partie verlor, fein ftädtifhes Amt freiwillig quittierte — ein 
Mufterbild enttäufchter Leidenichaft! In dem erzproteftantifchen, t 
fonfervativen Wahlbezirt Buchsweiler blieb der fommuniftifche Kandidat 
nur um eine geringe Stimmenlänge (1364 gegen 1240 Stimmen) hinter 
dem Blodfandidaten, Herrn Dr. Hoeffel (einem Bruder des früheren Reichs- 
tagsabgeordneten und NReichsparteilers- Dr. Johannes Hoeffel) zurid und 
hätte bei beſſerer Wahltaktik vielleicht jogar gefiegt. In dem angrenzenden, 
faft ausschließlich agrarifchen Bezirk Neumeiler fiegte der Sozialitt mit 1645 
Stimmen über den Blodfandidaten, der nur 754 Stimmen aufbradte. 
Der große taktifche Fehler der Linfsparteien beruhte in ihrer Spaltung 
(Radikal-Sozialijten, a Kommuniften) und in ihrem Mangel 
an geeigneten Kandidaten, zu kam bei diefen Parteien das Fehlen der 
erforderlichen Bropagandamittel. Wie zu Bebels Zeiten gingen die national- 
oppofitionellen Elemente mit der Linken, ſchade nur, daß bei den meijten 
von diefen die Gleichgültigkeit und Mißachtung der Wahl als foldher die 
Blockgegnerſchaft noch überwog. Eine taktifch geeinte Agitation der Miß- 

ftimmten und der nationalen Oppofition hatte ein noch glänzeyderes 
Ergebnis herbeiführen fönnen. 

Die Bedeutung diefer Wahl und ihres der Oppofition günftigen 
Refultats für die elſäſſiſche Politil, wir wagen zu fagen, für die eifäffife 
Geſchichte, fann nicht wohl überjchägt werden. Je mehr Fortichritte 
die Linke in Zukunft macht, um u gefährdeter wird die Lage der Klerifalen 
und des mit ihnen verbündeten Notabelntums. Die Niederlage gerade des 
Notabelntums, diefer erzfranzöfichen, antifozialen Kaſte, in Straßburg 
iſt von größerer Bedeutung als irgend ein politifches Ereignis feit Beginn 
des Krieges. Sie hat hohe fymptomatifche Bedeutung für das ganze Land. 
Und es fehadet nicht viel, daß der — ebenfalls nationaliftifch angefränfelte — 
Sozialismus den erjten Ertrag davon hat. Gelingt es dem Sozialismus, 
in jeinen an und für fich unzeitgemäßen Forderungen auf Aufhebung der 
klerikalen Sonderrechte im — — konfeſſionelle Schule ufm. — —* 
ſchritte zu machen, erlebt Frankreich eine Linksſchwenkung (zu der das 
Schwerſte, der Anfang, gemacht ift), — fo werden die Herren Kleriker 
vor eine bedenkliche Sihation geitellt. Zwar leiftet der Biſchof von 
Straßburg mit feinem Anhang für die Trennung von Kirche und Staat 
im erh Ana die Angleihung der Verhältniffe an innerfranzöfifche finn- 

emäße Vorarbeit; indeffen wird fich das fatholifche Volk auf dem Lande 

ch vecht bedenfen, ob e8 fich in der gegenwärtigen, politifch bedenflichen 
Zeit die legten Stügpuntte feines kirchlichen Intereſſes wftd nehmen lafjen 
wollen. Dann aber hat der elfäflifche Klerifalismus die Wahl, zugunften 
Frankreichs auf religiöfe Sonderbefugniffe zu verzichten oder im Kampf mit 
einem antiklerikalen Frankreich die bisherigen Beſitztümer zu behaupten. 

Man jieht: die allgemein=politifchen Linien, die von den legten 
Generclratsmahlen auslaufen, haben eine weitreichende Wirkung. Ob 
freilich der Dentzettel, den die Kleriko-Demokraten erhalten haben, bei ihnen 
etwas fruchten wird, ift nicht abzufehen. Hätten die Herrjchaften 1918 
gezeigt, daß fie über der Situation ftänden, jo wäre ihre heutige Lage 
um vieles bequemer. Durch ihre unbedingte Hingabe an Frankreich 


— 205 — 


ben fie da8 — damals mit Worten beſchworene — Geſpenſt des Anti» 
lerikalismus mit in den auf genommen. Bis heute beanjpruchen fie, 
als Bürger einer befonderen Klaſſe behandelt zu werden, und müſſen 
diefes Plus ftändig dur um fo frampfhaftere Betätigung eines über- 
jenen, beinahe gögendienerifchen Patriotismus vergüten. Der jeelifche 

ern dieſer Politik liegt darin, daß einzelne betagte Kleriker in der Freude 
darüber, daß ihre im Herzen bemwahrte Jugendliebe zu Frankreich in ihrem 
Alter noch ein Refultat gezeitigt hat, in eine nationaliftifche Taumelfrankheit 
verfallen find, und daß num die Jungen diefen überlebten Rummel einfach 
„titmachen müffen. Ob aber die Alten ewig leben! 


Gedächtnisſtörungen. 
Von Ernſt Armin. 


Viele Menſchen leiden von einem gewiſſen Alter an unter einer Ab- 
nahme ihrer Gedächtniskraft, die ihren ſchwere Stunden bereitet. Gar 
nicht ſelten — wir in den Lebensbeſchreibungen großer Männer von 
der bitteren Seelenpein, die ein ſchwindendes Gedächtnis namentlich für 
den geiſtig Schaffenden ——— Wo das Gedächtnis fehit, wird Die 
Arbeitsfähigteit eines folden Mannes wefentlich herabgejegt. Selbſt durch 
die beiten Außeren Hilfsmittel läßt ſich ein gutes Gedächtnis nicht voll 
erfegen. Bietet e8 doch die unfchagbare Möglichkeit zu eigener lebhafter 
Alloziationstätigfeit. Es häuft gemwiffermaßen den NRobftoff zu jener blig- 
artigen Verbindung weit auseinander liegender Tatſachen und Gedanken 
an, die einen Grundbejtandteil des genialen Schaffens ausmadt. Des- 
halb ift es berechtigt, wenn Duintilian dag Gedächtnis das Hand- 
werkszeugdes Genies nannte. 

Wie nun aber einerjeitS das beſte Mufifinftrument in der Hand 
eines Stümpers feinen vollen und fchönen Ton hergibt, wie alfo ein gutes 
Gedächtnis in der Hand eines wenig begabten oder gar ſchwachen Geijtes 
einen täglichen Eindrud macht, jo kann andererfeits ein Inſtrument, das 
nicht tadellos gebaut ift, vielmehr mancherlei Mängel aufweiſt, gleichwohl 
unter der Hand eines genialen Muſikers die wunderbarſten Töne von 
fih geben. Selbſt wenn drei Saiten geriffen find, vermag er auf der 
allein übriggebliebenen vierten noch mweiterzufpielen und jeiner Geige Töne 
zu entloden, die alle Welt in Eutzüden verfegen. So haben große Männer 
auch mit fchlechtem Gedächtnis dennoch wunderbare Leiftungen hervor— 
zubringen gewußt. 

Es gibt Gehirne, die trog der Feinheit ihres Baues, troß der zweifel⸗ 
Iofen Begabtheit ihres Beliters doch nur beitimmte Mengen von Wiſſens— 
und Erinnerungsftoff zu faſſen vermögen. Wird mehr in fie hineingepreßt, 
fo fließt getwiffermaßen an irgendeiner anderen Stelle etwas früher Ge— 
lerntes oder Aufgenommenes wieder ab. 

Meift wird dieſer Mangel der Gedächtnistraft peinlich empfunden. 
Troßdem macht er fich bei Männern von großen Geijtesgaben nur jelten 
ftöorend bemerkbar. Sie pflegen Alfoziationsgabe, gefunden Menfchen- 
verftand und Geiftesgegenmwart genug zu bejigen, um es nicht nötig zu 


— 206 — 


baben, in jedem einzelnen Falle auf das zurüdzugreifen, was jie früher 
einmal im Gehirn aufzufpeichern verfucht hatten. Geſundheit und Schlag- 
fertiafeit ihres Urteils bangen davon nicht ab. Sie befigen vielmehr die 
Gabe, wıe Emerfon es einmal ausdrüdt, Die Rangordnung der 
Dingejederzeitwiederzufinden“. 


Nemton geriet leicht in Verlegenheit, wenn das Gefpräch auf feine 
Erfindungen und die Ergebniffe feiner Arbeiten fam. Er konnte jich ihrer 
manchmal gar nicht wieder erinnern. Wenn man ihn aber fragte, ob eine 
Sache fo oder fo läge, ſo gab er auf der Stelle Auskunft. Ebenſo wie 
Newton litt auch Kant unter einem ſchwachen Gedächtnis, und ähnlich 
erging es Helmholg und manchen anderen großen Männern der Natur- 
wiſſenſchaft. 

Andererſeits wird man ſagen können, daß fein Mathematiker oder 
Naturforſcher, lein Geſchichtsſchreiber oder Philologe, überhaupt kein großer 
Mann des Geiſteslebens mit ſeinen Leiſtungen in erſter Linie auf den 
Schultern ſeines Gedächtniſſes geſtanden habe. Vielmehr ſind es ſtets 
andere Geiſteskräfte geweſen, die ihnen ermöglichten, epoche— 
machende Leiſtungen zu ſchaffen. 


Vergaß doch ſelbſt Goethe oft das, was er früher gejagt hatte. Nicht 
ohne Einfluß blieb darauf, daß der ungeheure Reichtum jeines Inneren 
Bewegungen und Kräfte barg, die nicht immer für fo lange Zeit an Die 
Oberfläche emportauchten, daB fie Zeit gefunden hätten, fich in feinem Ge— 
dächtnis niederzufchlagen. So ereignete es fich zumeilen, daß Dinge, die 
er früher gedacht, gejehen oder gefprochen hatte, ihm alg etwas ſcheinbar 
Fremdes entgegentraten. 

Viel peinliher wird e3 von großen Männern empfunden, wenn di: 
Gedähtnisfraft infolge übermäßiger Anfpannıng des Gehirns 
allmählihoderplöglihnadhläßt. So treten m Faradays 
Leben Klagen über die Mangelhaftigfeit feines Gedächtniffes ſchon früh 
auf. Ohne feine ganz ungewöhnliche Orönungsliebe wäre es ihm über— 
haupt nicht möglic geweſen, erfolgreiche Arbeit zu leiten. „Gerade des— 

Ib,“ jo meint Ojtwald, „weil ihm fein Gedächtnis nicht in jedem Augen- 
lide Auskunft über notwendig zu beantwortende Fragen gab, hatte er ſich 
ein Syſtem von Ordnungen und — eingerichtet, welches ihm 
das Gedächtnis möglichſt erſetzte, indem es ihm den ganzen Beſtand des 
Erforderlichen in leicht erreichbarer Form zur Hand hielt.” Schon das 
ausführliche Tagebuchführen, Notizenfammeln ufm., das bereits in feinen 
Spußenejagen yerbortrat, deutet auf ein: großes Miktrauen gegen das 
eigene Gedächtnis hin. Als Faraday 1857 über die zeitlichen Eigenfchaften 
der Fernivirkungen erperimentierte — eine Frage, deren Unterjuchung 
Ende des 19. Jahrhunderts dem Phyfiter Heinrich Herg den größten 
Ruhm feiner Laufbahn brachte —, da fchrieb Faraday in Barlow: „9 
bin in der Stadt und arbeite täglich mehr oder weniger. Mein Gedächtnis 
ftört mich fehr dabei, denn ich fann mich von einem Tage auf den anderen 
nicht der Schlüffe erinnern, zu denen ich gelangt bin, und muß fo ein jedes 
Ding viele Male überdenken. E3 niederzufchreiben gewährt feine Silfe, 
denn ſowie es niedergejchrieben tft, ift es auch vergeflen. Nur in fehr 
einen Schritten fann ich durch oder über diefen Zuſtand geiſtiger 
Verſchlammung fommen; immerhin ift es befier, au arbeiten als 


— 207 — 


ſtillzuſtehen, felbjt wenn nichts herausfommt. Es ijt fogar beffer für den 
Beitt denn wenn ich auch nicht ficher bin, daR ich je die Unterjuchung 
durchführen kann, fo bin ich doch ficher, daß ich fie in meinem früheren 
Zuftande des Gedächtniffes in einer Woche oder zweien zu einem erfolg- 
reichen pofitiven Ergebnis gebracht haben würde. 

„Eine Folge des ſchlechten Gedächtnifjes macht fich wunderlich geltend. 
Sch vergeſſe, wie die Worte buchitabiert werden. Ich glaube, wenn ich 
diefen Brief wieder leſe, finde ich fünf bis jieben Worte, über die ch 
zweifeihaft bin. . ..“ 

Und doch ſtellt Oſtwald in feiner Unterſuchung über Faradayh feſt, daß 
dieſes „faſt bis zur völligen Erſchöpfung ausgebrauchte Gehirn immer 
wieder qualitativ höchſt wertvolle Produkte zutage förderte“. 

Dieſes Schwinden des Gedächtniſſes, das bei Faraday in den letzten 
Lebensjahren bis zum Verluſt der orthographiſchen Kenntniſſe ging, iſt 
nah Oſtwaldeinebei Forſchernnicht ſeltene Erſcheinung. 
Sp findet ſich eine Bemerkung von Berzelius in feinen jpätern 
Lebensjahren, daß er feine längeren Experimentalverſuche mehr vornehmen 
fönne, da er nach wenigen Tagen zu vergefien pflege, was er inzmwijchen 
gemacht und beobachtet habe. „Daß diefer Mangel auf die wijlenjcaftliche 
Leiftungsjähigleit nur einen verlangjamenden, nicht aber einen ver- 
ſchlechternden Einfluß ausgeübt hat. iſt höchjt merkwürdig und praftifch 
ein Ba Troft. Einigermaßen erklärt ex ſich aus Faradays Arbeitsweile, 
die moſaikartig ein Stüdchen Erfahrung an das andere fügte, und aus 
feinen methodiichen Gewohnheiten, die ihn den Arbeitsplan überlegen 
und aufitellen ließen, bevor er an die Ausführung im einzelnen ging“. 


Auch Liebig klagte in fpäteren fahren (1861) über die Abnahme 
feines Gedächtniffes, die ihn „ganz traurig“ mache. Noch ausgeprägter it 
der Nüdgang des Gedächtniffes bet Helmholtz, der fich überhaupt feiner 
Starten Gedächtnisfraft erfreute, Dinge, die nicht unter= 
einander zufammenbhingen vermochte er nit zu be— 
haften. Er fagte ſelbſt von fich, daß er ſich deutlich entfinnen könne, ſchon 
früher Shwierigfeiten empfunden zu haben, rechts und linfs 
gu unterfheiden. „Später, als ich in der Schule an die Sprachen 
am, wurde es mir fehwerer al3 anderen, mir die Volabeln, die unregel- 
mäßigen Formen der Grammatif, die eigentümlichen Redewendungen ein- 
zuprägen. Der Gefchichte vollends, wie fie ung damals gelehrt wurde, 
mußte ich faum Herr zu werden. Stüde in Proja auswendig zu lernen, 
war mir eine Marter. Diefer Mangel ijt natürlich nur gewachſen und 
eine Plage meines Alters geworden. 

„Wenn ich aber kleine mnemotechnifche Hilfsmittel hatte, auch nur 
bins wie fie das Metrum und der Reim in Gedichten geben, ging das 

usmwendiglernen und das Behalten des Gelernten ſchon viel beiler. Ge— 
dichte von großen Meiftern behielt ich fehr leicht, etwas gekünſtelte Verſe 
von Meijtern zweiten Ranges lange nicht fo gut. Ich denke, das wird 
wohl von dem natürlichen Fluß der Gedanken in guten Gedichten ab- 
hängig geweſen fein, und bin geneigt, in diefem Verhältnis eine wejentliche 
Wurzel afthetifcher Schönheit zu fuchen. In den oberen Gymnajialflaffen 
fonnte ich einige Geſänge der Odyſſee, ziemlich viele Oden des Horaz und 
große Schäge deutjcher Poeſie rezitieren. In diefer Richtung befand ich 


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mich alfo ganz in der Lage unferer älteften Vorfahren, welche noch nicht 
ſchreiben konnten und deshalb I Gejege und ihre Geſchichte in Verſen 
figierten, um ſie auswendig zu lernen.“ 

Was große Männer mit jchlechtem oder fchlechtiverdendem Gedädhtnig 
zu leiften vermögen, ift erftaunlih. Wie fümmerlich nehmen fich dagegen 
die Hilfsmittel aus, die von Menjhen ohne geijtige Be- 
gabung benugt werden! Sn der römifchen Kaiferzeit wurde es ein all 
gemein Se Mittel des Stimmenfangs, daß derjenige, der ein Amt 
erlangen wollte, jich jtellte, al3 ob er jeden kleinen Mann al3 feinen 
——— Bekannten betrachte. Er ſchüttelte deshalb allen Begegnenden 

ie Hände und erkundigte ſich, ſie beim Namen nennend, nach Frau und 

Kindern und nach den —— Verhältniſſen. Dieſes Verfahren bei 
Tauſenden von Wählern durchzuführen war nicht leicht. Die Berufs- 
polititer, benugten dazu die Methode, jih Sklaven mit un- 
gewöhnlidem Gedächtnis zu halten, die alle in der Stadt 
wohnenden Bürger kennen mußten. Ging der Standidat dann aus, um 
zu agitieren, fo flüfterte ihm fein Diener bei jedem, der anzureden var, 
den Namen und was es ſonſt von ihm Wifjensmürdiges gab, heimlich 
ins Ohr. — Ein reicher Emporfömmling wollte gern mit Bildung 
renommieren; da lich er jeden Sllaffifer von einem feiner Eflaven aus- 
wendig lernen, und wenn er dann in Geſellſchaft erſchien, umgab ihn die 
ganze Bien Schar und foufflierte ihm bei der Unterhaltung die 
paſſenden Zitate. 

Es hat Völker gegeben (befonderz jolche, die ihren Ruhm in kriege— 
rifhen Unternehmungen fuchten), bei denen die Ausbildung des 
Gedächtniſſes abſichtlich vernachläſſigt wurde. Herodot 
erzählt (Buch 3 Kap. 46), daß die von Polykrates vertriebenen Samier, als 
fie in Sparta um Beijtand baten, zur Antwort erhielten: den Anfang 
ihres Vortrages habe man jchon vergeffen, und könne darım das Ende 
nicht mehr verftehen. 

Daß es bei ganzen Völkern zu fürmlid krankhaften 
Gedädhtnisftörungen kommen kann, haben uns die Striegsjahre 
gezeigt. Alles, was man in Frankreich, England und Rußland bis dahin 
an den Deutichen anerfannt und gerühmt hatte, war nicht nur vergefien, 
fondern es wurde ins Gegenteil verdreht. Die Gejundung will fi) auch 
heute erjt ellmählich einjtellen. Syn —— zumal laſſen ſich erſt 
außerordentlich beſcheidene Anfänge der Rückkehr des Gedächtniſſes 
beobachten. 

Wie quälend für jemand das Schwinden des Gedächtniſſes ſein kann, 
hat in dichteriſch freier Form, aber unter Anlehnung an einen tatſächlich 
— Fall, Guſtav Frenſſen in ſeinem Roman „Der Untergang 

r Anna Hollmann“ geſchildert. Dem Helden feiner Erzählung geht 
infolge der, Schreden eines Schiffbruchs das Willen von der eigenen 
Berfonlichkeit volltommen verloren. E3- vergehen mehrere Jahre, ohne 
daß der Zuftand fich ändert, Endlich „kam das fiebente Jahr, das am 
Geiſt und Körper des Menfchen oft eine wunderliche, neheime Rolle jpielt”. 
Da erit kehrt das Gedächtnis, hervorgerufen durch zwei fich folgende Be- 
gebenheiten. dem Manne zurüd. — 

Wie gern aber würden wir auf das Gedächtnis für mande Dinge 
verzichten! Wäre es nicht beffer, wir könnten die Erinnerung an Dinge 


— 209 — 


von uns abſchütteln, die uns monate- und jahrelang peinigen können? 
In der Tat ift das Gedächtnis nur im Bunde mit einer ſchweren, aber 
jehr notwendigen Kunst volllommen: der Kunft des Bergefjens. 
Alles, was das Leben an bitteren Erfahrungen in unfere Seele gegofjen 
hat. oder doch wenigſtens dasjenige, was uns die meilten Schmerzen 
bereitet hat, möchten wir gern wieder von uns abjtreifen. Es liegt ein 
tiefer Sinn in dem griechiihen Mythos, der die Seelen der Verjtorbenen 
vor dem Eintritt in das Elyfium aus dem Letheftrom trinken läßt; 
ihre Seligkeit foll nicht durch die qualvolle Erinnerung an das, was fie 
Uebles erlebt haben, getrüibt werden. 

Darin aber, wie weit wir diefe Kunſt des Vergeſſens erlernen und 
wie wir fie üben, zeigt ſich das Maß der Seelengröße. Es aibt Menfchen, 
die ein unerbittliches Gedächtnis für jede abfichtliche oder vermeintliche 
Kränkung befigen, die ihnen jemals zugefügt worden if. Kommen fie 
nach vielen Fahren in die Lage, einen Nadeljtich, den fie früher einmal 
empfangen haben, mit einem Keulenſchlage zu vergelten, jo jchwingen fie 
die Keule gewiß mit beiden Händen. So fchleht ihr Gedächtnis für 
MWohltaten jein mag, die fie empfangen haben — im Schuldbuch ihres 
Hafjes haben fie auch die geringite Unfreundlichkeit mit unauslöfchlicher 
Gallentinte verzeichnet. 

Es gibt auch Genies, die diefe fleinlihe Artvon Gedädt- 
ni3 bejiten. Napoleon I. war ein foldes. Nur die wirflihgroßen 
Männer find über ſolche Dinge erhaben. Einen Friedrich den Großen 
berührten jie nicht. Ja, es hat Führer der Menfchheit gegeben, deren 
ganzes Leben aus einer fait ununterbrochenen Kette von Kränkungen und 
Zurüdjegungen bejtand — und die troß der Dornenheden, durch die 
ſie fich ihren Weg hatten bahnen müffen und in denen fie endlich aus 
vielen Wunden blutend und zu Tode erjchöpft aufammenbracdhen, doc 
— Großmut über alle dieſe Hemmungen und Anfeindungen hin— 
wegſahen. 
Ein ſolcher Mann war Friedrich Liſt, der für all ſein großartiges 
Wirken im Intereſſe ſeines Vaterlandes faſt nichts als Undank und 
Schmähungen erntete, und der dieſe doch immer wieder zu vergeſſen ſuchte. 
Sein Geiſt umſpannte die ganze Welt — nur das Gedächtnis für das ihm 
ſelbſt zugefügte Unrecht hatte keinen Platz darin. Und die größte Geſtalt, 
die jemals als ſittlicher Führer durch die Geſchichte der Menſchheit ge— 
ſchritten ift, fprach über jeine Peiniger am Kreuze die Worte: „Vater, 
vergib ihnen, denn fie wifjen nicht, was fie tun!“ 


Weltjpiegel. 
7. Ju ni. 


Wenn es in der letzten Zeit eine Weile den Anſchein hatte, als ob 
der politiſche Horizont fih etwas aufbellen werde, 5 hat heute die dadurch 
erregte optimijtifche Stimmung wieder eine ſtarke Einbuße erfahren. Der 
bisherige Verlauf der Berhbandlungen der Anleihbefommij- 
fion zeigt, daß die Ausfichten auf die Linderung der Not in Europa und 
auf das Durchdringen eines friedlichen und verſöhnlichen Geiftes wieder 
einmal fehr gering find. Zwar faun man wohl mit Beitimmtheit an— 


— 210 — 


nehmen, daß diefe Hemmungen, die dem Siege der Vernunft und Gerechtig— 
feit in den Weg gelegt werden, am legten Ende die entgegengejegte Wirkung, 
als ihre Urheber beabfichtigen, hervorbringen müffen. Aber für ung Deutſche 
bejteht die furchtbare Gefahr, Daß die heilfame Gegenmwirfung, die mir 
wohl mit einer gewiſſen Naturnotwendigfeit erwarten dürfen, für uns 
zu jpät eintritt. 

Sp hat es zunächſt für uns noch feine praftifche Bedeutung, daß die 
Anſicht oder vielmehr Einficht, daß die Reparationsforderungen auf Grund 
des BVerfailler Vertrages und der Londoner Abmachungen tatfächlich die 
Leiltungsfähigkeit Deutichlands überfteigen, immer mehr Raum gewinnt 
und immer Diener und deutlicher ausgejprochen wird, Wir hören freilich, 
daß 3. DB. gerade die amerikantfchen Finanzleute und Politiker die Herab- 
jesung der Reparationsforderungen auf ein vernünftiges Maß als Be- 

ingung für die Gewährung einer großen, die wirtjchaftliche Gefundung 
vorbereitenden Anleihe bezeichnet Haben; in England herrſcht diefelbe An- 
fiht vor. Aber alles das hat auf die Haltung eines Poincare nicht den 
eringjten Einfluß. Er glaubt feine Politik durchbiegen zu können, meil 
Seat infolge der Natur feiner Voltswirtfchaft auf die Gejundung der 

eltproduftion und die Wiederbelebung des Welthandel3 nicht einen jo 
entjcheidenden Wert legt — Weil es auf die gegenwärtige Abneigung 
Amerikas, in die wirtfchaftlichen Berhältniffe Europas entjchloffen ein= 
zugreifen, ganz bejtimmt rechnet —, endlich, weil es fich der engliichen 
Weltmacht militärisch überlegen weiß. 

Poincare hat alfo erjt fürzlich wieder ganz entjchieden erklärt, Frank—⸗ 
reich werde unter feinen Umſtänden in eine Herabſetzung feiner Farde— 
rungen willigen. Das fann niemand überrafchen, aber es würde wirfungs- 
los jein und auch eine Nation wie die franzofiiche teilweife zur Vernunft 
bringen, wenn andere Nationen, die fchon oft und mitunter in den ſtärkſten 
Ausdrüden ihre Mifbilligung diefes Standpunftes ausgefprochen haben, 
ihre Worte einmal zur Tat werden ließen oder wenigjtens auch nur eine 
ernjtlich zu beachtende Willensregung kündgeben wollten. Bisher aber ift 
Frankreich im entfcheidenden Augenblid immer auf Nachgiebigkeit geftagen, 
auch England und fogar dann, wenn ein folches Nachgeben faum noch mit 
aithergebrachter Würde und dem ſprichwörtlichen Stolz Albions zu ver- 
einbaren war. Darauf rechnet die franzöfiihe Regierung auch jeßt, und 
ficherlich noch auf abſehbare Zeit mit Recht, wenn fie auch in ihrer unbeug- 
jamen Ueberhebung nicht gewahr wird, wie ihr Standpunft ganz von felbjt 
allmählich unterhöhlt wird. 

Noch immer hat Frankreich feine beftimmte Entfcheidung getroffen, 05 
es fih an der Konferenz im Haag beteiligen will. Nach wie dor 
jtellt «8 feine Bedingungen, die zunächit von England und Italien noch 
nicht zuaeitanden werden und auch die Gegnerichaft anderer Mächte finden. 
Auch bier, wo Deutfchland gar nicht einmal beteiligt iſt, fennt Frankreich 
feine andere Politik als die Verhinderung aller Maßnahmen, die dem 
geplagten Europa Ruhe und Frieden bringen können. Nun könnten die 
Mächte, die ein Sntereffe daran haben, mit Rußland in klare Verhält— 
niſſe zu kommen, ſehr wohl den Entſchluß faſſen, ohne Frankreich im Haag 
zu tagen. Aber es iſt außerordentlich fraglich, ob ſie fich dazu —— 
werden, zumal da die Haltung Amerikas die Lage außerordentlich 
erfchwert. Dabei ift es qar nicht einmal die Mbficht Amerikas, durch Nicht- 


— 211 — 


beteiligung Frankreich einen Dienft zu erweifen. Im Gegenteil, jeit der 
Konferenz von Wafhington ift die öffentliche Meinung in den Vereinigten 
Staaten — ſehr wenig geneigt, vielfach ſogar in gereizter Stim— 
mung. Jedenfalls iſt von der alten hiſtoriſchen Freundſchaft, die beſonders 
die franzöſiſche Phantaſie ſtark erfüllt, zurzeit jenſeits des großen Waſſers 
nur ein beſcheidener Reſt übrig. Dennoch geſtattet den Amerikanern ihre 
gegenwärtige Abneigung, ſich irgendwie in Europa politiſch feſtzulegen, 
nicht, aus ihren Anſichten über europäiſche Fragen richtige und zwedmäßige 
Folgerungen zu ziehen. 

Bei der jtarfen Gegnerfchaft Frankreichs gegen Somjetrußland fpielen 

Kun fonftigen Pläne zur Aufrechterhaltung feiner Machtverhältniffe in 

uropa eine bedeutende Rolle. Hierbei fommt vor allem das Verhältnis 

ranfreichg zu Polen, dann aber auch zu den anderen Staaten, auf deren 
Schickſal Frankreich einen befonderen Einfluß behalten will, in Frage. Der 
polnijchen Republif hat Frankreich jeden nur möglichen Vorſchub geleiftet, 
um ihr einen möglichjt großen Teil von Oberſchleſien in die Hand 
zu fpielen. Es ijt vorzugsweife verantwortlich für die Nechtsbrüche, Ge- 
mwalttaten, Bedrohungen und Drangjale, mit denen dieſes Ziel erreicht 
wurde, Ein franzefifcher General, der nur die ihm in Paris erteilten 
Weiſungen rüdjichtslos ausführte, war die leitende und allein maßgebende 
Perfjönlichkeit in der Interalliierten Kommiffion, die den Polen fchlechter- 
dings alles erlaubte, den Deutfchen dagegen — ſoweit irgend möglich — 
nichts. Jetzt ift diefe Tragödie zu Ende geführt. Auf den Trümmern der 
Werfe deutfchen Fleißes, mit einer Bevölkerung, deren Energie und Freiheit 
unterdrüdt werden wird, foll jich in diefem neuen Zuwachs des polnischen 
Staatsgebiets künftig in trauriges Schidfal verfallender und verfumpfender 
Kultur vollziehen. Die vertrauensjeligen unter unferen Landsleuten, die 
vielleicht auf alle die fchönen neuen Verträge über Minderheitenfchug und 
fonftige Rechte hinweiſen, mögen fich erinnern oder ſich jagen lafjen, dat 
noch nie ein Pole einen Vertrag oder ein Berfprechen geyalten hat, wenn 
er nicht unter der Angjt lebt, daß dem Bruch die Strafe oder ein fühlbarer 
Nachteil auf dem Fuße folgt. Leider kommt dergleichen jest noch nicht in 
Betracht. Manchmal bricht wohl auch bei einer der führenden Perfönlich- 
keiten in Polen die Sorge durch, wie die fortgefegte Mißwirtſchaft und 
Rechtlofigkeit auf die Zukunft des polnischen Reiches zurücwirfen fünnte, 
Aus folhen Bedenken jcheint auch die neuefte Krifis des Miniſte— 
riums Bonifomwffi hervorgegangen zu fein. Ueber ihren Abſchluß 
und ihren Verlauf ift jedoch noch nichts befannt. 

Wir erwähnten bereits neulich den Nüdtritt des öfterreidi- 
hen Bundesfanzlers Schober, der durch den “Prälaten 
Seipel erjegt worden tft. Was Schober geitürzt hat, war ungeachtet 
gewifler Erfolge, die er in Genua erreicht hatte, der VBerluft des Vertrauens 
der Großdeutichen Partei. Der Vertrag von Lana, den ver zum Verdruß 
feiner Partei unterzeichnet hatte, wurde fein Verhängnis, da er — jchon 
etwas belajtet durch die Preisgabe des Dedenburger Yandes — durch dieſe 
Bindung an die Tfchechoflomwatei nach der Ueberzeugung feiner bisherigen 
Partei wichtige öfterreichifche ntereffen preisgegeben und den Gedanken 
eines zukünftigen Anfchluffes an Deutichland gefährdet hatte. Die neue 
Bejegung des Kanzlerpoftens ift durch eine Koalition der Großdeutſchen 
und Ehriftlich-fozialen zufammengefommen. Noch it die Zukunft der 


— 212 — 


Nachfolgeſtaaten der — habsburgiſchen ar trübe und un- 

geflärt. Eine ganz befondere Stellung nimmt unter ihnen Ungarn ein, 

wo erſt fürzlich neue Wahlen jtattgefunden haben. Aber erit in der nächiten 

Zeit werden die dadurch gejchaffenen Verhältniffe a zu on fein. 
dv. o w. 


Büůcherſchau. 
Kunſt. 


Otto Stiehl, Der Weg zum Kunſtverſtändnis. Eine Schönheitslehre 
nah der Anſchauung des Künſtlers. Mit 353 Abbildungen im Text. 
Berlin und Leipzig 1921. — wiſſenſchaftlicher Verleger Walter 
de Gruyter u. Co. Geh. 60 
An Kunjterziehungsbüchern — wir feinen Mangel. Aber Stich! gebt 

jeinen eigenen Weg. Souverän verwendet er ein aus allen Zeiten und Zonen 

verfnüpftes Anidauungsmaterial, wobei die Architektur überwiegt, die Zu- 
ſammenhänge oft verblüffend neu wirken. Auch ein verhältnismäßig Un- 
bewanderter fann das Bud) ftudieren und wird ihm geiunde Anleitung danten. 

Müffen wir doch nad) den ſeeliſchen Zerftörungen des legten Jahrhunderts die 

natürlide Raumkunſt früherer Geſchlechter uns erjt wieder denkend und ein- 

fühlend zu erwerben juchen. 

Orbis Pictus / Weltkunft-Bücherei. Herousgegeben von Paul Weftheim. 
Band 7: Carl Einjtein, Afrikaniſche Plaftil. — Band 8: Walter 
Lehmann, Altmezitaniihe Kunſtgeſchichte. Ein Entwurf in Umtijjen. 
— Band 9: Otto Weber, Die Kunft der Hethiter. — Berlin. Ernit 
Wasmuth. Der Band 30 M. 

Von dieien drei Erotenbänden bringt der erjte eine Ergänzung Karl Ein- 
jteins zu jeiner früher herausgegebenen Negerplaftit, zugleih eine Reviſion 
und Läuterung jeiner Anichauungen, wobei aber der Grundgedanke geblieben ijt: 
‘den ?Fubifchen Grundzug der afrifanifchen Kunſt im Gegenſatz 3. B. zur ozea— 
niſchen herauszubeben. Bon hohem Reiz ımd Wert ift der Mexikoband Leh— 
manns, der nicht nur auf 48 fommentierten Tafeln eine umfafjende und jtreng 
geſichtete Semmlung eindrudsvoller Denkmäler gibt, fordern auch den Verſuch 
einer zujammenfaffenden Skizze der Kunſtgeſchichte Alt-Mexitos wagt. Ein 
no viel fühnerer Vorjtoß in Funftgeichichtlich dunkles Neuland bedeutet der 
dritte angezeigte Band. Wenn aud in dem erhalteten hethitiichen Denkmäler: 
bejtand das Handiverfliche überwiegt, io zeugen doch einige wenige von Weber 
abgebildete Funde von jo fünftleriicher Qualität, daß der Genius des Volkes 
wicht nad) der Mafje des Erhaltenen beurteilt werden darf. Die Baufitte, die 
Faſſaden mit Bildiverfen zu ichmüden, ift nad) Weber bei den Hetbitern auf- 
gefommen, und diejer Trieb entfaltet insbejondere in den Xierdarftellungen 
‚eine hohe jhöpferiiche Kraft. Durch dieſe Bände wird einem weiteren Publikum 
überhaupt der erſte Einblick in ferne und kraftvoll eigenartige Kulturen 
erſchloſſen. 

Paul Weſtheim, Das Holzſchnittbuch. Mit 144 Abbildungen nad) Holz- 
ichnitten des 14. und 20. Jahrhunderts. 1. bis 3. Taujend. Potsdam 1921. 
Guſtav Kiepenheuer. 100 
Ein feinfinniger Kımftdeuter fieht in der noch problematifchen expre ſio— 

niſtiſchen Kunſt am Iebensreichiten und formglüdlichiten den neuen Holz» 


— 213 — 


ſchnittſtil erwachſen. Dies führt ihn zurüd zum Holzſchnitt der Alten und es 
zeigt fi bald, daß die Jüngſten fih im Holzichnitt vielleicht enger mit dem 
Mittelalter berühren, als irgendwo. Daß man bei Weſtheim ſowohl äfthet:ic 
wie technifch viele Anregungen empfängt, ift febitverftändlich, jo 3. B. hinſichtlich 
der Grenzen und Orenzüberichreitungen biftoriiher Holz'chnittftile nad; dem 
Kupferfiih wie nad) der Zeichnung bin. 


Auguſt Schmarfow, Gotik in der Renaijjance, eine kunſtliſtoriſche 
Studie. Mit 16 Abbildungen. Verlag von Ferdinand Ente in Etutt- 
gart. 1921. 

Der Altmeifter der Kunſtgeſchichte unterzieht das italienische Duattrocento 
einer Analyje, wobei er die Elemente, welche „die Raumgebilde als im Werden 
begreifen, von denen zu jcheiden jucht, welche das bodenftändige Dafein” des 
Menſchen geben Die Gotif als Stil des Werdens, die Renaiffance als Stil des 
Seins zu unterüheiden, wird ein von der Allgemeinheit gern aufgenommenes, 
prägnantes Ergebnis der meifterhaften Studie jein. 


Süddeutſche Kunſtbücher. Band 1—2: Rud. Guby, Die niederbayeriichen 
Donauflöfter. — Band 3: Ad. Feulner Schloß Nymphenburg. — 
Band 4: Dr. Rud. Guby, Freudenhain bei Paſſau. Preis je 8 M. 

Oeſterreichiſche Kunſtbücher: Band 11-12: Dr. Wolfgang 
Pauker, Das Auguftiner-Ehorherrenftift SKlofterneuburg in Nieder- 
öfterreih. — Band 15: Dr. Bruno Grimfhig, Die monumentale 
Gemäldefolgen des Domes zu Gent. 

— in —— Band 1—2: U. ©. Snijder, Dordrecht. — Band 3: 

Dr. E. Tietze-Conrad, Der Utrecht-Pſalte. — Band 7: Max 

Eisler, Der Baumeiſter Berlage. — Nr. 11, 12, 15, 17 je 10 M. — 

Nr. 1,2, 3, 7 je 12 M. 

Defterreihifhe Kunftbüher Band 21-22: Dr. Erich Stroh— 
mer, Mondfee und das Mondland. — Band 24: Dr. Erih Strohmer, 
St. Wolfgang am Ammerfee. Preis je EM. Oeſterreichiſche Verlagsgejell- 
ſchaft Ed. Hölzel u. Co. ©. m. b. H., Wien. 

Die hier gleich mit einer großen Mannigfaltigfeit vor den Leſer hertretende 
Sammlung, die fi in fehneller Folge vermehrt, gleicht den Ueberraſchungen 
eines gutfundierien Weihnachtsmannes. Zu einem Preis, den man heute tat- 
ſächlich al3 gejchentt anjprechen kann, überjhüttet uns der Wiener Verlag mut 
zierlichen Büchlein in Mappenformat. Jedes enthält neben einem Pad auf 
Karton aufgezogener Kunſtblätter ein Heft mit kunſtgeſchichtlicher und Funtte 
geographiſcher Beſchreibung des betreffenden Landſtrichs von bewährten Schritt- 
+ ftellern. Kurz, man wird künftig neben Bädefer und Dehio auch fein Pädchen 
„Hölzel“ mit auf Kunſtreiſen nehmen. 


Joſef Kreitmaier, S. 3. Beuroner Kunft. Eine Ausdrudsform der chriſt— 
lihen Myſtik. Mit 37 Tafeln. Dritte, vermehrte und verbejjerte Auflage. 
Freiburg / Br. 1921. Herder u. Co. ©. m 6. 9. 

Die hieratifc gebundene Kunſt des heute jajt Mjährigen Pater Dejidertus 
Lenz und jeiner leider neuerdings zur Erſtarrung neigenden mönchiſchen Kunft- 
ſchule wird jetzt allgemeiner als im Zeitalter des Naturalismus aud in außer- 
firhlichen SKreiien gewürdigt. Ihre Formenſtrenge, ihr Suchen nah einem 
Kanon berührt verwandte Saiten bei den von Bimis de Chavannes, Hans 


— 214 — 


von Marees, Hodler herfonmenden, zu einem neuen „Geſamtkunſtwerk“ ftreben- 
den Richtungen. Ihre myſtiſche Symbolif war dem Expreſſionismus ſympathiſch, 
der allerdings als großftädtifch chaotifche Kaffeehausmyſtik in Geift und Mitteln 
das Gegenteil bedeutet von der archaiſch keuſchen Kunft der frommen, kindlich 
weltfernen, nazarenernden Beuroner Schwaben. Die vorliegende bildlich reich 
ausgeftattete Echrift verbindet mit flarer Schilderung des Beuroner Kunft- 
wollens eine beſennene Einſchätzung ihrer Leitungen und Yufunitsfeime, meld 
legtere cllerdings weniger im Fortjegen der Lenz'ſchen Formeln, als in dem 

Geiſt der benediktiniſchen Bildnerfrömmigkeit — unter notwendiger Ausweitung 

ihres künſtleriſchen Erlebnifjes zu erwarten wären. 

Gehner, Der Meifter der Jdylle, ausgewählt und entgeleitet von 
Paul F. Schmidt Mit 34 Abbildungen. Münden, Delphin-Berlag. 
Vereinigt Proben des Dichters und eine Auswahl des bildenden Künftlers 

Geßner — der den Dichter Geßner überragt — mit einer äſthetiſch würdigenden 

Biographie. 

Alfred Kuhn, Dieneue Plaftitvon 1800 bis zur Gegenwart. Mit 
68 meiſt ganzfeitigen „Nekäßungen und 14 Strichätzungen. Münden, 
Delphin-VBerlag. Pappband 70 M. Ganzleinenband 75 M. 

Der kühne Verſuch, jo widerſprechende Stilepodhen, wie fie von Thorwaldien, 
Nude und Echadow bis zu den modernften Erprejjionijten reichen, unter großen 
Wert und Formgefichtspunften endgültig biftoriich zu gliedern, mag in vielen 
Richtungen zu objektiver Anerkennung nicht führen. Das Treffende aber über- 
wiegt in der Charakteriſtik der Perjönlichfeiten und Richtungen. Man kann 
bei Kuhn jehen lernen. 


Liebhaberdrude. 


Anne Simons, Das Rojenband, Gedichte aus dem Roloko. Münden 
1921. Dreimasfenverlag. — 

Ernft Heigenmoofer, Die Seele des Weines Trinklieder. München 
1921. Dreimasfenverlag. — 

Heinrich Zoft, Troftbühlein. Münden 1921. Dreimasfenverlag. 

Als „Münchner Sfriptordrude” Täßt der rührige junge Verlag Feine biblio- 
phile Köftlichfeiten hinausgehen, die auch zu Geſchenkzwecken ficher großen Anflang 
finden werden Die iorgfam und ftimmungsvoll ausgewählten Anthologien, die 
für verſchiedene Lebensftimmungen paffen, find von Schreibfünftlern mit ver 
Feder geichrieben und auf gefälligem Bütten jaffimiliert. 

Victor Mannheimer, Die Balli von Jacques Eallot.. Ein Eſſay.“ 
Potsdam 1921. Guſtav Kiepenheuer. Ganzleder 450 M., Balbpergament 
225 Marl. 

Diefe Heinformatige Koftbarkeit führt in die amüſierliche Welt der italieni- 
ihen Barodfbühne in den „Flegeliahren der europäiihen Schaufpieltunft“. Als 
der Lothringer Eallot, der Später ſich durch feine Abjchilderung der Kriegsgreuel 
de3 dreißigjährigen Kriegs unfterblich gemacht hat, in der Vergnügungsmetropole 
Neapel an Land ftieg, bezauberte ihn die Commedia vell’arte, die Bajazzo- 
fomödie fo, daß er ihr auf diefen (bei Pöſchel und Trepte reproduzierten) Tafeln 
ein Fortleben ficherte, da8 dur Mannheimers Eſſay zugleich in die Sphäre des 
nıodernen Kulturgeſchichtsbewußtſeins verſetzt iſt. Die Geichichte des Theaters, 


— 215 — 


die künſtleriſche Eigenart Callots, jein Lebensgang, feine literariihe Geſchichte 

bis auf E. Th. A. Hoffmann ſchildert Mannheimer flott, umfafjend, anſchaulich. 

Mofes Mendelfohn, Phädon oder Ueber die Uniterblichkeit der Seele. Wermar 
1920. Martin Biervald, Verlag. = 

Friedrich Schleiermaher, Bertraute Briefe über Friedrid 
Schlegels Lucinde Mit einem Vorwort Gutzkows neu herausge— 
geben und eingeleitet von Werner Hirſchberg. Weimar 1920. Martin 
Biewald, Verlag. - 

Bu den vollkommenſten bibliophilen ©eftalten unferer Tage zählen bie 
„Weimardrude”, die fich zur Aufgabe geſetzt haben, wertvolle ältere Literatur- 
denfmäler in edler Schlichtheit zu ermeuern. Von Schleiermacher eine feiner 
perfönlichiten, intimften und meift umftrittenen Aeußerungen, ein Dokument des 
ſchöngeiſtigen Berlins vor 1806; und von Mendeljohn der „Phädon“, eine Haupt- 
vede der deutſchen Aufflärungskultur. 

M. Zohannes Praetoriug, Bekannte und unbelannte Hiftorten 
vondemabenteuerliden und weltberufenen Gefpenjte 
dem Rübezahl. Inſelverlag Leipzig 1920. Pappband 24 M. 
Wertvolle Neuausgabe der älteften Rübezahlüberlieferung (17. Jahrhundert) 

altertümlich reizvoll ausgeftattet. 

Ludwig Tied, Das Leben des berühmten Kaijers Abraham 
Tonelli. Mit bunten Bildern von Rolf von Hörfhelmann, Münden. 
Mufarionverlag. Geb. 75 M., Ganzleinen 150 M. 

Die handgemalte Hoerſchelmannſche Graphit begleitet den jänftlihen alten 
Tieck mit einer ftillgelaunten Fünfuhrtee-Romantik, die zwiſchen Pocciſcher Gut- 
mütigfeit und E. Th. Hoffmannſcher Dämonik nad) Belieben pendelt. 


Der Merter. 


Neue Bücher. 

Der Ritter vom Turn Mit einem Nahmwort von Kurt Piſter. 
Münden-Bajing, Roland-Verlag. 60 M. 

Dr. Rudolf Kayer⸗Thurn. Chronik des Wiener Goethe-Ber- 
eins Band 33. Wien III, Amalthea-Berlag. 

Admiral Scheer, Amerika und die Abrüftung der Seemädte. 
Berlin, Auguft Scherl. 

Ferdinand Avenarius. Die Mache im Weltwahn. Heft 1 u. 2. Propa- 
ganda und Wahrheit. Berlin SWoél, Reimar Hobbing. 40 M. 

Niet Welter. Ueber den Kämpfen Beitgedichte. Luxemburg, 
BP. Worre-Mertens. 

Wilpelm Gellert. Bor großen Kataftrophen. Der deutſche Auffticg 
und die germaniſche Zeit. Naumburg a. d. ©., E. Aug. Tanere. 

Zur Lage der Reidhseifenbahn. Herausgegeben vom Reichsver— 
fehrsminifterium. Berlin, Hans Robert Engelmann. 15 M. 

Kapitänleutnant Erih; Herrmann. Bei Ausbruch der Revolution 
aufdem Banzerfreuzer „Seydlig“. Minden i. Weltf., Wil- 
helm Köhler. 


— 216 — 


Gilbert Murrey, Tas Problem der auswärtigen Politik. Aus 
dem Engliſchen überſetzt von Luife Kautſty. Berlin, Buchhandlung Vor- 
wärts. 15 M. 

Binlio Alliata. Verſtand contıa Relativität. Zum Nachweis der 
Translation des Sonnenſyſtems. — Das Weltbild der Aether- 
mechanik. Beide im Berlag von Otto Hillmann in Leipzig. 

Schriften zur deutſchen Politik. Heft 1 u. 2. Dr. Georg Schreiber. 
Deutjhe Kulturpolitif und der Katholizismus 3 M. 
Geb. 4 M. Heft 3. Dr. Zofepp Mausbach. NReligionsunter- 
riht und Kirdhe 17 M. Beide im Verlag ven Herder u. Co. in 
Freiburg i. Br. 

Dr. Robert Gaupp. Tas Alkoholverbot der PVBerernigten 
Staatenvon Nordamerifa. Münden, J. F. Lehmann. 2,50 M. 

Robert Balteninus, Die Balten in der Geſchichte Ejtlands. 4,50 
Mark. Georg Bogdanoff. Die ejtnifhe Agrarreform, ein 
Mittel zur Unterdrüdung der nationalen Minorität. 
450 M. Ernſt Fromme. Die Republit Eftland und das 
Privateigentum. 6 M. Sämtlich im Baltiſchen Verlag, Ber: 
lin ®W 30. 

Hans Krüger. Kommentar zum — — Berlin, 
Buchhandlung Vorwärts. 20 M. Geb. 30 

Der Tod des Materiolismus und Sa Theoſophie. Berlin 
SW. 11, Concordia, Deutſche Verlagsanſtalt Engel u. Toeche. 12 M. 

N. Liefmann. Geſchichte und Kritik des Sozialismus. Leipzig, 
Quelle u. Meyer. 44 M. 

Chineſiſch-Deutſche Jahres- und Tageszeiten. Lieder und 
Geſänge. Verdeutſcht von Richard Wilhelm. Jena, Eugen Diederichs. 
60 Mark. 

Hermann Oncken. Die hiſtoriſche Rheinpolitikder Franzoſen. 
Gotha, Friedr. Andr. Perthes. 12 M. 


Druckfehlerberichtigung. 

In dem Aufſatz „Der Urſachenbegriff und ſeine neueſten 
Gegner“ von Dr. med. Heinrich Böing (Heft 20 der „Grenzboten“) find 
folgende Drudfehler zu berichtigen: Seite 160, 3. Zeile von unten muß es heißen 
Verſuch ftatt Vergleich; Seite 168, 20. Zeile von unten ift zwijchen „Spricht“ 
und „traditionell“ „nicht“ einzujchieben. 





Verantwortliher Schriftleiter: Dr. Ouftap Manz in Berlin. 


Verlag: Deuticher Verlag, Abteilung Orengboten, Berlin SW 48, Wilhelmftraße 8-9. 
gem: Nollendorf 4849. 
Drud: Allgemeine Verlagd- u. derei-Gejellfchaft m. 6. H, Berlin SW 48, Wilhelmftr. 9. 


Nüdfendungen von Manuffripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rüdporto. — Nadj- 
drud fämtlicher Auffäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geftattet. 


Die Grenzboten 


Politik, Literatur und KRunft 


81. Jahrgang, 17. Juni 1922 
Nummer 23 





Der Bur in Kultur und Weltwirtichaft. 


Von einemalten Afrikaner. 


Süd-Afrika ift eins der wenigen Länder, deffen Sorgen noch mehr 
einer innerpolitifchen Entwidlung, als feiner wirtſchaftlichen Lage gelten, 
Es vollzieht fich dort unter eigenartigen Verhältniffen eine völkiſche Um— 
bildung, die unſerem Verſtändniſſe fern liegt, aber lebten Endes geeignet 
ift, die Beziehungen Europas zu jeinem großen Rohjtoffmagazin Afrika in 
entjcheidender Weife zu beeinfluffen. 

Die handelnden een in dieſem Schaufpiele find der afrikanifche 
Eingeborene, der einwandernde Afiate, der Engländer, der Bur und in 
einer noch recht befcheidenen Nebenrolle der Deutfche. 


Obgleich die Buren die meiste Kulturarbeit in Süd-Afrika vollbracht 
haben, i man bei ung über fie noch wenig unterrichtet. Teils hob man fie 
als freiheitsdurftige Helden in den jiebenten Himmel, teils ſchimpfte man 
fie weiße Kaffern. Sie richtig einzufchägen iſt nur möglich unter Berüd- 
fichtigung ihrer Stammesveranlagung, des Klimas, unter dem jie leben, 
und ihrer Geſchichte. 

Bekanntlich find fie Nieder-Deutfche, die —— dem Kap 
ge franzöfiichen Hugenotten und zahlreiche Deutfche anderer 

tamme find in ihnen aufgegangen. Schon unter den Gouverneuren der 
holfändifchen oſtindiſchen Kompagnie waren fie nicht auf Roſen gebettet. 
Die englifche Befignahme des Kaplandes im Jahre 1815 brachte ihnen aber 
unerträgliche Leiden und veranlafte das Volk zu dem, in der neueren 
Gefhichte einzig daftehenden heroifchen Entichluffe, feine gefamte un— 
bewegliche Habe im Stich zu laffen und über den Oramje in ein nur dürftig 
erfundetes Land zu ziehen, um dort einen neuen freien Staat mit einem 
eigenen Ausgange zur See zu gründen. 

Die ganze Zeit vom Beginn der großen Treffs 1836 bis zum Frieden 
von Bereeniging 1902 ijt gekennzeichnet von diefem Streben, deffen jchlieh- 
licher Mißerfolg an dem Mangel an völkiſcher Difziplin wi. der den Buren, 
twie allen Deutjchen, zu Gunften einer ſtarken Betonung der Eigenart nun 
einmal im Blute jtedt. Er fand feinen Ausgleich in der Anhänglichkeit an 
eine ererbte Dynaftie, fondern wurde noch befonders begünftigt durch die 


- 218 — 


Natur des Landes, durch die extenſive, Haren Yaı ae und zum 
ge anzeigenbe Art der ſüdafrikaniſchen Landwirtſ 

hl hat das Kleine Volk in diefe: Zeit eine he end — von 
— Männern hervorgebracht. Leute, wie Piet Retie * Volgieter, 
Pretorius, Krüger u.a.m. waren ganze Charattere und e Führer- 
naturen don jtaatsmännifcher — was um ſo mehr anerkannt 
werden muß, als ihnen au ne den Lehrbüchern der Elementarfchule, der 
Bibel und ihrem gefunden Menfchenverftande feine zur Ber- 
fügung ftanden. Leiſtungen find vollbracht worden, die Entdedungs- 
reijen eines Stanley und Wihmann würdig zur Seite gejtellt werden 
fönnen, und manche Epifoden aus jener Zeit leſen fich wie ein antifes 
Heldengedicht. Aber der patriarchalijchen Eigendrödelei und kirchlichen 
ee der weit im Lande veritreuten Familienoberhäupter ließ ſich 
feine hinveichende O — fir ftaatliden Zufammenhang abringen. 
Daß mander, der Gefahren des ewigen Umherziehens müde, einen feſten 
Wohnfig mit der Unterwerfung unter englifche Herrfchaft und der An- 
baffung an englifches Wefen zu erfaufen bereit war, it ſchließlich auch zu 

begreifen. 

ngland belauerte alle Regungen des neuen Staates mit der nur ihm 
eigenen planmäßigen Folgerichtigkeit, die von einem Wechfel der Perjonen 
vollig unabhängig ift. Mean hätte 20° Jahre vor dem Weltkriege in unfeven 
Schulen füdafrifanifche Gefhichte Iehren follen! Dann hätte unfer Volt 
geroußt, weſſen man fich von England zu verfehen hat. Die Einkreifung 

eutſchlands ift bi8 auf die Propagandalügen genau dasfelbe, was das 
ſechzig Jahre währende — gegen die Buren war. 

o kam es en englijche Flagge über allen Gebieten des öftlichen 
Süd-Afrika wehte, rſchließung für die weiße Raſſe das allcinige 
Werk der Buren iſt. Der Zugang jur wurde ihnen ſchon 1842 Durch 
die Annerion von Natal dur) England —— Die beiden von ihnen 
gegründeten Republiken waren mangelhafte Staatsgebilde und verfagten, 
als fie durch die Entdedung der Goldfelder vor neue Aufgaben gefteitt 
wurden. Das war der äußere Anlaß zu Englands legtem Schlage. 

Diefe feltfamen Schidfale, das Jahrzehnte lange, unftete Herumirren 
in der Wildnis mit Kind und Segel, ohne Recht und Gefeß, unter ftändigen 
Kämpfen gegen Raubtiere und Eingeborene, die inneren ftaatlihen und 
kirchlichen Streitigkeien, die Abgefchloffenbeit vom Weltgetriebe, der haufige 
Wechſel zwiſchen Ueberfluß und Armut, und die u Berfuchung, 
Nationaljtolz gegen eine Anlehnung an das mächtigfte Reich der Erde, 
Gefühl und Gewiffen gegen äußeren Schug und Ruhe ei — haben 
dem Charakter des Buren fein eigenartiges Gepräge verliehen. Wer ihm 
politiſche Wankelmütigkeit, Drüdebergerei und Shi linloſigkeit vorwirft, 
der möge bedenken, daß fi) das Volk ſchon ein Jahrhundert lang gegen 
offene BER verftedte Vergewaltigung feiner Nationalität zu mehren hat, und 
daß e8, trogdem mancher Wille dabei erlahmte, in feiner großen Maffe doch 
noch treu an feiner Sprache, Sitten und Gewohnheiten hängt. Der bei vielen 
Buren noch vorhandene Mangel an elementaren Schultenntnijfen und ihr 
gang zum Aberglauben erflärt fich einfach daraus, daß ein Jahrzehnt nad) 

nn der groben Treffs und länger von einem Schulbetrieb natürlich 
n t die Nede fein konnte, und daß ein geordnetes Schulmejen „auch eines 
fleinen Staates nicht von heute zu morgen gefhaffen werden !anı Die 


— 219 — 


Landwirtihaft Süd-Afrikas ift in der Hauptfache eine Ausnützung der 
Riefenflächen natürlicher Weide durch Viehzucht, wobei ein häufiger Wechfel 
der Weidepläge je nach den Umftänden nüslich oder geboten ift. Daher 
fennt der Bur dag zähe — und Bearbeiten eines kleinen Stückchen 
Landes längſt nicht in dem Maße, wie der deutſche Bauer, das unſtete, aber 
zwangloſe Leben in der Steppe mit ſeinem Vieh und ſeinem Wilde hat in 
ihm einen Zug zu genügſamen Verzicht auf Komfort und häusliche Be— 
haglichkeit, aber auch eine Abneigung gegen den Zwang einer regeiniäßigen 
und ee Arbeitäleiftung ——— laſſen. Sein Nomadenleben hat 
ihn genügſam gemacht, daher ift er auch gleichgültiger gegen ſeine aut 
Lage und fteht an Fleiß und wirtſchaftlichem Streben dein deutſchen An- 
—— nach. Darin iſt aber auch die große Zähigkeit des Volkes und ſeine 
chnelle Vermehrung begründet, denn die geringen Anſprüche, die der 
einzelne an feine Lebenshaltung ftellt, erleichtern die Ehefchließung und 
die Begründung von Familien. Mit europätihem Maßſtabe gemefjen er- 
cheint der Bur leicht al minderiwertig und mit auffailenden Fehlern be- 
aftet; mancher davon aber ftellt fich bei genauerer Betrachtung als wohl 
verjtändlich und fogar als ein Vorzug heraus, der ihn zu der eigentümlichen 
Rolie, die er in Afrika zu ſpielen berufen iſt, erſt befähigt. Die Buren 
gehören zu den Völkern von überwiegend pafjiver oder iwe.blicher Ver— 
enlagung, womit befanntlich durchaus fein Tadel verbunden ift. Daher 
nißlang ihnen die Gründung eines eigenen Staates, v3 ſetzt fie uber in 
den Stand, mit geduldiger Zähigkeit ihre Kultur trog ihres militärifchen 
535 —— ja ſogar ſie ihren — aufzuzwingen und 
auf friedlichem Wege das zu erreichen, was ihnen das Schlachtenglück ver— 
fagte, die Eroberung von ganz Süd-Afrika, ſoweit es für Weihe dauernd 
bewohnbar ift. r 
Das rechtzeitig erlannt zu haben, ift das Verdienſt des großen Buren- 
— Botha, den wir trotz mancher Unbill, die wir von ihm erlitten 
aben, als einen Staatsmann eriten Ranges anzuerkennen nicht zögern 
dürfen. Er nahm den Frieden von Vereeniging an, weil er wußte, daß die 
Re vergeblich darauf rechneten, die Buren iu Engländern zu machen. 
as feinem Volke fehlte, wollte er ihm im Frieden und unter dem Schuße 
der englifchen Macht verichaffen und es damit erft dazu befähigen, in einem 
einigen Süd-Afrika die führende Rolle zu übernehmen und e8 alg des 
iDeißen Manes Land zu erhalten, wobei er durch Aufjaugung der englifchen 
Elemente eine neue Afritanernation mit überwiegend burifcher Farbung 
entftehen laſſen wollte, 
othas Politit mußte Erfolg haben, weil fie der Eigenart feines 
Volkes entiprang. Sie brachte ihn ganz folgerichtig im Weltkriege auf die 
Seite Englands, denn der äußere Frieden mit diefer ſeebeherrſchenden 
Macht ist ihr Fundament. Uneigennüßgig war aber feine England ge— 
leiftete Heeresfolge durchaus nicht, denn He brachte ihm unſer Südweſt 
als ein wichtiges Glied feines zukünftigen Afrikanerreiches und eine er- 
bebliche Stellungsverbeflerung gegenüber dem „Mutterlande” ein, die bis 
zur vollſtändigen Gleichberechtigung zu erweitern eins der Ziele der bon 
ihm begründeten und bezeichnend benannten füdafrifaniichen Partei ift. _ 
Keine politifche Richtung in einem Staate ift fo umiverfell, daß fie 
nicht irgendivo Widerftand fände. Der jegt von Smuts geführten Botha- 
partei ftellt ſich zunächſt als reaftionäres Element der eigenen Volksgenoſſen 


— 220 — 


die nationaliftifche unter Herzog entgegen, reaktionär nicht in dem Sinne, 
daß fie fich gegen jeden Fortjchritt des Burenvolfes fträubt, ſondern daß 
fie, geſtützt au ihr formales Recht und den wohlverjtändlichen, tief in 
jeder Burenſeele jigenden Haß gegen alles, was engliſch ift, ven Zuftand 
dom Ende des vorigen Jahrhunderts wiederheritellen will. Die Unioniſten 
vertreten den national-englifhen Standpuntt, wollen aber die Unfojten 
des englifchen Imperialismus nicht aus ihrer Taſche bezahlen und find 
in Hell Falle ſchon mehr Afrifaner alg Engländer. Aber damit iſt 
Englands Einfluß nicht erichöpft. Sein Geld, ferne mohldifziplinierte 
Preſſe und feine Geſellſchaftskultur, die fich überall mit jelbjtverjtandlicher 
Sicherheit anmaßt, die erjte der Welt zu fein, verführen auch in Süd-Afrifa 
manchen emporfommenden Schwädling dazu, fich in der traurigen Rolle 
eines Abtrünnigen wohlzugefallen. 

Die Botbapartei ijt zahlenmäßig die ſtärkſte, vögleich ihr Die 
Nationaliften ſchon einige Male bedenklich nahe gekommen find. Die 
Stimmenzahl wird bei jeder Neuwahl wahrſcheinlich zwiſchen Süd— 
Afrikanern und Pationaliften ftart ſchwanken, weil vielen Vuren ihre 
Stellung zu den beiden Parteien ſelbſt nicht ganz klar ift und fie im hohen 
Grade den Einflüffen einer en Agitation zugänglich find. Die oft 
unternommenen Einigungsverjuche find leider immer ohne Erfolg ge— 
blieben. Im ganzen überwiegt die buriiche Bevölkerung weit die englifche. 
Unferem Vefühle jtehen die Nationaliften zweifellos am nächſten und ihrem 
offenen und mutvollen Eintreten für ihre Ideale haben die Deutjchen in 
Sud- und Südweſt-Afrika viel zu verdanken. Allein od nah dem Ausgange 
des Krieges ihre Politik die für uns DOESE DONE. it, ilt eine andere Frage. 

Daß die alten Burenftaaten Kay mehr Lebenskraft hätten, wie wor 
25 Jahren, ift zu bezweifeln. Sicher ift, daß fie im Zeitalter des „Selbjt- 
beſtimmungsrechtes der Völker“ und der „Beichirmung der fleinen 
Nationen” nicht ohne die ſchwerſten Kämpfe und Blutopfer wiederhevgeitellt 
werden fünnen. Die nationaliftifche Politik läßt ſich nur auf Koſten des 
ne der Union durchführen und fordert damit gewichtige Bedenken 

eraus. 

Ein Land, wie Süd-Afrika, durch politiſche und Zollgrenzen zu teilen 
und den alten Tarifkampf der Eifenbahnen und Hafenpläße wieder auf- 
leben zu lafjen, gereichte dem internationalen Güteraustaufche nicht zum 
Vorteil, die Kauf- und Lieferfraft des Landes ginge damit erheblich zurüd. 
Aber aug einem anderen, leider noch viel zu wenig gewürdigten Grunde 
würden neue Kämpfe zwifchen weißen Völkern in Afrifa ganz Europa 
unermeßlichen Schaden bringen, weil nämlich dann die jegt ſchon drohende 
——— Gefahr mit Sicherheit zu einer ſchwarzen Kataſtrophe werden 
würde! 

England — von Frankreich gar nicht zu reden — wacht ſchlecht über 
daß weiße Anſehen in Afrika. Es iſt ein großer Irrtum, zu glauben, daß 
es dort „Raſſenpolitik“ triebe. Das genaue Gegenteil iſt der Fall, es er— 
kennt, gemäß der überlieferten puritaniſchen — die in ſeinem 
höchſt fonfervativen Bolfsleben noch ſtark nachwirken, Raffenunterfchiede 
überhaupt nicht an und ift blind gegen die durch taufend Erfcheinungen 
bewiefene Tatjache, daß der Neger nur unter ftändiger Führung und Be- 
vormundung durch den De dem Zuftande mwildejter Barbarei fern ge- 
halten und ein nützliches Mitglied der menjchlichen Gefellfchaft werden 


— 21 — 


kann. Es ftellt den Farbigen unter dasjelbe Recht, wie den Weißen, umd 
bat e3 weder in feinen Feldzügen gegen die Buren, noch im Weltkriege 
gegen uns verſchmäht, den Neger gegen Weihe zu hetzen. indem es jich 
in der Verfaffung der Union die Aufficht über die Eingeborenenverhältniffe 
vorbehielt, jhaffte eg fich die Gelegenheit, diefes Spiel im Frieden fort: 
äufesn, und hat nach dem Grundfaße divide et impera davon ftrupellojen 
Gebrauch gemadht. 

Ohne — Raſſenfvage hier näher einzugehen, genügt es, feſt— 
zuſtellen, daß die Eingeborenen Südafrikas immer lauter und drohender 
die Forderung auf vollſtändige politiſche und ſoziale Gleichberechtigung mit 
den Weißen. er — — die fie in der Kapprovinz in gewiffen Grenzen 
fchon haben —, wobei fie von den zahlreichen umd, was das bedenkliche 
it, intelligenteren einwandernden Indern, Malayen und Japanern Fräftig 
unterftügt werden. 

Da die Farbigen die Weißen an Zahl fünfmal übertveffen, jo würde 
durch die Erfüllung diefer Forderung zum erjten. Male ein europätiches 
Volt unter die Herrichaft von Negern geitellt, e8 würde zur Auswanderung 
gezivungen, vernichtet oder berbaflanbiert werden, aus einem aufblühenden 
und zufunftsreichen Lande würde diefelbe Einöde gemacht werden, die 
es vor 100 Jahren noch war. Das ganze übrige Afrika würde — 
und ſich ebenfalls der weißen Herrſchaft entledigen, unſer Handel könnte 
Abſchied nehmen von den Reichtümern dieſes Erdteils, da jedes Neger— 
ſtaatsgebilde ohne europäiſchen Einfluß ſofort auf den Zuſtand der Zeit 
tor den großen Entdeckungen zurückſinken würde. Alle bisher geleiſtete 
Kolonialarbeit wäre verloren, Afrita müßte nach einem Menfchenalter 
von neuem entdedt und folonifiert werden. So jchaffen die wahnfinnige 
ee Europas und engliihe Selbitfucht und Unverftand in 
ah; — Gefahr, die an Furchtbarkeit dem Bolſchewismus nichts 
nachgibt. 

Die einzige Möglichkeit, den — Raſſekriegen und dem Ausfall 
eines ganzen Erdteils aus dem Giteraustaufche der Völker vorzubeugen, 
tt, den Frieden ziwiichen den Weißen des Landes zu erhalten und den 
Raſſeſtolz des Buren -unter ihnen zu verbreiten. Befikt er auch nicht 
annähernd den Nationaljtolzs des Engländers, an Raſſegefühl übertrifft 
er ihn weit. Er gibt zwar an jtrenger Kirchlichkeit dem englifchen 
Puritaner nichts nach, treibt aber den toten Buchſtabenglauben nie fo 
weit, den Neger als feinen ſchwar Bruder zu betrachten, ſondern 
weigert ſich von jeher, ihn als leidbevechtigt in Staat und Kirche an= 
zwerfennen, und bejtveitet auch dem Aſiaten das Recht, fih in feinem 
Afrifa einzuniften. Denn er kennt den Eingeborenen nicht aus Studier- 
ftuben und veligiöfen Spefulationen, jondern weil er ihn von Kind auf 
ftändig vor Augen hat. Er weiß, daß die Neger im Urzuftande fich ftet3 
nur in den graufamften Kämpfen gegenfeitig abſchlachten. Wie uns in 
unjerer Jugend von 1813 und 1870 erzählt wurde, fo hört das Burenkind 
bon der Nache, die jeine Vorfahren u die Greueltaten eines Dingean 
nahmen. m alten Transvaal und Oranjefreiftaat herrfchte ein du 8 
gejundes, patviarchalifches Verhältnis zwiſchen weiß und — der Bur 

dem Kaffern, was ihm zukam, verſtand es aber ſehr gut, mit dem 

hambok im kleinen und der Büchſe im großen Ordnung zu halten. 
Beiden Teilen ging es gut dabei, die Eingeborenen vermehrten ſich, von 


— 222 — 


der Schredensherrfchaft ihrer eigenen, blutdürjtigen Häuptlinge befreit, 
fchnell und lernten arbeiten. Die von den Gngländern behaupteten 
buvifchen Grauſamkeiten Pape auf demjelben Blatt, wie die ganz nad) 
Bedarf gegen die belgijche oder unfere Kolonialwirtichaft aufgezogenen 
Berleumdungen. 

Mitdiejerftriften Ablehnung englijder Sumani- 
tätshbeucdhelei iſt der Bur ein höchſt wertoller Bor- 
poften der europäifdhen Kultur gegen die ſchwarze 
und gelbe Gefahr, und damit ein Wächter aller 
unferer IL TOOTSEBESTEDN TER zu ganz Afrifa füd- 
lich der Sahara Ja, vielleicht macht fih ein weißes 
Afritanervolf einmal an die Aufgabe, für eine ge- 
rechte Verteilung aller afrifanijh-folonialen e= 
lange unter die beteiligten Mächte und für die weiße 
Einheit gegenüber der Transen gu forgen, ein Verf 
von idealer Bedeutung, zu dem das franfte Europa 
ganzunfähig tit. 

Es ift klar, daß für ſolche Ziele in dem beichränkten Progranım der 
rückwärts jchauenden Nationaliſten fein Raum ift, daß für fie nur ge= 
arbeitet werden fann in der füdafrifanifchen Partei, jolange fie ſich in 
der Eingeborenenfrage nicht von England einmwideln läßt, jondern den 
Ueberlieferungen der Vortreffer folgt! Man erfennt bei einem nur ober- 
—— Ueberblick über die Preſſe, daß es eine engliſche Richtung gibt, 

ie die Gefahr nicht ſieht oder — will, der ein verbaſtardiertes Süd— 
afrika leichter beherrichbar und deshalb wünſchenswerter erſcheint, als 
ein weißes, das ſich allmählich von innerer engliſcher Einmiſchung befreit. 
Es gibt fein anderes Mittel, diefe verderbliche und verbrecheriiche Richtung 
zu überwinden, als fie zu „afrifanifieren“, die in Südafrika anfälligen 
Engländer zu Afritanern und die Union zu einem in der inneren Bolitif 
durchaus jelbjtändigen Staate zu machen, der auf dem Fuße vollfommtener 
Sleichberechtigung mit England und den anderen Dominions durch ein 
Bündnis verbunden iſt. Tas ift von Anfang an das Ziel der Bothafchen 
Politif geweſen. 

n dem Wirrivarr der durcheinander flutenden Evjcheinungen und 
Einflüffe gibt die Lage zu verfchiedener Beurteilung ganz natürlichen 
Anlaß. E3 ift aber doch nicht zu verkennen, daß das Burentum in feiner 
fih Schnell vermehrenden, ferngefunden und klimagewohnten Land— 
bevölferung eine gewaltige Kraftquelle hat. Seine Sprache hat ſich der 
englifchen als Bertehrsipradhe überlegen gezeigt und wird als befonders 
afritanifche im Gegenfaß zur hoch-hollandifchen mit Fleiß ausgebildet. Im 
Schulmejen beſteht jchon ein großer Unterjchted gegen die Surrande im 
alten Transpaal, immer mehr Burenjünglinge wenden ſich dem Handei 
oder der Induſtrie zu oder befuchen ausländijche Univerjitäten, wo fte fich 
neben Fachkenntniſſen auch einen weiteren Geiihtetreis bolen. Der Krieg 
mit jeinem Mangel an Schiffsraum ließ neue a entjtehen, die in 
holländifcher Sprade erſcheinenden Zeitungen ſtehen den europäiſchen 
keineswegs nad) — einige — ſich während des Krieges durch ſelb— 
oe Urteil und vorzügliden Nachrichtendienit aus —, die landivirt-- 
chaftlichen Methoden befjern fich, furz, das Volt wächjt mit übervafchender 
Schnelligkeit aus der früheren Einfeitigfeit heraus und ericheint wohl 


— 223 — 


imjtande, fich im Wettftreite mit den englifchen Elementen als das ſtärkere 
und lH A zu erweiſen. Nlögliche und in die Augen fallende 
Erfolge find allerdings nicht zu erwarten, unermeßlich viel an zäher, ge- 
duldiger Kleinarbeit iſt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens noch zu 
leiten. Die wirtfchaftliche Lage der Union ift zur Zeit unter den Folgen 
des Wahnfinns von Verſailles wenig günftig, die Frage der Angliedevung 
von Betichuanaland und Süd-Rhodeſien härrt der Löſung, Verwaltung 
und Rechtspflege bedürfen dringend der Reformen und die jüngite Arbeiter- 
revolution am Rand beleuchtet grell eine der Gefahren, denen das junge 
Staatsweſen noch ausgefegt ift. So kann man wohl mit zweifelnder Sorge 
auf die vielen Aufgaben des neuen Afrifanertums bliden, aber von .einent 
unverbildeten, durch Feine Ueberfultur angekränkelten Landvolke germa- 
niſchen Blutes kann man auch viel erwarten. 

Es foll hier nur kurz darauf hingewieſen werden, was die Entwidlung 
der jüdafrilanifchen Union als Teilerfcheinung in der Umbildung bedeutet, 
in der fih das englifche Imperium feit dem Kriege befindet. Alle 
Dominions haben e3 —* ſich von England als tribut- und heerespflichtige 
Untertanen ausnutzen zu laſſen, und verlangen ſelbſtändige innere und 
gemeinſame äußere Verwaltung. England wird über kurz oder lang in 
eine allgemeine Verfaſſungsänderung willigen müſſen, bei der aus einem 
Mutterlande mit vielen mehr oder weniger abhängigen Kolonien ein aus 
lauter gleichberechtigten Mitgliedern beſtehender Staatenbund wird. Das 
ijt geeignet, den Charakter der englifhen Politit von Grund aus zu 
ändern, und es bedeutet moralifch einen ſchweren Schlag für den maßlofen 
Dünkel, in dem jeder geborene Engländer, fei er Lord oder Krämer, in 
allen Nichtengländern, auch in den verachteten „colonials“, Menjchen 
zweiter Klaſſe erblict, gleichgültig, welchem Volke oder Raffe fie ſonſt an— 
gehören. Mit einem jo umgebildeten groß-britifchen Reiche dürfte aus 
diefen und anderen Gründen für ung beſſer —— ſein, als mit der 
bisherigen engliſchen Selbſtſucht und Gewiſſenloſigkeit. 

Wer ſich überlegt, wie viele afrikaniſche Produkte ſchon in unſeren 
täglichen Gebrauchsgegenſtänden ſtecken und wie viele von deutſchen 
Arbeitern N Waren nad Afrika verfauft werden, der wird zu— 
geben, Daß uns die füdafrifanifhe Entwidelung recht 
nahe angeht. Deswegen müffen wir uns darüber Har werden, was 
wir bereits dabei getan haben und was wir noch dazu tun können. 

Die Teilnahme Deutfhlands an dem füdafrifanifchen Problem jteht im 
Zeichen der verpaßten Gelegenheiten und des planlofen Entſchlußwechſels. 
Bald nahdem wir von Südweſt Befit ergriffen hatten, bot jich die Mög— 
lichkeit, auch Betichuanaland zu erwerben, Pretoria durch eine Bahn mit 
Swakopmund zu verbinden, eine Art von Proteftorat über Tvansvaal und 
den Dranjefreijtaat und vielleicht auch die Delagvabai zu erhalten, Aber 
es fehlte uns der weltpolitifche Weitblid der Briten, der Plan wurde auf- 
gegeben. Wie hätte er bei energifcher Durchführung das Bild von Afrika, 
ja ſogar die ganze Weltlage verändern fönnen! Es wäre ein breiter deutjch- 
buriſcher Riegel vor die vom Kap her andrängenden englifchen Gelüfte ge= 
ihoben worden, das Transvaalſche Gold wäre nach Deutfchland geflofien 
und Cecil Rhodes hätte bein Hinterland gehabt, auf das er hätte mit 
dem Finger weiſen fünnen. Es hat nicht follen fein, wie jo manches 
andere, 


— 214 — 


Unfer Eingreifen in den englifch-burifchen Streit, vom Krügertelegramm 

an bis zu den militärischen Rätſchlägen unferes Generalitabes an die 

Engländer, iſt ein zu trauriges Stapitel, ala daß bier noch weiter daran 

eruhrt werden foll. Wenn man fich in die Empfindungen eines dentenden 

ren verfeßt, jo fann man wahrlich nicht verlangen, daß das Volf 1914 

zu unjeren Gunjten die Waffen erhob. Bothas Politik war der einzige Weg, 

um ein von Deutjchland verlajfenes Burenvolf am Leben zu erhalten, und 
ihre Iogifche Folge fein Feldzug gegen Südweſt. 

Liegt e3 da nicht nahe, unter das Gefchehene einen Strich zu machen 
und neben die anderen Teilnehmer den Deutfh-Afrifaner zu 
ftellen. der mit voller Ueberzeugung feinen Anteilan 
dergroßen Kulturarbeitauffid nımmt und Dabei die 
Wurzeln feiner Erziehung nicht VERgESE Von Staats 
er ift ung jeder Einfluß auf fie unmöglich, aber der privaten deutfchen 
Kolonialarbeit ift unter der fdafeifanifcen Sonne ein weites Arbeits- 
feld gegeben und unſer Handel ift wohlgelitten. Wir follten jede Gelegen- 
beit ergreifen, um unfere jo hart mitgenommene Auslandsarbeit wieder- 
aufzunehmen, müffen uns allerdings dabei von der engherzigen Auffaffung 
frei macden, daß jeder, der aus den Liſten eines deutichen Konſulats ver- 
ihmindet, damit auch aufhört, ein Deutjcher zu fein. Gerade in einer 
volkifchen Neubildung, wie fie in Sid-Afrifa vor jich geht, kann der Deutjche 
feine Pflichten gegen fein neues, wie gegen fein altes Vaterland jehr wohl 
mit einander vereinigen. Süd-Afrika braucht Einwanderer und deutjche 
Waren, und weiß deutiche Betriebsſamkeit, Ehrlichkeit und Bldung zu 
ſchätzen, gegen jingoijtifche Hegerei und VBerunglimpfung können wir mit 
gutem Gewiſſen den Kampf aufnehmen. 

Die in der Union lebenden Deutjchen werden ihre Kriegsleiden leichter 

vergefjen fünnen, als die in Südweſt-Afrika zurüdgebliebenen, denn diefe 
glaubten, ihr Leben lang unter deutjcher Flagge bleiben zu fünnen, und es 
iſt natürlich, daß fie ihre Vergewaltigung ſchwerer verwinden. Sie werden 
fih aber mit ihrer Lage leichter abfinden, wenn fie ihre Blide vorwärts 
auf die neuen Aufgaben richten, vor die F geſtellt ſind. Sie werden beide 
wenig Neigung haben, ſich in die Parteikämpfe der Union zu miſchen, was 
auch bei ihrer geringen Zahl von feinem Nuten fein fünnte. Aber fie 
müſſen fich darüber Klar fein, daß deutjche Eigenart in einem neuen Volke, 
wie es die füdafrifanifche Partei Schaffen will, ficher beffer untergebracht 
werden fann, als in einem national einheitlichen. Wenn Süd-Afrika in 
ein englifches und ein burifches zerfiele, jo wären die Deutfchen bald ge— 
ziwungen, in der einen oder der anderen Nation aufzugeben. Wird aber 
ie jegige Entwidelung nicht unterbrochen, fo können fie als Deutſch— 
Afritaner auch ihren Anteil daran in Anfjpruch nehmen, deswegen müſſen 
fie fih von den SPIONLESUNGSBEErELungeR der Nationaliften fern halten, 
denn Politik wird mit dem Kopfe gemacht und nicht mit dem Herzen. Die 
deufchen Schulen zu erhalten und noch zu verbefiern, fo daß tüchtige 
Afrikaner aus ihnen hervorgehen, ift das befte Mittel, die Union von dem 
Nuten ihrer deutfchen Mitbürger zu überzeugen und der Heimat. Ehre 
zu machen. B. 


— 225 — 


Die Brüdergemeine. 
Ein Stüd verwirtlidter Sozialismus, 
Bon Herbert Padel (Königsfeld). 


Am heutigen 17. Juni feiert die Gemeinfchaft der Herinhuter das 
Felt ihres 200jährigen Beſtehens. Aus dem Anlaß darf vielleicht auch in 
diefen Blättern einiges über diefe Leute gefagt werden. Faſt jeder Ge- 
bildete hat irgendwie ſchon von ihnen gehört und weiß etivas von ihren 
erdichteten Merkwürdigkeiten oder ihren tatfächlichen Eigentümlichkeiten. 
Dichtungen find die Erzählungen, daß man fich bei den Herrnhutern durch 
das 203 heiratet und daß man fich bei ihnen bei bejtimmten Gottesdienjten 

egenfeitig die Füße wäſcht. Aber wirkliche Bejonderheiten find, daß die 
en für den Kirchgang eine weiße Batifthaube aufjegen, die durch 
die Farbe ihres Kinmbandes anzeigt, ob die Trägerin ledıg, verheiratet oder 
verwitwet ijt; und daß es liturgiiche Feiern gibt, bei denen Brot und Tee 
genofjen wird, die fogenannten Liebesmahle. 


Aber wir wollen bei diefen Meußerlichkeiten nicht ftehen bleibe.n Wir 
wollen heute auch nicht fprechen von der großen Arbeit, die ne lleine 
Genoſſenſchaft von 9000 Menſchen an der deutſchen Jugend tut in Fürſorge 
und tieune obwohl dieſe oft in großer Selbſtloſigkeit und Hingabe 
etane Arbeit ſicher der Teilnahme weiter Kreiſe wert wäre und das 

ntereffe derer verdiente, die mit uns der Meinung find, daß die Geſundung 

unſeres Volkes davon abhängt, daß unfere Jugend aufwächſt in der Luft 
eines chrijtlichen Geijtes oder, wie die Litanei der Herrnhuter vielleicht 
etwas altmodiſch aber doch wahr fagt, „in der Zucht und VBermahnung 
zum Herrn“. Auch von der in aller Welt betriebenen Miffion diefer Kleinen 
Kirche wollen wir nicht reden, obwohl gerade fie und ihre Geſchichte etwas 
an ſich hat von dem hinreißenden Heldengeift kühner Welteroberer, den 
an noch fpürt in den jener Zeit entftammenden „Zeugen- und Streiter- 
tedern“: 

Ihr Manerzerbrecher, wo find’ man euch? 

Die Felien, die Löcher, die wilden Sträuch', 

Die Inſeln der Heiden, die tobenden Wellen 

Sind eure von alters bejtimmten Etellen. 


Doch das alles gehört nicht hierher. Was uns hier intereffiert, ift 
das, daß es wohl in Deutichland feine andere religiöſe Sondevbildu 
gibt, die jo viel foziale Kraft entiwidelt hat wie die Herenhuter oder (jo 
nennen fie ſich jelbjt) wie die Brüdergemeine. Der Name jagt e3 ja 
! on, was fie fein wollten und fein wollen: eine Bruder- und Schweitern- 

ft folder, die fich über alle Rang- und Standesunterjchiede Hin 
zuſammenſchließen auf Grund eines lebendigen Glaubens. So hat Nic 
der Gründer diefer Gemeine, der Neichsgraf von Zinzendorf, ala Bruder 
gefühlt mit den Bauern und Tagelöhnern, die, um ihres Glaubens willen 
aus Mähren vertrieben, auf feinen Gütern Zuflucht ſuchten, und das zu 
einer Zeit, mo der Bauer nicht voll als Menſch angefehen wurde. So 
nennt bis auf den heutigen Tag der Paſtor den Stirchendiener, der Haus— 
knecht feinen Chef, der jüngite Student feinen weißhaarigen Lehrer 
„Bruder“ und „Du“. Titelfucht und Rangſtreit kann da wirklich nicht 


— 226 — 


groß werden. Sie tollen fich alle als Brüder fühlen vor dem, der ihr 
Meifter ift. Und bei den „Schweſtern“ übt die Haube ihre befcheidene, 
aber doch ftarfe fozial ausgleihende Wirkung aus. In der Kirche trägt 
das Dienjtmädchen, fofern fie „Schweſter“ ift, die gleiche Kopfbedeckung 
wie irgendeine bochmögende Frau Direktor. So herrfcht in den Ans 
fiedlungen der Herrnhuter, Keinen, über ganz Deutfchland verjtreuten 
Orten, ein ganz beftimmtes foziales Gepräge, das fie von anderen Klein— 
ftädten ganz merfbar unterfcheidet. Eine tiefere Bildung, ein weiterer 
Gefichtskreis, ein viel ſtärkeres Zufammengehörigfeitsgefühl beherrſcht das 
anze Leben, fo daß man fchon daran eine Herrnhuter Stolonie erfennen 
ann, ganz abgefehen von den baulichen Bejonderheiten diefer ftilvollen, 
fauberen Orte. 

Aber nicht nur in dem Bruder- und Schweiterfein der Glieder ift an 
dem Herrnhutertum ein Stüd Sozialismus Wirklichfeit geworden. Die 
Brüdergemeine ift eine in faft allen Bundesftaaten anertannte, aber von 
jeher vom Staat ganz unabhängige Freificche. Die Art nun, wie fie 
ihren Beſtand wirtfchaftlich fichert, ift ganz eigentlicy Sozialismus. Der 
Gefamtheit gehören Gejchäfte, Fabriken, Gaſthöfe, Erholungsheime, Land— 

üter, deren Erträgniffe neben den ziemlich geringen Steuern die geld» 
ichen Bedürfniffe zur Bejtreitung der zahlreichen Gehälter und großen 
Ausgaben für die Liebeswerfe deden. Alſo der moderne Gedanke, den Er- 
trag induftrieller Unternehmungen in den Dienst Eultureller Beftrebungen 
zu jtellen, ift hier feit 200 Jahren zur Anwendung gebradt. Und die 
Leiter all diefer. Betriebe waren nicht etwa Pächter, fondern auf Gehalt 

jtellte Beamte; der Gewinn der Gejchäfte flog in die Staffe der Allgemein- 
beit Und diefe verwandte alles Geld bis zum legten Pfennig für die 
Sache, für die fie alle lebten, ftritten und jtarben. Und die Verwalter 
der Gejchäfte und Betriebe arbeiteten mit voller Hingabe, al3 ginge es 
um ihren Bewienjt. Denn fie ftanden innerlich immer vor dem, den fie als 
Herrn ihres ganzen Menschen und ihres ganzen Lebens empfanden und 
deffen Liebe jie erfüllte mit der immer lodernden Glut einer ftarfen Leiden— 
| af. So war die Gemeinfchaft der Brüder eine Genofjenfchaft, in der 

lechthin alles, das Aeußerlichſte wie dag Innerlichſte, das Wirtſchafts— 
und das Seelenleben, der Tageslauf wie die Abenteuer weltweiter Mifjions- 
Unternehmungen abaeftimmt waren auf den Gedanken der Ausbreitung 
des Neiches Gottes. Jede Hantierung, jeder Beruf, jede Tat, dag ganze 
ejellfchaftliche und wirtichaftliche Leben ſtand im Dienſt und Gehorſam 

efu Chrifti, ihres Heren und „Aelteſten“. So bildeten die Brüder wirk— 
lich, wie fie wollten, eine „Defonomie des Heilandes”. Aber die Ein- 
rihtungen der heldiichen Anfangszeiten haben nur fo lange fich wirklich 
bewährt, als die urfprüngliche Idee der ne als einer Genofjen- 
Ichaft von lebendigen Jeſusjüngern in voller Kraft ftand. Je mehr dieſe 
Kraft nachließ, je weniger der einzelne fich getragen und beherrfcht fühlte 
bon dem Gefanitgeift, je mehr alfo der Egoismus, das Für-fich-Sein, er- 
wachte, un fo mehr ftellte fih der Mißſtand heraus, daß die Verwalter es 
fi) bequem machten und ihre bezahlten Stellen ala Sinefuren betrachteten. 
So ſah jich die Brüdergemeine mit dem allmählichen Erkalten des erften 
Feuers immer mehr gedrängt, das zu tun, was der Große Kurfürft bei 
feinen Domänen auch tat, aus den Verwaltern Pächter zu machen. So 
werden ihre Betriebe jegt großen Teils verpachtet. Denn obivohl der 


_ 29 — 


Gemeingeift noch lebendig ift, die Anfangsjtärke hat er nicht mehr und 
kann er nicht mehr haben nad) einer 200 Fahre langen Entwidlung. 

Diefe Erfahrung, die die Brüdergemeine al3 joztaler Organismus 
gemacht hat, iſt num deswegen intereffant, weil fie mit aller Deutlichkeit 
zeigt, daß Sozialismus irgendivelcher Art nur da wahrhaft und nur fo weit 
möglich tjt, als eine dee alle Glieder einer Genofjenjchaft jo ſtark be- 
berrfcht, daß ihr Lebendigfein bis zum legten Handgriff fpürbar tft. Wo 
aber ijt ein weltliches Gemeinweſen, das alle feine Angehörigen jo unter 
den Bann eines Gedankens jtellen kann, daß fie dauernd in allen ihren 
Handlungen im Dienft diefe Gedanfens ſtehen? Das gibt es nicht. Wo 
es das gäbe, da wäre e3 eben fein weltliches Gebilde mehr, fondern Reich 
Gottes auf Erden. Ein Stüd davon zu fein oder zu werden, war und ilt 
darum das Ziel der Brüdergemeine, Und nur fomweit das ift, ift fie Wirk— 
lichfeit getwordener Sozialismus. 


Der Philoſophentag in Halle. 


(Eigener Beridt.) 
Bon Dr. Dtto Freitag. 


In der Pfingitiwoche tagte in Halle a. ©. nad) zweijähriger Paufe wieder 
die allgemeine Mitgliederverfammlung der Kant-Gejell- 
haft, die fich jegt zu der größten philojophifhen Vereinigung 
der Erde ausgewachſen hat. Der äußerft zahlreiche Beſuch, die Fülle befannter 
Namen gaben Zeugnis von dem fchnellen Anwachſen der Sant-Gejellichaft; 
gieichzeitig boten fie ein getreues Spiegelbild des jtändig zunehmenden philo— 
fophiichen Intereſſes unferer Zeit. In den legten Jahren haben ſich in einer 
Reihe von deutihen Städten Ortsgruppen gebildet, deven Tätigkeit fich bis in 
die Kleinjtädte und auf da flache Land erftredt. Es entjtanden Ortsgruppen 
in Holland und Japan. Sieben japanifche PBhilofophieprofefforen mweilten als 
Säfte bei der Halliihen Tagung. Im Namen der bollinwiihen Wiſſenſchaft 
überreichte Prof. Groenewegen-Amfterdam 100 000 M. zur Unterftügung der 
deutſchen philofophiichen Wiſſenſchaft zum Zeichen dafür, „mie tiel man in 
Holland dem deutſchen Geift, der deutjchen Wiſſenſchaft und Philoſophie zu ver- 
danken habe“. 

Es bejteht ſchon feit einiger Zeit die Abjicht, die Mitgliederverfammlungen 
der Kant-Gejellichaft zu einem allgemeinen Philojophenfongreß überhaupt aus— 
zubauen, der dann alle Fleineren Gejellihaften mit umfaffen foll, wie 3. B. die 
Schopenhawergefellichaft, den Eudenbund uſw. Leider hat einftiweilen die Ver— 
wirflihung diejes wünſchenswerten Zuſammenſchluſſes aller philojophijchen 
Beitrebungen wegen Mangels an geldlihen Mitteln noch nicht durchgeführt 
werden fünnen, 

Im Anſchluß an die Hallifche Tagung findet die Gründung der Ortsgruppe 
Nürnbero-Fürth--Erlangen jtatt, gleichzeitig die Eröffnung einer Akademie für 
Philofophie auf dem Burgberg zu Erlangen, für die Dr. Rolf Hoffmann- 
Erlangen das fertig eingerichtete Haus in großherziger Weiſe geftiftet bar. 
Diefe Afademie joll ein Zentrum philoſophiſcher Studien werden, 


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Der wiſſenſchaftliche Teil der Tagung ſtand unter dem Geſichtspunkt: 
Auseinanderſetzung zwiſchen Eros und Logos. Wie läßt ſich 
das menſchlich-geſchichtliche Leben begreifend erfaſſen und deuten? Wie läßt 
ſich das Irrationale rationaliſieren? Um dieſen Gedanken bewegten ſich die 
vier Vorträge, für die hervorragende Vertreter ihres Faches gewonnen waren. 
Die Ausſprache war z. T. recht lebhaft. Die Verhandlungen boten ein anſchau— 
liches Bild gegenwärtig beſonders wirkſamer Strömungen im geiſtigen Leben. 
Die Eigenart und Verſchiedenheit mit einander ringender philoſophiſcher 
Richtungen und weltanſchaulicher Standpunkte kam in bewegter Rede und 
Gegenrede ihrer führenden Vertreter beſonders lebendig, bisweilen in drama— 
tiſcher Steigerung zum Ausdruck. 

Prof. Dr. Ernſt Tröltſch-Berlin handelte über „Die Logik des hiſtori— 
ihen Entwicklungsbegriffs“. Er bot grundlegende und zujanımengedrängte 
Ergebniffe jeiner Forfdung und gab die Grundlinien feines metaphufiichen 
Spitens, das allerdings mandem Gegner auf den Plan rief. Der Kernbegriff 
für die geſchichtsphiloſophiſche Betrachtung ift der hiſtoriſche Entwidlungs: 
begriff. Die Methode zu feiner Erforfhung kann nicht die Methode der 
Naturwiſſenſchaften jein. Der Entwidlungsbegriff in der Bioiogie, der 
Deigendenztheorie, bleibt ein Gebiet des Naturhaften; mit diefem Entwidlungs- 
begriff ift für das menjchlich-geichichtliche Geiſtesleben nichts anzufangen; an 
den Geiſt und die Werte, den logiſch-teleologiſchen Charakter der Geſchichte, 
fommt man damit gar nicht heran. Geſchichtliche Gntwidlung ift nur durch 
Anfhauung zu begreifen. Das Verſtehen des wirklichen hiſtoriſchen Ge— 
ſchehens ift nur durch religiöfe, ethijche, äfthetifche ujw. Deutung möglid. In 
ſcharfer Auseinanderjegung mit anderen berrichenden Richtungen, insbejondere 
den Neufantianern, begründete Tröltjh feinen eigenen Standpunkt, der eine 
Annäherung an Bergionsg Yntuitionismus und ein ausgeiprochenes Zurüd- 
greifen auf Leibnizens Monadenlehre bedeutet. 

Man muß das Ich als Monade faffen, als den Teil eines göttlichen All— 
bemwußtlo.s Zwar iſt da Einzel-Ich einerjeit3 Förperlich-organiich endlich ges 
bunden, aber doc) andrerjeits wieder ein Ausſchnitt des Allbewußtſeins; es hat 
teil am göttlichen Geift. Die Erkenntnis der jogenannten Außenwelt iſt Aus- 
deutung des Allbervußtjeins. Die Ausdeutung des fremden GSeelenlebens, 
worauf alles gejhichtliche Verſtehen beruht, ift überhaupt nur möglich, weil 
wir das Fremdjeelijche, als Teil des Allbewußtſeins, in uns felber tragen und 
weil wir es als etwas zugleich unferer eigenen und fremder Monade Angeböriges 
empfinden. Nur jo fenn man die Begabung der Einfühlung beim Dichter 
verftehen. Nur jo ift auch das Verfahren des Hiftorifers zu verſtehen, der 
überzeugt tft, ſchauend das Reale ſelbſt, nicht nur logiſch-begriffliche Zuſammen— 
hänge erfaßt zu haben. Von diefer Grundlage aus fchlichtet ſich auch der 
gegenwärtige Streit der Weltanfhauungsdenter (Niekfche, Dilthey) und der 
Formdenker (Neufantianer). Denn in dem intuitiv Geſchauten des hiſtoriſchen 
Geſchehens find die bloß logiſchen Zuſammenhänge mitgefhaut und mite 
enthalten. Der gejchichtspholofophtiche Gedanke einer Univerfalgejhichte ver- 
langt eim zufammenfafjendes Schauen, verlangt Zufammendrängung des Ueber- ' 
Hieferten und einen Zujhuß des Olaubens an eine in diejem ji) offenbarende 
göttliche Idee. 

In der Ausſprache richtete Prof. Friſcheiſen-Köhler, äußerſt ge 
ſchickt auf den metaphyſiſchen Kern der Anſchauungen Tröltſch's zielend, die 
Frage an ihn: Warum muß der übergreifende Sinnzufammenhang des 


— 229 — 


hiſtoriſchen Geſchehens gleich auf einen Allgeiſt zurückgeführt werden? Würde 
nicht ſchon die Teilnahme des Ich und Du an einem dritten Reich des objektiven 
Sinnes genügen, das ſich in den Gebilden des objektiven Geiſtes wie Sittlichkeit, 
Kunſt, Recht uſw. offenbart? 

Am Schluß der ſehr bewegten Ausſprache verwahrte ſich Tröltſch mit hin— 
reißender Rede gegen die vielfachen Angriffe, daß er einen Irrationalismus 
bringe. Er treibe Wiſſenſchaft, nicht um eine Syſtematik aufzubauen, ſondern 
um mit dem Leben fertig zu werden. Das Letzte weiß keiner. Wir treiben in 
einer Richtung, die wir wohl fühlen, aber den letzten Grund, die letzte Einheit 
lennen wir nidt. 

Zu den lebenjprühenden und in die legten metaphyſiſchen Tiefen dringenden 
Ausführungen dieſes eriten Vortrags bildete der folgende von Prof. Dr. Theodor 
Ziehen (Helle) „Zum Begriff und zur Methode der Geichichtsphilofophie“ 
einen eigenartigen und reizvollen Gegenjag: kriſtallklar und durchſichtig im Ge— 
danferanfbau, formvollender in der Daritellung, von höchſter methodifcher 
Schärfe, vorfichtig abwägend in den Ergebniffen. bildete er eine feinfinnige 
Vermittlung zwiſchen den beiden gegenjäglichen Richtungen Eolleftivijtiicher und 
individualiſtiſcher Geſchichtsbetrachtung. Was ijt überhaupt Gegenftand der Ge- 
ihichtsjchreibung? ES gehören dazu ſowohl Allgemeingebilde, wie Staat, 
Romantik, Gejeg uſw., als auch die jogenannten gefhichtlichen Geſetze, die aber 
feine allgemeingültigen Geſetze im Sinne der Naturwiffenjchaft, jondern nur 
Regeln find. Gegenitber der kollektiviſtiſch-ſoziologiſchen Geſchichtsbetrachtung, 
die mit der Darftellung des Allgemeinen die eigentliche Aufgabe der Geſchichts— 
ſchreibung als erſchöpft anfieht, betont Ziehen, daß auch das bloß Indi— 
viduelle in der Geſchichte einen Erfenntniswert beanjprudt. Er beitreitet 
die Auffaſſung, daß nur die Maſſe, als Bolt oder Geiellichaft, maßgebend jei 
für das hiftortiche Gejchehen. Vielmehr komnit es auf die Trag- und Wirkungs- 
weite, auf den Wertgehalt eines hijtoriichen Ereigniffes, einer Perjönlichkeit an. 
Aber auch Schon ein Ereignis, als bloßes Ereignis, kann gefchichtlich feine Be— 
deutung haben. Im hiſtoriſchen Gefchehen fpielt die Differenzierung eine unge- 
heure Rolle; und gerade das hochdifferenzierte Individuelle hat jeine bejondere 
Bedeutung. 

„Das Problem einer allgemeinen Kunſtwiſſenſchaft“ behandelt Prof. Dr. 
Emil Uſtitz-Roſtock. 

Die Kunſtwiſſenſchaft hat auszugehen von der Frage: Was iſt das Weſen 
der Kunſt? Die Ausgangspunkte bei der Beantwortung dieſer Frage ſind nicht 
der Begriff des Schönen, nicht der Prozeß des Kunſtſchaffens oder des Kunſt— 
genießens, jondern der einzige Ausgangspunkt ift die Wirklichkeit der Kunft, 
die gejtalteten Kunſtwerte ſelbſt, die begriffen werden müſſen in ihrer Eigen- 
gejeglichkeit. Die Kunſt ift auf Gedeih und Verderb mit allem geiftigen Leben 
verfnüpft, fie ijt auf fein Stoffgebiet bejchräntt, fie hat es mit Ethik und Welt- 
anſchauung zu tun, ihr ift die ganze Welt aufgegeben. Kunſt iſt Gejtaltung auf 
ein Gefühlsleben derart, daß ji der Sinn jener geijtigen Gebilde und Worte 
dem Gefühlsleben erjhließt. Die Autonomie der Kunft ift geſichert durch 
die Eigengefetlichkeit ihrer Form. Das Schöne nimmt teil an der Kunſt, aber 
e3 ift nur eine ihrer Möglichkeiten der Geftaltung, es gibt auch eine Kunit, 
die gar feine Beziehung zun Schönen mehr unterhält. 

Den Abſchluß bildete der von dem größeren Publikum mit einer gewiſſen 
Spannung eriwartete Vortrag des Grafen Keyierling-Darmitadt, des be- 
fannten Verfaſſers des NReiletagebuches eines Philojophen und Begründers der 


— 230 — 


Schule der Weisheit in Darmitadt. Er ſprach vor überfüllter Aula über den „Weg 
des wahren Fortichritts”. Eine Diskuſſion follte entiprechend jeinem Wunjche 
nicht jtattfinden. Keyſerling gab die Leitgedanten eines neuen Buches, das 
demnächſt mit dem Titel: „Schöpferiihe Betenntnis” erjcheinen wird. 

Der Charakter des Vortrags war allgemeinverjtändlich gehalten; inhaltlich 
war er mehr Philojophie als Lebensweisheit und Lebensdeutung als im Sinne 
ftrenger Wiſſenſchaft. Man jah manches Lächeln bei denen vom Fach. Und 
doch war es ein ebenfo tiefer wie fruchtbarer Grundgedanke, um den fi) die 
Keyjerlingjche Predigt herumrantte: Die meijten alauben, der wahre Fortſchritt 
des Menſchengeſchlechts beruhe auf neuen Erfenntnisinhalten, der Feitjtellung 
neuer Tatſachen. Das ift jedoch nicht der Fall. Der wahre Fortſchritt beruht 
nicht auf jachliher Erneuerung. Man kann ein großer Erneuerer fein, ohne 
fahlih Neues zu bringen. Sokrates, Plato, Buddha, Chrijtus, Goethe haben 
fachlich nichts wejentlicy Neues gebradt. Auf dem Gebiet des Geijteslebens 
Ihafft vielmehr die Bedeutung erjt den Tatbejtand, nicht umgelehrt. Dann kann 
fachlich Altes, auf einen neuen Gedantenzufammenbang bezogen, etwas durchaus 
Neues fein. Jeder Lebenszujammenhang ift ein Sinnzuſammenhang. Das 
legte Bezugszentrum im Lebenszuſammenhang der Perjünlichkeit ijt deren Ge— 
famteinftellung. Das iſt der richtige Grundgedanke der Pſychoanalyſe Freuds 
und anderer. Mögen wir m unjerer Zeit auch fachlich noch jo weit gelommen 
fein, wenn die Einftellung eine oberflädhlichere ift, jo jteht unfere Beit unter 
anderen Heiten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts follte die Wiffen- 
Ihaft alle ragen beantworten fünnen. Dieje Hoffnung hat ji nicht erfüllt. 
Die Wiſſenſchaft gibt nur die Außenanficht der Dinge. Stein erjchöpfender Welt- 
begriff kann je die Welt erjchöpfen. 

In eine tiefere Lebensſchicht jteigen wir erjt dann, wenn ein bedeutender 
Geiſt in die gleichen Worte und alten Ausdrudsmittel eine tiefere und neue 
Bedeutung legt. So iſt es bei Nabindranath Tagore. Mit 25 Buchſtaben hat 
Goethe den Fauft gefchrieben. Neu ift etivas, das vom tiefiten Beben aus gejehen 
wird. Neu it jedes perjünliche religiöje Erlebnis, jede perjönlich verjtandene 
Erfenntnis, jede Liebe. Das Neue liegt nicht auf der Ebene der Tatjächlichkeit, 
fondern auf der des Sinnes. Selbſt Gott VBeter könnte nicht viel Neues jagen, 
wenn er berabfäme (?). Bei Ehriftus entjprangen feine Lehren einer tiefer 
erlebten Gejinnung. Wenn Wiſſen erlöjte, müßten wir heute alle erlöjt fein. 
Nur Verstehen wirkt ſchöpferiſch, wicht Wiffen. Die großen Fortſchritte gehen 
niemals von rein fachlichen Smpuljen, jondern immer von Perfönlichkeiten aus. 
Unjer rein grammtatitalijches Zeitalter weiß alles, aber verjteht beinahe nichts. 
Was kann die Zeit erneuern? Steinerlei neuen G©eijtesinhalt, jolange er nicht 
von einer tieferen Einftellung, d. H. durch Belebung von größerer Lebenstiefe 
ber. neu erfaßt wird. Erſt wenn ein neuer Impuls von größerer Tiefe her 
ins Wollen ſich ergießt, jagt das Weltalphabet etivas Neues aus. Dazu müſſen 
wir jegt fommen. Wir brauchen nichts von dem wunderbaren wiljerichaftlichen 
Apparat des 19. Jahrhunderts abzutragen. Wir müffen nur den Sinn vom 
Geijt her jo tief, wie ihn bisher einzig religiöje Zeiten gefaßt haben, von innen 
nah außen richten. Dann fommt von jet ab der größte Fortichritt der 
Menſchheit zuftande, den e8 jemals gab. 

* * * 

Im Anſchluß an die Mitgliederverſammlung der Kantgeſellſchaft fand 

am Tage vorher eine Tagung der „Geſellſchaft der Freunde der Philoſophie des 


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Als⸗Ob“ ftatt. Dieje Gejellihaft bezwedt als ihre Sonderaufgabe, die durch 
Baihingers „Philojophie des Als-Ob“ entitandene Bewegung im Sinne eines 
pofitivijtiichen Fdealismus zu fördern. Auch die diesmalige „Als-Ob-Konferenz“ 
diente mit ihrem reichbejegten Programm Her Weiterbildung des durch Vaihinger 
ge' ihaffenen Fittionalismus und der Fruchtbarmachung der filtiven Methoden 
für die einzelnen Wiffenjchaften. Es behandelten: Prof. Dr. Wolff-Halle: 
„Boltswirtichaftlihe Idealtypen als Fiktionen”. Prof, Dr. Koch-Halle: 
„Das Als-Ob in der Medizin“. Dr. Nyman-Lund (Schweden): „Der Fiktionalis- 
mus in der Lyrik”. Prof. Dr. Volkmann-Leipzig: „Die Bedeutung der Filtionen 
im fünjtleriihen Schaffen und Genießen”. Den geſamten Problemkreis des 
Fiktionalismus umrig Dr. Raymınd Schmidt-Leipzig, der VBerhandlungsleiter 
und Herousgeber der „Annalen der Philofophie mit bejonderer Rüdficht auf 


die Probleme der Als-Ob-Betrachtung“. Der greife VBaihinger felber, jet 


fajt ganz erblindet, eröffnete die Tagung und gab ein Bild von dem Wachen 
der Bewegung, die durd) jeine „Philojophie des Als-Ob“ ins Leben gerufen ift. 
Das Werk jelbjt erlebt jet ſchnell hintereinander ſteigende Auflagen. Ueber- 
fegungen in fremde Sprachen jtehen bevor. 

Baihingers AlS-Ob-Betradhtung geht aus von dem Denfmittel der Fiktion. 
Wir fommen dadurd, daß wir bewußt falſche Annahmen (oder bejier: logiſch 
neutrale!) machen, indem wir verfahren, „al ob“ etwas io und jo fei, häufig zu 
rihtigen Ergebniffen in Wiſſenſchaft und Leben, 3.8. in der Mathematit mit 
dem Umendlichfeitsbegriff, in der Religion mit der Annahme eines perjünlichen 
Gottes uſw. 

Von dieſer Grundlage aus wird nun das geſamte menſchliche Denken als 
fiktiv aufgewieſen. Dieſe Betrachtungsweiſe ijt geboren aus dem Mißtrauen 
gegen die Ratio, das Denken, inſofern es beanſprucht, ein Abbild der Wirklich⸗ 
feit, eine abſolute Wahrheit, zu geben. Vielmehr iſt auch das Denken ein bloß 
biologifcher Borgang; alle unjere Begriffe, mit denen wir die Natur beherrſchen 
und das Leben meijtern, find gweckmäßige Bildungen der menſchlichen Seele, 
die eine organijch-zwedtätige Funktion int Dienjte des allgemeinen Lebens- 
vorganges und feiner Erhaltung iſt. Das Denken wird hiermit aljo auf den 
Boden bon etiwas, das noch hinter ihm Tiegt, gejtellt, nämlich des Lebens felbit. 
Das unmittelbare uwiprüngliche Erleben liegt nicht im Tenken, jondern in dem 
bloßen Haben von Empfindungen, im Schauen. Alles das, was das Denken 
aus diejen Empfindungen macht, unier ganzes Tategoriales Denfen der Welt, 
bejteht aus lauter Filtionen; es ijt theoretijch, nach jeiner Wahrheit befragt, 
vollig wertlos, nichts wird damit begriffen. Aber praktiſch-ſubjektiv, für unſer 
Handeln, bedeutet es alles. Das Denken iſt aber nur ein Orientierungsmittel, 
unſere Hilfsfonjtruftion im Tienſte des Lebens, unſer Mittel zur Beherridung 
der Welt. Somit wurzelt alio dieje Philojophie ganz im Handeln des Menſchen; 
fie ift aftiviftiih und wealiftiich, verzichtet freilich” auf den üblichen Wahrheits- 
begriff. Jede denkeriſche Ausiage über die Welt, jedes philoſophiſche Syſtem 
tt, theoreijch genommen, nur eine Fiktion. 

Diefe Andeutungen müffen hier genügen. Bemerft jei noch, daß Vaihingers 
Weit als eines der leicht lesbarſten, anziehenditen und aud) für den Laien ver: 
ſtändlichſten philoſophiſchen Schöpfungen angejprocdhen werden fann. 


— HE — 


Energieaustaufd). 
Bon Dr. Ing. Georg Sinner (Berlin). 


Die Technik ift international, heißt es. Doc) ift Ag Sat nur bedingt 
richtig, denn die Technik wurzelt in der Arbeit des Ingenieurs, ijt a 
bängig von der technifchen Begabung und dem Charakter der Bewohner 
eines Landes und ſchließlich auch von den natürlichen Vorausfegungen der 
Volkswirtſchaft, die die technifchen Aufgaben ftellt und auf Grund der vor— 
bandenen Energievorräte und Rohſtoffe bejtimmte Wege zu ihrer Löfung 
Dei: nternational ift die Technik infofern, als ihre Erzeugniffe nicht 
an der Landesgrenze Halt machen, pe der ganzen Menfchheit dienen. 

Nicht in gleichem Umfange ftehen den Völkern der Erde die techniſch 
wichtigen Rohſtoffe und die Mittel zu ihrer Bearbeitung, die Energieträger, 
zur Verfügung. Ein reger Austauſch wirtfchaftlicher Güter ift daher im 
Intereſſe des technifchen und fulturellen Fortfchrittes der Menjchheit not- 
wendig, und die Technik erleichtert diefen Austauſch dadurch, daß jie Ver— 
fehrsmöglichkeiten jchafft bzw. verbeffert. 

Der Gedanke der Verknüpfung der verjchiedenen Völker durch die 
technischen Mittel hat in den legten Jahren eine eigenartige Erweiterung 
erfahren. Tauſchte man bisher im weſentlichen nur Güter und vielleicht 
noch Gedanken und wifjenfchaftliche Ideen aus, jo entwidelt fich jest ein 
Austaufhovon Energie, der das Band zivifchen den Völkern enger 
zu fnüpfen in der Lage fein kann. \ 

Energievorräte find die Grundlagen der ted- 
ni den tbeit; hierauf iſt es zurüdzuführen, daß im vergangenen 
Jahrhundert, Das eine ungeahnte Blüte der Induſtrie gebracht hatte, die 
industriellen Arbeitsjtätten in erjter Linie in der Nähe der Stohlen- 
borlommen entjtanden find. Das ‚cheinifch-weitfälifche Induſtriegebiet, 
Oberſchleſien, die englifchen Snduftriezentren find dafür ein Beweis. Kohle 
war damals der einzige Energieträger, der es geftattete, große Mengen 
mechaniſcher Energie zu gewinnen. Um die Transportkojten zu jparen, 
3* man daher die Fabriken möglichſt nahe an die Kohlengruben gelegt. 

it der zunehmenden Erkenntnis der Verwendungsmöglichkeit der 
Elektrizität und dem Ausbau der elektrotechniſchen Induſtrie erwuchs 
aus dem ſtrömenden Waſſer ein neuer Energieträger: die waſſerreichen 
Gebirgsgegenden Mitteleuropas, vor allem der Alpen, ſtellen Kraftquellen 
vor großer Bedeutung dar. Unter dem Zwang des Krieges und der Not 
zur Nachkriegszeit ift man dazu übergegangen, in ftärferem Umfange als 
bisher die weiße Kohle der Wirtfchaft dienjtbar zu machen. Die Schweiz 
und Deutſch-⸗Oeſterreich, zwei der wenigen Länder, die aus ihren Waffer- 
fräften nahezu den gefamten Energiebedarf ihrer Wirtfchaft decken können, 
ferner Italien und Deutfchland in ihren Alpengebieten haben große Pläne 
zur Waflerfraftnugung in die Wege geleitet. 

Techniſche und wirtſchaftliche — ſchwerwiegender Art werden 
damit aufgerollt. Die induſtrielle Lage Europas kann ſich dadurch wefent- 
lich verjchieben. Waren früher die Induſtrieunternehmungen an der 
Kohlenbafis angefiedelt, jo kann jegt die Notwendigkeit auftreten, fie näher 
an die Waſſerkraftwerke heranzubringen. Zwar geftattet der eleftrifche 
Strom im hochgefpannten Zuftande einen weiten Transport — bis zu 


— 233 — 


400 Kilometer kann man ihn ohne allzu hohe Verlujte fortleiten —, aber 
an der Tatjache, Daß Gebiete, die bisher noch wenig Induſtrie aufzuweiſen 
hatten, mit der fortjchreitenden Elektrifierung induftrialiftert werden, daß 
neue Induſtriezweige, z. B. die eleftrotehniihe Großinduſtrie, mit weit— 
gehenden Wirkungen wirtſchaftlicher und ſozialer Natur im Eniſtehen find, 
Andert das nichts. 

Vom Öefichtspunkte einer weitgehenden Energieerjparnis muß man 
e3 begrüßen, wenn durch den Ausbau von Wafferfräften ungenutzte Energie 
ausgewertet wird. und zwar in einer Form, die im ©egenfag zur Stohle 
im Laufe der Jahrhunderte faum abnehmen dürfte. Freilich auch hier ist 
Grumdbedingung, daß die erzeugte Energie wirtfhaftlid ver- 
wertet wird. Induſtriezweige lafjen fich zwar, was ihre technifche Vor— 
bedingungen anlangt, beinahe aus der Erde jtampfen, ihre wirtichaft- 
lihe Zukunft ift aber damit nicht gefichert, und wir haben Beifpiele, das 
eleftrotechnijche Großunternehmungen der Schweiz, die bei ihrer Gründung 
während der Sriegszeit durch die befonderen damals herrichenden Ver— 
bältniffe günftig arbeiteten, fpäter wieder ihren Betrieb einjchränten oder 
einftellen mußten. 

Ein Mittel, um die Wafferfraftnugung wirtfchaftlich zu geftalten, ijt 
der Energieaustaufh der einzelnen Werte und darüber 
hinaus der einzelnen Staaten. Es ijt noch nicht lange her, daß 
in verfchiedenen Ländern, die eine einheitliche Energiewirtichaft durchführen, 
die Forderung erhoben wurde, „Landesſammelſchienen“ zu er- 
rihten. Man verjteht darunter — die von 
Kraftwerk zu Kraftwerk Durch das ganze Land ziehen und dadurch gejtatten, 
einmal alle Sträfte zu fammeln und einheitlich zu verteilen, Ueberſchuß— 

biete mit Bedarfsgegenden zu verknüpfen und dabei zufällig auftretende 
otftände auch einmal, wenngleich mit etwas ungünjtigerem Wirkungs- 
ad, dadurch zu beheben, daß man Energie aus weiterer Entfernung 
—— Eine ſolche Sammelſchiene hat vor allem den Vorzug, daß der 
Ausbau der Kraftwerke allmählich vor ſich gehen kann, daß bei jedem Werke 
die wirtſchaftlich günſtigſte Größe voll ausgenutzt wird und daß die zu— 
ſätzlichen, nur vorübergehend auftretenden Energiebedürfniſſe von einer 
eigens für dieſen Zweck errichteten Aushilfeanlage, dem Spitzenkraftwerk 
befriedigt werden. Derartige Landesſammelſchienen ſind in Bayern, der 
weiz, Deutſch-Oeſterreich, der rg Oberitalien uſw. im 
Bau oder vorgefehen. Aber es hat ſich gezeigt, daß die Wirtjchaftsgebiete 
der einzelnen Länder für eine großzügige Energiewirtichaft vielfach zu 
flein find. Schon feit einigen Jahren führt die Schweiz elektrifche Energie 
(Abfalltraft) aus. Im vergangenen Fahre waren e3 etwa 100 000 Kilowatt. 
Und auch zwifchen Deutichland und der Tichechoflowalei findet ein reger 
— — tatt. 
ährend noch die Völker Mitteleuropas politiſch getrennt und vielfach 
in tiefgehenden Meinungsverſchiedenheiten miteinander leben, bahnt ſich 
durch die Elektrizitätswirtſchaft eine neue wirtſchaftliche Verknüpfung an. 
Schon heute kann elektriſche Energie von der Po-Ebene über die weiz 
nach Deutſchland und nach Lothringen fließen. Am 14. November vorigen 
Jahres wurde zum erſten Male Energie vom Bruſſiowerk durch die Berg— 
päſſe der Bernina und Albula hinüber in die Fernleitungen von Zürich ge— 
ſchickt, und damit iſt der Anfchluß an die bernifchen und Nordoſtſchweizer 


a > 


SKraftleitungen erreicht, die ihrerfeit3 an die badische Induſtrie und die 
elſäſſiſchen Werke Strom abgeben. Die Idee einer Mittel- 
europäifhen Sammelſchiene, die die Wafferkräfte des Alpen- 
gebiets jammelt, und in die Ebenen des Nordens-und Südens hinableitet, 
iſt damit ihrer Verwirklichung näher gelommen. Das Gefühl der wirt— 
Ihaftlihen Zufammengehörigfeit der mitteleuropäifchen Länder, der Ge— 
meinſamkeit ihrer wirtjchaftlihen Intereſſen und, daraus refultierend, die 
—— wozu auch die Fragen der Kraftleitungen gehören, ein— 
par zu behandeln, wird. dadurch zweifellos eine bedeutende Vertiefung 
erfahren. 

Trogalledem müffen wir uns als Techniker auch die Schwierigkeiten 
vor Augen halten, die der Ausführung derartiger Werke weniger aus ted- 
nifchen, als vielmehr aus wirtfchaftlihen Gefichtspuntten heraus im Wege 
ſtehen. Die ee De eg eines Volkes iſt heute eine Lebenzfrage für 
deffen Wirtfchaft. Ohne Energie ift in unferem dichtbevölferten europäiſchen 
— die Aufrechterhaltung des Wirtſchaftslebens auch nur für 
ürzeſte Zeit unmöglich. Das haben wir ja während der häufigen 
Elektrizitätsſtreiks in den letzten Sn am eigenen Leibe empfunden, wo 
ſchon kurze Unterbrechungen der Stromverforgung unfer Leben und unfere 
Gefundheit bedrohten. Wenn wir daher uns in größerem Umfange 
darauf einrichten würden, eleftrifche Energie aus Länder zu beziehen, die 
nicht innerhalb des Bereiches unferes Staatsweſens liegen, jo ift die Gefahr 
einer Unterbrechung diefes Lebensftromes nicht von der Hand zu weiſen. 
Weitgehende Garantien und Referven im eigenen Lande müßten darum 
vorhanden ne 

Wenn darum auch die Verwirklichung der europäifchen Sammelfchiene 
vorläufig erſt in einer ferneren Zukunft zu erwarten ift, jo wollen wir 
doch Bedenken, daß hier die Technik in Politik und Wirtichaft einen neuen 
Gedanken hereingebradht hat, der vielleicht beim wirtfchaftlichen Wieder- 
aufbau einft fich fruchtbar ertveifen wird: der Gedanke, der Verpflichtung 
der Völker zur Gemeinfchaftsarbeit zur Auswertung von Naturjchägen. 


Weltipiegel. 
14. Juni 


Dem öfterreihifhen Minifterium Seipel ift eine un— 
geheure Verantwortung aufgebürdet. Es jteht ae Mr loser pi 
egenüber mie das vorangegangene Kabinett, ohne an Mitteln reicher zu 
fein. Aber wie man von allem Neuen etwas befferes erwartet, fo hofft 
man von ihm, daß es ihm gelingen wird, die Folgen der Fehler und 
Irrtümer der früheren Regierung auszugleichen und tvenigfteng einen 
notdürftigen Ausgang aus den Drangfalen diefer Zeit zu finden. Als 
heiß Een Ziel fteht der großdeutichen Partei Dejterreihs immer der 
Anſchluß an das Deutfche Reich vor Augen, und gerade das foll nach dem 
Willen der Entente, wie er in Verfailles und St. Germain feftgelegt worden 
ift, unter allen Umftänden verhindert werden. Die Anfchlußfrage ift nur 
eine der großen Fragen, die die alliierten Mächte in den Friedensfchlüffen 
in ihrem Sinne regeln wollten und bei denen fie — verleitet durch Haß 


— 235 — 


und Verblendung — eine fo unglüdliche Hand gezeigt haben, daß die 
von ihnen gefundene Löſung überall im Widerfpruch fteht mit den wahren 
Bedürfniffen der Völker und Länder und darum auch da, wo die Entente 
ihren Freunden eine Wohltat erweifen wollte, nahezu unmögliche Ver— 
hältnifje gefchaffen hat. So ift auch in die Erijtenz des neuen Dejterreichs 
ein innerer Widerfpruch, eine Unmöglichleit hineingetragen worden. In 
der Engherzigkeit und Sturzjichtigfeit des Haffes und bei der Oberflächlich- 
feit und Verjtändnislofigfeit, mit der die Lage der ihnen ausgelieferten 
Völker beurteilt wurde, wollten die Ententemächte vor allem verhindern, 
daß nach der Auflöfung des alten Habsburger-Neichs die een Kern⸗ 
lande des alten Oeſterreichs wieder in die Verbindung mit ihren Volks— 
genoſſen im alten Stammlande zurückkehrten. Nur in dem gefühls— 
mäßigen Beſtreben, Reichsdeutſche und Oeſterreicher nicht zuſammen— 
kommen zu laſſen, behandelten ſie die ganze Frage aus dem Geſichtspunkt, 
daß auch für Oeſterreich nur die gefühlsmäßige Hinneigung zu den 
Stammesgenoſſen im Deutſchen Reich und nur der politiſche Machtgewinn 
dieſer Verbindung in Frage komme. 

Aber ſo iſt es doch nicht. Gewiß iſt dieſe idealiſtiſche Geſinnungs— 
grundlage des Anſchlußgedankens von der größten Bedeutung und dem 
höchſten Wert, und das Streben, die nationale Macht des Deutſchtums durch 
Zufammenfaffung der Schiejalsgenofjen zu neuer Straft und neuem Leben 
zu führen, ijt das, was uns in diefer Frage am lebhafteften berührt. 
Aber es ift nicht die einzige Begründung, die dem Anfchlußgedanken ge- 
geben werden fan, und nicht einmal die entjcheidende. Denn die treue 
Anhänglichkeit an die alten öfterreichifchen Traditionen, die Erinnerung 
an die Zeit ftolzer Selbjtändigfeit und Staiferherrlichfeit ift ja nicht er— 
ftorben, jondern in weiten Streifen will man das alte Dejterreichertum 


und jeinen Staatsgedanfen wiederaufbauen, pflegen und erhalten, ohne 
der gutunfe allzu ſchnell vorzugreifen. Sie ſcheuen den Anſchluß an 
das Reich, weil fie fürchten, ganz darin aufgehen zu müffen. Und doch, 


auch hier treiben die Verhältniffe dahin, daß der Gedanke immer näher 
rückt, weil die wirtfchaftlicde Not ihr gewichtiges Wort fpricht. Defterveich 
ift, wenn es auf ich allein geftellt wird, nicht lebensfähin. Dieſe Ueber- 
zeugung befejtigt jich immer mehr und erfaßte auch folche Streife, die bisher 
immer noch glaubten, durch ehrliches Eingehen auf die Wünfche der-Entente 
einen andern Ausweg eröffnen zu können. Die Entente aber hat zwar 
das unfinnige Verbot des Anfchluffes an Deutfchland ausgejprochen, 
denkt jedoch gar nicht daran, durch wirkliche Hilfe die nötigen Folgerungen 
daraus zu ziehen. 

Unter ſolchen Verhältniſſen ift die Lage der öfterreichifchen Republik 
fo jchivierig geworden, daß man einen völligen Zufammenbruch entgegen- 
jeien muß. Dem kürzlich zurüdgetretenen Bundeskanzler Schober waren 

ie Dinge über den Kopf gewachſen. In feiner Außenpolitit an allen 
Eden und Enden gehemmt und ohne Ausficht auf irgend eine Befjerung 
in der Wirtfchaftslage, vielmehr angefichts eines unaufhaltiamen Rollens 
in den Abgrund, hatte Schober ſchließlich die Vorjchläge der tjchecho- 
flowafifchen Nepublit angenommen und den Vertrag von Xena unter» 
zeichnet. Damit hatte er aber feine politifche. Stüge im Lande verloren, 
denn die großdeutjche Partei, die ihn mit der ſozialdemokratiſchen zu- 
fammen an die Spite gejtellt-hatte, wollte diefe für die Anſchlußpolitik 


— 236 — 


verhängnisvolle Wendung unter feinen Umftänden mitmachen. Die 
Minifterkrifis hat eine Koalition zwifchen Chriftlic)-Sozialen und Groß— 
deutjchen an das Ruder gebracht. Wenn durch die Verfönlichkeit deg neuen 
Bundesfanzlers, des Prälaten Seipel, der Schwerpunkt jeßt deutlich bei 
den Chriſtlich-Sozialen liegt — der Partei, die den öfterreichiichen Staats-. 
— am entſchiedenſten vertritt —, jo könnte wohl der Eindruck ent— 
tehen, daß damit zugleich ein Abrücken von dem Anſchlußgedanken aus— 

drückt werden ſolle. Aber ſchon der Eintritt der Großdeutiſchen unter der 

ührung des neuen Vizefanzlers Frank in diefe Regierung deutete an, daß 
die Verhältniffe jich verändert hatten. Nicht in dem Sinne, daß die 
Großdeutſchen verzichtet, fondern daß die Chriftlich-Sozialen wenigſtens 
auf wirtjchaftlichem Gebiet fic) den Großdeutfchen genähert hatten. 

Mit bemerfenswerter Schnelligkeit hat fich befonders in den Ießten 
Tagen die Lebhaftigkeit der Anfhlußbemwegung in Dejterreid 
gejteigert. Ueber alle politifchen Hinderniffe hinweg geht das ftarf hervor⸗ 
tretende Berlangen nach mindeftens woirtfchaftliher Anlehnung an 
Deutjchland, Einführung der Markwährung in Defterreich ufm. Alles das 
gejchieht unter Führung eines hriftlich-fozialen Staatsmanns, der am 
allerwenigiten diefe Politik qutheißen würde, wenn nicht eine wirkliche 
Notivendigfeit bejtände. Es ift das freilich nicht jo zu verftehen, als ob 
Bundesfanzler Seipel den Standpunkt feiner Partei verlaffen hätte und 
zu den Bielen der Großdeutjchen übergegangen wäre; es ſpricht fich viel- 
mehr darin nur die Stärke des Drudes aus, unter dent die öfterreichiiche 
Regierung fteht, wenn fie den wirklichen Bedürfniffen des Landes einiger- 
maßen Rechung tragen will. Die gegenwärtige Stimmung in Dejterreich 
infolge der abermaligen Entwertung der Strone und dent Fehlen jeder 
Ausficht auf eine hellere Zukunft wird allgemein geradezu als Panik be- 
zeichnet. Man jcheint auch in Frankreich eingejehen zu haben, daß, 
wenn man überhaupt Oeſterreich von Deutfchland getrennt halten und 
eine fogenannte „Donaupolitif” unter franzöfifhem Protektorat treiben 
will, es iegt die höchſte Zeit ift, mit finanzieller Hilfe einzugreifen. Wie 
fich diefe Berhältniffe nun weiter entwideln werden, ift befonderer Auf- 
merffamfeit wert. Wir haben von unferer Seite aus infolge eigener 
Schwierigkeiten und Nöte der Anſchlußfrage nicht die ftete Beachtung zu— 
wenden fönnen, die fie verdiente. Das Bewußtſein, mit gebundenen 
Händen in diefer Sache dazuftehen, ift felbjtverftändlich ein ſtarkes Hinder- 
nis. Dennoch dürfen wir diefe Frage niemals aus unjerem politischen 
Geſichtskreis verſchwinden laſſen. 

Jede Ueberlegung über die Fragen, die im Bereich unſerer öſtlichen 
und ſüdöſtlichen Nachbarſchaft ſchon ſchweben oder noch neu auftauchen, 
zeigt, von welcher außerordentlichen Wichtigkeit die Führung einer guten 
und umſichtigen Wirtſchaftspolitik dieſen Ländern gegenüber iſt. Bei der 
eigentümlich bedrängten und ſchwierigen Lage, in der wir ſelbſt uns be— 
finden, wird man noch hinzufügen müffen: zugleich einer kühnen, zu— 
verfichtlichen und wagemutigen Wirtfchaftspolitil. Nur fo können mir 
das Netz politifcher Feindfeligfeiten zerreißen, das die Entente, oder viel- 
mehr Frankreich, uns über den Stopf werfen möchte. Am fchwierigften 
wird es inımer fein, mit Bolen in ein leidliches Verhältnis zu fommen. 
Aber die neuefte Minijterkrifis, die noch immer nicht beendet ift und teil- 
meife den Charakter eines Stampfes gegen den Staatschef Pilſudski an- 


n — 2337 — 


genommen hat, läßt in ihren einzelnen Erjcheinungen mitunter doch ſchon 
die Andeutung durchbliden, als ob man die wirtjchaftlich verhängnisvollen 
Folgen eines nationaliftifchen Fanatismus in der polnifchen Politik ſtärker 
zu fühlen beginnt. 

Unfere eigne Lage fieht freilich troftlos genug aus. Die legte Woche. 
hat das vorläufige Scheitern der Bemühungen um die Reparations- 
anleihe gebvacht, und fo hängt der politiihe Himmel wieder voll ſchwerer 
Wolken. Dennoc) fehlt es nicht an Xichtbliden, die einem ungetrübten Auge 
die Hoffnung geben, daß aud hier das Maß erreicht ift. Die Bäume 
wachſen nun einmal nicht in den Himmel. W. v. Maſſow. 


Bücherſchau. 
Neue Schweizer Dichtung. 


Wenn man den Anteil überblickt, den das ſchweizeriſche Schrifttum an der 
geſamtdeutſchen Literatur hat, ſo liegt es nahe, zunächſt etwa an J. H. Peſtalozzi, 
Gottfried Keller und C. F. Meyer, weiterhin etwa an Karl Spitteler und Joſeph 
Victor Widmann zu denken. Um ſie gruppieren ſich dann in zweiter Reihe die 
etwas jüngeren Zeitgenoſſen wie Federer, Stegemann, A. Frey, Jegerlehner, 
Huggenberger, Jakob Schaffner, Zahn u. a., die teils Schweizer der Geburt nad 
jind oder aber mit Vorliebe ihre Stoffe aus der ſchweizeriſchen Umwelt geholt 
haben. Die deutſchen Literaturfreunde haben fich im wejentlicden um dieſe deutjch- 
ihweizerijche Literatur gekümmert, da man im ihr mit Necht nach Gottfried 
stellers befanntem Ausſpruch eime geijtige ‘Provinz des an feine politijchen 
Grenzen gebundenen Deutſchtums erblidt. Nun jtellt aber befanntermaßen die 
Schweiz als politiiches Gebilde ein Haus dar, in weldem drei Familien ver— 
ſchiedenen Geblüts unter einem Tach zu wohnen gezwungen jind. Daß dies nicht 
immer friedlich und jchiedlich gejchieht, weiß man, aber verglichen mit dem, was 
in anderen Ländern Söhne desjelben Bluts und derjelben Sprache an Zank und 
Streit gegeneinander aufbringen, ijt das Verhältnis immer noch erträglich. 
Und jo ijt es bezeichnend, daß es gerade neuerdings auf ſchweizeriſchem Boden 
Verlagsunternehmungen gibt, die es ſich angelegen jein laſſen, den deutſchſprechen— 
den Schweizern und Nichtichiveizern auch diejenigen Werke wenigjteng in Aus— 
wahl zu vermitteln, die auf dem Boden der welſchen Schweiz entitanden jind. 
Es kann nit überrajchen, daß gerade in ſolchen Verlagshäujern auch kosmo— 
politijhe und pazifiitiiche Grundgedanken ihre Heimjtatt finden. Dem Anvders- 
gefinnten wird es unbenonmen bleiben, demgegenüber mit der eigenen Meinung 
nicht zurüdzuhalten. Anderjeits aber wird der unparteiijche Beobachter geiitiger 
Entwidelungen jeine Freude daran haben, wenn er unter den neuen Namen 
der jungen Schweiz jehöpferiiche Kräfte entdedt, bei denen das deutjchblütige 
oder jremdblütige Element untergeht im allgemeinen jchiveizerijchen Heimat- 
bewußtjein und jomit aus der Scholle, das will in diefem Falle jagen, aus der 
Luft der heimatlichen Berge und Täler feine Kraft und Wirkung zieht. 

Gedanken diefer Art kann eine Bücherfendung anregen, die mir vor 
einiger Zeit von dem rührigen in Bajel beheimateten Rheinverlag zu— 
gefommen ift. Alte und neue Namen deutjch- und welſchſchweizeriſcher Herkunft 
klingen da friedlich nebeneinander auf und der Gewinn der Lektüre bejteht 


_ 28 — 


darin, daß man neben manchem gejhmadvollen Talent auch mit einer jo kraft- 
vollen Eigenart befannt wird, wie jie aus den weiterhin noch näher zu würdigen- 
den gejammelten Werten von C. F. Ram uz berbortritt. 

Hugo Marti, ein junger Berner, iſt mit zwei ganz terichiedenartigen 
‚Werken vertreten, zunächſt mit einem innig zarten, aber vichteriih jtarfen 
Legendenbuch Das Kirchlein zuden ſieben Wundern“. Es berichtet 
mancherlei im glücklich gewählten Stil alter Chroniken von zarter Liebfrauen- 
minne und webt in der ammutigen Bajeler Landichaft mit dem fernen Duft 
der Juraberge um die makellos jchöne, ftolz-demütige Gejtalt der Jungfrau 
Maria einen Kranz von Begebenheiten, die alle eng mit dem Kirchlein in den 
wilden Rojen zufammenhängen. Der Dichter befigt die feltene Kraft, auch dem 
Ungläubigen feine Wunder glaubhaft zu machen, und fo tit wohl nad Kellers 
—* Legenden kaum ein to echtes Volksbuch dieſer beſonderen Art geſchaffen 
worden. 

Ganz anders iſt die oſtpreußiſche Erzählung „Das Haus am Haff“. 
Wunder und Legenden find vergeffen und die Gegenwart mit der zerriffenen 
modernen Seele behauptet ihr Recht. Mit feltener künjtlerticher Feinfühlig- 
feit bat Hugo Marti fih in die für einen Schweizer fo fremb geartete Land- 
ſchaft der weiten vordeutſchen Ebenen vertieft, hat den ganzen Zauber diejes ein- 
jamen ſchwermütigen Landes erfaßt und fehildert pſychologiſch unkomplizierte 
Borgänge, die gerade durch ihre Einfachheit eine tragische Größe gewinnen. Der 
laftende Drud der umgebenden Natur hemmt die Bewegungsfähigkeit, und jo 
gebt Hana von Dohm an feiner Liebe zu der zarten kranken Frau jeines 
Ontels zugrunde. 

In eine ganz andere Welt verjegt Theodor Bohners Novellenbud 
„Liebendes, lahende3 Rom“. Der Berfaffer, jeit feiner biographijchen 
Erzählung „Kwabbla“ bereit3 mit Anertennung genannt, ift in Rom zu Hauje 
faft wie ein Einheimijcher. Aber nicht in dem Rom der Fünftlerifchen und 
geichichtfichen Meberlieferung, jondern in den Winkelgaffen des römiſchen Klein- 
bürgertums. Ihre Freuden und Leiden, ihre Lügen und Liſten, ihre Heinen 
Gefinnungen und großen Geften hat er belauſcht. Humor und Sronie haben 
den Stift geführt, mit dem er dieje Erlebniſſe des Alltags feithält. 


Auch eine große Stadt bildet den Hintergrund des Romans „Die Gold- 
juherpvon Wien“ von Beter Hamp, aber es ift nicht ladhender Humor, 
fondern bittere Satire, die den Grundton der Darftellung ausmacht. Handelt 
es fich doch in diefem Wert um nichts anderes als um das jterbende Wien 
und die Aasgeier, die den edlen Leichnam zerfleiichen, nämlich Lie Schieber, denen 
über einem Millionengejchäft jedes Empfinden für das langjame Berbluten 
eines ganzen Volkes eritidt ift. Der Hauptwert des Romans u in 
feiner tünftlerifhen Formung, fondern in den mit umbeimlicher ärfe ge- 
zeichneten Tatfachenbild: er wird jomit zum menjchlicden Dokument von unferer 
Zeiten Schmach und Niedergang. 

Erfreulih iſt das Buch des talentvollen Hermann Kurz, der 
in dem Roman „Die Runde“ (geb. 25,— M.) das Leben umd Treiben 
der Bürger eines Fleinen Städtchens ſchildert. Gefpannt verfolgt man die 
Schickſale der Einzelnen, verfolgt die Fäden, die vom Stammtiſch „die Runde” 
ausgehen und ihre Wirkungen bis in die folgende Generation ausüben. Tüchtig- 
feit und Fleiß gewinnen die Oberhand, und getroft legen wir das Bud zur 
Seite, denn Joſeph, der junge Held, übernimmt nad) vielfachen Abweichungen 


— 139 _ 


und Fährniffen das geiftige Erbe des Seifenfiederd Lauber, der dur feinen 
Hugen Kopf allmählich der Beherricher der ganzen Runde getvorden war. 
* 


Auf ein anderes Gebiet verweiſt „Das Lächeln Voltaires“. 
Ein Buch in diefe Zeit von Jwan Goll. Iwan Goll gibt im feinem 
— geſchmackvoll ausgeſtatteten Werk Ausſprüche, Aufſätze und Pamphlete 
des alternden Philoſophen von Ferney, der aus der Einſamkeit heraus die Ge- 
ſchide der Welt verfolgt und jelber mitregiert. Unglaubli& modern muten uns 
dieje Auszüge aus feinem berühmten „Dietionnaire philosophique” an: er 
läßt alle Ueberzeugungen der Menge dor der Sronie feines Geiftes -vorüber- 
ziehen und mit unglaublicher Schärfe dedt er die Schwächen und den Aber 
glauben feiner Zeit auf. Einige wenige Briefe find dem Bande beigegeben, in 
denen hauptſächlich der „Diplomat“ Voltaire zu Worte fommt. Zwan Goll 
bat geſchickt die köſtlichſten Aufjäge aus diefer Zeit geſammelt und meiſterlich 
überjegt. Borangeftellt ift ihnen die Totenmaste Voltaires, mit dem vielfältigen 
geheimnisvollen Lächeln, das faft zum Grinfen ausartet. Wer an einer Leltüre 
Gefallen findet, in der gezeigt wird, wie alles Elend der Menſchen daraus 
entiteht, daß fie fich immer fo ernjt nehmen, der greife zu dem Bud). 

* 


Es bleiben noch zu erwähnen zwei Gedichtſammlungen von jungen 
Schwizern „Das rechte Leben” vn Konrad Bänninger um „Weg 
zehrung“ von Albert Steffen. Beide Pichter Tind keine Neulinge; 
Bänninger iſt ſchon früher mit zwei Gedichtbänden herausgelommen und Albert 
Steffen binlänglid bekannt durch feine myſtiſch gefärbten Romane. Auch in 
der „Wegzehrung“ offenbart fidh fein Hang zum Viſionären. Sein künftlerifcher 
Ausdrud ift ſpröde; gedanklich erinnert er an Doſtojewski, in der Form etiva 
an Werfel, wenn aud fein Vortrag etwas ruhiger ift als bei diefem &fftatiter 
des religiöfen Gefühle. Das Urmotiw feines Dichtens prägt fih wohl am glüd- 
lichften aus in feinem eigenen Wort: „Das Wörtchen Liebe Tag auf Seinem 
Mund, — Und es bewegte fi das Weltenrund“. — Ein ftarfes lyriſches Talent 
ft Konrad Bänninger. In freien Rhythmen verfündet er religiöfe und philo- 
ſophiſche Spruchweisheit, die dann und mann an die aphoriftiihe Art des Cheru⸗ 
biniſchen Wandersmannes erinnert. 

Hermann Kefsfer hat 23 Zeichnungen Ferdinand Hodlers 
herausgegeben und mit einem geiſtreichen Eſſay eingeleitet, der freilich in ſeiner 
kritilloſen Bewunderung des ſchweizeriſchen Malers über das Biel hinaus— 
ſchießt. — Otto Hinrichſen ſetzt fih im „Umgang mit ſich ſelbſt“ 
ſelbſtverſtändlich als rechter Schweizer mit der Pſychoanalyſe auseinander, bringt 
in zwölf Briefen an eine Freundin viel wertvolle Fingerzeige für die Selbit- 
erfenntnis, indem er alle Schleichtwege der Seele belaufcht, alle Hemmungen auf- 
dedt, hinter die fich das Unterbewußtjein des Menſchen verſchanzt. In leicht 
bingeplaudertem Ton nimmt er Stellung zu allen modernen pſychologiſchen An- 
ihauungen. Das Buch iſt etwas zu breit angelegt, ftörend wirkt die Neigung 
des Berfaifers, eigene Gedichte oder, fagen wir, NReimgefüge in den Zu— 
ſammenhang einzujhmuggeln; fie könnten ohne Schaden ganz gut wegbleiben. 

* 


Und num zum Schluß ein paar verweilende Worte über um — für 
C.F. Ramuz. Pie Schweiz erfennt in ihm eine ihrer ftärkiten ſchöpferiſchen 


— 240 — 


Kräfte und hat ihm erſt kürzlich als Ausdruck ihrer Geſinnung den heimat— 
lichen Schillerpreis verliehen. Die in drei Bänden vorliegende, unter 
Mitwirkung des Dichters ſelbſt beſorgte deutſche Uebertragung von 
Ferdinand Baur erwirbt ſich das Verdienſt, dieſen Dichter zum erſten 
Male auch dem deutſchen Leſer bekannt zu machen. Der Ueberſetzer ſtellt eine 
Einführung voran, die mit verſtändnisvoller Liebe das Bild dieſes waadt— 

ländifhen Künftlers zeichnet. Gleich dem Helden eines feiner früheren Romane 
(fo erfährt man aus diejer Einleitung) hat fih Ramuz in einer offen zutage 
liegenden Entiwidlung aus dem abgeichliffenen  Großitadtleben zu den fern- 
haften Geftalten des tiefen und breiten Vollstums heimgefunden. Er wird in 
erjter Reihe zu einem Bauernjchilderer von padender Wahrhaftigkeit, von einer 
knorrigen Plaftit, deren Weien innigjte Verwardtichaft zeigt mit dem, was 
Ferdinand Hodler mit den Mitteln feiner Kunft zum Ausdrud zu bringen wußte. 

Diefe Sprachwirkung in ihrer granitenen Einfachheit iſt es, was zunächſt auffällt 
und in Baurs ausgezeichneter Uebertragung auch tatfächlich mit rollendeter Fein- 
ipürigfeit nachgeichaffen if. Mit Recht aber betont der Verdeuticher, daß das 
Mejentlichfte an Ramuz der ſeeliſche Gehalt it, für den die fpradhliche Eigen- 
prägung nur die fongeniale äußere Form daritellt. In ven Heinen Novellen 
ſowohl, die den erften Band neben einigen Gedichten füllen, al3 in den beiden 
Romanen „Das Regiment des Böfen“ md „Es gefhehen 

Zeichen“ ift die Quelle der fchöpferiihen Auswirfung ein religiöfes 
Empfinden von leidenfchaftliher Innigkeit. Es ſteht über den feit- 

umzirkten Befenntniijen und vermag darum das fatholifche Wallis in ebenfo 
zwingender Bildhaftigfeit zu verfinnlichen, wie das protejtantiihe Waadtlarw. 
Slauben und Mberglauben, verzüdte Viſion und myſtiſche Inbrunſt find in Farbe 
und Form mit jo drängender Kraft in das Neich heutiger Wirklichkeit hinein- 
gepflanzt, daß man, um beim Malervergleich zu bleiben, über Hodler hinaus an 
die ergreifenden Holzichnittwirfungen der mittelalterlichen Paffionalen denken 
muß. Wie von febit hebt fich, beflügelt vom Inhalt, feine Profa empor zu 
rhythmiſch beſchwingter Sprache; gerade in dieſer Hinficht erweiſt jich ber 
deutſche Vermittler als ein Nachdichter von hohem Rang, der namentlich in 
der Nachſchaffung der Ramuzſchen Landichaftsbilder feinem eigenwilligen Vor— 
bild auch nicht das Geringſte ſchuldig bleibt. Angefichts der itarfen Wirkung, 
die don den drei (übrigens mit erlefenem Geſchmack ausgejtatteten) Bänden 
ausgeht, möchte man hoffen, daß es fi nur um eine erite Abichlagszahlung 
handelt: man wird begierig, auch das übrige ſchon ziemlich umfängliche Lebens» 
wert diejes Welſchſchweizers vor einer weiteren Deffentlichfeit ausgebreitet 

zu fehen. Bernhard Arne 





Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Guftap Manz tn Berlin. 


— — — — — — — — 
Verlag: Deutſcher Verlag, Abteilung Grenzboten, Berlin SW 48, Wilhelmſtraße 8-9 
Fernruf: Nollendorf 4849. 


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Rückſendungen von Manuſkripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rückporto. — Nach⸗ 
drud jämtlicher Aufſätze iſt nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlages geftattet. 


Die Grenzboten 
Politik, Literatur und Kunft 


81. Zahrgang, 24. Juni 1922 
Nummer 24 


Das erſte Geſpräch des Prinzen Wilhelm 
über ein Ende der Kanzlerichaft Bismardıs. 


Bon Baul Haake. 


Noch lebt, 88% Jahre alt, einer der ie din der Getreuen des 
Fürften Biemard, der ehemalige preuif he Finanzminijter Adolf 
von Scholz, der im Sommer 1890 d nad der — = 
Kanzlers wegen eines Augenleideng FEN nen Abſchied nahın. &r ha 
im vergangenen Winter auf Drängen jeines Sohnes feine Erlebnifje ke 
Gejpräche mit Bismard zu Papier gebracht. Das ungemein anziehende 
Buch ijt vor kurzem im  Gottafchen Verlage erichtenen. Eine der 
ificnften Unterredungen, über die es berichtet, it die mit dem Prinzen 
ilhelm über einen Abſchluß der amtlichen Tätigkeit Bismarcks gegen 
Ausgang des Jahres 1887. 

Am 17. Oftober 1887 bejuchte Scholz den Fürjten in Friedrichsruh. Das 
Geſpräch fam auf die Möglichkeit eines baldigen Todes Wilhelms I. und 
und des Kronprinzen. Dan war fich einig, daß der Enkel des Kaiſers, 
der dann zur Regierung berufen fein würde, nicht ohne beite Vorbereitung 
bleiben di e; er müſſe mindeſtens nod durch eine mehrmonatliche Mit- 
arbeit im 'inifterium der auswärtigen Angelegenheiten für dieje und 
dann im Finanzminifterium an der Hand des Etats für das Innere vor- 
bereitet werden. Scholz fagt: „So geſchah's auch, und gegen den Herbit 
des Jahres nahm Bring Wilhelm nach beendeter Mitarbeit im auswärtigen 
— die ihm noch obliegende im Finanzminiſterium auf. Es 

vde ihm da nach den näheren Angaben ſeines Adjutanten ein paſſendes 
Liner eiogerieket und Art und Weife feiner Mitarbeit nach Zeit und 
itteln mit ihm je al vereinbart. Demgemäß kam er in_der Woche mehrere 
Male von Potsdam, wo er noch weiter als aftiver Offizier im Garde- 
hufarenregiment Dienft tat, nad) Berlin und beehrte num das Finanz-— 
minifterrum, teilnehmend an den Sigungen und an Arbeiten einzelner | 
Räte, alles nach forgfältiger Beratung und Vereinbarung, jo daß die 

Aufgabe, wie „mir Fhien, nach beiden Geiten eine lie e und will: 
fommene war.” A 


— 242 — 


Nur ein peinliches Ereignis aus dieſer Zeit iſt Herrn von Scholz im 
Gedächtnis haften geblieben; er berichtet darüber folgendes: 

„An einem — wo der Prinz zu erwarten war, brachte mir 
der jehr ruhige und achtbare Bureauchef mit neuen Eingängen zugleich 
die Meldung, daß ein eben aus der Wilhelmſtraße zurücgefehrter Bote 
ihm berichtet habe, Fürſt Bismard jei gejtorben. Ich erſchrak gar nicht, 
weil ich es gar nicht glaubte, befahl aber doch, daß ein ganz zuverläfliger 
verftändiger Mann hingeſchickt werde, um ganz fihere Auskunft zu erhalten. 

Ehe der Vote zurüdtam, traf der Prinz, von Potsdam zu Pferde 
kommend, ein und hörte natürlich von mir dasjelbe, was ich gehört hatte, 
mit demjelben Unglauben und dem len daß er eben vom 
Potsdamer Tor her an dem Haufe des Neichsbanzlers vorbeigeritten jei 
und niemanden dott jtehen gejehen, geſchweige einen Auflauf getroffen 
babe, der doch gewiß nicht gefehlt hätte, hätte das Gerücht irgendeinen 
Grund gehabt; e3 handle fich alfo wohl nur um eine Dummheit oder 
Böswilligkeit. Soweit waren wir aljo ganz miteinander einverjtanden; 
als ich aber dem Ausdrud meiner Freude hierüber noch einige Worte 
hinzufügte, die zu jagen wären, wenn die Meldung Wahrheit gemejen 
wäre, erwiderte der Prinz, daß er das Ereignis nicht jo ſchlimm beurteilt 
— — würde, wie anſcheinend ich — fein Menſch ſei unerſetzlich, auch 
Fürſt Bismarck nicht; es gebe doch noch andere ausgezeichnete Männer, 
die ihn zu erſetzen wohl imſtande ſein würden, z. B. d. Boetticher. Ich 
gab hierauf Vortrefflichkeit und große Begabung meines lieben Freundes 
und Kollegen dem Prinzen unbedingt zu, verneinte jedoch ebenſo beſtimmt, 
daß er deshalb ſchon mit Bismarck auf eine Stufe zu ſtellen wäre; die 
Aufgaben, die Bismard in ſchweren Zeiten auf fich genommen und glän- 
zend erfüllt habe, wirde Herr dv. Boetticher ſchwerlich auf fich genommen 
und erfüllt haben; Leitung und Ueberwachung des Ganzen, wie der Fürit 
jie mit fiherem Blid und feſter Hand als ein Großer geletjtet habe, wäre 
nicht Boettichers Sache gewejen. „Ja“, antiwortete der Prinz, „das glaube 
ich auch; aber das käme ihm auch gar nicht zu; das ift eben Sache des 
Monarchen”. Sn erjtaunte über diefe von dem jungen Prinzen fo ficher 
und als jelbitverjtändfich geäußerten Worte und beendete das Geſpräch 
mit dem lächelnden Zugejtändnis: „ya, wenn Eure Kgl. Hoheit davon 
ausgehen, dann allerdingg — — —?“ Herr dv. Scholz bemerkt: „Es 
erſchien mir jogleich als ein bedenkliches Omen für die einft kommende 
Zeit” und führt nach einer furzen Gloffierung fort: „Auf das weitere 
Verhältnis des jo liebenswürdigen und reich begabten Prinzen mit mir 
hat dieſes Ereignis zunächjt natürlich nicht den geringjten Einfluß gehabt 
und bat jo Se; auf ein jchönes Diner, zu dem ich am 22. Oftober 1887 
zur Feier des Geburtstages Ihrer Kgl. Hoheit der Frau Prinzeffin 

ilhelm nach dem Marmorpalais in Potsdam geladen wurde, feinen 
Schatten geworfen.” Darnach müßte alfo das „peinliche” Ereignis zwifchen 
dem 17. und dem 22. Oktober ftattgefunden haben; denn am 17. d. M. 
hatte Scholz mit Bismard über die Einführung des mutmaßlichen Thron— 
erben in die Negierungsgefchäfte gejprochen. 

Wem fteigen da nicht von vornherein ftarfe Bedenken auf? Eine 
mehemonatliche Bejchäftigung im Minifternun der ausmwärtinen An— 
aelegenheiten follte vorangehen, dann erſt die Einführung in den Etat 
folgen, und jchon fünf Tage nach dem Gejpräc in Friedrichsruh ſoll der 


243 — — 


Miniſter v. Scholz Gaſt des Prinzen Wilhelm geweſen ſein und nut ihm 
inzwiſchen eine peinliche Unterhaltung gehabt haben während jeiner Mit- 
arbeit im Finanzminifterium? Das ijt unmöglich. Hier muß das 
Gedächtnis der 88 Jahre alten Exzellenz verjagt haben. Tas Gerücht von 
Bismards Ableben, das den Anlaß zu dem Geſpräch mit dem Prinzen 
gab, muß in eine fpätere Zeit fallen. Nun find 1920 aus den Tage- 
biichern des am 10. Septenrber 1914 gejtorbenen preußifchen Landwirt: 
khaftäminifters Freiherrn Lucius v. Bollhaufen „Bismard-Erinnerungen“ 
znjammengejtellt und veröffentlich worden; in ihren heißt es zum 
31. Dezeniber 1887: „Prinz Wilhelm hat gegen Finanzmintfter Scholz 
geäußert: den Fürjten Bismard brauche man natürlich noch einige Yahre 
jehr dringend, ſpäter würden jeine Funktionen geteilt twerden, und der 
Monarch) felbjt müffe mehr davon übernehmen, worauf Scholz erwiderte: 
man werde den Fürften noch recht lange brauchen und ihm nie ganz 
erjeßen können.“ 

Sat dieje Unterredimg erſt anı 30. oder 31. Dezember ftattgefunden 
oder ſchon etwas früher? Können fich die Angaben der beiden Minijter 
auf ein und dasjelbe Geſpräch des Herrn dv. Scholz mit dem Prinzen 
Wilhelm beziehen oder auf zwei ähnlichen Charakters? Das erjtere ijt 
doch wohl das Wahrfcheinlichere, Mit der Ausarbeitung einer Broſchüre 
„Bismards Sturz“ beichäftiat, fragte ich raſch entichloffen bei Exzellenz 
. Scholz; an; die vom 24. Mat 1922 datierte Antwort lautete: „Euer 
Hochwohlgeboren bedauere ich die im Briefe dom 22. d. M. geäußerten 
Wünſche nicht erfüllen iu föonnen. Don meinen Büchern und Alten 
entfernt, wäre ich natürlich ganz außerjtande, jolchen Fineſſen, wie die 
Ihnen erwünfchten, nachzugehen; aber auch mit jenen witrde ich fchiverlich 
das jagen fünnen, was Sie lejen wollen. Nur das kann ich aus meinem 
elten Gedächtnis heraus Ihnen jchreiben, daß die in bezug genommenen 
Lucius'ſchen Mitteilungen über meine Unterhaltungen mit dem Prinzen 
nicht von mir herrühren und meines Erinnerns auch nicht zutreffend 
waren; zu ivgend einer Polemik darüber hätte ich und habe ich Feine 
Luft. In der Hoffmung, daß Sie meine furze Ansvort mir nicht übel 
nehmen werden, grüße ich Euer Hochwohlgeboren ergebenfter dv. Scholz.” 

Seine Erzellenz verjagte, — jo mußte ich andere Wege einfchlagen, um 
mehr Klarheit zu gewinnen. Zunächſt ging ich ins Finanzminiſterium. 
Herr Bureaudireftor Geheimrat Söhnel hatte die Güte, die Akten über 
die Tätigkeit des Prinzen Wilhelm DENE im Jahre 1887 herausfuchen 
iu faffen. Aus ihnen geht hervor, daß Kaiſer Wilhelm I. am 21. November 
en Arbeitsplan für die Befchäftigung feines Enkels im Finanzminifterium 
gebilligt und genehmigt hat. Drei Tage fpäter fragte dann Herr v. Scholz 
beim Prinzen Wilhelm an, wann man ihn zum erſten Male im Minifte- 
rium zu erivarten habe, Am 25. November hat der Thronerbe fich darüber 
geäußert. Die „Voſſiſche Zeitung” ſchrieb am 26. November in ihrer 
Abendausgabe: „Brinz Wilhelm ftattete gejtern im Auswärtigen Amte und 
fpäter Pen noch im Finanzminifterium längere Befuche ab, geleitete gegen 
6 Uhr die Prinzeffin von Holjtein, Schweiter feiner Gemahlin, nach dent 
Anbaltifhen Bahnhof und fehrte hierauf wieder nach Potsdam zurüd. 

Der 26. November war ein Sonnabend; vor dem 28. wird der Prinz 
im Finanzminifterium gewiß nicht zu arbeiten begonnen haben; die „pein— 
liche” Unterredung hat och fpäter ftattgefunden. Ich fah nun die „Voſſiſche 


— 244 — 


Zeitung“ daraufhin durch; in ihr ift in der Morgenausgabe des 29. No— 
vember zu leſen: „Gerüchte über einen ungünftigen Gefundbeitszuftand 
des Fürſten Bismard, die gejtern verbreitet waren, entbehren, wie offizios 
mitgeteilt wird, jeder Begründung“, aber exit die Abendnummer des 
30. November vermerkt: „Prinz Wilhelm vermweilte geftern längere Zeit 
im Finanzminijterium”; alfo an diefem Tage hat er, iwie e3 fcheint, feine 
Tätigkeit dort aufgenommen. Am Abend des 12, Dezember 1887, eines 
Montags, ſchrieb die „Vofjifche Zeitung”: „Nach zuverläffigen Nachrichten“ 
— fo meldet das WTB, vom ee „wurde der Reichskanzler gejtern 
von einem Unwohlſein befallen. asjelbe iſt zwar nad furzer Zeit 
ehoben, doch ift nach Anordnung des Arztes Ruhe und tunlichite Ent- 

tung von den Gejchäften geboten.” .. „Wenn ein biefiges Blatt das 
am Sonnabend eingetretene Unmohlfein al3 einen leichten Schlaganfall 
bezeichnet, fo fehlt es dafür noch an andermweitiger Beltätigung. Bei 
Schluß der Redaktion meldet uns ein Drahtbericht des WIB. aus Ham- 
burg: „Das bereitö gehobene Unwohlſein des Neichsfanzlers bejtand in 
Darmkolik; es bedarf nur noch der Diat und der Ruhe.“ Die Abend- 
ausgabe des 13. Dezember berichtete: „Alle Nachrichten aus Friedrichsruh 
lauten übereinftimmend dahin, daß der fürperliche Unfall, der den Reichs» 
fanzler am Sonnabend (10. Dezember) betroffen, überwunden ift. Aller- 
dings foll das Unmohlfein neben folifartigen Erſcheinungen nad einer 
direften Nachricht des „Hamburger Storrefpondenten” auch in einem 
Schwindelanfall bejtanden haben, doch machte der Reichsfanzler am Nach— 
mittag desfelben Tages ſchon wieder einen Spaziergang im Park.” Weitere 
Nachrichten über ein Unmwohlfein des Fürften Habe ich für den Dezember 
1887 nicht gefunden; es iſt alfo wohl jo gut wie ficher, daß die Darmkolik 
am 10. Dezember den Anlaß zu dem in Berlin umlaufenden Gerücht von 
feinem Ableben und zu dem „peinlichen“ Gefpräch gegeben hat, das Ex— 
zellen; v. Scholz; uns kürzlich mitteilte Es ijt ferner fehr wahrfcheinlich, 
daß Lucius v. Ballhaujen diefes meinte, als er am 31. Dezember die an- 
geführte Notiz in fein Tagebuch eintrug; damit läßt ſich die briefliche Aeuße— 
rung des Herrn Minifters a. D. v. Scholz fehr wohl vereinigen, „daß die 
in bezug genommenen Zuciusfchen Mitteilungen über meine Unterhaltungen 
mit dem Prinzen nicht von mir herrührten und meines Erinnerns aud) 
nicht zutreffend waren.“ 


Iſt dieſe Feſtſtellung nun nicht recht belanglos? Doch wohl nicht 
an 


In meiner ſoeben im Weidmannſchen Verlage erſchienenen Schrift 
„Bismarcks Sturz“ glaube ich auf Grund der großen Aktenpublikation 
des Auswärtigen Amtes den Beweis geführt zu haben, daß es im 
Dezember 1887 nicht nur wegen der Teilnahme des Prinzen Wilhelm an 
der Walderſee⸗StöckerVerſammlung, ſondern auch wegen der öfter 
reichiſch⸗ruſſiſchen Kriegsgefahr zu einer ſtarken ——— wwiſchen 
dem Thronfolger und dem Kanzler gekommen it. Prinz Wilbelm iſt 
m. E. mit jeiner Forderung des Präventivfrieges fachlich nicht im Recht 
gemwejen, aber er glaubte es doch wenigitens zu fein, und feine Aeußerungen 
zum Mintjter v. Scholz find dann, am 10. Dezember, eher zu verſtehen, 
wenn auch nicht zu billigen. Fielen fie jedoch fchon im Oftober, fo ließen 
fie fi aus fachlichen Erwägungen heraus nicht herleiten; dann mußten 
fie fchlechthin der Ausdrud des pevjönlichen Wunfches fein, ſelbſt das 


2 — 


Steuer ir ergreifen; dann läge Har am Tage: Prinz Wilhelm wollte 
Bismard bejeitigen, um allein zu entfcheiden. So deutet FR Herr v. Scholz; 
er ſchreibt; „Die Zeit hat das doch wohl als richtig erwieſen, was ich 
gefürchtet habe jeit Jenem Tage, ſeit jenem Geſpräch! Es war mir auch 
nicht zweifelhaft, daß der Prinz in dieſer Richtung bereits EN beein- 
flußt war; von wen? Auch das erſchien mir nicht jehr zweife an — 
= nz gewiß nicht von feinem Großvater! Der war und blieb bis 
ne che ein treuer deutſcher Herr jeines treuen deutſchen Dieners! Wie 

* auch manchmal miteinander kämpfen mußten um Bee A 
Meinungen — nie aus Ehrgeiz!“ Exzellenz dv. Scho Q niet hier wa) 
icheinlich auf den unheilvollen Einfluß des Grafen Walderjee auf den 
Prinzen an; es tft nicht. ausgejchlofien, dak Walderjee ihn jchon vor dem 
Dezember 1887 gegen den Stanzler —— und ihm geſagt hat, 
mit einem Bismarck an der Seite wäre Friedrich der Große niemals 
— der Große geworden, — „das Perſönliche hat“, wie Geheimrat 

arcks es einmal ausdrückte, „möglicherweiſe überhaupt den Ausgangs- 
punkt, ſicher den Endpunkt der Kriſe gebildet“ —, aber den Beweis, daß 
Prinz Wilhelm den Schöpfer des Deutſchen Reiches nur aus perfönlichem 
Ehrgeiz bejeitigen wollte, hat Exzellenz v. Scholz; noch nicht erbringen 
fünnen, denn Die peinlichen ——— wurden in einer Zeit getan, 
als Prinz Wilhelm neben Oeſterreich auch das Deutſche Rei durch die 
ruſſiſchea Rüftungen aufs ſchwerſte gefährdet glaubte. Daß ein Bungee 
der Beweis einmal erbracht werden wird, liegt m. G. nicht außer 
Bereich der Möglichkeit; von der im Herbit zu erwartenden Publikation 
des Nachlafjes des Grafen Walderfee werden wir ihn freilich wohl kaum 
erhoffen dürfen. 


E. T. A. Hoffmann als Kammergeridhtsrat.”) 
Zum 100. Todestage. 
Bon Dr. U, Petzold. 


Ernjt Theodor Wilhelm (Amadeus) Hoffmann wurde am 24. Januar 
1776 in Königsberg geboren. Aus einer Juriſtenfamilie jtanımend, 
jtudierte er dort feit 1792 die Rechte und wurde im Jahre 1795 Aus- 
fultator. Im folgenden Jahre, nach dem Tode feiner Mutter, ging er nad) 
Slogau zu feinen Onkel Dörffer. Als diefer 1798 als Obertribunalsrat 
nad Berlin verjegt wurde, folgte er ihm, Im Juni 1798 trat er als 
Sammergerichtsreferendar in den VBorbereitungsdienit. Durch feinen 
Jugendfreund, den jpäter durch den Aufruf „An Mein Volk“ bekannt ge- 

wordenen Theodor v. Sippel wurde er dem damaligen Chefpräfidenten 
Frhrn. v. Echleinig, dem Onfel v. Hippels, bejtens empfohlen. Für die 
geiltvollen Präfidenten Schleinig und Kircheifen zeigte er begeijtertes Ver— 


*) Unter Benugung von Holge, Gejhichte de3 Kammergerichts, und Alten 
des Geh. Staatsarhivs in Berlin, insbejondere Rep. 77, XVII Gen. Bd. I 
und 11. 


— 


— Dieſem, dem ſpäteren Juſtizminiſter, der die Vorbereitung der 
eferendare zu leiten hatte, machte er ſich durch ſeinen Fleiß — er be— 
ſchwerte ſich einmal über zu wenig Arbeit — und durch die ihm eigentüm— 
liche ſcharfe Auffafjungsgabe angenehm bemerkbar. Im März 1800 beitand 
er die große Staatsprüfung mit Auszeichnung. Als Affeifor mit vollem 
Stimmrecht fam er an die Regierung in Poſen. Ueber feine weitere Tätig- 
keit hiex, in Plod und Warſchau und über fein abenteuerliches Leben als 
Muſiker, Kapellmeifter, Iheaterdireftor, Krititer, Maler uſw. in Bamberg, 
Leipzig und Dresden müfjen wir hinweggehen. Trotz aller Erſchwerungen 
des Daſeins war er ein gefeierter, weit befannter Schriftiteller geiworden 
und er jelbft und viele ferner ehemaligen Vorgefegten und Amtsgenojjen 
waren daher der Meinung, daß er für den Juriſtenberuf, dem er jo lange 
‚ entfremdet rar, verdorben fei. Hoffmann hätte deshalb am liebjten einen 
gut bezahlten Ruhepoſten als Regijtrator im Yuftizminifterium gewählt, 
auf eine — ————— an das Kammeergericht rechnete er nicht, da er fürchtete, 
am Oberlandesgericht in Bojen untergebracht zu werden. Am 1. November 
1814 fchrieb er an v. Hippel: „Mein iebhafter Wunſch ift nun zwar, in 
Berlin zu bleiben. das Schidfal eines Kammergerichtsrats tjt indeſſen wohl 
nicht Geneidenswert. Den v. Sircheifen deshalb angehen mag ich nicht, 
denn außerdem, daß er es für eine ganz befondere nur durch ar 
Juſtizbrillantfeuer zu erlangende Auszeichnung hält, bei dem Juſtiz-Garde— 
Normal-Bataillon angejtellt zu werden, jo würde er auch glauben, es jey 
mir nur darum zuſthun, recht fleißig in die Comödie zu gehen ujw. Davon, 
daß dem Freunde der Kunſt, ich kann wohl in gerechtem Bezug auf mic) 
fagen, dem Stünftler, das Leben unter Freunden der Kunft, unter Künjtlern, 
in befonderem Wohlbehagen manches leicht tragen läßt, dent er fonjt unter- 
liegt, davon hat er wohl keine Idee . . .“ Aber der feinfinnige Kircheifen 
hatte doch diefe dee. H. wurde bis zum 1. März; 1816 im Bureau des 
Suftizminifteriums befchäftigt und trat danıt mit feinem früheren Dienft- 
alter als Rat beim Kammergericht ein. 

Das Jahr 1815 bildete einen befonderen Markitein in der Gejchichte 
des Kammergerichts. Diefes war bis dahin immer ein Vorkämpfer fir 
den Rechtsſtaat, inden es oft genug gegen Polizeiwilllür den NRechtsitand- 
punkt ohne Scheu vertrat. Don allen Obergerichten verfocht es am 
fräftigiten die Nechte der von der Polizei Berfolgten und die Nechts- 
bejtändigfeit feiner Urteile, unbefiimmert um die mit dieſem Kampfe ver- 
bundene Gefahr. Es fämpfte für die Grundfäge über die periönliche Frei- 
beit ſchon lange vor ihrer verfaffungsmäßigen Feſtlegung. Es trat dafür 
ein, daß ein richterlicher Beamter nicht ohne Urteil entlaffen werden dürfe, 
im Gegenlage zu der Negierung, die in den Kammergerichtsräten lediglich 
Diener des jeweiligen Monarchen fah, die diefer ebenfo, wie Kammerherren, 
Leibärzte uſw. belichig entlafjen könne, eine Auffaffung, welche auch in der 
durch Reglement vom 22 Februar 1804 angeordneten Ziviluniform fir 
die fönialihen Beamten zum Ausdrudf kam, die übrigens 9. mit Vorliebe 
getragen und in der er wie ein italienifcher Oberſt ausgejehen haben foll. 

Eine ergentliche Strafgerichtsbarkeit hatte das Kammergericht als folches 
bis ın das 18. Jahrhundert nie gehabt. Erſt um das fahr 1740 herum, 
infolge der Verfchmelzung des Kriegs-, Hof- und Kriminalgerichts mit dem 
Kammergericht erhielt es eine ihm bis dabin fat völlig fremde, feiner ges 
ſchichtlichen Entwickelung widerfprechende Tätigkeit; es wurde ein dritter 


— 217 — 


Senat für Straffachen eingerichtet, deſſen Zuſtändigkeit aber nicht weiter 
ging als die eines Untergerichts. Im Jahre 1815 wurde das Kammer: 
gericht Obergericht für Berlin und den Regierungsbezirt Potsdam. Auf 
Grund der beiden Kabinettsbefehle vom 17. und 30. September 1819 wurde 
ein Unterfuchungsgericht begründet für alle Untertanen, gegen die der Ver- 
dacht entitanden war, daß fie jich der Teilnahme an hochverräterifchen Um— 
trieben ſchuldig gemacht hätten, und zwar für den ganzen preußifchen 
Staat. Das war die Immediat-Unterſuchungs-Kommiſſion zu Berlin. 
Prajident war dv, Trüsjchler, Beifiger waren die Slammergerichtsräte 
Sydow und Hoffmann, die Kammergerichtsaſſeſſoren v. Gerlach und Kuhl- 
meyer, der Regierungsrat Tſchoppe und der Polizeirat Kayſer. Ihre vor— 
geſetzte Behörde war die bekannte Miniſterial-Kommiſſion. Die Immediat— 
Unterſuchungs-Kommiſſion bildete nach dem Austritte der beiden letzten 
Mitglieder eine rein richterliche Behörde. Während die Stellung des 
Kammergerichts in Zivilſachen immer unbedeutender geworden war, da die 
Ausbildung des Rechts dem Obertribunal oblag, hatte fie ſich in Straf— 
ſachen immer mehr erhöht. Der Siriminalfenat hatte Gutachten zu erjtatten, 
ob ein fönigliches Bejtätigungsrecht neben Urteilen von Gejchworenen (in 
der Rheinprovinz) bejtehen fünne, und fte bezogen fich auf den ganzen Staat. 
Eine geiteigerte politifche Bedeutung gewannen diefe Gutachten, als infolge 
des Wartburgfeites und der Ermordung Kogebues duch Sand die Dema- 
gogenverfolgungen begannen. 

Hoffmann war in Strafjachen tätig und gehörte im legten Jahre 
tsr feinem Tode dem Ober-Appellationsjenate an. Er bat in dieſer 
Tätigkeit voll feine Pflicht getan. Leider ift das meijte von dem, was 
er in diefer Stellung geleiftet hat, bei der Vernichtung der Akten verloren 
gegangen. Immerhin fönnen wir und aus Briefen, Berichten und 
Vermerken (in den Akten des Geh. Staatsarchivs) ein Bild von ihm 
als Richter machen. Trützſchler v. Falfenftein, der Präfident des In— 
Itruftionsienats, hatte ein fcharfes Auge auf den immerhin eigenartigen 
Kammergerichtsrat, der es liebte, in den Eitungen, hinter Aktenbergen 
verjtedt, Bilder in die Alten zu malen, namentlich fraßige Teufelchen, 
aus Tintenfäffern hervorkriechend. Er ähnelte ınfofern dem fpäteren 
Kammergerichtsrat Wichert, der aber frei und offen, zur jchärferen 
Sammlung jeiner Gedanken auf den für Vermerke zur Berfilaung 
gejtellten Bogen italieniihe Landichaften von entzüdender Schönheit 
zeichnete. Trotz alledem gab ex jich feine Blöße, ja er war bald imftande, 
den Vorſitz zu übernehmen, al3 zufällig die älteren Amtsgenofjen erkrankt 
oder beurlaubt waren. Eifriger Fleiß, Gemwiffenhaftigkeit und ein warmes 
Herz zeichneten ihn aus. In Hoffmann ift der Ai von dem Menſchen 
und Fichter nicht zu trennen. Wunderbar war es, wie er ſich nach der 
langen Baufe wieder einarbeitete. Cein Erleben fam ihm in jeiner 
jtrafrichterlichen Tätiafeit zugute, für die er wie gefchaffen war. Er war 
nicht bioß ein tichtiger, jondern ein bedeutender Juriſt. Jener mag 
ledialih mit Scharfiinn auskommen, zu dieſem aehört aber die perfönliche 
tote, das Eigenweſen, das in Hoffmann jo lebhaft anklang. Ein Juriſt, 
der nicht mehr iſt denn bloß ein Juriſt, ift ein arm Dina. in großer 
Juriſt ift nur, wer als feiner Kenner und Sünder der menichlichen Seele 
mit dem gejamten Geiltesleben der Mitwelt Fühlung zu halten geeignet 
tft. Das war bei Hofmann der Fall. Er verjtand es, den Beichuldigten 


— 248 — 


volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, unbetümmert darum, ob dies 
den mächtigen Berfolgern, dem Fürſten Wittgenjtein, dem auf dem Wart- 
burgfeſte mitgenonmenen Geheimen Rate v. Kamptz und ihren berüch- 
tigten Einbläjern Tzichoppe, Janke und noch minderwertigeren, angenehm 
war oder nicht. 

Unter den nach jenem Feſte am meiſten Verdächtigen befand fich auch 
der QTurnvater Jahn. Am 14. Juli 1819 wurde er wegen Hochverrats 
verhaftet. Das Fehlen greifbarer Tatjachen bewirkte endlojfe Unter- 
Juchungen und die Verdächtigen jagen in Unterjuchungshaft, bis man die 
fehlende Straftat finden jolltee Da erhob das Stammıergericht feine 
Stimme. €E3 erfannte jehr wohl, wie e3 um die angebliche Verſchwörung 
bejtellt war, daß weder die Burſchenſchaft noch die Turner eine gefähr- 
liche Bedeutung hätten, forderte vom Juſtizminiſter die weitere Gnter- 
ſuchung und verlanate auf den Beſcheid, die Sache fei noch nicht zur 
tichterlichen- Unterfuchung gediehen, daß Jahn in diefem Falle nicht wie 
ein Verbrecher in eine Feſtung geiperrt werde, daß aber, wenn mehr 
ermittelt jei, ihm die weitere Unterfuchung zugewiefen werde, mwidrigen- 
falls es ich mit einer Beſchwerde an den König wenden werde. Auf diejes 
Schriftſtück ſchrieb Kampg mit Rotftift: „franz. Barlament!!” Der König 
gab dem Kammergericht fein Mißfallen darüber zu ertennen, daß es fich 
bei der Belehrung des Juftizminifters, wonach es fich fernerhin in den 
ihm gezogenen Grenzen zu halten, nicht beruhigt habe. Hoffmann führte 
die Unterfuhung gegen Jahn. Der nad) umfangreicher Beweiserhebung 
erjtattete Bericht der Stommmiffion ftammte aus feiner Feder. Bei ftrengjter 
Sadhlichkeit ließ er doch die feine Ironie des geiftvollen Dichters überall 
durchbliden. Er ſchloß mit dem Antrage, Jahn, gegen den gar nichts 
eriviefen ei, aus dem Gefängnis (der Hauspogfei) zu entlaffen. Hoffmann 
hatte nichts für die PVerjönlichfeit Jahns übrig. hm, dem vornehmen 
Kammergerichtsrat, war Jahn eine fomifche und unverjtandene Er— 
icheinung, wie er überhaupt gegen Turnerei, altdeutiche Tracht und dergl. 
eine Abneigung zeigte, ihm lag Jahns „Bierrednerei” nicht, er wollte 
ihm aber doch „das allgemeine Necht auf Gejchmadlofigfeit“ nicht ver- 
fiimmern. Er verband mit nationalem Empfinden und einer großen 
Abneigung gegen umjtürzlerifche Wirrköpfe die völlige Beobachtung des 
Sefeges mit dem tiefiten Gehorfam gegen den Geilt des Rechts. Am 
15. Juli war auf dv. Kamptzens PVeranlaffung in den Berliner Zeitungen 
die Mitteilung erjchtenen, daß Kahn verhaftet worden fei, weil die bei 
ihm befchlagnahmten Papiere ergeben hätten, daß er hochverräterifche 
Handlungen begonnen, namentlich den Meuchelmord von Staatsbeamten 
vorbereitet habe. Wegen Ddiejer - Veröffentlichung verlangte Jahn 
v. Kamptzens Beitrafung. Die Unterfuhung wurde auf Hoffmanns 
Vortrag auch eingeleitet, auf Anordnung des Juſtizminiſters dv. Kirch— 
eiien aber eingeftellt. Kahn wurde übrigens exit auf einen unmittelbar 
an den König gerichteten Antrag entlaffen. 

Hoffmann führte auch die Unterfuchung gegen den Dr. Ludwig 
Rödiger und andere, namentlich aber genen den wegen Teilnahme an 
verbotenen Verbindungen verbafteten rheiniſchen Juriſten v. Mühlenfels, 
den Vater des am 17. Juli 1918 im Alter von 74 Jahren verſtorbenen, 
um die Pilege, Fortbildung und Reinigung der deutichen Sprache hoch— 
verdienten E jenbakntireltionspräfidenten Otto v. Mühlenfels in Berlin. 


2:20, = 


In je IS Briefen ließ er fi) oft von der tiefen Erbitterung hinreißen. 
die ſein unglückliches Schickſal nur zu verzeihlich machte. H. hatte die 
Briefe zun Zeichen der Zuläſſigkeit ihrer Weiterbeförderung mit ſeinem 
Sichtvermerk zu verjehen und zeigte auch dabei die Großzügigfeit des feinen 
Ceelenfenners. 9. war auch der Verfaſſer der Beichlüfje, durch die die 
Ammediat-Unteriuhungs-Kommtifjion gegen v. Miühlenfels, Rödiger, 
dorf Follenius u. a. auf Kriminalunterjuchung erkannt hatte, und 
Schuckmann jagte von diefen Beſchlüſſen, fie dürften es nicht fcheuen, 
der Welt im Drud vorgelegt zu werden, und man jehe es ihnen an, daß 
ihr Verfaffer geübt jet, mit dem Rublifum zu jprechen. Auf die Reibereien 
mit der Ymmediat-Unterfuchungs- -Kommilli ſion infolge dieſer Beſchlüſſe 
und die Standhaftigkeit der Mitglieder kann hier a meiter eingegangen 
werden. 9. vertrat dabei die Anficht, dak im Volke Sinn für die zu 
erhaltende Ordnung herrjche, der Seift fi) aber nicht unterdrüden lafle, 
fondern wie eine gewaltſam zufammengedrüdte Spiralfeder bald mit 
neuer Kraft emporfpringe. 

Leider verntochte es 9. nicht über fich, die ganze Fülle des Komifchen, 
die mit dem Tragiichen jener Demagogenprozeffe untrennbar verbunden 
war, in den Aften begraben fein zu laffen. Keck und munter ver- 
Äpottete er im „Kater Murr“ das Iuftige jtudentiiche Treiben, das nun 
auf einmal als Qetätigung demofratiihen Umſturzgelüſtes angegriffen 
wurde. Als aber die feine Ironie nicht verſtanden wurde, glaubte er deut- 
licher werden zu müffen. Schon im Herbit 1821 wußte man in Berlin, 
daß er einen vernichtenden Schlag gegen die „Demagogen:Riecher” führen 
werde. Er tat das auch, indem er ganz grundlos und durch die Fabel 
feiner Erzählung gar nicht dazu Brake bt in das harmloſe Blumenmärchen 
„Meifter Floh“ manches einflocht, was ihm aus dem Verfahren gegen 
Mühlenfels befannt geworden war und namentlich Herrn dv. Kamptz unter 
der Masfe eines Geheimen Hofrats Knarrpanti als ftreberiichen, gewiffen- 
Iojen und zugleich bejchräntten Verfolger nanz unjchuldiger Perſonen zeich- 
nete, der dem Angefchuldigten Thyß (Mühlenfels) gegenüber den fürzeren 
zieht und fich To verächtlich macht, daß „die Leute fich, wenn er vorüber— 
gegangen, die Naje zugehalten“. Knarrpanti teilt dem Unterſuchungs— 
richter mit, daß e3 feiner Schlauheit gelungen fei, den Entführer der Prin— 
zeſſin zu ermitteln. Auf die Entgegnung des Unterjuhungsrichters, da 
überhaupt niemand entführt worden jei, von der Ermitteluna eines Ent- 
führers alſo gar nicht die Rede fein fünne, und daß doch eine Tat be- 
sangen jein müffe, wenn es einen Täter geben folle, erwidert er, wenn 
erit der Verbrecher ausgemittelt jet, finde jich das begangene Verbrechen 
von jelbit; nur eim oberflächlicher, leichtſinniger Richter fei, wenn auch 
felbit die Hauptanklage wegen der BVerftodtheit des Angeklagten nicht feit- 
BLEE, nicht imjtande, dies und das hineinzuinguirieren, welches dem 
Ingeflagten doch irgend einen Heinen Makel anhänge und die Haft recht- 
fertige. — Die Knarrpanti-Stücke fehlen in allen Gefamtausgaben vor 
1908, finden fich dagegen in der Ausgabe von Georg Ellinger, 10. Teil, 
Seite 190 (1913). — Mochte bier auch manches unmittelbar zum Spott 
herausfordern, jo war e3 doch eine ſchwere Entaleifung, wenn 9. dieie in 
den Aften verborgenen Lächerlichkeiten an das Tageslicht zerrte und den 
bochitehenden Beamten lächerlich machen wollte. Diefer wehrte fich fräftig 
jeiner Haut, die Erzählung wurde in Frankfurt a. M. beichlagnahmt, die 


— 230 — 


Knarrpanti-Stüde mußten geſtrichen werden und das Diſziplinarverfahren 
wurde gegen den hier einmal völlig enngleijten Dichter und Richter ein— 
geleitet, nachdem ex furz vorher in den Ober-Arpellationsjenat befördert 
und damit einer Tätigkeit in den Demagogenprozeffen entzogen war. Straf- 
vechtlich ging man nicht gegen ihn vor, weil man wohl das Kammergericht 
nicht für „zuverläflig“ hielt. Abgejehen hiervon war jeine amtliche Tätig- 
feit einwandfrei, Wenn das Kammergericht damals im politifchen Leben 
eine Haltung bewahrte, die ihm die wärmfte Zuneigung eintruwg, und 
wenn damals Leute aller Parteien die feljenfejte Haltung des Kammer— 
gericht3 mit dem Ausdrud: „ES gibt noch Richter in Berlin” rühmten, 
io hatte der Gerichtshof einen Teil dieſer Anerkennung nicht nur dem 
Richter, jondern auch dem Dichter Hoffmann zu danken. 

E3 war eine gütige Fügung des Schidjals, daß fein Tod eine Be— 
ftrafung des Unglüdlichen vereitelte, wenn auch zu erwarten ftand, daß 
die Sache mit einem Verweiſe, der leichtejten Strafart, geendigt haben 
würde. MWohltuend berührt es, wenn mir jehen, wie jich jeine Vorgejegten 
Kircheiſen und die ihm jtehts wohlvollenden Präjidenten Woldermant 
und v. Trüsjchler, neben andern freunden treu bemühten, eine harm- 
loſere Auffafjung des Geichehenen herbeizuführen, und der völlig mittel- 
lojen Witwe ein recht jtattliches (damal3 nur als Gnade gewährtes) 
Witwengeld verichafiten, das fie in Höhe von 200 Thalern bis zu ihrem 
Tode bezog. 

Am 25. Juni 1822 iſt er geitorben. Seine fterblichen Ueberreſte ruhen 
auf dem Kirchhofe vor dem Hallefhen Tore. Amtsgenofien und vericie- 
dene Freunde ehrten jein Andenfen durch einen jchönen Dentitein, der ihn 
als Richter, Tichter, Tonfünftler und Maler preift. Eine Abbildung 
bringt der verdienjtwolle Hoffmannforicher, Sans v. Miller, in feinem 
Werke „E. T. A. Hoffmann im perjönlichen und jchriftlichen Verkehr“ 
als Titelbild des 3. Heftes von Band 2. Der alte Dentitein iſt leider jeit 
einiger Zeit entfernt und durch eine unichöne Nachahmung erſetzt. 

Drei Männer vom Kammergericht haben im vorigen Jahrhundert 
eine leitende Stellung im literariichen Berlin eingenommen: Wichert, der 
Zuftjpieldichter, ald Borfitender des Vereins „Berliner Prefie” an 
Schlufie, v. Merdel, (den Namen Immermann führend), als Bizepraii- 
dent in dem — neuerdings wieder erwachten — Dichterverein „Tunnel über 
der Spree” in der Mitte und Hoffmann mit feinen Eerapiensbrüdern 
am Anfange des vergangenen Jahrhunderts. - 

Alles das bewahrte auch die Amtsgenofjen vor Engherzigkeit. Tas 
Kammergericht war Gott jei Dank immer literarifch, das Literariſche 
macht frei (Fontane). Ebenjo wurde das Anjehen des Gerichtsjufe weit 
über Deutichlands Grenzen hinaus gehoben, wenn Hoffmann (1816) dem 
berühmteften Dichter Dänemarks, Adam Dehlenichläger, in feinem Haufe, 
von den literarischen Größen Berlins umgeben, bei „berrfihem Kardinal“ 
die „Honneurs“ der Hauptitadt eriwies, wie MWichert ald Vorſitzender des 
Vereins „Berliner Preffe” dem großen Norweger Biörnſon die gleiche 
Ehre erzeigte. 

Das Kammergericht kann ftolz darauf fein, daß c3 tu den verſchie— 
denjten Zeiten führende Geijter auf dem Georen der Kunft und Wıffen- 
ſchaft zu jeinen Mitgliedern zählen dürfte. Di: Mitgfieser des Stammer- 
gerichts haben es verjtanden, einen mit ihrer Stellung von jeher ver— 


— Bl — 


buntenen Ruhm durch wertvolle Leijtungen auj vifjenichaftlichen Gebiete 
zu erbalten und zu erhöhen. Von denen, die ſich im neuen Jahrhundert 
austezeichnet haben, darf ein Dann nicht unerwähnt bleiben: Dr. Friedrich 
Hulge, der Gejchichtsichreiber des KHanımrgeriarns. 

Mögen die guten Geifter und insbefondere der Geiſt Hoffmanns das 
Kamnnergericht nie verlafjen! Die alte Ueberlieferung leo: im Kammer— 
gericht ungejchmälert fort, anerfannt und getragen duch das Bewußtſein 
aller ieiner Mitglieder, in treueſte Pflichterfüllung, wie die Vorfahren, die 
höchſte Ehre zu jegen und fich bei den Gerichtseingefeffenen das feljen- 
fejte Vertrauen auf die unerjchütterliche Gerechtigteitsiiebe zu bewahren. 
Und jo möge es bleiben immmerdar! 


Die beiden Amerikas. 


Boneinem Auslandsdeutihen. 


Der Deutfche macht hier in Brafilien, wie in ganz Südamerika, die 
erfreuliche Erfahrung, daß das Lügengewebe, mit dem die Entente feit 
1914 der Welt den Dlid auf Deutjchland verhangen und das Erkennen 
deutschen Wejens und deutjcher Verhältniffe erſchwert oder gar unmöglich 
gemacht hat, im Laufe der legten zwei “Jahre gründlich zerjtört worden 
iſt und da, wo etwa noch Reſte davon vorhanden find, durchichaut zu 
werden beginnt. Es ijt eine deutjchfreundliche Literatur entitanden, die 
fih Beachtung erzwingt. Das im Jahre 1917 erjchienene, damals nur 
von deutjch-brafiltanifchen Streifen beachtete ausgezeichnete Werk von 
Dunſhee de Abrandes „A Illusae Brasileira” findet jegt aufmerffame 
Lefer auch unter ententiſtiſch gerichteten Lujobrajilianern, die das wahre 
Geficht des Krieges zu erfennen und den Dingen auf den Grund zu gehen 
ſuchen; ein anderes jehr beachtenswertes Buch „A Allemanha Saqueada” 
(Das geplünderte Deutſchland) von Marie Pinto Serva, das mit dem 
Berjailler Frieden energiſch ins Gericht geht, fonnte jegt in Sao Paulo 
in zweiter Auflage eriheinen. Der jehr tüchtige und gründliche junge 
Journaliſt Aſſis Chateaubriand tritt in dem angefehenen Tageblatt 
„Correio da Manha“ in Rio allwöchentlih in gejchidter und wirkungs— 
voller Weife für die deutiche Sache ein und dedt gejchidt die Zuſammen— 
hänge zwijchen den deutjchen und brafilianifchen Intereſſen auf. Auch 
Zeitungsorgane, die früher ausgefprochen deutjchfeindlich waren, haben 
umgelernt. Der „Eorreio de Pove“ in Porto Alegre, das nrößte Blatt 
Sidbrajiliens, das im Striege an der von der Negierung begünjtigten 
oder zum mindeſten geduldeten Deutfchenhege führend beteiligt war, 
nn” erfreulicher Weife bei der Ankunft des erſten deutichen Berufs» 
iplomaten in Südbrafilien zu deifen Empfang einen Redakteur, der 
ihn intervierete und die Erklärung abgab, daß fein Blatt ſich in Zukunft 
aufs tatfräftigite der deutjchen Intereſſen in Rio Grande do Eul und 
Brafilien annehmen werde. Infolgedeſſen erlebt man jegt bei dieſem 
übrigens gut und großzügig geleiteten Blatte das Schaufpiel, daß feine 
redaktionellen Artikel deutichfreundlich gehalten find, feine Telegramm- 
Spalten aber, wie die aller jüdamerifanischen Blätter, die ja auf Die 


Berichterftattung der Agenturen der Ententeländer angeiwiefen find, nod) 
durchaus Havas- und Affociated Preß-Prägung tragen. Für den Ton, 
in dem die eigenen Artifel diefes noch vor zwei Jahren, wie gejagt, be— 
fonders deutfchfeindlichen Blattes jegt aehalten find, mönen die folgenden 
Bine ein Betipiel bilden, die ich verfchiedenen Nummern entnehme. Sehr 
äufig ergibt ich bei Beiprechungen der europäiſchen Wirtjchaftslage die 
Gelegenheit zu einer Kennzeichnung des deutfchen Volkes, und da lieft man 
dann, daß wir „eine Nation von ungeheurer Aktivität und Intelligen 
feien, die vor allem über eine ftaunenswerte Energie verfüge”, oder 9 
wir „das geildetſte, — und praktiſchſte Volk der Erde“ ſeien. Von 
dem alten Deutſchland las ich aus der Feder eines geſchätzten Schrift— 
ftellers, e8 habe zwar nach Stärke gejtrebt, aber feine Stärke nie zum 
Nachteil der Heinen Völfer angewendet; damit fontraftieve aufs fchärfite 
das jegige Verhalten der Entente Deutichland genenüber, das mit harten 
Worten gegeißelt wird. Weber die deutjche Diplomatie fällt derjelbe 
Autor ein Urteil, Hinter das man vermutlich in Deutfchland ſelbſt ein 
großes Fragezeichen fegen wird: fie fei „wohl die gejchietefte auf der 
ganzen Tech“, Worte von fehr weitgehender Deutfchfreundlichkeit fand 
ih such im „Kodak' ter derdreitetſten Zeitſchrift des Südens. In einem 
einen Artılel zar Begrüßung des erſten deutichen Konfuls nach dent 
Kriege wurden de bie Enientemaknahmen gegen Deutfchland als „Aus- 
fräfe einer Unterdrückungas- und Boerjchmetterungspolitif, einer Poiitik 
e3 Hafjes und der Selbſtſucht“ bezeichnet, und es wurde weiter gejagt: 
„Segt weiß ja die Welt jo allmählich), wo der Wunfh nad Weltherr- 
ichaft rege ijt, wo die Barbarei wohnt, wo die Bedrohung der Freiheit 
der Völker in Wahrheit ihren Ausgang nimmt” (nämlich nicht in Deutfch- 
fand, jondern bei unjeren Feinden). Ueber den deutjchen Aufitieg bis 1914 
aber finde ich in einem brafilianifchen Blatte den Sag „Wir erinnern 
nur an die großartigen Leiltungen, die der deutfche Handel vor dem 
Kriege in diefem Staate zu verzeichnen hatte, von wo er durch feine 
Eugen und ehrlichen Methoden alle Konkurrenten des Weltmarkts mehr 
und mehr verdrängte”. Die Kataftrophe von Oppau endlich veranlaßte 
einen Eympathieartifel in dem jchon genannten „Correio de Pove“, 
der in die chetorifche Frage ausklingt: „Wem wird ich nicht bei dieſem 
Unglüd ohnegleichen, das über das ſchwer ringende, mit heroifchen An— 
ftrengungen arbeitende Deutichland hereingebrochen ijt, wem wird fich 
dabei nicht die Vermutung aufdrängen, daß hier ein feindlicher Anfchlag 
im Werke war?“ 

So viel über Brafilien, deffen zahlreiche deutfchitänmige Bevölferung 
diefen Umſchwung in der Stimmung der Iujobrafilianifchen Landsleute 
mit Aufatmen begrüßen darf. Cie trägt durch ihre Arbeitjamfeit und 
ernſte Tüchtigfeit, die ihr überall zu Erfolgen verhilft, dazu bei, die etwa 
“noch hier und dort beftehenden Vorurteile zu zerjtören. Um fo auffallender 
wirken Hier die nelegentli aus dem Norden zu uns gelangenden Zeugs 
nifje über die Stimmung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, 
die fich gegen alle Anftürme der Wahrheit und des Gerechtigfeitsgefühls 
als ein Bollwerk antideutfcher Gejinnung zu halten fcheinen, obwohl 
auch in Nordamerika eın ſehr ſtarker Prozentſatz Deutſchblütiger vorhanden 
ift, der, wenngleich in einem jchnelleren Aſſimilationsprozeß begriffen als 
das brafilianische Deutjchtum, als Träger einer Auftlärungsarbeit über uns, 


— 233 — 


den Krieg und feine Urfachen doch eine fehr große Rolle fpielen müßte. Es 
erjcheint merkwürdig, daß der Prozeß der Aufklärung dort fo langſame Fort: 
ſchritte macht, daß die ſonſt nüchtern und klar blidenden Yankees heute 
noch) immer nicht unfer wahres Geficht erfennen. Mir liegen heute ein 
paar Nachrichten aus Nordamerita vor, deren Anhalt oder Wortlaut ich 
wiedergeben möchte, weil fie ungemein bezeichnend find. Nicht, daß fie 
mejentlich Neues enthüllten; was diefe Zeugniffe intereffant macht, iſt 
die Perfon ihrer Abfender, die in ihrer Art Sucher nach der Wahrheit, 
wenn auch vielleicht Sucher mit Scheuflappen, find; wichtig aber werden 
fie für ung, weil fie deutliche Hinweife geben, wo die Aufklärungsarbeit 
über uns und die europäische Gefchichte der legten Jahrzehnte die Hebel 
anzufegen hat. Von den beiden Brieffchreibern it der eine, von Geburt 
Schotte, ein beliebter VBerfammlungsmann und Volksredner, der weit über 
den Bannfreis feiner Stadt und feines Staates hinaus bedeutenden Ein- 
fluß Hat, der andere Univerfitätsprofeffor in Illinois, beide alfo 
sntelleftuelle, um dieſen eigentlich auf nordamerifaniiche Verhältniſſe 
nicht ganz paſſenden Ausdrud einmal mit Vorbehalt anzuwenden. Und 
Se ſu den Briefen ſelbſt mit ihrem für uns bitteren aber lehrreichen 
nhalt. 

Die Korreſpondenz, die zuerſt nur private Dinge behandelt hatte, 
glitt ins politiſche Fahrwaſſer durch ein paar Bemerkungen des erſt— 
genannten der beiden Herren, der, wenn auch in höflicher Form, heftige 

nklagen gegen den Kaiſer und die deutſchen Regierung formulierte und 
die Deutfchen Striegsgreuel wie eine vor aller Welt Hafifh und unwider— 
legbar erwieſene Selbitverjtändlichkeit erwähnte. Ich antwortete darauf 
(natürlich in eng'iſcher Sprache) folgerdes: 

. .. Nun aber muß ich Dir gejtehen, daß ich tief betrübt bin über die Art, 
wie Du Deutſchland beurteiljt, die einjtige Heimat Deiner Frau. Biſt Du 
wirklich jo feljenfeft davon überzeugt, daß wir die Weltherrſchaft an uns reißen 
wollten und deshalb den Krieg juchten? Dann verjichere ich Dir feierlichit, 
daß Du hier, wie jo viele andere auch, dem fürdhterlichjten, teufliſchſten Irrtum 
verfallen bift, in den die Welt jemals verjtridt war. Deutjchland mar wohl 
die einzige Macht, die durch den Krieg nichts gewinnen, die nur durch Frieden 
weiter fommen fonnte. Wir waren von einer jo ahmunaslojen Friedlichkeit, 
daß der Kaiſer auf jeiner Yacht in Norwegen bei Kriegsausbruch mit fnapper 
Not dem Schickſal entgina, von den Engländern aefangen zu werden! So wenig 
batte er jelbit, jo wenig hatte die deutſche Regierung den Krieg für möglidy 
gehalten, der dem ganzen Wolfe in den erjten Tagen wie ein unglaublicher böjer 
Traum, ein törichter Alpdrud, der fi) bald löſen müffe, erichien. Ueberzeuge 
ich Dich vielleicht dadurch ein wenig, daß ich Dir vertraulich mitteile, wie Herr 
& 9. (hier folgte der Name eines jehr hohen englijchen Beantten) uns in 
engitem Kreiſe ausgeplaudert, jeder vernünftige Menſch in England wiſſe jehr 
wohl, dag das Gerede über die deutſchen Kriegspläne und des Kaiſers Kriegs— 
willen ebenjo wie das ganze jchlimme Kapitel der deutjchen Kriegsgreuel barer 
Unjinn jei? Dasjelbe ſagte mir noch kürzlich ein franzöjiicher Beamter im 
Ausland, der bei Kriegsausbruh in Europa wor und den Bauptdrabtziehern 
der Entente jehr naheſtand. Du ſprichſt von einer Abneigung gegen England, 
die Du bei mir vermurejt. Ich kann England nit haſſen, nicht im mindejten, 
weil ich ein jtarfes Gefühl für die nahe Blutsverwandtſchaft unjeres und 
Eures Stammes babe, aber ich weiß, daß England eine hundeſchnäuzig kalte 


— — 


und berechnende Politik uns gegenüber getrieben hat, die jedes germaniſche 
Rafjengefühl vermilien ließ, und das legt mir eine gewiſſe Reſerve auf. Es 
iſt höchite Zeit, daß alle Vernünftigen in England und Nordamerika ſich end» 
lid) einmal freimachen von den törichten Ammenmärchen über deutjche Ränte, 
mit denen Lord Northeliffe, Rathom und andere bezahlte Intriguanten die 
Welt gegen ein einziges Volk aufgehegt haben, dieje gewifienlojen Geſchichts— 
fälſchungen zun Schaden einer Nation, deren einziger Fehler darin bejtand, 
daß jie in der Welt vorwärts fam und jich, vielleicht, zumeilen etwas zu jtolz 
iiber diefes Vorwärtäfommen erzeigte. 

Die Welt wird und muß allmählich hevausfommen aus der Verſtrickung 
von Irrtümern, die Wahrheit kommt langſam, aber jiher ans Tageslicht. Die 
aber, die aktiv am Kriege teilgenommen haben, die franzöſiſchen, engliſchen und 
amerifaniihen Eoldaten aus den Schützengräben und Batterieftellungen find 
als die erjten bereit, anzuerbennen, daß wir nicht die Bluthunde und Menichen- 
peiniger jimd, al$ die uns feindliche Propaganda ffruppellos gemalt hat. Ich 
fönnte hierfür allerlei Beweije anführen — die überzeugendjten gab mir ein 
ſchottiſcher Tffizier namens B., mit dem ih in D. verfehrte. Ein ruhig den- 
fender, ernjter Mann, einſt Kommandant der Feldartillerie einer der engliſchen 
Divijionen, die wir im Oktober 1914 in Flandern uns gegenüber hatten, und 
mit dem ich manches sehr interefjante Geipräd über politiſch und militärijche 
Dinge hatte. 

Es hat mich jehr interejjiert, von Deinen aroßen rednerijchen Erfolgen in 
den Blättern zu lejen, und ich gratuliere Dir zu Deinem Feldzug für einen all 
gemeinen Frieden, Nur bitte ich Dich, Ienfe dabei die amerikaniſchen Gefühle 
nicht gegen ung, fondern hilf, alte Vorurteile zu verfcheuchen. Du kennt nur 
jehr wenig Deutſche perjönlich, vielleicht nur meinen Vater und Bruder und 
mid. Du weißt, daß wir alle drei deutjche Frontfämpfer waren, und daß ich als 
der einzige Mann der Familie lebend aus diejem Krieg hervorgegangen bin. 
Nun gut, find wir drei — oder nein, ich will lieber die Frage auf die beiden 
beichränfen, die in fylanldern und bei Verdun die tötlihe Wunde erhielten — find 
mein Vater und Bruder ſolche Barbaren und Mörder? Dder meinst Du, daß 
fie Ausnahmen von der Regel gemweien jeien? Mein, ich fann Dir verjichern, 
daß jie mit all ihrer Gutheit und ernten. ſachlichen Tüchtigfeit typiſcke deutſche 
Dffiziere waren. Und wenn mir heute mehr Zeit zur Verfügung ſtände, würde 
ih Dir hundert Beifpiele und mehr aus meinem eigenen Striegserleben erzählen 
von wahrhaft rührenden Beweijen der warmen, gutherzigen Art deuticher Sol— 
daten in der Behanölung von franzöfiichen Frauen und Kindern und Gefan— 
genen, Beweijen für eine Kameradſchaft und Schickſalverbundenheit der deut- 
ihen Kämpfer bis zum Tode und von einer Hingebebereitichaft, die in ihrer 
Schlichtheit heroijh war und die Schladen wie Haß und Grauſamkeit nicht 
fannte. Was aber endlich den armen, unglüdlihen Karfer angeht jo juche 
Dir bitte einmal das Buch „Der König” von Karl Rosner zu verjchaffen (Cotta, 
Stuttgart). Es wird Dir mehr über feine Art zu denfen und zu handeln jagen, 
als ich es heute vermag, vielleicht iſt N. jo freundlich, es Dir zu überjegen. Und 
wenn Du es liejt, jo vergegemwärtige Dir bitte, daß der Autor durchaus nicht 
ein fritijcher Anbeter des Kaiſers und Verteidiger feiner Politik ijt. 

Ich weiß, daß bei diefer Debatte die Zeit mein Verbündeter it. Sie mag 
dag weitere tun... .“ 

Hier die Antwort des Volititers, frei übertragen mit Milderung 
der zum Zeil ſehr ftarfen Ausdrüde Die Betonung eines ſchottiſchen 


— 255 — 


Clan-Standpunktes kat etwas, das ans Komiſche greazt, iſt aber gerode 
ſehr bezeichnend: 

- „Deutichland iſt mit und durch Blut, Religion, intellektuelle Ver— 
wandtſchaft und Erziehung verbunden; all die Imponderabilien, die eine Na— 
tion groß machen, halte ich als geborener Schotte hoch und möchte ſie in Ge— 
meinſchaft mit den Stammesbrüdern in Deutſchland hochhalten können. Das 
größte Verbrechen des Krieges war, daß Deutſche und Schotten aneinander 
geraten mußten. Weißt Du Näheres über die religiöſe Verknüpfung Schott: 
lands mit Deutſchland? Martin Luther ijt aufs engite verfnüpft mit Sohn 
Knox, der zwei Jahre in einer noch heute jtebenden Kirche in Frankfurt pre- 
digte und lehrte. Der Teufel höchſtſelbſt muß von einem Chr bis zum 
andern gegrinjt haben, als er jah, wie Schotten und Deutſche ſich bis aufs 
Blut befämpften. Wenn ich daran denke, geht mir der Atem für akademiiche 
oder parlamentarifche Redeweiſe aus. Und da verlangjt Du von mir, ich jolle 
milde denfen über diejen Toren („madman“), den früheren Kaiſer und jeinen 
mißratenen Sprößling, den Kronprinzen! Ich bin fein Diplomat, aber ich weiß 
jehr viel mehr über die Gefinnung des Kaiſers und des Kronprinzen, als die 
meijten Leute hier und in Europa, und brauche mir meine Kenntnis nicht von 
Rathom oder Northelifie zu holen. Einer meiner Freunde bier in... . war 
Freund und Genofje des Kronprinzen. Er hat mit ihm gegeflen und getrunfen, 
geautelt und Zennis gejpielt. Zu Ddiejem meinem Freunde jagte der. junge 
Tunichtgut eines Tages: „Wir müſſen den Engländern einen verdammt gut— 
figenden Streich verſetzen.“ Der Kaijer und feinesglerhen haben um die höchſten 
Einjäge geipielt und verloren. Von den Söhnen meines Heinen braven Schott- 
lands liegen zit viele der bejten und tapjeriten in Srankzeich und Flandern, als 
daß ich dem Verbrecher vergeben fünnte, der die Tepeihe an Chm Krüger 
fandte, oder jeinem Flegel von Sohn, der England einen „verdammt gut— 
jigenden Streich“ verjegen wollte. Vergiß auch Tu dieje beiden Ausgeſtoßenen.. 

Ich fenne Lloyd Georges Gejinnung aus der Schilderung don perjönlichen 
Freunden des englijchen Premiers, die auch mit mir befreundet find. Er wollte 
niemals einen Krieg mit Deutichland. Eelbit ein Protejtant, wußte ex jehr 
wohl, was Deutichland für den Proteftantismus bedeutet. Kein Wunder, daß 
der jehr ſterbliche und menſchliche Mann in Rom, den jie „Seine Heiligkeit” 
nennen, es mit jtillem Wohlgefallen jab, wie die beiden größten protejtantijchen 
Völker der Erde jich in Stücke riſſen für Frankreich, die unbotmäßige Tochter 
Roms, die den Vertreter der römiſchen Kurie aus ihrem Haufe herausgeworſen 
ati. er Aber Teutichland ijt, trog allem, immer noch das große protejtan- 
tiiche Land auf dem europätichen Kontinent. Die Teutiche Nepublit wird Teben, 
ich wenigjtens glaube, daß wir von dem Sailer und jeinen Spießgejellen nichts 
mehr zu ſehen bekommen werden... . Und Teutichland wird nie wieder andere 
angreifen, zum mindejten nicht in der Weile, wie e$ Diesmal tat.” Es foll io 
fortfahren wie früher, ehe es den Krieg um die Weltmacht begann. Jeder Markt 
in der ganzen Welt hätte Deutichland gehören fünnen, wenn es nicht in die Sad: 
gafje der Mörderpolitif des Kaiſers und jeiner Ratgeber geraten wäre. Ich 
babe einen großen Glauben an Teutichland, aber Deutjchland muß berüd- 
ſichtigen, daß es auch noch andere Völker auf der Landkarte gibt, und das hat 
e3 für eine Weile vergejien. 

Dein Bater ift für mich einer der beiten Vertreter des modernen Deutichland, 
aut, ehrlich, Hug, loyal und gerecht. Aber durch den deutſchen Aufſtieg war aud) 
Dein Vater, wie jo viele bei Euch, in einen Fdeenfreis geraten, in deſſen Kern 


— 236 — 


etwa das Axiom ftand, daß die Tage der britiichen Raſſe vorüber jeien, daß 
England defadent jei und Deutſchland Play machen müſſe. Daß Deutichland 
aus jolhen Gedantengängen heraus den Krieg wollte, planmäßig beabfichtigte, 
daran gibt es für einen nachdenkenden Menſchen nicht den Schatten eines 
Zweifels. Es wollte den Krieg, weil es bejtimmt auf den Sieg rechnete und 
annahm, daß durch jeine militärifchen Machtmittel der Krieg kurz fein werde. 
Das wußte Dein gefallener Vater, und Du wußteſt es auch und weißt es heute 
noch. Wenn Deutſchland Franfreih und Rußland erobert hätte, wie es Euer 
Plan mar, dann hätten Eure Striegsgenerale mitjamt Eurem unmöglichen 
Stinnes und Konjorten einfach wie eine Kombination von lauter Mleyanders 
und Napoleons dagejtanden und nad neuen Welten für die nächſten Eroberungs- 
friege ausgejchaut. Dennoch halte ich Deines Varers Andenken hoch in Ehren. 
Zum Schluß bedenfe dies: die ganze Welt war gegen Euch und ift gegen Euch, 
und die ganze Welt befteht weder aus lauter Toren noch aus lauter Lügnern. 
Die Welt weiß, was Deutichland verbrodhen hat, und ich weiß es beſſer ais 
viele. Deutjchland joll jich immer erinnern, was e3 getan hat, dann mögen 
die anderen jeine Vergehen. vergeſſen und merden jchneller vergellen. Karl 
Resner und feine Schriften find ung Amerifanern ziemlich vertraut. Seine 
ſykophantiſche Anbetung des Kaifers ift abjtogend fir wahre Männer. Man 
betrachtet ihn bier als einen jchlechten Wi oder als des Kaiſers Agertten, in 
welder Rolle er den Staifer zum Ejel mat. Armer Katjer! 

Ich fünnte noch lange in diejem Text fortfahren, denn das Thema iſt mir 
jehr vertraut. In memen Reden empfehle ich Deutjchland und verdamme es 
nicht, wenn ich ın der Deutichen Evangeliſchen Kirche bier oder anderwärts 
zum Sprechen eingeladen werde. Um Dich daven zu überzeugen, will ich Dir 
nur jagen, daß ich oft ftundenlang vor deutichen Männern und Frauen ge- 
ſprochen babe und dafür jehr gefeiert worden bin. Aber Teutichland ift eine 
Sade, und der Kaiſer, Hindenburg, Ludendorff und die übrigen Bluthunde 
find eine andere Sale. Tu magst davon Kenntnis nehmen, dag die Amerikaner 
deutſcher Herkunft genau fo denken. 

Zum Schluß noch dies: Deutichland fann nicht erwarten, bei ums etmas 
wie Freundichaft oder auch nur Entgegenfommen zu finden. “Dennoch wird 
über furz oder lang wieder ein modus vivendi zwijchen den drei großen Na- 
tionen germaniihen Blutes gefunden werden müſſen. Arbeite Du dafür, wie 
auch ich dafür arbeite... .“ 

Kommentar überflüffig. Man wird jagen, daß ein Ankämpfen gegen 
jo viel Kurzfichtigkeit von vornherein vergebliches Mühen ift, da einem 
alle Waffen gegenüber folcher Verblendung entfinfen. Und dennoch darf 
die Deutsche Aufllärungsarbeit nicht nachlafjen. Mit am lähmendften 
und traurigsten wirken m. €. die Worte über die Deutibitämmigen in 
Amerika, die ein unerfreuliches Schlagliht auf die Stammesgenoifen 
unterm Sternenbanner werfen. Wenn es dort wirklich fo fteht, wie der 
Briefichreiber berichtet, fo gejtattet das den bitteren Schluß, daß den 
Deutjchblütigen in den Vereinigten Staaten die Begriffe Treue und Ge— 
rechtigkeit fo ziemlich abhanden gefommen find. Aber ich kann und will 
das nicht glauben. 

Hier folgte zum Abſchluß nur noch eine Starte des Univerfitäts- 
profeffors, ebenfalls frei übertragen: 

REN Sinfihtlic des Krieges werden unjere Meinungen wohl immer 
auseinandergehen. Kein Land machte ehrlichere Anjtrengungen als Amerika, um 


— 237 — 


die Wahrheit zu finden. Wir jandten Storreipondenten aus, die jich frei in allen 
Ländern auf beiden Seiten bewegen durften. Wir erhielten Hunderte und Tau- 
jende von prodeutjchen Flugichriiten und lajen ſie. Dennod ijt unjer Verdikt 
gegen die deutiche Regierung ausgefallen. Sie iſt und bfeibt verurteilt. Ich 
ende Dir gleichzeitig einge Trudjadhen, die unjere Anjichten wiedergeben. . . .* 

Diefe, die mir bald danach) zugingen, find die fchlimmiten Lügen- 
pamphlete aus franzöfifcher und englifcher Quelle, Schriften, die heute in 
Frankreich und England ſelbſt kaum mehr ernſt genommen werden dürften! 
Doch in Nordamerika glaubt man ihnen noch! 

Wann wird die Wahrheit dämmern dieſem Lande? 





Was Kant für die Deutſchen ſein kann. 


Von Prof. Konrad Metger Gerlin). 


Sn Deutſchland erwacht immer lebhafter die Sehnſucht nach höheren 
geitigen Werten. Alles, was bisher unerjchütterlich feſtzuſtehen ſchien, ijt 
ins Wanken gefommen, unfer fchönes, früher r ftolzes Reich liegt in 
Trümmern, unfer Wohlftand ijt vernichtet, Elend und Schande bedrohen 
ung, und wir wiſſen nicht, ob wir uns wieder emporarbeiten fünnen. Man 
darf fich nicht wundern, daß viele angefichts diefer troftlofen Tage den Mut 
verlieren. Sie haben ihre früheren Stügen verloren und fehen mit Grauen 
in die Zukunft, da fie nicht wifjen, wo fie einen Erjaß finden follen. Es 
fehlt nicht an jolchen, die ihm in der Kirche fuchen. In der Tat hat es eine 
Zeit gegeben, wo diefe die Führung im geijtigen Leben des Volkes hatte und 
die Gemüter beherrichte, aber fie hat diefe Stellung wohl nicht ohne eigene 
Schuld verloren. Indem ſie fich den wichtigſten Fortfchritten der wiſſen— 
ſchaftlichen Erfenntnifje direkt entgegenstellte, ja die von unferen Dichtern 
und Denkern gejchaffene Weltanfhauung völlig ablehnte, geriet fie im 
Segenfag zur modernen geiftigen Kultur und verlor ihren Einfluß, Die 
gebildeten Schichten wandten jich der Philojophie zu, die nun die Führung 
übernahmen. Im achtzehnten Jahrhundert herrichte der Nationalismus, 
der das Biel verfolgte, eine vernunftgemäße Weltanfhauung zu gewinnen 
und auch das praftifche Leben in diefem Sinne zu aeltalten. Der Haupt- 
vertreter dieſer Nichtung war Wolf, defien Lehren allgemeine Zuftimmung 
fanden, und der jogar Fürften zu feinen Schülern zählte. So fchrieb ihm 
Friedrich der Große im Jahre 1740: „Es kommt den Philoſophen zu, 
Lehrer der Welt und Leiter der Fürſten zu ſein. Sie müſſen konſequent 
denken, und uns kommt es zu, konſequent zu handeln. Sie müſſen er— 
finden, wir ausführen.“ 

Der Gefichtspunft des rein Verftandesmäßigen, nach dem man die 
Dinge beurteilte, hatte doch, fo vorteilhaft er fich im praftifchen „Leben 
zeigte, etwas Enges und reichte nicht aus, wenn es fich um etwas Höheres 
handelte. Es kamen tieferblictende Geijter, die nachwiefen, daß in Welt 
und Leben noch andere Mächte walteten, die nicht mıt dem Maßſtabe der 
nüchternen Zmedmäßigfeit beurteilt werden fönnten, Männer wie 
Winkelmann und Lefling erſchloſſen den Blid für die Meiſterwerke der 
bildenden Kunst, Herder eröffnete das Verjtändnis für die Quellen der 
Poeſie. Unter dem Einfluß der neueindringenden Elemente trat am Ende 


— 258 — 


des Jahrhunderts eine völlige Umgeſtaltung in den Anſchauungen ein. 
Man gab den Standpunkt des Rationalismus auf und wandte ſich höheren. 

dealen zu. Auf dem Gebiete der Philofophie wurde Kant der Führer, 

n jeınen fritifchen Unterfuchungen wies er der Erfenntnis neue Wege, 
aber er war vorjichtig. Die Anficht, als fünne man die Weltihöpfung in 
ähnlicher Art erklären wie die Herjtellung einer Uhr, lehnt er ab, Er 
glaubte überhaupt nicht, daß man das Weltall mit den furzen Gedanten 
der Menjchen umjpannen könne, dies fei und bleibe vielmehr ein ftaunens- 
wertes Wunder. Wie recht er mit feiner Zurückhaltung hatte, bewies in 
der Folge Hegel, der die von Kant gezogenen Grenzen überfchritt und aufs 
Ganze ging. Er unternahm es, den Weltgedanten noch einmal zu denfen 
und die Wirklichkeit der Dinge aus deren Sinn und Weſen zu verftehen. 
Mit Bewunderung ſah man er diefem Fühnen Unternehmen zu, 
mußte dann aber bald erleben, daß der Ikarusflug fcheiterte. 

Hegels Fehlverfuch hatte aber für die Vhilofophie üble Folgen. Was 
die Schuld des Einzelnen war, legte man ihr jelbit zur Laſt und wandte 
ihr enttäufcht den Rüden. Ihr Berfprechen, die Rätjel des Dafeins zu 
lofen, hatte fie nicht zu erfüllen vermocht, fie geriet daher in völligen Miß— 
fredit und frijtete in der Folgezeit eine wenig befriedigende Exiſtenz. Zwar 
gelang es noch einzelnen ihrer Vertreter, wie Schopenhauer, ich ein 
gewiſſes Anjehen zu verichaffen, aber von einer Führerfchaft auf geiltigem 
Gebiete konnte doch nicht mehr die Rede fein. Die Aufgabe, die auf 
jpefulativen Wege zu löjen der Philofophie mißlungen war, wurde in die 
Hände der Naturwilfenfchaft gelegt, und fie übernahm jest die Führung. 
Ihre eritaunlichen praftifchen Leitungen find befannt, aber als fie dann, 
fühn gemacht durch diefe großen Erfolge, es wagte, der Philojophie Kon— 
furrenz zu machen, fcheiterte auch fie. Hädel z. B., der es unternahm, die 
Welträtiel zu löfen, litt ziemlich Hänlih Schiffbruch. Die Naturwifjen- 
fchaft hatte es wohl vermocht, materielle Werte zu erzeugen, aber die 
geiftigen Bedürfniffe vermochte ſie doch nicht zu befriedigen, Kein Wunder, 
daß man auf die großen Denfer der Vergangenheit zurüdgriff, und daß der 
Ruf: Zurüd zu Sant! allgemeinen Widerhall fand. 

In welchen Sinne diefe Mahnung gemeint war, zeigt eine eingehende 
Betrachtung, die Friedrich za im Jubeljahre der, ‚Kritik der reinen 
Vernunft jchrieb, und in der er darlegte, welche Bedeutung Kant auch für 
uns noch haben kann. Die Schilderung der Lage auf dem Gebiet der 
Philojophie, die er gibt, paßt in weſentlichen Zügen auch für und. Auch 
bei uns herrſcht Anarchie und Verworrenheit, auch wir fünnen die Frage 
aufiwerfen, was Sant uns fein fann. Aber freilich, damals trug das 
äußere Leben einen ganz anderen Charakter. In Staat und Gefellichaft 
berrichten geordnete Zuftände. Das Neich blühte mächtia auf, der Wohl- 
ftand mehrte fih., Wenn damals tieferblidende Geifter ihre Belorgnis 
über das gierige Streben nad) irdifchen Gütern und die Abfehr von den 
geiftiaen Werten äußerten, fo waren fie Prediger in der Witte. Ihre 
Stimmen verhallten wirkungslos, „se wurden wohl naar verfpottet. test 
ift die Lage eine andere. Die materiellen Güter  jind dahin— 
gefchwunden, N man fpürt die geiltige Leere. Iſt Kant imftande, jte aus— 
zufüllen? Natürlich handelt es fich nicht fo Tehr um feine Erfenntnis- 
theorie, obaleich die Trobleme von Raum und Zeit, um deren Aufklärung 
er jich fo eifrig bemühte, auch jegt wieder int Vordergrunde des Intereſſes 


3 — 29 — 

ftehen. Herr Einftein 5. B., in deſſen Relativitätstbeorie Raum und Zeit 
eine fo bejondere Rolle fpielen, wiirde wohl daran getan Haben, fich ein- 
gehender mit Sant zu befaffen, denn wie Frau Dr. Ripkte ın ihrer Schrift 
„Kant contra Einjtein“ dargetan hat, hat der Philofoph die Theorien des 
Mathematiters in weſentlichen Punkten ſchon im voraus widerlegt.’ Aber 
diefe Fragen intereffieren uns jegt erft in zweiter Linie. Auch von Herrn 
Einjtern, von dem eine Zeitlang jo viel die Rede war, ift es inzwifchen ganz 
ftill geworden. Wichtiger find für uns Kants ethifche Anſchauungen. 
Zwar hat der kategoriſche Imperativ, der früher eine fo große Rolle fpielte, 
eine Bedeutung eingebüßt. Abgefehen davon, daß er nur einen Rahmen 
bildet, der erſt ausgefüllt werden muß, find wir auch fir den äußeren 
Zwang nicht zu haben, ziehen vielmehr dem „Du follit“ ein „Ich will“ vor, 
eingedent der Mahnung von Schiller: Nimm die Gottheit auf in deinen 
Willen, Und ſie jteigt von ihrem Himmelsthron. Auf fefteren Boden be- 
wegen mir ung, wenn wir der Moral Kants nähertreten. Sant war eine 
tief veligiöfe Natur. Allerdings nicht in dem Iandläufigen firchlichen Sinne, 
vielmehr hat ex der Orthodorie eine ihrer Stützen zerftört, inden er den 
umviderleglichen Nachweis führte, daß die fogenannten Beweife des Da- 
feins Gottes unhaltbar jeien: Ja man fann noch weitergehen. Es ijt eins 
der ſicherſten Ergebniffe der Kritik Kants, daß es unmöglich ift, den binden- 
den Beweis dafür zu liefern, daß die Einrichtung der Welt dazu führe, die 
Iegen Güter zu verwirklichen, die wir für die höchiten und wertvolliten 
alten, 

Aber bei dem negativen Ergebnis blieb er nicht ftehen. Er hatte nach- 
gewiefen, daß es unmöglich fei, das Wirken einer überirdiichen Macht ficher 
zu beiweifen, aber er glaubte an fie. Er ergänzte das Wiffen durch den 
Glauben, die reine Vernunft Durch die praftifche, der er fogar den Vorrang 
gab. Er glaubte daher an eine fittliche Weltordnung und an eine Ver— 
geltung, an den Sieg des Edlen und Guten über das Schlechte. Wie wert- 
voll eine jolche Ueberzeugung für uns Deutfche ift, die wir von einem 
Meer von Lüge, Gemeinheit und Haß umbrandet werden, lieat auf der 
Hand. Wir dürfen danach mit voller Zuverficht auf eine gerechte Ver— 
gelfung hoffen, ja es bedarf feines befonderen Scharfblids, um zu erkennen, 

aß der Tag des Gerichtes ſchon jest anfängt über unfere Feinde herein- 
ubrechen. Aber Kants Lehre hat für uns noch eine größere Bedeutung. 
Er vertröjter nicht nur auf die Zukunft, fondern zeiat auch für die Gegen- 
wart jedem Einzelnen den Weg nach oben. Einen der Hauptpunfte feines 
Syſtems bildet die Lehre von der Willensfreiheit. Auf die Autonomie des 
Willens, d. h. auf die Selbjtgefeggebung legte er den höchiten Wert. Er 
fordert von dem Menſchen, daß er feinem Gejege nehorcht, als dent, das 
er zugleich ſelbſt gibt. Nach feiner Ueberzeugung beruht auf diefer Auto- 
nomie des Willens die Würde des Menfchen, und fie iſt zualeıch die Grund- 
lage der ethifchen Freiheit, die den Menfchen über fich felbit erhebt, und die 
ihn unabhängig macht von der Außenwelt, wie dies in den Verſen Schillers 
zum Ausdrud gelangt: Der Menjch ift frei erfchaffen, iſt frei, Und fei er 
in Ketten geboren, Kant hält die Willensfreiheit für eine fo notwendige 
Eigenjchaft des Menschen, daß er ihr fogar eine fosmifche Bedeutung bei- 
legt. Ex meint, daß fie überall da Geltung habe, wo überhaupt in der 
Welt vernunftbegabte Menfchen vorfämen. Wie die Welt räumlich ohne 
Grenzen ſei, fo jei die Freiheit von einer unbefchränkten Tragweite. 


— 2160 — 


Wir wiſſen aus der Gefchichte, welche tiefgehende Wirkung Kants 
Lehre in den Freiheitstriegen hatte. Auch jegt kann fie für ung von großer 
Bedeutung werden. Sie zeigt dem deutjchen Volke, daß es nicht zu ver— 
zweifeln braucht, gibt ihm vielmehr die tröjtliche Gewißheit einer beſſeren 

ukunft, wenn es fich deren würdig erweilt, jeden Einzelnen aber bejtärkt 
fie in der Ueberzeugung von dem inneren Wert des Menichen, und zeigt 
ihm, tie er durch Feſtigkeit des Willens ſich auch über die fchlimmiten 
Uebel erheben kann. Es wäre wünjchenswert, wenn fich unfere leitenden 
Politiker etwas mehr mit Sant befchäftigten, weil fie dann den Feinden 
würdiger entgegentreten würden als dies biefach geichehen ift. Kants 
Schriften find allerdings nicht leicht zu lefen, aber neuere Philofophen wie 
Kuno Fifcher, Friedrich Paulfen, Alois Rühl und andere haben feine 
ER iD anfehaulich dargeftellt, daß fie für jeden Gebildeten verjtänd- 
lich find. : 


Die neuen Beamtentitel im Reich und in Preußen. 


Zu dem unter diejer Ueberjchrift in Nr. 14 der „Erenzboten” ver— 
öffentlichten Auffag von Kammergerihtsrat Tr. Sontag erhalten wir 
eine Zufchrift, der wir folgendes gern entnehmen: 

Der Berein deutjiher Gewerbeaufſichtsbeamter teilt 
nidt die von Kammergerichtsrat Dr. Sontag vertretene abfällige Auffaſſung 
von der in Preußen eingeführten Aenderung der früheren Amtsbezeihnungen 
„Sewerbe-nipeftor“ in „Sewerberat“. Denn die Aenderung War dringend 
notwendig, um die Etellung der älteren Gewerbeauflichtsbeanten als Xeiter 
der Auffihtsamter zu heben und ihre amtlichen Befugniffe bejjer als bisher 
zum Ausdrud zu bringen. Die Aenderung ift von diejen Beamten jeit Jahren 
erftrebt worden. Der Verein ftellt jerner richtig, daß die in Betracht kom— 
menden Gewerbeauffichtsbeantten zu den höheren Verwaltungsbeanten rechnen.“ 





Weltipiegel. 
21. Juni. 


Die Konferenzen der Woche. Der Kampf zwiſchen Politif und Wirt: 
Wu zieht fih wie ein roter Faden durch die Verhandlungen und Kon— 
erenzen des legten Jahres, Schon von der Stonferenz von Brüfjel an 
zeigte fich der große Riß, der zwijchen den Auffaffungen der Politiker und 
der Wirtjehaftler klafft. Und diefer Riß hat jich in Genua, in Paris, in 
London und im Haag noch immer erweitert. Die Sieger vor dem Welt: 
gewiſſen find die Bankiers geblieben, die in Paris ihre klare Entfcheidung 
ausgeiprochen haben, daß die Politik, will fie nicht die Welt in Vernichtung 
und Chaos hineintreiben, die Negeln und Grundfäße der Wirtſchaft auf ſich 
wirken laffen muß. Der Standpunkt der Politiker ijt in Poincare in feiner 
trafjeiten Form vertreten. Er verfchanzt fich Hinter Verträgen und treibt 
eine Politik der Illuſion und der Macht, der alle Diejenigen zuſtimmen, die 








= 261 = 


glauben, durch Machtgebote der Entwidlung der Welt vorgreifen zu können. 
Diefe Geiſter jtchen auf demfelben Niveau, wie die Führer jeder Revolution. 
Sie ziehen nicht den ganzen Komplex der die Weltgefchichte beivegenden 
ragen in Betracht und müſſen fich daher notgedrungen an den machtvollen 
Horen- Wirtfchaft und Nationalwillen ftoßen, die als Regulatoren ihre 
Ziele umſtoßen. 

Lloyd Seorge, der auf dem dünnen Seil zwiſchen Politik und Wirtfchaft 
zu balanzieren verfucht, hat in diefer Pofition natürlich feine große Durch— 
ſchlagskraft. Sein Werk hat daher jtets etwas Unjolides und aaa ⸗ 

emäßes an ſich. Neulich erklärte er im Unterhaus, kein engliſcher Miniſter 
ei Fachmann; es fei das Wefen der hervorragenden engliihen Politiker, 
daß fie Amateure wären. Aber das Werk von Amateuren an der Spike der 
Weltpolitik ift mit großen Gefahren verknüpft. Die Konferenz im Haag tft 
eins feiner Werfe und trägt auch den Stempel des’ politifchen Liebhabers 
an der Stirn. Der Gedanke der Ausfchaltung jeder Politik erfcheint abfurd, 
mern im felben Atemzuge der Burgfriedenspertran, der eine rein 
politijche Frage ift, bei der Konftituierung der Konferenz als eine der maß— 
gebenden Ideen erfcheint. Außerdem bindet diefer Pakt nur die Dele- 
ierten, die ihn unterzeichnet haben, nicht aber deren Regierungen, von 
nen bisher noch feine die Verpflichtung des öftlichen Burgfriedens für fich 
als bindend anerfannt hat. So wirkt der Burgfriedensvertrag nicht als 
fejte Baſis, fondern nur als eine fchöne “dee. Außerdem ift es unmöglich, 
bei allen Verhandlungen mit den Ruffen die Frage des Somjetfyitens und 
der damit in Verbindung ftehenden Enteignung auszufchalten. Das wird 
auch im Haag gar nicht verſucht. Im Gegenteil, die Frage der Entſchädi— 
gu für die ausländiſchen Beliger in Rußland fteht im Mittelpunkt der 
batte, alfo eine politifche Angelegenheit, ein Kampf der kapitaliftifchen 
Mächte gegen das on der Sowjets. Die Gegenfäße der Regierungs- 
ſyſteme müffen aber bei den Wirtichaftsverhandlungen volllommen aus— 
geichaltet werden. Es ijt faum denkbar, daß ein Staat mit Rußland zu 
einem Handelsvertrag fommt, ohne daß ein Strich unter alle früheren Ver— 
pflichtungen der Sowjets gemacht wird oder zum mindeiten diefe Ver— 
pflichtungen, um das Preftige zu wahren, nur rein afademifch anerkannt 
werden. Die jegigen Verhandlungen im Haag find noch nicht von großer 
Bedeutung. Die intereffierten Staaten mit Ausnahme von Rußland 
werden fie erſt darüber einig, welche Verhandlungsmethode bei den gemein- 
— Beratungen verfolgt werden ſollen. Am 26. Juni beginnen dann 
ie Beratungen, zu denen auch die ruſſiſchen Delegierten hinzugezogen 
werden ſollen. Frankreich und Belgien, die ſich zunächſt von dieſer Kon— 
erenz drüden wollten, haben beſchloſſen, ihre Delegierten dort zu lafjen. 
uf jeden Fall ift diefer Entjchluß aber nicht dazu angetan, die Arbeiten 
der Konferenz zu fördern, im Gegenteil, die ftarre Haltung dieſer Dele- 
gierten wird eine Einigung nur erſchweren. —— 

Als Poincaré vor einigen Tagen in London war, verſuchte er, 
den Zauber von Verdun und vom gemeinſamen Kampf um die Freiheit 
der Welt über London zu verbreiten, um ſo eine günſtigere Atmoſphäre 
für ſeine politiſchen Ziele zu ſchaffen. Die Annerion der Stadt Verdun 
durch) die Stadt London, die bei dem Wiederaufbau der geltung die Paten- 
Ihaft übernommen hat, gab ihm dazu eine gute Beranlaffung. Die 
Kampfgemeinschaft der beiden Nationen follte dem Gedanken der poli- 


262 


tiichen Gemeinjchaft für die Zukunft, dem Gedanken an einen franzöſiſchen 
und engliichen Pakt als vorteilhafter Hintergrund dienen. Bon englifchen 
Städten find in der legten Zeit verjchiedentlich ſolche Patenftellen über— 
nonmen worden. Neben Verdun ift Arras, St. Albert, Peronne, 
Bapaume, Montdidier unter den Schuß englifcher Städte geftellt worden, 
und in diefen Orten werden große, die Zeit überdauernde Gebäude er- 
richtet, die immeriwährend an die Entente erinnern follen. PBoincars ſprach 
über die Gräber der Gefallenen, die Friedhöfe, auf denen gemeinfant die 
Söhne Frankreichs und Englands jchlafen, und alle Menjchen, die ihm 
zuhörten, hatten Tränen in den Augen. Diejer fentimentale Poincare 
erinnert aber zu jehr an ein Bild, das Fürzlich in der „Humanite“ ver— 
öffentlicht wurde, und das weit beffer den jeder Gefühlsdufelei fernen 
Charakter des franzöfifchen Minifterpräfidenten wiedergibt. Zwiſchen den 
Gräbern der Gefallenen jchreitet dort Poincaré mit jenen Begleitern, 
und über fein Geficht geht ein höllifches Grinien. Die „Humanite” über- 
fchreibt die Phrtographie „Poincars bei feinen Toten“ und fügt hinzu, 
wie e3 den Mörder ſtets wieder an den Ort feiner Tat zurüdführt, je 
benust Poincars jede freie Stunde, um zu den Gräbern der Gefallenen 
zu eilen, ohne die fein Triumph eine Unmöglichkeit geiwejen wäre. Aber 
die Sentimentalität in den Dienjt der Politik zu ftellen, hat ihm in London 
richt viel genüßt. In der Uniervedung zwijchen den beiden Minijterpräfie 
denten wurde eigentlich nichts erreicht. Abgejehen von der furzen Dauer 
der Beiprechung find auch die Meinungsverjchiedenheiten zwifchen Frank— 
reich und England fo zahlreich, daß fie nur nach ſchwerwiegenden und 
langen Unterhandlungen einigermaßen gelöft werden fünnen. Das einzige 
Ergebnis bezog ſich auf die Neparationen. Die Reparationstommiflion 
wurde beauftragt, eine neue Unterſuchung über die deutſchen Finanzen 
einzuleiten, um Mittel und Wege zu finden für eine Gefundung Deutjch- 
lands. Die damit verbundene Kontrolle fann aber zu feinem Vorteil für 
uns führen, im Gegenteil, wenn Deutichland feine Anleihe erhält, wird 
diefe Tätigkeit des Garantiefomitses nur dazu führen, Gelegenheiten für 
ein neues Einfchreiten der Entente und vielleicht zu neuen Sanktionen zu 
geben. Durch Steuern und innere Anleihen iſt ein Ausgleichen des 
deutfchen Budgets nicht möglich, jolange die Milliardenforderungen der 
Entente und die Verſchwendung der Bejakungstruppen und Kontroll: 
fommiffionen mehr als die Hälfte der deutjchen Ausgaben ausmachen. 

Wie ein drohender Schatten ſchreitet uns —— in der Ent⸗— 
wicklung der SFinanzmifere voraus. Auch fein jegiger Verſuch, jeine 
Finanzen Sur die Gründung einer Notenbant in Ordnung zu 
bringen, kann nur von Erfolg gekrönt fein, wenn diefe Notenbanf über 
genügend auslandifches Kapital verfügt. Aber auch dann find noch ge- 
nügend Gefahren vorhanden, denn Lefterreich in feiner jegigen Form 
ijt ein verfrüppeltes Staatswefen, das nie fich felbjt erhalten kann ohne 
Zufchüffe vom Ausland. In Deutfchland ift diefe Verfrüppelung auch 
vorhanden; da die Urjache hierfür nur in den von uns zu leiftenden Zah: 
lungen an das Ausland Tiegt, wäre fie viel leichter zu bejeitigen. 

Im englifchen Weltreih ift eine neue weſentliche Entwidlung vor 
fich gegangen. $rland, das im Dezember des letzten Jahres durch die 
Verhandlung ziwijchen der englifchen Regierung umd den gemäßigten 
Nationaliften Collins und Griffith eine teilweife Selbjtändigkeit errungen 


— 263 — 


ai bat jegt feine eigene Verfaffung entworfen, die von der englifchen 
egierung genehmigt worden ift. Damit tritt Irland in dasſelbe Ver— 
hältnis zu England, wie zum Beilpiel Kanada. Die Regierung und das 
Heer müffen dem englifchen König Treueid leiften, im übrigen aber kann 
die irifche Regierung, die nad) dem Ergebnis der jegt ftattfindenden Wahlen 
gebildet wird, ihre nie und ihre Wirtſchaft ſelbſt — 
.Bünnig. 


Bücherſchau. 


Geſchichte. 


Dr. Wilhelm Bauer, Einführungin das Studium der Geſchichte. 
Tübingen 1921, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), geb. 96 M., geb. 114 M. 
Als Leer und Werarbeiter des Buches it in erjter Linie der Student 

gedacht, der freilich infolge der VBerarmung und Verengung unjeres nationalen 

Betätigungsvaumes fih in der augenblidlihen Zeit jeltener dem Geſchichts— 

jtudium widmet, während diejes gerade biel mehr gepflegt werden jollte als 

früher. Dem Wiener Hiftorifer eignet Beweglichkeit und Bieljeitigfeit, ein 
großes Geſchick im Anordnen weiter Stoffgruppen. Das Technifche, Handwerks— 
mäßige herricht nicht allein in diefem Buch. Es bejchränft fich auch nicht auf die 

Dinge, welche zum herkömmlichen afademijchen Betrieb des Geſchichtsfaches gehören, 

zieht vielmehr die hiſtoriſchen Belange aller anderen Wiffenichaften, wie auch 

die Geihichtsphilojophie herein. Sein Abſehen ift überall ein praftijches; es 
zeichnet die Aufgaben, Methoden und Hilfsmittel geichichtlihen Denkens, 

Forſchens und Schilderns auf. Und es ijt ein praktisches Buch für den Anfänger 

wie für den Foricher, jo daß es Ausficht Hat, fich neben dem bisher allein- 

berrjchenden Bernheimfchen Lehrbuch der hijtorifhen Methode zu verbreiten. 


Alfred Feder, S. J. Lehrbuch der biftorijhen Methodik, zweite 
Auflage. Regensburg 1921, Joſef Köfel u. Friedrich Puſtet Komm.Geſ., 
ach. 24 M., geb. 39 M. 

Ungefähr gleichzeitig mit W. Bauer, und unabhängig von ihm veröffentlicht 
der Balfenburger Jeſuit Feder eine Hiftorif, die im wejentlichen die Grund» 
ſätze der Quellenkritit behandelt. Der Anfänger im Gejhichtsjtudium findet 
auch hier gediegene Anweiſung, obwohl man fich hüten jollte, ſolche methodiſchen 
Sammlungen von Gefihtspunften zu überſchätzen. Die Uebung an praftifchen 
Beijpielen im hiſtoriſchen Seminar wird ftetS die beſte Schulung bleiben, und 
es wäre fein gutes Zeichen, wenn jeßt die Lehrbücher der geichichtlichen Methode 
im jelben Maße zunehmen, wie die fritiihe Schärfe des akademiſchen Seminar- 
betriebs jhon infolge der mangelhaften Vorbildung der Studenten tatjächlic) 
nachläßt. Mit Bernhein, Bauer und Feder ift der Student nun fürs erjte 
veihlich genug ausgeftattet, und jedenfalls dürfte, was NReichhaltigfeit des Ge— 
botenen betrifjt, Bauer den Vorzug verdienen. 


N. Tournes, L'Hiſtoire militaive, Paris, Charles-Lavanzelle, 1922. 

Der franzöfiiche Generalftäbler (Dr. phil.) bietet bei jeiner Kritik und 
Verteidigung der Kriegsgeſchichte dem deutjchen Lejer insbefondere eine Ver— 
gleihung der Leiſtungen hüben und drüben und mand)es, was auf praftiiche 


— 264 — 


Politik der Zukunft hindeutet. In erſter Linie aber bezweckt er eine Methodik 

der militäriſchen Geſchichtsforſchung und -jchreibung. 

Julius Koh, Römiſche Geſchichte. Sedjite Auflage II: Die Staijerzeit 
bi3 zum Untergang des Weſtrömiſchen Reiches (Sammlung Göſchen 
Nr. 677). Bereinigung wiffenichaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Eo., 
Berlin W. 10 und Leipzig. Preis Band 2,10 M. und 100 v. H. T.⸗8. 
Die neue Auflage des vielbenugten Werkchens ift eine volllommene Neu- 

bearbeitung unter Einarbeitung der modemften Literatur wie Seed und Birt, 

und mit jorgjamem Ausbau der fulturgefchichtlichen Gefichtspunfte. 


A. Roſenberg, Geſchichte der römifhen Republik. Aus Natur und 

Geijteswelt, Band 838, Leipzig und Berlin 1921. B. ©. Teubner. 

Die friſch und ſpannend geſchriebene Darftellung der römiſchen Geſchichte 
bis Cäſar gewinnt durch die Beſchränkung auf die politiſchen Vorgänge eine 
Gedrungenheit, welche überall das eigene politiſche Urteil des Leſers anvegt. 
Eine geſchichtliche Darjtellung, die im beiten Sinne erziehlich wirkt. 


Richard Kabiih, Deutſche Geſchichte. Dem deutichen Volke und jeiner 
Jugend erzählt. Mit 59 Zeichnungen von Hans Kohlſchein. Neu heraus- 
gegeben und fortgeführt von Dr. Gottfried Brunner. 4. Auflage, 14. bis 
17. Taujend. Göttingen 1921, VBandenhoed u. Ruprecht, geb. 50 M. 

Der prächtige Kabiſch Hat in Brunner einen guten Tejtamentsvollitreder 
gefunden, in welchem Geift, das lehrt ein Sa des Vorworts: „Darin beiteht 
das ganze Geheimnis der ftaatsbürgerlichen Erziehung, im einzelnen das Gefühl 
der Berantivortung für das Bolfsganze zu weden.“ Dem, der dies Vermächtnis 
des edlen deutſchen Mannes noch nicht kennt, ift fein Zauber ſchwer zu ſchil— 
dern; es ift ihm einfach zu jagen: „Nimm, lies und laß es die Deinen leſen.“ 
Taujenden iſt an diefem Bud jhon Herz umd Sinn für Gejchichte und Volkstum 
aufgegangen; in vielen Häuſern hat es Alt und Jung zu jeltenen Feierftunden 
bereinigt. Nur ein großer Sünftler vermochte dieſe Viſion zu empfangen; 
zugleich aber ift daS Buch hart erarbeitet, wie ein Vergleich von Kabiſchs nod) 
unrubigem, den Epradjtil übertreibenden Erftlingswerf (1912) mit dem jegigen 
abgeflärten Meifterwerf zeigt. Man Hage nicht nur, es fehle uns an guten 
deutjchen Gejhichtsbüchern, man freue ſich auch der vorhandenen! 


Der Merter. 





Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Guſtav Manz tn Berlin. 





Verlag: Deutſcher Verlag, Abteilung Orenzboten, Berlin SW 48, Wilhelmftraße 8—9 
Fernruf: Nollendorf 4849, 


Drud: Allgemeine Verlags u. Druderei-Bejellichaft m. b. H., Berlin SW 48, Wilhelmftr. 9. 


NRüdfendungen von Manuſkripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rüdporto, — Nad)- 
drud jämtlicher Aufjäge ift nur mit ausdrüdlicher Erlaubnis des Verlages geitattet. 


Die Grenzboten 
Bolitik, Literatur und Kunſt, 


81. Jahrgang, 15. Juli 1922 
Nummer 25—27 


Morgenländiiches in unjerer Sprad)e. 
Von Prof. Dr. W. Berg (Karlsrube). 
1, 
Die Bibelund die Sprade Klopftods und Goethes. 


Mit dem Worte Orient verbindet fich bei uns die Vorſtellung de3 
Phantaſtiſchen und Märchenhaften, des Ueberfchivenglichen und — —— 
Vor unſern Geiſtesaugen erſtehen die — * Dämonengeſtalten 
der Sphinxe, Greifen und geflügelten Löwen, die gewaltigen Trümmer- 
hügel, ferner die Riejenbauten der Tempel, Pyramiden und Stönigspaläjte 
des Nillandes; wir denken an die eigenartigen Kultusformen des Nein 
und die farbenbunte Zauberpracht der Märchen aus Taufendundeiner Nacht, 
überhaupt an die großen Werte des orientalifhen Schrifttums, vor allem 
jenes, das eine fo eindringende und dauerhafte Wirkung auf unfer Volt 
ausgeübt hat wie fein anderes, an die Bibel. 

Schon in der althochdeutichen Periode unjeres Schrifttums waren die 
Mönche eifrig mit der Erklärung des heiligen Buches beichäftigt, und 
das meuhochdeutihe Schrifttum verdankt der Bibelüberjegung Luthers 
überhaupt feine Entftehung. Seit der Reformation bildete die Bibel im 
proteftantifchen alla nach Vikto Hehns!) Ausführungen die erſte 
und allgemeinfte Bildungsquelle: Die Jugend lernte daraus leſen; der 
Hauspater trug in die eriten, weißen Blätter die wichtigiten Familien- 
ereignifje ein; auf Bibeljtellen ſtützte fich die Predigt, die man nicht gern 
verfäumte, ja fogar oft nachſchrieb; die Bibel betrachtete man als die 
lauteve Wahrheit; fie galt als Geſchichtsquelle für die Urwelt, die Herkunft 
der Völker und ihre Schidjale. Im früheiten Lebensalter als Stoff auf- 
genommen, begleitete fie das Kind durch das ganze Leben und erjegte 
völlig das mannigfadhe Willen, das der Unterricht der Gegenwart der 
jungen Seele, nicht immer zu ihrem Bejten, übermittelt. In den Häufern 
der Wohlhabenden fanden ſich Bilderbibeln, deren Kupfer fi dem Ge- 
dächtnis unauslöfchlich einprägten, und auf den dort ebenfalls oft vor— 


1) Goethejahrbuch VIII. 1887. S. 187: „Goethe und die Sprache der Bibel.” 


— 266 — 


bandenen Buppentheatern wurden die beliebten Kein Geſchichten 
dargeſtellt. Am — ſuchten Eltern und Lehrer der Ju den 
nbalt der Evangelien einzuprägen, denn alles Heil der Seele hing vom 
Lauben davon ab. Daher wußte jeder, der irgendeine Schule befucht Hatte, 
im Neuen Teftament gut Beſcheid, konnte das Glaubensbefenntnis aus— 
wendig herjagen und bejaß einen Schag von Bibelfprüchen. Ungeachtet 
des Umſtandes, ie die Bibel nicht nur in der Sprache einer weit ent- 
legenen Vergangenheit, fondern auch in der einer morgenländifchen, ganz 
anders gearteten Raſſe gejchrieben und daß auch das Griechifch der 
Apokryphen und des Neuen Teſtaments femitifch gefärbt war, ging das 
Deutſch der Lutherbibel jeit den Tagen der Reformation allmählich in die 
wohnte deutfche Rede ein und verjchmolz mit ihr jo innig, daß man 
— gar nicht mehr unterſchied, was von dem, was man ſagte, ein- 
boren und was fremdartig war. Man empfand die Redemweile eines 
enfchen, der fich in biblifchen Wendungen ausdrüdte, ala echtes, natür- 
liche und von den Vätern ererbtes Deutjh. Hehn führt weiter aus, daß 
in der langen Zeit von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahr⸗ 
Hunderts, in der infolge der traurigen Schickſale unſeres Volkes der 
nationale Geift fat sun verfüimmerte, die Lutherbibel der einzige 
Halt des Armen war und daß das Bürgertum in den Tagen der Not, des 
Elends und der Trauer in der Bibel das einzige Mittel des Troftes und 
der Erquidung befaß und keine andere Form der idealen Erhebung fannte. 
Die vornehme Welt aber, die unter den groben und rohen oder verfnöcherten 
und fnechtifch gefinnten Volksgenoſſen nichts Anjprechendes fand, wandte 
fo den Sitten und der Sprache des Auslandes zu, und allmählich war von 
ort her eine Denkweiſe zur Herrfchaft gelangt, die man mit dem Ausdrud 
„Aufklärung“ bezeichnet. Als eine — — dieſer neuen, nicht 
auf nationalem Boden erwachſenen Bildung, die ſich von oberflächlichen 
u felbjtzufriedenen PVerjtandesbegriffen nährte, erſchien eime 
Sprache, die ebenfo farb- und blutlos, ebenfo dem Volks— 
emüt und der nationalen PVergangenheit abgekehrt war wie die 
chicht, aus der ie ftammte. Ihr und der abjtraften PVerjtandes- 
N he der aufgeflärten Schriftfteller gegenüber aber behauptete ſich 
te dichterifche Sprache als erhaltendes Element, infofern fie fich auf dem 
Naturboden des Volkes und der Ueberlieferung hielt und ſich als ebenſo 
fernig deutfch mic bibelhaft zu erkennen gab. Unſere großen Dichter, 
Klopfiod, Schiller, vor allem aber Goethe, kin an und mit der Sprache 
der Biber aufgemachten und haben den Zujammenhang mit ihr aud in 
ihren: fpäteren Leben nı" ganz verloren, 

Andere freilich wollten von der Wahahmung der jemitiichen Ausdrud3- 
weife nichts wiſſen. Zu ihnen gehörte vornehmlich Herder. Er mies 
mehrfach jehr emmdringlid auf den Umftand Hin, daß die Natur des 
Morgenlandes von der Deutihlands ganz und gar verichieden jei, und 
lg Geſchmacksrichtung, die Religion, die Sitten und die Sagen der 
beiden Länder ſtark voneinander abweichen. Daher könnten die aus dem 
Morgenlande geholten Bilder bei uns nicht mit der gleichen lebendigen 
Anihaulichkeit wirken wie dort und würden die mit ihnen gezierten Dich- 
tungen zu matten, wirfungslofen Schöpfungen machen. Er erklärte es fogar 
geradezu für unwürdig, fein Vaterland zu verlaflen und in der Fremde 
zu betteln, und für lächerlich, den Jordan und den Hermon neben den 


— 267 — 


Rhein und den Harz zu ftellen und die orientaliichen Tiger mit unfern 
Lämmern zu —— Wenn er aber aud von einer Nachahmung der 
orientaliichen Dichter nichts wiffen will, jo rät er doch dazu, fie zu 
tudieren, um die Kunft der Erfindung an ihnen kennen zu lernen. „Be⸗ 
leißigen wir uns mehr”, fagt er, „den Orient zu befchauen, d.h. die 
heiligen Gedichte zu verftehen und wirklich erflären zu konnen, jo würden 
wir e3 getwiß erlernen, mit orientaliihen Majtkälbern zu pflügen; wir 
würden uns, wenn wir ihre Kunſt nur ganz einjehen, zu ilderern 
unferer eigenen Natur ausbilden“. 

Aus diefer Stellung heraus erklärt fich denn > die Haltung, die 
Hewer im Gegenjaß manden feiner Zeitgenofien Klopſtock gegenüber 
einnahm. Während Dieje den „jeraphiichen” Dichter beivunderten und 
ihn fogar über Homer ftellten, bemängelt er mit Recht an ihm das Ueber- 
maß der morgenländifchen, biblifchen Sprache. „Es iſt ein Kennzeichen 
der Naturpoefie der ger”, bemerkt U. von boldt?), „daß de als 
Reflex des Monotheismus ftet den Gang des Weltall3 in feiner a 
umfaßt, jowohl das Erdenleben als die leuchtenden Himmelsräume. Sie 
teilt jeltener beim Einzelnen der Erſcheinung, jondern erfreut ſich der 
Anſchauungen großer Mafjen. Die Natur wird nicht geichtldert als ein 
für fi) Bejtehendes, durch eigene Schönheit Verherrlichtes; dem hebräiichen 
Sänger erjcheint fie immer in Beziehung auf eine höher waltende geiftige 
Macht. Die Natur ift ihm ein Gejchaffenes, Angeordnetes, der lebendige 
Ausdrud der Gegenwart Gottes in den Werfen der Sinnentvelt.” Diefen 
Su der Bejeelung der gefamten Natur um des erhabenen Weltichöpfers 
willen teilt Klopſtock mit dem hebräiſchen Sänger wirklih. Nach Geiſt 
und Ton find feine Hymmen — wie auch die des jungen Goethe, von denen 
= weiter unten die Rede fein wird — nad) DO. Weijes?) Charafterifierung 
„Abkömmlinge der, hebräifchen Lyrik“. Klopſtock wollte jo jchreiben wie 
David, wenn er ein Chriſt des Neuen Teſtamentes geweſen wäre, ge- 
— hätte. Auch die ſtrophiſche Ungebundenheit fand er nur in den 

jalmen.‘' Davids Lyrik ift auch in viel höherem Grade Gefühlslyrik, ala 
die von Pindar und Hovaz. Daher jagt Herder geradezu: „Klopſtocks Oden 
find Töne aus Davids Harfe.” Im Palm 98, V. 4-9, Heißt es: 
„Jauchzet dem Herrn alle Welt... .. da8 Meer braufe, und was darinnen 
it, der Erdboden, und die darauf wohnen. Die Waflerjtröme N loden, 
und alle Berge ſeien fröhlich vor dem Herrn“, und im Pſalm 114, V. 3 ff.: 
„Das Meer jahe und flohe; der Jordan wandte fich zurüd; die Berge 
büpfen wie Yämmer, die Hügel wie die jungen Schafe... Bor dem 
errn bebete die Erde, vor dem Gott Jakobs.“ Ganz ähnlich beginnt die 
pitodihe Dde an den Erlöfer: „Der Seraph ftammelt’s, und die Un- 
endlichteit / Bebt's durch den Umkreis ihrer ilde nad, / Dein hohes 
Lob, o Sohn!“, und in der „Frühlingsfeier“ heift eg vom Donner: „Höret 
ihr body in der Wolfe den Donner des Herren? / Er ruft: Jehova! 
Jehova! / Und der gejchmetterte Wald dampft.“ Auch an andern Stellen 
finden wir ähnliche Perſonifilationen. Da neigt jich die Morgenjonne vor 
Gott, da büden fich die Tiefen, da erheben die Höhen gefaltete Hände gen 
Himmel und die ganze Welt jauchzt, frohlodt und jubihtert ufw. n 


) Sm „Stosmos” II, 45. 
®) Aeſthetik der deutichen Sprade. ©. 252. 


— 268 — 


Schönaich fpöttelte über diefe Art dichterifcher Darſtellung. „Kaum fing 
ein göttlicher Klopftod zu jauchzen an, jo jauchzte unjer ganzer Parnaß.“ 
Mehr als uns Deutichen liegt diefer Ueberſchwang den Franzojen, die 
ke das Pathos und die hohen Töne liebten. So bezeichnet es auch 

oltaite als bon style oriental, wenn der Dichter läßt danser les 
montagnes et les collines, la mer s’enfuir, tomber les 6toiles, le soleil 
fondre comme de la eire. Daß manche folder ea 
unter der Einwirkung der biblifhen Bilderſprache in unjere Literatur, 
zumal in das Kirchenlied eingedrungen find, kann ung nicht wundern, weil 
das Kirchenlied ja die Spracke der hebräiſchen Naturpoefie nachbildet. ALS 
Beifpiel jtehe hier die Strophe: „Der Engel preifet Gott entbrannt, / use 
jauchzen Morgenfterne. / Der Menſch, der ihn nur ſchwach erkannt, / Ehrt 
ihn aus dunkler Ferne. / Ihm jauchzen in der Höh' und Luft, / Ihm 
jauchzen tief in 5 8 und Kluft / Der —— nze Heere. / Der Sonne 
— vacht, / Das blaſſe Licht der ftillen ! ndr I Verkündigt Gottes 
Ehre.” Man vergleiche hierzu Fr. Viſchers Worte): „Die ganze orien- 
taliſche Dichtung Per die Pracht des einzelnen in dem Grade, in welchem 
das innere Verhältnis ziviichen Idee und Bild nicht das organifch 
äjthetifche ift. Sie jchlägt dem ſymboliſchen, äſthetiſch dürftigeren Kern 
einen um fo reicheren, mit Bilderbrillanten beſäten Mantel um.” 

Der im Zufammenhang mit dem monotheiftiihen Gedanken jtehende 
Bug der hebraiichen Poefie nach Bejeelung des Unbefeelten war es aber 
nicht allein, der fich in unferer Literatur des 18. Jahrhunderts bemerkbar 
machte, jondern in weit höherem Grade zeigte ſich der Einfluß der Bibel. 
fpradhe darin, daß die Dichter Worte, tiverbindungen und ganze 
Redensarten bewußt aus ihr übernahmen, in vielen Fallen aber auch ganz 
unwillkürlich fich ihrer bedienten, denn der biblifche Ausdrud mar, wie 
oben bemerft wurde, ein feſt eingemwurzelter Bejtandteil ihrer Sprache 
getvorden und jelbit die Gleichniffe, die nur dur die Sitten und die 
phyſiſche Natur des Morgenlandes verjtändlid waren, erichienen ganz 
natürlich und gingen in den Sprachgebrauch über. Diejer enge Zu- 
ſammenhang mit der Bibel und ihrer Sprache läßt fich beſonders gut bei 
GBGoethe, dem großen Meijter des bildlichen Ausdrucks, nachweiien. 
Nach feinem eigenen Zeugnis verdankte Goethe feiner Mutter „die Froh— 
natur und Luſt zu fabulieven“, aber noch mehr, auch vielfache Anregungen, 
befonders in der Kindheit. Es iſt aljo nicht zu verwundern, daß er jein 
ganzes Leben hindurch die Fähigkeit behielt, alles plajtiich zu jehen und 

ildlih auszudrüden. Keſtner jagt 1772 über dieje e Goethes: „Er 
befigt eine außerordentliche Einbildungstraft, daher er ſich meiſtens in 
Bildern und Gleichniffen ausdrüdt. Er pflegt auch ſelbſt zu jagen, daß 
er fich immer uneigentlich ausdrüde, niemals Khan ausdrüden könne”. 
Das wird z. B. Har, wenn wir die jchöne Stelle betrachten: „Der Abend 
wiegte ſchon die Erde, und an den Bergen hing die Nacht, fchon ftand im 
Mebelkleid die Eiche, ein aufgelürmter Rieſe da, wo Finſternis aus 
dem Gejiträuche mit hundert ſchwarzen Augen ſah.“ Welche Fülle von 
ichönen, höchſt anjchaulichen Bildern! In einer ſtark mit bibliichen Ent- 
leßnungen durchjegten Sprache hörte der Knabe Goethe die Eltern und 
Großeltern iprechen, jo ſprach man auch in der Verwandtichaft. Er kannte 


®) Aeſthetik III, 1218. 


— 269 — 


e3 nicht anders und wiederholte auch als Jüngling nur, mas er jeit 
früher Rindheit gehört hatte, re von der Mutter, die mit der Bibel 
auf dem beiten Fuße jtand und fie häufig in Stunden des Ziweifels und 
der Sorge als Orakel zu Rate zog. So wurde auch bei einer Erkranfung 
des Sohnes durch den ru des Jeremias von den Weinbevgen Samaria 
ihr Herz rk und getröſtet, und im ihren Briefen finden wir fait 
ftet8 eine Anfpielung auf Biblifches, ein Wort, eine Wendung, ettva 
ein Ton aus dem Plalter, der ihr zum Ausdrud ihrer Gedanfen oder 
Gefühle wird. Daher fonnte Goethe mit Recht im 7. Buche von „Dichtung 
und Wahrheit” das Belenntnis ablegen: „ch für meine Perſon hatte 
die Bibel lieb und wert; denn falt ihre allein mar ich meine fittliche 
Bildung ſchuldig, und die Begebenheiten, die Lehren, die Symbole, die 
Sleichniffe, alles hatte fich tief bei mir eingedrüdt und war auf die eine 
und die andere Art wirkſam gemejen.” Bejonders nn klingt uns die 
Sprache und Vorftellungsweije der Bibel aus dem Munde des jungen 
Goethe entgegen, zumal in der Zeit, in welcher der Einfluß Stlopitods 
auf ihn noch ſehr ftart war. Schon als Knabe hatte er die Meſſiade 
gem: und fchon feit 1767 jpricht er in den Briefen und Oden an 
ehrijch mit Klopjtods Zunge, In Leipzig mit der Sprache Gotticheds 
und Gellerts befannt geivorden, fügt er fi anfangs dem Zwange der 
meißniſchen Mundart und dichtet auch ganz in dem fühlichen, anafreon- 
tiſchen Geifte der Zeit, er wurde, wie er es treffend im feiner bildlichen 
Art bezeichnet hat, „ein Schäfer an der Pleite“. Aber feine uberdeutiche 
Mundart jtößt noch hier bald mit der galanten Leipizger und allein für 
maßgebend geltenden meißniſchen zujammen, und er vernterft es auch 
übel, daß ihm die Anjpielungen mit bibliichen Sternitellen unterſagt fein 
follten. Aehnliche Zeugniſſe enthalten auch die Anerkennungen zum 
„Weſtöſtlichen Divan“. in Leipzig brach er daher mit dem Zwange, 
und der Einfluß Klopſtocks trat deutlich hervor. Dieſe mehr deutſche 
Richtung verſtärkt fich in Straßburg, wo noch die Einwirkung der gotiſchen 
Baukumtt des Münfters und der Einfluß Herders hinzufam, der ihn mit 
Shakeſpeare, Offian, Pindar und der Poeſie des Volksliedes befannt 
machte. In der Zeit des Sturmes und Dranges, die ihren Ausdrud in 
dr fraftgenialifchen Sprache fand, erinnert feine dichteriiche Sprache, 5. B. 
in „Elyſium, —— Morgenlied, Felsweihgeſang“ und in den ſchon 
emäßigteren Gedichten „Mahomets Geſang, Prometheus, Harzreiſe im 

inter, Wanderers Sturmlied, Geſang der Geiſter über den Waſſern, 
An Schwager Kronos“ ſtark an die Tone, die der „ſeraphiſche“ Dichter 
feiner Harfe entlodt hatte. In Goethes Jugendwerken jtoßen wir fort- 
während EN Ausdrüde aus der Lutherbibel. So finden wir das zuerft 
Sprüche Sal. 25, 11 angeführte Bild von den goldenen Aepfeln in filbernen 
Schalen von ihm fogar fünfmal verwendet, 5. B. in W. — Lehr- 
jahren V, 4; dreimal begegnet die Wendung aus Pred. Cal. 1, 9. „Es 
geihicht nicht3 Neues unter der Sonne“ und jiveimal Matth. 5, 45 „Die 
onne aufgehen laffen über Böſe und Gute”. In feinen Briefen aus 
Stragburg und Frankfurt jcheint ſich der werdende Dichter fat nur in 
bibliſchen Entlehnungen ausdrüden zu können. So jchreibt er an Herder: 
nt uns köſtlicher denn Myrrhen, tut wohl mie Striegel und 
Härentuch dem aus dem Bade Steigenden“ und „ich jah den gepeitichten 
Heliodor an der Erde, und der himmliſche Grimm der rächenden Geiſter 


— 270 — 


fäufelte um mich herum“ (nach 2. Makkab. 3); an Keſtner 1773: „Ich 
wandere in Wüften, da fein Waffer ijt; meine Haare find mir Schatten 
und mein Blut mein Brunnen“ und „. .. daß ich wünſche, er möge den 
Hals brechen wie Eli (nad 1. Sam. 4, 18); an Schönborn: „aber ich 
böre das Philiſtervolk ſchon rufen „Er tft voll ſüßen Weines’ und der 
Landpfleger wiegt ſich auf I Stuhle und jpricht: „Du vajeit!”“ (nad 
Apoftelgeih. 26, 24). Zahlveich find auch Bibeljtellen in den Jugend— 
werfen. So jagt der Wirt in der 1. Szene des „Götz“: In meiner 
Stube folls ehrlich und ordentlich zugehen“ (nach 1. Kor. 14, 40); Bruder 
Martin: „Der Wein erfreut des Menjchen Herz“ (Pfalm 104, 15) und 
„Wohl dem, der ein tugendiam Weib hat, des [ebet er noch eins fo lange,“ 
wörtlich nach Jeſ. Sir. 26, 1; Liebetraut: „Ein Prophet gilt nichts in 
Vaterlande“ nach Matth. 13, 57; der Biſchof: „. . . und das 
eich ijt eine Mördergrube” nad) Matth. 21, 13; ferner Göß: „. . . Daß 
ich nicht jehen joll, wo alles hinaus molle” nach Matth. 26, 58 und 
zu - . die mein Fleifch gaben den Vögeln unter dem Himmel und den 
Tieren auf dem Felde zu freſſen vorjchneiden follen” nad) 1. Sam. 17, 44; 
Adelheid: „o ihr —— immer Zeichen und Wunder Na lc 
biblifhe Wendung) uſw.“ Auch in den älteren Teilen des „Fauft“ find 
Ir Stellen kr, Der „Prolog im Himmel” ift bekanntlich eine 
ahbidung der eriten Stapitel des Buches Hiob, zum Teil jogar mort- 
getreu. Ferner fagt Fauft: „ob mir durch Geiltes Kraft und Mund” 
nah Röm. 15, 19; derjelbe zu Wagner: „Sei er fein jchellenlauter Ton“ 
nad 1. Kor. 13, 1., wenn er nicht ohne biblifche Erinnerung darunter 
einen Narren jchlechthin verfteht; der Bürger vor dem Tor am Oſter⸗ 
morgen „als ein Geſpräch von Krieg und Kriegsgejchrei” nad) Matth. 24, 6 
und Mark. 13, 7; SER zu a Martha: „Habe noch gar einen 
feinen Gejellen“ nach Tob. 5, 5; und ebenfalls Mephifto: „Ein eigner 
Herd, / Ein braves Weib find Gold und Perlen wert” nah Sprüd). 
Sal. 31, 10; Margarete: „Ihr Engel, ihr heiligen Scharen, / ert 
euch umber, mich zu bewahren!” Die Zeile „Die Augen gingen ihm 
über“ im „König von Thule“ ftammen aus Joh. 11, 35, wo von Jeſu 
she wird, 2; ihm die Augen übergingen wegen des Lazarıs. Im 
„Prometheus“ jteht „sch habe fie geformt nad meinem Bilde“ nad) 
1. Mof. 1, 26 u. 27 und „Da ich ein Kind war” nach 1. Kor. 13, 11. 
In „Werthers Leiden 3. Nov.“ läßt Goethe Werther, der Gott um Tränen 
bittet, Worte gebrauchen, wie fie der Adermann in der Bibel heit: 
„3% habe oft Gott um Tränen gebeten, wie ein Adermann um Regen, 
wenn der Himmel ehern über ihm ift und um ihn die Erde verdürſtet“ 
(5. Moſ. 28, 23—24); und wenn er jieht, wie die Mädchen am Brunnen 
Wafjer Holen, jo taucht vor ihm das Bild der Rebekka auf. n einer 
Volksſzene im „Egmont“, die alfo wohl a der Frankfurter Zeit ent- 
ſtammt, fteht die Stelle: „Was an 2 tft, Ruhe zu erhalten, Leute, das 
tut!“ nah Röm. 12, 18 und in „Stella“: „Das tut die Jugend: werden 
ſich fchon legen die ftolzen Wellen“ nad) Hiob 38, 11. j 
Aber auch in den folgenden Perioden, den Zeiten des abgeflärten, 
helleniſtiſch idealen Gtils, find Worte, Wortverbindungen und Rede— 
wendungen aus dem biblifchen Sprach- und Vorftellungsfreife keineswegs 
[lie So ae mir die jchon oben erwähnte Stelle Matth. 5, 45 in 
er Ode „Das Göttliche”, wo es Heißt: „Denn unfühlend / Iſt die 


— 3 


Natur: / Es leuchtet die Sonne / Ueber Bol’ und Gute.“ Zahlreich find 
auch die Belege aus der fbbigenie So Pylades: „Und was wir tum, 
ift, wie e8 ihnen war, / Voll Muͤh' und eitel Stückwerk“, worin Pjalm 90, 
10 und 1. Kor. 13, 9 vereinigt find, und ebenfalls Pylades „Die Götter 
rächen / Der Väter Miffetat vn an dem Sohn; / Ein jeglicher, gut 
oder böſe nimmt / Sich feinen Lohn mit feiner Tat hinweg. / E3 erbt 
der Eltern — nicht ihr Fluch,“ eine Stelle, in der lauter Formeln 
der Bibel, 3. B. 2. Mof. 20, 5, vereinigt find, aber der Sinn gr ent⸗ 
gegengefeit it. In der Ballade vom „Fiſcher“, aljo in einer Dichtung, 
die der Myſtik des Naturlebens, mithin einer ganz andern dichterifchen 
Welt angehört, fteht am Schluffe dennoch die biblifche Stelle „Und ward 
nicht mehr gejehn,” die fih 1. Mof. 5, 24 findet. Sie begegnet übrigens 
auch bei Schiller in der „Braut von Meflina”, mo Don Manuel jagt: 
„.. . entſchwand fie mir und ward nicht mehr gejehn,” was möglidyer- 
weije eine Erinnerung an die Goethejtelle ijt. 

Häufig find die biblifchen Beziehungen in den Briefen und im Tage— 
buch, aljo oe in flüchtig ——— Aufzeichnungen. So erinnert 
er ſich am 21. Sept. 1780 an die Verſuchungsgeſchichte Jeſu, als er ſchreibt: 
„Bir ſtiegen, ohne Teufel oder Söhne Gottes zu I a hohe Berge und 
die Zinne des el3, da zu jchauen die Reiche der Welt und ihre Müh- 
feligleit und die Gefahr, ſich mit einem Mal herabzujtürzen“ und am 
12. April 1782: „Erlaube, wenn ich zurüdtomme, daß ich dich nach meiner 
Art auf den Gipfel des Felfens führe und dir die Reiche der Welt und 
ihre Herrlichkeit zeige.” So aud in der „Harzreife im Winter”: „Du 
ftehft mit unerforſchtem Bufen, / Geheimnisvoll offenbar / Ueber der 
erjtaunten Welt / Und ſchauſt aus Wolten / Ueber ihre Reiche und Herr- 
lichkeit.“ ALS er fich irgendivie vergangen hat und die Geliebte (Frau 
v. Stein) ſich ftreng und kalt gegen ihm ezeigt, vergleicht er fich mit dem 
Gefreuzigten.(29. Oft. 1780): „Ob ich Vergebung verdiene, weiß ich nicht, 
Mitleiden geroiß: So geht3 aber dem, der ftill por fich leidet und durch 
Klagen weder die Seinigen ängjtigen noch jich erweichen mag — wenn 
er endlih aus gedrängter Seele Eli, Eli, lama asabthani ruft, 
fpricht das Volk, du haft andern geholfen, Hilf dir felbft, und die Beſten 
überjegens jaljh und glauben, er rufe dem Elias.” Am folgenden Tage 
trägt er in fein Tagebuch ein: „Aber ich laſſe doch nicht ab von meinen 
Gedanken und ringe mit dem unbekannten Engel, EN ih mir die Hüfte 
ausrenten (wie der Erzvater Jakob, 1. Mof. 33). om Gipfel des Gott» 
hard fchreibt er am 13. November 1779: „Doc find wir ſchon durch jo 
vieles Große durchgegangen, daß wir wie Leviathane find, Die den Etrom 
trinken und fein nicht achten” (nad) Hiob 40, 18); und im Briefe vom 
9. Mai 1782: „Ein Fremder fommt immer wie Israel durchs Note Meer, 
ein Zauberjtab macht die feuchten Wände jtehend — wehe dem, über den 
fie zufammenjchlagen!” Auch wo fich feine beftimmte Stelle finden ill, 
die den Ausdrud eingegeben hätte, vernehmen wir biblifchen Klang, 3. B. 
in dem Briefe an Frau v. Stein vom 13. September 1777: „Ich En e 
Pſalmen dem Herrn, der mich aus Schmerzen und Enge wieder in Höhe 
und Herrlichkeit gebracht hat.” Auch die Briefe aus Stalien, die noch in 
diefen mittleren LXebensabjchnitt gehören, bedienen ſig oft genug bibliſcher 
Formen. So gleich anfangs 19. Oktober 1786 aus Bologna: „Es iſt, als 
ob ſich die Kinder Gottes mit den Töchtern der Menſchen vermählten, 





— 272 — 


daraus entjtanden mancherlei Ungeheuer” nach 1. Moj. 6, und in dem- 
elben Briefe: „ . . und jo geht mirs denn wie Bileam, dem fonfujen 
ropheten, welcher jegnete, da er zu fluchen gedachte” (4. Mof. 22, 23); 
aus Neapel 3. Marz 1787: „Die Erde ift überall des Herrn“, na 
Pjalm 24, 1; vom zweiten Aufenthalt in Rom, 23. Auguft 1787: „Nun 
at mich die menjchliche Geftalt gefaßt und ich fie, und ich jage: Herr, ich 
ffe dich nicht, du feoneit mich denn, und follt ich mid) lahm ringen” 
(wie oben 1. Mof. 32) und in demijelben Briefe: „Die Geſtalt diefer Welt 
vergeht” (1. Kor. 7, 31), und am 28. September 1787: „Co lebe ich denn 
glüdlich, weil ich in dem bin, mas meines Vaters iſt“ (Zul. 2, 49). Im 
5. Akte des „Egmonts“, der in Rom gejchrieben fein wird, fagt Braden- 
burg: „Er war der reihe Mann und lodte des Armen einziges Schaf zur 
bejjeren Weide herüber” (nad) der Parabel Nathans 2. Sam. 12). Auch 
in „Rajtloje Liebe” ift der Ausdrud „Krone des Lebens”, der kurz vor der 
italienifchen Reiſe dem Gedichte — wurde, der Offenbarung 2, 10 
entlehnt, ſowie das Motto, das er ſich in den erſten Wochen nach ſeiner 
Rückkehr zur Lebensführung erwählte: „Wenn du ſtille biſt, ſo wird dir 
eholfen“ (Karoline Herder an ihren Mann 8. Auguſt 1788) nur die 
tellen Jeſ. 30, 15 und Pſalm 62, 2 wiederholt. Auch wo er nicht die— 
felben oder ähnlihe Worte braucht, fieht er mitten im Haffifhen Lande 
biblifche Szenen vor Augen: fo in Palermo, 13. April, den Zug der Kinder 
Israel durchs Note Meer oder in der Todesgefahr auf der Seefahrt von 
Meifina nach Neapel den ftürmifchen See Tiberias und die Rettung durch 
den Herrn. 

Nach der Rüdkehr nad) Weimar erfolgte bekanntlich die Umwandlung 
in en Stimmung und Verhalten. Bon da ab begegnen wir bei ihm 
feltener jolhen biblifchen Erinnerungen, aber ganz hören fie nie auf. Selbit 
in den antitheiteren, zärtlichen, mythologifch gefärbten „Römifchen Elegien“ 
Elingt noch der Vers: „Und mir leuchtet der Mond heller als nordijcher 
Tag” an Pjalm 139, 12 und in der 1. Epijtel „. .. Doch bald wie jeder 
fein Antlig, / Das er im Spiegel gejehn, vergißt“ an Ep. Jakobi 1, 23 und 
24 an. Auch in „Hermann und Dorothea Gef. 5” erinnert der Vers: 
„Die gebt mir, Vater“ an Richter 15, 2 und der andere Gef. 6 „Glüd dir 
und dem Weibe der Jugend“ an Sprücd. Sal, 5, 18, oder die Rede des 
Vaters: „Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit 
waltet, / Da gewöhnt fich leicht der Bürger zu ſchmutzigem Saumjal” an 
Jeſ. Sir. 10, oder Hermanns Worte: „Und nicht das Mädchen allein 
laßt / Vater und Mutter zurüd, wenn fie dem ermähleten Mann folgt; / 
Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater, / Wenn 
er das Mädchen ſieht, das einzig geliebte, daponziehn” an 1. Mof. 2, 24. 
Auch „Wild. Meister” er mit dem Hinmweife auf die altteftamentliche 
Geſchichte: „Du fommft mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, 
eines Baters Efelinnen zu fuchen und ein Königreich fand“; und wenn 

ignon fingt: „Zieht mir das weiße Kleid nicht aus — / Dort ruh' ich 
eine Heine Stille —“, jo ſchwebt dem Dichter Offenbarung 6, 11 vor, und 
in ihrem Sehnfuchtsliede: „Ach, der mich liebt und kennt, / Iſt in der 
Weite —“ Hiob 16, 19. Aus der fpäteren Proja fei aus „Dichtung und 
Wahrheit Buch 13” nur die eine biblifhe Wendung angeführt: ar trete 
die Stelter allein” aus Jeſ. 63, 3. Noch am Schluffe des Lebens brachte der 
Dichter im 4. Akt feines Fauft die drei Gewaltigen: Raubebold, Habebald, 


- 73 — 


—— und die Eilebeute aus dem Alten Teſtament hervor, indem er 
Jeſ. 8 und 2. Sam, 23 zuſammenfaßte. 

Wir würden alle diefe und die vielen andern biblifchen Stellen in 
Goethes Vers- und Proſaſprache, mögen fie fich an beitimmte Bibeljtellen 
anknüpfen oder nur allgemein biblifches Gepräge haben, ungern vetmiffen, 
weil fie dazu beitragen, uns Goethes Sprache al3 deutfch, heimatlich und 
traulich empfinden zu laffen, jo wie fie auch auf feine eriten Lefer wirkten. 


(Fortfegung folgt.) 


Im Steinbrederdorf. 


Kulturbilder ausdem Arbeiterleben. 
Bon Hans Schoenfeld. 

Wo die waldigen Ufer der vereinigten Mulden von idylliiicher Hügelform 
unmerklich zur Leipziger Ebene abflachen, liegt das Steinbrecherdorf. Vor 
taujend und mehr Jahren opferte man in diefen Hainen, auf diefen Höhen, 
die weithin fichtbar wie breite Zuderhüte ins Land lugen, dem Bilbog und 
Tihornebog. Die Opferftätten find längſt verſchwunden; aber der Götter 
Sagen quillt aus dem felfigen Untergrund: Jener ſchöne bläuliche Etein, der 
feit Sahrzehnten weit ins Land hinausgeht und jo mancher deutſchen Stadt ihr 
gutes Pflajter, jo manchem Rieſendenkmal feine Duadern geliefert hat. 

Sn die unerjhöpflihen Schätze des Felſes jprengen und beißen fich die 
Steingräber hinein, die es zu recht ftattlihen Betrieben gebracht haben. Heute 
ftellen fie eine gewichtige Induſtrie dar, die mit ihren Umſätzen einen guten 
Poſten in der Faktura deutjcher Volkswirtſchaft darftellen und Zehntaufenden 
Ausfommen gewähren. Der Staat fieht fie gern: Eie benötigen feine teuren 
Auslands-Rohitoffe, jondern verarbeiten eigenes Urproduft, das Auslands 
deviſen jchafft. 

Wie Jahr um Zahr fand ich mich auch heuer in dem alten Nefte ein, das 
feinen dörflichen Charakter kräftig wahrt und nur in den hohen Lade-Rampen, 
den Kipploren und geſchichteten Steinmafjfen, die auf ſchmalen Geleifen von 
den Höhen rechts und links gerollt kommen, den induftriellen Einjhlag ahnen 
läßt, der in des Dorfes Steuerfumme den Hauptbetrag ficherjtellt. 

Und wenn man von fernher auf ſachte fallendem Wege dem Dorf im 
Grunde zufchreitet (wie weiland Göſchens Korrektor und Autor Johann Gottfried 
Seume oftmals am Wochenſchluß), ſo fünnte man glauben, es gäbe nichts 
Friedlicheres als diejes ſächſiſche Dorf mit feinem jchönen alten Gotteshaus, den 
mädtigen Eichen des Rittergutsparfes, den ftattlihen Gaſthöfen und der pein- 
lihen Sauberkeit auf Gaſſen und Höfen. 

* 

Im vorigen Jahre türmten ſich die Läger. Der Bruchherr machte ein 
ſorgenvolles Geſicht. Dreihundert Arbeiter und jede Woche über zwanzigtauſend 
Mark Lohngelder zu zahlen, die die Frau des Arbeitgebers in ihrem Ein— 
ſpänner von der Bank in der Freistadt holt... . 

Ich ſpreche gern mit den Leuten. ES iſt meift alter Etamm, der jeit 
zwei Jahrzehnten und länger in den Brüchen arbeitet und fich bis ins Eleinfte 
ausfennt. Vater, Mutter und Eohn arbeiten in Dugenden von Familien. 


— MU — 


Der Alte bofjiert — eine hohe Kımft, zu der man Hand und Blid, Sitzfleiſch 
und eine Abgehärtetheit gegen Wetter und Wind vom Mutterleibe ber mit» 
bririgen muß. Mit folhem Stamm hochwertiger Arbeiter jtebt und fällt 
der Betrieb. 

Ein hartes Geſchlecht Hauft im Steinbreherdorf. Dem zähen Bauern fteht 
diejer ländliche Jnduftriearbeiter nit nad. Man muß diefe knochigen Frauen 
in den Kriegsjahren an der Arbeit gejehen haben, meift mächtige Gejtalten, 
die zu den großen Kerls paſſen — den geborenen Fußartilleriſten, Kolonnen« 
fahrern und Pionieren. 

Ich babe diejen Frauen eine unerſchütterliche Hochachtung bewahrt. Sie 
arbeiteten ſchwer und ausdauernd. Die Männer konnten's faum befjer. Sie 
hielten das Unternehmen über den Krieg durch, ohne groß ein Wort darüber zu 
verlieren. Sept kriegen fie Jahr um Jahr ihr Kind und machen die ſchwere 
Haus⸗ und Feldarbeit dazu. Denn der Dann will gut und reichlich eſſen und 
die vielen hungrigen Sindermäuler friegen zwei Maſtſäue, Dußende von 
Karnideln im Jahre Har. Die Milch, die fie brauchen, um Kern auf den Leib 
zu kriegen, fann eine Ziege nicht jchaffen. Es müfjen ſchon zweie fein. 

Natürlid find die Männer rot, U. ©. PB. D. Das geht nicht anders, 
denn rund um Leipzig gedeihen feine gemäßigten Sozialiften. Die Jungen 
find reine Kommuniften. Arbeiten fie nicht im Bruch oder auf dem Ritter» 
gut, dann fahren fie .mit ihrem Rad in die Papierfabrit, die Tag für Tag 
einen eigenen großen Zug nad) Berlin ablaufen läßt. 

Als ich heuer in die Berge ging — gähnten die Ladeſtellen leer. Bor 
ben Bofjiererhütten fahle Flecke, wo jonft ftattliche Pyramiden wuchſen. Alles 
rollt nad Holland und Dänemark. Ein faures Stüd Arbeit für den Befiger, 
dieje Baluta-Abjakgebiete zu fchaffen. 

Die Arbeiter wiffen dad. Man braucht es ihnen nicht erft zu jagen, daß 
nur der Kopf des Herrn, jeine Verbindungen, jeine Unermüdlichfeit dieſe Hoch— 
fonjunktur zumege braten. Aber das ift ihnen fo jelbftverftändlich, daß fie 
einem Prager rund heraus erflären würden: Der arbeitet ja im eigenen inter» 
effe, denn das Meifte bleibt doch bei ihm hängen. 

Man glaube nicht, daß diefe hellen Sachſen in den volfswirtichaftlichen 
Unnatürlichfeiten dieſer phantasmagorifhen Zeit nicht ſoviel Einſicht auf: 
brächten, um zu ahnen, daß die Sache eines jchönen Tages ein Ende hätte. 
Darum fuchen fie aus der fünjtlihen Hauffe für fi) berauszufchlagen, was fie 
nur irgend können. Aus den 20000 Mark MWocenlöhnen des vorjährigen 
Sommers find 110000 Mark geworden. Ein guter Boflierer bringt jeine 
1000 Mark am Wochenende mit heim. Arbeiten Mutter (oder ältere Tochter) 
und Sohn mit im Bruch, fommen wenigſtens nochmals 4000 Markt im Monat 
dazu. Eine andere Tochter geht nad Leipzig ſchneidern und ſchafft ſchönes 
Geld. Aufgebraucht werden diefe Zehntaufend und mehr im Monat natürlid) 
nicht. Man verbehlt dies auch gar nicht, denn niemand würde e8 glauben, daß 
diejer ländliche Haushalt, dem aus zwei Morgen billigen Pachtlands noch Kar» 
toffeln, Gemüfe und Obſt aus dem Garten zufließen, Mittel verjchlänge, 
mit denen man in der Großſtadt vecht gut auch heute noch auskäme. Dean legı 
fih aber in den ſchmucken Koloniftenhäufern und auf den ehemaligen zwei 
Bauerngütern, die zum Betrieb gehören und vier Familien austömmliche 
Unterkunft bieten, das Geld nicht auf die Kante; denn man traut dem Papier 
fo wenig als dem Staat, der e3 druden läßt. Man legt es in greifbaren 
Werten an: Stoffe werden davon auf Jahre hinaus in ber Stadt gekauft. 


— 278 — 


Guter Stoff. Die Jungen fahren Sonntags wie aus dem Ei gepellt in die 
kleinen romantiſchen Muldenſtädte. Zweiter Klaſſe natürlich. (Vierter nur 
noch die Eltern, dritter auf Monatskarte die ſchneidernde oder majchinen- 
ihreibende Tochter.) Der Bruchherr fährt ſchon lange dritter. Seine Arbeiter 
(und erjt recht der kommuniſtiſche Sohn) finden das jo lange in der Ordnung, 
als er in jeinem jchönen großen Haufe noch feinen Untermieter (einen Junge 
fommuniften, der was Stäwtijches heiraten und eine ſchicke Wohnung haben 
will) haben mag, und zu jeinen Gejchäftsfahrten eine richtiggehende Kutſche 
mit Kutjcher und Pferden benugt. Wie fommt er dazu? Und daß der befannte 
hohe General vom Schloß nebenan (wo er mit feiner Frau drei Zimmer von 
der Verwandtſchaft befommen hat) Vierter fahren muß, um feinen Sohn von 
feiner Penſion Medizin in Leipzig jtudieren laffen zu fünnen, findet der 
Steinbrucharbeiter nicht nur jelbitverftändlich, jondern hungern müßte er und 
zu Fuße laufen. Denn für ihn it feine ſtaatliche Einrihtigung gejchaffen. 
Das war einmal. 
* 


Es geht ihm alſo gut, dem Brucharbeiter, und wird ihm alle Woche beſſer 
geben, ſolange die Lohnſchraube ſich luſtig leiern läßt. Jeden Mittwoch kommt 
von Leipzig der „Achidadohr“ heraus, der „Alles ordnet“. Nach ſeiner Pfeife 
tanzt alles. Obenan der Arbeitgeber. Warum auch nicht? Warum bat man 
den Krieg verloren und die Revolution gewonnen? 

Davon abgefehen: In Anbetracht der neuen Zeit möcht man fi in Haus 
und Hof noch dies und das zuichaffen. Vom eigenen Geld? Nu heern Se nee! 
Das wird anderjcht gemadt. Das geht Sie nu efo: 


Was d'n Herrn feine Frau iS, die mag nur für ihr Geld den großen Objft- 
und Gemüjegarten durch de Kutiherfrauen und den Gärtner aus der Stadt hibſch 
herrichten laſſen — und wenn's joweit is, dann hol’ merich ung bei Nat. Ja 
das iS nur mal ejo. Das weeß je ooch. Das gehört äb'n mit derzu. 


So und dann: Wozu liegt'n das viele alte Eifen von de Loren und Maſchinen— 
teile aus'n Werkftätten rum? Ordnung is was Scheenes. Schaff’ merich weg, 
das alte Gerimpel, wärd ſich der Härre färſch Offreimen noch bedanken kenn! 
Die paar Grojchen, die de Leipzcher Eifengießerei derfier bezahlen dut, red’ mer 
nich dervon. 

Anbauen mecht' mer ooch gern an den Stall. Warum denn nicht 'ne 
Guh ftatt 'ner Zieche? Ziechelſteene? od, die find bale geſchafft. Wozu ham’ 
mer denn die alte Bruchſchmiede oben im verjoffenen Bruch? Nitzt keenen 
niſcht mehr dort; uns aber deftomehr hier unten. 

Und jo rollt es und farrt es in dunklen Nächten herauf und herunter. 
Kommt der Herr auf jeinem Reviergang (wenn's ihm der Gutsiörjter oder 
ein bürgerlich jtimmender Bruchmeifter unter Schweigepflicht nicht vorher 
Ihon geitedt Hat) nach dem im Krieg erjoffenen tiefen Bruch und jieht die 
Beiherung: Kein Stein auf dem anderen; dafür im Dorfe (Hinten raus nach'm 
Felde) neue Ställhen — nır da foll’r nur emal den Polizeier holen und Haus— 
fuhung maden, dann gibt's bafjiefe Rehjaftänz und er fann jehen, wie er jeden 
Tag feine vierzig Güterwagen voll nausfriegt. Und wenn er’3 troßdem tut, 
dann joll er fih'n Mäurer mitbringen und zujehen, wie er jeine Steene einzeln 
zuſammenholt und oben wieder aufmäuert. Aber lange wird der Gaften dann 
nicht ftehn. Dann gibt's Kleenkrieg. - 


— 2176 — 


Das ift der Arbeiter von heute. Man jollte verzweifeln an Deutjchlands 
Wiederaufftieg; allein nach diejem einen einzigen Beiſpiel unter Taujenden. 

Und doch! Diefer jelbe Arbeiter, der dem Herrn auf feine Frage: Was 
wollt Ihr eigentlich noch? Ihr lebt doch viel befier als vor dem Kriege — kühl 
entgegenhält: Noch befier leben und weniger für Sie, defto mehr für uns 
arbeiten wollen wir, befunden — ihnen felber oft unbewußt — Handlungen, die 
man in fatierliher Zeit Betriebstreue, Zufammengehörigfeitsgefühl, Verant- 
wortlichfeit genannt hätte. 

Da bleiben etwa die Güterwagen weg oder es kommen jtatt der täglich 
gebrauchten 35 nur 10: Schon nimmt fich der Betriebsrat der Sache an. ALS 
es einmal gar zu lange dauerte, waren die Leute drauf und dran, zur Eijenbahn- 
direftion oder gleich nach Dresden zum Minifter zu fahren, und mit ihm deutſch 
zu reden. 

Oper: Ein junger Kerl, der aus Gnade und Barmderzigfeit eingejtellt 
wurde, um der Gemeinde als Erwerbslofer nicht zur Laft zu fallen, quält das 
Ihwere Pferd, das die beladenen Loren bis zur Laderampe zieht, aus purer 
Saulheit, weil er den Weg nicht zweimal mit der bvorgejchriebenen Höchitzahl 
von Hunten maden will, unmenſchlich. Ein Lader fieht das und macht dem 
Lümmel Borhaltungen. Auf defjen höhniſche Bemerkung, der Arbeitgeber möge 
nur einen neuen Hafermotor anjchaffen, wenn der alte faput jei, daS gehöre 
zum Gejchaftsunfoften-Stonto, ſetzt der alte Arbeiter es tat'ächlich durch, daß 
auf Bejchluß der Arbeiterihaft dem fchamlojen Gejellen das Kutſcheramt ent- 
zogen wird. 

Zum Dritten: In Leipzig finden fie, daß die Bruch-Leute viel zu ſtill und 
gleihmäßig geworden find und dringend der Auffriſchung bedürfen. Schon einmal 
haben ſie einen Vertrauensmann in den Betrieb hineinpraftiziert: Einen Polen, 
ſcharf wie Staheldraht und mit einer Suada, der aud die größte fächltiche 
Klappe nicht gewachſen war. Der Mann machte dem Bruchherrn und dem 
Gemeindeamt, dem Rittergut erjt hart zu ichaffen. Seit Jahr und Tag bat 
er ein nettes blondes Mädel, einen diden Buben und im Stall Kuh und 
Schwein. Er ift ſehr ftill geworden, hat ſich nicht wieder in den Betriebsrat 
wählen laſſen und fieht zu, daß er's auf ſeinem Fleckchen Erde voranbringt. Ein 
mißglüdtes Experiment, ftellen die Leipziger feft. Ihr neuer Sendling wind 
ihnen ſolche Enttäuſchung nicht bereiten. Am Sonntag trat der Krebsrote an; 
inoffiziell in den Schenken und Häufern fi einzuführen. Am Montag ſaß 
er ſchon wieder in Leipzig und brachte einen Zettel vom Betriebsrat mit: Das 
Unternehmen arbeite ohnehin mit zuviel ungelernten Kräften und der fremde 
Genoſſe werde feine Freude an den Arbeitstollegen erleben, die ſich alle lange 
fennten und die bejonderen Verhältniffe am rt ganz amders zu beurteilen 
verjtünden als ein ganz Neuer. 

Kurzum: Sie halten darauf, daß die Arbeit im Bruch den Anjäjligen und 
ihrem Nachwuchs gelichert bieibt. Nicht dem Arbeitgeber zuliebe, behüte! Ein 
gut Teil Neid und Mißgunft fpricht auch mit: Keinen fremden Gaul an dieje 
gute Krippe heranzulafien. 

Ich ſprach ihnen einmal über die große gute Bewegung der iozialen Reform: 
Des inneren Verhältniffes vom Arbeiter zur Arbeit. Volkstümlich gejagt: Daß 
man jeine Arbeit nicht jeelenlos, mechanijch verrichte und — da zumal der 
Deutiche fein Herz bei allem Tun und Laſſen nicht auszuihalten vermöge — 
fhließlich bitter, gehäflig fih zum gleihmäßigen Tagewerk ftelle. — Da ladıten 
fie gerade hinaus: Was denn ſchon Knackſchlagen und Bofjieren, Löcherbohren 


— 277 — 


- und Sprengen mit dem Herzen zu tun habe. Sie iehen, daß fie ihr Quantum 
täglich Hinter fich brächten und damit bafta. Wären fie den Sram los und ihres 
guten Lohnes dafür ficher, dann um fo lieber. Ya die Hausarbeit: das Feld 
bejtellen, jäten, ofulieren — das wäre eher was. 

Wenn ich dann jo einen alten Boifierer mit Sorgfalt und Bedachtſamkeit 
feinen unförmigen Steinbroden ohne Maß und Winkel jo haargenau in 90° 
behauen und glätten ſah — mußte ich Beſcheid: Sein Herz führte eben doch 
die Hand, daß e3 recht gut geriet und im Lande hieß: Die Ker Steinwerfe liefern 
do ein gutes Material. Wollte ich ihm das auf den Kopf zufagen, er gäbe 
mir eine ganz andere, ſpöttiſche Erklärung: Das iS bloß wegen der Abnahme: 
en SS mir der Bruchmeefter ala Klaſſe I rerweigert — wer i8 der Dumme? 

ur ide. 

Der Bruchherr, dem ich dies erzählte, meinte lächelnd: Und grade diejer 
Boifierer ift neulich zu mir gefommen: Herr jehn Se mal gelegentlich beim 
Erdmann nad. Das geht amwer nid. Der liefert nur noch Gadechorie IIIb, 
weil daß er mit feinem Kwandum off Aggord jchneller fertch wärd, wenn er 
bloß drieber bin arbeet? Auf jaubere Arbeet (und gleihmäßigen Verdienft!) 
miß' mer halten. 


Im erſten Jahre hatten ſie's in ihren Reden und Kneipenrunden noch viel 
mit dem „Brohledahreahd“. Jetzt kommen fie damit nur heraus, wenn der 
Herr die neue unglaubliche Lohnerhöhung nicht gleich bewilligen mag. Aber 
im Grunde meinen fie etwas ganz anderes damit. Bürgerlich find fie jamt und 
ſonders im tiefften Herzen gejinnt: Stapitalproleten, wie ein witziger Kopf 
meinte. Den politiihen Beigejhmad hat das Schredenswort längit verloren: 
Nur wirtichaftlihe Erwägungen bejtimmen jeinen Mafjendrud-Wert. 

Dies langſame Eichmaujern und Aufmwärtsffimmen kann man auch an 
diejen dörflihen Anduftriearbeitern (mit dem feinjten Bauerninftintt) beobachten: 
Ihre Stuben weiſen hier und da ſchon Bilder und Feine Kunftgegenftände auf; 
billiges Zeug, aber mit Liebe gehütet und mit Stolz gezeigt. Längſt find fie 
des politiichen Heßtons in ihren Blättern fatt. Der geſunde Sinn ipürt zu 
deutlich das Negative diejer Methode heraus, deren Geldfoften im umgefehrten 
Verhältnis zu ihrem pofitiven Ergebnis ftehen. Längſt ift es feine Seltenheit 
mehr, daß Heinbürgerliche Zeitungen — recht heimlich oder von der Frau recht 
offenfichtlich gebalten — die Ujepeter-Blätter mit ihrem Wüten gegen Nichts und 
Niemand verdrängt haben. Die Frau und Tochter jprechen da ein Machtwort 
mit: Sie vollen bürgerliche Romane Iejen, wo es recht grafenmäßig und reich, 
recht janft und Iiebevoll hergeht. Und zwei Blätter hält der Alte nit. Da 
weiß er jein Geld doch beifer anzuwenden. Spekulieren möcht" er ſchon gern 
auf Börjenpapiere — aber da muß er fich bei den Bürgerlichen Rat holen. 
Und das geht doch nicht. Und fich jelber ſolche Kenntniffe anzueignen — wer 
gebt einem da zur Hand? ' 

Ind 30 dämmert es diejen hellhörigen und im Grunde nachdenklichen Ar- 
beitern (Sachſen mag freilich in der geiftigen Qualität eine bevorzugte Stellung 
einnehmen), daß der Aufitieg zum Bürgertum doch eine Menge von Kenntniſſen 
und wiſſenſchaftlichen Einbliden in die materiellen und geiftigen Zuſammen— 
hänge einer großen Menſchengemeinſchaft vorausfege, zu denen Jahre 
gehören — und Menichen, die doch eben anders gewertet werden müfjen al& 
der einfache Arbeiter. Und ihnen noch unbewußt glimmt die Sehnjucht, auf der 


— 278 — 


jozialen Stufenleiter frei und zumeift aus eigener Kraft emporzuflettern und = 
auch den anderen ihr Recht werden zu lafjen, da auch für fie noh Raum und 
Erwerb vorhanden ijt. 

Noch find wir nicht ſoweit. Noch herricht der geiftige und materielle Zwang. 
Aber diefe deutjchen Arbeiter drängen und ftoßen fih in eine Zukunft hinein, 
in der fie ald bewußt dienendes Glied des Ganzen gut mitzuwirken haben. 


Die erfte amerikanifhe Kolonie in Afrika. 
Bon Prof. Dr. R. Hennig, Düffeldorf. 


Afrika wies bis jegt auf feiner riefigen Landjlähe nur noch zwei unab- 
hängig gebliebene Staaten auf, Pie Negerrepublit Liberia an der Küſte 
des Golf don Guinea und Abejjinien. Während der ganze Reſt des 
ſchwarzen Erdteils als Kolonialland zwiſchen den europätjchen Nationen auf- 
geteilt ift, haben jene beiden Länder jid) bis vor furzem eine politijche Unab— 
bängigfeit gewahrt. Von einer wirtjchaftlihen Unabhängigkeit fonnte freilich 
jeit geraumer Zeit miht mehr die Rede fein. Liberia, das ſich feit feiner 
Gründung des bejonderen Schutzes und Intereſſe der Vereinigten Staaten er- 
freute, daS jogar feine Hauptitadt Monrovia zu Ehren feines politijchen Vaters, 
des Präfidenten Monroe, benannt hat, ſchwamm von jeher jtarf im amerifanijchen 
Fahrwaſſer und hatte es wohl auch diefem Umſtand allein zu danken, daß es 
von dem gejogneten Appetit der europätichen Kolonialveiche al3 einziger weit 
afrikaniſcher Biſſen verjchont geblieben iſt. Abeſſinien dagegen, deſſen Bevölke— 
rung ſtets ſehr kriegeriſch war und das, als ausgeſprochenes Hochgebirgsland, 
ohnehin nicht leicht für fremde Eroberer zugänglich iſt, dankte ſeine politiſche 
Selbſtändigkeit der eignen Kraft, denn die eroberungsgierigen Italiener wurden 
am 1. März 1896 bei Adua derart gründlich aufs Haupt geſchlagen, daß ihnen 
das Wiederkommen verging. Die wirtſchaftliche Durchdringung des Landes 
iſt freilich von Engländern und Franzoſen ſeit langem ſo gründlich betrieben 
worden, daß von einer Selbſtändigkeit nur bedingt noch die Rede ſein kann, 
zumal da nach des kvaftvollen Menelik geiſtigem Verfall und baldigem Tod 
die Widerſtandskraft gegen die europäiihe Umflammerung in der Hauptſache 
gebrochen war, jo daß das Land wohl längjt von einem der Nachbarn annektiert 
worden wäre, wenn nicht die Eiferfucht der europäiſchen Anwärter ihm ebenfo, 
wie dem ajtatiichen Afghaniſtan, eine gewiſſe Unabhängigkeit ficherte. 

Für uns Deutiche hatten die beiden Länder, jolange wir Weltpolitif treiben 
fonnten, nicht biel zu bedeuten. In Ubejjinien wurden jeit 1906 
gewiffe Anjäge gemacht, die in der befannten Geſandtſchaft Dr. Roſens 
zu Menelit ihren Höhepunft erreichten. Wichtiger noch wurde ung Liberia, 
wenn auch nur aus ganz bejtimmten verfehrspolitiichen Gründen. Als es jich 
nämlich darum handelte, für unſer fiidatlantifches deutjches Kabel, das in 
unfre weitafrifaniihen Bejigungen und nach Brajilien verlaufen follte, eine 
politiide und militärische unverdächtige Zwiſchenſtation in den zumeiſt nad) 
Weiten voripringenden Küftengebieten Afritas zu finden, bot ſich uns Liberia 
als einziger zuverläffiger Punkt dar. In der Tat ift denn aud 1910 das 
genannte deutiche Kabel bei Monrovia gelander worden. Die dortige deutiche 
Zelegraphenitation ftellte gleichzeitig für die Republik Liberia jelbjt den überhaupt 
eriten Anſchluß an das große Welttelegraphenneg dar. Später haben dann 


— 279 — 


noch mehrere europätjche Gejellichaften zu ähnlichen Zwecken Funkſtationen bei 
Monrovia errichtet, darunter auch die deutiche Telefunken⸗Geſellſchaft. Dieier 
deutiche Funkturm in Liberia erlangte zeitweife in der erjten Kriegszeit Be- 
deutung, denn er gab die von der ſpaniſchen Station in Teneriffa verbreiteten 
deutihfreundlihen Meldungen weiter und gejtattete dadurch den nach der Zer- 
fchneidung der deutjchen Seekabel und der Zerjtörung des Funkturms Kamina 
(Togo), am 27. Auguſt 1914, von der Heimat zeitweije völlig abgejchnittenen 
deutichen Kolonien eine Information über die Kriegsvorgänge in der Heimat. 
England, dem dies unwilllommen war, verlangte daraufhin am 1. September 
1914 von der liberianifchen Regierung die Sperrung der deutſchen Funkſtation, 
erhielt aber daraufhin die bemerkenswert ſelbſtbewußte Antwort, Liberia iei 
ein neutraler und ſelbſtändiger Staat, und es werde daher, wenn es ge- 
zwungen würde, die deutſche Station zu ſchließen, auch den Entente-Funf- 
türmen auf feinem Gebiet die Weiterarbeit unterjagen, um die Neutralität 
nicht zu verlegen. Es gelang der engliſchen Bohrarbeit ſchließlich dennoch, 
durch Mittel, die in der Deffentlichfeit nicht bekannt geworden jind, die Ein- 
Ttellung des Funfdienftes jeitens des deutihen Turmes in Monrovia zu er- 
zwingen; doch wurde die deutiche Sache hierdurch nicht allzufehr geſchädigt, da 
inzwifchen der direfte Funkdienſt von Nauen nad) den deutichen Kolonien wejent- 
lich verbefjert worden war. Um jede Möglichkeit einer Verbreitung von Nach— 
rihten, die von England nicht gejtattet ivar, zu verhindern, durch— 
ſchnitten die Engländer ſchließlich gar noch das deutiche Seekabel von 
Monrovia, obwohl diejes mit Deutichland jchon jeit Kriegsausbruch feine Ver— 
bindung mehr hatte. Der einzige, der durch diefe finnlofe Zerſtörungswut 
geihädigt wurde, war das neutrale Liberia — aber was machte dad dem Eng» 
länder aus? 

Liberia jollte jchließlich mit aller Gewalt gezwungen werden, dem Entente- 
Bund zur Niederringung Deutjchlands ebenfalld beizutreten. Lange jträubte 
es ſich; aber 1917, als fein Vormund Amerika ebenfalls in den Krieg eintrat 
(6. April), um die Befiegung der Entente zu verhindern, mußte e3 ſich fügen, 
brah am 23. Mai die Ddiplomatijhen Beziehungen zu Deutichland ab 
und erflärte am 4. Auguft gezwungenermaßen Deutihlaıw auch den Krieg. 
Dieje Sachlage machten jich die Vereinigten Staaten jchon Fräftig zu nuge, in» 
dem fie 3. B. eine amerikaniſche Dampferlinie Neuyork-Monrovia ins Leben 
riefen und jich auch jonjt mach Möglichkeit an die Stelle der hinausgedrängten 
Deutſchen jegten, deren Kaufleute aus Liberia vertrieben und gefangen nad) 
Frankreich gebracht wurden. Die Negerrepublif war außerordentlich jtarf auf die 
deutfchen Kaufleute angemwiejen geivefen, die ihr allein fait % ihres Gejamt- 
etat3 einbrachten, nämlich nahezu 2 Mil. M. an Ein- und Ausfuhrzöllen. 
Die Austreibung des deutichen Elements hatte daher auf die Finanzen Liberias, 
deffen Einnahmen ſchon 1916 auf fait % des Betrages von 1913 gejunfen 
waren, eine verhängnisvolle Wirkung. Die Schuldentilgung der Republik wurde 
ſchon 1916 eingejtellt, und nach dem Kriege konnte Liberia auch jeine Zinſen 
nicht mehr bezahlen, die vornehmlich den Amerifanern zuflofien. 

In diejer heiflen Lage des Landes reijte der Präfident Sing von Liberia 
im März 1921 nad Wafbington, um ein amerifaniihes Darlehen von 5 Mill. 
Dollar zu erbitten. In Wafhington, wo man, wie in England, glei immer 
gern mit der Moral bei der Hund it, wo ein politiſch vorteilhaftes Geſchäft 
in Ausſicht ſteht, erklärte es Präſident Harding im Auguſt „für unmöglich, 
ſich der moraliſchen Verpflichtung zu entziehen, Liberia zu vetten“. Am 28. Of- 


— 20 — 


tober wurde der Anleihevertrag unterzeichnet, und ein amerifanijches Kriegs 
ſchiff brachte dann den Präfidenten Sing in feine Heimat zurüd. 

Der Anleihevertrag hat, wenn auch in verjchleierter Form, der Selb- 
ftändigkeit Liberias ein Ende und das Land zur amerikaniſchen Kolonie ge- 
madt. Die Verwaltung aller Staatseinfünfte der Republik jteht fünftig einer 
amerikaniſchen Kontrolltommijfion zu. Die Verivaltung der Zölle, des Innern, 
der öffentlichen Arbeiten, des Sanitätäiwejens wid Amerikanern übertragen, 
Zandwirtichaft, Wege- und Hafenbau werden amerilanijhen technijhen Beratern 
anvertraut, auch die Wehrmacht erhält mehrere amerikanische Offiziere. Mit 
anderen Worten: Liberia wird fortan von Neuyork aus regiert werden und 
de facto nichts anderes jein als eine amerikaniſche Kolonie in Afrifa, wenn 
auch de jure diefe Bezeichnung vermieden wird, da ed einem Staat, der einſt die 
Monroe-Doktrin erklärt hat umd fie noch heut als politiſches Ariom hochhält, 
immerhin nicht ganz angenehm fein muß, wenn er, der anderen das Kolonifieren 
in Amerifa verwehren will, jelber in fremden Erdteilen Stolonien friſch 
erwirbt. 

Immerhin, eine amerikaniſche Kolonie in Afrifa braucht und Deutſchen 
keineswegs umwillfommen zu fein. Engländer umd Fvanzoſen, die, als un— 
mittelbare Nachbarn von Liberia, ſchon längjt Appetit auf diejen legten un« 
verihludten Biſſen in Weſtafrika verjpürten, find jedenfalls viel unangenehmer 
bon diejem neuften "Schritt des vereinsitaatlichen Imperialismus berührt, als 
wir es zu fein brauchen. Sehr bezeichnenderweije brachte die franzöfifche 
„Depeche Eoloniale” am 13. März d. J. einen ziemlich entrüfteten und ſtark 
derärgerten Artikel, in dem gefragt wurde, ob „die amerikanische Gefahr in 
Afrika noch beſchworen wenden“ könne und in dem höhniſch feitgeftellt wurde, 
die Vereinigten Staaten hätten bislang nur die Fähigkeit bewiejen, „Indianer 
auszurotten und Neger zu lynchen“, jo daß wahrſcheinlich in der amerikaniſchen 
Kolonie in Afrika bald „der legte Liberianer dem legten Mohikaner die Hand 
im befjeren Senjeitö reichen werde”. — Man fieht, e& find nicht nur die 
Deutſchen, denen der Vorwurf der Unfähigkeit zu folonifieren von einem Volke 
gemacht wird, das gegenwärtig die eigne hohe Fähigfeit als SKolonifator da- 
durch erweiſt, daß es feine ſchwarzen Landsleute am Rhein für die Heran- 
züchtung einer neuen Mulattenrafje jorgen läßt! 

Für uns Deutſche ift, wie gejagt, die Feitfegung der Ameriluner in Liberia 
nicht ımerfreulih. Solange wir eigne Solonien noch nicht wieder bejiten 
fönnen, werden uns ameritunifche Kolonien weſentlich willkommener als 
britijche oder franzöfiiche fein müfjen. In einem amerikaniſchen Liberia wird 
der erneuten Betätigung des deutſchen Kaufmanns fjchwerlid ein größeres 
Hindernis in den Weg gelegt werden, und jollte es einmal wieder dazu kommen, 
dag mir eine deutſche Seefabeljtation oder einen deutiden Funkturm am 
Golf von Guinea benötigen, fo werden in einem amerifanifchen Monrovia 
unſre Intereſſen weſentlich befjer gewahrt jein, als es in ‘der alten Neger- 
republik Liberia möglih war Denn das eine jteht in jedem Falle fejt: gegen 
eine amerikaniſche Kolonie Liberia wird fein Brite und fein Franzoſe une 
geitraft eine jo hochiahrende Sprache führen dürfen, wie man es fi 1914 
gegen die unabhängige Republik herausnehmen durfte. Darum alſo haben 
wir ganz gewiß feine Veranlaffung, uns jest für eine „umgefehrte Monroe» 
Doltrin” für die Alte Welt zu erwärmen, wie fie die Franzofen am liebiten 
proflamtiert jähen, denn Deutſchlands übeljte Neidhammel auf folonialem Ge— 
biet wohnen nicht in Amerika, jondern in Europa! 


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H. Onden und UA. von Wrochem 
über die Ziele der franzöfifhen Nheinpolitik. 


Bejprohen von Dr. 9. Forft. 


Daß Frankreich fi) den Befit des Rheinlandes auch über die im Friedens: 
vertrage gejegte Frijt von 15 Jahren hinaus jihern möchte, tjt ſchon von vielen 
erfunnt und ausgejprochen worden. Dagegen war man bisher weniger im 
Klaren über die weitergehenden Abſichten, welche die franzöfiihe Politik mit 
ihrem Streben nad) der Aheingrenze verfolgt. Dieje Frage wird jcharf beleuchtet 
in zwei neuerdings veröffentlichten Schriften: 


„Die hiſtoriſche Aheinpolitit der Franzoſen“ von Hermann Onden (Verlag 
F. A. Perthes, Stuttgart-Öotha 1922) und: 


„Die Kolonifation der Rheinlande durch Frankreich“ von A. von Wrochem 
(Verlag H. R. Engelmann, Berlin 1922). 


Onden jehildert in großen Zügen, wie der Miniſter Mazarin durch den 
Srieden von 1648 die bis dahin öſterreichiſche Landgrafichaft Elſaß für Frank— 
reich erwarb und von dort aus zunächſt eine friedliche Durchdringung des Rhein— 
landes mit Erfolg verjudhte; wie dann Ludwig XIV. den Weg brutaler Gewalt 
einjchlug, bis ihm England entgegentrat; wie noch der Revolution von 1789 die 
junge franzöfiiche Republik die Traditionen Ludwigs XIV. aufnahm und das 
ganze linke Rheinufer ihren Etaate einverleibte; wie Kaijer Napoleon I. auch 
auf das rechte Rheinufer hinübergriff und zugleich die Einheit des Deutichen 
Reiches völlig zerftörte. Im Anſchluß daran weiſt Oncken nad, daß die heutige 
franzöfifche Regierung die gleichen Ziele verfolgt, insbejondere jeitdem fie von 
Poincare geleitet wird, und daß Frankreich offen nach wirtihaftlicher Hegemonie 
zunächſt über Deutſchland, dann aber über ganz Mitteleuropa jtrebt. Auf 
engliſche Hilfe gegen diejes Streben dürfen wir zur Zeit nicht rechnen; das 
Schwerſte fteht uns noch bevor. Wir müffen nüchtern die Wahrjcheintichkeit 
im Auge behalten, daß im Falle einer günftigen Weltfonjunftur der Franzofe 
ohne Bejinnen die Politit der Reunionen oder gar der napoleonijchen Gewalt— 
mittel erneuern wird. Unjere Aufgabe dagegen iſt e8, die Fahne des Rechtes 
gegen die Gewalt ungebrochen hoch zu halten, einen neuen Etaat auf der Eelbit- 
beſtimmung einer freien Nation aufzubauen, alle inneren Gegenjäße hinter eine 
nationale Solidarität in den Lebensfragen zurüdzuftellen, und die Kräfte der 
jittliden Erneuerung zu pflegen, durch die ein Volk auch im Unglüd unüber- 
windlih wird. An der Einheit und Freiheit der deutichen Nation wird die 
hiſtoriſche ARheinpolitif der Franzofen zugrunde geben. 


Bon einer anderen Seite greift Wrochem das Problem an. Er zeigt 
zunächft, daß der Staatsgedanke in Frankreich viel ftärker ift und das ganze 
Denken und Fühlen des Einzelnen mehr beberricht als ın Deutjchland. Der 
Vorteil des Staates ift im legten Grunde für jeden Franzoſen beſtimmend, 
während der Deutjche umgekehrt das Intereſſe feiner Gruppe über dasjenige 
der Gejamtheit jtellt. Aus diefer Dentungsart folgt, daß Franfreid in feiner 
auswärtigen Politit nad) den Grundjägen handelt, die Macchiavelli für jeinen 
Fürſten aufgeftellt hat. Alle Verträge werden nur injoweit eingehalten, al3 
es zum Vorteil Frankreichs dienlich if. Darum ift es ganz vergebens, weni 
die Deutichen gegen frangöfiiche Uebergriffe proteftieren und durch Berufung 


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auf die Verträge ihr Recht beweiſen wollen. Frankreich wird ſich dadurch 
niemals überzeugen laſſen. Als Ziele der franzöjifchen Politif find zu er- 
fennen: Bildung eines gejchlofjenen Frankreich) mit Nheingrenze, Bildung 
eines Vorglacis aus Pufferftaaten, Beherrſchung Europas in der Weile, daß 
Böhmen, Polen und alle an der Donau liegenden Länder unter Frankreichs 
Einfluß ftehen. Auch in wirtſchaftlicher Beziehung ſoll Frankreich als ges 
ſchloſſener Staat das ganze Mitteleuropa beherrigden. Da nun mit diejen 
Bielen das Beftehen eines einigen Deutſchland nicht verträglih ift, muß das 
Deutſche Reich zertrümmert werden. Eingehend jchildert Wrochem dann, wie 
Frankreich das bejegte Rheinland, vor allem das Saargebiet, von Deutſchland 
- zu trennen und ſowohl wirtſchaftlich wie geiftig an Frankreich zu binden jucht, 
um dadurch die völlige Einverleibung vorzubereiten. In einem Schlußfapitel 
weiſt er der Jugend die Aufgabe zu, diejes Beſtreben Frankreichs zu be- 
fämpfen, den Zuſammenhang mit Deutihland zu erhalten und den gegen- 
jeitigen Haß der beiden Völker zu überwinden, fo daß die Franzoſen ſchließlich 
der geiftigen Führung Deutſchlands folgen müßten. Onden und Wrochem 
ftimmen aljo darin überein, daß Frankreich das ganze linke Rheinufer ſich 
einverleiben, das rechtsrheinifche Deutihland in dauernder Abhängigkeit halten 
und deswegen die Reichseinheit zerſtören will, daß Deutjchland ſich dagegen 
nur mit geiftigen Waffen wehren fann, weil ihm die militärifhen Kampf- 
mittel genommen find. Die geijtige Abwehr fol nad Wrochems Anficht haupt- 
jählich von der Jugend geleiftet werden, und Wrochem gibt dafür eingehende 
Anweiſungen. Es fragt fi) nur, ob zur Löfung diefer Aufgabe nicht ein großes 
Maß von Erfahrung nötig ift, welche die Jugend gewöhnlid nicht bejitt, 
fondern erjt erwerben muß. Noch ſchwerer lösbar erſcheint für die jegige 
Generation, die doch am ſchwerſten unter der Fremdherrichaft leidet, die zweite 
von Wrochem gejtellte Aufgabe, nämlich die Ueberwindung des gegenfeitigen 
Haſſes. Wrochem hofft, daß Deutſchland und Frantreih in künftigen Zeiten 
zufammengehen fönnten, unter geijtiger Führung Deutſchlands. Dieſe 
Hoffnung aber würde fih nur verwirklichen lafjen, wenn beide Völfer einen 
gemeinfamen Herrſcher Hätten, wie eg Karl der Große war, oder wenn Frankreich 
fo geſchwächt wäre, daß es freiwillig feine Ziefe aufgeben und und auf. die 
Rheingrenze verzichten müßte. Allerdings ſucht Wrochem zu beweifen, daß 
Frankreich ſchon jetzt nicht mehr die Kraft befite, feine Ziele zu erreichen. Aber 
bis eine ſolche Ertenntnis fich bei den Franzofen durchiegt, müffen noch Gene- 
rationen vergehen. Nur wenn der von Wrochem (S. 37) angedeutete Fall ein— 
träte, daß Franfreich der deutjchen Hilfe gegen feine farbigen Untertanen be- 
dürfte, wäre eine friedliche Einigung denkbar. Selbſt dann aber wird Franfreid) 
ſchwerlich auf die führende Stellung verzichten, weder auf dem politischen noch 
auf dem fulturellen Gebiet. Denn, wie Wrochem jelbit darlegt (S. 45), fühlt 
Frankreich fich berufen, das Erbe der lateiniſchen Kultur zu verwalten und 
zu berbreiten. Dadurch jteht e8 zur Zeit noch an der Spitze der romaniſchen 
Nationen und wird diefe Etellung niemals zugunsten der Deutſchen aufgeben. 
Uns Deutſchen bleibt aljo unter den jegigen Berhältnifien, folange der Frieden 
vertrag bon den gegen uns verbündeten Mächten aufrecht erhalten wird, nur 
die Aufgabe, unjeren fulturellen Zujammenhang mit den unter fremder Herr— 
ihaft ſtehenden Volksgenoſſen mit allen erlaubten Mitteln zu pflegen und bei 
jeder Gelegenheit auf das Recht binzumeiien, welches unjere Gegner den Polen, 
Tſchechen, Serben und anderen Völkern zuerkannt haben. Wenn unfere Protefte 
auch auf die Franzofen feinen Eindrud machen, jo werden fie doch bet den- 


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jenigen Völkern wirken, die fein deutiches Land anneftiert haben, und werden 
ſchließlich die öffentlihe Meinung zu unferen Gunſten jtimmen. Auf dieje 
Möglichkeit weiſt Wrochem jelbjt hin (S. 101). Wir müfjen in diejer Be— 
ziehung von den Völkern lernen, die unter langer Fremdherrichaft ihr Volkstum 
bewahrt und fchließlich ihre Freiheit wieder errungen haben, wie riechen, 
Serben, Bulgaren, Polen. Gerade das Beijpiel Polens kann uns ein Troit 
fein. Deutſchland ift jegt in der Lage, in der ſich Polen zur Zeit jeiner erjten 
Zeilung im Jahre 1772 befand, und die Gefahr weiterer Teilungen iſt eben- 
falls vorhanden. Aber eben durch die Teilungen und die Fremdherrigaft ift 
das polniſche Nationalgefühl erjtarkt; zugleich gerieten alle Sünden des früheren 
Staates in Vergefjenheit, und die Polen gewannen eine Sympathie in der 
öffentlihen Meinung, die fie früher nicht bejeffen hatten. Die Folge davon 
ift die jegige Wiederheritellung ihres Reiches. So dürfen wir Deutichen hoffen, 
daß unfere gegenwärtige Unterdrüdung heilſame Folgen für unjere Nach— 
tommen haben und eine Auferftehung des Reiches bewirken mwerde.*) 


Weltfipiegel. 
14. Juli 19. 


Zwei Alte der „proben Welttragödie find ſchon geipielt worden, erflärte 
vor einiger Zeit Mr. Bujh, der Präfident der Newyorker Handels— 
fammer. Im erjten Alte war die Bühne ein Schlachtfeld, im zweiten 
fprachen die Bolitifer und jegt gerade fpielt man den dritten At. Er ſetzte 
hoffnungsvoll mit der gefunden Darlegung der Wirtfchaftler und Finanz- 
leute in Paris ein, aber dann griffen die Politiker mit vauher Hand in 
diefes Spiel und zerjtörten alle Ausficht auf ſchnelle Löfung. Der Höhe- 
punft der Tragödie, der vierte Aft, hat Er düftern Schatten voraus⸗ 
geworfen. Der deutjche Außenminifter, Dr. Rathenau, wurde er- 
mordet. Der Boden, auf dem Nihilismus und Anarchie emporwuchern 
fönnen, war durch die zwei letzten Akte fchredlich vorbereitet. Das deutiche 
Bolt neigt dazu, fein Dafein in Ruhe und ohne Aufregungen zu verbringen 
und wäre vielleicht fogar dazu gekommen, die — Verhältniſſe als 
rechtmäßig und dauernd anzuerkennen, wenn die Alliierten eine vernünftige 
Politik verfolgt hätten. Dazu hätte aber gehört, daß man dem Spruch der 
Bankiers gefolgt wäre und nicht die Möglichkeiten außer Acht gelaffen hätte, 
die allein dazu angetan waren, den Fanatismus, der auf dem Boden des 
Verjailler Bertrages hervorwachſen mußte, zu unterdrüden. Eine große 
Schuld trifft daher die franzöfiiche Regierung, die es. unmöglich gemacht 
bat, daß die Verhandlungen der Finanzleute in Paris zu einem vettenden 
Ergebnis gekommen find. Vielleicht ift Durch diefe Verzögerung der Mord 
allein möglich geworden. 

Inzwiſchen haben jich die Wirkungen gezeigt, die durch die Ergebnis— 
lofigfeit der internationalen Anleiheverhandlungen für Deutfchland einge: 
treten find. Die ui Regierung hätte jetzt jelbjt nach dem Moratoriunt 
der Repavationstommiffion für das Jahr 1922 nad) dem jegigen Stande 
der Mark das Dreifache an Papiermart aufzubringen, al3 nad) den fchon 


*) Bei Wrochem ift auf &. 35 ftatt „Rheingau“ „Rheinheffen“ zu leſen. 


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von aller Welt als unmöglich erkannten Bedingungen des Londoner Ulti- 
matums. Statt 28 Paptermilliarden wären 80 erforderlih, um Die 
Zahlungen zu leiften. Daher jah fich die deutfche Regierung gezwungen, 
um ein neues Moratorium einzufonmen, das Deutjchland für die 
nächſten zwei Jahre von ſämtlichen Barleiftungen befreien ſollte. Darüber 
ift nun in den verfchiedenen Ländern ein Be: Kampf entbrannt. Man 
will vor allen Dingen in Frankreich dieje ———— wieder benutzen, 
um politiſche Machtmittel gegen Deutſchland in die Hand zu bekommen, 
die Finanzkontrolle zu verſchärfen und ſogar durch die Aufnahme von 
Aktien deutjcher Unternehmungen einen Einfluß auf die deutiche Induſtrie 
zu gewinnen. 

In England fieht man die Sache bedeutend ruhiger an; man würde 
von dort aus fogar darauf eingehen, daf die jegt fällige Rate von 33 Mil- 
lionen in den Kaſſen der Reichsbank verbleibt. Es muß jedoch feitgeftellt 
werden, daß der engliihe Standpuntt auf den erjten Blid zwar äußerſt 
günftig erfcheint, daß aber dort das Beftreben nach einer endgültigen Rege- 
lung der Repavationsfvage immer nur ganz vorübergehend und ohne ge— 
nügende Sachlichkeit auftaucht. England nimmt in diefer Frage eine ähn- 
lihe Stellung ein wie Amerifa, das ebenfalls von feinen Freunden und 
Schuldnern verlangt, erjt ihre eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu 
bringen, ehe man an eine weitgehende Regelung der ganzen Finanzichivierig- 
feiten gehen dann. In Frankreich erkennt man in diejfer Hinficht beſſer 
den Kern des Problems, wenn natürlich auch die Tendenz der fvanzöfiihen 
Politit bei allen diefen Fragen Hauptjächlich gegen Deutſchland gerichtet 
bleibt. Frankreich wünſcht die Regelung der Reparationsangelegenheit 
mit der Frage der interalliierten Schuld zu verbinden. Im 
Grunde genommen gehören diefe beiden Dinge nicht zufammen. Sie find 
im Prinzip verſchieden. Deutichland ift nicht dafür verantwortlich, was 
Frankreich während des Krieges ausgegeben hat. Die Reparationsforde- 
rungen der Entente follen nad) ihren eigenen Worten nurzurWieder- 
berjtellung des angerichteten Schadens dienen. Wenn Frankreich alfo 
550 Millionen Pfund von England, 572 Millionen Pfund von Amerita, 
alfo zuſammen 1122 Millionen Pfund geborgt hat, jo hat es diejes Geld 
während des Krieges für feine Rüjtungen verwandt, hat aljo fein Recht, fich 
jest darüber zu beklagen, daß diefe er annähernd ebenjo groß tft, 
wie die fapitalifierte deutiche Reparationzihuld. In ——— wird ſich 
jedoch ein Ausgleich der Forderungen der verſchiedenen Mächte nicht ver- 
meiden laffen. Amerika al3 Hauptgläubiger, das ſelbſt den Engländern 
beinahe 1 Milliarde Pfund — hat, will aber den Anfang zu einer 
ſolchen Regelung, nicht machen. England mit ſeinen Schulden von 
1 Milliarde und ſeinem Guthaben von 1703 Millionen Pfund Sterling 
ſteht zwiſchen den Mächten und wird nun von Frankreich am meiſten 
gedrängt, e Initiative zu ergreifen. Wir laufen’ jedenfalls, follte eine 

egelung der interalliierten Schulden nicht in naher Zukunft eintreten, 
ftet3 die Gefahr, als Hauptfhuldner aller Mächte am ftärkiten zur 
Bezahlung herangezogen zu werden und, da wir durch unfere Zahlungs- 
unfähigfeit die Forderungen nicht erfüllen können, dem Zerſtörungswillen 
Frankreichs zum Opfer zu fallen. 

In den legten BVeröffentlichungen der franzöſiſchen halbamtlichen 
Preffe findet man ftet3 die Erklärung, daß Frankreich nicht imftande fein 


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werde, feine Zinjen an England und Amerida zu zahlen. Dabei ftellt der 
„Temps“ den Sat auf, daß die Prinzipien des Rechts nicyt verfchieden 
jein dürften, je nachdem Frankreich als Schuldner oder Gläubiger in Be- 
tracht komme. Uns müber hat nfveich jedenfalls noch weit weniger 
Nüdjicht gezeigt, als England und Amerika — gegen Frankreich geübt 
haben. Denn man hat noch niemals der finnzöftichen Regierung zugemutet, 
Beweiſe für ihre Zahlungsunfähigfeit zu bringen oder gar fi) durch eine 
Kontrolle der franzöſiſchen Finanzen davon zu überzeugen, ob ein großer 
Fehler für die fchlechte — vankreichs nicht in der Finanzver⸗ 
waltung der Regierung läge. Die Bantiers haben im dritten Akt die 
Schuld an der Iirtiehatttichen Unficherheit Europas klar auf Frankreichs 
Konto gejegt. Nun iſt es wiederum Frankreich, das für die neue Regelung 
der Reparationszahlungen den u lag geben muß. Der Vorhang über 
dem dritten Akt würde unter dem Aufatmen der ganzen Welt fallen, wenn 
die Politider die Konfequenzen aus dem Memorandum der Bantiers zögen 
und unter Einfluß Amerikas den allgemeinen Schuldenausgleich ver- 
fündeten, an dem Deutichland nicht nur durch ein Movatorium, fondern 
auch durd eine Revifion der ganzen Reparationsjumme beteiligt werden 
müßte. 

Die franzöfiihe Politik verfucht nun, nachdem die Verhältniffe klar 
gezeigt haben, daß man auf große Barzahlungen von Seiten Deutſchlands 
in den nächiten Jahren nicht vechnen kann, ſich auf andere Weiſe ſchadlos zu 
halten. In diefer Richtung liegt das Bejtreben der franzöfiichen Regierung, 
die Sahlieferungsperträge möglichſt ſchnell — zu machen 
und deutſche Arbeitskvaft und deutſches Material auch an anderen Gebieten 
Frankreichs zu Konjtruftionsarbeiten zu verwenden. Vorläufig 
tjt e8 aber höchſt bedauerlich, Se diefe Ideen in Frankreich nur propagiert 
werden fünnen unter dem Gejichtspunkte der Verjktlavungsidee. 
Man macht dem Persien Publikum bar, daß ſchon in alten Zeiten die 
bejtegten Völker in den Ländern der Sieger zu Fronarbeiten herangezogen 
worden jeien. Solange jolche Gedanken die Grundlage der deutſch-franzoͤſi⸗ 
Be Zufammena